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Zu kurz gekommen – Teil 14


…But Alive – Nicht zynisch werden?! (1995)

-erschienen bei Weird System-

Wir haben uns entschieden / So wie die meisten / Fürs Rattenrennen / Und fürs Eigenheim leisten / Du blickst herab / Mit diesem Wissen was los ist...“ Liedermacher Niels Frevert sitzt 2008 im von Rotwein getränkten, überaus selbstreflexiven Kettcar-Song „Am Tisch“ in einer stylish-schicken Altbauwohnung und schaut zu seinem Freund Marcus Wiebusch hinüber, dem kauzig-arroganten grumpy old leftie, der seit jeher wohl alles immerzu besser wusste. Doch jener Wiebusch hadert Sekunden später selbst mit sich: „Ein Toast / Auf das Leben / Das Glück / Nur ich, ich komm‘ nicht mehr mit / Mit dem Leben / Dem Glück…“ Die Klarheit der Jugend, hinfortgerissen im Taumel der immergleichen Tagesroutinen. Nicht nur Niels, auch Marcus ist jetzt Teil jener Kraft, die stets Gutes will, aber oft gar nichts schafft: den Linksliberalen.

Dreizehn Jahre vor dem „Tisch“ sind die Fronten wesentlich klarer: „Die Feigheit hat einen Namen, linksliberal„, rotzt der Hamburger Wiebusch, damals vergleichsweise juvenile 26 Jahre jung, mit seiner ersten echten Band ..But Alive auf „Natalie“ vom zweiten Album „Nicht zynisch werden?!“ seine Wut in die Welt – und er hat in den Neunzigern eine Menge davon. Bereits beim Opener „Nennt es wie ihr wollt“ widmet sich der stets latent sprechsingende Frontmann dem Ausverkauf der eigenen (Punk-)Szene. Einem Ausverkauf, der eben im Alter – zumindest für die Glücklichen, die Sesshaften, die Spießigen – doch zum Eigenheim führt. Als Fundament dient ihm der wie aus einem Guss gespielte Mix aus melodischen Punk-Rock-Refrains und tempiwechselnden Metal-Attacken, der …But Alive während ihrer acht Bandjahre so unverkennbar machte.

Ähnlich wild fliegt „Aus und vorbei“ vorbei: Loriot-Zitat, Ska-Off-Beats, brutale Riffs und das nötige Pathos im Refrain – „Ein Hype, ein Star, ein Schuss – und dann C&A und Schluss“ – reichen Wiebusch für seine Abrechnung mit dem Generation X-Framing durch die Mehrheitsgesellschaft. Wie ein Chirurg zerlegt er den aufgedrückten Brand in der ersten Strophe: „Zuerst war alles nur ein Buch / Und jeder wusste, wer wir sind / Nur wir leider nicht…“ Das erwähnte „Buch“? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl „Generation X“ von Douglas Coupland, welches den sogenannten „Baby-Boomern“ zwar ein einprägsames Label aufdrückte, dafür jedoch recht wenig Lebenshinweise mit auf den Weg gab. Wiebusch steht damit im Geiste der Boxhamsters, die sich vier Jahre zuvor auf „Zu klein“ ebenfalls gegen die Ausweglosigkeit wehren: „Wir hatten nie ‚No Future‘ und glaubten an die Zeit...“

Überhaupt hadert der Kopf von …But Alive in jenen jungen Jahren – im Gegensatz zur späteren Weinprobe im gediegenen Eigenheim – weniger mit sich, sondern nimmt es mit der Szene, der Gesellschaft, mit alten Freunden wie neuen Feinden zeitgleich auf. Stets mit Schaum vorm Mund, und immer in der Überzeugung, zu wissen, was los ist. Auf dem 1993er Debüt „Für uns nicht“ schlägt er lyrisch noch ungestüm – und deutlich wilder – um sich. Der obligatorische Anti-Nazi-Song „Nur Idioten brauchen Führer“ sorgt im Kampf der Neunziger gegen die rechten Glatzen für Zusammenhalt bei bedrohten Konzerten, „Für immer 16“ interpretiert Peter Maffays „Ich möchte nie erwachsen sein“ und Alphavilles „Forever Young“ auf Punkig-Hanseatisch, in „Ohnmacht“ sprengt er 1991 als Terrorist Bayer und Hoechst in die Luft.

Schaut man sich heute, etwa drei Dekaden später, den Text von „Ohnmacht“ noch einmal genauer an, wandert man schnell in Gedanken über die Brücke ins Camp der Letzten Generation und fragt sich, warum die Generationskolleg*innen der „Generation X“ seinerzeit nicht mehr getan haben: „Oh, seht uns an, wir stehen vor den Trümmern dieser Zivilisation / Ein paar clevere Affen erfanden das Rad / Hier kommt die letzte Generation / Die noch ein bisschen menschenwürdig leben kann / Die Gräber stehen bereit„, und später: „Erzählt mir nichts von Recht und Ordnung / Wenn irgendeiner hier Amok läuft / Wenn morgen Regionen zu Wüsten werden und halb Indien ersäuft.“ Die Weitsicht, die Aktualität dieser Zeilen ist erstaunlich, sollte jedoch vor allem zu denken geben.

