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Sunday Listen: Church Girls – „Still Blooms“


Foto; Promo / Anthony DiCaro

Auf ihrem letzten, im vergangenen Jahr erschienenen Album „The Haunt“ vermählten Church Girls (von denen hier bereits die Schreibe war) Post Punk mit dezent nach Garage tönendem Indie Rock und wurden daher allen, denen Amyl And The Sniffers zu aufgedreht und Girlpool zu verträumt waren, wärmstens ans Hörerherz gelegt. Kritikpunkte gab’s da eigentlich recht wenige, nur den eigenen Stil ließ die Band aus Philadelphia bei diesem Musik gewordenen Tanz auf vielen Hochzeiten hier und da noch ein wenig vermissen. Ob sich das auf dem neuen, dritten Langspieler „Still Blooms“ ändert?

Nun, in gewisser Weise sind sich Church Girls treu geblieben. Zum einen schon mal in dem Vorhaben, jährlich ein Veröffentlichungslebenszeichen – ob nun als vollwertiges Album, EP oder Single – von sich zu geben, zum anderen in dem Punkt, dass Mariel Beaumont (Gesang, Gitarre und Songwriting) auch 2021 das einzig konstante Mitglied der US-Band-Kollektivs bleibt (was wiederum den nahezu permanenten Aufnahme-, Veröffentlichungs- und Tourplänen geschuldet sein dürfte). Somit ist „Still Blooms“ vor allem die logische musikalische Fortsetzung von „The Haunt“ – wenn auch mit einigen kleinen Unterschieden, vor allem was den Sound angeht. Dieser gerät bei den zehn neuen Stücken nicht mehr ganz so “wuchtig”. Bass sowie Kick und Floor Tom tönen nun weniger dominant, dafür rücken die flimmernden Gitarren mehr in den Vordergrund und der Mix der Songs gestaltet sich heller, mit mehr Fokus auf die Mitten und Höhen, was die Stücke klarer wirken lässt und auch der Stimme von Mariel Beaumont etwas mehr zugute kommt. Darf man trotzdem hier und da die Wucht, Kraft und den damit einhergehenden Kontrast, der „The Haunt“ in seinen besten Momenten so besonders machte, vermissen? Klar.

Dennoch tönen gleich die ersten Songs des neuen Albums, darunter auch die Single „Separated“, recht „typisch Church Girls“ und damit genau so, wie langjährige Freunde der vierköpfigen Band, deren Name sich aus dem Fakt speist, dass Beaumont früher eine kirchliche Mädchenschule besuchte und in ihrer Jugend Messdienerin war, es sich erhofft haben. Mit „Vacation“ folgt dann das erste Stück, welches etwas aus der Reihe tanzt – im positiven Sinne: Gerät der Beginn noch ungewohnt ruhig, setzt dann langsam aber stetig das Schlagzeug von Julien Varnier ein, wenngleich der Grundton eher ruhig – für Church Girls-Verhältnisse – bleibt. Dass sich im weiteren Verlauf des Songs ruhige Parts, die sich durch melodisches Gitarrenspiel mit dezenten Drums auszeichnen, gekonnt mit den voll instrumentalisierten Parts abwechseln, macht „Vacation“ zu einem der Highlights des Albums.

„Separated‘ ist eine Ode an meinen Zwillingsbruder. Es geht um die Erkenntnis, dass unser Zuhause nicht mehr das war, was wir dachten, als sich der Kampf eines Familienmitglieds mit dem Alkoholismus zuspitzte. Der Song ist in gewisser Weise immer noch hoffnungsvoll, denn wir wussten, dass wir im anderen immer ein Zuhause haben würden. Er ist immer noch mein bester Freund und die erste Person, die jeden Song hört, den ich schreibe.“ (Mariel Beaumont)

Und dann ist da wieder dieser eine Song, der einen noch ein kleines bisschen mehr fesselt als der Rest. Ging dieser Titel auf dem Vorgänger noch an „Regression“, darf sich nun wohl „Undone“ mitsamt seinem treibenden Schlagzeug und seiner markanten Bassline als würdiger Nachfolger fühlen – kaum verwunderlich, schließlich stammen hier auch die titelgebenden Zeilen des Albums her: „Unwind the clocks / Pull the blinds / And you’ll find the sky still blooms“. Auch „Dune“ sticht heraus und lässt in der zweiten Hälfte des Songs – und nach einem Instrumentalteil mit wunderschön gespielter Gitarre – dank eines kurzen, leicht sphärisch angehauchten Parts aufhorchen.

