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Zu kurz gekommen… Standstill


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Was machen eigentlich Standstill? Nun… nicht mehr viel (mehr dazu gleich). Und im Grunde scheint’s auch kaum einen zu interessieren – was bei genauerem Hineinhören in den Backkatalog lediglich im Ansatz verständlich erscheint…

Denn zumindest in den Anfangstagen bewegte sich die Band aus der katalanischen Metropole Barcelona stets recht nah am musikalischen Zeitgeist, hatte etwa auf dem 2001 erschienenen Debütalbum „The Ionic Spell“ lautstarken Emocore und einige deftige (Post-)Refused-Reminiszenzen im Köcher oder wusste im nur ein Jahr darauf veröffentlichten Nachfolger „Memories Collector“ mit nicht wenigen satten Riffs und Rhythmen zu überzeugen, welcher während dieser Zeit auch Post-Hardcore- und Alternative-Rock-Kapellen wie At The Drive-In, deren Phönix-aus-der-Asche-Nachfolgern Sparta oder Thursday wild durcheinander gewürfelte Moshpits zwischen El Paso, Köln oder Tokyo bescherten. Mit dem nächsten, 2004 in die Indie-Plattenläden gestellten selbstbetitelten Langspieler wagten Standstill einen ebenso offensichtlichen wie mutigen Richtungswechsel, denn Frontmann Enric Montefusco entschied sich, fortan nicht mehr auf Englisch zu texten und singen, sondern in seiner Muttersprache Spanisch. Wem die Band also bisher mit ihrer fortwährenden Suche nach klanglichen Experimenten, mit ihrem strikten ¡No!“ zum – uffjepasst, naheliegendes Wortspiel! – kreativen Stillstand (hier haben wir übrigens einen weiteren Bezug zum Refused-Meilenstein „The Shape Of Punk To Come„) ein paar Dinge zuviel fürs gefällige Nebenbeihören wagte (oder schlichtweg der spanischen Sprache nicht mächtig war), der war wohl spätestens ab diesem Zeitpunkt komplett raus aus dem Standstill’schen Kosmos.

300x300Der Teil der Indie-Fanbase, der der katalanischen Band auch danach die treue Stange hielt, durfte sich an ausgeprägtem Abwechslungsreichtum, ausgetüftelter Percussionarbeit (bei manch einem Song – …And You Will Know Us By The Trail Of Dead gleich – gar mit zwei Schlagzeugern!) oder auch mal recht sparsamer Instrumentierung, die immer öfter Ausflüge in spanische Folklore-Gefilde wagte, erfreuen. Und an einer Stimme, die mehr ausstrahlte als eben nur puren Exotenbonus – in der Tat findet man solch ein eindringliches, durch Mark, Bein und Seelenstränge tönendes Gesangsorgan wie das von Enric Montefusco höchst selten (ich selbst möchte hier einen Vergleich zu Declan de Barra von den ebenfalls viel zu früh aufgelösten Clan Zú ziehen). Diese Entwicklung nahm auch auf den weiteren, zwischen 2006 und 2013 erschienenen Alben „Vivalaguerra„, „Adelante Bonaparte“ und „Dentro de la Luz“ ihren Lauf – die explosiven Post-Hardcore-Momente wurden seltener, dafür ließen Standstill immer öfter ihre Kompetenzen für experimentelle Klangkulissen sowie post-rockige und melancholisch-folkloristische Songgebilde aufblitzen. Nach jahrelangen Touren, die die Band zwar auch ins europäische Ausland, nach Frankreich, Belgien, die Niederlande oder Deutschland führten, jedoch immer auch – leider, leider – nah am finanziellen Minimum zurückließen, spielte das Quintett im Oktober 2015 eine letzte Show im Apolo in Barcelona – und ließ nach diesem Heimspiel, welches glücklicherweise für die Nachwelt festgehalten wurde (und jedem wärmstens empfohlen sei), den Vorhand fallen…

