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Song des Tages: Pinkshift – „i’m gonna tell my therapist on you“


Foto: Promo / Leigh Ann Rodgers

Hat sich schonmal jemand die durchaus interessante Frage gestellt, wie denn bitteschön eine musikalische Dreiecksromanze aus My Chemical Romances „Three Cheers For Sweet Revenge“, No Doubts „Tragic Kingdom“ und Paramores „Riot!“ klingen würde? Nein? Die wohl konsequenteste Antwort wäre in diesem Fall: wie Pinkshift.

Nun ist das US-Newcomer-Quartett aus Baltimore, Maryland weder verwandt noch verschwägert mit Gerard Way, Gwen Stefani oder Hayley Williams, trotzdem tönt das, was Leadsängerin Ashrita Kumar, Gitarrist Paul Vallejo, Schlagzeuger Myron Houngbedji und Bassist Erich Weinroth bislang von sich hören ließen, schon ein wenig wie ein kleiner, ehrfürchtiger Knicks vor ebenjenen Bands…

Pinkshift gründeten sich 2018 während Ashrita Kumars erstem Jahr an der renommierten Johns Hopkins University. Paul Vallejo sah die junge Frau mit Bengali-Wurzeln bei einer Schulveranstaltung a cappella performen und fragte, ob sie bei einer Rock-Coverversion von Britney Spears‘ „…Baby One More Time“ mitsingen wolle. „Ich hatte ihn vorher noch nie getroffen. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Es kam einfach aus heiterem Himmel, aber ich dachte mir nur: ‚Ja, klar. Warum nicht?'“, erinnert sich Kumar.

Beide fanden schnell heraus, dass sie, jeder für sich, an eigener Musik schrieben und begannen bald, zusammenzuarbeiten. Innerhalb kurzer Zeit hatten sie etwa zwanzig Demos beisammen und beschlossen, Konzerte zu spielen. Aber sie brauchten noch einen Schlagzeuger. „Es gab diesen Schlagzeug-Übungsraum in unserer Universität“, so Kumar. „Immer wenn wir nicht im Unterricht waren, saßen wir, entweder zusammen oder getrennt, draußen vor diesem Übungsraum, um zu hören, ob es jemanden gab, den wir ansprechen konnten.“ Und sie hatten Glück: Eines Tages hörten sie Myron Houngbedji, der gerade „Helena“ von My Chemical Romance spielte. Nicht nur aufgrund dieser Songwahl war klar, dass er die perfekte Besetzung war.

Die Gruppe, die sich damals noch Sugar Crisis nannte, absolvierte ihren ersten Auftritt bei einer Veranstaltung des Johns Hopkins Inter-Asian Council. Eine „richtige“ Band wurde sie aber erst im nächsten Jahr, als sie sich in Pinkshift umbenannte. Allerdings benötigten sie immer noch einen Bassisten. „Es war einfach schwer, Leute zu finden, die an unserer Universität Rockmusik spielten“, sagt Kumar. „Es gibt keine Rock-Szene an der Hopkins. Es gibt keine Punk-Szene…“ Also suchten sie das fehlende Bandmitglied mit einem zwar unorthodoxen, aber letztlich effektiven Ansatz: Tinder. Vallejo und Kumar richteten dort ein Profil ein und gaben an, dass sie keine Liebelei suchten, sondern lediglich einen Bassisten. Und einmal mehr hatten sie Glück: Erich Weinroth wischte in der Dating-App nach rechts. Das Quartett war komplett.

Und obwohl das vergangene Jahr kein gutes für Newcomer-Bands war, um sich warm zu spielen, sorgten Pinkshift nicht nur als einer von wenigen DIY-Acts ihres Genres, welcher ausschließlich aus People of Color besteht, sondern Mitte 2020 vor allem mit ihrem bestechend zwischen verflucht eingängigem Indie-Pop und juvenil-widerhakendem Riot-Grrrl-Punk-Rock pendelnder Song „i’m gonna tell my therapist on you“ für anständig Wirbel und Aufsehen im weltweiten Netz. „Ehrlich gesagt, wenn es die Pandemie nicht gegeben hätte, weiß ich nicht, ob sich ‚therapist‘ so durchgesetzt hätte“, gibt Kumar zu. „Es war eine ziemlich wilde Erfahrung, weil alles nur virtuell geschah. Ich erinnere mich daran, dass bei ‚therapist‘ jeder wirklich nette Dinge darüber online sagte – auf Reddit, auf Twitter, auf YouTube. Ich dachte: ‚Wow, das ist das erste Mal, dass ich tatsächlich jemanden über unsere Musik reden höre.'“ Und man muss auch kein Prophet sein um zu vermuten, dass das keineswegs das letzte Wort über Pinkshift, die aktuell an ihrer Debüt-EP arbeiten, gewesen sein wird…

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Antarctigo Vespucci – „Love In The Time Of E​-​Mail“


„Maybe this is just another good thing that happens to everybody but me / maybe this is just another good thing / out of my reach“, singt Chris Farren in „Another Good Thing“ nach ungefähr zwei Dritteln dieses Albums. Das Lied entfaltet eine großartige Loser-Romantik und ist bei weitem nicht der einzige Moment auf „Love In The Time Of E-Mail“, in dem man an gut und gern an frühe(re) Weezer-Großtaten denken darf. Zugleich wundert man sich: Dass die guten Sachen immer nur den anderen passieren, sollte sich für Chris Farren mittlerweile eigentlich als Trugschluss herausgestellt haben. Denn zuletzt ist es für ihn als eine Hälfte von Antarctigo Vespucci durchaus gut gelaufen.

Es hätte auch anders kommen können: Nach drei durchaus mit Wohlwollen und Applaus bedachten Alben voll kleiner, feiner Hymnen irgendwo zwischen Indie, Punk und Emo Rock löste sich 2013 seine Band Fake Problems auf. Aus Florida zog der Frontmann ohne Band nach New York, und bald darauf erwies sich dort die Begegnung bei einer Party als wichtige Weichenstellung für die nächsten Jahre: Chris Farren traf Jeff Rosenstock wieder, seinerseits Frontmann von Bomb The Music Industry!. Mit dieser Band hatten Fake Problems mal eine Tour bestritten, auch danach gab es gelegentlich gemeinsame Konzerte. Nun beschlossen die beiden, gemeinsam ein paar Songs zu schreiben. Als klar wurde, wie gut genau diese Party-Schnapsidee funktionierte, wurde aus der „Come on, let’s jam!“-Idee eine Band namens Antarctigo Vespucci. Nach den EPs „Soulmate Stuff“ und „I’m So So Tethered“ sowie dem Debütalbum „Leavin‘ La Vida Loca“ (und parallelen Solokarrieren, denn auch die Band von Jeff Rosenstock existierte schon kurz darauf nicht mehr) folgte 2018 der zweite Langspieler „Love In The Time Of E-Mail„.

