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Song des Tages: Norbert Buchmacher – „Die Ballade von Willi und Walther“


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Foto: Robin Disselkamp

Aus gegebenem Anlass – wer sich die aktuellen Bilder der Unruhen in den Staaten von Amerika (das „Vereinigte“ scheinen sie derzeitig gut und günstig via eBay Kleinanzeigen verramschen zu wollen) anschaut, der weiß wohl recht schnell Bescheid – soll einmal mehr Norbert Buchmacher zu Wort kommen.

norbert-buchmacher-habitat-einer-freiheit-201828Regelmäßige Leser von ANEWFRIEND werden sich vielleicht vage in den Juni des vergangenen Jahres zurück erinnern, als der Berliner Musiker und sein aktuelles Album „Habitat einer Freiheit“ (das gibt’s derzeit als „name your price“ via Bandcamp, also hat wohl niemand von euch auch nur noch irgendeine Ausrede, da nicht reinzuhören!) hier vorgestellt wurden. Auf ebenjenem Werk findet sich auch der Song „Die Ballade von Willi und Walther“, in welchem Buchmacher im Stil von Brechts Dreigroschen-Oper auf rassistische Tendenzen innerhalb der deutschen Polizei aufmerksam macht – ein Stück, welches in diesen Tagen aktueller, wichtiger und zeitgeistiger denn je erscheint, und allen, die noch immer keinen Wind von all den Missständen da draußen bekommen haben, zu denken geben sollte…

 

Via Facebook teilte Norbert Buchmacher heute ein Kunst-Grafik des vor ein paar Tagen durch Polizeigewalt getöteten Afroamerikaners George Floyd (welche ihr auch weiter unten seht) sowie folgende Zeilen:

„In der Buchmacher-Welt seht ihr hier einen weiteren Willi. Manche Menschen mögen sich fragen, was damit gemeint ist. Wer sich jedoch intensiv mit uns befasst und auch nur ansatzweise Wert auf lyrische Inhalte legt, der wird ‚Die Ballade von Willi und Walther‘ verstanden haben. Denn in diesem Song geht es genau um das aktuelle Thema. Das ungerechte Behandeln und grundlose Morden von unschuldigen Menschen, welche einen anderen Hautton haben als die Herren in der Uniform. Die Menschheit kämpft nicht erst seit gestern mit diesem Problem und es scheint kein Ende in Sicht zu sein. Freund und Helfer sagt man. Das mag in vielen Fällen zutreffen, jedoch verliert diese Bezeichnung immer mehr an Bedeutung. Der Missbrauch von Macht und potentieller Überlegenheit rückt in den Vordergrund und sorgt immer wieder für Zündstoff. Solange Menschen diskriminiert und misshandelt werden, sollten wir als Künstler jede Möglichkeit nutzen die Faust zu heben und auch ein Mikrofon eignet sich doch bestens dafür 😉 Wir machen vielleicht Pop-artige Musik, aber wir sind im Herzen immer noch Punks und das wird sich auch nie ändern. Wem wir immer noch ein Rätsel sind, der darf sich gerne mit belangloser deutscher Pop Musik befassen, da muss man nicht so viel denken, right? Wir machen diese Musik, weil es Dinge gibt, die einfach gesagt werden müssen. Wir sehen es als unsere Pflicht, das Mikrofon für mehr als schöne Melodien zu nutzen. ‚Die Ballade von Willi und Walther‘ ist unser Soundtrack zu den aktuellen Geschehnissen und so schnell wird sie nicht aus unserem Set verschwinden.“

 

 

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Rock and Roll.