Seitdem sind nun schon ganze fünf Jahre vergangen. Was die einzelnen Teile von Standstill heute so treiben? Nun, zumindest Ex-Frontmann Enric Montefusco ist glücklicherweise der Musik treu geblieben und hat in den vergangenen Jahren mit „Meridiana“ (2016) und „Diagonal“ (2019) zwei Alben veröffentlicht, welche musikalisch den zuletzt mit Standstill eingeschlagenen Weg hin zu traditionelleren spanischen Folk-Gefilden recht konsequent weiter gehen, während sich die Texte – nebst persönlichen Anklängen – mal recht kritisch, mal verdammt melancholisch mit dessen katalanischer Heimat beschäftigen (wer mehr wissen mag, der findet hier ein Interview mit dem Musiker aus dem vergangenen Jahr). Nichtsdestotrotz lohnt es sich auch eine halbe Dekade nach dem (vorläufigen) Ende von Standstill, dem faszinierenden, vielseitigen Klangkosmos der Spanier zu verfallen. *hach*

 

Einen recht guten Einblick in einem jenen Klangkosmos kann man sich etwa anhand eines knapp einstündigen TV-Konzerts verschaffen, welches Standstill im Zuge ihres 2006er Albums „Vivalaguerra“ spielten (wen als nicht dem Spanischen Mächtigen die Texte interessieren: den Song „Victor San Juan“ gibt es auch einzeln und mit englischen Untertiteln)…

 

…oder dem aufs Nötigste reduzierten Folk von „Adelante Bonaparte (I)“ (vom 2010er Doppel-Werk gleichen Titels) lauschen (oder eben ein wenig auf dem YouTube-Kanal der Band stöbern):

 

Ebenso lohnenswert sind zweifellos auch die beiden Solo-Alben von Enric Montefusco, denn stimmlich kann einen der 43-jährige hagere katalanische Musiker mit dem markanten Vollbart auch im Alleingang gefangen nehmen…

 

 

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: VAR – „The Never-Ending Year“


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VAR (nicht zu verwechseln mit einer dänischen, fast identisch lautenden Punk-Band) begann 2013 als Soloprojekt von Júlíus Óttar Björgvinsson (Gesang, Gitarre, Klavier), doch bald darauf erkannte der Isländer, dass seine Vision für VAR als vielschichtige Post-Rock-Band ohne zusätzliche Bandmitglieder nicht vollständig verwirklicht werden konnte – und fragte sich deshalb in seinem Bekanntenkreis herum. Bald schlossen sich seine Frau Myrra Rós (Synthesizer, Gesang) und sein Bruder Egill Björgvinsson (Bass) gemeinsam mit den Freunden Arnór Jónasson (Gitarre) und Andri Freyr Þorgeirsson (Schlagzeug) Júlíus Óttars Idee an. In dieser Besetzung schrieben und nahmen VAR die 2017 erschienene EP „Vetur“ auf und traten mehrere Jahre lang – und das vor allem im heimischen Reykjavík (außerhalb der 130.000-Einwohner-Stadt gibt’s ja auf Island auch kaum Möglichkeiten) – auf, um sich alsbald eine zwar kleine, aber dennoch recht treue Fangemeinde zu erspielen. Aufgrund Zeitmangels und konkurrierenden Verantwortlichkeiten sagte Myrra Rós der Band jedoch bald Sjáumst! und auch Schlagzeuger Andri Freyr wurde von Sigurður Ingi Einarsson ersetzt, um die aktuelle (und wesentlich konzentriertere) Besetzung der Band zu festigen. Eventuell war es ja ebenjener neue Funke des Übergangs, der als Katalysator für die Neujustierung des „VAR-Sounds“ diente – und schlussendlich „The Never-Ending Year“ zum Leben erweckte…

VAR-The-Never-Ending-YearVon der Sekunde an, in der sich das Debütalbum der vierköpfigen Newcomer-Band öffnet, stürmt „Moments“ ohne Umschweife durch die tönende Tür – und bestenfalls mitten ins Hörerherz. Denn wenn man VAR eines schnell zugute halten kann, dann ist das dieser unmittelbare Überschwang an Emotionen. Jedes Element – seien es elegant perlende Piano-Noten oder Gitarren-Riffs post-rockiger Güte – bildet seinen Teil im VAR’schen Soundbild, das sich mal stante pede, mal langsam aufbaut, jedoch beinahe immer den Gesang von Júlíus Óttar Björgvinsson in den Mittelpunkt stellt. Und hier kommt wohl unweigerlich Islands musikalisches Band-Heiligtum Sigur Rós ins Spiel, denn ähnlich wie bei deren Frontmann Jón Þór „Jónsi“ Birgisson besitzt auch Björgvinssons Stimme eine Weichheit, die wahlweise über jegliche Klangkulissen hinweg fegt oder in Zen-artiger Weise tief in sich zu ruhen scheint. Dieses Ausgewogen-Ruhige bleibt auch in den in bester Alternative-Rock-Manier weiter vorwärts preschenderen Songs wie „Run“ und „Where To Find You“ erhalten, ist jedoch ein hervorragendes Beispiel dafür, dass eine Stimme nicht zwangsläufig auf theatralisch-überzogene Effekthascherei setzen muss, um gehört zu werden.

