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Song des Tages: The Mynabirds – „Glory Box“


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Für die ganz große Bühne mag es für Laura Burhenn bislang zwar nicht gereicht haben, im Indie-Bereich ist die Dame jedoch keineswegs ein unbeschriebenes Blatt. So ist die in Los Angeles lebende Singer/Songwriterin, Musikerin und Aktivistin seit etwa zehn Jahren das kreative Mastermind hinter The Mynabirds, einer Band, die mit „What We Lose In The Fire We Gain In The Flood„, „Generals„, „Lovers Know“ und zuletzt „Be Here Now“ zwischen 2010 und 2017 vier von Kritikern gefeierte und stilistisch recht unterschiedliche Alben beim seit eh und je über jeglichen qualitativen Zweifel erhabenen US-Indie-Label Saddle Creek veröffentlicht hat. Davor bildete Burhenn gemeinsam mit John Davis (Q and Not U) das recht kurzlebige Indiepop-Duo Georgie James, veröffentlichte zwei selbstproduzierte Soloalben über das von ihr gegründete Label Laboratory Records und sammelte als Tournee-Mitglied bei den von Kritikern gelobten und kommerziell erfolgreichen Indie-Acts The Postal Service und Bright Eyes so einiges an Bühnenerfahrung. War’s das mit der Umtriebigkeit? Keineswegs, denn Laura Burhenn half vor einigen Jahren außerdem, „Omaha Girls Rock“ zu gründen, eine gemeinnützige Organisation, die es jungen Mädchen ermöglicht, ihre kreative Stimme zu finden. Und sie hielt 2013 einen TED-Vortrag, in dem sie sich ihrem Fotoprojekt „New Revolutionists“ widmete, welches wiederum der Frage nachging, was es bedeutet, in der heutigen Zeit eine revolutionäre Frau zu sein. Nein, Stillstand mag nicht Laura Burhenns Ding sein…

artworks-000593855958-tuvy72-t500x500Interessanterweise könnte man hier Parallelen zu einer anderen Großen im Indie-Kosmos ziehen: Beth Gibbons. Musikconnaisseure wissen freilich: bei ihr handelt es sich um die Stimme der legendären britischen TripHop-Band Portishead, deren Debütalbum „Dummy“ 2019 ein frisches Vierteljahrhundert feiern durfte, und auch für Burhenn sehr einflussreich war, wie sie selbst zugibt: „‚Dummy‘ war meine Lieblingsplatte zum Rummachen in der Highschool und gehört zu meinen ständigen Top Ten“, so Laura Burhenn in einer Pressemitteilung. Als kleinen, ehrfurchtsvollen Knicks vor „Dummy“ veröffentlichte die Mynabirds-Frontfrau daher im vergangenen Jahr eine von Patrick Damphier produzierte Coverversion des Portishead-Evergreens „Glory Box„, die den bedächtig knisternden, geradezu schwülen und von trotzigem Feminismus geprägten Charakter des Originals zwar beibehält, aber gleichzeitig eine subtile, fast schon oldschoolige Country-Atmosphäre vermittelt. „Unglaublich, wie Beth Gibbons diese feministische Hymne in meinem Teenager-Hirn verankert hat – dieser Song hat bei mir vieles neu justiert“, meint Burhenn. Ohne Zweifel: durch #MeToo und immer dann, wenn die Rechte der Frauen beschnitten werden, bekommen der Song und seine Refrain-Zeile „I just want to be a woman“ – 25 Lenze auf dem musikalischen Buckel hin oder her – mehr Gewicht denn je…

Übrigens wurde der Cover-Song über „Our Secret Handshake“ veröffentlicht, ein von Frauen geführtes, frauenorientiertes Kollektiv für kreative Strategien, das Laura Burhenn – Sie ahnen es bereits – im Jahr 2018 mitbegründete. Und: ein Teil der Einnahmen aus der Single kam/kommt dem „Omaha Girls Rock“ zugute. Thumbs up!