Wie gut das Duo aus Brooklyn, New York den jahrelang erprobten Spagat zwischen Punk, New Wave und Indie Rock auf der einen Seite sowie fies eingängigem Powerpop mit gehörigem Bubblegum-Anteil auf der anderen Seite beherrscht, macht „Love In The Time Of E-Mail“ recht schnell und unmittelbar klar, zugleich kann man in den dreizehn Stücken jedoch auch ein paar neue Elemente im Sound von Antarctigo Vespucci entdecken. Der Normalzustand für die Erzählposition ist, wie schon im eingangs erwähnten „Another Good Thing“, fast immer ein schwärmerisches, unglückliches Verliebtsein, in das sich Farren und Rosenstock voll und ganz hineinwerfen möchten.

„I hope I can be important in your life one day“, heißt es dann im untröstlichen Quasi-Intro „Voicemail“. „I wish I didn’t fall in love with everyone I ever met“, singt Farren im eher akustischen „Do It Over“. Das für die meisten Menschen eher unangenehme „White Noise“ wird hier herbeigewünscht, weil es die stetige Präsenz (s)einer Angebeteten ersetzen könnte, die Farren zurhöllenocheins nicht aus dem Kopf bekommt. Im herzzerreißenden Album-Schlusspunkt „E-Mail“ zeigt sich, dass seine bereitwillig zur Schau gestellte Schüchternheit nicht nur ein Wesenszug ist, sondern offensichtlich auch die Reaktion auf viele schmerzhafte Erfahrungen. „I wanted to see you, to see if I still wanted to see you“, zitiert er in „Breathless On DVD“ einen Satz von Jean-Paul Belmondo aus „Atemlos“, zu einem Refrain, welcher auf fast infantile Weise Heiterkeit verbreitet – der olle Emo-Punk lässt lieb grüßen.

Auch „Kimmy“ gerät mit Glockenspiel und Handclaps fast poppe-di-punk-übermütig im Stile der seligen Wheatus, „The Price Is Right Theme Song“ explodiert ebenfalls beinahe vor ohrwurmiger Eingängigkeit. Dem stehen etwas rohere Passagen wie das kaum weniger überzeugende „All These Nights“ gegenüber oder „Lifelike“, das vom Klavier getragen wird und beinahe echte Schwermut aufkommen lässt. Auch „Not Yours“ ist weit von der zeitweise Albernheit früherer Fake Problems-Tage entfernt: Es geht um Abhängigkeiten, Besitzansprüche und Machtkämpfe in Beziehungen – natürlich wird aber auch das nicht in gitarresken Trübsal verpackt, sondern in einen sehr kurzweiligen Boogie.

Als spontaner Anspieltipp eignet sich wohl am ehesten „Freakin‘ U Out“, weil es auf nahezu prototypische Weise Punk und Powerpop-Putzigkeit vereint – zwei Pole, die nun einmal den Markenkern von Antarctigo Vespucci ausmachen. „So Vivid!“ ist darauf der Song, der am besten zeigt, wie die Verbindung aus Niederlagen, Sorgen und Selbstzweifeln mit mitreißenden Melodien und einer manchmal theatralischen Pop-Ästhetik gelingt: Was man für beides braucht, ist ein Hang zu von hinter aufzäumender Romantik.

Was anno 2015 mit Antarctigo Vespucci aus einer Party-und-Stillstand-Laune der beiden Indie-Punk-Musiker Chris Farren und Jeff Rosenstock heraus entstand, nimmt mit „Love In The Time Of E-Mail“ durchaus ernstzunehmende, konzeptionelle Züge an, in denen sich neben der spannenden, stets aktuellen Thematik des Albums (Gibt es die „wahre Liebe“ im Zeitalter von E-Mails, Twitter, Instagram, SMS, Facebook etc. pp. noch?) auch die Musik als ebenso spannend und abwechslungsreich – und selbstverständlich ordentlich punkig – erweist.

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick – Teil 1


(Illustration: Rae Pozdro)

Was für Musik braucht man in einem so eigenartigen Jahr wie diesem? Solche, bei der die Halsschlagader wild pocht und der ganze gerechte Zorn auf diese ganze verdammt verrückte und aus den Angeln geratene Welt ein brodelndes Ventil bekommt. Solche, die einem sanft über den Kopf streicht und einem die Hoffnung einhaucht, dass alles schon besser werden wird – irgendwann, irgendwie. Und auch solche, die einen in ihrer Euphorie einfach gnadenlos mitreißt, und einen – im besten Fall – alles andere – das Gute wie das Schlechte – für Momente vergessen lässt. Eine Zuflucht. Eine Ton und Wort gewordene zweite Heimat. Zwischen diesen drei Fixpunkten ist in meiner Bestenliste der persönlich tollsten Alben des Musikjahres 2020 einmal mehr recht wenig zu finden, an den Endpunkten dafür umso mehr. Bühne frei und Vorhang auf für ANEWFRIENDs Alben des Jahres!

Phoebe Bridrs – PunisherPhoebe Bridgers – Punisher

Phoebe Bridgers – Punisher

Im ersten Moment doch sehr, bei genauerer Betrachtung jedoch etwas weniger überraschend: Für ein Jahr, das die meiste Zeit am Rande des totalen gesellschaftlichen wie ökonomischen und kulturellen Stillstands wankte, gab es 2020 eine ganze Menge (sehr) guter neuer Musik zu hören. Fiona Apple etwa brachte mit „Fetch The Bolt Cutters“ zum ersten Mal seit acht Jahren ein neues, von Fans wie Kritikern vielbeachtetes Album heraus. Bob Dylan zeigte, dass er im Alter von 79 Lenzen immer noch eine Menge zu sagen hat. Und Taylor Swift bewies, dass sie nicht nur eine der erfolgreichsten und versiertesten Songwriterinnen der Pop-Gegenwart ist, sondern auch eine der produktivsten: gemeinsam mit Teilen des The National-Lagers und Gästen wie dem unter Indie-Folk-Freunden höchst geschätzten Justin „Bon Iver“ Vernon veröffentlichte „TayTay“ im Juli und Dezember ohne größeres Werbe-Tamtam mehr als dreißig Songs, die sie seit Beginn der Pandemie geschrieben und aufgenommen hatte.

