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Song des Tages: Pearl Jam – „Jeremy“ (uncensored version)


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Foto: Redferns, Paul Bergen. All rights reserved.

Der erste Freitag im Juni ist in den US of A als „National Gun Violence Awareness Day“ bekannt, und Pearl Jam nutzten den diesjährigen Tag, der auf den 5. Juni fiel, um die unzensierte Version ihres Musikvideos zum bandinternen Setlist-Klassiker „Jeremy“ zu veröffentlichen. Als ebenjenes Video am Freitag publik wurde, war schnell klar: Dass das Original auf Grund von TV-Zensurgesetzen – und obendrein in einer Zeit, als Musikfernsehen noch als relevantestes Medium galt – zuvor verboten worden war, hat(te) durchaus seinen Grund…

R-367600-1246343879Das Musikvideo, bei welchem seinerzeit Mark Pellington Regie führte, wurde erstmals im August 1992, etwa ein Jahr nach dem dazugehörigen Debütalbum „Ten„, veröffentlicht und basiert auf der wahren Geschichte von Jeremy Wade Delle, welcher 1991 im Alter von 15 Jahren Selbstmord vor seinen Klassenkameraden beging, indem er sich im Klassenzimmer erschoss. (Und wer das nicht schon schockierend genug findet, der beschäftige sich einmal mit der kaum weniger tragischen Lebensgeschichte des „Jeremy“-Darstellers Trevor Wilson…)

In der bisher bekannten Version des Musikvideos, welches eine ebenso radikale wie künstlerisch wertvolle Umsetzung des Songtextes von Frontmann Eddie Vedder darstellt, zoomt die Kamera an den Kopf des Jungen heran, sodass nicht zu sehen war, wie er sich die Waffe in den Mund steckt und abdrückt. In der neu veröffentlichten, unzensierten Variante ist jedoch genau dies zu sehen.

„Die Zunahme der Waffengewalt seit dem Debüt von ‚Jeremy‘ ist erschütternd“, teilten Pearl Jam auf Twitter mit. Die seit eh und je sozial engagierte und auch politisch keineswegs um klare Statements verlegene Band aus Seattle, deren jüngstes Album „Gigaton“ am 27. März erschien, verkündete in einem Folge-Tweet außerdem, dass es darüber hinaus auch eine neue Version des bekannten „Choices“-T-Shirts gibt und dass man alle Einnahmen aus dessen Verkauf an Organisationen spenden werde, die sich für die Verhinderung von Waffengewalt einsetzen.

„Wir können Tod durch Schusswaffen verhindern, ob es sich nun um Massen-Erschießungen, Todesfälle aus Verzweiflung, Strafverfolgung oder Umfälle handelt“, betonen die Grunge-Rock-Veternanen.

 

Hier kann man sich die unzensierte Version des Clips zu „Jeremy“ anschauen…

 

…und sich mit der gänsehautwürdigen Variante der legendären „MTV Unplugged“-Show den Rest geben:

 

„At home drawin‘ pictures of mountain tops
With him on top, lemon yellow sun
Arms raised in a ‚V‘

And the dead lay in pools of maroon belowDaddy didn’t give attention
Oh, to the fact that mommy didn’t care

King Jeremy, the wicked
Oh, ruled his world

Jeremy spoke in class today
Jeremy spoke in class today

Clearly, I remember picking on the boy
Seemed a harmless little fuck

Ooh, but we unleashed a lion
Gnashed his teeth and bit the recess lady’s breast
How could I forget? And he hit me with a surprise left
My jaw left hurting
, ooh, dropped wide open

Just like the day, oh, like the day I heard

Daddy didn’t give affection, no
And the boy was something that mommy wouldn’t wear
King Jeremy, the wicked
Oh, ruled his world

Jeremy spoke in class today
Jeremy spoke in class today
Jeremy spoke in class today
Try to forget this (Try to forget this)
Try to erase this (Try to erase this)
From the blackboard…

Jeremy spoke in class today
Jeremy spoke in class today
Jeremy spoke in, spoke in
Jeremy spoke in, spoke in
Jeremy spoke in class today

(Spoke in, spoke in)
(Spoke in, Spoke in, spoke in, spoke in…)
(Spoke in, spoke in)
Ooh oh, oh, oh, oh oh oh, oh oh oh, oh oh oh, oh oh oh oh
Ooh oh, oh (Spoke in…)“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Kevin Devine – „Freddie Gray Blues“