Im Gros bietet auch „Still Blooms“ im Grunde genau das, was man von dem Philly-Quartett, zu dem sich dieses Mal – nebst Beaumont und Varnier – noch Mitchell Layton (Gitarre) und Vince Vullo (Bass) gesellen, erwarten durfte: treibende Indie Rock-Songs, die sich mal knapp unter-, mal knapp oberhalb der Drei-Minuten-Marke ansiedeln und hier und da Einflüsse aus Post Punk, College und Emo Rock einfließen lassen. Bei so viel überschwänglicher Kurzweil stört’s im Grunde wenig, dass sich Church Girls auch 2021 ihren Tanz auf vielen Hochzeiten kaum vermieten lassen…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Betterov – „Dussmann“


Oft und lange ist über sie in den letzten Monaten gesprochen worden: Die Bedeutung von Kunst und Kultur. Über ihre enorme Wichtigkeit gerade in schlechten Zeiten. Und darüber, was in der Gesellschaft passiert, wenn sie mal nicht mehr da ist. Wenn Museen schließen, Theatersäle leer bleiben, Konzerthallen und Musikclubs das Licht ausmachen und auch dem Rest des kulturellen Lebens – mal mehr, mal weniger abrupt – der Stecker gezogen wird. Mit seiner neuen Single „Dussmann“ veröffentlicht der Berliner Indie-Newcomer Betterov nun seine ganze persönliche Ode an die Kultur und an die Schönheit der Dinge im tristen Alltagsgrau.

Schon mit seiner Debüt-EP „Viertel vor Irgendwas“ sowie der ein oder anderen nachfolgenden Single (man höre etwa das tolle „Platz am Fenster„!) hatte der 27-jährige Wahlberliner mit Wurzeln im beschaulichen Thüringen, der mit richtigem Namen Manuel Bittorf heißt, im März letzten Jahres (s)eine Visitenkarte als eine der spannendsten neuen Stimmen innerhalb der deutschsprachigen Musiklandschaft abgegeben sowie Auftritte beim Reeperbahn Festival oder bei „Inas Nacht“ einheimsen können. Verpackt in einen sympathisch ungeschliffenen Mix aus Indie Rock und Post Punk, welchem man durchaus die Handschrift von Produzent Tim Tautorat, der sonst durch seine Arbeit mit Faber, Provinz oder AnnenMayKantereit Lorbeeren vom Deutschpop-Baum pflückt, anhört, verhandelt Betterov die Themen, die nicht nur seine Generation momentan am meisten bewegen: Gentrifizierung, Leistungsdruck, Zukunftsangst. Und ein gefräßiges Monster namens kulturelle Verödung, vor dem der ursprünglich aus einem kleinen Dörfchen bei Eisenach stammende Musiker vor seinem Umzug in die deutsche Hauptstadt selbst flüchten musste. Musikalisch liefern seine Songs freilich keine vollumfängliche Neuerfindung des Rades, dafür jedoch den ein oder anderen nonchalanten Knicks vor Bands wie den Smiths sowie insgesamt eine Ode an Dark Wave und Post Punk der späten Siebziger mit einem Schuss Neue Deutsche Welle. Wer Vergleiche braucht: Man denke an eine weniger affektierte Version von Drangsal oder an die deutsche Antwort auf Sam Fender (so es die denn benötigt). Irgendwie nun also nur konsequent, dass Betterov mit „Dussmann“ dem gleichnamigen Berliner Kulturkaufhaus ein akustisches Denkmal setzt.

Seit Ende der 1990er-Jahre stellt das zwischen der berühmten Berliner Friedrichstraße und der feinen Flaniermeile Unter den Linden gelegene Kulturkaufhaus Dussmann für die Kultur dar, was man postmodern wohl als „Flagship“ bezeichnet: Eine standhafte Bastion für das gesammelte Wissen und die Schönheit; verewigt in Bild, Schrift und Ton. Eine städtische Oase für Feingeist und Intellekt, auch abseits plattgetretener Mainstream-Tendenzen. Auf seiner neuen Single inszeniert Betterov die wichtige Frage nach der Wertschätzung all dessen als philosophischen Gang durch das vierstöckige Haus. Denn selbstverständlich ist absolut gar nichts mehr in „der neuen Normalität“ – nicht einmal, schon gar nicht mehr Kunst und Kultur… leider.