All diese und viele andere Veröffentlichungen sind es freilich wert, gehört und nachhaltig beachtet zu werden. Aber ein Album steht – und das zeigt auch diese Auswertung der Jahresbestenlisten – über ihnen allen: Phoebe Bridgers‚ „Punisher“. Zu großen Teilen aufgenommen während der letzten zwei Jahre, kann das Werk zwar nicht von sich behaupten, eine Echtzeit-Reflexion der Stimmung während der Pandemie zu sein, wie im Fall von Taylor Swifts „folklore“ und „evermore„. Dennoch passt Bridgers‘ musikalische und lyrische Sensibilität besser als alles andere, was in diesem Jahr veröffentlicht wurde, zum unverwechselbarem Geist des gefühlten „Rien ne va plus“-Scheintods der vergangenen Monate. Das Album ist ein zerbrochener, trüber Spiegel, der unseren von Melancholie, Isolation und immerneuen Hiobsbotschaften geschundenen Körpern und Seelen vorgehalten wird.

Nicht, dass „Punisher“ eine Art einmalige Novalität wäre. Weit gefehlt. Schon Bridgers‘ kaum weniger gelungenes Debüt von 2017, „Stranger In The Alps„, sowie die gemeinsame letztjährige Platte mit Conor Oberst als Better Oblivion Community Center etablierten die 26-jährige Singer/Songwriterin als versierte Emo-Folk-Musikerin im Stile des früh verstorbenen großen Elliott Smith. Wie Smith ist Bridgers, die selbigen nicht eben zufällig verehrt, eine Künstlerin mit einem ausgeprägten Sinn für feine Mark-und-Bein-Melodien und der Gabe, Texte zu verfassen, die persönliche Traumata und alltägliche Kämpfe in kunstvoll einnehmende Porträts menschlicher Zerbrechlichkeit und der Sehnsucht nach inniglicher Verbundenheit verwandeln.

Die sehnend fatalistischen Songs auf „Punisher“ entwickelt diese Themen weiter und führen sie in expansive neue Richtungen, während Bridgers‘ teilweise skurrile Beobachtungen und emotionale Einsichten in eine irrgärtene, zumeist stille Klanglandschaft eingebettet werden, die sowohl intensiv schön als auch auf vereinnahmende Weise klaustrophobisch ist – wie ein Spaziergang auf dem Grund des Ozeans oder der Oberfläche eines anderen Planeten (oder eben durchs nächtliche Pandemie-L.A.). Das konnte selbst die US-Musikindustrie nicht überhören und würdigte die musikalische Kraft des Albums, indem sie Bridgers und ihre Platte jüngst für ganze vier Grammys nominierte, darunter als „beste neue Künstlerin“ und als „bestes alternatives Musikalbum“.

Bridgers und ihre Mitstreiter – die Co-Produzenten Tony Berg und Ethan Gruska, die Songwriting-Partner Christian Lee Hutson, Conor Oberst und Marshall Vore, ihre boygenius-Girl-Buddies Julien Baker und Lucy Dacus sowie etliche andere Musiker aus der heimischen Indie-Szene von L.A. – haben ein Album geschaffen, das all die Hilfsmittel in Los Angeles‘ legendärem Aufnahmestudio Sound City – all die Fader, Sampler, Autotune-Gadgets und andere Vocal-Effektgeräte – mit einer breiten Palette von akustischen Instrumenten kombiniert, um eine über alle Maßen intensive Erfahrung zu schaffen, die auf die beste Art und Weise verwirrend ist – wie ein seltsamer, beunruhigender Traum, der es schafft, etwas Schmerzhaftes, Wahres und irgendwie Notwendiges zu vermitteln, während man am nächsten Morgen nicht einmal mehr Worte für das nokturn Geträumte findet.

Der gequälte Existenzialismus des Albums wird vielleicht am stärksten in „Chinese Satellite“ vermittelt, einem herzzerreißenden Song über Bridgers‘ Tendenz, „in Kreisen umher zu laufen und vorzugeben, dass ich ich selbst sei“. Er gipfelt in einem Refrain, der mit einem herzzerreißend schönen, gen Firmament hauchenden Streicher-Arrangement unterlegt ist und als eine Art Gebet um Erlösung von Einsamkeit und Zweifeln fungiert:

„I want to believe
Instead I look at the sky and I feel nothing
You know I hate to be alone
I want to be wrong“

Eine alltägliche Klage – „I hate to be alone“ – in einen Ausdruck metaphysischer Sehnsucht zu verwandeln, der sowohl düster-komisch als auch tieftraurig ist, ist das, was Bridgers wie kaum eine andere aktuell beherrscht – und sie tut genau das auf „Punisher“ immer wieder.

Die Songs des Albums sind voll von lebendigen, einprägsamen – und oft nur im ersten Licht trivialen – Beschreibungen des alltäglichen Lebens, die beim Lauschen zwischen den Zeilen mit einer größeren Bedeutung einhergehen: Sie ändert ihren Plan, einen Garten anzulegen, als Reaktion auf die Aktivitäten eines Skinheads in der Nachbarschaft („Garden Song“). Sie „wollte die Welt sehen“, bis sie nach Übersee flog und daraufhin ihre Meinung änderte („Kyoto“). Sie macht einen morbiden Witz über den fortwährenden Klang von Sirenen aus Richtung des Krankenhauses in der Nähe ihres Hauses (interessanterweise nur eine von vielen unheimlichen lyrischen Vorahnungen der Pandemie, die über das ganze Album verstreut sind – Entstehungszeitraum hin oder her). Sie und ein Freund verbringen einen Abend damit, den „Rest unseres Serotonins“ zu verbrauchen, während sie auf dem Boden sitzen und eine Packung Cracker futtern („Graceland Too“). Sie gesteht ihrem verheirateten Ex-Liebhaber, dass er sie „wie Wasser in deinen Händen“ hält („Moon Song“). etc. pp.