„Man könnte sagen, dass ‚Run“ eine Rückkehr zu unseren Wurzeln ist. Wir haben es geschrieben, als wir gerade wieder angefangen hatten in der Garage meines Vaters zu proben, so wie ich und Egill es getan haben, als wir jung waren. Dies hatte wohl einen gewissen Einfluss auf unser Songwriting. Wir spielten schneller und lauter. Wir waren uns nicht sicher, wie es zu anderen Songs auf dem Album passen würde, da wir der Meinung waren, dass es eine andere Stimmung hatte, mehr Pop als die anderen Songs, aber unser Produzent Eiður sagte, wir sollten den Track auf jeden Fall behalten. In dem Song geht es darum, für deine Freunde da zu sein. In schwierigen Zeiten bei ihnen zu bleiben, diesen Weg für sie zu gehen, zu rennen, wenn sie rennen.“ (Júlíus Óttar Björgvinsson)

Selbiges gilt für die musikalischen Elemente von „The Never-Ending Year“. „Drowning“ etwa ist ein fast schon atemberaubendes Musikstück, das zwar lediglich wenig mehr als zwei Minuten kurz sein und auf eine einfache Klaviermelodie und subtile Klänge im Hintergrund aufbauen mag, dabei jedoch eine Klanglandschaft erschafft, die seinem Titel alle Ehre macht. Es benötigt merklich wenig Dramatisierung, um etwas zu vermitteln, und beweist dabei, dass weniger manchmal tatsächlich mehr sein kann.

Das soll jedoch keineswegs heißen, dass VAR beim Werkeln an ihrem Klang durchgängig einfache Ansätze gewählt haben, denn jeder Song scheint sorgfältig durchdacht, und lässt seine recht eigene Komplexität in vielen Fällen erst beim zweiten, dritten oder vierten Durchgang durchblitzen. „By The Ocean“ etwa setzt auf repetitive Überlagerungen, aber dadurch, dass jedes seiner Teile behutsam hinzugefügt wird, zeigt sich, dass auch durch die Verwendung dieser Technik etwas Experimentelles und wiederum Komplexes herauskommen kann. Und tatsächlich ist die Art und Weise, wie VAR alles einem Puzzle gleich zusammenzufügen, wirklich faszinierend.

Eines der wichtigsten Dinge, welches man bei „The Never-Ending Year“ nie aus den Augen (und den Ohren) verlieren sollte, ist, dass es ein überaus emotionales, ja geradezu emotionalisierendes Album ist – eines, das man sich anhört, wenn man „in der richtigen Stimmung“ dafür ist. Dadurch, dass nahezu jeder Song in den nächsten übergeht, bewegt sich der geneigte Hörer schnell auf einer gut halbstündigen Straße ohne Auswege, man ist von Null auf mittendrin, und ganz gleich, wie tief man sich fallen lassen mag, man will so schnell keine Ausfahrt mehr nehmen. Dabei zeigt sich „Highlands“ – neben dem Closer „Still I Miss You“ – kurz vor Schluss definitiv als eines der kraftvollsten, mächtigsten Highlights des Albums, wenn es darum geht, jenes Gefühl hervorzurufen – die Art und Weise, wie ersteres wie Rauch in einer Bergbrise in das letztere hinein schwebt, lässt auch wahrlich wenig Raum für Kritik auf höchstem Niveau.

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Und wie es für so viele isländische Bands typisch ist, ist „The Never-Ending Year“ ein Werk voller Kontraste. Es gibt sanfte und schwere, langsame und schnellere, simple und komplexe Momente – aber vor allem: helle und dunkle. Die erwähnten Emotionen mögen manchmal herzzerreißend erscheinen, andererseits gibt es Augenblicke, in denen sich alles so leicht, so nach Frieden und Hoffnung anfühlt. Ohne die VAR’sche Kunst nach diesem durchweg gelungenen Debüt vorschnell überhöhen zu wollen, darf man neidlos feststellen, dass Júlíus Óttar Björgvinsson und Co. mit „The Never-Ending Year“ ein Album gelungen ist, dass sich seinen juvenilen Eifer bei We Were Promised Jetpacks ausleiht und seine Herz gewordene Indie-Rock-Intelligenz bei den großen Frightened Rabbit. Eines, dessen Wirkung in seinen magischsten Momenten übers Musikalische hinaus gehen mag (gleiches kann man ja auch oft genug von Sigur Rós behaupten). Es ist ein Kunstwerk, das auf vielerlei Hinsicht interpretiert werden kann – und das ist schließlich das wirklich Schöne am Shoegaze- und Post-Rock-Genre.