„Die Kultur hilft uns, die Welt zu deuten“, so Betterov über seine Single. „Und wer die Welt nicht mehr versteht und gar nicht mehr weiter weiß, für den gibt es hier auch noch eine weitere Option: Denn wer den allerletzten, metaphorischen Sprung seines Lebens aus der 4. Etage von Dussmann wagt, sieht nochmal all diese Monumente der Kunst an sich vorbeiziehen. Die Welt ist unverständlich und diffus, wenn man sie genau betrachtet. Realität und Fiktion verschwimmen. Permanent und immer mehr. Die Helden von Früher werden mit merkwürdigen Denkmälern überhäuft. Es werden Straßen nach ihnen benannt, in denen ausschließlich hässliche, graue Wohnungen gebaut werden. Lieb gemeint. Aber wer möchte das? Einst wurde Tarantino ein Monument gebaut, für seinen Film ‚Pulp Fiction‘. Er bekommt drei Oscars und wird in der Nacht der Nächte zum ultimativen Gott ernannt. Jetzt läuft der Film nachts auf RTL 2, direkt nach ‚Temptation Island- Versuchung im Paradies‘. Apropos Gott: Wer der Schöpfungsgeschichte der Bibel glaubt, dass eben genau der die Welt in sieben Tage erschaffen hat, der kann bei dieser Betrachtung nur zu dem Schluss kommen: So richtig zu Ende gedacht ist das ja irgendwie alles nicht. Passt aber eigentlich auch wieder ganz gut in die Zeit.“

Das DIFFUS Magazin hat den Indie-Newcomer kürzlich Das DIFFUS Magazin hat den Indie-Newcomer kürzlich für eine siebenminütige Kurzdokumentation in seiner Heimat Thüringen und in Berlin begleitet. Sehenswert:

Rock and Roll.

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Song des Tages: Cuffed Up – „Small Town Kid“


Foto: Justin Cook

Da hat sich wohl jemand in die neue Welle der englischen Post-Punk-Bands verguckt und will diese Kraft, diesen Klang in die Stadt der Engel holen…

Jene jemande, Cuffed Up, stammen aus Los Angeles und gehören ihrerseits zu den vielversprechendsten Newcomern der US-amerikanischen Alternative-Szene. Aufgrund der derzeitigen frustrierenden Situation hapert es – fast schon logischerweise – noch ein wenig mit dem Durchbruch, aber was die drei Jungs und ein Mädel bereits im Februar 2020 mit ihrer selbstbetitelten EP vorgelegt haben, dürfte mehr als ein dickes Faustpfand sein. Vier eigene Songs sowie eine Coverversion, die durch die Bank zu überzeugen wissen und nicht nur einmal die Augenbrauen vor Bewunderung gen Haaransatz hochgehen lassen. Die Band selbst entstand 2019 durch eine eher zufällige Begegnung auf einer Party, bei der sich Sapphire Jewell und Ralph Torrefranca zum ersten Mal trafen und sich schnell über ihre Liebe zur UK-Punk-Szene mit Bands wie Idles und Shame austauschten. Wenige Monate später wurden Cuffed Up durch Schlagzeuger Joe Liptock und Bassist Vic Ordonez komplettiert.

Auf ihrer Debüt-EP begeistert bereits der Opener „Small Town Kid“ mit (s)einem gut durchgehangenen Gitarren-Riff und einem wunderbar-unwiderstehlichen Wechselgesang von Sapphire Jewell und Ralph Torrefranca, welcher spätestens im Refrain dermaßen catchy daherkommt, als würden hier Placebo und The Subways gemeinsame Sache machen. Sänger und Gitarrist Ralph Torrefranca äußert sich zu dem Song folgendermaßen: „‚Small Town Kid‘ started off as a little riff that I set aside in 2018, not really knowing where it could go. It wasn’t until Cuffed Up formed at the beginning of 2019 where we all collectively shaped the song into the wall of sound that it is today. The song is about a punk kid who moves from a small city, with ambitions bigger than his own ego. Rightfully, the big city ends up eating him alive but he learns to love the struggle and manages to find humility in his mistakes.“