Solche Momente flüchtiger Schönheit häufen sich, türmen sich auf, ziehen manches Mal auch wieder vorbei, während sich das Album auf (s)einen unheilvollen Schluss zubewegt: „I Know The End“, in dem Bilder vom Ende einer Beziehung zu Visionen der Apokalypse verschwimmen, während sich die hübsche Folk-Melodie langsam in eine Kakophonie aus klirrenden Akkorden, wirbelndem Lärm und menschlichen Schreien verwandelt. Es ist ein überraschendes, beängstigendes und doch irgendwie perfekt passendes Ende für eine Platte, die so todgeweiht ist wie das Leben am Ende selbst. Das mag sich zwar schwer oder deprimierend lesen, ist es jedoch ganz und gar nicht. „Punisher“ ist ehrlich, heftig, extrem melodiös – und der perfekte Soundtrack für dieses oder jedes andere Jahr. Kurzum: ein verdammtes Meisterwerk.

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2. Spanish Love Songs – Brave Faces Everyone

Liebe? Doof. Job? Doof. Finanzielle Lage? Doof. Soziale Kontakte? Doof. Und sonst so? Alles recht beschissen, danke der Nachfrage… Man wünscht Dylan Slocum – wie ja eigentlich jedem anderen Menschen – wirklich, dass er irgendwann seine mentale Gesundheit erlangt, auch wenn das wohl bedeuten würde, dass der Spanish Love Songs-Frontmann dann nicht mehr diese verdammt intensiven, dem eigenen Schicksal trotzenden Loserhymnen zur Selbsttherapie schreibt. Bis dahin macht die fünfköpfige Band aus Los Angeles auf „Brave Faces Everyone“ jedoch exakt dort weiter, wo „Schmaltz“ vor zwei Jahren endete: Sie vertonen seelische Abgründe und verpacken diese in maximal mitreißendem Punkrock, mit dessen gefühlter Intensität sie aktuell allein auf weiter Flur stehen. Zehn Fäuste für ein herzhaftes „Fick dich!“.

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3. Bright Eyes – Down in the Weeds, Where the World Once Was

So wirklich still war es um Conor Oberst nicht in den letzten Jahren – siehe die tolle Platte mit Phoebe Bridgers als Better Oblivion Community Center, siehe das Comeback-Album mit den Radaubrüdern der Desaparecidos, siehe die jüngsten Alt.Country-meets-Indiefolk-Solo-Alben „Ruminations“ und „Salutations“ (ersteres war anno 2016 gar ANEWFRIENDs „Album des Jahres“). Trotzdem durfte man bei all der Umtriebigkeit seine Haupt- und Herzensband Bright Eyes schon ein kleinwenig vermissen… Nun, nach neun langen Jahren, hat sich Oberst endlich wieder mit Mike Mogis und Nate Walcott zusammengetan, und in der Trio-Formation strahlen seine Songs noch heller durch all die Dunkelheit hindurch, die sich seit jeher im Großteil seiner Texte offenbart. Dabei zieht das Dreiergespann alle zur Verfügung stehenden Register, dies ist längst mehr als folkender Indie Rock, es besitzt und besetzt (s)eine eigene Kategorie: Conor-Oberst-Songs eben. Also faszinierende Textkaskaden, betörende Melodien und spirituelle Suche in einem. Dance on through and sing!

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4. Biffy Clyro – A Celebration Of Endings

„Baby, I’m scorched earth / You’re hearts and minds / Fuck everybody! / Woo!“ – ein Album, das mit solchen Worten endet, kann wahrlich kein schlechtes sein… Der dazugehörige Song fasst in gut sechs Minuten zusammen, warum Biffy Clyro seit eh und je eine der spannendsten Rock-Bands sind, die das an spannenden Bands wirklich nicht arme Schottland hervorgebracht hat. All ihre Klangelemente – von hektischen, an frühe Großtaten gemahnenden Rhythmen über mit sanften Strichen gemalte balladeske Klangbilder bis hin zu allumfassendem Pathos – finden sich aber nicht nur in besagtem Rausschmeißer „Cop Syrup“ wieder, sondern clever ausgespielt auf dem gesamten achten Album des Trios um Frontmann Simon Neil verteilt. Präsentiert sich „North Of No South“ zu Beginn als prototypischer Biffy-Clyro-Knüller, hadert „The Champ“ funky und elegant mit der Gegenwart: „A virtual dream and a virtual life / Well, I’m in love with the older kind / A Biblical truth and a cynical lie“. Derlei Beobachtungen ziehen sich zwar durch „A Celebration Of Endings“ und das Album wird außerdem vor dem Hintergrund des Brexit veröffentlicht, explizit politisch ist es jedoch nicht. Dafür aber sehr, sehr gut. Und das nicht nur, weil es wesentlich besser als sein mauer Vorgänger ist, dessen Pop-Exzesse hier lediglich dosiert stattfinden (etwa beim erstaunlich gelungenen Kitsch-Balladen-Ohrwurm „Space“). Mon the Biff!

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5. Kristofer Åström – Hard Times

Alben wie “Northern Blues”, „Loupita“ oder “So Much For Staying Alive” sind tatsächlich schon über eineinhalb Dekaden alt. Doch Singer/Songwriter Kristofer Åström lässt den Sound von damals mit seinem neuen Werk “Hard Times” wieder aufleben, als wären zwischen all diesen Langspielern gerade einmal wenige Wochen vergangen, denn in der Tat wären die acht neuen Songs auch damals schon gut auf diesen ausnahmslos tollen Kleinoden voll skandinavischer Herzschmerz-Melancholie aufgehoben gewesen. 2020 entfalten sie aber noch mal ihre ganz eigene Schönheit, auch wenn der Schwede betont, dass der fürs aktuelle Jahr überaus passende Albumname bereits vor der Corona-Pandemie feststand. Schon im Opener “Inbetweener” leidet der 46-jährige „Scandinavian Cowboy“ hörbar wie eh und je. “In The Daylight” erzählt eine lange vergangene, aber bis heute traumatische Liebesgeschichte. Und auch “Another Love”, das er gemeinsam mit Britta Persson in ein wunderschönes Duett packt, ist berührend und voller Liebeskummer: “The sun don’t shine on me and the night won’t leave me be”. Es sind einmal mehr die kleinen, jedoch schmerzenden Sätze, die so viel ausdrücken: “She kissed me and then she moved on” aus “Then She Moved On” ist nur ein weiteres Beispiel. “Nowhere In Sight” hat ebenfalls diese allumfassende Traurigkeit, mit der sich Åström vor inzwischen sehr vielen Jahren in der Singer/Songwriter-Szene etabliert hat. Glaubt mir: Wer’s liebt, der liebt’s auf Lebenszeit.

