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Das Album der Woche


Pianos Become The Teeth – Drift (2022)

-erschienen bei Epitaph/Indigo-

Es mag inzwischen müßig sein, die steten Wandel bestimmte Vergangenheit dieser Band immer wieder in Erinnerung zu rufen, aber so viel Zeit sollte sein, denn – Post-Harcore-Connaisseure schnalzen wissend mit der Zunge – Pianos Become The Teeth verfolgten einst, auf ihren ersten beiden, das Genre gut durchwirbelnden Alben, einen gänzlich anderen Ansatz: Härte, Geschrei und Tempo dominierten die Szenerie. Dann kam die unerwartete Kehrtwende, welche anno 2013 mit „Hiding„, jenem auf einer gemeinsam mit Touché Amoré veröffentlichten Split-EP erschienenem Song, erstmals Gestalt annahm und schließlich in den beiden 2014 beziehungsweise 2018 veröffentlichten Alben „Keep You“ und „Wait For Love“ mündete – zwei Werke, die der gallegurgelnden Postcore-Raserei nahezu gänzlich abschworen und vielmehr weltbeste tieftraurig-emotionale Wolkenbrüche nach dem Motto „Quiet is the new loud“ aufboten. Auch im Rückblick stellt sich diese stilistische Totalumkehr als Segen heraus, denn Vokalist Kyle Durfey hatte entdeckt, dass er tatsächlich richtig gut singen kann, und die Herrschaften um ihn herum setzten in den erlesenen Songs seinen Vortrag mit gleichsam großer Kunst in Szene. „Es fühlte sich kindisch an, zu den Songs zu schreien“, sagt Sänger Durfey rückblickend über den einschneidenden Wechsel von Post Hardcore zu melancholischem Emo-Indie-Irgendwas. Auch 2022 mag die fünfköpfige Band aus dem US-amerikanischen Baltimore, Maryland noch immer nicht am Ziel angekommen sein, den Weg dahin begleitet man jedoch weiterhin überaus gern, denn auch „Drift„, der neueste Langspiel-Streich aus dem Hause Pianos Become The Teeth, ist ein durch und durch glanzvolles Stück Musik.

Ein Gesamtwerk ohne Hänger beginnt mit einem Kyle Durfey, der zunächst ganz bei sich scheint, bevor ein nervöses Zucken einsetzt und mehrschichtiger Gesang mit „Out Of Sight“ einen Song fortführt, der zunächst eine gigantische Klangwelt aus Keys, Flächen, Kalimbas und Naturgeräuschen aufbaut, die in der zweiten Hälfte durch einen verspielten Drumgroove von Schlagzeuger David Haik aufgebrochen wird und, wie nicht wenige Stellen des Albums, wie eine Zusammenarbeit von Radiohead und Anathema anmutet. Zudem eröffnet das Stück bereits mit durchaus vielsagenden Zeilen: „Turn the lights off / When I’m still in the room / I’m only bright next to you / Out of sight“ – auch Album Nummer fünf ist freilich keines fürs Degustieren in fröhlicher Gesellschaft oder in der prallen Freibadsonne, sondern erneut vielmehr eines, dem man sich in den ruhigen, intimen Momenten ganz und sonders hingeben sollte. Wenig verwunderlich also, dass der Band-Frontmann dies in seiner Einschätzung ganz ähnlich sieht: “Für mich fühlt sich die Platte wie eine einzige, lange Nacht an.” Dem starken Auftakt folgt „Genevieve“, ein klarer erster Höhepunkt des Ganzen. Eine feine Basslinie untermalt Durfeys tolle Stimme, eine kunstvolle Passage im Mittelteil weiß ebenso zu gefallen wie der Umstand, dass hier zunächst alles wie dezent neben der Taktspur wirkt. Doch keine Angst, Pianos Become The Teeth geben schließlich Vollgas und haben hier einen neuen, mit markerschütternder Intensität überzeugenden Favoriten für künftige Live-Auftritte im Repertoire. Dass „Drift“ wie aus einem Guss tönt, liegt nicht nur an der greifbaren Grundstimmung, sondern auch daran, dass die Stücke gern unmittelbar ineinander übergehen. So leitet „Genevieve“ ohne Abkürzung zu „The Tricks“ über, das sich zum Abschluss nahezu verstohlen davonschleicht.

Foto: Promo / Micah E. Wood

Fürchtet irgendjemand vertonte Langeweile? Nun, etwaiger Eintönigkeit entgeht die Band einmal mehr konsequent – man lausche etwa den ebenfalls miteinander verbundenen Songs „Easy“ und „The Day“. Regiert im ersten eine reduzierte Instrumentierung, setzen die US-Amerikaner im zweiten zum Handkantenschlag an und winken entschlossen in Richtung eigener Vergangenheit. Summa summarum eine erste Albumhälfte, die es in sich hat. Gibt’s Zweifel daran, dass dieses Niveau zu halten ist? Mitnichten. „Mouth“ leitet die zweite Hälfte ein, und es erweist sich Stück für Stück, dass „Drift“ eben vor allem ein organisches Ganzes ist – und damit weit mehr als die Summe seiner einzelnen Teile. „Skiv“ liefert – gar samt einem im Hintergrund platzierten Saxophon-Solo! – das nächste Kleinod, für welches sich nicht nur das Quintett als Kollektiv, sondern vor allem Kyle Durfey gern anhaltend selbst auf die Schulter klopfen darf. Eben dafür, den Mut gehabt zu haben, das alte Schrei-Schema zu durchbrechen und seiner Stimme diesen wohlverdienten Raum zu geben.

