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Robert Allen „Bob Dylan“ Zimmerman und Cassius „Muhammad Ali“ Clay, Arm in Arm backstage im New Yorker Madison Square Garden im Zuge von Dylans 1975er „Rolling Thunder Revue Tour“. Im ersten Moment mag man an einen dieser Publicity-trächtigen Schnappschüsse von zwei Größen des Showgeschäfts denken (die gab es ja schließlich auch von Ali und den Beatles). Dass die Folk-Größe und die Box-Legende jedoch weitaus mehr verband als ein, zwei nette Meet-and-Greet-Geplänkel, wissen nur die, die ein wenig genauer hinschauen und -hören. Denn so freundlich wie 2016, als Dylan den verstorbenen Muhammad Ali mit den warmen Nachruf-Worten „Wenn das Maß von Größe darin besteht, das Herz eines jeden Menschen auf dem Antlitz der Erde zu erfreuen, dann war er wirklich der Größte. In jeder Hinsicht war er der tapferste, freundlichste und hervorragendste aller Menschen.“ bedachte, war die Beziehung der beiden Legenden keineswegs immer…

Warum? Nun denn, schauen wir mal genauer hin…

Bob Dylan ist Boxer. Wie kurz nach der Jahrtausendwende zu erfahren war, betrieb die lebende Folk-Legende schon seit Jahren in Los Angeles, auf der Rückseite des The 18th Street Coffee House in Santa Monica, ein nichtöffentliches Boxgym, in dem sich nicht nur er selbst, sondern auch Schauspieler wie Will Smith fit halten. Dort traf sich auch Kult-Regisseur Quentin „Kill Bill“ Tarantino mit Dylan zum – natürlich freundlichen – Kampf. „Wir machten ein bisschen Sparring“, berichtete Verlierer Tarantino hinterher, „und als ich mal unaufmerksam war, kam er durch. Ich glaube, es war ein rechter Jab. Für einen Moment ließ ich meine Deckung unten, und er schlug ein. Es war ein guter Punch.“

Bob Dylan ist also Boxer – und das bereits seit Jugendzeiten, als der junge Robert Allen Zimmerman im Zuge des Sportunterrichts recht unfreiwillig den Ring besteigen musste. Diese Faszination hat ihn, ganz ähnlich wie etwa Ex-Red House Painters-Grantler Mark Kozelek, seitdem nie so ganz losgelassen. Zu zeigen ist nun, dass ohne den Bezug zum Boxen Dylans Werk – zumindest zu Teilen – nicht zu verstehen ist. Drei Songs aus seiner Feder beziehen sich unmittelbar auf das Profiboxen, nämlich „I Shall Be Free No. 10„, „Who Killed Davey Moore?“ und „Hurricane„. Außerdem coverte Dylan anno 1970 auf seinem Album „Self Portrait“ noch „The Boxer“ von Simon & Garfunkel.

„I Shall Be Free No. 10“, Dylans erste musikalische Annäherung an das Profiboxen, findet sich auf dem Album „Another Side Of Bob Dylan“ aus dem Jahr 1964. Der junge Künstler Dylan fordert die Welt heraus, lies: den Weltmeister. Und der war nicht irgendein dahergekommener Haudrauf, sondern seit ebenjenem Jahr 1964 ein gewisser Muhammad Ali, der damals noch Cassius Clay hieß. „I was shadow-boxing earlier in the day / I figured I was ready for Cassius Clay“, knattert Dylan also im Song. Die zwischen Harmonikapusten vorgetragenen Drohungen gegen den Boxer werden immer lächerlicher: „I said ‚Fee, fie, fo, fum, / Cassius Clay, here I come / 26, 27, 28, 29, Im gonna make your face look just like mine / Five, four, three, two, one, Cassius Clay – you’d better run.“ Natürlich mag man aus dem Song durchaus Dylans Anspruch heraushören, einmal Champion of the World zu werden. Die Dylan-Biografen jedoch halten „I Shall Be Free No.10“ mehrheitlich für „schrulligen Nonsens“ (Robert Shelton) oder verschweigen ihn einfach, wie sogar Paul Williams und Anthony Scaduto.