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Wie wir alle wissen, ist das Thema „Rassismus“ nach dem Tod von George Floyd durch Polizeigewalt mittlerweile selbst bei jenen – zumindest in gewissem Maße – angekommen, denen die Lebensrealität farbiger US-Amerikaner, aber auch Mitmenschen hierzulande, ansonsten ferner kaum sein könnte. Endlich? Klar. Ob sich denn auch endlich in unser aller Köpfe etwas zum Positiven, zu einem gerechteren Miteinander bewegt? Bleibt inständig und von ganzem Herzen zu hoffen, warten wir’s ab…

Was auch bekannt sein sollte, ist, dass Floyds Tod am 25. Mai bei Weitem nicht der erste seiner Art in den US of A war. Man denke etwa auch an Breonna TaylorAhmaud Arbery oder jüngst Tony McDade. Oder an Amadou Diallo, ein politischer Asylant, der am frühen Morgen des 4. Februar 1999 vor seiner Haustür von vier New Yorker Polizeibeamten erschossen wurde, die ihn zunächst mit einem gesuchten Serienvergewaltiger verwechselten und gleich darauf ein zweites Mal irrten, als sie Diallos Griff in seine Jacke, um seinen Ausweis vorzuzeigen, mit dem Ziehen einer Waffe verwechselten. Bruce Springsteen widmete ihm postum den bewegenden Gänsehaut-Song „American Skin (41 Shots)“ – ebensoviele Schüsse gaben die Cops, welche übrigens in einer nachfolgenden Gerichtsverhandlung allesamt freigesprochen wurden, insgesamt auf den unbewaffneten Mann ab, den 19 davon tödlich trafen.

Oder an Freddie Carlos Gray Jr. Der 25-jährige US-Afroamerikaner wurde am 12. April 2015 in Baltimore, Maryland von mehreren Polizeibeamten festgenommen, nachdem er Blickkontakt mit einem der Beamten hatte, welcher vermutete, dass Gray ein Messer bei sich trug, und dann wegrannte. Er wurde gefesselt in einen Polizeitransporter verfrachtet, wobei er sich fatale Rückenverletzungen zuzog. Denn nicht nur ignorierten die beteiligten Polizeibeamten wiederholt seine Bitten um medizinische Behandlung, Gray wurde auch von  keinem der Beamten während der Fahrt zur Wache angeschnallt. Freddie Gray fiel bereits bei ebenjenem Transport ins Koma und wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er eine Woche nach seiner Festnahme verstarb. Ermittler gingen im Nachhinein davon aus, dass sich der junge Mann während der Fahrt im Polizeitransporter das Genick brach. Auch hier wurden insgesamt sechs US-Polizisten wegen klarer Verstöße gegen die Polizeirichtlinien angeklagt, auch hier wurden alle freigesprochen – soviel zum Thema „the land of the free and the home of the brave“…

81WMcI0ai6L._SS500_Umso wichtiger, dass nicht nur Prince (mit dem Song „Baltimore„), sondern auch Kevin Devine seinerzeit auf den – ähnlich wie derzeit George Floyds sinnloser Tod – im Grunde einfach nur sprachlos machenden Fall aufmerksam machte. 2016 veröffentlichte der New Yorker Singer/Songwriter auf seinem Album „Instigator“ den Song „Freddie Gray Blues„, der nicht nur dem zu jung, zu sinnlos, zu unschuldig verstorbenen Freddie Gray, sondern auch allen anderen Opfern von Polizeigewalt ein bewegendes Denkmal setzt, und mit Zeilen wie „And I know not every cop / Is a racist, murdering cop / But this is bigger than the people I love / The system’s broken / Not breaking / It’s done…“ zur schonungslos offenen Abrechnung gerät, nach der man selbst sich im Grunde lediglich wundert, dass jene Proteste, die sich – mal mehr, mal weniger friedlich – derzeit durch die gar nicht mal so „Vereinigten“ Staaten von Amerika und Großstädte wie Philadelphia, New York, Atlanta, Los Angeles oder Washington, DC ziehen, nicht bereits viel eher in diesem Maße und dieser Vehemenz stattfanden…

 

Im Jahr 2017 gab Kevin Devine bei einer Live Session für „uniFM“ in Freiburg nicht nur eine reduzierte Akustik-Version von ebenjenem „Freddie Gray Blues“ zum Besten, sondern auch von „No History„, einer kaum weniger Hühnerpelle erzeugenden, in Worte und Töne gefassten Post-9/11-Bestandsaufnahme. Sollte man gehört haben. ❤️