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Song des Tages: Trixsi – „Wannabe“


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Foto: Lucja Romanowska

Anfang 2019 brodelt es im Hamburger Punkrockindie-Untergrund: Unter dem Namen Trixsi stehen erst in der Astra Stube, dann wenige Wochen später im Molotow fünf Gestalten auf der Bühne, die an anderer Stelle bereits für Aufmerksamkeit gesorgt hatten. Als „Zusammenrottung Hamburger Gewohnheitstrinker“ beschreibt sich das Kollektiv, das man mit etwas mehr Superlativ im Sinn schlicht und ergreifend auch „Indie-Supergroup“ nennen könnte. Am Mikrofon steht nämlich Jörkk Mechenbier, bekannt für seine Aktivität als Sänger von Love A sowie Schreng Schreng & La La, hinter ihm bauen sich Paul Konopacka und Torben Leske von der Indie-Band Herrenmagazin an Schlagzeug und Gitarre auf. Außerdem sind Kristian Kühl von Findus an der Gitarre und Klaus Hoffmann von Jupiter Jones am Bass dabei. Dass diese Namen spannende Musik verheißen könnten, dachte sich wohl auch das renommierte Label Glitterhouse Records und nahm die Gruppe deshalb im vergangenen Jahr noch auf der Bühne des Orange Blossom Special Festivals unter Vertrag.

139664Ebenfalls 2019 standen dann bereits die ersten beiden Songs von Trixsi zum Streamen bereit: „Ab Morgen“ und „Trauma“ geben einen wunderbaren Einblick in eine Welt, die von eingängigem Indie-Punk, melancholisch-treibenden Gitarrenriffs und kritisch-humoristischen Texten geprägt ist. Sänger Jörkk Mechenbier, seines Zeichens ohnehin seit Jahren einer der Lieblingskrakeler vieler Deutsch-Punks, scheut sich keineswegs, das Ganze einfach „Deutschrock“ zu taufen und erklärt: „Torben besteht darauf, dass wir eine Rockband sind. Warum nicht? Deutschrock ist ja besser als sein Ruf. Deutschrock scheitert nur daran, dass die Leute keine Subkultur und keinen gesellschaftskritischen Auftrag haben, wohingegen wir ja wegen unserer Weltanschauung und politischen Haltung überhaupt erst angefangen haben Musik zu machen.“

Umso schöner, dass der hanseatische Gelegenheitstrinker-Fünfer auch in den letzten Monaten auch in den letzten Monaten nicht ganz untätig war, wie wir nun hören dürfen: „Alles für’n Arsch in der Wannabe-Demokratie / Die Jungen sterben online, die Alten sterben nie“ stellt Jörkk Mechenbier mit gewohnt meckernd-keifender Stimme in der neuen Single „Wannabe“ fest. Zusammen mit dem begleitenden Musikvideo, das von Regisseurin Lucja Romanowska umgesetzt wurde (die Dame ist nebenbei auch verantwortlich für alle Band-Fotos), bildet der Song die erste Auskopplung aus dem Trixsi-Debütalbum „Frau Gott„, das am 26. Juni – freilich bei Glitterhouse Records – erscheinen soll. Gespannt? Wie ein Flitzebogen!

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Fake Names – „Brick“


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Das die letzten Jahre mehr und mehr zum Trend gewordene „Gründen einer Supergroup“ (zumindest darf man’s gern subjektiv so wahrnehmen) hat nun ein weiteres gelungenes Beispiel hinzu bekommen, denn mit Fake Names besteht die nächste Band durchweg aus gestandenen Musikern. Da hat doch die Welt drauf gewartet, oder? Well…

Von Brian Baker (Minor Threat, Dag Nasty, Bad Religion) und Michael Hampton (SOA, Embrace, One Last Wish) – man kann von den beiden aufgrund ihrer Fußstapfen im US-Westcoast-Hardcore mit Fug und Recht von „Legenden“ schreiben – im Jahr 2016 ins Leben gerufen, holte man sich zusätzlich noch Bassist Johnny Temple (Girls Against Boys, Soulside) und Refused-Frontmann Dennis Lyxzén für den Gesang mit ins Boot. Die ersten drei sind alte Schulfreunde, letzterer, der als großer Fan von Minor Threat und Embrace nicht lange überlegen musste, hat mit dieser neuen Combo bei nun schon sage und schreibe zwölf Bands seine Handschrift hinterlassen, von denen man – nebst Refused freilich – am ehesten noch The (International) Noise Conspiracy, The Lost Patrol oder deren jüngste Inkarnation INVSN kennen dürfte.