Das ist bei „Who Killed Davey Moore?“ anders. Erstmals wurde das Stück über die Tragödie des Federgewichtsboxers bereits 18 Tage nach dessen Tod am 25. März 1963 bei einem Konzert in New York gespielt, offiziell auf Platte ist es aber erst auf den „The Bootleg Series, Vols. 1-3“ aus dem Jahr 1991 zu hören. Dylan listet alle auf, die anno dazumal ein Interesse am Tod des Boxers hatten: der Ringrichter, die Wetter, der Manager, die Sportjournalisten – heraus kommt ein großartiges Sittengemälde der Boxindustrie und damit der gesamten Gesellschaft, vergleichbar mit Dylan-Evergreens wie „Masters Of War„, „Maggie’s Farm“ oder der jüngsten 17-Minuten-Großtat „Murder Most Foul„.

In der Dylan-Rezeption freilich wird erstaunlicherweise nicht danach gefragt, warum sich Dylan ausgerechnet den Boxsport vornahm: „Wegen zu politischer Aussagen“, gibt etwa Journalist Max Dax Gerüchte wieder, wollte die Plattenfirma CBS den Song nicht auf Dylans zweitem Album „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ haben. Für den gar „am deutlichsten mit dem Sozialismus sympathisierenden“ Song Dylans hält ihn Heinrich Detering in seiner Dylan-Biografie.

Es ist der Boxhistoriker Jeffrey T. Sammons, der einen Zusammenhang zwischen dem aufsteigenden Cassius „Muhammad Ali“ Clay und dem 1963 im Alter von 29 Jahren an Kampfverletzungen verstorbenen Davey Moore herstellt: Als Moore starb, „waren es die Streiche und die boxerischen Fertigkeiten von Cassius Clay, die sowohl das Interesse der Gesellschaft als auch mein eigenes von dieser Tragödie ablenkten.“ Auch Boxfan Dylan veröffentlichte schließlich zunächst nur sein mäßig lustiges Stück über Clay/Ali, nicht aber seine deutlich gewichtigere Anklage gegen das Profiboxen.

Im Jahr 1970 präsentierte sich Dylan seiner Fan-Gemeinde zum dritten Mal als einer, dem Boxen etwas bedeutet. Ausgerechnet auf „Self Portrait“ spielte er „The Boxer“ von Paul Simon nach. In dem Song heißt es, dass man den Boxer bedrängt, „til he cried out in his anger and his shame / ‚I am leaving, I am leaving.‘ / But the fighter still remains.“ Bei Fans und Kritikern kam die Sammlung aus Cover-Versionen bekannter Songs sowie Instrumentaltiteln, Eigenkompositionen und Liveaufnahmen damals weniger gut an, speziell seine Interpretation von „The Boxer“ gehöre „zu den kuriosesten Einspielungen seines kompletten Plattenwerks“, ja, es sei eigentlich ein „Gag“, meint etwa Olaf Benzinger in seiner Dylan-Biografie.

Das bislang letzte und berühmteste – und zweifelsohne gelungenste – Boxer-Lied Dylans erschien schließlich 1975 (und ein Jahr später auf dem Album „Desire„): „Hurricane“, der Song über den 2014 verstorbenen Mittelgewichtler Rubin Carter, welcher zu Unrecht beinahe zwei Jahrzehnte wegen Mordes im Gefängnis saß (und dessen Geschichte im Jahr 1999 durch den furiosen Film gleichen Titels mit Denzel Washington in der Hauptrolle auch in die Kino-Annalen einging). Carter, der Chancen auf einen WM-Kampf hatte, wurde 1966 festgenommen. Mit manipulierten Zeugen wurde ihm ein rassistischer Prozess gemacht – erst 1985 erfolgte, vor allem wegen einer internationalen Unterstützungskampagne, der Freispruch. „One time he could-a been / The champion of the world“, heißt es in Dylans „Hurricane“. Schon das erinnert an den jungen Dylan. Doch er legt dem Boxer auch noch seine eigene Berufsauffassung in den Mund: „It’s my work, he’d say, and I do it for pay!“

Beim Gros der Dylanologen wird das jedoch selten heraus gelesen. „Endlich wieder politisches Engagement!“, heißt es aus deren Lager stattdessen. „Der alte Dylan!“, „Der Protestsänger!“ etc. pp. Dass Dylan, dieses schlitzohrige Chamäleon, selbst keineswegs als Politiker oder Prophet wahrgenommen werden will, sagt(e) er nicht nur in Interviews, sondern auch in genau diesem Song: „And when it’s over I’d just as soon go on my way…“