Mit „French Exit“ folgt das zweite Stück der EP. Den Gesangspart übernimmt hier in erster Linie Sängerin und Gitarristin Sapphire Jewell. Die Nummer zeigt das Quartett von einer ganz anderen Seite als noch der Opener. Shoegaze und somnambule, reduzierte Dreampop-Klänge schmiegen sich dem Hörer zu einem feinen Erzählsog ins Ohr, bevor „Danger, Danger“ vor allem die Punk-Einflüsse der Band ausleben darf (und stellenweise sogar nach den frühen Kasabian klingt). Wer immer noch nicht von der Vielseitigkeit der kalifornischen Band überwältigt ist, der bekommt mit „Mother/Father“ ein abschließendes eigenes Argument inklusive scharf schneidender Gitarren und knackigem Rhythmus zwischen die Gehörgänge gepfeffert (wer hier Referenzen zu Neunziger-Größen wie Sonic Youth oder den Pixies findet, der darf diese gern behalten), bevor das im vergangenen Oktober nachgereichte Cover des Death-Songs „Politicians in My Eyes“ das Mini-Album in bester Protopunk-Manier beendet.

Sollte es Cuffed Up gelingen, diese vielfältigen Einflüsse beizubehalten und weiterhin in qualitativ hochwertige, frisch tönende Songs umzumünzen, so dürfte einer großen, kleinen Indie-Musikkarriere und energetischen Live-Shows wohl nicht mehr viel im Weg stehen – außer einer vermaledeiten Pandemie, freilich…

„Leave the money on the table, testify if I am stable
Drag me by mouth until I wanna bleed it out of here

Cause for concern is natural, big dreams for a small town kid
I save it for myself, I don′t want nobody’s help

Outside is a little more substance
Inside is a little big lie
Northwest is a little more comfort
East coast living on the west end side
Right hand is its own temptation
Left hand is a sign of gold
I wanna feel it out, I wanna feel it out again

My compass is flawed by nature
Wrap my head around the greater good
But it’s waste of time, these stripes don’t bleed anymore

I′m a poser and a loner
Triple check my persona
Bad dreams from a simple place
So I can spin my wheels over and over again

Outside is a little more substance
Inside is a little big lie
Northwest is a little more comfort
East coast living on the west end side
Right hand is its own temptation
Left hand is a sign of gold
I wanna feel it out, I wanna feel it out again“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Die Aeronauten – „Irgendwann wird alles gut“


Man hätte eigentlich recht früh ahnen können, dass sich das Jahr 2020 zu so einer vollumfänglichen Katastrophe entwickeln würde, schließlich begann es mit dem Tod von Oliver Maurmann aka Olifr M. Guz (oder auch nur Guz). Am 19. Januar starb der Schweizer Musiker und Schauspieler an Herzversagen, nachdem er vier Monate lang in einem Züricher Krankenhaus auf ein Spenderorgan gewartet hatte. Die Kunstwelt verlor mit Guz einen sympathischen, enorm kreativen, im besten Sinne lustigen, guten Menschen, der nicht lange vor seinem Tod noch mitten im Leben stand. Er wurde nur 52 Jahre alt.

Auch wenn gefühlte 99,99 Prozent der „Ich-hör‘-alles-was-im-Radio-läuft“-Zielgruppe nun unbekannterweise mit den Schultern zucken werden, war dieser 19. Januar 2020 ein trauriger, ein wahrlich schwarzer Tag für die deutschsprachige Popmusik, immerhin hatte Guz diese abseits der Beliebigkeitspfade seit fast drei Jahrzehnten mit vielen Songs bereichert. Erst mit eigens auf MC veröffentlichten Solowerken, dann als Anführer von Die Aeronauten und mit zahlreichen anderen Projekten: einer Gruppe mit Bernadette La Hengst und Knarf Rellöm namens Die Zukunft, dem Electro-Blues-Duo Naked In English Class mit Taranja Wu, außerdem mit den Bands Die Zorros, Zero Tornado… – kurzum: viel zu viele, um sie hier alle aufzuzählen. 

