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Song des Tages: Marathonmann – „Flashback“ (Akustik)


Foto: Promo/Bernhard Schinn

Normalerweise hätte die Münchner Post-Hardcore-Combo Marathonmann im vergangenen Jahr ihr 2019er Album „Die Angst sitzt neben dir“ in etlichen Indie-Clubs und auf verschiedenen Festivals lautstark zum Besten gegeben. Ja, hätte… Doch dann kam Corona und den Jungs wurde – wie beinahe allen anderen Kunstschaffenden auch – sprichwörtlich der Stecker gezogen. Doch anstatt den Kopf in den Proberaumsand zu stecken, taten es Frontmann Michael „Michi“ Lettner, Jonathan Göres, Leo Heinz und Johannes Scheer dem Schicksal gleich: sie zogen die Stecker ihrer Instrumente und gingen, sobald es wieder möglich war, im Sommer 2020 gemeinsam mit ihren Gastmusikerinnen Saskia Götz (Geige) und Elisa von Wallis (Cello und Gesang) auf eine notgedrungen pandemiekonforme „Alles auf Null“-Akustik-Tour.

„Die Reaktionen waren ergreifend und haben wirklich gutgetan. Wir hatten einen Riesenspaß mit den Leuten, gleichzeitig war es aber auch so nah und emotional.“ (Michi Lettner)

Diese ungewöhnlichen Unplugged-Konzerte mit Abstand waren sowohl für das Publikum als auch für die Band ganz besondere Ereignisse, und weil Marathonmann nicht wollten, dass das Ganze (zu dem sich das Vierergespann hörbar von der „Skull And Bones“-Akustikshow der For Fighters inspirieren ließ) im Anschluss einfach wieder in Vergessenheit gerät, wurden sämtliche Shows mitgeschnitten. Zwölf der neu arrangierten Songs haben die Bajuwaren jetzt auf dem Akustik-Album „Alles auf Null“ verewigt und präsentieren sich nicht nur in ungewohntem Klanggewand, sondern auch auf besonders mitreißende Weise, schließlich hat die Punk-Kapelle nicht einfach nur – zumindest größtenteils – den Strom abgestellt, sondern ihren Songs ein ganz neues, bestenfalls zu Herzen gehendes Gewand verpasst. Einer der Favoriten dürfte ganz klar „Flashback“ vom bereits erwähnten Langspieler „Die Angst sitzt neben dir“ sein – die Nummer funktioniert einfach in jeder Darreichungsform. Und auch ein weiteres Stück ebenjener Langrille begeistert in Reduktion: „Die Bahn“ ist bereits in der Ursprungsversion ein leiserer Vertreter und verträgt es, noch ein wenig minimalistischer daherzukommen. Doch es gibt auch zwei Titel, die komplett neu mit auf diese ganz spezielle Konzertreise genommen wurden: „Hinter den Spiegeln“ und „Wo ein Versprechen noch was wert ist“ rücken ihre Textzeilen noch mehr in den Fokus und betonen die gefühlvolle Seite der Marathonmann-Lauthalse. „Rücklauf“ vom 2014er „…und wir vergessen was vor uns liegt“ zeigt sich beschwingt-rhythmusbetont, „Abschied“ (im Original von selbiger Platte) gerät zum berührenden Gänsehautmoment und „Wir sind immer noch hier“ vom Debüt „Holzschwert“ (2013) vermittelt dank der Streichinstrumente fast schon etwas Irish-Folk-Temperament. Einen gefühlvollen „Blick in die Zukunft“ wagt die Band mit dem Stück vom 2016er „Mein Leben gehört dir“, bevor „Am Ende nichts“ akustische Leidenschaft weckt und das finale „Die Stadt gehört den Besten“ nochmal bestens ins Bein geht.

Unterm Strich steht: Das Unplugged-Experiment, das Marathonmann im ersten Corona-Jahr mit ihrer „Alles auf Null“-Tour gestartet haben, darf zweifellos als geglückt bezeichnet werden und auch die Konservenkost, die sich daraus entwickelt hat (und deren Coverartwork übrigens die Urgroßmutter von Frontmann Michi zeigt), kann sich hören lassen, ist dieses Live-Album, das in einem Jahr entstand, in dem es eigentlich keine „normalen“ Konzerte geben konnte, doch ein kleiner Lichtblick in einer Zeit, in der wir alle jeden verdammten Hoffnungsschimmer gut gebrauchen können. Und wie meint Michi Lettner (mit dem hier unlängst ein Interview geführt wurde) so schön: „Benutzt euren Kopf und euer Herz!“ – dem ist im Grunde nichts mehr hinzuzufügen.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Nathan Gray feat. Red Tape Parade – „What You Mean“


So ganz geht man eben nie. Nach über sechs Jahren Funkstille sorgt ausgerechnet Nathan Gray, den die meisten als Frontmann der US-Post-Harcore-Band Boysetsfire kennen dürften, dafür, dass es wieder (beinahe) neues Material der legendären deutschen Emo-Punks Red Tape Parade zu hören gibt. Die Single „What You Mean“ ist dabei gleichzeitig Erinnerung und Hommage an Sänger Wauz, dessen Tod 2013 zum Ende der Band führte. Nathan Gray, der in jüngster Vergangenheit vor allem solo in Erscheinung trat, setzt damit im zweiten Teil seiner „Nathan and Friends“-Single-Reihe einen ganz besonderen Song um, der noch aus der Feder der befreundeten deutschen Hardcore-Punk-Band stammt, bislang aber nie vollendet wurde. Dabei zeigt sich: Red Tape Parade klingen heute noch immer so emotional und mitreißend wie damals – und gleichzeitig gipfelt ihr Sound mit Grays Gesang in ganz neuen Sphären, die unmissverständlich zeigen, welche Verbundenheit in Musik liegen kann.