Island schickt seit Björk oder Sigur Rós, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass wir es hier mit einer recht winzigen Insel, auf der gerade einmal 3,5 Einwohner pro km² wohnen, zu tun haben, eine (gefühlt) große Menge an Talenten in die Musikwelt hinaus. Es spielt kaum eine Rolle, in welchem Genre diese Künstler gerade ihre kreativen Tänze aufführen (Sigur Rós-Jónsi etwa wagt sich abseits seiner Hauptband viel weiter in elektronischere Gefilde), aber irgendwie scheint es seit Menschengedenken so zu sein, dass dort niemand, der neue Musik (er)schafft, auch nur einen Zeh unterhalb der qualitativ hoch liegenden Messlatte setzen kann. Und VAR? Die sind bereits mit ihrem Debüt-Langspieler dort oben angekommen, und wenn sie mit Veröffentlichungen à la „Vetur“ oder „The Never-Ending Year“ weitermachen, wird das Quartett wohl bald – völlig zurecht und auch außerhalb ihrer Heimat – in einer ähnlichen Liga spielen wie diese anderen isländischen Post-Rock-Götter….

 

Via Bandcamp gibt’s „The Never-Ending Year“ in Gänze im Stream:

 

 

Rock and Roll.

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Gemeinsam shoegazen – The Twilight Sad verschenken einen Konzertmitschnitt


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Dass sich die schottischen Showgaze-Post-Rocker von The Twilight Sad ab und an recht freigiebig zeigen, dürfte bekannt sein. Und für all jene, die die Glaswegians um Düsterstimmen-Frontmann James Graham noch nicht in Spendierhosen erlebt haben, hat die Band einen weiteren Nachweis in petto: In Zeiten von COVID-19-bedingten Ausgangssperren und dem einmal mehr verlängerten Verbot von Großveranstaltungen, dem nahezu weltweit nicht nur alle für die kommenden Monate geplanten Konzerte, sondern dieser Tage auch der komplette Festival-Sommer zum Opfer fiel, verschenken The Twilight Sad via Bandcamp und „name your price“ mit „IT WON​/​T BE LIKE THIS ALL THE TIME LIVE“ einen 18 Songs starken, gut eineinhalbstündigen Konzertmitschnitt, welcher so einige Highlights durch alle fünf Alben (zuletzt erschien im vergangenen Jahr „It Won/t Be Like This All the Time„) und die nun auch schon wieder 17-jährige Bandhistorie:

„On what was originally to be the date of the first of two nights at Glasgow’s Barrowland Ballroom, The Twilight Sad release ‚It Won/t Be Like This All the Time Live‘: a momentous collection of live recordings captured across the band’s 2019 tours, one of the busiest years to date for a group well used to the live circuit.“

 

Via Facebook geben James Graham, Andy MacFarlane und Co. der großzügigen Überraschungsveröffentlichung folgende Zeilen mit auf den Weg:

„We have been talking about recording a live album for a long time. We think this is the best we’ve been playing as a live band and wanted to document that. With 5 albums of material we felt now was the time.

Over the past few months we were figuring out how to release the album and then covid-19/lockdown/gig cancellations happened. We decided that we would release the album digitally on a pay-what you want basis. The reason behind this is that we know that financially it is a worrying time for a lot of people and for ourselves included. We wanted to make sure we could give everyone who likes our band one of our gigs live in their living room as we can’t be out in the world playing gigs right now. We wanted to make sure that anyone who wants the album can afford it as well.

Tomorrow night we were supposed to be playing our 2nd night at the famous Glasgow Barrowland Ballroom. We invite everyone to take part in our twitter listening party for the live album hosted by Tim Burgess #timstwitterlisteningparty at 10PM BST. Lets pretend we’re all at the gig together. All 5 of us will be taking part and sharing memories from past gigs, sharing thoughts on playing live and many other things.

