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„Imagine“ – John Winston Ono Lennon wäre heute 80 geworden…


„Yesterday / All my troubles seemed so far away / Now it looks as though they’re here to stay / Oh, I believe in yesterday…“

In Danny Boyles zwar manchmal etwas plakativer, jedoch dennoch dank sanfter Nostalgie wunderbar unterhaltsamer Musikkomödie „Yesterday“ gibt es eine wunderbare Gänsehaut-Szene, in der ein 78-jähriger John Lennon auftritt. Möglich macht’s die Grundidee des 2019 erschienenen Films, schließlich spielt dieser in einer (Parallel)Welt, in der es die größte Band aller Zeiten, die Beatles, nie gegeben hat. Und Lennon? Der hat ein einfaches Leben als Seemann geführt und genießt nun seine Tage in einer kleinen Hütte am Meer.

Gekonnt – und oft genug gewitzt – stellt Boyles Film die Frage „Was wäre wenn?“. Für die Zuschauer ergibt sich der offensichtliche Reiz daraus, dass sie nunmal wissen, was war, was in dieser unserer Musikwelt passierte. Dass John Lennon am 8. Dezember 1980 von Mark David Chapman erschossen wurde – mit gerade einmal 40 Jahren. Und am heutigen 9. Oktober 2020 stolze 80 Jahre alt geworden wäre.

Doch hätte man sich – ähnlich wie der schottische Regisseur Danny Boyle („Trainspotting“, „Slumdoy Millionäre“) – Lennon wirklich als einfachen, bescheidenen englischen Seemann vorstellen können? Den Lennon, dessen zweiter Vorname „Winston“ lautet – nach dem in England als Lichtgestalt verehrten ehemaligen Premierminister Winston Churchill? Wohl kaum, wohl kaum…

Denn zeitlebens war Lennon ein Getriebener. Ein wandelnder Widerspruch. Ein Sinnsuchender, der ausbrechen wollte aus der kleinbürgerlich-britischen Enge, aus der er entstammte. Der von Selbstzweifeln geplagt nach immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchte. Er war Rebell, Querdenker und Provokateur. Er war Teenie-Idol und Avantgarde-Künstler. In einer Bombennacht 1940 geboren, wurde er später zum Friedensaktivisten, unterstützte jedoch gleichzeitig auch die nordirische Untergrundarmee IRA. Er war auf den Bühnen der Welt zu Hause (die er nie so ganz mochte) und lebte jahrelang als Großstadt-Eremit. Er war gleichsam nachdenklicher Griesgram und ironischer Spaßmacher. 

Schon in der Schule im heimischen Liverpool gab John Winston Lennon oftmals den Klassenclown. Er schrieb sich an der Kunsthochschule ein, fühlte sich jedoch fehl am Platz und seinen Kommilitonen unterlegen. Also gründete er – angefixt von Elvis Presley und dem Rock’n’Roll – mit den Quarrymen seine eigene Band. Zufällig lernte er bald darauf auf einer Party einen gewissen Paul McCartney kennen. Im Rückblick wissen wir: Es war der Beginn der bahnbrechendsten Songwriting-Partnerschaft der Popgeschichte (ein dickes „Sorry“ an Mick Jagger und Keith Richards, aber an diesem Fakt lässt sich nunmal nicht rütteln).

Natürlich ist allein schon Lennons ewiges popmusikalisches Vermächtnis übermächtig. ʺHelp!ʺ, ʺAll You Need Is Love”, „A Hard Day’s Night”, ʺStrawberry Fields Forever”, „Come Together”… – die Liste der von ihm initiierten und komponierten Superhits ist bereits zu Beatles-Zeiten lang.

Doch als sich Lennon mit den Beatles auf dem künstlerischen Höhepunkt befand, verließ er die Gruppe – aus Langeweile, wie er in einem Fernsehinterview einige Jahre später erklärte (über das Wie und Wann und Warum lässt sich freilich auch 50 Jahre danach noch trefflich spekulieren).

Denn zu diesem Zeitpunkt strickte der Rastlose, der meist ein wenig Unberechenbare und Unstete längst wieder an einem anderen John Lennon. Mit seiner neuen Partnerin, der Fluxus-Künstlerin Yoko Ono, nahm er nach dem Ende der Beatles im Jahr 1970 experimentelle Solo-Alben auf. Produzierte Filme. Und veranstaltete Happenings wie die legendären „Bed-ins for Peace„.