Wie bereits erwähnt musste „What You Mean“ jedoch lange auf seine finale Verwirklichung warten. Eigentlich wollten Red Tape Parade den Song vor Jahren für ihr drittes Album verwenden, doch das bereits fertiggestellte Demo blieb lange ohne Gesang, weil Frontmann Wauz aufgrund seiner Krankheit leider nicht mehr zur Finalisierung kam. Dass das Stück nach all der Zeit nun doch das Licht der Musikwelt erblickt, ist nicht nur ein großes Geschenk an die Fans, sondern auch ein Akt der Verbundenheit Nathan Grays, der jahrelang eine enge Bindung zu Wauz pflegte. „Ich hatte Red Tape Parade immer gemocht, aber als ich Wauz wirklich kennenlernte, seinen Texten lauschte und ein Verständnis von ihm als Mensch gewann, gab mir das einen ganz neuen Respekt für ihn als Sänger, Texter und ganz generell als Person“, beschreibt es Nathan Gray.

Der umtriebige US-Musiker hat in den vergangenen Jahren seinem alten Freund immer wieder mit Hommagen bedacht. So stand er bei der Memorial-Show von Wauz auf der Bühne und hat den Red-Tape-Parade-Song „Leap Year Of Faith“ im Andenken längst in sein eigenes Repertoire aufgenommen. So erscheint es nur allzu logisch, mit „What You Mean“ dieses Vermächtnis noch ein Stück weiter zu tragen. Gemeinsam mit den verbliebenen Mitgliedern von Red Tape Parade entwickelte er das Demo der stürmisch-melodischen Punk-Hymne weiter, überarbeitete die Drum-Sektionen und schrieb einen eigenen Text. Der behandelt ein Thema, das ihn mit Wauz verbindet. „Die Lyrics feiern die Familie, die du dir selbst wählst – im Gegensatz zu der, in die du hineingeboren wurdest“, erzählt Nathan. „Sowohl der Song als auch das Video ehren das besonders innerhalb der LGBTQIA+-Community, von der ich weiß, dass sie Wauz ebenfalls sehr wichtig war. Der Track soll Menschen den Raum geben, glücklich zu sein und zu ihrer Wahrheit zu stehen. Du wirst nie in der Lage sein, dein Selbst zu finden, wenn du nicht ehrlich sagst, wer du bist.“

Parallel arbeitet Nathan Gray aktuell unter der Produktion von Battery-Sänger Brian McTernan an seinem neuen Album. Zuvor plant der Musiker mit der nahezu unverwechselbaren Stimme noch eine weitere „Nathan and Friends“-Single veröffentlichen, die in Kollaboration mit einer weiteren deutschen Band entstanden ist.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Lakes – „Must’ve Run All Day“


Bereits im vergangenen Jahr haben Lakes eine wunderbar schimmernde, atmosphärische Lo-Fi-Pop-Coverversion von Glassjaws „Worship And Tribute„-Klassiker „Must’ve Run All Dayveröffentlicht. Dabei übernimmt die sechsköpfige Band aus dem britischen Watford so einige Elemente des 18 Jahre alten Songs aus der Feder der legendären New Yorker Post-Hardcore-Expermental-Rocker um Daryl Palumbo, während an anderer Stelle ebenjene Mid-Western-Emo-, Alternative-Rock- und Indie-Pop-Trademarks durchschimmern, welche auch Lakes‘ 2019 erschienenes Album „The Constance LP“ zu einem durchaus feinen Hörvergnügen für alle Freunde dieser Genres macht… Well done, lads.

„If it makes you
It takes you
I don’t want to
If it makes you scared
In the bare, anyway
If it makes you, I don’t want to
See your face when you feel not alive

You’re lying in bed with the pride of a lion
You are there, you are there
If you’re shrewd enough to be underlined, then
You are there, you are there

A world premiere

If it makes you
It takes you
I don’t want to
If it makes you stare
In the bare, anyway
If it’s the last thing you do
If it’s the last thing you do
If it’s the last thing you do, plagiarize

You’re lying in bed with the pride of a lion
You are there, you are there
If you’re shrewd enough to be underlined, then
You are there, you are there

Where is my‘, I said, ‚where’s my Sandinista?‘
And he walked
A world premiere

You’re lying in bed with the pride of a lion
Are you there? Are you there?
If you’re shrewd enough to be underlined, then
You are there, you are there

My boss said to me
‚Take my advice, please‘
Instead, for one second, up off your knees
We are not the competition
When we strive, we strive
To be number one“

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick – Teil 1


(Illustration: Rae Pozdro)

Was für Musik braucht man in einem so eigenartigen Jahr wie diesem? Solche, bei der die Halsschlagader wild pocht und der ganze gerechte Zorn auf diese ganze verdammt verrückte und aus den Angeln geratene Welt ein brodelndes Ventil bekommt. Solche, die einem sanft über den Kopf streicht und einem die Hoffnung einhaucht, dass alles schon besser werden wird – irgendwann, irgendwie. Und auch solche, die einen in ihrer Euphorie einfach gnadenlos mitreißt, und einen – im besten Fall – alles andere – das Gute wie das Schlechte – für Momente vergessen lässt. Eine Zuflucht. Eine Ton und Wort gewordene zweite Heimat. Zwischen diesen drei Fixpunkten ist in meiner Bestenliste der persönlich tollsten Alben des Musikjahres 2020 einmal mehr recht wenig zu finden, an den Endpunkten dafür umso mehr. Bühne frei und Vorhang auf für ANEWFRIENDs Alben des Jahres!