Doch natürlich ist „Hurricane“ (auch) ein Protestsong, aber es ist sehr bewusst der Protest für einen Boxer. Und zwar nicht für einen Profiboxer in der (manches Mal auch überhöhten) Art eines Muhammad Ali, der sich im Grunde bis zu seinem Tod im Jahr 2016 selbst als politisches Symbol inszenierte und der seine Kunst als Instrument der Emanzipation der Schwarzen verstand. Sondern es ist ein Protestsong für einen Boxer, der schlicht seinen Job tat, sich Vereinnahmungsversuchen verweigerte und wider Willen – durch seine Verhaftung – zum politischen Symbol wurde. Ein durchaus großer Unterschied zu Ali.

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Bei der „Rolling Thunder Revue“ 1975 kreuzten sich Alis und Dylans Wege schließlich: Sie respektierten sich, aber sie mochten sich nicht (wer genauer hinschaut, meint dies auch auf den Bildern von Fotograf Ken Regan zu erkennen). Der kaum an mangelndem Selbstbewusstsein leidende Ali inszenierte sich gar auf Dylans Kosten. „Also, als ich gebeten wurde, heute Abend herzukommen, wusste ich nicht, wer eigentlich dieser Bob Dylan ist“, kokettierte Ali in New York. „Seid ihr Mädels heute Abend wirklich alle wegen Bob Dylan da?“ Ali ging auf die Bühne und telefonierte dort mit Rubin „Hurricane“ Carter im Staatsgefängnis New Jersey. „Ali machte krumme Sachen“, erinnert sich der Schauspieler und Schriftsteller Sam Shepherd. Ohne Absprache holte Ali beispielsweise einen weißen Politiker auf die Bühne, stellte ihn als „nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten“ vor und musste letztlich unter Buhrufen die Bühne verlassen. Dylan hingegen mochte solche Egotrips nicht, aber der boxerische Respekt, den der Musiker vor dem Sportler hatte, war zu groß. „Er hat bewiesen, dass man auch im Angesicht von Elend für seine Überzeugungen aufstehen und stehen bleiben kann“, sagt Dylan in der Ali-Biografie des amerikanischen Boxjournalisten Thomas Hauser. Ein höfliches Lob, von Respekt getragen, aber damals ohne Liebe.

Die gehörte anderen. In seiner 2004 erschienenen Autobiografie „Chronicles I“ erinnert sich Dylan an einen Boxkampf zwischen Jerry Quarry und Jimmy Ellis. Quarry, ein weißer Schwergewichtler, wurde Ende der Sechziger als „White Hope“ aufgebaut, als derjenige, der dem „weißen Amerika“ mit dem Gürtel des Schwergewichtsweltmeisters endlich wieder ein Symbol seiner Überlegenheit verleihen sollte. „Für mich gab es manche Parallele zwischen unserer Situation und unserer Reaktion darauf“, heißt es in „Chronicles I“. „Ich identifizierte mich sowohl mit Ellis als auch mit Quarry.“ Seine Begründung: „Genau wie Quarry wollte ich mich nicht damit abfinden, dass ich ein Emblem, ein Symbol oder ein Wortführer sein sollte.“ So wimmelt er politische Ambitionen am Beispiel des weißen Boxers ab. Am Beispiel des schwarzen Boxers schreibt er: „Wie Ellis hatte ich eine Familie zu ernähren.“

Ellis boxerische Karriere ist aus Dylans Sicht bemerkenswert: Im Jahr 1964 verlor er, damals noch Mittelgewichtler, nach Punkten und sehr umstritten gegen Rubin „Hurricane“ Carter. Als der Weltverband WBA 1967 Ali wegen seiner Wehrdienstverweigerung den WM-Titel aberkannte, gehörten Jimmy Ellis und Jerry Quarry, wie etwa auch der Deutsche Karl Mildenberger, zu den Anwärtern auf den vakanten Titel. Ellis setzte sich durch. Im April 1968 kam es zum WM-Kampf zwischen Ellis und Quarry – der Kampf, den Dylan meint. Ellis gewann den Titel. Gleichwohl dürfte Ellis zu den unbekannteren Schwergewichtsweltmeistern der Boxgeschichte zählen. Er verlor 1970 seinen Titel an Joe Frazier, 1971 verlor er einen Kampf gegen Ali, und 1975 beendete er seine Karriere. Geboren wurde Ellis 1941 (wie auch Dylan, Ali wurde im Januar 1942 geboren) in Louisville, Kentucky (wie Ali, mit dem er auch als Amateur zusammen trainierte).