Die Aeronauten jedoch waren von Anfang bis Ende der Ankerpunkt seiner Karriere. 1991 im schweizerischen Schaffhausen gegründet, veröffentlichte die sechsköpfige Band neun LPs. Und jede von ihnen war stilistisch unberechenbar: Das Guz’sche Aeronauten-Universum konnte schunkelige Americana, schroffen Post Punk, tänzelnden 2-Tone, feinen Indie Pop, derben Garage Rock oder knarzende Soul-Grooves enthalten. Man wusste schlichtweg nie genau, was die nächste Aeronauten-Platte bereithalten würde. Wen wundert’s, dass das auch auf den im November erschienenen letzten Langspieler dieser Band zutrifft… Was kann man von „Neun Extraleben“ erwarten, einem Album, das zehn Monate nach dem Tod des Bandleaders folgte? 

Nun… wohl nur das Beste. Trompeter Roman „Motte“ Bergamin, Gitarrist Lukas Langenegger, Saxofonist Roger Greipl, Bassist Marc Zimmermann und Schlagzeuger Daniel d’Aujourd’hui haben Guz eine würdevolle Abschiedsbotschaft geschaffen, zusammengesetzt aus bereits fertigen, 2019 vor seinem Krankenhausaufenthalt aufgenommenen Aeronauten-Stücken und von seiner Band zu Ende gedachten Skizzen, Textfetzen und Einzelspuren. Wenn am Anfang des Albums Guzs kratziger Bariton von „diesem anstrengenden Leben“ singt, dann kommt das purer Magie recht nah. „Wenn Du fragst, ob ich Dich liebe, dann sage ich ‚ja klar!‘“, heißt es da. „Es ist gar nicht so schwierig, denn eigentlich stimmt‘s ja…“ Verdammt schwer, dabei nicht rührselig zu werden.

Insgesamt lässt sich feststellen: Für solch einen posthumen Schwanengesang ist „Neun Extraleben“ auf Albumlänge erstaunlich und angenehm unsentimental. Die „ewig unterschätzten Ehrenmitglieder der Hamburger Schule“, die jedoch nie so richtig über’s sympathische Außenseitertum hinaus gekommen sind, zeigen sich gewohnt schrammelig und gut gelaunt, wie in der fröhlich nach vorn ska-punkenden Single „Irgendwann wird alles gut“, im angriffslustigen Garagenrock von „Du kotzt mich an jetzt“ oder im Titelstück, das schwebt, kratzt und beißt, während die Band fast wie Broken Social Scene tönt. Einzig das getragene Instrumental „Lamento“ trägt die Melancholie hinein – das jedoch mehr im Stil eines New-Orleans-Jazz-Begräbnisses (was wohl ganz in Guz‘ Sinne gewesen wäre). Wahrlich – das ist kein zarter Nachruf, das ist eine letzte Party! Die aber nicht den Ernst der Lage im Hedonismus ertränkt, sondern ein letztes Mal zeigt, was Guz und Die Aeronauten am besten können. Die Stücke sprühen vor Energie, Lebensfreude, Lakonie und Weisheit („Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren / Doch irgendwann wird alles gut“) und gehören zu den besten ihrer fast dreißig Jahre währenden Karriere. In ihnen scheint aber auch durch, welche Kraft es Maurmann gekostet haben muss, weiter zu machen. „Hatemails“ etwa pumpt wie Northern Soul, sorgt jedoch mit Zeilen wie „Eines Tages werde ich aufstehen und nicht mehr so müde sein / Eines Tages werde ich nicht mehr alleine sein / Mir geht’s gut / Mir geht’s gut / Ich will nicht groß drüber reden“ für einen dicken, dicken Kloß im Hals. Mit „Never Be Dead“ beschließt eine letzte Punkrock-Proberaumaufnahme das finale Album von Die Aeronauten – doch in der Tat hat sich Maurmann mit Songs wie „Bettina“ oder „Freundin“ längst unsterblich gemacht. Er wird fehlen, genau wie diese Band.