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6. Matt Berninger – Serpentine Prison

Jetzt ohne Band. Um sich endlich selbst zu verwirklichen? Eher nicht. Denn auch The National sind ganz Matt Berninger. Und hier wie dort leidet der heute 49-Jährige melodischer und melancholischer als jeder andere. Gewiss ist aber: „Serpentine Prison“, das späte Solodebüt nach acht Alben mit seiner Hauptband, ist viel mehr eine Songwriter-Platte als die letzten National-Alben. Uptempo-Indie-Rock, elektrische Gitarren, elektronisches Klackern, vertrackte Beats: nichts davon findet sich hier wieder. Und dass Berninger sein Mikro aus der Hand gibt, wie zuletzt reihenweise auf „I Am Easy To Find“ etwa an Mina Tindle und Sharon Van Etten, kommt auch nur einmal vor, wenn Gail Ann Dorsey (aus Bowies Band) im Song „Silver Springs“ eine Strophe singt. Stattdessen hört sich „Serpentine Prison“ fast schon überraschend traditionell und, ja, auch klassisch amerikanisch an. Akustische Gitarre, Bläser, irgendwo zwischen Americana und Indie Folk. Feine Klaviermelodien und Streicher bringen Kammerpop mit hinein. Und die bluesig-groovende Orgel im Song „Loved So Little“ geht ganz klar auf das Konto von US-Legende Booker T. Jones, der hier produziert und mitgespielt hat, und so hörbar seinen Sinn für erdig-ehrlichen Soul-Rock und einen klugen räumlichen Blick auf die eher spärlichen Arrangements einbringen kann. „I don’t see no brightness and I’m kind of startin’ to like this“, singt Berninger, ganz Schmerzensmann, in „Oh Dearie“. Das ist nah an der Selbstparodie, und wie er es sich so bequem macht in seinen kontemplativen, traurig-schönen Stücken, glaubt man’s ihm fast. Nach dem verloren flehenden „Take Me Out Of Town“ nicht mehr so. „Where are you, you said you’d be here by now“, fragt jemand. Und garantiert nicht im Titelsong. Leben inmitten von Frustration, Nationalismus, Zynismus – wie geht das? „Serpentine Prison“ schließt – ziemlich großartig – individuelle und kollektive Angst kurz, erzählt von Depression und einer Welt am Rand der Zerstörung. Resignation, Fatalismus? Hilft alles nicht: „I walk into walls and I lay awake / I don‘t want to give it to my daughter“. Dazu spielen Trompete und Mundharmonika. Und spätestens wenn man so samtig-schlichte Songs wie „One More Second“ hört ist klar, warum Berninger ein Soloalbum gemacht hat. Feinster Herbstblues mit Sonnenstrahlen.

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7. Gerry Cinnamon – The Bonny

Überlastete Live-Streams, volle Hallen, ratzfatz ausverkaufte Tourneen (selbstredend in der Vor-Corona-Zeit): Ist Gerard Crosbie, der hinter dem Künstlernamen Gerry Cinnamon steckt, der größte Star, den – hierzulande – (fast) niemand kennt? So ähnlich zumindest wird der Singer/Songwriter gern schonmal vorgestellt. Oder besser der „Sangster-Sangwriter“, wie man es in seiner schottischen Heimat zu sagen pflegt. Cinnamon nämlich singt, wie viele seiner Landsleute auch, keineswegs in feinstem Oxford-Englisch, sondern auf „Glaswegian“, einem Dialekt, der nach der größten Stadt des Landes benannt ist: „Glesga“ (Glasgow). Es ist denn auch dieser Dialekt in Verbindung mit seiner prägnanten Stimme, die den Charme seiner Songs und von „The Bonny“, seinem zweiten Album, ausmachen. Mit rauchigem Gesangsorgan, das mutmaßlich schon in einigen Pubs und vernebelten Clubs erklang, singt der 36-Jährige seine persönlichen Geschichten über Liebe, Hoffnung und Erinnerungen. „Sun Queen“ etwa kommt als lockere Pop-Leichtigkeit daher, die einer verflossenen Liebe gedenkt, deren Namen er, bildlich, in einen Regenbogen schnitzte. „Dark Days“ erzählt vom Entkommen aus dunklen Zeiten. Wenn das Leben ein Spiel und das Glück für Verlierer ist, „dann gewinne ich wieder“ ist da zu hören. Musikalisch ist Cinnamon vornehmlich ganz der spartanischen Instrumentierung verpflichtet: seine Akustikgitarre, Mundharmonika und Stimme bilden den Rahmen der zwölf Songs. Schlagzeug und Bass zimmern ein rhythmisches, teils höchst eingängiges Gerüst für die Songs. „Where We‘re Going“ etwa klingt wie das Beste aus der munteren Pop-Phase von The Cure, „Mayhem“ wie ein sehr starker Non-Album-Song von Travis und das Titelstück nach einer feucht-fröhlichen Nacht an einem schottischen Highland-Lagerfeuer. Trotz aller hörbaren Einflüsse und Querverweise behält der hagere Schotte mit der Oasis-Britpop-Gedächtnis-Topfschnitt-Frisur seine Eigenständigkeit und liefert ein unterhaltsames Album ab, bei dem sich selbst Liam Gallagher zu einem seiner zugegebenermaßen recht seltenen, da diss-freien Komplimente hinreißen lässt: „Ein Top-Mann macht völlig natürliche Sachen.“ Will was heißen, heißt auch was.