500x500 KopieKlar, für Bands dieser Art geht es natürlich oftmals auch darum, der Erwartungshaltung dessen, was da nun kommen müsste, in gewissem Maße gerecht zu werden. Fake Names treten mit „All For Sale“ und „Driver“, den ersten beiden Nummern des gerade einmal knapp halbstündigen Debüts, der Sache recht entspannt entgegen. Unaufgeregte Midtempo-Nummern, die jedoch mit jedem Hördurchgang ein wenig wachsen. Das Duo Baker / Hampton harmoniert sofort – kaum verwunderlich, da sich die beiden eben schon seit Grundschulzeiten kennen. Um es reduziert zu halten, gaben die beiden Gitarristen lediglich eine einfache Maxime aus: keine Effektpedale.

„It’s two lead guitar players who really know how to work together, with such an incredibly fluid meshing of their individual styles.“ (Johnny Temple)

An Fahrt nimmt das Album dann mit „Being Them“ und der ersten Vorab-Single „Brick“ auf. Klassische Punk-Rock-Nummern, von denen man mit dem abschließenden „Lost Cause“ auch noch eine weitere findet, die man so auch auf einem der letzten Bad Religion-Alben hätte erwarten können – wenig verwunderlich also, dass Bakers Bad-Religion-Bandkollege Brett Gurewitz, den die Band als erstes in ihre Demo-Songs reinhören lässt, die vier für sein Label Epitaph unter Vertrag nimmt. Musikalisch experimenteller geht es hingegen bei „Darkest Days“ oder „Heavy Feather“ zu, bei dem auch der fast zu erwartende Synthesizer zum Einsatz kommt, schließlich steckt das Quartett stilistisch knietief im Achtziger-Punk-Rock. Die weiteren Songs wie „First Everlasting“, „This Is Nothing“ und „Weight“ sind allesamt recht poppig wie melodisch gehaltene Tracks, die ihre Aufwertung in einem perfekten Gitarrensound und einer wiedermal herausragenden Gesangsleistung von Dennis Lyxzén finden (wobei letzteres auch die Hellacopters geschrieben haben könnten).

„Dennis fit right in with us, he’s a great singer and his ears were tuned to the kind of music all our bands were making back in the ’80s, so he knew exactly what to do. All of it made sense of immediately.“ (Brian Baker)

Letztlich ist Fake Names mit ihrem selbstbetitelten Debüt ein kompaktes, lupenreines und dezent hitlastiges Punkrock- und Power-Pop-Album mit leichten Classic-Rock- und frühen UK-Punk-Einschlägen gelungen, welches im Sinne der ersten musikalischen Schritte seiner Protagonisten auf jegliche Effekthascherei verzichtet. Dass all das nicht zu angestaubt gerät, verhindert nicht zuletzt Dennis Lyxzén, der zwar – wie sollte es anders sein – gewohnt scharfzüngig gegen das verdammte kapitalistische System wettert, dabei aber so frisch klingt, als hätte der schwedische Vorzeige-Revoluzzer sich das rote Buch, in dem er im wütenden Mini-Hit „Brick“ die Feinde der Revolution festhält, gerade erst zugelegt. Freilich, wirklich „gebraucht“ hätte es diese All-Star-„Supergroup“ kaum. Da aber auch die wenigsten von uns die Frage nach einer Runde Freibier mit guten Freuden an einem lauen Sommerabend am See mit einem entschiedenen „Nein“ beantworten würden, wäre nun auch das geklärt…

 

 