Phoebe Bridrs – PunisherPhoebe Bridgers – Punisher

Phoebe Bridgers – Punisher

Im ersten Moment doch sehr, bei genauerer Betrachtung jedoch etwas weniger überraschend: Für ein Jahr, das die meiste Zeit am Rande des totalen gesellschaftlichen wie ökonomischen und kulturellen Stillstands wankte, gab es 2020 eine ganze Menge (sehr) guter neuer Musik zu hören. Fiona Apple etwa brachte mit „Fetch The Bolt Cutters“ zum ersten Mal seit acht Jahren ein neues, von Fans wie Kritikern vielbeachtetes Album heraus. Bob Dylan zeigte, dass er im Alter von 79 Lenzen immer noch eine Menge zu sagen hat. Und Taylor Swift bewies, dass sie nicht nur eine der erfolgreichsten und versiertesten Songwriterinnen der Pop-Gegenwart ist, sondern auch eine der produktivsten: gemeinsam mit Teilen des The National-Lagers und Gästen wie dem unter Indie-Folk-Freunden höchst geschätzten Justin „Bon Iver“ Vernon veröffentlichte „TayTay“ im Juli und Dezember ohne größeres Werbe-Tamtam mehr als dreißig Songs, die sie seit Beginn der Pandemie geschrieben und aufgenommen hatte.

All diese und viele andere Veröffentlichungen sind es freilich wert, gehört und nachhaltig beachtet zu werden. Aber ein Album steht – und das zeigt auch diese Auswertung der Jahresbestenlisten – über ihnen allen: Phoebe Bridgers‚ „Punisher“. Zu großen Teilen aufgenommen während der letzten zwei Jahre, kann das Werk zwar nicht von sich behaupten, eine Echtzeit-Reflexion der Stimmung während der Pandemie zu sein, wie im Fall von Taylor Swifts „folklore“ und „evermore„. Dennoch passt Bridgers‘ musikalische und lyrische Sensibilität besser als alles andere, was in diesem Jahr veröffentlicht wurde, zum unverwechselbarem Geist des gefühlten „Rien ne va plus“-Scheintods der vergangenen Monate. Das Album ist ein zerbrochener, trüber Spiegel, der unseren von Melancholie, Isolation und immerneuen Hiobsbotschaften geschundenen Körpern und Seelen vorgehalten wird.

Nicht, dass „Punisher“ eine Art einmalige Novalität wäre. Weit gefehlt. Schon Bridgers‘ kaum weniger gelungenes Debüt von 2017, „Stranger In The Alps„, sowie die gemeinsame letztjährige Platte mit Conor Oberst als Better Oblivion Community Center etablierten die 26-jährige Singer/Songwriterin als versierte Emo-Folk-Musikerin im Stile des früh verstorbenen großen Elliott Smith. Wie Smith ist Bridgers, die selbigen nicht eben zufällig verehrt, eine Künstlerin mit einem ausgeprägten Sinn für feine Mark-und-Bein-Melodien und der Gabe, Texte zu verfassen, die persönliche Traumata und alltägliche Kämpfe in kunstvoll einnehmende Porträts menschlicher Zerbrechlichkeit und der Sehnsucht nach inniglicher Verbundenheit verwandeln.

Die sehnend fatalistischen Songs auf „Punisher“ entwickelt diese Themen weiter und führen sie in expansive neue Richtungen, während Bridgers‘ teilweise skurrile Beobachtungen und emotionale Einsichten in eine irrgärtene, zumeist stille Klanglandschaft eingebettet werden, die sowohl intensiv schön als auch auf vereinnahmende Weise klaustrophobisch ist – wie ein Spaziergang auf dem Grund des Ozeans oder der Oberfläche eines anderen Planeten (oder eben durchs nächtliche Pandemie-L.A.). Das konnte selbst die US-Musikindustrie nicht überhören und würdigte die musikalische Kraft des Albums, indem sie Bridgers und ihre Platte jüngst für ganze vier Grammys nominierte, darunter als „beste neue Künstlerin“ und als „bestes alternatives Musikalbum“.

Bridgers und ihre Mitstreiter – die Co-Produzenten Tony Berg und Ethan Gruska, die Songwriting-Partner Christian Lee Hutson, Conor Oberst und Marshall Vore, ihre boygenius-Girl-Buddies Julien Baker und Lucy Dacus sowie etliche andere Musiker aus der heimischen Indie-Szene von L.A. – haben ein Album geschaffen, das all die Hilfsmittel in Los Angeles‘ legendärem Aufnahmestudio Sound City – all die Fader, Sampler, Autotune-Gadgets und andere Vocal-Effektgeräte – mit einer breiten Palette von akustischen Instrumenten kombiniert, um eine über alle Maßen intensive Erfahrung zu schaffen, die auf die beste Art und Weise verwirrend ist – wie ein seltsamer, beunruhigender Traum, der es schafft, etwas Schmerzhaftes, Wahres und irgendwie Notwendiges zu vermitteln, während man am nächsten Morgen nicht einmal mehr Worte für das nokturn Geträumte findet.