Doch bald wurde es ruhiger um Lennon. Sicher, da war die großartig-utopische Friedenshymne „Imagine„. Mit „Instant Karma! (We All Shine On)„, „Working Class Hero“ oder „Jealous Guy“ landete er noch so einige Hits mehr. Doch die musikalische Entwicklung ging immer mehr über ihn hinweg. Der Punk wütete und gröhlte, Disco zappelte und stampfte – einer wie Lennon wirkte da ein wenig wie aus der Zeit gefallen.

Doch anstatt daran zu verzweifeln, zog sich John Lennon schließlich vollständig ins Private zurück. Fast fünf Jahre lang lebte er mit Yoko und dem gemeinsamen, 1975 geborenen Sohn Sean ein Leben als Hausmann in New York City. Erst 1980 meldete er sich mit einem neuen Album zurück. Als die tödlichen Schüsse fielen, war „Double Fantasy“ gerade drei Wochen auf dem Markt.

Inzwischen ist John Lennon genauso lange tot wie er gelebt hat. Doch sein Einfluss auf nachfolgende Musikergenerationen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn der beschränkt sich nicht allein auf die Tatsache, dass Lennon mit den Beatles quasi die Blaupause für alles geschaffen hat, was wir heute „Popmusik“ nennen.

Und: Es war bezeichnenderweise Lennon, der zum ersten Mal in einem Popsong seine eigene Unzulänglichkeit thematisierte, seine Selbstzweifel und seinen Schmerz in den Fokus stellte. „I’m A Loser“ sang er 1964 – in einer Zeit, in der Popsongs bitteschön von Liebe, Herzschmerz und unbeschwerten Sommertagen zu handeln hatten. John Lennon, der bei seiner Tante Mary aufwuchs, seine Mutter Julia im Alter von 18 Jahren durch einen Autounfall verlor und zu seinem Vater, einem Matrosen, kaum je Kontakt hatte, sei sein ganzes Leben auf der Suche nach Hilfe gewesen, sagte Paul McCartney 2015 in einem Interview mit dem „Rolling Stone„. Einer seiner größten Hits – „Help!“ – bringt diese Tatsache auf den Punkt, eines seiner berührenden Lieder widmete er offenkundig seiner Mutter: „Half of what I say is meaningless / But I say it just to reach you, Julia“.

Lennons Witwe Yoko Ono pflegt den musikalischen Nachlass ihres Mannes bis heute (und just heute erscheint mit „Gimme Some Truth.“ eine neue Retrospektive seiner bekanntesten Solo-Songs, deren größter Anreiz wohl in der klanglichen Neubearbeitung liegt). 1983 stellte sie das letzte geplante Lennon-Album „Milk And Honey“ fertig. Bereits 1981 hatte sie mit „Season Of Glass“ ihr erfolgreichstes eigenes Album veröffentlicht. Auf dem Cover war die blutverschmierte Brille Lennons zu sehen. Nicht wenige Beatles-Fans, die in ihr vorher auch den wahren Grund für die Trennung der „Fab Four“ ausgemacht zu haben glaubten, warfen Ono daraufhin vor, den Mord an ihrem Mann für ihre eigene Zwecke zu missbrauchen.

Dass das Lennon-Erbe auch schwer wiegen kann, zeigt sich bei seinen Söhnen, die ihren berühmten Vater schon allein rein optisch kaum verleugnen können. Beide starteten Musikkarrieren mit zwar überzeugendem, aber dennoch vergleichsweise überschaubarem Erfolg. Julian Lennon, der aus Sohns erster Ehe mit seiner Ex-Frau Cynthia stammt (und übrigens im Evergreen „Hey Jude“ besungen wird), hatte in den Achtzigerjahren einige mittelgroße Hits, der bekannteste wohl „Too Late For Goodbyes“. Sean Lennon wiederum probierte sich in unterschiedlichsten Genres aus, ohne die ganz großen kommerziellen Erfolge zu feiern. Dabei kollaborierte er unter anderem mit Größen wie Thurston Moore, John Zorn, Ryan Adams, Soulfly, Rufus Wainwright oder Lana Del Rey. 2006 formte er mit Les Claypool, dem Bassisten der Funk-Rock-Legende Primus, das bis heute aktive Duo The Claypool Lennon Delirium.

John Lennons Geschichte wird also weitergeschrieben, sicher noch viele Jahre. Seine Songs selbst werden ohnehin Generationen überdauern, sind längst im kulturellen Erbe der Menschheit verwachsen. Vielleicht ist das Paralleluniversum aus dem Film „Yesterday“ also doch keine völlig undenkbare Vision. Der unbekannte Lennon aus dem Film erzählt, dass er ein rundum glückliches Leben geführt habe. Und dass es die Liebe ist, die für ihn immer die wichtigste Rolle gespielt hat. Frei nach dem Motto: „All You Need Is Love“.