Der Lebensentwurf des Hobbyboxers gleicht dem eines Profiboxers, es ist beinahe Dylans Wunschbiografie. Schon am Anfang seiner Karriere (und auch am Anfang von „Chronicles I“) steht die Episode, wie Jack Dempsey, Schwergewichtsweltmeister von 1919 bis 1926, dem schmächtigen, gerade aus der Provinz von Minnesota ins New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village gekommenen Sänger einen guten Rat gab: „Du siehst zu leicht aus für ein Schwergewicht, du musst ein paar Pfund zulegen. Und dich ein bisschen besser anziehen, bisschen mehr aus dir machen – auch wenn du im Ring nicht viele Klamotten brauchst. Und du darfst keine Angst haben, dass du den anderen zu hart erwischst.“

Den Rat scheint sich Bob Dylan zu Herzen genommen zu haben, und bis heute eine Faszination fürs Boxen zu hegen. Wer’s nicht glaubt, der frage etwa die philippinische Box-Legende Manny Pacquiao, der 2014 während eines Workouts in Los Angeles Besuch vom mittlerweile 79-jährigen Folk-Nobelpreisträger erhielt. Oder eben Quentin Tarantino, der bereits vor einigen Jahren Bekanntschaft mit Bob Dylans Punch machen durfte…

 

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(gefunden auf Instagram)

 

Ein gerahmtes Bild mit einer schwarzen Silhouette steht an eine Wand gelehnt. Daneben Blumen und eine Kerze, deren Flamme gerade eine über ihr aufgehängte US-amerikanische Flagge in Brand steckt. Das ist eines der neuesten Bilder, die der britische Street-Art-Künstler Banksy auf seinem Instagram-Account veröffentlicht hat.

Seine Botschaft macht er in einem Text dazu deutlich (welchen ihr auch weiter unten findet): Es sei Zeit, dass ein „fehlerhaftes System“ repariert werde. Wenn es nach Banksy geht, dann ist auch klar, wer sich vor allem für diese Veränderung einsetzen müsse: die Weißen.

„Zuerst dachte ich, ich sollte bei diesem Thema einfach den Mund halten und Schwarzen zuhören“, so der Künstler. „Aber warum sollte ich das tun? Es ist nicht ihr Problem. Es ist meins.“ People of Color würden von „diesem weißen System“ im Stich gelassen.

Dann führt Banksy in Form einer Analogie die Situation aus: Das System sei wie ein gebrochenes Rohr, das die Wohnung der Menschen flute, die eine Etage tiefer wohnten. Das System „macht ihnen das Leben zur Qual, aber es ist nicht ihre Aufgabe, es zu reparieren.“ Sie könnten das auch nicht, denn niemand lasse sie in die Wohnung im Stockwerk über ihnen. „Das ist ein weißes Problem“, schreibt er. „Und wenn die Weißen es nicht beheben, wird jemand nach oben kommen und die Tür eintreten müssen.“

Seit Tagen gehen in den US of A Menschen auf die Straße, um nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren. Floyd war am 25. Mai in Minneapolis bei einem brutalen Polizeieinsatz getötet worden. Ein weißer Polizist drückte dem 46-Jährigen bei seiner Festnahme minutenlang das Knie auf den Nacken, obwohl er wiederholt sagte, er bekomme keine Luft mehr.

Dass auch Banksy sich auf seine Art zu den aktuellen gesellschaftlichen Missständen äußert, kommt ebenfalls keineswegs von ungefähr, schließlich ist die legendäre anonyme Street-Art-Ikone seit mehr als zwei Jahrzehnten weltweit für seine Graffiti berühmt, mit denen er – nicht selten mit einem gerüttelt Maß an Provokation – auf aktuelle gesellschaftliche Probleme aufmerksam macht. Zuletzt veröffentlichte der Künstler auf Instagram ein Bild mit Bezug zur Corona-Pandemie. Das Kunstwerk, welches an einer Wand der Universitätsklinik von Southampton enthüllt wurde, zeigt einen kleinen Jungen, der eine als Krankenschwester verkleidete Puppe mit Superheldenumhang durch die Luft schweben lässt.