Mit einem runden Song-Trio verabschieden sich Pianos Become The Teeth schlussendlich nach lediglich 37 Minuten aus dem Album. „Hate Chase“ greift mit energischen Gitarren noch einmal überzeugend in die krachige, sorgsam dosiert zum Einsatz kommende Werkzeugkiste, „Buckley“, benannt nach dem 1997 ebenso tragisch wie jung verstorbenen legendären Musiker, ist vertonte Schwermut mit cleverem Spannungsaufbau und zwingendem Ende, „Pair“ setzt schließlich den tollen Schlusspunkt hinter ein Album, das einerseits die Richtung seiner Vorgänger aufgreift, andererseits jedoch auch Experimente wagt. Hier zeigt die Band selbstbewusst, wo sie im Jahr 2022 steht, warum sie von exakt diesem eingeschlagenen Weg voll und ganz überzeugt ist und sich in diesem, irgendwo zwischen Emo, Indie Rock, Shoegaze und Post Rock angesiedelten Soundgewand mittlerweile so überaus wohl fühlt. Natürlich mag auch „Drift“ kein seichtes Easy-Listening-Album sein, dafür jedoch definitiv eines, das einen durch den Herbst und die (nächsten) Klima-Corona-Kriegs-Monate bringen kann. VISIONS-Redakteur Jan Schwarzkamp mag in seiner Review weniger begeistert gewesen sein und das alles unter „melancholischer Runterziehmusik für Menschen, die sich psychisch zusätzlich belasten wollen“ verortet haben (was sich übrigens durch den Fakt, dass Kyle Durfey textlich mittlerweile in durchaus positiveren Gefilden unterwegs ist, zumindest teilweise entkräften lässt), für mich bleiben Pianos Become The Teeth seit nunmehr drei Langspielern eine absolut verlässliche Herzensband, in deren Stücke man hineingleitet wie in ein warmes Bad – wunderbar und schonungslos emotional.

Rock and Roll.

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Song des Tages: BRUTUS – „Victoria“


Foto: Promo / Eva Vlonk

Gut drei Jahre hat sich das belgische Trio Zeit gelassen, nun werfen BRUTUS immer mehr vielversprechende Songschatten ihres dritten Langspielers voraus. Der neuste hört auf den Titel „Victoria“ und ist nach „Liar“ und „Dust“ bereits der dritte Appetithappen vom kommenden, am 21. Oktober erscheinenden Album „Unison Life„.

Sängerin Stefanie Mannaerts verrät, worum es in der neuen Single geht: „‚Victoria‘ handelt vom Älterwerden. Man weiß, dass das Erwachsenenleben hinter der Ecke lauert, aber man hat keine Angst vor dem, was kommt, weil wir alle gemeinsam untergehen werden.“ Zudem enthält ‚Victoria“ die Zeile „This is our unison life, my friend / This is the end“, welche Bassist Peter Mulders dazu inspirierte, „Unison Life“ als Titel für den Nachfolger des 2019er Langspielers „Nest“ vorzuschlagen. Peter verrät: „‚Victoria‘ hat sich für uns immer nostalgisch angefühlt. Zurück zu den alten BRUTUS-Tagen! Das Gitarrenriff gibt es schon seit 2013, aber erst jetzt erstrahlt es in einem kompletten Song. Was als ruhigerer Song mit normaler Songstruktur gesehen werden kann, hat sich für uns als großer Schritt herausgestellt. Wir können uns nicht hinter Effekten, Tempowechseln, Shouts oder Blasts verstecken.“

Für das Musikvideo zu ‚Victoria“, welches musikalisch einmal mehr mit gebündelter Intensität aufwartet und in seinen viereinhalb Minuten zwischen Post Rock, Progressive Rock, Alternative Rock und Post Hardcore pendelt, reisten BRUTUS mit Regisseur Jonas Hollevoet durchs heimische Belgien, um für das Visuelle das nostalgische Gleichgewicht zwischen Jung und Alt, Alleinsein und Zusammensein zu suchen. Zu sehen sind die Bandmitglieder (und einige Gäste), wie sie Schilder mit einzelnen Textzeilen an Orten hochhalten, an denen die Menschen einfach nur im Moment leben. Die Reaktion des Publikums um sie herum ist durchweg faszinierend: einige schauen neugierig zu, andere ignorieren sie völlig, und gelegentlich gibt es Gruppen, die verzweifelt versuchen, an der Aktion teilzunehmen.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Caracara – New Preoccupations (2022)

-erschienen bei Memory Music-

Gegen Ende des Jahres 2019 befanden sich William „Will“ Lindsay und seine drei Bandkollegen von Caracara in den letzten Zügen einer Tournee, bei der sie vor einigen der größten Menschenmengen spielten, seit sie die aufstrebende Emo-Rockband aus Philadelphia 2016 gegründet hatten – im Grunde ein Traum, im Grunde das, auf was Lindsay seit seiner Zeit in Highschool-Punkbands hingearbeitet hatte. Dennoch fühlte es sich vor allem für ihn eher wie ein gelebter Albtraum an.