You may say I’m a dreamer / But I’m not the only one…

Happy Birthday zum Achtzigsten, John Lennon. ✌️

Rock and Roll.

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„Top 7 Albums“ – Hängt eure Lieblingsplatten an die digitale Wand!


Eine nette Spielerei für Zwischendurch bietet die Seite „Top 7 Albums„, auf der man – der Name verrät’s bereits – sieben seiner Lieblingslangspieler recht fashionabel für die Netzgemeinde auf Facebook, Instagram und Co. an der dafür vorgesehenen Wand (sowie gleich neben dem Plattenspieler) drapieren kann – recht passend zur aktuellen Meldung, dass der Umsatz von Vinyl-Schallplatten in den USA nun erstmals seit 1986 den von CD-Tonträgern überholt hat…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Celina Bostic – „Nie wieder leise“


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Foto: Matt Frik / Promo

„Ich schau‘ in den Spiegel und will jemand anderes sein“ – so beginnt der neue Song von Celina Bostic. Es geht um den Kampf des Aufwachsens in einer weißen Mehrheitsgesellschaft. Und um das Hadern mit dem eigenen Spiegelbild. Die Zeilen ihres Songs sind ehrlich, sie sind verletzlich, sie sind stark. Aber der Song ist auch ungewöhnlich ernst für die sonst eher heitere Berliner Pop-Singer/Songwriterin.

Celinas Karriere begann als festes Bandmitglied vom Farin Urlaub Racing Team und als Backgroundsängerin von Max Herre, Udo Lindenberg oder Herbert Grönemeyer. Als Solokünstlerin wurde sie bekannt mit der eher humorvollen Single „Papa“ (vom 2014 erschienenen Debütalbum „Zu Fuss„). Doch seitdem hat sich vieles verändert…

celina-bostic_nie-wieder-leise_cover_final_credit_janvonholleben_jenbender-992x992Der eigentliche Wendepunkt kam mit der Geburt ihrer beiden Kinder. Celina Bostic, die als Tochter einer deutschen Mutter und eines afro-amerikanischen Vaters in Berlin-Charlottenburg aufwuchs und eigenen Angaben zufolge schon früh lernte, „Menschen immer freundlich und lächelnd zu begegnen, um nicht als ‚schlechter Ausländer‘ zu gelten“, wollte nicht die Künstlerin und Mutter sein, die alles Unangenehme weg lächelt. Die 40-jährige Musikerin wollte auf Ungerechtigkeiten aufmerksam machen und sie in ihren Songs verarbeiten. „Ich habe im Laufe der Zeit gemerkt, wenn die Leute nach meinen Konzerten irgendwie so glücklich waren, dass ich gar keine Lust mehr hatte, sie mit so einem guten Gefühl zu entlassen“, sagt Celina. Also entschloss sie sich, laut zu sein.

Das Ergebnis ist die Single „Nie wieder leise“, eine empowernde Hymne für Schwarze Menschen im Konkreten und People of Color im Allgemeinen. Aber auch ein Plädoyer für Zusammenhalt: „Mein Fokus war fast mein ganzes Leben lang die weiße Mehrheitsgesellschaft. Ich habe mich beim Schreiben der Songs für mein neues Album ganz bewusst dafür entschieden, sie für marginalisierte Menschen zu schreiben“, so Celina.

In ihrer Single singt sie sehr persönlich: „Ich bin doch so klein, warum fall‘ ich trotzdem auf? Ich fühle mich so, so unwohl in meiner Haut.“ Sie beschreibt ihre Entwicklung vom verunsicherten Mädchen zur selbstsicheren Frau, die sich nicht mehr „auf die Zunge beißt“ während ihr eigentlich „nach Schreien ist“.

Im Musikvideo zur Single lässt Celina Bostic prominente Gesichter ihre Hymne mitsingen: Samy Deluxe, Teddy Teclebrhan, Tyron Ricketts, Aminata Touré, Annabelle Mandeng, Tupoka Ogette, Alice Hasters, Aminata Belli, Tarik Tesfu oder Thelma Buabeng sind dabei. In einem Statement zum Video der Single meint Antirassismus- und Diversity- Trainerin Tupoka Ogette: „Schwarzsein ist nicht eine Stimme, sondern ganz, ganz viele verschiedene Stimmen, intersektional – und all diese Stimmen sollten gehört werden.“ ✊

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Chicks – „March March“


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Seit dem Tod des schwarzen US-Amerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis ist die Debatte um strukturellen Rassismus (vor allem, aber bei weitem nicht nur) in den gar nicht mal so Vereinigten Staaten von Amerika stärker entflammt denn je. Im Zuge dessen rückt auch der Gebrauch von sprachlichen Ausdrücken, die lange Zeit viel zu wenig, viel zu selten, viel zu oberflächlich hinterfragt wurden, wieder stärker in den Vordergrund. In den USA ist ein wichtiger Teil der Diskussion der immer noch verbreitete Gebrauch von Symbolen, die die Konföderierten Staaten von Amerika repräsentieren und die damit immer noch verbundene Romantisierung dieser Zeit.