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8. Pearl Jam – Gigaton

2020 hätte ein weiteres großes Konzertjahr für die Grunge-Rock-Band aus Seattle werden können, ja: sollen. Dieses neue Album (das erste seit immerhin sieben Jahren), das der Tour den Rahmen und den Anlass gegeben hätte, ist keineswegs unwichtig, aber auch nicht der zentrale Kern der Unternehmung – Pearl Jam würden auch ohne eine neue Veröffentlichung im Rücken die Stadien und die Gelände rund um den Globus füllen. Nun jedoch gab es keine Konzerte, was zur Folge hat, dass „Gigaton“ unerwartet und ungewohnt erhöht auf einem Podest im Raum steht, als exklusiver Beitrag von Eddie Vedder und Co. in diesem (Musik)Jahr. Es ist daher davon auszugehen, dass so manch treuer Fan diese Platte häufiger gehört haben als die soliden Vorgänger. Und die meisten der Hörer werden beglückt festgestellt haben, dass das Gros der zwölf neuen Stücke diesem Anspruch genügt. Die Band erzählt auf „Gigaton“ – vom unerhört funky Vorboten „Dance Of The Clairvoyants“ einmal abgesehen – freilich wenig Neues, aber das ist nun wirklich keine allzu große Überraschung. Was Pearl Jam leisten, ist eine absolut solide Ausdifferenzierung ihrer hinlänglich bewiesenen Könnerschaft. Ein Song wie „Who Ever Said“ zum Beispiel läuft mehr als fünf Minuten lang und verbindet in dieser Zeit Virtuosität und Kraftmeierei, Melancholie und Melodien, Achtsamkeit und Sehnsucht. Viel mehr kann man von massentauglicher, aber nicht stromlinienförmiger Rockmusik nicht erwarten, weder im Jahr 2020 noch vor genau drei Jahrzehnten, als sich die Band gründete. Die „elder statesmen des Grunge“ liefern. 

9. Brian Fallon – Local Honey

Es ist das dritte Soloalbum von Brian Fallon, und mit jedem scheinen The Gaslight Anthem weiter weg. Wenn man sich seine heutigen Sachen und diese lediglich acht um Akustik-Klampfe, Klavier, Bass und Schlagzeug gezimmerten Stücke anhört, kann man sich auch nicht so recht vorstellen, was er bei seiner alten Band noch finden sollte. Die großen Kämpfe der Jugend, der Punk Rock, das unbedingte Drama scheinen vorbei zu sein. „Ich bin 40, habe zwei Mädchen, eine Frau, ein Haus – das ist, was ich heute bin“, sagt er selbst. Die federnde Folkrock-Ballade „When You’re Ready“ hat Fallon denn auch für seine Töchter geschrieben. „In this life there will be trouble, but you shall overcome“, singt er da. Das modern-radiopoppig produzierte „21 Days“ überblendet Sucht- und Beziehungsende, in „I Don’t Mind If I’m With You“ blitzen die alten Dämonen, die gefochtenen Kämpfe noch einmal für Momente auf, im Angesicht der Liebe aber werden sie klein und kleiner. „Horses“ erzählt ebenso von Vergänglichkeit wie von Erlösung ohne Theatralik: „In this life change comes slowly, but there is time to be redeemed“. „Hard Feelings“ ist einer jener Songs, die Fallon noch immer wie kaum ein Zweiter aus dem Ärmel schüttelt: eine Mischung aus hemdsärmeliger Americana und von Nostalgie durchwehter New-Jersey-Romantik, in der immer ein „slow song“ aus einem „baby blue Mercedes“ spielt. Und „You Have Stolen My Heart“ könnte am Ende schon fast wieder eine der Balladen auf „American Slang“ sein. „Local Honey“, das sind Songs über die Zeit, wenn die Jugend vorbei ist und das Alter noch weit weg scheint. Es gehe zu „einhundert Prozent ums Alltagsleben“, so Fallon, „und wenn das mein Leben ist, dann ist es wahrscheinlich auch das vieler anderer Leute.“ Wirklich spektakulär ist hier nichts, langweilig jedoch auch nicht. Ergo: kein „Nebraska“, aber definitiv auch kein Reinfall. 

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10. Beans On Toast – Knee Deep In Nostalgia / The Unforeseeable Future

Jay McAllister aus Braintree ist ohne Zweifel einer der sympathischsten Klampfenbediener der britischen Inseln. Und einer der talentiertesten. Und einer der umtriebigsten. Seit zig Jahren haut der 40-jährige englische Indie-Musiker pünktlichst zu seinem Geburtstag im Dezember ein neues Album unters Hörervolk, auf dem er jeweils aus seinen zurückliegenden Monaten erzählt und in den Songs vom trubeligen Leben um ihn herum berichtet. In selbigen kommt seit einiger Zeit nicht nur seine kleine Tochter vor, sondern auch der wachsende Unmut über soziale Ungerechtigkeiten oder den Brexit. Umso tiefer sollte man seine Kopfkappe ziehen, dass Mr. Beans On Toast all das nicht mit kaltschnäuziger Pumpe tut, sondern mit jeder Menge Witz, Hirn und Herz. Und dass bei einem Teil der doppelten Veröffentlichung dieses Jahres (denn immerhin feierte der Mann ein rundes Wiegenfest) ein gewisser Buddy namens Frank Turner unter die Indie-Arme gegriffen hat, macht das Ganze nun auch nicht weniger sympathisch… Spitzentyp, der Beans!

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…auf den weiteren Plätzen:

BRUTUS – Live in Ghent mehr…

A Burial At Sea – A Burial At Sea mehr…

Deep Sea Diver – Impossible Weight mehr…

Bruce Springsteen – Letter To You

Dogleg – Melee mehr…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Sløtface – „Telepathetic“


Foto: Promo / Jonathan Vivaas Kise

Junge Menschen treibt heutzutage vieles umher – der Klima-Wandel oder zunehmende Rechtsruck-Tendenzen etwa. Hinzu kommen das Zurechtfinden in einer sich immer schneller wandelnden Welt und scheinbar erwachsenen Lebenssituationen, zerbröselnde Liebesbeziehungen sowie die Planung der eigenen Zukunft. „Sorry For The Late Reply“, das bereits im Januar erschienene zweite Studioalbum der Indie-Punker Sløtface, schnappt sich für seinen Titel nicht nur eine Alltagsphrase, die den Zeitgeist junger Erwachsener griffiger kaum fassen könnte, sondern reißt in gleichem Zug eben jene Themenbereiche an, die diese Gesellschaftsgruppe scheinbar in den Wahnsinn zu treiben scheinen. All das packt die Band aus der norwegischen Küsten-Stadt Stavanger in eingängigen Indie-Punk-Rock, der sich an so einigen Stellen herrlich befreiend anfühlt und wohlmöglich auch bei „älteren Semestern“ den Wunsch hervorruft, tanzen zu wollen. Kurzum: Das nahezu perfekte Gitarrenalbum für die „Generation Y„.

