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Das Album der Woche


William Fitzsimmons – Pittsburgh (2015)

wf_pittsburgh_cover_final_copy_1_-erschienen bei Grönland/Rough Trade-

Aufgewachsen in Pittsburgh, Pennsylvania, als Sohn zweier blinder Eltern, die sich scheiden ließen, als der Mann, von dem wir hier sprechen (slash: schreiben) noch klein war. Die Mutter nahm sich das Leben, der Vater fiel – wohl auch von Schuld geplagt – in ein tiefes Loch und war unfähig, sich um seine Kinder zu kümmern. Und obwohl sein Sohn sich in Momenten wie diesen wohl vornahm, später im eigenen Erwachsenenleben und -lieben mal alles anders und besser und richtig zu machen, stand auch er vor einigen Jahren – es muss um 2009 herum gewesen sein – vor den Scherben (s)einer immerhin zehnjährigen Ehe…

Was sich liest, als habe irgendein findiger Hollywood-Drehbuchschreiberling mal eben die Pillen vertauscht und sei diesüber in einen wahnsinnig-abstrusen Schreibwahn abgeglitten, ist tatsächlich die Biografie von William Fitzsimmons. Und: ja, dessen Aussehen macht es, wenn man’s oberflächlich nimmt, kaum… nun ja: besser. Kahl geschorener Kopf, ein imposanter Rauschebart, tief blickende Augen, Holzfällerhemd, unter dem tätowierte Arme hervor lugen. Sähe man den Hünen, Jahrgang 1978, auf der anderen Straßenseite, so könnte man so ziemlich alles als Berufsfeld es US-Amerikaners vermuten – Waldarbeiter (freilich), Trapper (logisch), Rhythmusbassist einer Hardcore-Formation (natürlich) -, nicht jedoch, dass Fitzsimmons a) gelernter Psychotherapeut ist und b) seit 2005 in recht regelmäßigen Abständen tolle Singer/Songwriter-Alben veröffentlicht. So weit, so fern ab des Augenscheinlichen.

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Ebenso nah – musikalisch wie geografisch – liegt den auch ein klanglicher Vergleichspunkt, denn vor allem Fitzsimmons‘ erste drei Werke vom Debüt „Until When We Are Ghosts“ (2005) bis „The Sparrow And The Crow“ (2008) liegen nahe bei dem, was der ebenfalls aus Illinois stammende Sufjan Stevens in seinen Glanzzeiten (man denke da an die Songwriter-Perlen „Seven Swans“, „Michigan“ oder jüngst „Carrie & Lowell„) heraus brachte: zart besaitete große Songs, die bewegende Geschichten vom Leben erzählen, sich selbst nicht wichtig nehmen, dieses dafür umso mehr sind: wichtig. Und: bewegend. Doch wo man bei Stevens in der Vergangenheit nie so recht wusste, wo die Biografie aufhörte und die fiktionale Erzählung begann (das neuste Werk mal außen vor), so war und ist bei William Fitzsimmons jeder Song, jede Note bitterer Ernst und wohl nie so ganz um der schönen Künste Willen gespielt. Denn vor allem den beiden Alben „Goodnight“ (2006) und „The Sparrow And The Crow“ merkt(e) man an, dass ihre Geschichten einfach raus, einfach erzählt, einfach vom Herzen abgerückt werden mussten. So singt Fitzsimmons in leisen Tönen auf ersterem von seiner Kindheit, von Leben mit seinen blinden Eltern, von deren Trennung und Scheidung, vom Freitod seiner Mutter und von der Unfähigkeit seines Vaters, mit alledem und den eigenen Schuldgefühlen klarzukommen – und das, vor allem im Stück „You Broke My Heart„, recht unverblümt: „Did you think about my mother / When you shared the same bed cover / Did you wonder if it changed her / When your son became your stranger / When will you admit your lonely / Since we split apart the family / All the pictures are updated / All of us are separated / You broke my heart / I don’t feel it anymore“. Das geht ebenso zu Herzen wie die Direktheit, mit der er auch vor sich selbst nicht Halt macht(e) und nahtlos das Scheitern der eigenen Ehe analysiert – dann vor allem im zweitgenannten „The Sparrow And The Crow“. Musikalisch kleidet Fitzsimmons seine Songs seit jeher als kleine Akustikgitarren-Kleinode, die selten mehr benötigen als ein, zwei elektronische Sprengsel hier, drei, vier Tupfer auf dem Piano da. Wer bei den Songs der ersten drei Alben nicht gefesselt zuhört(e), der darf sich getrost fragen, ob sein Herz nicht aus Stein gemeißelt ist (oder gefälligst noch einmal genauer hinhören).