„Ich war der witzigste Typ dem du je begegnet bist 
Deshalb verliebtest du dich dann in mich
Die ganze Pizzeria sah uns zu und lachte
Als ich auf den Knien balancierte und dir den Antrag machte
Und ich erinnere mich wie ich damals dachte
wie ich damals dachte

Irgendwann wird alles gut
Irgendwann wird alles gut
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Doch irgendwann wird alles gut

Jetzt sitzt du neben mir und gewöhnst dich dran
In mir einen Trottel zu sehen der nichts hinkriegen kann
Vielleicht hast du ja Recht doch es ist nicht so schlimm
Die Geräusch des Sommers flirren im Abendwind
Und irgendwo probt eine Punkband
Und mir kommt in den Sinn
Und mir kommt in den Sinn

Irgendwann wird alles gut
Irgendwann wird alles gut
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Doch irgendwann wird alles gut  

Irgendwann wird alles gut
Irgendwann wird alles gut
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Doch irgendwann wird alles gut“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Another Sky – „Fell In Love With The City“


Aonther-Sky

In dem deutschen Jugendmagazin „NEON“ gab es einmal eine Rubrik mit dem Titel „In was für einer Welt leben wir eigentlich“. Meist ging es darin um Begebenheiten oder Themen, die zu schaurig schienen, um wahr sein zu können. Heute gibt es sowohl die Rubrik als auch das Heft, dessen Print-Ausgabe vor zwei Jahren eingestellt wurde, nicht mehr, der Titel würde sich jedoch recht formidabel als erste passende Charakterisierung des Londoner Indie-meets-Post-Rock-Quartetts Another Sky eignen.

artwork-440x440Die Band um Sängerin Catrin Vincent spielt auf ihrem unlängst erschienenen Debütalbum „I Slept On The Floor“ mit einer Wucht, die vergleichbar ist mit dem, was einst das „NEON“-Magazin als Zeitgeschehen in Worte zu fassen versuchte. In der düstren Single „Avalanche“ sinniert Vincent etwa über Polizeigewalt, Rassismus, toxische Männlichkeit und Sexismus, wie sie sich an nahezu jeder Straßenecke ereignen (können), ohne dass etwas dagegen unternommen wird: „A man shot dead while the world slept / The killer free, the police said“. Dazu marschiert die Band aus Sängerin Catrin Vincent, Gitarrist Jack Gilbert, Bassistin Naomi Le Dune und Schlagzeuger Max Doohan mit elektrisierenden, nicht selten schreddernden Gitarren im Takt, Vincent skandiert im Refrain immer wieder: „When you hold them to account, they’ll spit you out“ – wenn du sie zur Rechenschaft ziehst, spucken sie dich aus.

Das Besondere ist jedoch nicht nur die Energie, mit der Another Sky, die während ihrer Studienzeit an der Goldsmiths University in London zusammen fanden, hier irgendwo zwischen Alt-J, Talk Talk, Foals oder Bon Iver auftreten, sondern vor allem Catrin Vincents wandelbar-besondere Stimme: zwischen tief, brechend und rau, zwischen schillernd und in hohen Tonlagen, zwischen sanft und aggressiv. Das britische Musikmagazin NME beschrieb ihren Gesang als etwas, das mit nichts vergleichbar sei, die VISIONS lässt dieser „an Nico genauso wie an Kate Bush oder Mark Hollis denken“. Laut einer Pressemitteilung nerve es die Sängerin, dass ihre androgyne Stimme stets ein Thema sei, denn einige Fans würden sich seit ihren ersten Auftritten im Jahr 2017 fragen, ob sich hinter dem tiefen Gesang tatsächlich eine Frau verberge. Was noch begünstigt wird durch die Tatsache, dass Another Sky bei Konzerten gern mit Licht und Schatten spielen und so aus der Ferne oft nur schemenhaft zu erkennen sind. „Die Leute gingen von unseren Konzerten nach Hause und fragten sich, ob der Sänger eine Frau oder ein Mann gewesen sei. Ich frage mich, warum das wichtig ist. Ich wollte, dass die Band ein Spiegel ist, der die Dunkelheit auf sich selbst zurück spiegelt. Und ich denke mich in dieser Dunkelheit wiedergefunden zu haben“, so Vincent (mit der man hier ein aktuelles Interview lesen kann).