0194397591019Und so wurde, ebenso wie die Country-Pop-Gruppe Lady A, die sich daraufhin entschloss, das „Antebellum“ wegzulassen, auch das US-amerikanische Country-Trio Dixie Chicks Teil der Debatte. Der Begriff „Dixie“ steht für den alten verredneckten Süden der US of A, weshalb in den letzten Wochen vermehrt der Ruf laut wurde, dass es für die Dixie Chicks an der Zeit wäre, ebenjenes „Dixie“ aus ihrem Namen zu streichen. Und siehe da: Natalie Maines, Emily Strayer und Martie Maguire entschieden sich tatsächlich, dem Ruf zu folgen und änderten ihren Namen – nach immerhin mehr als dreißig Jahren – kurzerhand in The Chicks. Ein Marketinggag oder schafsfrommer Zeitgeistrieb? Wohl kaum, schließlich ist die texanische Band schon seit einiger Zeit bekannt für ihren unermüdlichen Mut, sich in politisch relevanten Dingen zu äußern und entsprechend zu engagieren. Für die US-amerikanische Country-Szene mag dies eher ungewöhnlich sein, schließlich ist das Credo, sich hauptsächlich auf Heile-Welt-Unterhaltung zu konzentrieren und die eigene politische und soziale Meinung außen vor zu lassen, dort (leider) immer noch weit verbreitet. 2003 bekamen Dixie Chicks dies erstmals zu spüren, als Natalie Maines sich bei einem Konzert in London gegen den damaligen Präsidenten George W. Bush aussprach. Ihre Äußerung, „beschämt“ darüber zu sein, „dass der Präsident der Vereinigten Staaten aus Texas stamme“, führten zu landesweiten Protesten und Boykottaufrufen gegen die Band (wie man etwa auch in der drei Jahre später erschienenen sehenswerten Dokumentation „Shut Up & Sing“ sehen kann).

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Dass Dinge sich mit der Zeit doch ändern können, beweist, dass Dixie Chicks, nun The Chicks, immer noch da sind und Natalie Maines auch mit ihrer Meinung über den heutigen Präsidenten Donald Trump alles andere als hinterm Berg hält. Die Entscheidung für die Umbenennung begründeten The Chicks auf ihren Social Media Accounts kurz und knapp mit: „We want to meet this moment in history.“ Gleichzeitig veröffentlichten die drei das Musikvideo zu ihrer neuen, recht untypisch tönenden Single „March March“ (aus dem in diesem Monat erscheinenden neuen Album „Gaslighter„), das wohl nicht den geringsten Funken an Zweifel lässt, wo The Chicks mit ihrer Meinung stehen.

Übrigens mögen bestens informierte Musik-Geeks nun anmerken, dass der Bandname „The Chicks“ durchaus bereits besetzt sein mag – das verschweigen auch Natalie Maines, Emily Strayer und Martie Maguire nicht. Und fügen in einer Presserklärung selbst hinzu: „Unseren aufrichtigen und herzlichen Dank schicken wir ‚The Chicks‘ aus Neuseeland, für ihre freundliche Erlaubnis, dass wir ihren Namen teilen dürfen. Wir fühlen uns geehrt, dass wir in dieser Welt mit diesen so talentierten Schwestern co-existieren“, und sie schließen mit „Chicks rock!“. They do, indeed.

 

 

„March, march to my own drum
March, march to my own drum
Hey, hey, I’m an army of one
Oh, I’m an army of one
March, march to my own drum
March, march to my own drum
Hey, hey, I’m an army of one
Oh, I’m an army of one

 

Brenda’s packin‘ heat ‚cause she don’t like Mondays
Underpaid teacher policin‘ the hallways
Print yourself a weapon and take it to the gun range
(Ah, cut the shit, you ain’t goin‘ to the gun range)

Standin‘ with Emma and our sons and daughters
Watchin‘ our youth have to solve our problems
I’ll follow them, so who’s comin‘ with me?