Und irgendwie freute man sich für und mit William Fitzsimmons, dass die beiden darauf folgenden Alben „Gold In The Shadow“ (2011) und „Lions“ (2014, produziert von Ex-Death Cab For Cutie-Gitarrist Chris Walla) um einiges positiver und hoffnungsvoller ausfielen, präsentierten sie den Singer/Songwriter und patenten Geschichtenerzähler doch von einer seiner Seiten, die jeder, der mit dem freundlichen, aufgeschlossenen Bartträger ins Gespräch kommt, sofort bemerkt: die des durchaus optimistischen Zeitgenossen. Ja, da schlichen sich nun geradezu poppige (etwa „Beautiful Girl“ von „Gold In The Shadows“) und beschwingte („Took“ von „Lions“) Melodien ins Klangbild, während der Künstler selbst universellere, weltoffenere Themen anschnitt. Und auch wenn der Singer/Songwriter der herbstlich gestimmten Melancholie nicht abschwor, so hatte das Ganze jedoch einen kleinen Makel: alles in allem gerieten diese beiden Werke etwas austauschbarer als ihre drei Vorgänger, denn – ähnlich wie Sufjan Stevens – war und ist Fitzsimmons vor allem dann am besten, wenn er ans Eingemachte geht, von seinem Leben singt. Sich bewegen können viele, bewegen die wenigsten. Umso besser, dass William Fitzsimmons nun (s)eine Rückkehr feiert – wenn auch im Mini-Format…

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Im vergangenen Oktober verbrachte der Musiker eine kurze Zeit in der Stadt, in der er als Sohn blinder Eltern aufwuchs, zum Scheidungskind wurde und in der er im Herbst 2014 seine Großmutter zu Grabe trug. Aus diesem schmerzhaften Anlass erhielt das nun erscheinende sechste Album den ebenso kurzen wie treffenden Titel „Pittsburgh„, auf dem sich lediglich sieben Songs befinden, welche in nur drei Tagen entstanden. Wieder einmal also arbeitet der Mann mit dem imposanten Bart sehr persönliche Themen ab, das wird bereits im ersten Stück „I Had To Carry Her (Virginia’s Song)“ deutlich: „I saw her lying there on the table / Buried in flowers cross that I made for her / Kneeling beside you next to my mother weeping like willows / I had to carry her“. Und als ob die Verstorbene eine Entschuldigung dafür benötigen würde, dass ihr Enkel so lange der einstigen Heimat, mit welcher er nicht wenige bittere, traurige Erinnerungen verbindet, fern geblieben ist, schiebt er diese sogleich nach: „I’m sorry it took me two years to come home / I’ve been so busy  / You should see how the kids have grown / I’ll tell the children how much you loved them / They’ll never know you“. Erneut braucht Fitzsimmons nicht viel, um zu rühren: seine Akustische, ein wenig Piano hier und da, das Zwischenräume gekonnt ausfüllt, auch mal die Beatbox (etwa in „Better“ und „Matter“). Noch immer bildet Akustik-Folk freilich das Grundgerüst seiner Songs. Und diese widmet der Musiker auf „Pittsburgh“ voll und ganz seiner Großmutter, die die Musik in seine Familie brachte.

Wohlmöglich wird William Fitzsimmons‘ neustes Werk nur eine Art (ungeplantes) knapp 25 Minuten kurzes Zwischenalbum sein, eines, auf dem eventuell zum (vorerst) letzten Mal die Schatten seiner Familiengeschichte aufblitzen, nur um langsam und nach und nach im melancholischen Nebel zu verschwinden. Die Dramen hat er freilich längst erzählt, sich an ihnen abgerieben, sich durchs Darüber-singen selbst geheilt und wie verblichene Schwarz-weiß-Fotos zurück ins Familienalbum geschoben. Natürlich klangen seine letzten Werke weitaus sonniger und hoffnungsvoller als das, was „Pittsburgh“ nun zum nahenden Sommer anstimmt. Trotzdem ist man dankbar für diese Stücke, beweisen sie doch, dass die größte Stärke darin liegt, zwar mit einem weinenden Auge, jedoch ohne Wehklage, ohne Pathos und bleierne Stimmung zurück zu blicken. The Waldschrat is coming home. Der Rest soll Licht sein…

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Hier gibt es einige Stücke von „Pittsburgh“ in Akustikversionen…

 

…sowie ein knapp einstündiges (!) Filmportrait über William Fitzsimmons, welches im Zuge der Promotion des im vergangenen Jahr veröffentlichten fünften Albums „Lions“ entstand:

 

Rock and Roll.