Der Sound, den das Quartett um Sängerin Haley Shea auf dem Nachfolger zum 2017er Werk “Try Not To Freak Out” auffährt, ist dabei ebenso vielschichtig wie zumeist dezent poppig. Das mag zu großen Anteilen an Odd Martin Skålnes liegen, der etwa bereits an Sigrids Hit-Single „Don’t Kill My Vibe“ werkelte und der Band als Produzent zur Seite stand. Gleich das Eröffnungs-Dreiergespann aus „S.U.C.C.E.S.S.“, „Telepathetic“ und „Stuff“ setzt auf drei so schmissige Refrains, dass es fast schon frech erscheint, wie sehr sich die Songs bereits nach wenigen Durchgängen in den eigenen Kopf fressen. Die auf Hit getrimmte Ausarbeitung der Aufnahmen kommt gerade in den Strophen von „Stuff“ zur Geltung: Der Beat klingt nahezu programmiert, der Bass übernimmt in leicht angespactem Sound das Ruder und die Gitarre steuert zumeist lediglich kleine Blues-Licks bei. Solche Spielereien sind so banal, dass sie erst im Zusammenwirken mit den anderen drei Instrumenten ihre volle Durchschlagkraft entfalten.

Trotz aller Eingängigkeit sind die Songs im Kern und Herzen jedoch immer Punk. Das spiegelt sich freilich vor allem in den flotteren Stücken wider. So wird „Crying In Amsterdam“, bei dem flottes Tempo auf Lo-Fi-Produktion und Fuzz-Gitarren trifft, von einem elektrifizierenden „Yeah“-Ausruf eingeleitet und zieht das Tempo mit seiner knarzenden Bass-Line und flottem Beat alsbald entsprechend an. Der niedliche Garage-Rocker „Tap The Pack“ treibt wenige Minuten zuvor mit angecrunchten, in den richtigen Momenten aber knarzenden Gitarren befreiend nach vorn. Auch fein: „Nancy Drew“ mit seinem Death From Above-Bass. Dabei versieht die Band ihre Songs stets immer mit einem Fünkchen Pop à la Ash, The Wannadies oder Green Day.

Auch die Texte von Sløtface (die in ihren Anfangstagen als „Slutface“ umher tingelten) verankern sich tief im Punk Sub-Genre, sind zwar selten direkt politisch, dafür stets politisiert. So zieht Frontfrau Haley Shea mal über soziale Ungerechtigkeiten und den Leistungsdruck westlicher Gesellschaften her („S.U.C.C.E.S.S.“), seziert später die monotone Natur der Routine („Telepathetic“) und behandelt schlussendlich auch den mensch-gemachten Wandel unserer Umwelt („Sink Or Swim“). Gerade letztgenannter Song könnte mit Zeilen wie „It’s not politics, it’s sink or swim“ oder „It’s too warm for October“ sowie seinem eingängigen Sound fast schon zur kommenden Hymne der juvenilen „Fridays For Future“-Bewegung mutieren.

Die zurückgenommene Indie-Ballade „New Year, New Me“ wiederum wendet sich mehr dem „Ich“ als Objekt zu und reflektiert jene Neujahrsvorsätze, die eh nie-nie-niemals eingehalten werden. In Sheas Worten heißt das dann: „‘New year, new me‘ is the greatest lie I always tell myself.“ Ertappt? „Laugh At Funerals“ dahingegen nähert sich einer anderen unangenehmen Situation, nämlich dem Zusammentreffen von Verwandten und Freunden, wenn Familienmitglieder versterben. Passend zu seiner emotional aufgeladenen Thematik entlässt der Song gen Ende seine Spannung in einem instrumentalen Ausbruch. Im Anschluss nimmt „Static“ einen jedoch schon wieder bei der Patschehand und schleppt einen mitsamt unverschämt tighter Bass-Linie auf die Indie-Tanzfläche (so diese denn nach Ende des Corona-Lockdowns wieder freigegeben wird).

All diese Erlebnisse machen viele junge Menschen im Laufe des Erwachsenwerdens durch. Mehr noch: Diese Sorgen – die Angst vor den Folgen der Klima-Katastrophe, dem gesellschaftlichen Druck, einem gewissen Standard entsprechen zu wollen – scheinen mittlerweile ein fester Teil des Heranwachsens geworden zu sein. Sløtface bieten auf ihrem Zweitling gerade jenen Gedanken eine Plattform. Und wo andere nur hohle, stylish gereimte Phrasen singdreschen, lässt das Quartett auf kritische Worte auch Taten folgen, beteiligte sich in ihrer Heimat an Aktionen zum Weltfrauentag und spielte etwa für das Musikvideo zu ihrem Song „Sponge State“ (von der gleichnamigen 2016er EP) illegal auf einem Berg in Førde, wo sich zeitgleich eine Aktivistengruppe an Maschinen eines großen Bergbaukonzerns kettete, der Abfälle in den Fjord kippt. Bei solch einer Nähe zum alltäglichen Leben überrascht es keineswegs, dass die Band in der Vergangenheit für ihr Debüt und ihren unverschämt eingängigen Glitter-Punkrock nicht nur das Grammy-Äquivalent ihres Heimatlandes, den „Spellemann„, in Empfang nehmen durfte, sondern sogar bereits in der erfolgreichen Coming Of Age-Netflix-Serie „Sex Education“ Erwähnung fand. Denn – ja – gerade solche Themen treiben Millennials nämlich umher…

(Wem übrigens die etwas ruhigere Seite von Sløtface mehr zusagt, dem sei das unlängst in tourneefreier Quarantäne entstandene und im Oktober veröffentlichte Quasi-Akustikalbum „the slumber tapes“ wärmstens empfohlen…)

Rock and Roll.

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Song des Tages: Hooligans Gegen Satzbau – „Keine Angst“


Die Hooligans gegen Satzbau (#HoGeSatzbau) sind eigentlich als Netz-Aktivist(innen) bekannt, die sich seit einigen Jahren in den sozialen Medien gegen rechte und andere (Cov)Idioten einsetzen – man denke etwa an ihren humorig-augenzwinkernden Brief an Reichsschwurbler Attila Hit… ähm Hildmann. Jetzt macht die Anti-Nazi-Satire-Bande, deren oberstes Motto seit eh und je „Stets politisch, nie parteiisch.“ ist, auch Musik – und bekommt dabei nicht von ungefähr eine ganze Menge prominente Unterstützung.