(Half of you love me, half already hate me)March, march to my own drum
March, march to my own drum
Hey, hey, I’m an army of one
Oh, I’m an army of one
March, march to my own drum
March, march to my own drum
Hey, hey, I’m an army of one
Oh, I’m an army of one

 

Tell the ol‘ boys in the white bread lobby
What they can and can’t do with their bodies

Temperatures are risin‘, cities are sinkin‘
(Ah, cut the shit, you know your city is sinkin‘)

Lies are truth and truth is fiction
Everybody’s talkin‘, who’s gonna listen?
What the hell happened in Helsinki?

 

March, march to my own drum
March, march to my own drum
Hey, hey, I’m an army of one
Oh, I’m an army of one
March, march to my own drum
March, march to my own drum
Hey, hey, I’m an army of one
Oh, I’m an army of one“

 

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


 

Robert Allen „Bob Dylan“ Zimmerman und Cassius „Muhammad Ali“ Clay, Arm in Arm backstage im New Yorker Madison Square Garden im Zuge von Dylans 1975er „Rolling Thunder Revue Tour“. Im ersten Moment mag man an einen dieser Publicity-trächtigen Schnappschüsse von zwei Größen des Showgeschäfts denken (die gab es ja schließlich auch von Ali und den Beatles). Dass die Folk-Größe und die Box-Legende jedoch weitaus mehr verband als ein, zwei nette Meet-and-Greet-Geplänkel, wissen nur die, die ein wenig genauer hinschauen und -hören. Denn so freundlich wie 2016, als Dylan den verstorbenen Muhammad Ali mit den warmen Nachruf-Worten „Wenn das Maß von Größe darin besteht, das Herz eines jeden Menschen auf dem Antlitz der Erde zu erfreuen, dann war er wirklich der Größte. In jeder Hinsicht war er der tapferste, freundlichste und hervorragendste aller Menschen.“ bedachte, war die Beziehung der beiden Legenden keineswegs immer…

Warum? Nun denn, schauen wir mal genauer hin…

Bob Dylan ist Boxer. Wie kurz nach der Jahrtausendwende zu erfahren war, betrieb die lebende Folk-Legende schon seit Jahren in Los Angeles, auf der Rückseite des The 18th Street Coffee House in Santa Monica, ein nichtöffentliches Boxgym, in dem sich nicht nur er selbst, sondern auch Schauspieler wie Will Smith fit halten. Dort traf sich auch Kult-Regisseur Quentin „Kill Bill“ Tarantino mit Dylan zum – natürlich freundlichen – Kampf. „Wir machten ein bisschen Sparring“, berichtete Verlierer Tarantino hinterher, „und als ich mal unaufmerksam war, kam er durch. Ich glaube, es war ein rechter Jab. Für einen Moment ließ ich meine Deckung unten, und er schlug ein. Es war ein guter Punch.“

Bob Dylan ist also Boxer – und das bereits seit Jugendzeiten, als der junge Robert Allen Zimmerman im Zuge des Sportunterrichts recht unfreiwillig den Ring besteigen musste. Diese Faszination hat ihn, ganz ähnlich wie etwa Ex-Red House Painters-Grantler Mark Kozelek, seitdem nie so ganz losgelassen. Zu zeigen ist nun, dass ohne den Bezug zum Boxen Dylans Werk – zumindest zu Teilen – nicht zu verstehen ist. Drei Songs aus seiner Feder beziehen sich unmittelbar auf das Profiboxen, nämlich „I Shall Be Free No. 10„, „Who Killed Davey Moore?“ und „Hurricane„. Außerdem coverte Dylan anno 1970 auf seinem Album „Self Portrait“ noch „The Boxer“ von Simon & Garfunkel.

„I Shall Be Free No. 10“, Dylans erste musikalische Annäherung an das Profiboxen, findet sich auf dem Album „Another Side Of Bob Dylan“ aus dem Jahr 1964. Der junge Künstler Dylan fordert die Welt heraus, lies: den Weltmeister. Und der war nicht irgendein dahergekommener Haudrauf, sondern seit ebenjenem Jahr 1964 ein gewisser Muhammad Ali, der damals noch Cassius Clay hieß. „I was shadow-boxing earlier in the day / I figured I was ready for Cassius Clay“, knattert Dylan also im Song. Die zwischen Harmonikapusten vorgetragenen Drohungen gegen den Boxer werden immer lächerlicher: „I said ‚Fee, fie, fo, fum, / Cassius Clay, here I come / 26, 27, 28, 29, Im gonna make your face look just like mine / Five, four, three, two, one, Cassius Clay – you’d better run.“ Natürlich mag man aus dem Song durchaus Dylans Anspruch heraushören, einmal Champion of the World zu werden. Die Dylan-Biografen jedoch halten „I Shall Be Free No.10“ mehrheitlich für „schrulligen Nonsens“ (Robert Shelton) oder verschweigen ihn einfach, wie sogar Paul Williams und Anthony Scaduto.