 

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Rock and Roll.

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Song des Tages: Kalle Mattson – „Avalanche“


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Den aus dem kanadischen Sault Ste. Marie, Ontario stammenden Singer/Songwriter Kalle Mattson dürfte hierzulande kaum jemand kennen. In seiner Heimat ist der 29-jährige Indie-Musiker, den es mittlerweile ins etwas urbanere Ottawa verschlagen hat, da schon ein paar Schrittchen weiter, war 2014 etwa, für sein Album „Someday, The Moon Will Be Gold„, für den renommierten Polaris Music Prize nominiert. Wen wundert’s, schließlich hat das Milchgesicht mit der Vor-fünf-Minuten-aus-dem-Bett-gefallen-Frisur und der markant quietschig-nasalen Stimme musikalisch eine feine Bandbreite zu bieten: vom oft orchestral ausstaffierten Folk der Anfangstage, der ab und an schonmal ernstere Töne anschlägt (so verhandelt oben genanntes Werk etwa den Tod der Mutter, als Mattson selbst erst 16 Jahre jung war), über ein reduziertes Cover des Drake-Hits „Hotline Bling“ bis hin zum ebenso ungeniert wie selbstbewusst gen Eingängigkeit schielenden Indie-Pop der jüngsten Releases wie „Youth“ (2018) oder der „Avalanche EP„.

a4051000374_10Und wenn man so mag, dann konnte Kalle Mattson, der nebenbei noch mit summersets, einem Zwei-Mann-Duo mit Musiker-Buddie Andrew Sowka, eine weitere tönende Spielwiese am Start hat, erst mit dem letztgenannten, 2015 erschienenen Mini-Album (welches man via Bandcamp – neben einem Großteil des weiteren Backkatalogs – als Stream und „name your price“-Download findet) sein wirkliches musikalisches Coming Out feiern, denn die Songs baden mit Synthesizern und Drum-Machines nicht mehr in reduzierter Folk-Tümelei, sondern bis zum Haaransatz im Eighties-Sound-Outfit großer Vorbilder wie etwa Bruce Springsteen (von dem Mattson selbst nicht von ungefähr Alben wie „Tunnel Of Love“ oder „Born In The U.S.A.“ am meisten schätzt – wer mehr über die stellenweise Detailversessenheit des Indie-Musikers wissen mag, der kann hier weiterlesen). Das zwar recht simple, aber irgendwie auch augenzwinkernde Motto von nun an lautete also: „Folk is dead!“.

Was also lag näher, als seinen Vorbildern gleich unverhohlen Tribut zu zollen und fürs Musikvideo des Titelstücks, bei dem Philip Sportel Regie führte, eine ganze Latte an ikonischen Albumcovern humorig nachzustellen? Eben: wenig.

„Ich hatte das Videokonzept eigentlich schon lange Zeit im Kopf“, so Mattson. „Ich erinnere mich, dass ich 10 oder 11 Jahre alt war, als ich die ‚Rolling Stone‘-Ausgabe mit den ‚500 Greatest Albums of All Time‘ durchblätterte und allein aufgrund der Cover entschied, welche Platten ich mir aus der Sammlung meines Vaters anhören wollte. Alle Alben, die wir nachgestellt haben, sind super wichtig für mich, und das Video dient sozusagen als Fenster zu dem, was mich beeinflusst hat, als ich aufwuchs, als ich zum ersten Mal Musik entdeckte und dann schließlich selbst Songs schrieb.“

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Hinsichtlich des gelungenen Endergebnisses, für welches er etwa eine durchaus gerechtfertigte Nominierung als „Video of the Year“ bei den 2016er Juno Awards einheimsen konnte, gibt sich Mattson bescheiden: „Eine meiner Hauptsorgen war, dass es wie ein kleiner Egotrip wirken könnte, wenn ich mein Gesicht in ein berühmtes Dylan-Cover oder so stecke, aber ich glaube wirklich, dass es am Ende als ein Werk der Ehrerbietung zu den Künstlern, ihren Platten und den Covern, die diese Alben so besonders machen, herüberkommt.“