„Ich war mit meinen besten Freunden auf Tour, spielte Musik, die mir wirklich am Herzen liegt, vor dem größten Publikum, das wir je hatten, in Städten, von denen ich nie gedacht hätte, dass es für mich einen Grund geben würde, dorthin zu kommen“, meint Lindsay rückblickend. „Und ich war unglücklich. Ich dachte: ‚Ich hasse das. Ich will nicht hier sein. Die Musik ist mir egal. Ich fühle nichts.'“

Diese Gefühle ergaben für den Frontmann zunächst keinen Sinn. Sie stimmten nicht mit dem überein, was er über sich selbst wusste und was er in seinem Leben wollte. Und doch waren die Gefühle echt, und sie dienten als Weckruf: Will Lindsay musste mit dem Trinken aufhören.

„Ich hatte eine Zeit lang viel über mein Trinkverhalten nachgedacht. Ich habe mir dieselben Ausreden zurechtgelegt wie viele Menschen, die sich in der Endphase einer Beziehung zu einer Substanz befinden“, so Lindsay, dem Ende 2019 schließlich die Ausreden ausgingen und der sich eingestand: „Wenn ich das nicht in den Griff bekomme, verliere ich das Reisen. Ich werde nicht mehr in einer Band mit meinen besten Freunden spielen können. Und das war für mich einfach unverzeihlich.“

Dennoch entschied sich der Sänger und Gitarrist nicht sofort für den kalten Schritt in die Nüchternheit, schließlich hätte die Abkehr vom Alkohol Auswirkungen auf ziemlich alle Bereiche seines Lebens gehabt. Mit einer Band auf Tournee zu gehen, verleitet zum Trinken, gleiches gilt auch für Lindsays verschiedene Broterwerbsjobs in der Dienstleistungsbranche.

„Die meisten Menschen scheinen eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort zu haben, an denen sie trinken, aber bei mir hatte sich der Alkohol in jeden Aspekt meines Lebens eingeschlichen. Alles, was ich tat, beinhaltete das Trinken als parallele Aktivität“, gibt er zu. „Alkohol ist ein fester Bestandteil der Kultur, ist so tief in unser Leben eingebettet. Wenn man die Beförderung nicht bekommt, trinkt man etwas, um sich besser zu fühlen. Und wenn man dann befördert wird, trinkt man, um zu feiern. Ich bin Teil einer Generation, in der die Fähigkeit, ausgiebig zu feiern, fast wie ein Statusmerkmal darstellt. Wer am Ende der Nacht das meiste Gift zu sich nehmen konnte, gilt als Held, und obwohl man intellektuell in der Lage sein mag zu begreifen, wie falsch diese Denkweise sein mag, ist es immer noch so einfach, emotional darin verwickelt zu sein.“

Aber Lindsays Identitätskrise, die durch die Tour ausgelöst wurde, erwies sich für ihn als so etwas wie der letzte Strohhalm. Am 5. Januar 2020 hörte er schließlich komplett mit dem Trinken auf. Die Entscheidung kam zu einem Zeitpunkt, als Caracara (welche ANEWFRIEND bereits 2019 „auf dem Radar“ hatte) gerade in Begriff waren, den Nachfolger des 2017er Debütalbums „Summer Megalith“ und der 2019 veröffentlichten EP „Better“ in Angriff zu nehmen. Lindsay und seine Bandkollegen – Carlos Pacheco-Perez (Keyboards), George Legatos (Bass) und Sean Gill (Schlagzeug) – planten, das neue Album aufzunehmen und dann den größten Teil des Jahres 2020 wieder auf Tour zu gehen. Doch wie so ziemliche alle ihrer Kolleg*innen zwang die Pandemie auch Caracara zu einer ebenso unerwarteten wie langen Pause – was wiederum die Richtung des hervorragenden neuen Albums „New Preoccupations“ änderte.

Während eine Handvoll Songs auf „New Preoccupations“ bereits vor Lindsays Schritt zur Nüchternheit existierten, begann er einige von ihnen, wie etwa „Strange Interactions In The Night“, plötzlich mit anderen Augen zu sehen. In dem hymnischen Stück beschreibt Lindsay, wie er „auf dem Rücken des Teufels wandelt… zwischen dem Runterkommen und dem Rausch“, singt davon, dass er versucht, „das Feuer herunter zu trinken“ und „das Chaos zu betäuben“. Und in der vielleicht aufschlussreichsten Zeile gibt Lindsay offen zu, dass „es eine Version von mir gibt, die ich nicht wiedererkenne“.