Hier gibt’s das gerade einmal 28 Minuten kurze Punk-Rock-Vergnügen im Stream:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Dogleg – „Kawasaki Backflip“


Kris-Hermann

Ganz zum Schluss, als alles bedauerlicherweise schon wieder vorbei ist, packen sie die Streicher aus. Dann geht der Closer „Ender“ voll Anmut und Eleganz von der Bühne. Mir nichts, dir nichts. Als ob nix gewesen wäre. Die Bühne nämlich kann als solche kaum mehr bezeichnet werden. Wenn diese außergewöhnlichen 35 Minuten und 40 Sekunden zwischen laut und lauter schlussendlich den letzten Ton ausgespuckt haben, liegt alles erstens kreuz und quer in Trümmern und zweitens man selbst schweißgebadet und für längere Zeit tief beeindruckt irgendwo am Boden (so man denn nicht längst einem Votum der Ärzte – Aus Berlin! Auuuuus Berlin! – zum Opfer gefallen ist). Doch der Reihe nach: Dogleg, das ist ein Quartett aus Detroit, Michigan, dessen Sänger Alex Stoitsiadis wohl sein nicht recht junges Leben dafür geben würde, nochmal mit Fugazi oder Crash Of Rhinos touren zu dürfen, der aber zugleich Bock auf The Strokes, Modest Mouse, At The Drive-In oder Jawbreaker hätte. Eigentlich klar, dass die Band ihr kürzlich erschienenes Langspieler-Debüt „Melee“ irgendwo in diesem nicht eben kleinen Spannungsfeld, zu dem unbedingt und überhaupt und sowieso und gern noch …And You Will Know Us By The Trail Of Dead, Cloud Nothings oder Japandroids gezählt werden sollten, platziert…

Melee_DoglegAllerdings: Allein der großartig garagenrockende Opener „Kawasaki Backflip“ nimmt – bei aller Fülle – lasche Positionsbestimmungen wie eben diese, schleift sie ein paar Mal durch den in Stoitsiadis‘ Haus aufgenommenen und selbstverständlich in weltbester DIY-Manier selbstproduzierten, über alle Genregrenzen erhabenen Punk Rrrrrrrrock – und lächelt jedes Attribut lässig riffend weg. Und man selbst? Hat wieder treffsicher am Ziel vorbei beschrieben und ist dem punktgenau gelandeten Zweieinhalbminüter dabei doch in keinster Weise gerecht geworden. Man kann natürlich lang und breit darüber sinnieren, dass „Melee“, der Nachfolger zur 2016er „Remember Alderaan? EP„, klingt wie ein wild durcheinander stiebendes Pogoknäuel aus The Get Up Kids, Shook Ones, Joyce Manor und Crash Of Rhinos, dass man seit Spanish Love Songs‘ noch immer hervorragendem Zweitling „Schmaltz“ nicht mehr so dermaßen viel Dringlichkeit in einem Album gehört hat, dass man manchmal wartet, ob nicht bald jemand We won’t stand for hazy eyes anymore! über die Songs skandiert und dass man Schwierigkeiten mit der sich aufdrängenden Frage hat, ob man hier denn jetzt Punk, Post Hardcore, (Midwest-)Emo oder doch irgendwie Indie Rock über das Dargebotene kritzeln soll.