Der gequälte Existenzialismus des Albums wird vielleicht am stärksten in „Chinese Satellite“ vermittelt, einem herzzerreißenden Song über Bridgers‘ Tendenz, „in Kreisen umher zu laufen und vorzugeben, dass ich ich selbst sei“. Er gipfelt in einem Refrain, der mit einem herzzerreißend schönen, gen Firmament hauchenden Streicher-Arrangement unterlegt ist und als eine Art Gebet um Erlösung von Einsamkeit und Zweifeln fungiert:

„I want to believe
Instead I look at the sky and I feel nothing
You know I hate to be alone
I want to be wrong“

Eine alltägliche Klage – „I hate to be alone“ – in einen Ausdruck metaphysischer Sehnsucht zu verwandeln, der sowohl düster-komisch als auch tieftraurig ist, ist das, was Bridgers wie kaum eine andere aktuell beherrscht – und sie tut genau das auf „Punisher“ immer wieder.

Die Songs des Albums sind voll von lebendigen, einprägsamen – und oft nur im ersten Licht trivialen – Beschreibungen des alltäglichen Lebens, die beim Lauschen zwischen den Zeilen mit einer größeren Bedeutung einhergehen: Sie ändert ihren Plan, einen Garten anzulegen, als Reaktion auf die Aktivitäten eines Skinheads in der Nachbarschaft („Garden Song“). Sie „wollte die Welt sehen“, bis sie nach Übersee flog und daraufhin ihre Meinung änderte („Kyoto“). Sie macht einen morbiden Witz über den fortwährenden Klang von Sirenen aus Richtung des Krankenhauses in der Nähe ihres Hauses (interessanterweise nur eine von vielen unheimlichen lyrischen Vorahnungen der Pandemie, die über das ganze Album verstreut sind – Entstehungszeitraum hin oder her). Sie und ein Freund verbringen einen Abend damit, den „Rest unseres Serotonins“ zu verbrauchen, während sie auf dem Boden sitzen und eine Packung Cracker futtern („Graceland Too“). Sie gesteht ihrem verheirateten Ex-Liebhaber, dass er sie „wie Wasser in deinen Händen“ hält („Moon Song“). etc. pp.

Solche Momente flüchtiger Schönheit häufen sich, türmen sich auf, ziehen manches Mal auch wieder vorbei, während sich das Album auf (s)einen unheilvollen Schluss zubewegt: „I Know The End“, in dem Bilder vom Ende einer Beziehung zu Visionen der Apokalypse verschwimmen, während sich die hübsche Folk-Melodie langsam in eine Kakophonie aus klirrenden Akkorden, wirbelndem Lärm und menschlichen Schreien verwandelt. Es ist ein überraschendes, beängstigendes und doch irgendwie perfekt passendes Ende für eine Platte, die so todgeweiht ist wie das Leben am Ende selbst. Das mag sich zwar schwer oder deprimierend lesen, ist es jedoch ganz und gar nicht. „Punisher“ ist ehrlich, heftig, extrem melodiös – und der perfekte Soundtrack für dieses oder jedes andere Jahr. Kurzum: ein verdammtes Meisterwerk.

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2. Spanish Love Songs – Brave Faces Everyone

Liebe? Doof. Job? Doof. Finanzielle Lage? Doof. Soziale Kontakte? Doof. Und sonst so? Alles recht beschissen, danke der Nachfrage… Man wünscht Dylan Slocum – wie ja eigentlich jedem anderen Menschen – wirklich, dass er irgendwann seine mentale Gesundheit erlangt, auch wenn das wohl bedeuten würde, dass der Spanish Love Songs-Frontmann dann nicht mehr diese verdammt intensiven, dem eigenen Schicksal trotzenden Loserhymnen zur Selbsttherapie schreibt. Bis dahin macht die fünfköpfige Band aus Los Angeles auf „Brave Faces Everyone“ jedoch exakt dort weiter, wo „Schmaltz“ vor zwei Jahren endete: Sie vertonen seelische Abgründe und verpacken diese in maximal mitreißendem Punkrock, mit dessen gefühlter Intensität sie aktuell allein auf weiter Flur stehen. Zehn Fäuste für ein herzhaftes „Fick dich!“.

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3. Bright Eyes – Down in the Weeds, Where the World Once Was

So wirklich still war es um Conor Oberst nicht in den letzten Jahren – siehe die tolle Platte mit Phoebe Bridgers als Better Oblivion Community Center, siehe das Comeback-Album mit den Radaubrüdern der Desaparecidos, siehe die jüngsten Alt.Country-meets-Indiefolk-Solo-Alben „Ruminations“ und „Salutations“ (ersteres war anno 2016 gar ANEWFRIENDs „Album des Jahres“). Trotzdem durfte man bei all der Umtriebigkeit seine Haupt- und Herzensband Bright Eyes schon ein kleinwenig vermissen… Nun, nach neun langen Jahren, hat sich Oberst endlich wieder mit Mike Mogis und Nate Walcott zusammengetan, und in der Trio-Formation strahlen seine Songs noch heller durch all die Dunkelheit hindurch, die sich seit jeher im Großteil seiner Texte offenbart. Dabei zieht das Dreiergespann alle zur Verfügung stehenden Register, dies ist längst mehr als folkender Indie Rock, es besitzt und besetzt (s)eine eigene Kategorie: Conor-Oberst-Songs eben. Also faszinierende Textkaskaden, betörende Melodien und spirituelle Suche in einem. Dance on through and sing!