Andererseits sieht Wiebusch jedoch selbst die Machtlosigkeit solcher, stets vor allem von Parolen getriebener Musik und distanziert sich bereits zu …But Alive-Zeiten von jener naiv-zornigen Anfangsphase: „Ich habe Musik mit 16, 17, 18 tatsächlich als Waffe gesehen (…) Wenn ich singe: ‚Ohnmacht, ich spreng‘ euch alle weg!‘, dann ist das meine Meinung, und ich will, dass das alle anderen auch so sehen (…) Einen Song wie ‚Ohnmacht‘ wird es von mir nie wieder geben.“ Ebenso kontrovers dürfte Wiebusch rückblickend den Song „Ich möchte Ilona Christen die Brille von der Nase schlagen„, der 1997 zunächst auf der Split-7″ mit der kanadischen Hardcore-Band I Spy und später auf dem dritten Album „Bis jetzt ging alles gut…“ erschien, sehen, schließlich wird dort TV-Moderatorin Margarethe Schreinemakers in einer Textzeile als „Quotenhure“ bezeichnet. Das brachte der Band bereits damals – lange vor Internet-Shitstorms, #MeToo und Co. – den Vorwurf des Sexismus ein – die Kritik mag, Punkszene hin oder her – berechtigt gewesen sein, der Vorwurf könnte bei einem wie Wiebusch, der sich später bei jeder sich bietenden Gelegenheit für Homosexuelle, für Flüchtlinge oder Frauen- wie Tierrechte stark machte, jedoch falscher kaum sein.

Musikalisch jedoch überzeugen die 1991 gegründeten Hamburger von …But Alive von Anfang an und fanden schnell eine komplett eigene Szenennische zwischen Hafenstraße und Hamburger Schule. Hardcore Punk, Rap, Ska, Metal und Indie Rock …forming like Voltron. Hagen van de Viven zelebriert an der Leadgitarre, Marcus Wiebusch sorgt als Nachwuchs-James Hetfield an der zweiten Klampfe für eine Punk-untypische, mächtige Soundwand. Schlagzeuger Frank Tirado-Rosales (der Wiebusch später zu Kettcar folgen und selbigen bis 2010 treu bleiben wird) baut immer wieder Breaks und Grooves ein, die den biertrunkenen Kopf zwischen Headbangen, Nicken und Schütteln ganz wuschig werden lassen. Nur am Bass wechseln sich, ebenfalls verdammt Metallica-like, die Bandkollegen häufig ab. Es gibt und gab keine andere Punk-Rock-Band, die so klang wie …But Alive, und kein zweites deutschsprachiges Album fasst das Leben der Neunziger wohlmöglich so prägnant und nachhaltig in Worte wie „Nicht zynisch werden?!“ Steile Thesen? Genau. Aber, vor allem was letzteren Punkt betrifft, eine begründete, denn in den 15 Songs (zählt man den feinen Akustikgitarren-Hidden Track „Betroffen aufessen“ mit) kanalisiert Marcus Wiebusch seinen angestaunten Hunger, der Welt zu erzählen, was zur Hölle los ist, ohne ihr jedoch von oben herab zu predigen, was sie tun soll. Und: Er findet hier erstmals wirklich zu seinem noch später bei Kettcar so unnachahmlichen Stil aus Punchlines und Poesie, aus Parole und Meta-Ebene. In den Zwei-bis-drei-Minuten-Punk-Tiraden verdichtet er seine Gedanken so stark, dass ihm meist nur eine Zeile genügt, um eine ganze Generation – dieses Mal würdig – zu beschreiben.

Wer gebraucht wird, ist nicht frei / Wer braucht, wird niemals frei sein“ und „Ganz egal, welchen Weg wir wählen / Nur die Momente sind es, die zählen.“ Für die Außenwirkung mag da ein baumlanger angepisster Punk am Mikro stehen, im Herzen jedoch sitzt hier ein Rapper, so sehr und hervorragend wie etwa bei „Weißt nur was du nicht willst“ kluge Punchlines mit diversen Schichten und Ebenen mit den melodischen Leads und dicken Midtempo-Grooves harmonieren. Weitere Beispiele gefällig? „Und zwischen den Verträgen / Sucht jeder das Leben“ („Überall„) oder „Nichts ist brutaler als Moral / Die nur sich selbst genügt“ („Lasst es ihre Entscheidung sein„). Wiebusch verkopft hier (noch) nicht, textet nicht zur reinen Selbstgefälligkeit, sondern bleibt mit beiden Füßen auf der dreckigen Straße.

Für die Kleinkinder der Achtziger, die nur allzu gern und aus lauter Trägheit vom Gartenzaun aus die Welt verändern wollen, sind Bands wie …But Alive Mitte der Neunziger die Stimme der Vernunft und Menschlichkeit. Eine Stimme, der im AJZ alle folgen konnten, die den ganzen rechtskonservativen, heute verdammt AfD-nahen CDU-Dreck der Neunziger genauso ablehnten wie den dogmatischen DDR-Schwachsinn der KPD-Deppen und die abgrenzenden Political Correctness-Pamphlete der Autonomen. Denn „nichts ist schwarz-weiß“ und wenn du vergisst, wo du herkommst, wirst du dich selbst verlieren. Wiebusch wusste das und setzt seine Kraft auf die Liebe: „Es kommt nur auf dich und mich an / Und dann ist der Rest der Welt dran“ („1 + 1= 3„) und ganz besonders im wohl schönsten Refrain des Albums: „Mich interessiert nicht, was du weißt / Sondern nur, woran du glaubst / Mich interessiert nicht, was du hast / Sondern nur, was du brauchst“ („Keine Gegensätze„).