 

 

„I’m so tired of playing
Playin‘ with this bow and arrow
I gonna give my heart away
Leave it to the other girls to play
For I’ve been a temptress too long

Just give me a reason to love you
Give me a reason to be a woman
I just wanna be a woman

From this time unchained
We’re all lookin‘ at a different picture
Through this new frame of mind
A thousand flowers could bloom
Move over and give us some room, yeah

Give me a reason to love you
Give me a reason to be a woman
I just wanna be a woman

So don’t you stop, being a man
Just take a little look
From our side when you can
Show a little tenderness
No matter if you cry

Give me a reason to love you
Give me a reason to be a woman
I just wanna be a woman
Cause it’s all I wanna be is all a woman, yeah

For this is the beginning of forever and ever
It’s time to move over
So tired of playing

So tired of playing
Playin‘ with this bow and arrow
I gonna give my heart away
Leave it to the other girls, to play
For I’ve been a temptress too long

Just give me a reason to love you
Give me a reason to be“

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Steve Adey – „Do Me A Kindness“


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Richtig gute Coveralben aufzunehmen – diese Idee kann nur allzu leicht nach hinten losgehen, denn sie bietet gleich an zwei Fronten Fallstricke: hält man sich zu nah ans jeweilige Original, so unterstellen einem viele eifrige, zum Gähnen neigende Kritiker mangelnde Kreativität und ein dezentes Defizit an Mut, verfremdet man die Ursprungsversionen jedoch zu sehr, will plötzlich jeder mehr von den „Ausgangstrademarks“ hören. Klare Sache, das: Nicht jedem kann’s so scheinbar leichtfüßig gelingen wie Johnny Cash und Produzentenguru Rick Rubin zu deren „American Recordings“-Zeiten. Man nehme etwa Steve Adeys Album „Do Me A Kindness„…

81l-Z68Oy4L._SX522_Der dritte, 2017 erschienene Langspieler des in Experimenten erprobten Singer/Songwriters aus dem schottischen Edinburgh besteht aus neun Coverversionen und der Adaption eines Gedichts von Hermann Hesse – wahrscheinlich per se schon nicht die Art von Dingen, die den musikalischen Appetit anregen und des Hörers Puls rasen lassen, oder? Bekanntlich sind Alben mit Coverversionen meist eine praktische Veröffentlichungsablenkung, wenn der jeweilige Künstler gerade an einer Schreibblockade leiden mag oder just die Rockstar-Reha verlassen hat (soweit zumindest die Klischees, welche ja auch irgendwoher stammen müssen). Das Ergebnis ist denn meist und im Allgemeinen ein verdammt janusköpfiger Haufen. Umso klüger ist es, sich dieser Art von kreativer Schnapsidee stets mit porzellaner Vorsicht zu nähern (oder es lieber gleich zu lassen).

Insofern mag man Steve Adey bereits von Vornherein hoch anrechnen, dass der gebürtig aus dem englischen Birmingham stammende Musiker bei diesem Album keineswegs die einfachsten Optionen gewählt hat. Keine der Melodien auf  „Do Me A Kindness“ stammt von einem offensichtlichen Karaoke-Bar-Liebling – stattdessen hört man hier Songs, deren Originale aus den Federn von unter anderem Bob Dylan, David Bowie, Morrissey, PJ Harvey, Low, Nick Cave, Portishead oder Smog stammen. Und: sie sind – das lässt sich schnell feststellen – wunderschön aufgenommen. Adeys frühere Karrierestopps als Toningenieur haben sich hier sicherlich als äußerst nützlich erwiesen, als er die (im Gros alle von ihm selbst gespielten) Instrumente und – vor allem – die Stimmen passenderweise in einer Edinburgher Kirche aus dem 19. Jahrhundert aufnahm – eine hervorragende, weise temperierte Kombination aus Klarheit und natürlich klingendem Hall. Deshalb der explizite Tipp: Holt eure besten Kopfhörer dafür raus, Kinners! Aber wenn wir die Produktionslorbeeren hinter uns gelassen haben, was bleibt uns dann noch? Mit drei Worten schon vorweg: eine Menge Trostlosigkeit.