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4. Biffy Clyro – A Celebration Of Endings

„Baby, I’m scorched earth / You’re hearts and minds / Fuck everybody! / Woo!“ – ein Album, das mit solchen Worten endet, kann wahrlich kein schlechtes sein… Der dazugehörige Song fasst in gut sechs Minuten zusammen, warum Biffy Clyro seit eh und je eine der spannendsten Rock-Bands sind, die das an spannenden Bands wirklich nicht arme Schottland hervorgebracht hat. All ihre Klangelemente – von hektischen, an frühe Großtaten gemahnenden Rhythmen über mit sanften Strichen gemalte balladeske Klangbilder bis hin zu allumfassendem Pathos – finden sich aber nicht nur in besagtem Rausschmeißer „Cop Syrup“ wieder, sondern clever ausgespielt auf dem gesamten achten Album des Trios um Frontmann Simon Neil verteilt. Präsentiert sich „North Of No South“ zu Beginn als prototypischer Biffy-Clyro-Knüller, hadert „The Champ“ funky und elegant mit der Gegenwart: „A virtual dream and a virtual life / Well, I’m in love with the older kind / A Biblical truth and a cynical lie“. Derlei Beobachtungen ziehen sich zwar durch „A Celebration Of Endings“ und das Album wird außerdem vor dem Hintergrund des Brexit veröffentlicht, explizit politisch ist es jedoch nicht. Dafür aber sehr, sehr gut. Und das nicht nur, weil es wesentlich besser als sein mauer Vorgänger ist, dessen Pop-Exzesse hier lediglich dosiert stattfinden (etwa beim erstaunlich gelungenen Kitsch-Balladen-Ohrwurm „Space“). Mon the Biff!

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5. Kristofer Åström – Hard Times

Alben wie “Northern Blues”, „Loupita“ oder “So Much For Staying Alive” sind tatsächlich schon über eineinhalb Dekaden alt. Doch Singer/Songwriter Kristofer Åström lässt den Sound von damals mit seinem neuen Werk “Hard Times” wieder aufleben, als wären zwischen all diesen Langspielern gerade einmal wenige Wochen vergangen, denn in der Tat wären die acht neuen Songs auch damals schon gut auf diesen ausnahmslos tollen Kleinoden voll skandinavischer Herzschmerz-Melancholie aufgehoben gewesen. 2020 entfalten sie aber noch mal ihre ganz eigene Schönheit, auch wenn der Schwede betont, dass der fürs aktuelle Jahr überaus passende Albumname bereits vor der Corona-Pandemie feststand. Schon im Opener “Inbetweener” leidet der 46-jährige „Scandinavian Cowboy“ hörbar wie eh und je. “In The Daylight” erzählt eine lange vergangene, aber bis heute traumatische Liebesgeschichte. Und auch “Another Love”, das er gemeinsam mit Britta Persson in ein wunderschönes Duett packt, ist berührend und voller Liebeskummer: “The sun don’t shine on me and the night won’t leave me be”. Es sind einmal mehr die kleinen, jedoch schmerzenden Sätze, die so viel ausdrücken: “She kissed me and then she moved on” aus “Then She Moved On” ist nur ein weiteres Beispiel. “Nowhere In Sight” hat ebenfalls diese allumfassende Traurigkeit, mit der sich Åström vor inzwischen sehr vielen Jahren in der Singer/Songwriter-Szene etabliert hat. Glaubt mir: Wer’s liebt, der liebt’s auf Lebenszeit.

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6. Matt Berninger – Serpentine Prison

Jetzt ohne Band. Um sich endlich selbst zu verwirklichen? Eher nicht. Denn auch The National sind ganz Matt Berninger. Und hier wie dort leidet der heute 49-Jährige melodischer und melancholischer als jeder andere. Gewiss ist aber: „Serpentine Prison“, das späte Solodebüt nach acht Alben mit seiner Hauptband, ist viel mehr eine Songwriter-Platte als die letzten National-Alben. Uptempo-Indie-Rock, elektrische Gitarren, elektronisches Klackern, vertrackte Beats: nichts davon findet sich hier wieder. Und dass Berninger sein Mikro aus der Hand gibt, wie zuletzt reihenweise auf „I Am Easy To Find“ etwa an Mina Tindle und Sharon Van Etten, kommt auch nur einmal vor, wenn Gail Ann Dorsey (aus Bowies Band) im Song „Silver Springs“ eine Strophe singt. Stattdessen hört sich „Serpentine Prison“ fast schon überraschend traditionell und, ja, auch klassisch amerikanisch an. Akustische Gitarre, Bläser, irgendwo zwischen Americana und Indie Folk. Feine Klaviermelodien und Streicher bringen Kammerpop mit hinein. Und die bluesig-groovende Orgel im Song „Loved So Little“ geht ganz klar auf das Konto von US-Legende Booker T. Jones, der hier produziert und mitgespielt hat, und so hörbar seinen Sinn für erdig-ehrlichen Soul-Rock und einen klugen räumlichen Blick auf die eher spärlichen Arrangements einbringen kann. „I don’t see no brightness and I’m kind of startin’ to like this“, singt Berninger, ganz Schmerzensmann, in „Oh Dearie“. Das ist nah an der Selbstparodie, und wie er es sich so bequem macht in seinen kontemplativen, traurig-schönen Stücken, glaubt man’s ihm fast. Nach dem verloren flehenden „Take Me Out Of Town“ nicht mehr so. „Where are you, you said you’d be here by now“, fragt jemand. Und garantiert nicht im Titelsong. Leben inmitten von Frustration, Nationalismus, Zynismus – wie geht das? „Serpentine Prison“ schließt – ziemlich großartig – individuelle und kollektive Angst kurz, erzählt von Depression und einer Welt am Rand der Zerstörung. Resignation, Fatalismus? Hilft alles nicht: „I walk into walls and I lay awake / I don‘t want to give it to my daughter“. Dazu spielen Trompete und Mundharmonika. Und spätestens wenn man so samtig-schlichte Songs wie „One More Second“ hört ist klar, warum Berninger ein Soloalbum gemacht hat. Feinster Herbstblues mit Sonnenstrahlen.