I hope everyone is doing ok. I hope this helps.

The title of our last album “It Won/t Be Like This All The Time” has been living with me for the past 3/4 years and right now that sentiment feels stronger than ever. We’ll get through this together.

Sending our love to you and all the health services around the world.

James, Andy, Johnny, Brendan & Seb

The Twilight Sad“

 

Den nicht näher datierten Konzertmitschnitt gibt’s hier als Stream und Download:

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: October Drift


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Wenn bereits der Bandname tausende von Assoziationen aufwirbelt…

October Drift kommen aus Somerset, einer Grafschaft im Südwesten Englands. Ihr Stil ließe sich wohl als mit Elementen aus Post Rock, Shoegaze, Brit Rock oder Grunge angereicherter, wuchtig tönender Indie Rock bezeichnen. Ja, man merkt recht schnell, dass Kiran Roy (Gesang, Gitarre), Daniel Young (Gitarre), Alex Bipsham (Bass) und Chris Holmes (Schlagzeug) ein Händchen für epische und elegische Songs haben…

So ganz aus dem Nichts kommt der Briten-Vierer allerdings keineswegs – bereits 2015 ließen October Drift mit dem Song „Robots“ erstmals aufhorchen, veröffentlichten in den Jahren darauf so einige weitere Singles und EPs. Trotzdem sollte es fast eine halbe Dekade, bis zum Januar diesen Jahres, dauern, bis mit „Forever Whatever“ das Langspiel-Debüt des Quartetts erscheint. Und ebenjenes bildet nun den vorläufigen Höhepunkt des bisherigen Schaffens.

ELa-HQTWsAEeFlG„Es ist ein Projekt, das von dem Versuch, den Kopf über Wasser zu halten, handelt“, so Frontmann Kiran über das Debütwerk. „Es wurde zu einer Zeit geschrieben, als jeder um mich herum weiter im Leben voranschritt und ich an derselben Stelle festsaß. Es geht im Grunde genommen um die Angst, älter zu werden und nichts zu erreichen, aber auch darum, die Angst nicht zu nah an sich rankommen zu lassen und trotzdem optimistisch zu bleiben.“

Als juvenil unterfütterte Werkschau verknüpft „Forever Whatever“ bereits bekannte Stücke wie „Cherry Red“, „Cinnamon Girl“ oder „Losing My Touch“ mit neuen Kompositionen wie „Oh The Silence“ oder dem Titelstück. Die (etwas) älteren Songs wurden einer Frischzellenkur unterzogen und klingen so noch intensiver, noch dringlicher als bisher. Als Erfolg darf die Band sich dabei auf die Kappe schreiben, dass das Album trotz alledem wie aus einem Guss tönt, dass neu arrangierte Fan-Klassiker dabei aber genauso zupackend wie in ihrer ursprünglichen Form klingen.

Zu den gelungensten Stücken zählt etwa das titelgebende „Forever Whatever„, bei dem Ruhe und Chaos nur eine Haustür voreinander entfernt wohnen, das das Grüblerisch-emotionale von Joy Division (passenderweise haben October Drift bereits eine Coverversion von „Atmosphere“ in petto) mit dem Unterkühlt-coolen von New Order und der Volatilität der „The Bends“’schen Radiohead verbindet. Anschwellend und hymnisch, entwickelt sich der Song zu einer alles verschlingenden Implosion verzerrter Gitarren, der Sänger Kiran Roy mit seinem kraftvollen Gesang noch die sprichwörtliche Kirsche aufsetzt. Cool? Cool. Trendbewusst cool? Well…

bO3b09lJ„Wir haben uns nie wirklich darum gekümmert, modisch zu sein“, meint Kiran. „Die meisten unserer Kollegen machen politisch aufgeladene Musik – was verständlich und wichtig ist -, aber das ist nicht das, was für uns selbstverständlich ist. Wir haben immer aus einem persönlicheren Umfeld heraus geschrieben. Ich nehme meine Fehler und Ängste und forme sie in etwas Positiveres; sei es Einsamkeit, Teenage Angst oder Unzulänglichkeit. Ich versuche, diesen inneren Kämpfen eine positive Note zu geben, in der Hoffnung, dass ein Gefühl des Optimismus auf die Zuhörer zurückfällt, die mit denselben Emotionen zu tun haben. Meine Lieblingsmusik fühlt sich immer nachempfindbar an, so als ob man sich genauso fühle wie der Künstler, auch wenn ihre Absicht vielleicht nicht mit deiner Interpretation übereinstimmt. Das ist es, was wir in unseren Texten anstreben: einen Bezug zum Alltag.“