„Wenn ich auf den Song zurückblicke, denke ich: ‚Wow, das ist alles hier!‘ Ich habe versucht, mir begreiflich zu machen, dass ich aufhören sollte, lange bevor ich aufgehört habe“, so Lindsay. „Ich bin die letzte Handvoll Songs aus dieser Perspektive und mit dieser Geschichte im Kopf angegangen: Das ist die Geschichte, die ich unbewusst erzählt habe. Wie kann ich das alles zusammenbringen? Was sind die Zutaten, die wir noch brauchen, um eine zusammenhängende Erzählung zu schaffen?“

Obwohl einige der Texte auf „New Preoccupations“ zu den dunkelsten und persönlichsten gehören, die Lindsay bisher geschrieben hat, ist das Album an sich weder als reines Konzeotwerk zu verstehen noch alles andere als grunddüster. Zum einen bleiben Caracara auch auf ihrem zweiten Langspieler jene Art von Band, die in ihren Refrains zum Mitsingen animiert, auch wenn sich ihre Schulterschluss-Zeilen auf dem Papier eher wie bittere Halbdunkelbeichten lesen. Zum anderen wollte Lindsay auf der Platte Klischees von allzu typischen Genesungsgeschichten vermeiden. Sicher, der Alkohol hat ihn in einige dunkle Täler geführt, aber es gab auch genug gute Zeiten, und diese nuancierte Dualität zu umarmen war für ihn der Schlüssel zu einem emotional ehrlichen Kunstwerk.

„Ich liebe Alkohol. Ich liebe das Trinken. Und ich bin dem Alkohol so dankbar dafür, dass er für mich in vielen Situationen eine soziale Stütze war, die es mir ermöglichte, Erfahrungen zu machen, wie zum Beispiel eine wilde Nacht an einem weit entfernten Ort. Ich konnte ein aufregenderer, abenteuerlustigerer Mensch sein. Einige dieser Erfahrungen waren die schönsten Erlebnisse meines Lebens, an die ich immer wieder zurückdenke. Auch wenn es an einem dunklen Ort endete und ich aufhören musste, gibt es immer noch diese schönen, vorbildlichen Momente“, so Lindsay im Rückblick über die ambivalente Wirkung von Alkohol. „Ich möchte auch die wohlverdiente Liebe der Menschen zum Alkohol anerkennen. Ich möchte sagen: ‚Ja, er ist fantastisch.‘ Ich erinnere mich daran, wie toll es ist, und wir dürfen diese Momente durchaus wertschätzen. Sie sind nicht weniger wertvoll, nur weil über ihnen ein trunkener Schleier liegt. All das kann wahr sein – aber man sollte auch aufhören können.“

Lindsay räumt zudem einige Glücksfälle in all dem ein, denn sein persönlicher Tiefpunkt hätte ebensogut auch viel schlimmer ausfallen können. „Wäre das Ende meiner Beziehung zum Alkohol auf eine andere Art und Weise eingetreten, etwa durch einen Krankenhausaufenthalt oder eine Verhaftung, hätte ich vielleicht eine ganz andere Perspektive darauf“, sagt er und fügte hinzu, dass der Zeitpunkt seiner Nüchternheit ihn unbewusst darauf vorbereitet hat, die COVID-Ära zu überstehen. „Als die Pandemie ausbrach, befand ich mich in der Flitterwochenphase. Ich spürte die massive Rückkehr von Dopamin in meinen Körper. Ich hatte die ganze Last der depressiven Seite der Gleichung abgenommen, und ich erlebte die körperlichen Vorteile, wenn man aus der Entzugsphase herauskommt und sich die Chemie wieder einstellt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn ich meinen Alkoholkonsum nicht in den Griff bekommen hätte und die Welt dann stehen geblieben wäre. Ich bin mir sicher, dass ich noch tiefer in den Narzissmus und den Selbsthass hineingerutscht wäre. Es wäre wohlmöglich ein sehr schneller Abstieg gewesen…“

Das „Timing“ der Pandemie ermöglichte es Caracara zudem, langsamer und gezielter an neuen Songs zu schreiben, bevor sie im Mai 2020 gemeinsam mit Produzent Will Yip, der 2019 bereits das Debüt einem Remaster unterzogen hatte, in Philadelphia für etwa einen Monat ins Studio gingen – vorbildlicherweise erst, nachdem man sich vor den Aufnahmen zwei Wochen lang in Quarantäne begeben hatte. Dennoch ist „New Preoccupations“ kein einsiedlerisches Werk geworden – ganz im Gegenteil: Das Album ist voller spezifischer Referenzen, die den Songs ein Gefühl für den jeweiligen Ort geben, von Charleston, South Carolina, bis Belfast in Nordirland. In „Colorglut“ etwa hört Lindsay Songs der Dirty Projectors in einem Volvo auf einem Freeway irgendwo im nirgendwo in Maryland, in „Ohio“ beschreibt er jemanden, der den Kopf aus einem Autofenster im Lincoln Tunnel steckt.