Das ist bei „Who Killed Davey Moore?“ anders. Erstmals wurde das Stück über die Tragödie des Federgewichtsboxers bereits 18 Tage nach dessen Tod am 25. März 1963 bei einem Konzert in New York gespielt, offiziell auf Platte ist es aber erst auf den „The Bootleg Series, Vols. 1-3“ aus dem Jahr 1991 zu hören. Dylan listet alle auf, die anno dazumal ein Interesse am Tod des Boxers hatten: der Ringrichter, die Wetter, der Manager, die Sportjournalisten – heraus kommt ein großartiges Sittengemälde der Boxindustrie und damit der gesamten Gesellschaft, vergleichbar mit Dylan-Evergreens wie „Masters Of War„, „Maggie’s Farm“ oder der jüngsten 17-Minuten-Großtat „Murder Most Foul„.

In der Dylan-Rezeption freilich wird erstaunlicherweise nicht danach gefragt, warum sich Dylan ausgerechnet den Boxsport vornahm: „Wegen zu politischer Aussagen“, gibt etwa Journalist Max Dax Gerüchte wieder, wollte die Plattenfirma CBS den Song nicht auf Dylans zweitem Album „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ haben. Für den gar „am deutlichsten mit dem Sozialismus sympathisierenden“ Song Dylans hält ihn Heinrich Detering in seiner Dylan-Biografie.

Es ist der Boxhistoriker Jeffrey T. Sammons, der einen Zusammenhang zwischen dem aufsteigenden Cassius „Muhammad Ali“ Clay und dem 1963 im Alter von 29 Jahren an Kampfverletzungen verstorbenen Davey Moore herstellt: Als Moore starb, „waren es die Streiche und die boxerischen Fertigkeiten von Cassius Clay, die sowohl das Interesse der Gesellschaft als auch mein eigenes von dieser Tragödie ablenkten.“ Auch Boxfan Dylan veröffentlichte schließlich zunächst nur sein mäßig lustiges Stück über Clay/Ali, nicht aber seine deutlich gewichtigere Anklage gegen das Profiboxen.

Im Jahr 1970 präsentierte sich Dylan seiner Fan-Gemeinde zum dritten Mal als einer, dem Boxen etwas bedeutet. Ausgerechnet auf „Self Portrait“ spielte er „The Boxer“ von Paul Simon nach. In dem Song heißt es, dass man den Boxer bedrängt, „til he cried out in his anger and his shame / ‚I am leaving, I am leaving.‘ / But the fighter still remains.“ Bei Fans und Kritikern kam die Sammlung aus Cover-Versionen bekannter Songs sowie Instrumentaltiteln, Eigenkompositionen und Liveaufnahmen damals weniger gut an, speziell seine Interpretation von „The Boxer“ gehöre „zu den kuriosesten Einspielungen seines kompletten Plattenwerks“, ja, es sei eigentlich ein „Gag“, meint etwa Olaf Benzinger in seiner Dylan-Biografie.

Das bislang letzte und berühmteste – und zweifelsohne gelungenste – Boxer-Lied Dylans erschien schließlich 1975 (und ein Jahr später auf dem Album „Desire„): „Hurricane“, der Song über den 2014 verstorbenen Mittelgewichtler Rubin Carter, welcher zu Unrecht beinahe zwei Jahrzehnte wegen Mordes im Gefängnis saß (und dessen Geschichte im Jahr 1999 durch den furiosen Film gleichen Titels mit Denzel Washington in der Hauptrolle auch in die Kino-Annalen einging). Carter, der Chancen auf einen WM-Kampf hatte, wurde 1966 festgenommen. Mit manipulierten Zeugen wurde ihm ein rassistischer Prozess gemacht – erst 1985 erfolgte, vor allem wegen einer internationalen Unterstützungskampagne, der Freispruch. „One time he could-a been / The champion of the world“, heißt es in Dylans „Hurricane“. Schon das erinnert an den jungen Dylan. Doch er legt dem Boxer auch noch seine eigene Berufsauffassung in den Mund: „It’s my work, he’d say, and I do it for pay!“