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„The Kate Bush Story: Running Up That Hill“ – ein feministisches Enigma im BBC-Portrait


Kate Bush in concert, 1986. Foto: Fotex/REX

Kate Bush in concert, 1986. Foto: Fotex/REX

Kate Bush? Klar, sollte jedem Pop-Aficionado ein Begriff sein. Ich selbst kam ausgerechnet durch eine Coverversion – Placebos 2003 veröffentlichte Variation von „Running Up That Hill“ – zum ersten Mal bewusst mit der 1958 in englischen Bexleyheath, Kent geborenen Musikerin in Berührung (oder zwei Jahre später durch das „Hounds Of Love“-Cover der Futureheads). Doch wer versteckt sich hinter so oft als Referenzen für heute Künstlerinnen wie Florence and the Machine, Tori Amos St. Vincent oder Bat For Lashes ins Feld getragenen Alben wie „The Red Shoes„, „The Kick Inside“ oder „Hounds Of Love„? Wer ist die Sirene hinter solch einprägsamen Songklassikern wie dem bereits erwähnten „Running Up That Hill“, hinter „Wuthering Heights“, „Babooshka“, „Cloudbusting“ oder dem Peter Gabriel-Duett „Don’t Give Up“ wirklich? Schwer zu sagen, denn immerhin ist es seit den für Bush äußerst produktiven Achtzigern still um die Künstlerin geworden. Lediglich 1993 erschien mit „The Red Shoes“ noch ein einziges Album, auf das nächste – „Aerial“ (2005) – mussten Fans ganze zwölf (!) Jahre lang warten…

Noch rarer als im Plattenregal machte sich Kate Bush nur auf Konzertbühnen. Umso erstaunlicher war also die Meldung vor ein paar Monaten, dass die bis heute die Öffentlichkeit weitestgehend meidende und zurückgezogen lebende Künstlerin zum ersten Mal seit 35 Jahren (!) wieder eine Reihe von 22 (!) Konzerten in London geben würde – alle Karten waren freilich nach rekordverdächtigen 15 Minuten ausverkauft. Und auch im Vorfeld der Konzerte machte Bush ihrem Ruf als scheue Exzentrikern alle Ehre, bat sie ihr Publikum doch, möglichst auf Fotoapparate und iPads zu verzichten

Die BBC nahm sich das am heutigen 26. August im Londoner Hammersmith Apollo stattfindende erste Kate Bush-Konzert seit mehr als drei Dekaden zum Anlass, einen kurzen Blick hinter die Fassade und Historie der heute 56-jährigen Engländerin zu werfen. In den erfreulich kurzweiligen 60 Minuten von „The Kate Bush Story: Running Up That Hill“ kommen dabei ebenso frühe Förderer (etwa Pink Floyd-Gitarrist und Entdecker David Gilmour) wie ehemalige Weggefährten (ihr Exfreund Del Palmer, ihr Tanzlehrer Lindsey Kemp) und Bewunderer (Tori Amos, Annie „St. Vincent“ Clark, Natasha „Bat For Lashes“ Khan, der ehemalige Sex Pistols-Frontmann John „Johnny Rotten“ Lydon, Fantasy-Autor Neil Gaiman…) zu Wort, um die Wichtigkeit und den Einfluss der Künstlerin auf die heutige Popmusik zu unterstreichen. Auch wenn am Ende des einstündigen Portraits das Enigma der Kate Bush (erneut) nicht gelöst werden konnte, so macht die BBC-Doku  – zumindest mir – auf jeden Fall Lust, sich etwas tiefer in die Diskografie der faszinierenden, vielfältigen Musikerin hinein zu hören…

Kate-Bush

 

 

 

 

Rock and Roll.

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