 

„I’m talking Freddie Gray blues
I’m talking what happened to you
You were just 25
When they ended your life
When ‚to serve & protect‘
Meant break your leg, snap your neck
Meant to kill you, to sever your spine

No matter what, there’s no good reason why

When I’m talking these killer cop blues
I’m kinda talking my family to you
See, my dad was a cop
And his dad was a cop
And my uncles were cops
And my cousins were cops
I’m partly here because of cops
And I love all those cops
And I know not every cop
Is a racist, murdering cop
But this is bigger than the people I love
The system’s broken
Not breaking
It’s done

I’m talking white privilege blues
I’m talking confession to you
I don’t know what it’s like
To be afraid all my life
Looking over my shoulder
Behind each officer, a coroner
Entrenched inequality
No access, no empathy
Crushed in stacked decks
Institutions & death
This is not my reality
I’m afforded the luxury
Of shaking my head
I shut the screen, go to bed
I can turn off what you never can
And watch it happen again and again (and again and again and again and again, and again)

I’m talking Freddie Gray blues
I’m talking Freddie Gray blues…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Machine Gun Kelly & Travis Barker  - “Killing In The Name“


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Colson Baker, der – zumindest in den US of A – besser bekannt unter seinem street name Machine Gun Kelly sein sollte, und Blink-182-Schlagzeuger Travis Barker haben ein Cover des Rage Against The Machine-Klassikers „Killing In The Name“ veröffentlicht. Motiviert wurden die beiden Musiker hierbei von der„Black Lives Matter“-Bewegung, die nach George Floyds Tod durch unverhältnismäßige Polizeigewalt erneut weltweit Demonstrant*innen auf der Straße versammelt und sich lautstark gegen den leider noch immer grassierenden Rassismus speziell in den derzeit gar nicht mal so Vereinigten Staaten (aber freilich auch hierzulande) stark macht.

Die recht nah am unkaputtbaren Original gehaltene Coverversion selbst entstand, nachdem MGK, der in den letzten Jahren vor allem als Rapper und Gelegenheitsschauspieler (etwa in „Birdbox“) in Erscheinung trat, und Barker gemeinsam an einer ebenjener Demos in Los Angeles teilgenommen hatten. „Sie schrieben den Song 1992. Das ist 28 Jahre her und jedes Wort trifft immer noch zu“, erklärt Machine Gun Kelly die fast schon offensichtlich folgerichtige Songwahl via Twitter. Den allseits bekannten Textzeilen “Fuck you, I won’t do what you tell me!” fügt Machine Gun Kelly die entschlossenen Worte “To the protesters in these streets / Fight the system! / Fuck the system! / We will be heard!” hinzu.

Im dazugehörigen, in schwarz-weiß gehaltenen Clip sieht man die beiden Musiker, die Schilder mit Aufschriften wie “STOP ARRESTING PROTESTORS! ARREST KILLER COPS!” und “NO JUSTICE. NO PEACE.” in den Händen halten und jüngst bereits den ein oder anderen Song gemeinsam aufgenommen hatten, im Studio neben Zusammenschnitten von aktuellen Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt. „End systematic racism“, heißt es am Ende des Videos – welch‘ frommer Wunsch, für den sich in den Neunzigern bereits Zack de la Rocha, Tom Morello und Co. stark gemacht haben…

 

 

„Killing in the name of

Some of those that work forces
Are the same that burn crosses…

Uh!

Killing in the name of…

Now you do what they told ya…
And now you do what they told ya…
But now you do what they told ya
Well, now you do what they told ya

Those who died are justified
For wearing the badge, they’re the chosen whites
You justify those that died
By wearing the badge, they’re the chosen whites
Those who died are justified
For wearing the badge, they’re the chosen whites
You justify those that died
By wearing the badge, they’re the chosen whites

Some of those that work forces
Are the same that burn crosses…

Uh!

Killing in the name of…

Now you do what they told ya…
And now you do what they told ya
(Now you’re under control) And now you do what they told ya…

Those who died are justified
For wearing the badge, they’re the chosen whites
You justify those that died
By wearing the badge, they’re the chosen whites
Those who died are justified
For wearing the badge, they’re the chosen whites
You justify those that died
By wearing the badge, they’re the chosen whites
Come on!