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7. Gerry Cinnamon – The Bonny

Überlastete Live-Streams, volle Hallen, ratzfatz ausverkaufte Tourneen (selbstredend in der Vor-Corona-Zeit): Ist Gerard Crosbie, der hinter dem Künstlernamen Gerry Cinnamon steckt, der größte Star, den – hierzulande – (fast) niemand kennt? So ähnlich zumindest wird der Singer/Songwriter gern schonmal vorgestellt. Oder besser der „Sangster-Sangwriter“, wie man es in seiner schottischen Heimat zu sagen pflegt. Cinnamon nämlich singt, wie viele seiner Landsleute auch, keineswegs in feinstem Oxford-Englisch, sondern auf „Glaswegian“, einem Dialekt, der nach der größten Stadt des Landes benannt ist: „Glesga“ (Glasgow). Es ist denn auch dieser Dialekt in Verbindung mit seiner prägnanten Stimme, die den Charme seiner Songs und von „The Bonny“, seinem zweiten Album, ausmachen. Mit rauchigem Gesangsorgan, das mutmaßlich schon in einigen Pubs und vernebelten Clubs erklang, singt der 36-Jährige seine persönlichen Geschichten über Liebe, Hoffnung und Erinnerungen. „Sun Queen“ etwa kommt als lockere Pop-Leichtigkeit daher, die einer verflossenen Liebe gedenkt, deren Namen er, bildlich, in einen Regenbogen schnitzte. „Dark Days“ erzählt vom Entkommen aus dunklen Zeiten. Wenn das Leben ein Spiel und das Glück für Verlierer ist, „dann gewinne ich wieder“ ist da zu hören. Musikalisch ist Cinnamon vornehmlich ganz der spartanischen Instrumentierung verpflichtet: seine Akustikgitarre, Mundharmonika und Stimme bilden den Rahmen der zwölf Songs. Schlagzeug und Bass zimmern ein rhythmisches, teils höchst eingängiges Gerüst für die Songs. „Where We‘re Going“ etwa klingt wie das Beste aus der munteren Pop-Phase von The Cure, „Mayhem“ wie ein sehr starker Non-Album-Song von Travis und das Titelstück nach einer feucht-fröhlichen Nacht an einem schottischen Highland-Lagerfeuer. Trotz aller hörbaren Einflüsse und Querverweise behält der hagere Schotte mit der Oasis-Britpop-Gedächtnis-Topfschnitt-Frisur seine Eigenständigkeit und liefert ein unterhaltsames Album ab, bei dem sich selbst Liam Gallagher zu einem seiner zugegebenermaßen recht seltenen, da diss-freien Komplimente hinreißen lässt: „Ein Top-Mann macht völlig natürliche Sachen.“ Will was heißen, heißt auch was.

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8. Pearl Jam – Gigaton

2020 hätte ein weiteres großes Konzertjahr für die Grunge-Rock-Band aus Seattle werden können, ja: sollen. Dieses neue Album (das erste seit immerhin sieben Jahren), das der Tour den Rahmen und den Anlass gegeben hätte, ist keineswegs unwichtig, aber auch nicht der zentrale Kern der Unternehmung – Pearl Jam würden auch ohne eine neue Veröffentlichung im Rücken die Stadien und die Gelände rund um den Globus füllen. Nun jedoch gab es keine Konzerte, was zur Folge hat, dass „Gigaton“ unerwartet und ungewohnt erhöht auf einem Podest im Raum steht, als exklusiver Beitrag von Eddie Vedder und Co. in diesem (Musik)Jahr. Es ist daher davon auszugehen, dass so manch treuer Fan diese Platte häufiger gehört haben als die soliden Vorgänger. Und die meisten der Hörer werden beglückt festgestellt haben, dass das Gros der zwölf neuen Stücke diesem Anspruch genügt. Die Band erzählt auf „Gigaton“ – vom unerhört funky Vorboten „Dance Of The Clairvoyants“ einmal abgesehen – freilich wenig Neues, aber das ist nun wirklich keine allzu große Überraschung. Was Pearl Jam leisten, ist eine absolut solide Ausdifferenzierung ihrer hinlänglich bewiesenen Könnerschaft. Ein Song wie „Who Ever Said“ zum Beispiel läuft mehr als fünf Minuten lang und verbindet in dieser Zeit Virtuosität und Kraftmeierei, Melancholie und Melodien, Achtsamkeit und Sehnsucht. Viel mehr kann man von massentauglicher, aber nicht stromlinienförmiger Rockmusik nicht erwarten, weder im Jahr 2020 noch vor genau drei Jahrzehnten, als sich die Band gründete. Die „elder statesmen des Grunge“ liefern. 