Das flimmernde Endprodukt enthält gleich 34 recht kreative Knickse vor Künstlern und Bands wie Elliott Smith, Jay Z, Wilco, Radiohead, The Velvet Underground, den Ramones, David Bowie, Pink Floyd, Beck oder sogar den Backstreet Boys, bis man schließlich das Cover von Mattsons „Avalanche EP“ auf dem Plattenspieler liegen sieht. So gerät das Musikvideo schnell zum popkulturellen Ratespiel mit massig „Hallo!“- und „Aha!“-Momenten, bei dem wohl nur die am besten popkulturell geschulten Musik-Freaks wirklich alle Albumcover erkennen werden (der Rest findet hier eine Auflistung)…

 

Hier gibt’s das Musikvideo zu „Avalanche“…

 

…und einen Blick hinter die Entstehungskulissen:

 

Wer dennoch den Folk nicht traurig vor der Tür stehen lassen möchte, der findet hier eine Akustik-Variante des Songs:

 

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Was ist dieser „Bill Clinton Swag“? – Die Internet-Challenge für Vinyl-Nerds…


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Sicherlich ist jedem von uns, der via Facebook, Reddit und Co. aktiv ist, in den letzten Wochen in seinem jeweiligen Social Media Feed bereits das ein oder andere Mal ein verschmitzt griemelnder Bill Clinton mit seinen vermeintlich liebsten Platten in der Hand sowie um ihn herum begegnet – oder sind’s gar die liebsten Platten des (oder der) Postenden? Und mal ehrlich: Man kann über den Ex-Präsidenten der USA denken was man mag, aber auf diesem Foto hat Bill Clinton einfach den Swag weg. Alle gerade-mal-so-digital-nativen Mitglieder der Generation Ü30 dürfen nun ebenfalls entspannt ausatmen, denn beim „Bill Clinton Swag“ handelt es sich (zumindest bislang) keineswegs um einen neuen spinnerten Jugendwort-Ausdruck, sondern um eine verdammt witzige Spielerei…

Doch wer steckt hinter diesem Bill Clinton Swag-Meme? Nun, irgendwie geriet das zugrunde liegende Foto des selig der Musik lauschenden Ex-US-Präsidenten kürzlich in die Hände (oder eben unter den Cursor-Mauszeiger) von Thomas Millar aus San Francisco, dem vermutlich eher aus Langeweile die Idee für ein kleines Online-Spielchen kam. Um allen Internet-affinen Plattennerds die Zeit im Corona-Lockdown ein wenig zu versüßen, bastelte er die Webseite billclintonswag.com zurecht, auf der man mit wenigen Klicks und ganz ohne Photoshop-Kenntnisse vier seiner Lieblingsplatten in die Hände von Bill Clinton drücken kann (so diese sich denn in der durchaus weitreichenden Datenbank wiederfinden lassen) – easy-peasy

Kaum verwunderlich, das sich die Ergebnis-Memes innerhalb kürzester Zeit rasant im weltweiten Netz verbreiteten. Ebenso wenig verwunderlich: Besonders am Kiffer-Feiertag 4/20 posteten viele Nutzer unter dem Hashtag #billclintonswag. Grund dafür dürfte wohl nicht nur die einfache Handhabe der Seite sein, sondern auch ein Zitat von Bill Clinton aus dem Präsidentschaftswahlkampf 1992, in welchem er zugab, in seinem Leben bereits gekifft zu haben:

„When I was in England I experimented with marijuana a time or two, and I didn’t like it. I didn’t inhale it, and never tried it again.“

Dass die Sache ohne Inhalieren mehr schlecht als recht funktionieren mag, darüber macht sich die Welt seitdem lustig. Da hätte Bill Clinton den Swag wohl noch ein wenig mehr aufdrehen müssen…

Klar, dass das Internet aus allem – vom Über-den-Kopf-kippen von Eiswasser-Eimern bis hin zu allerhand Darwin-Award-Würdigem – eine virale Challenge machen muss. Wer hat den besten Musikgeschmack? Welche Alben waren wohl Clintons liebste Platten? Und auch der ein oder andere Nerd steigt gern aufs digitale Pferd und fragt: Darf man eigentlich nur Alben einfügen, die auch wirklich auf Vinyl erschienen sind?