Der vordergründige Zweck wird schnell klar: Anlässlich eines vollkommen irren Jahres 2020, das so ziemlich jede(n) von uns bereits in irgendeiner Weise bis an den Rand der Verzweiflung und Angst gebracht haben dürfte, möchten die „Hools“ den Menschen wieder etwas Mut zusprechen. Und haben sich dazu einiges an bemerkenswerter Unterstützung an Bord geholt.

In dem von Olli Bockmist (Band ohne Anspruch) produzierten „Power-Pop-Rock-Song“ der „Hools“ geben sich so einige aus Deutschrock- und Deutschpunk-Gefilden bekannte Künstler die musikalische Klinke in die Hand. Mit dabei sind: Jan Plewka (Selig), Vito C. (J.B.O.), Tiger Lilly Marleen (Bonsai Kitten), Max Buskohl, Band ohne Anspruch, Julia Gámez Martín (Suchtpotenzial), Eugen Balanskat (Die Skeptiker), Kai Lüftner, Bluthund, Banda Internationale und die älteste Newcomerband Deutschlands – Elfmorgen.

Zusätzlichen Support erhält der stilistisch recht breit aufgestellte Gute-Laune-Mutmache-Vierminüter im dazugehörigem Musikvideo unter anderem durch über 120 Fans der „Hools“: Farin Urlaub und Bela B. von Die Ärzte (Aus Berlin! Auuuus Berlin!), Klaas Heufer-Umlauf, Ole Plogstedt, Radikale Töchter, Uli Sailor (Tusq, Terrorgruppe), Stephan Anpalagan, Tom Laschyk (Volksverpetzer), Giulia Silberberger (Goldener Aluhut), Ali Can, u.v.a. 

„Wir freuen uns wahnsinnig darüber, dass wir so viele tolle Leute, prominent oder unbekannt, für unsere Idee begeistern konnten, die uns dabei helfen, zu kaschieren, dass wir selbst gar nicht singen können“, feixen sich die „Hools“ ins Fäustchen. Am Ende – und da ist’s plötzlich recht egal, ob einem das entstandene Stück wirklich zu 100 Prozent zusagt – geht es nämlich um eine wirklich gute Sache: Der komplette Gewinn des Songs kommt „EXIT-Deutschland„, einem Aussteigerprogramm für Neonazis, zugute.

Veröffentlicht wurde das Stück über das Label Bockmist Räcordz und ist auf allen gängigen Musikportalen sowie exklusiv über die HoGeSatzbau (www.hogesatzbau.de/keineangst) und den Labelshop zu beziehen.

Rock and Roll.

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Song des Tages #1: DONOTS – „Merry Christmas (I Don’t Want To Fight Tonight)“


Die fünf Ibbenbürer Punkrocker von den DONOTS haben zur Weihnachtszeit „Merry Christmas (I Don’t Wanna Fight Tonight)“ von den Ramones gecovert. Und das nicht allein: CJ Ramone, zwischen 1989 und bis zur deren Auflösung im Jahr 1996 Mitglied der New Yorker Punk-Legenden, unterstützt sie auf dem Song, genau wie Cecilia Boström, Sängerin von The Baboon Show.

„Wir sind wahnsinnig happy, dass eine weitere Donots-Schnapsidee den direkten Weg an die Theke getorkelt ist… und dass wir einen Ramones-Song mit einem Ramone und einer Baboon zusammen aufnehmen durften, einfach weil es uns allen Spaß gemacht hat“, freuen sich Ingo Donot und Band im dazugehörigen Statement. Der Song ist ab sofort überall digital erhältlich. Erst in der vergangenen Woche hatte die deutsche Punkrock-Band, die bereits seit Mitte der Neunziger die Bühnen hierzulande unsicher macht, ihr erstes richtiges Livealbum „Birthday Slams (Live)“ veröffentlicht, dessen Erlöse ihrer Live-Crew zugute kommen sollen.

„‚Das erste DONOTS Weihnachtslied?’… oder: Spontane Ideen sind doch immer irgendwie die besten. Neulich im Proberaum ist uns aufgefallen, dass ‚Merry Christmas (I Don’t Want To Fight Tonight)‘ von den legendären Ramones wohl eines der einzigen Weihnachtslieder ist, die man auf Lautstärke 100 anschmeißen darf, ohne dabei rot zu werden.

Vielleicht war’s danach ein Glühwein zu viel, aber im nächsten Moment hatten wir schon die Instrumente in der Hand und einen Heidenspaß daran, genau diesen tollen Song zusammen zu spielen. Und einen weiteren Punsch on top haben wir rumgesponnen, dass es doch noch großartiger wäre, den Hit gemeinsam mit unserem Kumpel CJ von den Ramones (VON den Ramones!!!) aufzunehmen und dem Ganzen mit einer der wunderbar dreckigsten Frauenstimmen Schwedens, nämlich Cecilia von der famosen Baboon Show, die Xmas-Rotze-Krone aufzusetzen.

Tja, was sollen wir sagen? Dieses Weihnachtsgeschenk haben wir uns UND Euch gemacht und jetzt liegt’s hier wirklich frisch aus dem Studio unter der Blinketanne – mit beiden Gästen an den Mikrofonen covern wir DONOTS ‚Merry Christmas (I Don’t Want To Fight Tonight)‘ von den ehrwürdigen Ramones – und ihr könnt euch das ab genau jetzt überall anhören.

Wir sind wahnsinnig happy, dass eine weitere DONOTS Schnapsidee den direkten Weg an die Theke getorkelt ist… und dass wir einen Ramones Song mit einem Ramone und einer Baboon zusammen aufnehmen durften, einfach weil es uns allen Spaß gemacht hat.

Hört doch mal rein! Auf Lautstärke 100.

Happy Holidays und Ho Ho Ho Hu Ha!

Eure DONOTS“

(Allen, die abseits der gängigen „Ihr Kinderlein kommet“- und „O Tannenbaum“-Pfade nach etwas weihnachtlichem Gefühl suchen, sei übrigens diese simpel „50 alternative Weihnachtslieder um das Fest zu überleben“ betitelte Liste von testspiel.de ans Hörerherz gelegt… Eventuell ist ja der ein oder andere Song nach eurem Gusto dabei.)

Rock and Roll.

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