Ugh!
Yeah!
Come on!
Ugh!

Fuck you, I won’t do what you tell me…
Motherfucker
Ugh!“

 

Rock and Roll.

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Zitat des Tages


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(Angela Yvonne Davis, *1944, US-amerikanische Bürgerrechtlerin, Philosophin, Humanwissenschaftlerin und Schriftstellerin)

 

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Rock and Roll.

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„Das Erste Deutsche Weiße Fernsehen“ mit einem Kebekus-„Brennpunkt“ zum Thema „Rassismus“…


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Wenn er in einer Rolle besetzt wurde, war er fast immer „der Andere“. Der Flüchtling, der Amerikaner, der Engländer. So gut wie nie tauchte er bislang hingegen in einer Rolle als klassisches „Mitglied der Gesellschaft“ auf – was er aber ja ist, erzählt Schauspieler und Produzent Tyron Ricketts.

Er ist bei weitem nicht der Einzige, der in einem dringend sehenswerten knapp viertelstündigen Beitrag über seine Erfahrungen mit Rassismus im bundesdeutschen Alltag berichtet. Denn Comedienne Carolin Kebekus hat einen Teil ihrer WDR-Show nach den jüngsten Ereignissen und Protesten rund um den gewaltsamen Tod von George Floyd in Minnesota einfach zum zur Abwechslung gar nicht mal so lustigen „Brennpunkt“ erklärt, nachdem die ARD selbst bislang keinen zu diesem Thema im Programm hatte.

Ein „Brennpunkt“, in dem in Deutschland lebende Menschen mit dunkler Haut 8:46 Minuten lang über ihre persönlichen Erfahrungen sprechen – so lange, wie der Todeskampf von George Floyd dauerte, der in den USA am 25. Mai durch Polizeigewalt ums Leben kam. Die Hauptmoderation liegt dabei nicht bei Kebekus, sondern bei Shary Reeves, die nicht nur WDR-Moderatorin („Wissen macht Ah!“) ist, sondern auch noch Schauspielerin, Autorin, Produzentin – und ehemalige Fußballspielerin.

Im Filmbeitrag erzählen neben Ricketts weitere Frauen und Männer von ihrem Alltag mit Beleidigungen, Beschimpfungen und sogar Tätlichkeiten. Etwa Grünen-Politikerin Aminata Touré, Vizepräsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages, Journalistin Alice Hasters, SPD-Politker und Chemiker Karamba Diaby, Musiker Dennis „Denyo“ Lisk oder Kabarettist und Schauspieler Marius Jung. Starker Tobak – so wichtig, so schaurig *hust* „gut“, so derb on point. Starker Tobak, gepaart mit der – leider nicht eben neuen – Erkenntnis: Wenn es um Rassismus geht, sind die USA doch gar nicht so weit von Deutschland (oder jedem anderen Land dieser Welt) entfernt (was auch dieser wichtige Facebook-Post von Enno Bunger, welchen ihr der Einfachheit halber auch noch mal weiter unten findet, eindrücklich belegt). Nicht erst seit all dem, was da gerade auf der anderen Seite des Atlantiks so viele Menschen zu berechtigten Protesten auf die Straße treibt, sollte jede(r) von uns dringend sich selbst hinterfragen, zunächst vor der eigenen Haustür kehren. Laut werden, Alltagsrassismus im eigenen Umfeld im Keim ersticken, selbstverliebten Hass-Predigern (das geht an euch, ihr blauen Anti-Alternativen!) oder Höcke-Faschisten keine Stimme, keine Beachtung, keinen Millimeter Meinungsraum geben.