Beim Gros der Dylanologen wird das jedoch selten heraus gelesen. „Endlich wieder politisches Engagement!“, heißt es aus deren Lager stattdessen. „Der alte Dylan!“, „Der Protestsänger!“ etc. pp. Dass Dylan, dieses schlitzohrige Chamäleon, selbst keineswegs als Politiker oder Prophet wahrgenommen werden will, sagt(e) er nicht nur in Interviews, sondern auch in genau diesem Song: „And when it’s over I’d just as soon go on my way…“

Doch natürlich ist „Hurricane“ (auch) ein Protestsong, aber es ist sehr bewusst der Protest für einen Boxer. Und zwar nicht für einen Profiboxer in der (manches Mal auch überhöhten) Art eines Muhammad Ali, der sich im Grunde bis zu seinem Tod im Jahr 2016 selbst als politisches Symbol inszenierte und der seine Kunst als Instrument der Emanzipation der Schwarzen verstand. Sondern es ist ein Protestsong für einen Boxer, der schlicht seinen Job tat, sich Vereinnahmungsversuchen verweigerte und wider Willen – durch seine Verhaftung – zum politischen Symbol wurde. Ein durchaus großer Unterschied zu Ali.

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Bei der „Rolling Thunder Revue“ 1975 kreuzten sich Alis und Dylans Wege schließlich: Sie respektierten sich, aber sie mochten sich nicht (wer genauer hinschaut, meint dies auch auf den Bildern von Fotograf Ken Regan zu erkennen). Der kaum an mangelndem Selbstbewusstsein leidende Ali inszenierte sich gar auf Dylans Kosten. „Also, als ich gebeten wurde, heute Abend herzukommen, wusste ich nicht, wer eigentlich dieser Bob Dylan ist“, kokettierte Ali in New York. „Seid ihr Mädels heute Abend wirklich alle wegen Bob Dylan da?“ Ali ging auf die Bühne und telefonierte dort mit Rubin „Hurricane“ Carter im Staatsgefängnis New Jersey. „Ali machte krumme Sachen“, erinnert sich der Schauspieler und Schriftsteller Sam Shepherd. Ohne Absprache holte Ali beispielsweise einen weißen Politiker auf die Bühne, stellte ihn als „nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten“ vor und musste letztlich unter Buhrufen die Bühne verlassen. Dylan hingegen mochte solche Egotrips nicht, aber der boxerische Respekt, den der Musiker vor dem Sportler hatte, war zu groß. „Er hat bewiesen, dass man auch im Angesicht von Elend für seine Überzeugungen aufstehen und stehen bleiben kann“, sagt Dylan in der Ali-Biografie des amerikanischen Boxjournalisten Thomas Hauser. Ein höfliches Lob, von Respekt getragen, aber damals ohne Liebe.

Die gehörte anderen. In seiner 2004 erschienenen Autobiografie „Chronicles I“ erinnert sich Dylan an einen Boxkampf zwischen Jerry Quarry und Jimmy Ellis. Quarry, ein weißer Schwergewichtler, wurde Ende der Sechziger als „White Hope“ aufgebaut, als derjenige, der dem „weißen Amerika“ mit dem Gürtel des Schwergewichtsweltmeisters endlich wieder ein Symbol seiner Überlegenheit verleihen sollte. „Für mich gab es manche Parallele zwischen unserer Situation und unserer Reaktion darauf“, heißt es in „Chronicles I“. „Ich identifizierte mich sowohl mit Ellis als auch mit Quarry.“ Seine Begründung: „Genau wie Quarry wollte ich mich nicht damit abfinden, dass ich ein Emblem, ein Symbol oder ein Wortführer sein sollte.“ So wimmelt er politische Ambitionen am Beispiel des weißen Boxers ab. Am Beispiel des schwarzen Boxers schreibt er: „Wie Ellis hatte ich eine Familie zu ernähren.“

Ellis boxerische Karriere ist aus Dylans Sicht bemerkenswert: Im Jahr 1964 verlor er, damals noch Mittelgewichtler, nach Punkten und sehr umstritten gegen Rubin „Hurricane“ Carter. Als der Weltverband WBA 1967 Ali wegen seiner Wehrdienstverweigerung den WM-Titel aberkannte, gehörten Jimmy Ellis und Jerry Quarry, wie etwa auch der Deutsche Karl Mildenberger, zu den Anwärtern auf den vakanten Titel. Ellis setzte sich durch. Im April 1968 kam es zum WM-Kampf zwischen Ellis und Quarry – der Kampf, den Dylan meint. Ellis gewann den Titel. Gleichwohl dürfte Ellis zu den unbekannteren Schwergewichtsweltmeistern der Boxgeschichte zählen. Er verlor 1970 seinen Titel an Joe Frazier, 1971 verlor er einen Kampf gegen Ali, und 1975 beendete er seine Karriere. Geboren wurde Ellis 1941 (wie auch Dylan, Ali wurde im Januar 1942 geboren) in Louisville, Kentucky (wie Ali, mit dem er auch als Amateur zusammen trainierte).