„Nicht zynisch werden?!“ mag zwar kein allumfassender Meilenstein sein, ist jedoch mit seiner Kompaktheit und dem zwischen den Rumpel-Rhythmen sorgsam versteckten Pop-Appeal eines der lyrisch größten deutschsprachigen Alben der Neunziger, stetig vibrierend zwischen dem naiven Hunger der Jugend und der wachsenden Selbsterkenntnis eines Dichters und Denkers. In jenen Zeiten profitieren neben …But Alive auch die Ska-Kollegen von Rantanplan und Slime für ihr Opus Magnum „Schweineherbst“ von Wiebuschs Einfluss.

Dennoch ist die Weiterentwicklung – oder besser: das Erwachsenwerden – freilich weder lyrisch noch musikalisch aufzuhalten. Bereits beim dritten, zwei Jahre darauf erscheinenden …But Alive-Album „Bis jetzt ging alles gut…“ schleichen sich Indie-Rock-Anleihen zwischen Wiebuschs immer kryptischere und verschnörkeltere Zeilen und bilden beim vierten und finalen 1999er Werk „Hallo Endophin“ bereits des Rudels Kern. Ein Jahrtausend endet, und mit ihm auch …But Alive und deren Traum vom Kampf für Punk-Rock-Ideale. Der Weg für Kettcar, der Weg in die Linksliberalität, die Altbauwohnung und ins vermeintliche Glück war frei. Dass Marcus Wiebusch für die Veröffentlichung des Kettcar-Debüts „Du und wieviel von deinen Freunden„, welches damals keinen Vertrieb fand, gemeinsam mit Kettcar-Bassist Reimer Bustorff und dem damaligen Tomte-Frontmann Thees Uhlmann mit Grand Hotel Van Cleef ein eigenes Label aus der Taufe hebt, das auch heute, dreißig Jahre später, noch bestens floriert? Ist eine andere Geschichte (die jedoch vor allem beweist, dass man den Punker im Herzen nie so ganz gehen lassen sollte)…

Wenn es noch so bitter ist: Was bleibt, ist die Erkenntnis / Im Falschen nichts richtig, ob im Nehmen oder Geben / Dass wir alle nur eine Lüge leben / Und es muss mehr als das hier geben…“ („Natalie„)

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Muff Potter – Bei aller Liebe (2022)

-erschienen bei Huck’s Plattenkiste/Indigo- 

Auch wenn diese Zeilen schon zu Beginn schamlos erste Kalauer verbraten: Wenn sich Herzensbands wie Muff Potter nach (viel zu) langer Abwesenheit zurückmelden, ist das neben freudigem inneren Sackhüpfen auch ein Tanz auf der Rasierklinge, schließlich betrieb der 1993 gegründete Vierer aus Rheine im Münsterland bereits im Jahr 2000 mit den „Bordsteinkantengeschichten“ höchstes rumpelig-emotionales Lattenmessen, während „Heute wird gewonnen, bitte“ oder „Von wegen“ auch heutzutage noch absolute Referenzwerke für viele Bands der aktuellen deutschen Punk-Rock-Szene darstellen. Doch Pläne und Lebenswege jenseits von Konzertbühnen und Studiotüren harmonierten bereits bei den darauf veröffentlichten Platten „Steady Fremdkörper“ und „Gute Aussicht“ immer weniger gut, sodass die 2009 erfolgte Trennung nahezu unvermeidlich erschien – und mit ihr viel zu viele Lenze ohne potterschen Fahrtwind durch die bundesdeutsche Musikszene rauschen ließ. Immerhin gab es während dieser Zeit so einigen inspirierenden Lesestoff von Sänger Nagel, der fortan als gleichsam vom Feuilleton gelobter wie kommerziell erfolgreicher Buchautor Thorsten Nagelschmidt unterwegs war. Und schließlich, 2018 und 2019, dann wieder Konzerte – auf einmal! Und bei den seligen Anwesenden dies- wie jenseits der Bühne eine übergroße Portion Gänsehaut, denn gefühlt schien alles wie früher – und dann doch nicht: Gitarrist und Co-Vokalist Dennis Schneider („Wir sitzen so vorm Molotow„, „Bis zum Mond„) stieg kurz nach jener Reunion aus, Felix Gebhard (Home Of The Lame, Hansen Band, Einstürzende Neubauten) heißt der neue kreative Mann an den Saiten. Dementsprechend dürften zittrige Hände und ein aufgeregt hüpfendes Hörerherz bei nicht wenigen die ersten Begleiter beim Lauschen von diesem nun tatsächlich realen, achten (oder wahlweise neunten) Album namens „Bei aller Liebe“ sein.