Selbst wenn’s sich pathetisch lesen mag, so ist’s doch am Ende ganz einfach: Ein Freund ist ein Freund, gleich welcher Hautfarbe. Auf der anderen Seite ist eben – pardon my French! – ein Arschloch ein Arschloch – auch hier spielen Pigmente keine verdammte Rolle. Klar gibt es für das, was vor allem schwarze US-Amerikaner seit Tagen verstärkt auf die Straßen von Minneapolis, von New York, von Los Angeles und Co. treibt, noch andere, weitaus tiefer gehende und nicht eben in ein, zwei Zeilen er- und begründbare Ursachen geben. Klar habe auch ich weder den Löffel der Weisheit in der Schublade noch das eine Patentrezept parat. Dennoch: Würden wir jeden Menschen als Individuum nur nach dem, was er tut und von sich gibt, beurteilen anstatt nach seinem Äußeren (was ihm – was ein Clou! – zu großen Teilen eben von Geburt an gegeben ist), so wäre die Welt eine bessere, gerechtere, ohne dass sich irgendjemand von uns für ein nettes, ehrlich empfundenes Wort oder Lächeln eine Zacken aus dem Krönchen brechen muss. (Im Zweifel ist sogar kostenlos, ihr griesgrämigen Hobby-Schwaben!) Eine Freundin schrieb heute, dass ihr sechsjähriger Sohn unlängst zu ihr meinte: „Mama, ich verstehe die ganze Welt nicht.“ – Man kann’s ihm von Tag zu Tag immer weniger verdenken. Trotzdem darf jede(r) gern sein (oder eben ihr) kleines Stück dazu beitragen, dass das Morgen ein kitzekleines bisschen besser zu verstehen ist. Wie der große Scott Hutchison einst sang: Make tiny changes. Denn: All is not lost. Probiert’s aus, bitte. Danke. ❤️

 

 

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Matt McGinn & Ciara O’Neill – „Bubblegum“


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„WAR! Huh, yeah! What is it good for? Absolutely NOTHING!“

So sang Edwin Starr damals im Jahr 1970… Der US-Soulman traf mit dieser Anti-Vietnam-Kampfansage, welche im Nachhinein auch von Größen wie Bruce Springsteen in deren Live-Repertoire übernommen wurde, damals genau den kriegsmüden, spät-hippie’esken Nerv der Zeit, und rang der scheinbar grenzenlos abgründigen Fähigkeit des Menschen, seinen Mitmenschen immer neue, immer unvorstellbarere Grausamkeiten zuzufügen, zumindest eine ikonische Melodie ab. Starrs seelenvolle Kriegsklage ist dabei zweifellos eines der wenigen Protestlieder, die berechtigterweise auch heute noch von sich behaupten können, „funky“ zu sein.

Die Beschreibung „funky“ dürfte Matt McGinn in der Tat keinesfalls für sich verbuchen. Macht auch nichts, schließlich stammt der Mann nicht Motown-like aus Detroit, sondern aus dem nordirischen Hilltown. Dafür würde der Singer/Songwriter-Bart-Barde Edwin Starrs Kernaussage wohl ohne viel nachzudenken unterschreiben, schließlich kann auch er – leider und aus eigenem Erleben – das das ein oder andere Lied vom Krieg singen – und tut das nun auch…

Matt-McGinn-300x300Down ist eine der sechs historischen Grafschaften (Countys) Nordirlands – und blieb über Jahre hinweg – vom Ende der Sechziger bis tief in die Neunziger – wie große Teile des Landes nicht von den Unruhen des Nordirlandskonflikts verschont. Matt McGinn, der ebenda, in Hilltown, einem kleinen Dorf in den Mourne Mountains aufwuchs, erfuhr all die gewalttätigen, schlussendlich freilich sinnfreien Konflikte zwischen englisch- und schottischstämmigen, unionistischen Protestanten und überwiegend irisch-nationalistischen Katholiken somit aus erster Hand. Und macht nun das Beste aus den weniger schönen Seiten seiner Biografie: er vertont sie. Mehr sogar noch: „Lessons Of War„, sein neues, viertes Album, untersucht, wie Krieg nicht nur die Bewohner in seiner nordirischen Heimat, sondern auch die von Konflikten betroffenen Menschen auf der ganzen Welt verändert, beeinflusst hat. Die Idee zu etwas Größerem, Ausführlicherem begann mit dem fixen Gedanken, einen Song über die Sinnlosigkeit des Krieges aufzunehmen. Eines führte zum anderen, und über die Zeit der letzten drei Jahre führte ein Stück zu ebenjenem Album, gar einer Dokumentation und der Zusammenarbeit mit einer großen Zahl anderer Musiker.