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Man kann aber auch die imaginäre Referenzhölle einfach einfrieren. Weil ein Song wie „Prom Hell“ schlicht und ergreifend viel zu gut ist, um überhaupt irgendwelchen Vergleichen standhalten zu müssen – Newcomer-Band hin oder her. Von der ersten Sekunde an ist da so viel an unwiderstehlicher Melodie im Spiel, schiebt da später ein nervöses Schlagzeug den Song nach vorne, baut sich konsequent die Spannung auf, bis das Stück vor Kraft kaum noch laufen kann und sich mit allerlei Glanz, Gloria, Krawall und Remmidemmi ins Ziel eskaliert. Herrschaftszeiten, was für ein wilder Gangshout-Ritt! Den die Band jederzeit zu wiederholen in der Lage ist. Man nehme nur das unmittelbar folgende „Fox„, das sich ein feines Mäntelchen aus Hitpotential umhängt, mitsamt ausladendem „Hey!“-Geschrei die Beine in die Hand nimmt und im Finale einmal mehr der hemmungslos-juvenilen Raserei fröhnt. Auf Hörerseite machen sich da zwar keine Verschleißerscheinungen, jedoch wohl die ersten Konditionsprobleme bemerkbar, während man gleichsam in freudigem Entsetzen feststellt, dass noch nicht einmal die Hälfte von „Melee“ den autonomen Indierockschuppen-Boden mit einem aufgewischt hat.

Tatsächlich sind Alex Stoitsiadis (Gitarre, Gesang), Parker Grissom (Gitarre), Chase Macinski (Bass, Gesang) und Jacob Hanlon (Schlagzeug) so freundlich, mit „Headfirst“ zumindest das Tempo ein kitzekleines Stück weit in moderatere Gefilde zu drosseln. Weniger intensiv wird es jedoch keinesfalls, wenn Stoitsiadis alles andere als optimistisch „Time will let you down“ über das dichte Songgeflecht leidet. Und wenn „Cannonball“, welches tatsächlich zum ersten Mal eine Akustikgitarre klingen lässt, das Feld mit viel Dynamik und tatsächlich noch mehr Dramatik für das große Finale bestellt, kann man schon ganz genau einschätzen, womit man es bei „Melee“ zu tun hat – und ist entsprechend (halbwegs) bereit für diesen Irrwitz von Schlusspunkt, den „Ender“ dann setzt. Von der ersten Sekunde an fliegt da alles wüst durcheinander, wird einigermaßen sortiert, in neue Formen und schließlich sogar für einige Momente zur Ruhe gebracht, nur um Stück für Stück wirklich alles an Emotion, Pathos und Leidenschaft in einen furiosen Parforceritt zu werfen, was unter Aufbringung sämtlicher letzter Reserven verfügbar scheint. Und man hofft, Dogleg, diese noch so junge Band, die optisch auf Milchbubi-Nerds macht und auch schonmal einen Song nach einem Pokémon benennt („Wartortle“), mögen bitte, bitte niemals aufhören. Und dann? Packen sie die Streicher aus. Und das Herz, es schlägt. Für einen wilden, lauten, ungeschliffenen, leidenschaftlichen potentiellen Meilenstein. Gern weitersagen!

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Muff Potter – „Was willst du“


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Wohl auch dem aktuell flächendeckend fremdverordneten Corona-Hausarrest sei Dank kehren Muff Potter recht unverhofft mit neuer Musik zurück: „Was willst du“, der erste neue Song der Punkrocker seit elf Jahren, gibt es ab sofort im Stream zu hören. Dabei sollte der eigentlich jetzt noch gar nicht erscheinen…

„Was willst du“ nimmt dabei den Faden dort wieder auf, wo ihn Muff Potter vor elf Jahren mit ihrem bislang letzten Album „Gute Aussicht“ nebst den abgeranzten Punkrock-Lederkotten gehängt hatten. Die Platte war damals ein faszinierender Zweiklang aus ohrwurmigem Indie-Pop und deutschrockender Sperrigkeit, der neue Song kennt den alten Punkrock der Band ebenfalls nur als Option, fließt eher post-punkig melancholisch, fast indierockig konzentriert dahin – „Eiskunstlauf ohne Ton“, aber abgewogener, mit einem Hauch von Altersweisheit, wenn man so mag.