„This album is about only understanding a place once you’ve left it…“ (Catrin Vincent)

Laut Gilbert soll der Debüt-Langspieler ein „Tagebuch“ sein, Vincent beschreibt sie als eine „Reise von der Jugend ins junge Erwachsenenalter“. In dem elektronisch unterfütterten Song „Life Was Coming In Through The Blinds“ etwa geht es um die Überblendung eines traumatischen Früher ins Heute, etwa wenn das Quartett darüber sinniert, dass man sich einmal ein Zuhause gewünscht habe, in dem es einem besser gehen möge als in der Schule. Das sich zu tänzelndem Hi-Hat-Beats und Gitarren zu einer wahren Wall of Sound aufbäumende „Brave Face“ erzählt vom Ende einer Leibe, das feine „Fell In Love With The City“ handelt ebenso von juvenilen Liebeskummer wie dem ersten intensiven Sich-verlieren in der Hektik der Großstadt: „I fell in love with the city / As I fell out of love with you“. In was für einer Welt leben wir eigentlich, wenn das nicht Jedem oder Jeder irgendwann so erginge?

Zwölf Lieder haben Catrin Vincent und ihre Bandmates zubereitet, die sich diesen Fragen und absolut zeitgeistigen Themen immer neu widmen – mal elektronisch und mit dezenten Vocoder-Effekten wie Imogen Heap, mal mit psychedelischen, mal post-punkigen Anstrichen, mal postrockig bis experimentell-verspielt, wie etwa Mogwai oder Arcade Fire. Und auch, wenn nicht jeder Moment memorabel erscheint, so überzeugen Another Sky mit ihrer rätselhaften Schönheit und ihrer beharrlichen Wucht.

 

 

„I fell in love with the city
As I fell out of love with you
I fell in love with the city
As I fell out of love with you

Stranger’s faces, holding their breath
I can see yours in all of theirs
In the windows, lives I don’t know
I feel like I’ve lived all of them

I fell in love with the city
As I fell out of love with you
I fell in love with the city
As I fell out of love with you

In all the world, home was you
Four walls and an empty room
In all the world, home is here
Out of your arms, home’s in me

I fell in love with the city
As I fell out of love with you
I fell in love with the city
As I fell out of love with you“

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: SAULT – „UNTITLED (Black Is)“


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Nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd durch weiße Polizisten gehen die Proteste gegen Rassismus – mal mehr, mal weniger öffentlichkeitswirksam – weltweit weiter. Auch am 19.06., am sogenannten „Juneteenth„, dem Tag, an dem an das Ende der Sklaverei der afroamerikanischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten erinnert wird, zog es in den US of A landesweit Menschen auf die Straßen. Und: Genau an diesem Tag veröffentlichte die britische Band SAULT völlig überraschend ihr nächstes Album mit dem Titel „UNTITLED (Black Is)“. Zeitlos und doch so verdammt relevant. Ein Protestalbum, welches leider perfekt in diese Zeit passt…

We present our first ‘UNTITLED’ album to mark a moment in time where we as Black People, and of Black Origin are fighting for our lives. RIP George Floyd and all those who have suffered from police brutality and systemic racism. Change is happening… We are focused. SAULT x

Um die noch recht frische Band aus London ranken sich seit jeher ein paar Banksy-würdige Mysterien. Ihre Veröffentlichungen erscheinen aus dem Nichts (wie etwa im vergangenen Jahr gleich zwei Werke titels „5“ und „7„), Hintergrundinformationen existieren kaum und öffentliche Auftritte gibt es –  zumindest bisher – nicht. Aus den Credits der Songs ist jedoch zu erfahren, dass sowohl Dean „Inflo“ Josiah (unter anderem Produzent für Little Simz, Jungle oder The Kooks) als auch Sängerin Cleopatra „Cleo Sol“ Nikolic ihre Finger im Spiel haben.  So veröffentlichten SAULT ihr neuestes Werk einmal mehr ohne Vorankündigung als Free Download auf ihrer Website sowie via Bandcamp. Auf dem Album sind auch die aus Chicago stammende Rapperin Melisa „Kid Sister“ Young, Soul-Musiker Michael Kiwanuka oder die Poetry-Künstlerin Laurette Josiah vertreten.