Tatsächlich schaffen October Drift, deren unterschiedlichen Einflüsse wie The National, Radiohead, Interpol oder Nick Drake mal mehr, mal weniger deutlich durchschimmern, diesen musikalischen Spagat bei den etwas zupackendenderen Songs – vom feinen Opener „Losing My Touch“ bis zum mit lautstarken Feedback gar nicht mal geizenden Abschluss „The Past“ – durchaus. Beinahe könnte man denken, man würde den frühen Bloc Party beim Spiel mit dem Gedanken, Morrissey als Frontstimme zu verpflichten, zuhören. Wenn das Quartett, wie etwa bei Stücken wie „Don’t Give Me Hope“ oder „Naked“, den Druck etwas vom Kessel nimmt, werden die Songs leider etwas beliebiger. Damit mögen Kiran Roy und Co. den Flow des Albums sicher ein wenig auflockern, gerade in ruhigerem Terrain gibt es für die vier Newcomer jedoch noch Entwicklungspotential.

„Forever Whatever“ ist unterm Strich natürlich ein klassisches Debütalbum voll von schwer pop-inflektiertem Indie Rock – aufbauend auf den Songs und den Qualitäten, die sich zu Beginn der Bandkarriere herausgebildet haben. Aber es steckt noch mehr dahinter: der Langspiel-Erstling dieser jungen Band ist der erste Höhepunkt jahrelanger, mühsamer Arbeit, in welchen viel Herzblut geflossen ist. Und das hört man.

 

Zwei klare Highlights des October Drft’schen Debüt-Langspielers: der Titelsong „Forever Whatever“…

 

…und „Losing My Touch“:

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Cold Reading


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Wer Wikipedia bemüht, der erfährt Folgendes: „Cold Reading (engl. für ‚kalte Deutung‘, auch ’sensory leakage‘) ist ursprünglich der von professionellen Zauberkünstlern und Mentalisten verwendete Fachausdruck für verschiedene Techniken, in Interview-artigen Situationen ohne wirkliches Wissen über den Gesprächspartner bei diesem den Eindruck eines vorhandenen Wissens zu erwecken. In neuerer Zeit wird der Begriff auch für entsprechende Praktiken bei Wahrsagern und anderen ‚Lebensberatern‘ sowie in Vernehmungen oder bei Verkaufsgesprächen gebraucht, wobei unklar ist, inwiefern die Ausübenden diese Techniken bewusst einsetzen oder an den Besitz besonderer Fähigkeiten glauben.“ Weißte Bescheid, wa?

Wieso dies von Interesse sein könnte? Nun, auch bei der Band, die sich nach dieser Art der Gesprächstechnik benannte, weiß man nie so ganz genau, woran man gerade ist… Fakt ist: Cold Reading erzählen Geschichten. Geschichten übers Aufhören und Anfangen, übers Stürzen und Aufstehen, über den wehmütigen Blick zurück und die hoffnungsvolle Vision der kommenden Dinge.

Nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums „Fractures & Fragments“ im Jahr 2015 und der „Sojourner EP“ zwar Jahre darauf geht die fünfköpfige Band aus dem schweizerischen Luzern, deren hymnischer Alternative-Sound nicht selten stark an den 00er-Emo von Bands wie Brand New erinnert, bei der Realisierung ihres zweiten Langspielers „ZYT“ Wege abseits der ausgetretenen Pfade. In Form eines Konzeptalbums setzen sich Cold Reading sowohl musikalisch als auch textlich mit dem Thema Zeit auseinander und versuchen, sich diesem schwer fassbaren Konzept aus verschiedenen Perspektiven zu nähern, in welchen Sound und Texte jeweils vielversprechende Symbiosen eingehen. Das insgesamt knapp einstündige Album besteht aus drei EPs zu je vier Titeln, die die 2014 gegründete Band um Sänger Michael Portmann, welche in der Vergangenheit bereit Formationen wie The Get Up Kids oder The Hotelier auf deren Europatourneen begleiten durfte, auch live nacheinander spielen wird und sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschäftigen (ein ganz ähnliches Konzept gelang bei den US-Post-Hardcore-Indierockern Thrice und deren „The Alchemy Index“ vor gut zehn Jahren ebenfalls recht vielversprechend).