Die Anspielung auf „Ohio“ bezieht sich allerdings eher auf die Stimmung des Songs als auf den Text. Der fast sechsminütige Song war zunächst ein reines Instrumentalstück, bei welchem die Band eine reichhaltige, dynamische Klangpalette für Lindsays zukünftige Texte schuf. „Ich wollte, dass der Song an einem kalten, blauen, aber auch hellen Ort beginnt und dann in eine wärmere, rosafarbene, vielleicht allzu nostalgische Version der Vergangenheit übergeht. Und wenn ich nostalgisch werden will, ist der erste Ort, an den ich mich begebe, der Vordersitz meines Honda CRV, wenn ich in den Hocking Hills herumfahre“, erzählt Lindsay, der davon singt, „auf kaputten Straßen zu fahren und die Haut abzustreifen“. „Es ist ein Song über die Komplexität des Wegziehens von dem Ort, an dem man aufgewachsen ist – und über die gemischten Gefühle darüber, wo man gelandet ist, wo man herkommt und wie es sich im Laufe der Zeit verändert hat. Ich meine, ‚Ohio‘ ist in vielerlei Hinsicht gewachsen, hat sich in anderer Hinsicht jedoch auch zurückgezogen.“

Vor allem im Vergleich mit dem nunmehr fünf Jahre zurückliegenden Debütwerk schaffen es Caracara auf „New Preoccupations“, ihren ohnehin bereits einnehmenden, beständig zwischen Indie Rock, Post Rock und Post Hardcore pendelnden Bandsound noch weiter zu verfeinern – ein Kraftakt, an dem wohlmöglich auch Will Yip einen entsprechenden Anteil haben dürfte, der in Szene-Kreisen schon länger als „Rick Rubin des Post Hardcore“ gilt und sich in der Vergangenheit fürs Klangliche nicht weniger großartiger Platten von Bands von La Dispute über Title Fight bis hin zu Pianos Become The Teeth verantwortlich zeichnete. Unter seinen Fittichen gelingt Caracara eine in jedem Moment besonders tönende Melange aus den seligen Tagen des Neunziger-Emo-Rocks, Post-Grunge-Versatzstücken und weihevollem Heartland Rock, die andererseits jedoch kaum tiefer im Hier und Jetzt verwurzelt sein könnte. Aus Indie Rock, der derb zupacken kann und den Hörer mitten hinein zieht, sich aber auch Ruhepause gönnt und immer wieder mächtig Bock auf Neues beweist.

„New Preoccupations“ endet schließlich mit „Monoculture“, einem Stück mit gewaltigen Gitarren, stampfenden Drums, einen großartig crescendierenden Streichersatz und einem kathartischen Schrei. „I’m finally free to let go“, singt Lindsay und wiederholt die Zeile, bis seine Stimme vor lauter Trauer über das Verlorene, vor Dankbarkeit über das Gewonnene und vor Freude über das Kommende beinahe zu zerbrechen droht. Eine Offenbarung, ein Klagelied – und der Abschluss von einem der wohlmöglich besten Werke des Musikjahres. Eines, das sich in Einzelstücken in keine trendige Spofity-Playlist zwängen lassen mag, sondern deine Aufmerksamkeit einfordert, um sich zu entfalten.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Dreamtigers


Was Musik und Wein gemeinsam haben? Nun, sieht man von den üblichen, stets lediglich auf irgendwelche gottverdammten Trendzüge aufspringenden Eintagsfliegen im Musikbusiness und der leidigen Gut-und-günstig-Tetrapack-Plörre aus dem Ums-Eck-Discounter des Vertrauens einmal ab und beschäftigt sich wirklich intensiv damit, kommt man wohl unweigerlich zu dem Ergebnis: recht viel. Denn mancher Wein entfaltet erst nach langer Lagerung im edlen Barrique-Fass seinen einzigartigen Geschmack. Gutes Zeug will Weile haben. Und gemäß dieser Losung verhält es sich eben auch mit so manchem Langspieler…

Recht formidable Beispiele hierfür dürften die beiden Platten von Dreamtigers sein. Dream…who? Eben. Denn obwohl es der US-Indie-Rock-Band weder an Vitamin B noch an Szene-Kredibilität zu mangeln scheint, ist die Kombo, welche sich nach einem Buch des argentinischen Autoren Jorge Luis Borges benannt hat, hierzulande noch immer sträflichst unbekannt. Mag’s daran liegen, dass Dreamtigers bislang den großen Medienrummel gescheut haben wie der Teufel das Weihwasser? Dass sie selbst um ihre Alben keinerlei vernehmbares Getöse gemacht haben, dass nicht einmal zum bloßen Marketing aufgeblähtes Namedropping betrieben wurde? In jedem Fall: sympathisch, dass die Band aus Massachusetts vielmehr ihre Musik für sich sprechen lässt. Und umso überraschender, denn den Kern der Truppe dürfte manch eine(r) durchaus kennen, schließlich treten Jake Woodruff und Joe Longobardi sonst bei den US-Melodic-Hardcore-Krawallmachern von Defeater an Gitarre und Schlagzeug in Erscheinung. Dazu gesellen sich neben Andrew Gary, der dritten festen Konstante, noch Mitglieder von – zumindest für Szene-Kundige – kaum weniger bekannten Bands wie Caspian, Polar Bear Club oder Balmorhea. Und nun mal Mic Drop beim Namedropping.