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Denn „Do Me A Kindness“ ist ziemlich harter Gemütstobak. Manch einer mag sogar so weit gehen, Nick Drakes herb-melancholisches „Pink Moon“ dagegen als eine Best-Of-Sammlung der Beach Boys zu bezeichnen. Nach 46 Minuten sich langsam bewegenden Wellen ängstlichen Atemanhaltens (wenn auch wunderschön aufgenommenen Wellen ängstlichen Atemanhaltens…) mag es manch einem Lauschmuschelträger vielleicht schwerfallen, vom heimischen Sofa aufzustehen. So wird etwa Morrisseys „Every Day is Like Sunday„, das schon zu Zeiten seiner Erstveröffentlichung 1988 auf „Viva Hate“ nicht gerade ein fröhlicher Tobsuchtsanfall war, mit dem unerbittlichen Ticken einer Drum-Machine, die stur ihren minimalen Takt beibehält, auf ein einem Begräbnis würdiges Tempo verlangsamt. Adey spielt das Stück des skandalträchtigen Ex-Smiths-Frontmanns ohne große ideenreiche Schnörkel (wohl aber mit gesanglicher Unterstützung von Helena MacGlip), was auch bedeutet, dass der sinistre Humor des Originals hier fehlt und seine Version zu einer Art Doomy Pastiche verkommt. Mary Margaret O’Haras „To Cry About“ gerät da schon etwas gelungener, und die lyrische Düsterheit ergänzt sich wunderbar mit Adeys Arrangement. Nick Caves „God Is In The House“ (vom 2001er Album-Meilenstein „No More Shall We Part“) wiederum fehlt es erneut am sarkastischen Biss des Originals, und Adeys minimale Herangehensweise bewirkt, dass so manche hörerische Aufmerksamkeit spätestens in der Mitte des Stückes vorschnell abwandert. Fast schon flott und fröhlich kommt da die Variante des Dylan-Evergreens „I Want You“ daher – nur gut also, dass einen Portisheads „Over“ oder Lows „Murderer“ – in ihren Ursprungsversionen ohnehin schon deftig-großartige Trauerklöße par excellence – schnell wieder ins Graudunkel des schottischen Kirchenschiffs zurück ziehen. Erst „How Heavy The Days“ mit seinem bei Hermann Hesse entliehenen Text gelingt es kurz vor Schluss so richtig, die elegische Musik mit dem düsteren Tonfall der Worte gut zu verbinden. Stampfende Perkussion, seltsam zwitschernde Klaviaturen und verschlungene, umgekehrte Klänge werden zu einem einnehmenden Ganzen vermengt. Aus den fleißig angeschlagenen Akkorden, die Adeys eindringliche Baritonstimme begleiten, entsteht eine komplexe Klanglandschaft – so hätte gern das komplette Album klingen dürfen. Es ist ein sehr beeindruckendes Stück.

Es fällt schwer, „Do Me A Kindness“ vorschnell als lediglich halbwegs gelungen abzutun, da offensichtlich so viel Liebe und Herzblut in diesem Album steckt. Wenn es gut ist, ist es ziemlich unvergleichlich, aber wenn es nachlässt… nun, ihr wisst schon. Steve Adey hat einige seiner potentiell liebsten Songs (mehr zur Auswahl erfährt man hier) genommen und sich nicht gescheut, jedem Stück ein paar neue Charaktermerkmale zu verleihen. Herausgekommen sind keine blass nachgespielten Faksimiles der Originale, es sind praktisch (beinahe) neue Songs. Aber anhand von so wenig Dynamik oder tonalen Veränderungen über den Langspieler hinweg verschwimmen die meisten Stücke ineinander – was jammerschade ist, denn während der grummelgrauen Dreiviertelstunde gibt es so einige großartige Sachen zu entdecken. Freilich würde niemand auf die Idee kommen, Adey vorzuschlagen, dass sein nächstes Album bitteschön eine Sammlung bayrischer „Uffta! Uffta!“-Polkamelodien enthalten sollte, um denn doch für ein klein wenig mehr gelöste Stimmung zu sorgen, aber der bloße Gedanke daran, ein wenig mehr Licht, Luft und Abwechslung Einzug in seine Musik halten zu lassen, würde Steve Adey sicherlich eine breitere Palette an Emotionalität und Musikalität zur Verfügung stellen. Schließlich würde einem auch jeder bildende Künstler den Tipp geben, dass die Gegenüberstellung von Licht und Schatten die Dunkelheit dunkler und die Lichter heller macht. Ganz sicher: Steve Adey trägt definitiv noch das ein oder andere großartige Album in sich, aber „Do Me A Kindness“ ist – zumindest in Gänze – keines. Das nächste dann? Warten wir’s ab.

 

 

Rock and Roll.

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