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Song des Tages: Moddi – „Punk Prayer“


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„Unsongs is a collection of songs that have, at one stage, been banned, censored or silenced. The attempts to suppress them were as mild as an airplay ban and as brutal as murder.

The idea for the album came when I learned about officer Eli Geva, who refused to lead his forces into Beirut during the Lebanon war in 1982. The song about Eli Geva, sung by the famous Norwegian songstress Birgitte Grimstad, had never been released due to being ‘too provocative at the time’.

I was amazed to discover that one short song could convey so much history – and still be unheard. Fired with inspiration, I started looking for similar stories, banned and silenced songs from around the world, in hope that I might find other voices that deserved to be heard.

The result of this process is Unsongs. The new album contains translated and reinterpreted music from countries as different as Russia, Mexico, Palestine, Norway and England. Many of the writers who penned the songs are still imprisoned or exiled. Some were killed, like the Chilean folk legend Víctor Jara and the Algerian rebel singer Lounès Matoub.“

 

Das hat Pål Moddi Knutsen – vielen besser bekannt als lediglich unter seinem Zweitnamen auftretender Künstler – zu seinem neusten, vierten Album „Unsongs“ zu sagen. Und: Ja, die Geschichte des Protestsongs ist älter als die der Pop(ulär)musik selbst. Viel älter. Denn lange bevor sich Künstler und Bands wie Rage Against The Machine, M.I.A., Pussy Riot, The Gossip, PJ Harvey, Louise Distras oder Feine Sahne Fischfilet (um auch eine deutsche Band aus Punk-Gefilden zu nennen) mit erhobener Faust lautstark gegen das vorherrschende Establishment positionierten, gab es Musiker, ohne die all das wohl kaum denkbar gewesen wäre: Woody Guthrie etwa, freilich Bob Dylan oder Joan Baez, natürlich Billie Holiday oder der ewig aufrecht links stehende Brit-Barde Billy Bragg. Die Geschichte des modernen Protestsongs ist so alt wie das Nicht-Einverstandensein mit sozialen Missständen.

moddi-unsongs-digitalUnd obwohl die skandinavischen Länder doch gemeinhin als liberal gelten (auch, wenn unmenschliche Vollidioten wie Anders Behring Breivik da anderes andeuten mögen), ist es doch verwunderlich, dass sich mit Moddi ausgerechnet ein norwegischer Musiker der Aufgabe stellt, zwölf Songs aus aller Welt, die in ihren Länder ganz oder zumindest zeitweise auf dem Schwarze-Liste-Index standen oder stehen, Gehör zu verschaffen. Und so haben es auf „Unsongs“ Stücke aus Palästina, Norwegen, Mexiko, Chile, China, Algerien, Vietnam, den USA, England oder Russland geschafft. Es sind Klassiker wie Billie Holidays ewig großes „Strange Fruit“ (laut dem „Time Magazine“ der „beste Song des 20. Jahrhunderts“ und in der Vergangenheit bereits von zahlreichen Künstlern von Jeff Buckley bis Diana Ross neu interpretiert) oder Kate Bushs „Army Dreamers“ (welches zwar nie verboten war, zur Zeit des ersten Irakkriegs aber von den Radio-Playlists gestrichen wurde) dabei. Oder das Stück „Open Letter“ des Algeriers Lounès Matoub, welcher für sein regierungskritisches Protestlied gar ermordet wurde. Oder „Where Is My Vietnam?“ des vietnamesischen Sängers Viet Khang, für welches er 2012 inhaftiert wurde. Oder „Eli Geva“ der norwegischen Sängerin Brigitte Grimstead, welches Moddi zu diesem Projekt inspirierte und vor nicht allzu langer Zeit in seiner Heimat beinahe eine kleine Staatskrise ausgelöst hätte (der norwegische Botschafter mit Konsequenzen, als Grimstead es in Israel spielen wollte). Viele von diesen Stücken finden so – wenn auch übersetzt und in ruhig daher schleichendem Folk-Gewand – nun erstmals außerhalb ihrer Landesgrenzen Gehör. Und das völlig zu recht.

Eine der besten Neuinterpretationen auf „Unsongs“ ist „Punk Prayer“, welches im Original von der 2011 gegründeten feministischen, regierungs- und kirchenkritischen russischen Punkrock-Band Pussy Riot stammt. Die kennt man ja weltweit spätestens, seit Russland postmoderner Harte-Hand-Zar Wladimir Wladimirowitsch Putin zwei der etwa zehn oft mit bunter Sturmhaube auftretenden Mitglieder, Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina, 2012 für mehrere Monate inhaftierte. Offiziell wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“, jedoch im Grunde nur, um ein weiteres Exempel für alle russischen Freidenkenden zu statuieren (wer mehr wissen möchte, dem sei die Dokumentation „Pussy Riot: A Punk Prayer“ empfohlen). Ist das Pussy-Riot-Stück wohl ausschließlich seiner Botschaft wegen hörbar, so verwandelt der 29-jährige norwegische Singer/Songwriter in einer fragile, von Piano und Harmonium getragene Hymne an das Nicht-Einversandensein mit einem System – sowohl politisch als auch gesellschaftlich. Und kommt so der Essenz des Protestsongs ganz, ganz nahe.