Vorab: Muff Potter 2022 sind freilich nicht (mehr) Muff Potter 2009, denn 13 Jahre sind nicht nur im Lebensalltag, sondern auch – und vor allem – im immer schnelllebigeren Pop eine schiere Ewigkeit. Die gute Nachricht dürfte sein, dass diese neuen zehn Songs, welche die 2020 veröffentlichte Comeback-Single „Was willst du“ außen vor lassen, das Quartett vielleicht relevanter denn je machen. Und das liegt wohl zunächst einmal an der Zeit, in der wir leben: Kriege, rasant wachsende soziale Ungerechtigkeiten, Völkerrechtsbrüche an den EU-Grenzen, das Schlittern von der Corona-Ohnmacht in die weltpolitische Krise, allerlei psychische Belastungen und Zukunftsängste. Und an der Fähigkeit der Band, jene Themen intelligent zu spiegeln. An den lyrischen Knallkörpern, die Nagelschmidt unter nahezu jeden Song legt. Hier und da mag die Zündschnur bewusst verschütt gehen, doch wehe die Hirnsynapsen funken wie etwa in „Flitter & Tand“, wenn Nagelschmidt – inklusive feinem Fugazi-Zitat – die Abhängigkeiten der Social-Media-Selbstvermarkter und das rückgratlose „Weiter, immer weiter!“ auf der Karriereleiter zynisch auf den Punkt bringt: „Warum tun wir uns das an? / Wir sind die freisten Menschen / Die freisten Menschen, die wir kennen“. Zu gut ebenso die m Blumfeld-Stil vorgetragene Müßiggang-Fantasie „Ein gestohlener Tag“. Das Stück beginnt inmitten zelebrierter Prokrastination als beinahe poetischer Gegenentwurf zum „Höher, schneller, weiter!“-Wahn da draußen. Der Refrain hebt die Faust mitsamt feierlichem Chor und Bläser-Fanfare, welche überleitet zum ausladenden, berstenden Post-Punk-Soundsturm-Finale. Nach fast acht Minuten bleibt nur noch das an LSD-Pabst Timothy Leary angelehnte Mantra im Ohr: „Turn on! / Tune in! / Drop out! / Sign out! / FUCK OFF!“. Und wohl nicht wenige Münder offen.

An vielerlei Stellen mag sich die Potter’sche Bandpause hörbar bemerkbar machen, keinesfalls jedoch ein Bruch. Das hier sind Muff Potter, nur reifer und freier aufspielend. „Angry Pop Music“ von Ex-Dorfpunks, nur eben irgendwo im dichten Spannungsfeld zwischen Punk Rock, Post Punk, Power Pop, Indie Rock, Spoken Word und Bläsern und somit ohne irgendwelche gottverdammten Zwänge. Auch, weil die veritable Schriftsteller-Karriere von Sänger und Gitarrist Thorsten Nagelschmidt mit (s)einer Handvoll Romanen in der Vita logischerweise stärker in die Band hineinwirkt. So beginnt etwa der Opener „Killer“ zur Gitarre von Bushs „Glycerine“ literarischer denn je mit Großstadt-Beobachtungen, am Ende verbinden sich die Fragmente zu einem gesellschaftlichen Wir, für das ein Chor die große Frage stellt: Wie wollen wir leben? Darin steckt der gleiche soziale Sprengstoff wie in Nagelschmidts 2020er Roman „Arbeit„, an den „Bei aller Liebe“ nun als bislang politischste Muff-Potter-Platte anschließt.

Mit ganz ähnlicher Eckzahnstellung wie „Ein gestohlener Tag“ beißt der tolle Postpunker „Hammerschläge, Hinterköpfe“ fest zu und reiht zu Dominic Laurenz‘ pulsierendem Bass und wuchtigen Stoner-Gitarren, welche Kristof Hahn von Swans beisteuerte, aus Freude am Surrealen gleich ein dutzend neoliberale Schlaumeie… äh, …lindnereien aneinander: „Wenn jeder an sich selbst denkt / Ist an alle gedacht“. Nein, Muff Potter 2022 klingen – im besten aller Sinne – nicht wie jene Muff Potter bis 2009. Wer denn unbedingt eine Referenz haben mag, der darf gern an Thees Uhlmanns jüngsten Output denken (und nicht zufällig ist der Ex-Tomte-Frontmann vor einiger Zeit ebenfalls unter die Schriftsteller gegangen). Was Punk irgendwann einmal war (oder noch ist), spielt fürs Klangliche von „Bei aller Liebe“ kaum eine Rolle. Kein Re-Start nach Schema „F“, welches dieser Band ohnehin meist fremd war. Die Kompositionen sind manchmal verspielt, manchmal straight, immer wieder auch mit fein getakteten Hakenschlägen versehen, die beides kombinieren. Der Sound ist durchaus vielschichtig, wie etwa die bereits erwähnte Auskopplung „Flitter & Tand“ beweist: das leicht entrückte, energische Stampf-Schlagzeug, nach wie vor bedient von Grüdnungsmitglied Torsten „Brami“ Brameier, ein markantes Gitarrenriff, ein nachhakender Refrain. Wenn dieses Werk wirkt, dann eines nicht: verkopft. Es geht durchaus auch leichtfüßig zu wie im leichtfüßigen „Ich will nicht mehr mein Sklave sein“, im tollen „Wie Kamelle raus“ oder der kleinen Indie-Hymne „Der einzige Grund aus dem Haus zu gehen“, den selbst der „Smalltown boy“ ab und zu findet. Frei aus der Hüfte auch der innerhalb von 72 Sekunden zackig ausgespiene Diss jener Marktliberalen in „Privat“, die sich jeden Tag alles krallen, was geht, weil sie es eben kaufen können – und weil unsolidarisch sein im Land des Nudel- und Klopapierhamsterns eher Tugend denn Makel ist.