Laut Matt McGinn „wollte ich kein Album mit Anti-Kriegs-Liedern schreiben, es ist einfach irgendwie passiert. Als ich zum ersten Mal das Bild des jungen Flüchtlings sah, der an die Küste gespült wurde, löste es etwas in mir aus. Ich hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen, und das Schreiben war alles, was ich tun konnte.“ (Wer allen Nachrichten aus dem Weg geht: McGinn meint die Geschichte über den syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi.)

artworks-000619360387-i7cywm-t500x500Große, gute Ideen? Natürlich. Doch nichts davon würde eine Rolle spielen, wenn die dazugehörige Musik nicht etwas wirklich Besonderes wäre. Bereits die erste, vordergründig wunderschön wie weiland Damien Rice und seine Muse Lisa Hannigan tönende Single „Bubblegum“ ist von den Unruhen Nordirlands inspiriert. Dabei tritt McGinn, der den Song gemeinsam mit dem befreundeten Singer/Songwriter-Kollegen Mick Flannery schrieb, zurück und erlaubt Ciara O’Neill, die stimmliche Hauptrolle in diesem Stück zu übernehmen, welches vom Tagebuch eines Teenager-Mädchens namens Bronagh McAtasney inspiriert ist, dessen Achtzigerjahre-Alltagsrealität sich eng mit den Schrecken des Krieges verknüpft. Balladesk gebettet in Gitarre und Klavier beschreibt O’Neill eine Welt, in der sie zum ersten Mal Kaugummi (also „Bubblegum“) probiert, während ihr Vater vor der Sperrstunde nach Hause kommt, und später singt: “Daddy pinned up Bobby Sands for me right next to my Madness poster / In our house in the middle of the street / They blew up another bar last night / Heard the soldiers searching / Johnny says they might call off school…” – Diese beiden gegensätzlichen Welten – das Kindlich-Heranwachsende, die sinnentleerten Konflikte der Erwachsenen – bildeten über Generationen hinweg eine nordirische Realität.

Doch anstatt den Kriegsgegner-Moralapostel zu geben, singt McGinn aus (s)einem Blickwinkel, den er so tatsächlich gesehen und gefühlt hat. Den mahnend-salzenen Zeigerfinger muss er im Grunde auch gar nicht in zwischenmenschliche Wunden drücken, schließlich sprechen die Textzeilen von so unverblümt vertonten Stücken wie „Writing On The Wall“ quasi eine klare Sprache. Der Vergleich verschiedener Zeitabschnitte macht deutlich, dass im Grunde, im Krieg niemand unschuldig ist – eine Welt voller Ungerechtigkeiten, überall, wohin man schaut. Wir alle schauen irgendwann, irgendwo weg, stumpfen ab. Wir alle haben Blut an unseren Händen.

Dabei hat die Musik selbst nichts Schwerfälliges an sich. Sie macht sich federleicht, wenn es denn sein soll, und lässt den liedermachenden Folk-Muskel spielen, wenn es nötig ist (jedoch ohne überheblich oder allzu plakativ zu wirken). Das titelgebende „Lessons Of War“ ist dabei vielleicht das beeindruckendste Stück des Albums, arbeitete Matt McGinn doch mit den Stimmen des Citizens of the World Choir, einem in London ansässigen Chor, der sich aus Flüchtlingen aus Kriegsgebieten zusammensetzt, sowie mit Anthony Seydu aus Sierra Leone (Gesang und den Perkussion) zusammen. An anderer Stelle trugen etwa der aus Derry stammende Musiker und „Children In Crossfire„-Gründer Richard Moore, der im Alter von elf Jahren durch eine Plastikgeschoss erblindete, der Belfaster Bandmanager und Ingenieur Mark Kelly, der im Alter von 18 Jahren bei einem Bombenangriff seine Beine verlor, oder der virtuose Flamenco-Gitarrist Yazan Ibrahim von den umkämpften Golan-Höhen ihren musikalischen Teil zum Ganzen bei. Sie alle mögen aus verschiedensten (kreativen) Ecken der Welt stammen, die Botschaft eint sie jedoch.

Ganz klar: Gleich, ob es sich nun um einen ganzen Chor oder nur um einen Mann und seine Gitarre handeln mag, die Leidenschaft, die Absicht von „Lessons Of War“ lässt sich nicht leugnen. Matt McGinns Song-Sammlung verdient es, immer wieder gehört zu werden, bis wir endlich die Lektion, unsere Lektion lernen und beginnen, neue, gewaltfreie Wege zur Lösung unserer Probleme zu finden, mit denen wir alle – wenn auch in recht unterschiedlichem Maße – konfrontiert sind. Bis sich Geschichte eben nicht (mehr) wiederholt. Denn schon Edwin Starr wusste: Krieg ist zu nichts nutze. Oder, wie McGinn zum Ende des Albums, in „When Will We Learn“, singt: „Every man has a choice if their fists or their voice will lead them on their way…“

 

 

Rock and Roll.

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