 

 

 

„Prayers crawl towards the cross,
golden marks upon their frocks.
Freedom’s ghost has left these lands.
Help us if you can!

KGB have turned to saints.
Gay parades sent off in chains.
Blessed limousines congest the streets
to hail their saint-in-chief.

Holy Mary, drive Putin away.
Drive away this darkness from your halls.
Drive away the ungodly souls.
Our Lady tear the eagle off your walls.

Father Gundyayev pays back
from his bag of holy crap:
‘Woman, keep quiet and love your man
your fate and fatherland!’

Holy Mary, be a feminist.
Pray not for the mighty but the meek.
Drive away the lies that they speak.
Our lady, hear our prayer unto thee.

Gundy never cared for God.
All that dickhead wants is power.
Mary, your belt should bring us hope
now it’s used as rope.

Damn their lies, deliver us!
Pry the copper from the cross!
Mary, our hands are tied in prayer.
Help us if you’re there!

Holy Mary, drive Putin away.
Drive away this darkness from your halls.“

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Will Varley – Postcards From Ursa Minor (2015)

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Es gibt ja den bekannten Spruch „Wer mit zwanzig kein Sozialist ist, hat kein Herz – wer es mit vierzig immer noch ist, hat keinen Verstand.“ (mal wird er dem ehemaligen britischen Premierminister Sir Winston Churchill zugeschrieben, mal anderen). Und irgendwie passt dieser Satz auch zu Will Varley

Nun ist der 28-jährige Londoner kein Billy Bragg, schreibt nicht wie der seine politische Gesinnung jedem Zuhörer lauthals um die Ohren und versucht, einen – wenn auch, wie in Braggs Fall, durchaus sympathisch – sprichwörtlich auf links zu drehen. (Des Weiteren ist es gerade in Großbritannien viel typischer als etwas im moderat verknacksten Deutschland, dass ein Musiker seine Klassenzugehörigkeit etwas mehr raushängen lässt.) Nein, Varley ist – so lässt sich vermuten – vielmehr ein talentierter Leisetreter, der irgendwie aus der Zeit gefallen wirkt. Einer, der schon mal einen für die heutige Zeit höchst ungewöhnlichen Fortbewegungsweg von Auftrittsort zu Auftrittsort wählt: er läuft. Und obwohl man anhand dieses Fakts einen Alt-Sechziger-San-Francisco-Hippie im Körper eines Endzwanzigers vermuten könnte, hat Will Varley seine Ohren und seine Augen durchaus am Puls der Zeit. Das verrieten bereits augenzwinkernd zeitgeistige Stücke wie „I Got This Email“ (von zweiten, 2013 erschienenen Album „As The Crow Flies„), bei denen man einfach nur schmunzeln muss und die schon einige von Varleys Trademarks verraten: der Mann nimmt sich selbst nie zu ernst, schreibt jedoch tolle Songs, die nicht selten zu Herzen gehen und so ziemlich jedem mit einem selbigen aus der Seele sprechen können. Das war schon auf dem bereits erwähnten 2013er Werk „As The Crow Flies“ so, oft genug auch auf dem 2011 veröffentlichten Debüt „Advert Soundtracks“ (ganz groß: „King For A King„). Und mit seinem neusten Streich, dem im vergangenen Oktober erschienenen dritten Album „Postcards From Ursa Minor„, stellt Varley sein Können wiederum auf eine neue Stufe.

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Aber warum eigentlich? Denn im Grunde ist das, was der 28-Jährige tut, ja nichts Besonderes, ist er doch Folk-Singer/Songwriter. Und die gibt es ja – spätestens seit Hank Williams oder Bob Dylan – wie den sprichwörtlichen Sand am Meer. Jene nicht selten von schummrigen Kellerspelunken ausgebleichten (mehr oder minder) jungen Männer, die viel zu früh viel zu schnell alt geworden zu sein scheinen und einem nun etwas vom prallen, einsamen Leben „on the road“ und vom Herumtrieben in der weiten Welt erzählen wollen. Beispiele findet wohl jeder genug, mir etwa fallen spontan Frank Turner (mit dem sich Will Varley passenderweise gerade auf Tour befindet), The Tallest Man On Earth, Rocky Votolato, Scandinavian Cowboys wie Kristofer Åström oder Christian Kjellvander, Damien Rice, Josh Ritter oder Marcus Mumford (bevor der sich entschloss, mit seinen Sons die Stadien zu bespielen und jeglichen Charme ad acta zu legen) ein. Da gehört in einem Genre wie diesem schon einiges dazu, um herauszustechen. Und wer auf „Postcards From Ursa Minor“ genau zuhört, der wird schnell merken, dass Will Varley genau das tut…