9. Brian Fallon – Local Honey

Es ist das dritte Soloalbum von Brian Fallon, und mit jedem scheinen The Gaslight Anthem weiter weg. Wenn man sich seine heutigen Sachen und diese lediglich acht um Akustik-Klampfe, Klavier, Bass und Schlagzeug gezimmerten Stücke anhört, kann man sich auch nicht so recht vorstellen, was er bei seiner alten Band noch finden sollte. Die großen Kämpfe der Jugend, der Punk Rock, das unbedingte Drama scheinen vorbei zu sein. „Ich bin 40, habe zwei Mädchen, eine Frau, ein Haus – das ist, was ich heute bin“, sagt er selbst. Die federnde Folkrock-Ballade „When You’re Ready“ hat Fallon denn auch für seine Töchter geschrieben. „In this life there will be trouble, but you shall overcome“, singt er da. Das modern-radiopoppig produzierte „21 Days“ überblendet Sucht- und Beziehungsende, in „I Don’t Mind If I’m With You“ blitzen die alten Dämonen, die gefochtenen Kämpfe noch einmal für Momente auf, im Angesicht der Liebe aber werden sie klein und kleiner. „Horses“ erzählt ebenso von Vergänglichkeit wie von Erlösung ohne Theatralik: „In this life change comes slowly, but there is time to be redeemed“. „Hard Feelings“ ist einer jener Songs, die Fallon noch immer wie kaum ein Zweiter aus dem Ärmel schüttelt: eine Mischung aus hemdsärmeliger Americana und von Nostalgie durchwehter New-Jersey-Romantik, in der immer ein „slow song“ aus einem „baby blue Mercedes“ spielt. Und „You Have Stolen My Heart“ könnte am Ende schon fast wieder eine der Balladen auf „American Slang“ sein. „Local Honey“, das sind Songs über die Zeit, wenn die Jugend vorbei ist und das Alter noch weit weg scheint. Es gehe zu „einhundert Prozent ums Alltagsleben“, so Fallon, „und wenn das mein Leben ist, dann ist es wahrscheinlich auch das vieler anderer Leute.“ Wirklich spektakulär ist hier nichts, langweilig jedoch auch nicht. Ergo: kein „Nebraska“, aber definitiv auch kein Reinfall. 

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10. Beans On Toast – Knee Deep In Nostalgia / The Unforeseeable Future

Jay McAllister aus Braintree ist ohne Zweifel einer der sympathischsten Klampfenbediener der britischen Inseln. Und einer der talentiertesten. Und einer der umtriebigsten. Seit zig Jahren haut der 40-jährige englische Indie-Musiker pünktlichst zu seinem Geburtstag im Dezember ein neues Album unters Hörervolk, auf dem er jeweils aus seinen zurückliegenden Monaten erzählt und in den Songs vom trubeligen Leben um ihn herum berichtet. In selbigen kommt seit einiger Zeit nicht nur seine kleine Tochter vor, sondern auch der wachsende Unmut über soziale Ungerechtigkeiten oder den Brexit. Umso tiefer sollte man seine Kopfkappe ziehen, dass Mr. Beans On Toast all das nicht mit kaltschnäuziger Pumpe tut, sondern mit jeder Menge Witz, Hirn und Herz. Und dass bei einem Teil der doppelten Veröffentlichung dieses Jahres (denn immerhin feierte der Mann ein rundes Wiegenfest) ein gewisser Buddy namens Frank Turner unter die Indie-Arme gegriffen hat, macht das Ganze nun auch nicht weniger sympathisch… Spitzentyp, der Beans!

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…auf den weiteren Plätzen:

BRUTUS – Live in Ghent mehr…

A Burial At Sea – A Burial At Sea mehr…

Deep Sea Diver – Impossible Weight mehr…

Bruce Springsteen – Letter To You

Dogleg – Melee mehr…

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Linhay – „On How To Disappear“


Totgesagte und Abgeschriebene leben länger – die allseits bekannte Redewendung passt auch zum meist recht verächtlich als „Emo“ etikettierten Musikstil wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Mitte der Neunziger präsentierte sich dieses Genre mit prägenden Bands wie Mineral, The Promise Ring, Sunny Day Real Estate, Capt’n Jazz, American Football, Jimmy Eat World oder den Get Up Kids in vollster Blüte. Im neuen Jahrtausend jedoch wurde es Jahr um Jahr stiller im Emo-Lager. Zwar gab es hier und da, ab und zu noch ein paar Releases der (nicht selten würdevoll graumelierten) stilprägenden Größen, doch frische und neue Impulse blieben größtenteils aus und wurden fortan vielmehr in artverwandten Stilrichtungen wie dem Post-Hardcore gesetzt, während Emo-Epigonen wie My Chemical Romance, Panic! At The Disco oder Fall Out Boy die „Indie-Werte“ mal (ungewollt) persiflierten, mal stadionrockend ins Format-Pop-Radio und die größeren Anonym-Hallen führten. Er ruhe in Frieden, der Emo… Bis jetzt, denn man dürfte meinen, dass das Genre momentan ein kleinwenig in neuem Glanz erstrahlt. Mit Elm Tree CircleRemo Drive oder Memoriez haben junge Bands ebenso hierzulande wie jenseits des Atlantiks in jüngerer Zeit neue Alben auf den Markt geschmissen, welche der Szene tatsächlich eine wohltuende Frischzellenkur einimpfen konnten. Und dieser Riege aufregender Newcomer-Truppen lassen sich definitiv auch Linhay zuordnen.