Das Cover der Platte ziert eine schwarze, in die Luft gereckte Faust auf pechschwarzem Grund – das Artwork ist bewusst minimalistisch gehalten und sagt doch eigentlich alles. Musikalisch bekommt man eine gleichsam vielfältige wie reduzierte Mischung afroamerikanischer Musikstile zu hören: Soul, Afrofunk, Motown, Gospel, R&B, DooWop, Hip Hop und Spoken Word-Interludes, an mancher Stelle klingen gar New Wave, Post Punk, Dub oder Trip Hop an. Außerdem ungewöhnlich: Mitte Juni spielte DJ Gilles Peterson „UNTITLED (Black Is)“ in seiner BBC-Radiosendung, noch bevor es irgendwo sonst zu hören war. Und zwar – allein das spricht bereits Bände und geschah vorher nur ein einziges Mal – komplett. Als den „ersten Klassiker der Ära der ,Neuen Realität“ bezeichnete die DJ-Koryphäe für schwarze Musik das Album vorab auf seinem Twitter-Account.

Noch viel spannender sind jedoch die Themen, mit denen sich SAULT auf dem Album beschäftigen. Sie bieten dem Hörer einen Einblick in ein Leben voll von systematischem Rassismus und Polizeigewalt. Schließlich dürften beide Band-Köpfe wissen, wovon sie reden: Sängerin Cleo Sol hat jamaikanische, serbische und spanische Wurzeln, Produzent Inflo ist schwarz. In den Songs thematisieren sie die permanente Angst, den immanenten Stress, unter denen Farbige (also nur nicht Schwarze, sondern etwa auch Hispanics) in den US of A – und freilich nicht nur da – stehen. Weil sie bei jeder Polizeikontrolle immer mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Weil zunächst einmal ihre Hautfarbe gesehen wird, selten der Mensch dahinter. Man spürt die Wut, die Angst, Trauer, all diese Ungerechtigkeit – und doch bleibt am Ende die Hoffnung auf eine bessere, eine friedvollere Welt bestehen.

Wildfires“ positioniert sich dabei als das Herzstück des Albums und dürfte mit Zeilen wie „We all know it was murder“ schon jetzt einer der eindringlichsten Songs des Jahres sein. Ein berührendes, beat-getriebenes Soul-Statement, dem jede(r) sein (oder ihr)  Gehör schenken sollte. Anderswo, in „Hard Life„, einem schwermütigem Track mit schleppenden TripHop-Beats und wummerndem Bass, heißt es „Everyday feels like a battle“. In „Bow“ gibt Michael Kiwanuka mal nicht den zugänglichen Soul-Folkie, sondern chantet über einen Afro-Beat. Er, dessen Eltern einst aus Uganda nach London flohen, zählt so einige afrikanische Länder und Städte auf und fordert am Ende: „We got rights!“„Wir haben Rechte!“„Don’t Shoot Guns Down“, ein Aufschrei im gleichnamigen Song, ist unterlegt von Polizeisirenen sowie Sprechchören bei einer Demonstration. Und dazwischen immer wieder poetische Momente wie in „Black Is„: Spoken Word meets Gospel, und in den Lyrics heißt es „Black is beautiful / Black is excellent, too / In me, in you“. Der Band gelingt dabei das Kunststück, niemals bitter zu klingen, sondern ein stolzes Statement schwarzer Selbstbestimmung zu formulieren. This generation cares. 

All diesen formidabel-löblichen Aktionismus mal außen vor, bleibt natürlich zu hoffen, dass das Thema nicht wieder in den Hintergrund tritt, bis der nächste sinnlose, rassistisch motivierte Todesfall die Medien erreicht, da die öffentliche Aufmerksamkeitsspanne bei so vielen wichtigen Themen leider immer recht kurz ist (und Dank unserer digitalen Reizüberflutung immer kürzer gerät). Jeder Mensch sollte versuchen sich daran zu beteiligen, die Missstände weiter auszuräumen und Rassismus weiter zu bekämpfen. Sich selbst hinterfragen, weiterbilden, andere sensibilisieren. Change is happening? Let’s hope so.

SAULT haben dazu mit „UNTITLED (Black Is)“, das in digitaler Form gratis angeboten wird und  auch als Vinyl vorbestellt werden kann (die Einnahmen sollen an Charity-Organisationen gehen), auf jeden Fall einen bedeutsamen Teil beigetragen – weniger als Musik schaffende Band, sondern vielmehr als Dokumentaristen und Chronisten. Ein wichtiges Album für diese wegweisende Zeit…

 

 

Rock and Roll.

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