Während Cold Reading für den ersten, „Past Perfect“ betitelten Teil, in welchem das lyrische Ich nach einer Phase der Orientierungslosigkeit schließlich zu einem Selbstfindungstrip aufbricht, noch bewusst auf rein analoge Instrumente zurückgreifen, öffnen sie ihren Sound für das folgende „Present Tense“ für aktuelle Klänge zwischen Loops und elektronischen Einschüben. Thematisch bearbeitet diese EP das Prinzip des Carpe Diem. Das abschließende „Future Continuous“ wiederum widmet sich dann in stellenweise ausuferndem Post-Rock sowie in Dreampop- oder Electronica-Experimenten verschiedenen Zukunftsvisionen.

 

91otl8QDdkL._SX522_Part 1: Past Perfect
01. „Through The Woods Pt. 1“
02. „Past Perfect“
03. „Mono No Aware“
04. „Escape Plan Blueprint / New Domain“

Part 2: Present Tense
05. „Stay Here Stay Now“
06. „Through The Woods Pt. 2“
07. „Present Tense“
08. „A Quiet Thought“

Part 3: Future Continuous
09. „Oh Sweet Hereafter“
10. „Future Continuous“
11. „Tree Diagram“
12. „Through The Woods Pt. 3“

 

Das Musikvideo zum Song „Tree Diagram“ (dieser stammt vom letzten Drittel des Albums), das in Mexiko produziert wurde, könnte seiner cineastischen Machart wegen glatt als Kurzfilm durchgehen und spielt – wie schon das ganze Konzept des am 31. Januar erscheinenden Albums – mit dem Thema Zeit. Kurzgefasst könnte man wohl schreiben, das Cold Reading hier die Verbildlichung einer Endlosschleife im Auge hatten…

 

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Rock and Roll.

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Sunday Listen: We Set Sail – „Feel Nothing“


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Es gibt da diese berüchtigte „Monday Tape„-Szene in „High Fidelity“, der Verfilmung von Nick Hornbys gleichnamigem exzellentem Roman, in der Barry – ein nach außen widerwärtiger, elitärer Plattenladenangestellter, perfekt in Szene gesetzt von Jack Black – versucht, seinen Chef und Kumpel Rob – einen melancholischen und von weinerlichem Sarkasmus geprägten Plattenladenbesitzer, gespielt von John Cusack – nach (s)einer besonders schlimmen Trennung aufzuheitern. Barry tut dies, indem er Katrina and the Waves‘ „Walking On Sunshine“ in Robs Laden in geradezu ohrenbetäubender Lautstäralterke spielt. Nachdem Rob das Mixtape – sehr zu Barrys Verärgerung – abrupt anhält, meint Barry zu Rob, er solle ruhig weitermachen und seine „traurige Bastardmusik“ spielen, worauf Rob – einmal mehr nicht eben ironiefrei –  erklärt: „Ich will keine alte, traurige Bastardmusik hören, Barry. Ich will nur etwas, das ich ignorieren kann.“

a1378662891_16In „Reminders Written On Maps„, einem der zweifellos besten Songs auf We Set Sails 2016 veröffentlichtem Album „Feel Nothing„, gibt es eine Stelle, an dem obiges Film-Sample auf dem Höhepunkt eines riesigen Crescendos gekonnt eingespielt wird, kurz bevor das Stück in einen Furor von Akkord um Akkord wirbelnden Gitarren, doppeltem Gesang und hämmerndem Schlagzeug übergeht. Schnell wird beim Hören klar: Die fünfköpfige Band aus dem australischen Brisbane verwendet auf ihrem zweiten Longplayer geschickt das ein ums andere – und mal mehr, mal weniger bekannte – Filmsample, um den Texten mehr Nachdruck zu verleihen, ohne jedoch den Hörer von den kraftvollen Instrumentals abzulenken. Ein paar Anhaltspunkte und Tipps gefällig? Während der knappen Albumdreiviertelstunde tönen Szenen aus Filmen wie der Komödie „Forgetting Sarah Marshall“, dem Sam-Mendes-Drama „Zeiten es Aufruhrs“ oder dem durch und durch fatalistischen Coen-Brüder-Epos „No Country For Old Men“. Schon bemerkenswert, was We Set Sail mit dieser durchaus einfallsreichen Art des medialen Nebeneinanders gelingt: eine nahezu nahtlose Verbindung von Stimmung, Bedeutung und Musik.