Der hymnische Schlusspunkt „Schöne Tage“ vereint in sechs Minuten und vierzig Sekunden eigentlich alles, was Muff Potter immer ausmachte. Und auch etwas anderes scheint noch ganz wie früher: Nagelschmidt nennt die Dinge beim Namen, wie man es sollte (und wohlmöglich sogar noch etwas weniger kryptisch als damals). Er packt seine Beobachtungen in vordergründig simple aber vielsagende Worte, die man genau so auch wählen würde, wenn man denn könnte. Formvollendet im prosaischen „Nottbeck City Limits“, diesem epischen Neun-Minuten-Manifest, welches „Die Internationale“, Paul McCartney oder Bertolt Brecht zitiert und das die Ausbeutung und Ausgrenzung osteuropäischer Arbeiter*innen in der westdeutschen Billigfleisch-Produktion in ihrer boden- wie skrupellosen Selbstverständlichkeit fesselnd und en detail beschreibt. Und das diesen beschämenden Zustand, der jegliche Moral mit Füßen tritt, versucht zusammenzubringen mit dem im Außerblick machmal wohl etwas selbstverständlich erscheinenden, privilegierten Leben von Künstler*innen und allen, die eben nicht fernab der Heimat ihre paar mickrigen Kröten mit einem Kilo Presswurst verdienen müssen. Wenn diese beiden Welten durch dieselben Augen versuchen übereinzukommen, dabei die brutale Hackordnung unserer Gesellschaft offenlegen, von Gewinnern des Kapitalismus und den viel zu vielen Verlierern, ist das in der schonungslosen Konfrontation vor allem eines: verstörend. Und bewegend bis zum Anschlag. Den Kalauer zum Schluss? Gibt’s sicher woanders.

Vereinzelung, Massentierhaltung, Wut, billige Populismus-Parolen, Konformität, globalkapitalistische Verwerfungen – aus alten Fragestellungen und neuen Antworten haben Muff Potter die vielleicht aufregendste, vielstimmigste Musik ihrer Karriere destilliert, die recht wenig auf das Aufwärmen alter Gefühle oder den nostalgischen Blick zurück gibt. Mit ihrem auf dem bandeigenen Label Huck’s Plattenkiste erscheinenden Langspieler „Bei aller Liebe“, welcher zu großen Teilen live im Studio Nord Bremen entstand (und damit genau an jenem Ort, wo in einer anderen Zeit in einem anderen Leben das allererste Muff-Potter-Album gemastert worden war), hat das Quartett einen neuen, alten Raum für sich und andere gefunden. Ein Raum, in dem die Möglichkeiten von nun an schier unendlich erscheinen. Jenseits von jedem und offen für alle. Ein wohlig-kantiges Brett in einer langsam zerfließenden Welt, voller Energie und Zorn und klugen Alltagsbeobachtungen. They never come back? Von wegen!

Rock and Roll.

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Song des Tages: Cheekface – „Original Composition“


„Katastrophal“ ist wohlmöglich nicht das einzige, jedoch eines der passendsten Attribute, welche den US-Indie-Musiker*innen von Cheekface zum Zustand unserer Welt gerade einfallen. Spätestens seit den US-Präsidentschaftswahlen 2016 scheint alles haltlos auseinander zu fallen und jeder Tag bringt schiere Wagenladungen neuer Horrorszenarien, mit denen wir alle uns abfinden müssen. Angesichts dieser Ausgangslage blieb Greg Katz, Amanda Tannen und Mark Edwards quasi gar nichts anderes übrig, als inmitten all dieser Destruktivität etwas Neues zu kreieren…

So entstand im Jahr 2017 die Band. Kurz darauf folgten 2019 das erste Album „Therapy Island“ und ein paar wilde Konzerte, bevor das Los-Angeles-Trio 2021 mit „Empathically No.“ das zweite Langspielwerk folgen ließ. „Aufgrund persönlicher Gründe habe ich in der Therapiestunde gar nichts gesagt, wir haben einfach gelacht und gelacht und gelacht.“, erzählsprechsingt Greg Katz in „Everything Is Normal“, ein Zitat, welches den fatalistischen Blick von Cheekface auf die Welt perfekt einzufangen scheint. Die dazugehörige Musik der Band ist minimalistisch und lässt Einflüsse aus Post Punk, US-Nineties-Lo-Fi-Rock und vielleicht auch Antifolk erkennen; simple Drumbeats, quirlige Gitarrenlicks und weit im Vordergrund stehende Bassläufe sind die Bausteine ihres Sounds. Der Fokus liegt dafür weitgehend auf den Stream-of-Consciousness-Texten, die Sänger und Gitarrist Katz herunterbetet. Obwohl: Von „Singen“ kann man kaum schreiben, vielmehr bricht in den Songs, welche selten an der Drei-Minuten-Marke kratzen, ein schier endloser, monotoner Schwall an Worten auf das geneigte Paar Hörerohren nieder und es braucht schon etwas Zeit, sich daran zu gewöhnen. Sobald dies jedoch geschehen ist, tönt das alles ähnlich kurzweilig und großartig wie weiland bei Eddie Argos und seinen spinnert-genialen Lads von Art Brut.