c6588956-3cd7-46a3-8c05-608d77877e5cDazu singt Sänger Thorsten „Nagel“ Nagelschmidt – der 43-Jährige ist mittlerweile unter die Schriftsteller gegangen, hatte bereits 2007 sein erstes (und meines Erachtens großartiges) Buch „Wo die wilden Maden graben“ veröffentlicht, am 29. April erscheint nun sein neuer, bereits fünfter Roman „Arbeit“ –  Fragmente, die von Selbstzweifeln und dem Abgehängtsein handeln, vom Status Quo in einem ungerechten Land, und landet bei einem Refrain, aus dem zwischen den Zeilen einmal mehr Mitgefühl und die Aufforderung zur Selbstermächtigung sprechen: „Was hast du / Was willst du / Denn?“. In guter „Punkt 9“-Tradition hat Nagel dabei freilich auch den Aufstieg der Rechtspopulisten im Blick: „Ein schwacher Staat / Ein starker Mann / Ein großes Maul, ein falsches Kreuz, ein dummes Land/  Und eines Tages wird das alles hier / Nicht mehr mir gehör’n“ heißt es da, und kurz darauf: „Wer arm auf diese Welt kam, geht auch arm ins Grab“. Gegen Ende schwellen die Instrumente an, Frauenstimmen stoßen dazu.

Seliger Frauenchor stammt übrigens von Uta Bierbaum und Sonja Deffner, letztere hat auch das Single-Artwork entworfen und dafür in bester Punk-DIY-Manier auf ein Foto aus Nagels Reihe „iPhone Accidents“ zurückgegriffen. Produziert wurde „Was willst du“ von Muff-Potter-Gitarrist Dennis Scheider, der Song ist ab sofort digital über das bandeigene Label Huck’s Plattenkiste im Vertrieb von The Orchard erhältlich.

„Im Dezember 2019 schlossen wir uns für sechs Tage auf dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde ein, um herauszufinden, ob wir noch zusammen neue Musik machen können oder wollen“, schreibt Nagel zum Entstehen des neuen Songs und erklärt dann auch, warum der nun ohne Album, Tour oder sonstigen Rahmen für sich erscheint: „Eine zweite Session war für April angedacht. Wegen der aktuellen Situation kann diese nun leider nicht stattfinden, so dass wir uns entschlossen, stattdessen einen der im Dezember entstandenen Songs JETZT SOFORT aufzunehmen und JETZT SOFORT zu veröffentlichen. Außergewöhnliche Umstände, außergewöhnliche Maßnahmen usw usf, Sie wissen schon. Es tut gut, sich in diesen seltsamen Zeiten als handlungsfähig zu erleben, und der Zeitpunkt erschien uns richtig.“

Muff Potter waren im Sommer 2018 nach fast neun Jahren Bandpause mit einem kurzen Festival-Gig wieder in Erscheinung getreten, dann Anfang 2019 mit umjubelten, ausverkauften Comeback-Konzerten vollends auf die Bühne(n) zurückgekehrt und hatten auch Sommerfestivals sowie weitere Shows gespielt, unter anderem mit ihren alten Buddies Hot Water Music. Neue Musik hatte es damals nicht gegeben, es war lediglich die Raritäten-Compilation „Colorado“ neu erschienen, außerdem gab es Vinyl-Reissues fast aller Alben der Band. Ob Muff Potters neue Single ein Vorbote eines neuen Langspielers ist, ist noch nicht offiziell bekannt. Gewesen sein soll es das damit aber offensichtlich (noch) nicht: Zeitgleich mit der Veröffentlichung von „Was willst du“ hat die Münsteraner Band nun auch eigene Facebook- und Instagram-Accounts gelauncht.

 

 

Rock and Roll.

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Punk Rock these days…


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(gefunden bei Facebook)

 

Macht das Greg Graffin, Brett Gurewitz und Co. dann automatisch zu Dad-Rockern? Schließlich gehen die LA-Punkrocker – Hymnen wie „Sorrow„, „Punk Rock Song“ oder „Infected“ und sozialkritischer Text-Biss hin oder her – ja bereits stramm auf die kahlköpfigen Sechzig zu…

 

Rock and Roll.

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