Obwohl die „laziest band in Brisbane“ (so die augenzwinkernde Selbstbeschreibung des Quintetts) musikalische Trademarks wie ebenjenen Hang zum Einsatz von Filmsamples, dichte, hallgetränkte Gitarrenschichten oder dynamische Vocal-Shouts beibehält, haben Paul Voge, James Jackson, Andrew Martin, Hayden Robins und Benjamin Britenstein – gerade im Vergleich zum 2013 veröffentlichten Albumdebüt „Rivals“ – Ausflüge in postrockige Gefilde, in denen siebenminütige Tracklängen bekanntlich mehr Regel denn Ausnahme sind, merklich zurückgefahren, und im Gros durch direktere, fokussiertere Songstrukturen ersetzt, was wiederum dazu führt, dass „Feel Nothing“ einige der bisher stärksten Hooklines der Band enthält.

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Schon der Opener „Animal, Mineral, Vegetable“ (hier kommt ebenfalls ein bekannter Auszug aus „High Fidelity“ zum Einsatz) macht mit seinen lautstark triumphierenden, druckvollen Rhythmen, weitläufigen Riffs und eingängigen Refrainzeilen wie „You’re like a wave / Wash over me“ mächtig Eindruck. Mit „Snails“ löst die Band eines ihrer Versprechen ein: eine vollmundige Up-Beat-Hymne mit gleitenden Melodien und dem über allem zu schweben scheinenden Gesang von Sänger und Gitarrist Paul Voge, dem nun – der musikalischen Neujustierung geschuldet fast zwangsläufig – eine zentralere (Gesangs)Rolle zuteil wird. Wenn sich We Set Sail auf „Feel Nothing“ heavieren Momenten hingeben (wie etwa beim sich episch-grungy aufbäumenden „This Machine Destroys Everything!“ oder beim emotionalen Outro des brillanten „Pet Cemetery„), tragen die Gitarristen Andrew Martin und James Jackson geschickt ihren Teil zum „Wall of Sound“-Ansatz bei, indem sie gemeinsam einen Kontrast zu den oftmals dichten Texturen und düster-lyrischen Ansatzpunkten bilden. Bassist Hayden Robins setzt mit seinem Tieftöner ein paar feine Fußnoten unter das wehmütige „Space Jam„, während Schlagzeuger Benjamin Britenstein „How Did It Go Last Night?“ oder das langsam verglühende „Understanding This Is Not A Car Crash“ mit dem ein oder anderen perkussiven Ausbruch veredelt (wer übrigens bei Letzterem eine unverhohlen offenkundige Thursday-Referenz vermutet, liegt nicht eben falsch). Und selbst an den obligatorischen Akustikgitarren-Rausschmeißer haben We Set Sail mit „P̶o̶l̶l̶y̶ Molly“ gedacht.

In der Roman-Version von „High Fidelity“ reflektiert Nick Hornbys Protagonist darüber, dass Musik durchaus eine Form widersprüchlicher Zeitreise sein kann: „Sentimentale Musik schafft es, dich gleichzeitig an einen Ort zurückzubringen und dich voranzubringen, sodass du dich zugleich nostalgisch und hoffnungsvoll fühlst.“ In vielerlei Hinsicht beschreibt dies perfekt ebenjene fürs Kopefhörervergnügen geeichte Mischung aus Sehnsucht und Optimismus, die We Set Sail in ihren Klangteppich einzubinden vermögen. Umso verwunderlicher erscheint es da, dass „Feel Nothing“, diese tolle Indierock-meets-Post-Rock-Melange aus ehrfürchtigen Knicksen vor Midwest-Emo-Größen wie Sunny Day Real Estate, Texas Is The Reason, Jawbreaker, Braid oder Taking Back Sunday und stolzen Fingerzeigen zu anderen ähnlich modernen, jedoch weitaus einflussreicheren Bands wie Brand New oder Balance & Composure, vor nunmehr drei Jahren keine größere Hörerschaft gefunden hat. Ja, „traurige Bastardmusik“ mag all das schon sein, aber ignorieren sollte man diese Songs keineswegs…

 

 

Hier gibt’s die Musikvideos zum Album-Opener „Animal, Mineral, Vegetable“…

 

…“Reminders Written On Maps“…

 

…und „Snails“:

 

Rock and Roll.

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