Und wie es sich für einen amtlichen Stream of Consciousness gehört, sind die Themen recht mannigfaltig. „Sie wollen unsere Aufmerksamkeit 24 Stunden am Tag? Da ist der Widerstand ganz leicht, ruf einfach mal deine Mutter an“, schlägt Katz etwa im angemessen betitelten Song „Call Your Mom“ als Lösung vor. Könnte ja schließlich den Einfluss faschistischer Regierungen auf an Aufmerksamkeitsdefiziten leidende Leute verbringen… „Emotional Rent Control“ wiederum besingt den Zustand unseres Innenlebens: „Ich bin jung, blöd und voller psychotherapeutischer Drogen. Es geht mir gut, aber ich bin sicher, dass auch das wieder vorüber gehen wird.“ Von kleinen persönlichen Widerständen in „Listen To Your Heart. No!“ bis hin zu harscher Kritik an geopolitischen Problemen der heutigen Zeit in „Original Composition“ ist hier quasi alles dabei. Dass die Musik auf das Nötigste reduziert wird ist dienlich, denn jeder der dreizehn Songs von „Empathically No.“ ist durchaus eingängig und versetzt die Zuhörerschaft in einen wohligen Zustand gleichgültiger Gutmütigkeit. Comfortably numb.

Cheekface sind aus vielerlei Gründen eine eher aussergewöhnliche Band. Nahezu alles, was das Trio vom Musikalischen über die Coverartworks (für welche sich Bassistin Amanda Tannen verantwortlich zeichnet) und die Musikvideos anpackt, wirkt so Indie und DIY wie nur irgendwie möglich – und gerade deshalb merkt man, dass hier sehr viel Liebe zum Detail drinsteckt. Die Musik (im Übrigen auch jene, die es auf dem dieser Tage als Surprise-Release veröffentlichten dritten Album „Too Much To Ask“ zu hören gibt) ist und stimmt im Gros überbordend fröhlich, die lakonische Art und Weise, in der die ebenso dadaistischen wie tiefgründigen Texte vorgetragen werden, stellt gleichzeitig klar, dass man hier keiner nichtssagenden 0815-Truppe zuhört. Cheekface sind darum keine Band für Jedermann/-frau, denn es erfordert durchaus etwas Aufmerksamkeit, um wirklich in die Tiefe ihrer Kurz-und-knackig-Stücke einzutauchen. Viel zu entdecken gibt es in jedem Fall und trotz der eher fatalistisch-tristen Inhalte sind Cheekface schließlich in erster Linie eine Gute-Laune-Band. Und von denen, sehr verehrte Ladies und Gentlemänner, können wir derzeit so viele wie nur irgendwie möglich gebrauchen…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Blaufuchs – „Mauern“


So tönt es wohl, das durchaus gelungene Beispiel dafür, wie eine Band ihren Unmut der letzten Jahre, die ja vor allem durch eine beschissene Pandemie und eine damit verbundene – gefühlt elendig lange – auftrittsfreie Zeit geprägt waren, in kämpferische und mitreißende Klänge verwandeln kann: „Daran wird es nicht scheitern“, erschienen auf Aggressive Punk Produktionen (ein Fakt, den man nicht wirklich zur klanglichen Einordnung nutzen sollte), das Debütalbum der Hildesheimer Punkband Blaufuchs, die hier zwar ein ums andere Mal gekonnt über Genregrenzen springt, jedoch politisch ganz genau weiß, wo sie steht.

“Die Pandemie hat uns natürlich zurückgeworfen, aber wir sind wahnsinnig froh endlich wieder auf Tour zu gehen und das Album mit der Welt teilen zu können. Das ist es, wofür wir diese Band gegründet, haben: ein Ausbruch aus dem Alltag.“ (Johannes König)