Obwohl: Newcomer? Tatsächlich kommt das vielwebs noch immer als Geheimtipp gehandelte Quartett aus Kiel und besteht bereits seit Ende 2016 – wüsste man’s nicht besser, man könnte beim Hören ihrer Songs denken, man wäre unangekündigt in die Neunziger und in den Mittleren Westen der US of A zurück katapultiert worden. Außerdem dürfte der norddeutschen Band eine gewisse Aufmerksamkeit der Szene durch die Tatsache vergönnt sein, dass sich in ihren Reihen mit Bassist Gunnar Vosgröne ein Ex-Bandmitglied der zwar bereits seit 2011 aufgelösten, aber auch heute noch fast kultisch verehrten Kieler Hardcore-Punker Escapado wiederfindet (darüber hinaus unterstützte Vosgröne Tomte einige Zeit als Live-Cellist). So sorgten Linhay in den letzten Jahren mit der Demo „You & I“ (2017), einer passend „&“ betitelten Split-EP mit den Kumpels von East (2019) sowie einer Soli-Single für „SeaWatch“ für nicht wenige aufgestellte Ohren.

Auf dem im September veröffentlichtem Langspieldebüt „On How To Disappear“ reichert das Vierergespann um Sänger und Gitarrist Jörn Borowski den klassischen Gitarrensound des Midwest-Emo mit shoegazigen Flächen und Post-Rock-Meditationen an und schafft so eine kohärente, jedoch keinesfalls eintönige Soundkulisse, die sich zwar klar an ihren US-Vorbildern orientiert, sie aber nicht schnöde imitiert, sondern eine eigene authentische Handschrift trägt. Der Raumklang, die verspielten Gitarren und der sphärisch hallende Gesang mit seinen akzentuierten Höhen greifen nahtlos ineinander.

Pure Phrasenmäherei? Keineswegs, denn die elf Stücke kommen mit einer durchaus an Bands wie The Hotelier oder Foxing heranreichenden Detailverliebtheit daher, während die fantastische Produktion von Martin Trompf auch kleinste Feinheiten in den Vordergrund kehrt und dem Album eine breite Klangwelt verleiht, die wunderbar mit der ästhetischen und lyrisch-eskapatischen Atmosphäre harmoniert. Straight funkelnde Emo-Gitarren und treibende Drums wie in „The Distance Between Two Moons“ lösen sich in verspielte Melodien auf, komplexe Songstrukturen wie in „In Sunshine And In Shadows“ brechen nach hinten heraus in einen wunderschönen Breakdown-Chorus aus, während die Band mit „Interlude / A Slightly Disorientated Butterfly“ noch ein mit growlender Bissigkeit überzeugendes derbes Monster in der Hinterhand hat. Wer einen Anspieltipp haben mag: „Water„, die erste Single des Albums, macht es Szene-Freunden mit minimal angezerrten Picking-Gitarren, rhythmischen Mustern und Borowskis sanftem Gesang recht einfach, sich schnell in den Linhay’schen Output zu verlieben.

Ein Schäufelchen Metaebene gefällig? Gern doch! Durch die gesamte Platte ziehen sich emotionale und ästhetische Naturreferenzen: das Wasser, der Mond, Bienen und Vögel werden Eckpunkte für die emotionale Welt von „On How To Disappear“. So liegt die wohl größte Stärke des Albums in dieser Gegenüberstellung von existenziellen Fragen und nahbarer, greifbarer Symbolik. Jede Beobachtung über den eigenen emotionalen Zustand verpacken Linhay in eine lyrische Entsprechung der Natur und erinnern dabei unweigerlich an das 2000er The Appleseed Cast-Genre-Meisterstück „Mare Vitalis„.

Alles in allem ist „On How To Disappear“ ein feines Debütwerk, dass sich mit all seinen Versatzstücken aus Post- bis Indie-Rock (und einer Messerspitze Post-Hardcore) ohne Frage im Midwest-Emo-Kanon einreihen könnte, ohne dass seine zeitliche wie geographische Distanz zum Genre groß auffallen würde. Die fast schon unverkennbar norddeutschen Einflüsse in den vor Fragezeichen nur so überquellenden Texten und der melancholischen Ästhetik sind es jedoch, die das Album als potentielles kleines Gesamtkunstwerk exponieren, das das Schöne mit dem Zweifel vereint.

Rock and Roll.

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Song des Tages: A Burial At Sea – „D’Accord“


Der Sound von A Burial At Sea, einer fünf Köpfe zählenden, im englischen Liverpool ansässigen Experimental-Post-Rock-Band, ist kräftig, wuchtig, dennoch filigran – und liefert zu der im Genre freilich absolut obligatorischen postrockigen Wand auch noch eine Mini-Zwei-Mann-Horn-Sektion inklusive Trompete on top, was man selbst in diesem Kosmos dann schon als besonders, ja beinahe einzigartig bezeichnen könnte.

Das Ganze klingt auf dem dieser Tage erschienenen selbstbetitelten Debütalbum dann in der Tat auch hin und wieder ganz schön jazzy, bevor die ordentlich aus Feedback erbaute Rock-Wand erneut einstürzt oder auch mal ein amtlicher Blast-Beat losbricht. Abgefahrene Mischung, die die Band selbst als „trumpet rock“, „trumpet core“ oder auch “post-rock mariachi” bezeichnet. Und in der Tat ist auf dem galant zwischen bombastisch und filigran changierenden, hochmelodiösen Nachfolger zur 2017 veröffentlichten Debüt-EP „…And The Sum Of Its Parts“ irgendwie verdammt viel und (fast) alles drin, sodass die Spannweite von experimentellem Post-Rock über Math-Rock bis hin zu fesselnden Hardcore-Punk-Einlagen reicht.

Einen ersten Eindruck vom Rest des Albums (welcher bei einem Recht hat vielfältigen Soundgewand wie dem von A Burial At Sea auch täuschen mag) kann man sich anhand des Musikvideos, für das sich Jen Baranick verantwortlich zeichnet, verschaffen:

Rock and Roll.

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