Wer jedoch erwartet, dass sich Woodruff, Longobardi und Co. auch bei Dreamtigers in eine ähnlich krawallige Richtung wie bei den jeweiligen Hauptbands bewegen, der irrt. Denn das, was bei der Band – nach einigen EPs und Split-Singles seit 2009 – schließlich in den beiden Langspielern „Wishing Well“ (2014) und „Ellapsis“ (unlängst im Februar 2022 erschienen) kumulierte, tönt ebenso vielfältig wie einnehmend, manchmal auch leise und bedacht. Das Dreamtigers’sche Klangkonstrukt mag es eher nachdenklich als wütend, hinterfragt zaghaft und zweifelnd, untermalt tendenziell eher mit zarterer Instrumentierung denn mit Pauken und Trompeten zum Barrikadensturm anzusetzen oder die Tür durch die Mauer hindurch einzutreten. Protest – so man dies hier als einen solchen bezeichnen mag – muss eben nicht immer laut und ausufernd sein, er muss sich noch nicht einmal neu erfinden, denn genau genommen ist dieses „Singer/Songwriter-Ding“, ebenso wie die bestens bekannte „Indie-Rock-Schiene“, halt auch schon ein paar Tage alt. Doch keine Angst, muffig abgehangen und altbacken klingt hier mal eben gar nichts. Vielmehr bietet die Band vor allem auf „Wishing Well“ eine feine Melange aus bodenständigem Indie Rock, von fern winkender Americana und melancholischem Folk, welche obendrein mit Versätzen aus Post Rock und dem guten alten Neunzigerjahre-Emo-Rock, mit sakraler Orgel und schwelgerischen Streichern garniert wird – und als buntes Potpourri aus Atmosphäre, Emotionen und großer Kunst so wohlbekömmlich gerät, dass man nur allzu gern einen Nachschlag nimmt.

Dennoch werden die Alben, bei denen sich das von Will Yip (La Dispute, Pianos Become The Teeth, Title Fight) produzierte „Ellapsis“ noch etwas mehr in Richtung Full Band beziehungsweise Post Rock entwickelt, vor allem all jenen mehr Appetit machen, die sie nicht nur mal eben so nebenbei hören oder verzweifelt auf der Suche nach unmittelbar erkennbaren Instant-Hits sind, denn sie möchten mehrmals genossen werden, wollen mit all ihren großen kleinen Songs die Chance bekommen, sich in Ruhe in den Gehörgängen und Hörerherzen einzunisten. Wer nur besoffen werden mag, darf weiter zum Fünf-Liter-Tetrapack aus dem Discounter greifen, möge aber bitte auch die Finger von diesen Perlen lassen. Und während die Kunstbanausen am Folgetag wohlmöglich über übles Kopfweh klagen werden, summen Connaisseure hier leise mit, während sie sich in so großartige Songs wie „Empty Roads, Pt. 2“ oder „I See The Future“ immer tiefer, jedes Mal aufs Neue verlieben. Sie werden genießen, schweigen und all den Kretins ums Verrecken nicht verraten, was Balsam für ihre armen Seelen sein könnte…

Hier findet man „Wishing Well„…

…und „Ellapsis“ im Stream:

Rock and Roll.

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Song des Tages: Maybeshewill – „Zarah“


Ein ganzes Weilchen war es still um sie, nun jedoch lässt das britische Post-Rock-Quintett Maybeshewill neue Musik hören. „Zarah“ ist der britischen Labour-Politikerin Zarah Sultana gewidmet, welche aktuell als Abgeordnete für die Region Coventry tätig ist, schließlich wurden Maybeshewill erst durch deren national aufsehenerregende erste Rede im britischen Unterhaus 2020, welche sich vor allem der Klimakrise widmete, zu dem Song inspiriert.

„Zarah“ stammt vom kommenden Album „No Feeling Is Final„, das einmal mehr von Bassist Jamie Ward aufgenommen sowie produziert wurde und am 19. November über ihr eigenes Label Robot Needs Home Collective erscheinen wird. Es sind die ersten neuen Songs der 2006 gegründeten Band aus Leicester seit dem 2014 veröffentlichten vierten Langspieler „Fair Youth„. Im April 2016 kündigte der Fünfer nach seiner vorerst letzten Abschiedstournee eine Auszeit an, fand 2018 auf persönliche Einladung von The Cures Robert Smith für eine Show beim Meltdown Festival kurzzeitig wieder zusammen und meldete sich im vergangenen Jahr endgültig wieder zu gemeinsamen Sessions zurück. Und da diese unlängst nicht in Konzerten münden durften, steht nun eben zunächst Album Nummer fünf ins Haus. Das wird wohl nicht nur so einige der cineastischen Instrumental-Post-Rock-Trademarks der Band beinhalten, sondern eben auch die ein oder andere unumwunden gesellschaftskritisch-politische Botschaft.