Freilich habe auch ich das Ganze mal ausprobiert und dem ollen Clinton-Bill ein paar meiner All-Time-Favorites in die Patschehändchen gedrückt (und zur Seite gestellt). Wie schaut’s mit euren Ergebnissen aus?

 

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Pionier des Afrobeat – Tony Allen ist tot.


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Schlagzeuger-Legende Tony Allen ist tot. Der nigerianische Musiker, Mitbegründer des Afrobeat, ist am gestrigen 30. April im Alter von 79 Jahren im französischen Paris gestorben, wie sein Manager Eric Trosset der Nachrichtenagentur AFP mitteilte.

Die Todesursache sei bislang unklar. Allen sei jedoch nicht an einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben, so Trosset. Bei National Public Radio wird sein Manager hingegen mit den Worten zitiert, Allen sei an einem Herzinfarkt gestorben, anderswo ist von „einem Baucharterienaneurysma“ die Schreibe.

„Er war völlig gesund, das kam ganz plötzlich“, sagte Trosset der AFP. Er habe am Mittag noch mit Allen gesprochen, zwei Stunden später habe der Musiker sich unwohl gefühlt und sei ins Krankenhaus Pompidou gebracht worden. Dort sei er gestorben. Allen lebte in Courbevoie bei Paris.

Mit einem Facebook-Post verabschiedete sich Eric Trosset von Allen. „Leb wohl, Tony! Deine Augen sahen, was die meisten nicht sehen konnten“, schrieb sein Manager. „Du bist der coolste Mensch auf Erden! Wie du zu sagen pflegtest: ‚Es gibt kein Ende.'“

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Tony Oladipo Allen, der 1940 im nigerianischen Lagos zur Welt kam, war in den Sechziger- und Siebzigerjahren Schlagzeuger und musikalischer Direktor seines Landsmannes Fela Kuti, mit dem er den Afrobeat entwickelte. Dieser verbindet Genres wie Jazz, Funk und traditionelle nigerianische Trommelrhythmen und wurde zu einer der wichtigsten Strömungen afrikanischer Musik im 20. Jahrhundert. Allen brachte sich das Schlagzeugspielen mit 18 Jahren selbst bei und ließ sich von Jazzgrößen wie Dizzy Gillespie, Charlie Parker, Max Roach, Bebop-Drummer Art Blakey sowie zeitgenössischer afrikanischer Musik inspirieren. 

Mit Fela Kuti und der Gruppe Africa ’70 nahm Tony Allen rund 40 Musikalben auf, bevor sich die Wege der beiden nach 26-jähriger Zusammenarbeit im Dissens trennten und der Schlagzeuger erst nach London sowie ein paar Jahre darauf dann nach Paris emigrierte. Allens Schlagzeugspiel war so intensiv, dass Fela vier Drummer benötigte, um Allen zu ersetzen. Und dass er etwa vom britischen Musiker und Produzenten Brian Eno einst als „der vielleicht größte Schlagzeuger, der je gelebt hat“ bezeichnet wurde, wird ebenso kaum von ungefähr kommen. Untätig war der Mann seit den Achtzigern kaum, setzte sich mal hier, mal in nahezu unnachahmlicher Art hinters Drumkit. Und: In den ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts spielte Tony Allen unter anderem Schlagzeug bei gleich zwei „Supergroup“-Projekten von Damon Albarn, dem On/Off-Bandleader von Blur: The Good, The Bad & The Queen sowie Rocket Juice & The Moon. Seine letzte Veröffentlichung liegt ebenfalls erst wenige Wochen zurück: Im März erschien das Album „Rejoice“, eine Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Trompeter Hugh Masekela, der im Januar 2018 gestorben war.

Danke für den Beat, Mr. Allen. 🥁 Mach’s gut!

 

 

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Bandaufteilung in 3, 2, 1…


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(gefunden bei Facebook)

 

Zumindest auf klassische Rockkapellen wie Led Zeppelin oder The Who sollte dieses Klischee durchaus zutreffen, denke ich. Weiß einer von euch popkulturellen Musiknerds weitere Beispiele?

 

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