Zudem scheuen sich Frontmann Johannes König und seine Bandmates nicht davor, persönlichere Töne anzuschlagen. Fast schon beruhigend wirken die ehrlichen Worte: Es ist ok, noch auf dem Weg nach irgendwohin zu sein, sich noch nicht angekommen zu fühlen und natürlich auch, ab und an mal zu scheitern. In seinen besten Momenten reißt das Album mit und ermutigt dazu, nicht zu kapitulieren, sondern zu kämpfen – und zwar zusammen! So wirken etwa bei „Keine Angst“ Joshi von ZSK und Rodi von 100 Kilo Herz mit und erinnern daran, dass wir nicht allein sind mit unserer Wut auf den ganzen rechtspopulistischen und reaktionären Bullshit (pardon my French), der zwar mit jedem Tag verrückter scheinen mag, jedoch einfach nicht in irgendeinem gottverdammten bodenlosen Loch verschwindet. Diese klare Kante, welche sich durch alle zehn Stücke zieht, unterstreichen bereits die ersten Sekunden des Intros, das mit einem Drehen am Radio-Empfänger daherkommt und verschiedene Satzfetzen zwischen Nachrichtenmeldungen über rechte Anschläge und Greta Thunbergs populäres „How dare you?“ zum Besten gibt. Da scheint fast schon absehbar, dass sich das krachende „Schöner Tag“ selbst Lügen strafen wird, bevor „Unterwegs“ hymnisch übernimmt und „Scheitern“, bei dem mit Cosmo Thunder anderer langjähriger Freund und Wegbegleiter mit von der Partie ist, zunächst ruhigere Töne anschlägt. Direkt darauf macht „Verpasst“ wieder ordentlich Tempo und räumt mit dem Irrglauben auf, dass „Ich liebe dich“ die drei wichtigsten Worte im Leben seien, sondern vielmehr „Wir müssen reden“. Da ist was dran? Da ist was dran. Akustische Gitarren erwarten alle geneigten Hörer*innen dann beim ruhigen „Dilemma“, wohingegen das selbstreflektierende „Fischer“ erneut in die Vollen geht. Derweil leihen die Hannoveraner Ska-Punks von Wisecräcker dem druckvollen „Angekommen“ eine Trompete, ehe das finale „Mauern“ mit viel kämpferischem Schmackes (und einer Geige!) gegen Fremdenhass und Krieg anspielt – aktueller geht’s leider kaum.

Freilich darf man sich alles in allem durchaus daran reiben, dass die Blaufuchs’schen Songs oftmals im einfach gestrickten, eingängigen Emopunk-Gewand daher tönen, andererseits ist ebenjenes aber so effektiv, dass man sich ihm kaum entziehen kann, während der Gesang rüberkommt wie ein Kreuz aus Farin Urlaub und Thees Uhlmann und die Band dahinter munter ballert und drückt wie Matula oder Captain Planet. Auf ihrem Label Aggressive Punk Produktionen nehmen Blaufuchs als klangliche Schnittstelle zwischen Punk Rock und Indie Pop zwar eine musikalische Sonderstellung ein, passen aber durch ihr antifaschistisches Engagement dennoch bestens zwischen Kapellen wie Alarmsignal, Fahnenflucht oder Missstand. Neben politischen und gesellschaftlichen Themen machen persönliche Geschichten und Songs, die sich gern mal den kleineren Aspekten des Lebens zuwenden, das Album aus. „Daran wird es nicht scheitern“ ist – wie der Titel ja schon andeutet – ein ebenso lautstarkes wie von optimistischen Hoffnungsschimmern durchzogenes, durchaus abwechslungsreiches Album, das jedoch nichts schönredet – und aus vielerlei Gründen nun auf den Konzertbühnen des Landes gehört werden sollte.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Mint Green – „All Girls Go To Heaven“


Das Cover von Mint Greens Debütalbum „All Girls Go To Heaven“ zeigt Porträts der Band, die – halb künstlerisch, halb dilettantisch – auf einen recht bunten Hintergrund gephotoshoppt wurden, und erinnert so an ein Artwork, dem man heutzutage ebenso in einer Kunstgalerie wie auf irgendeinem hipsterhippen Instagram-Account begegnen könnte. Aber klar, hier soll’s natürlich vielmehr um die Musik gehen… Und die kann sich durchaus hören lassen. Das aus Boston, Massachusetts, stammende Quartett, das seit 2016 bereits mit einigen EPs für das ein oder andere Hallo-wach-Erlebnis sorgte, hat es sich bei selbiger – der Musik – zur Aufgabe gemacht, mit jeder Menge juveniler Energie im Tank die Dinge einzufangen, die so ziemlich jede(r) fühlen, aber selten laut aussprechen mag – ob ihnen das gelingt?

Die zehn Songs des Debüt-Langspielers beginnen mit dem Opener „Against The Grain“, einer vergleichsweise sanften Akustik-Nummer, die manches Ohr an Indie-Darling Phoebe Bridgers erinnern mag. Zu offensichtlich? Dabei macht gerade dieser Querverweis durchaus Sinn, wenn man bedenkt, dass Mint Green im Jahr 2020 zwei ihrer Songs gecovert haben (und auch einen von Katy Perry). Also Indie Rock meets Indie Pop meets Indie Folk? Check, check, check. Dennoch sollte man Ronnica, Daniel Huang, Tiffany Sammy und Brandon Shaw keineswegs unterstellen, hier schnödes Fanboy/-girl-Kopistentum irgendwo zwischen der benannten Phoebe Bridgers, Tigers Jaw, Beach Bunny oder Soccer Mommy zu betreiben, denn der Boston-Vierer setzt genug eigene Duftmarken. Das beweist bereits „Body Language“, ein Stück, das den Zuhörer mit (s)einer sanften Gitarre lockt, bevor es die Kräfte bündelt und in einen ausgewachsenen Indie-Rock-Song explodiert. Ist übertrieben? Ja sicher, so richtig derb gehen Mint Green auf ihrem Erstling eher selten zu Werke (etwa gegen Ende von „Whatever Happens“), oft genug stehen sie dem Indie-Math-Pop der artverwandten Orchards näher als anderen Heavy-Rock-Kapellen, aber: schon hier klingt das Quartett, als hätte es dabei eine Menge Spaß – was definitiv keineswegs unwichtig ist, schließlich ist ein Album meist dann am besten, wenn eine Band loslässt und – eben! – Spaß hat.