„Der Song ist um einen Auszug aus einer Rede von Zarah Sultana herum aufgebaut“, erklärt Gitarrist Robin Southby über das nach „Refuturing“ bereits zweite Stück aus dem neuen Werk. „Zarahs Worte bringen die Wut und Frustration der jüngeren Generationen auf den Punkt, denen ein Mitspracherecht bei ihrer eigenen Zukunft von einer älteren globalen Elite verweigert wird, die sich entschieden gegen Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise verwehrt, um noch mehr Reichtum anzuhäufen und die bestehenden Machtstrukturen zu erhalten. Die Rede prangert dabei ebenso die von Milliardären geführten multinationalen Konzerne wie all die gelernten Berufspolitiker an, welche sich verzweifelt an den Status quo des Spätkapitalismus klammern, während die Welt um sie herum buchstäblich in Flammen aufgeht.“

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Thrice – Horizons/East (2021)

-erschienen bei Epitaph/Indigo-

Wie viel Entwicklung verkraftet eine Fanbase? Wo anderorts wütend über die Abkehr von den meist härteren Gangarten geschimpft wird, zählen Thrice zu den wahrlich gesegneten Bands, die es nicht nur schaffen, konstant – im Gesamteindruck – recht gelungene Platten fernab fester Genrekonventionen zu veröffentlichen, sondern sich dadurch auch den Respekt von Kritikern wie Fans erarbeitet haben, welcher ihnen eine gewisse Freiheit ermöglicht, einfach das zu tun, was ihnen am meisten Freude bereitet: anspruchsvolle und unkonventionelle Songs zu schreiben. Kaum verwunderlich also, dass die vier Kalifornier ihren beinahe unantastbaren Status mit ihrem neusten Album “Horizons/East” erneut unterstreichen.

Foto: Promo / Matty Vogel

“Die einhundertprozentige Thrice-Erfahrung” nennt Schlagzeuger Riley Breckenridge es, als er unlängst in einem Interview erklärte, warum es eben doch hilfreich sein kann, wenn man die kreativen Zügel selbst in der Hand behält. Kein Produzent, der eigene Ideen einstreut und somit die Vorstellungen der Band verwässern könnte. Kein gemietetes Studio, das unnötig Budgets frisst und somit Zeitdruck hin zur überstürzten Hauruck-Ferigstellung entstehen lässt. Und vor allem: die absolute Freiheit, gewisse Dinge einfach umzusetzen, wie man es sich selbst vorstellt. Dass Dustin Kensrue (Gitarre, Gesang), Teppei Teranishi (Gitarre), Eddie Breckenridge (Bass) und Riley Breckenridge (Schlagzeug) damit gut fahren können, bewiesen etwa bereits “Beggars” (2009) oder die längst legendäre, verdammt groß gedachte “Alchemy Index”-Albumreihe (von 2007 bzw. 2008). Alle drei Platten wurden ebenfalls im eigenen Studio aufgenommen und gehören mittlerweile zu den Highlights der nunmehr elf Alben umfassenden Thrice’schen Diskografie.

Wer das kreative Schaffen des US-Alternative-Rock-Quartetts mit etwas mehr Tiefgang betrachtet, der weiß zudem, dass Kensrue und Co. jedem Werk ein grundlegendes Konzept widmen – beim neuen Album thematisieren sie dabei übergreifend die Akzeptanz des Ungewissen. Und schon in der Eröffnung brennt direkt die musikalische Luft: Der Opener “Color Of The Sky” glänzt durch (s)eine intensive Atmosphäre, die durch ein düsteres Synthie-Intro eingeleitet wird, nur um darauf von Dustin Kensrues dunkler Stimme gebrochen zu werden. Weit im Hintergrund kündigt sich das Schlagzeug an, bevor die Band gemeinsam in den Song einsteigt. Während die wuchtige Instrumental-Fraktion förmlich gegen die Synthie-Wand ankämpft, schwebt Kensrue über dem Ganzen, was eine unheimliche Stimmung erzeugt. Die tolle Produktion tut hier ihr übrigens, sodass die verschiedenen Sound-Ebenen wunderbar zur Geltung kommen. Klares Fazit: Bereits die erste Nummer kann mithalten im Konzert der ganz großen Nummern im Thrice’schen Backkatalog.

Mit “Scavengers”, das als erste Single vorab veröffentlicht wurde, folgt darauf einer der heimlichen Hits der Platte. “I will find you in the black light / Of that cold, dry land / Nevermind who held you last night / Come and take my, come and take my hand” – Nicht nur lyrisch, sondern auch musikalisch geben sich Thrice hier einmal mehr recht düster und nehmen damit in gewisser Weise Bezug auf ihr 2016er Album „To Be Everywhere Is To Be Nowhere„. Gleiches gilt für “Buried In The Sun”, einen der härteren Songs der neuen Platte, der in bester Fugazi-Manier den Bass in den Vordergrund setzt, während Dustin Kensrue bissig ins Mikro keift: “2, 4, 6, 8, USA! (all right!)”.