Der Lebensentwurf des Hobbyboxers gleicht dem eines Profiboxers, es ist beinahe Dylans Wunschbiografie. Schon am Anfang seiner Karriere (und auch am Anfang von „Chronicles I“) steht die Episode, wie Jack Dempsey, Schwergewichtsweltmeister von 1919 bis 1926, dem schmächtigen, gerade aus der Provinz von Minnesota ins New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village gekommenen Sänger einen guten Rat gab: „Du siehst zu leicht aus für ein Schwergewicht, du musst ein paar Pfund zulegen. Und dich ein bisschen besser anziehen, bisschen mehr aus dir machen – auch wenn du im Ring nicht viele Klamotten brauchst. Und du darfst keine Angst haben, dass du den anderen zu hart erwischst.“

Den Rat scheint sich Bob Dylan zu Herzen genommen zu haben, und bis heute eine Faszination fürs Boxen zu hegen. Wer’s nicht glaubt, der frage etwa die philippinische Box-Legende Manny Pacquiao, der 2014 während eines Workouts in Los Angeles Besuch vom mittlerweile 79-jährigen Folk-Nobelpreisträger erhielt. Oder eben Quentin Tarantino, der bereits vor einigen Jahren Bekanntschaft mit Bob Dylans Punch machen durfte…

 

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


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(gefunden auf Instagram)

 

Ein gerahmtes Bild mit einer schwarzen Silhouette steht an eine Wand gelehnt. Daneben Blumen und eine Kerze, deren Flamme gerade eine über ihr aufgehängte US-amerikanische Flagge in Brand steckt. Das ist eines der neuesten Bilder, die der britische Street-Art-Künstler Banksy auf seinem Instagram-Account veröffentlicht hat.

Seine Botschaft macht er in einem Text dazu deutlich (welchen ihr auch weiter unten findet): Es sei Zeit, dass ein „fehlerhaftes System“ repariert werde. Wenn es nach Banksy geht, dann ist auch klar, wer sich vor allem für diese Veränderung einsetzen müsse: die Weißen.

„Zuerst dachte ich, ich sollte bei diesem Thema einfach den Mund halten und Schwarzen zuhören“, so der Künstler. „Aber warum sollte ich das tun? Es ist nicht ihr Problem. Es ist meins.“ People of Color würden von „diesem weißen System“ im Stich gelassen.

Dann führt Banksy in Form einer Analogie die Situation aus: Das System sei wie ein gebrochenes Rohr, das die Wohnung der Menschen flute, die eine Etage tiefer wohnten. Das System „macht ihnen das Leben zur Qual, aber es ist nicht ihre Aufgabe, es zu reparieren.“ Sie könnten das auch nicht, denn niemand lasse sie in die Wohnung im Stockwerk über ihnen. „Das ist ein weißes Problem“, schreibt er. „Und wenn die Weißen es nicht beheben, wird jemand nach oben kommen und die Tür eintreten müssen.“

Seit Tagen gehen in den US of A Menschen auf die Straße, um nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren. Floyd war am 25. Mai in Minneapolis bei einem brutalen Polizeieinsatz getötet worden. Ein weißer Polizist drückte dem 46-Jährigen bei seiner Festnahme minutenlang das Knie auf den Nacken, obwohl er wiederholt sagte, er bekomme keine Luft mehr.

Dass auch Banksy sich auf seine Art zu den aktuellen gesellschaftlichen Missständen äußert, kommt ebenfalls keineswegs von ungefähr, schließlich ist die legendäre anonyme Street-Art-Ikone seit mehr als zwei Jahrzehnten weltweit für seine Graffiti berühmt, mit denen er – nicht selten mit einem gerüttelt Maß an Provokation – auf aktuelle gesellschaftliche Probleme aufmerksam macht. Zuletzt veröffentlichte der Künstler auf Instagram ein Bild mit Bezug zur Corona-Pandemie. Das Kunstwerk, welches an einer Wand der Universitätsklinik von Southampton enthüllt wurde, zeigt einen kleinen Jungen, der eine als Krankenschwester verkleidete Puppe mit Superheldenumhang durch die Luft schweben lässt.

 

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Rock and Roll.

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