Und auch das dürfte Gründe haben: Da „All Girls Go To Heaven“ von der Band selbst in Zusammenarbeit mit Collin Pastore (u.a. Lucy Dacus, Julien Baker, Animal Flag) produziert wurde, sollte klar sein, dass Mint Green – Newcomer hin, Newcomer her – durchaus einiges an Mitspracherecht hinsichtlich dessen hatten, wie sie ihren eigenen Sound gestalten wollen. Und der? Tönt in der Tat erfrischend – minzgrün eben. Und beweist obendrein, dass sich die vier mit ihrer Mischung aus Pop Punk, Indie Rock, dezent sommerlichen Dreampop-Vibes sowie Elementen aus Punk Rock, feinen Soul-Prisen (vor allem gesanglich) und einer ordentlichen Portion Emo-Katharsis, die den halluzinogenen Zustand mit ängstlichen Refrains umhüllt, nicht so leicht in eine Schublade stecken lassen möchten. All das eine recht mutige Melange für ein Debüt, das in weniger fähigen Händen durchaus ein halbgares Durcheinander aus überladenen Gitarren, Schlagzeug und Gesang hätte werden können, hier jedoch vielmehr knapp 36 Minuten akustische Kurzweil-Achterbahn zwischen Mid- und Uptempo bietet – man höre etwa „Golden“, dessen erste Hälfte düster und vergleichsweise langsam startet, bevor der Song plötzlich vor lauter Energie steil geht. Ja, das lässt sich verdammt gut hören, das Ganze. Mission accomplished, Mind Green!

Rock and Roll.

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Song des Tages: Get Jealous – „Working Title“


Eine Uniform hat viele Aspekte: sie kann praktisch sein, kann einerseits für gleiche Verhältnisse sorgen, andererseits einem Menschen aber auch Macht und ein gewisses Selbstbewusstsein verleihen. So vielseitig wie die Argumente dafür und dagegen sind auch die Formen, in denen uns Uniformen tagtäglich begegnen. Der Anzug ist eine davon – und die niederländisch-deutsche Band Get Jealous hat diesem ein Anti-Lied geschrieben. „Working Title“ heißt der Song und ist kein wörtlich übersetzter Arbeitstitel, sondern nimmt vielmehr Bezug auf den Anzug als Symbolbild für den Geschäftsmann. 

„She gives you all you need / And she sees what you don’t see / She’s your rock / Your partner in crime” singt „Frontbitch“ (Zitat der Band) Lotta Rasva zu Beginn des Songs, welcher in der Hook schlagartig umschlägt, als der Protagonist seinen blauen Anzug inklusive aller damit einhergehender Statussymbole an hat. Damit wird ein sehr traditionelles Mann-Frau-Weltbild aufgezeigt, welches das Trio in bester „Riot Grrrl“-Manier kritisiert. „Working Title“ ist also auch ein Song über das „Die-Hosen-Anhaben“ in einer Beziehung, also über ausgelebte Machtverhältnisse. 

Doch bei aller Gesellschaftskritik möchte die Band aus Enschede das alles glücklicherweise nicht allzu bierernst rüberbringen. Im Gegenteil: Get Jealous sind unter ihren Fans bereits bekannt für ihre durchaus kreativen DIY-Videoideen, wie beispielsweise „Lipstick“ oder „Holidays“ anno 2020 bereits eindeutig unter Beweis stellten. Auch im Musikvideo zu „Working Title“ setzen die drei auf Reduktion. Dabei wird Lotta von ihren Bandmates Marike Winkelmann (Bass) und Marek Schnieders (Schlagzeug) von den Seilen bereit, mit denen sie an einen Stuhl gefesselt ist. Freiheit ist somit eines der Themen der im April 2021 veröffentlichten Single-Sammlung „Easily Worried“, nachdem ein Song wie „Aah“ Depressionen behandelte oder das bereits erwähnte „Lipstick“ die Lächerlichkeit, Menschen in Formen pressen zu wollen, die kaum weniger zu ihnen passen könnten. Dazu fährt die Band eine durchaus erfrischende Mischung aus Garage Rock und Punk Rock auf, bei welcher ihre eigene Bezeichnung „Riot Pop“ der Melodieseligkeit wegen passt. Sympathisch, mit mächtig Skate-Punk-Ethos und DIY an Bord. Das Dreiergespann könnte man sich bestens im Vorprogramm von The Baboon Show, Laura Jane Grace oder Mobina Gallore vorstellen…

„Everyone has an opinion about Get Jealous. Wether you think they’re pop, punk, sweet, harsh, wild, happy or way too serious: Get Jealous makes sure you’re listening. Even when you think you don’t like punk.“

Dass die Band nicht nur die laut polternden, sondern auch die ruhigen Töne recht gut beherrscht, zeigt übrigens der nachdenkliche Song „Gabriele„, welchen Get Jealous der im vergangenen Jahr unter tragischen Umständen verstorbenen Mutter von Schlagzeuger Marek widmen:

Rock and Roll.

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