Ebenso ein Highlight: “Northern Lights”, einer dieser Songs, der stellvertretend dafür steht, dass Thrice gern “andere Wege” gehen wollen. Denn anstatt es auf ein typisches Rockfundament zu stellen, baut die Band das Stück auf einer jazzigen Pianoline auf. Hier zeigen Thrice auch, wie raffiniert und detailverliebt sie oft genug zu Werke gehen, ohne jedoch an Durchschlagskraft und Fokus einzubüßen. In nicht einmal vier Minuten durchlaufen sie so gleich mehrere Gefühls- und Tempowechsel. Schlagzeuger Riley Breckenridge prägt die Strophen mit einem rastlosen, synkopierten Beat, während Gitarrist Teppei Teranishi einen von der Fibonacci-Folge inspirierten Lick daddelt. Im Refrain wiederum wechselt der Vierer zu maximaler Harmonieseligkeit, leicht angekitscht mit Shaker und getragen von Dustin Kensrues sehnsüchtig vorgetragener Balladenhook – nur wenige Bands wissen Klangräume so effektiv zu gestalten wie Thrice. Zudem gerät der Sound hier – ähnlich wie beim zweiten “Alchemy Index”-Teil (“Air/Earth”) – sehr organisch und natürlich, da eben auch vermeintlich unwichtige Nebengeräusche beim Ein- und Anspielen zu hören sind und das Ergebnis sich beinahe wie eine live im Studio entstandene Aufnahme anfühlt. “Wir wollten erreichen, dass es so klingt, als ob wir gemeinsam in einem Raum sitzen. Möglicherweise hätten wir das mit einem Produzenten anders gemacht”, erklärt Riley Breckenridge dazu. Auch “Still Life” hätte stimmungstechnisch wohl (s)einen Platz auf “Air“ oder “Earth” finden können, strahlt der Song doch eine gewisse Schwere und Melancholie aus, während Kensrue eine schaurige Geschichte erzählt, die in ihrer Bedeutung frei erscheint und doch Bilder von einem verlassenen Schlachtfeld aufkommen lassen (wenngleich dem Crescendo doch ein wenig der „Saft“ fehlt).

Während “The Dreamer” – mit dezenter Referenz an John Lennons „Imagine“ – dramatisch in den Strophen, dafür aber mit angezogener Handbremse in den Refrain geht, sucht der Kopfnicker “Summer Set Fire To The Rain” eher die Weite. Hier spielen Thrice einmal mehr ihre Stärken aus und bewegen sich zwischen treibendem Post Rock-Riffs und einem Finale, das seinen Shouts wegen auch dem einen oder anderen Fan der härteren (Früh)Phasen der Band gefallen dürfte. Und sagte man Thrice zuletzt gewisse Einflüsse von Radiohead nach, so werden diese wohl bei “Robot Soft Exorcism” am deutlichsten. Angetrieben von einem beinahe hypnotisierendem Beat (im 7/8-Takt), der zunächst synthetisch klingt, dann aber instrumental aufgenommen wird, gibt sich die 1998 in Irvine, Kalifornien gegründete Band hier zunächst geheimnisvoll, bis der Refrain die Anspannung auflöst und sich im Verlauf immer weiter öffnet. „Dandelion Wine“ pendelt zwischen Ruhe und Extase, kann seine Dringlichkeit jedoch nicht auf Dauer aufrecht halten. Ungewöhnlich auch der Abschluss „Unitive/East“: kein „typischer“ Rausschmeißer, sondern vielmehr einer klassischer Atmosphäre-Aufmacher, der Lust darauf schürt, sich in eine neue Welt hineinziehen zu lassen. 

Foto: Promo / Dan Monick

Wie so oft bei Thrice ist auch “Horizons/East” ein Album, das vor allem von den Bildern lebt, welche es schon von der ersten Sekunde an vor dem inneren Auge zu malen beginnt und – natürlich – auch von den letzten beiden Jahren inspiriert ist. Doch anders als viele andere Quarantäne-Ergebnis-Platten, die sich eben mit der Pandemie und den Folgen für uns und unser Miteinander direkt auseinandersetz(t)en, gehen Thrice eher subtil vor. Das mag vor allem an Kensrues gewohnt offenen Texten liegen, die viel Raum für eigene Interpretation lassen. Und auch wenn der Horizont an sich ein Bild der Weite (oder eben sichtbaren Begrenzung) symbolisiert, so klingt “Horizons/East” doch im Gros alles andere als leicht und einfach – es ist schlichtweg kein musikalischer Luftikus fürs Nebenbeihören. Das Album fordert die volle Aufmerksamkeit und wohl auch einige Wiederholungen, um es wirklich (be)greifen zu können. Und aller komplexen Dynamik, allen Experimenten zum Trotz erfinden sich Thrice keineswegs neu, sondern besinnen sich auf ihre mittlerweile im Alternative Rock angesiedelten Stärken, holen dabei jedoch auch Grunge-, Post Rock-, Post Hardcore- und sogar Jazz-Fans mit ins tönende Boot, während sich Dustin Kensrue und seine Bandmates vor legendären Bands wie Fugazi oder Frodus verneigen, aber auch Post Rock der Marke God Is An Astronaut durchklingen lassen. So darf’s nach dem recht durchwachsenen Vorgänger „Palms“ gern weitergehen, meine Herren.

Rock and Roll.

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