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Dabei kommt es viel weniger auf das Was an – die Zutaten sind mit einer Akustischen und Varley dezent rauem Gesangsorgan oft überschaubar -, sondern vielmehr auf das Wie. Und der Einstieg „As For My Soul“ gerät in splelunkiger Pub-Manier schon einmal recht kumpelhaft, wenn Varley einem Zeilen wie „Light a fire / Drink a beer / Sing a song“ entgegen schleudert. Doch schon das darauf folgende „The Man Who Fell To Earth“ (Cineasten werden merken, dass der Songtitel einem Film von 1976 entliehen ist, in welchem ein gewisser David Bowie die Hauptrolle spielte) ist wiederum ganz anders. In eindringlichen, wunderschönen Worten und Melodien schildert Varley das Erwachen der Welt um London herum, und seiner melancholischen Bildersprache kann man sich fünf Minuten lang kaum entziehen. Ähnlich groß auch „Seize The Night“, die wortgewaltige Erzählung „Outside Over There“, welche beinahe an ein englisches Traditional gemahnt, oder das zu Tränen rührende, leicht sentimentale „This House“, das Erinnerungen wie in einem Fotoalbum vorbeiziehen lässt und die bittere Schwere der thematisierten Vergänglichkeit in wärmenden Trost verwandelt. Anderswo, wie etwa bei „From Halcyon“, merkt man, dass Varley seinen Dylan gut und innig studiert hat, oder dass in dem Briten durchaus ein Romantiker steckt („Dark Days Away“). Vortrefflich zeitgeistig wiederum gerät „Talking Cat Blues“ (halb Dylan, halb Johnny Cash), in dem Will Varley den Bogen von Slackertum über Youtube-Videos von Kanye West imitierenden Katzen hin zum dritten Weltkrieg spannt. Klingt irre? Ist es irgendwie auch, und dazu bekommt auch der britische Premierminister David Cameron sein Fett ab (wie übrigens verdammt oft in Varleys Songs). Muss man gehört haben… So augenzwinkernd sind die Stücke gegen Ende des
Albums dann aber kaum. So ist „Send My Love To The System“ mit Zeilen wie „Maybe I 4dfa325b05fc9b813942f587cd09250fgot older maybe I can’t see / Or maybe I just realised that I want to be free“ ein Abgesang an die harte Ellenbogengesellschaft, „Concept Of Freedom“ ein Protestsong, der beinahe die Güteklasse eines Dylan-Stücks wie „Masters Of War“ besitzt (wobei Varley mit „We Don’t Believe You“ da unlängst einen ähnlich tollen Song abgeliefert hat). In eine identische Kerbe schlägt auch „Is Anyone Out There?“, das sich fragt, ob der Mensch in und von seiner Geschichte überhaupt etwas gelernt hat, bevor „The Question Of Passing Time“ Varleys drittes Werk nach etwa 50 Minuten beinahe meditativ zum Abschluss bringt.

Warum also sollte man diese Platte, die nur dem Titel nach zu den Sternen greift („Ursa Minor“ ist der lateinische Name des Sternbildes des Kleinen Bären), sich während der Spieldauer jedoch zutiefst erdverbunden zeigt, hören? Weil Will Varley ein brillanter Beobachter ist, der es versteht, alles Gute wie Schlechte in Stücke umzumünzen, die sowohl in Wort wie in Ton zu überzeugen wissen? Weil diese Stücke wiederum ebenso britisch wie universell klingen (und man nicht selten gar den nächtlichen Fahrtwind eines einsamen US-Highways zu spüren meint)? Weil sich hinter jedem der dreizehn nachdenklichen Songs Botschaften zum Nachdenken, zum Lachen, Weinen, zum wütend, fröhlich oder einfach tatträumerisch sein, verstecken? Weil Varley wie ein sympathisches Hippie-Relikt mit absolutem Gespür für Zeitgeist erscheint? Weil ihm mit „Postcards From Ursa Minor“ eines der besten Folk-Singer/Songwriter-Werke des vergangenen Jahres gelungen ist, für das es auch 2016 noch nicht zu spät ist (denn es ist nie zu spät für tolle Musik)? Alles richtige Argumente, und wer „Postcards From Ursa Minor“ nicht gehört hat kann nun nicht mehr sagen, ich hätte ihm (slash: ihr) das Album nicht ans Hörerherz gelegt…

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Hier gibt es die Musikvideos zu „The Man Who Fell To Earth“, „Seize The Night“ und „Talking cat Blues“, welche alle von Will Varleys aktuellem Album stammen…

 

 

Rock and Roll.

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