Schlagwort-Archive: Phoebe Bridgers

Der Jahresrückblick – Teil 1


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Was für Musik braucht man in einem Jahr wie diesem? Solche, bei der die Halsschlagader wild pocht und der ganze gerechte Zorn auf die Welt ein brodelndes Ventil bekommt. Solche, die einem sanft über den Kopf streicht und einem die Hoffnung einhaucht, dass alles schon besser werden wird – irgendwann, irgendwie. Und auch solche, die einen in ihrer Euphorie einfach gnadenlos mitreißt, und einen – im besten Fall – alles andere – das Gute wie Schlechte – für Momente vergessen lässt. Zwischen diesen drei Fixpunkten ist in meiner Bestenliste der persönlich tollsten Alben des Musikjahres 2019 einmal mehr wenig zu finden, an den Endpunkten dafür umso mehr. Bühne frei und Vorhang auf für ANEWFRIENDs Alben des Jahres!

 

sam fender1.  Sam Fender – Hypersonic Missiles

Knapp zwei Jahre lang hätte Sam Fender auch gut als Spiegel für das musikalische Konsumverhalten der ADHS-geschädigten breiten Masse herhalten können. Wer braucht schon noch Alben, wenn der Künstler des Vertrauens reihenweise Songs raushaut, die sich via Spotify und Co. doch allzu hervorragend in die persönliche Playlist integrieren lassen? Anders hier: Die elf zwischen 2017 und dem Erscheinungstag von „Hypersonic Missiles“ im September diesen Jahres veröffentlichten Stücke (von denen sich schlussendlich nicht einmal alle auf dem Album wiederfinden) waren vielmehr ein wahres Appetizer-Festival und so etwas wie die Deluxe Edition eines erwartungsfreudigen Spannungsbogens. Parallel zur Release-Strategie ließ sich eine immens wachsende Fanschar ausmachen, die den Newcomer im Londoner Hyde Park auf dieselbe Bühne mit Größen wie Bob Dylan oder Neil Young spülte. Was summa summarum nach Hype müffelt, mag wohlmöglich auch einer sein. Aber wenn, dann ist es im doch recht schnelllebigen Pop-Rock-Bizz einer berechtigtsten der vergangenen Jahre. Potential? En masse vorhanden.

Oder reiten Sam Fender und seine Band doch vielmehr auf der Retro-Welle? Schließlich reichen schon ein paar Töne zu Beginn des Albums, um Fenders Vorliebe für Bruce Springsteen als fast schon schamlos direkte, ehrwürdig inszenierte Verbeugung im Soundbild zu identifizieren. Die Saxophon-Soli im eröffnenden Titelstück und in „You’re Not The Only One“ fungieren als unverhüllte Hommage an den großen Clarence „Big Man“ Clemons – bis zu seinem Tod 2011 jahrzehntelang Springsteens wohl wichtigstes Puzzle-Stück in der berühmt-berüchtigten E Street Band – und sind gerade im Dialog mit dem Glockenspiel und der leicht zeternden E-Gitarre ein untrügliches Zeichen für expliziten Boss-Content. Der straighte Beat mit Achtziger-Touch in „The Borders“ und die Geschichte über unglückliche, zerrüttete und zerrissene Familien lassen sich als eine klangliche Addition zu Evergreens wie „Dancing In The Dark“, „Bobby Jean“ oder „No Surrender“ hören, während die Gedanken spätestens im ausgedehnten Outro (und vor allem der stellenweise doch recht flächigen Produktion wegen) zu The War On Drugs‘ „A Deeper Understanding“ wandern. Der feine, dezent hibbelige Unter-drei-Minuten-Ohrwurm “Will We Talk?“ hingegen könnte auch unter den Bannern New Jersey meets Newcastle oder Springsteen meets The Strokes‘ „Last Nite“ stehen – eine Wiederaufführung des altbekannten Dramas der verlorenen Jugend, jedoch eine mit neuer Dringlichkeit.

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Fest steht, erfreulicherweise: Samuel Thomas Fender hält dem Erwartungsdruck über den ersten (Ohren-)Eindruck hinaus problemlos Stand. Er ist nicht nur ein (weiterer) bleichgesichtiger Justin-Bieber-Lookalike-Hansel mit Gitarre, dem von irgendwelchen findigen PR-Managern ein leidlich interessanter Lebenslauf samt veritablen Referenzpunkten angedichtet wurde. Live ohnehin nicht. Wie er mit seinen Band-Lads agiert, unachtsam-juvenil die eigenen Stimmbänder strapaziert und sich am Ende verdutzt fragt, warum sich plötzlich so viele Menschen für einen 25-Jährigen aus North Shields im Nordosten Englands interessieren, der sich – ganz englisches Klischee – bis vor Kurzem noch mit dem Zapfen von Pints hinter dem lokalen Pub-Tresen über Wasser hielt, das besitzt schon ein gewisses Maß an unaufgesetztem Charme. Die Live-Version von „Use“ (oder eben zig im reduzierten Ambiente aufgenommene Live Sessions bei YouTube und Co.) dient insofern als Beleg, dass Sam Fender, lediglich vom Keyboard oder seiner E-Gitarre begleitet, durchaus in der Lage ist, dem Hörer auf beeindruckende Weise Volumen und Bandbreite seiner Stimmbänder um die Ohren zu pfeffern.

Ebenso erfreulich: Bei genauerem Hinhören überzeugt der junge Brite auch textlich. So hält er schlagenden Vätern und tablettenabhängigen Müttern ebenso den trüben Alltagsgrau-Spiegel vor wie der Masse von traditionell zum nächstbesten Absturz wankenden Binge-Trinkern („Saturday“). Das sinistre „Play God“ zeichnet autokratische Allmachtsfantasien, und seine ungefilterten Wahrnehmungen im beatlosen „White Privilege“ reichen von einer zur Kleingeistigkeit verdammten Generation über digitales Meinungszerfleischen bis hin zu den “old cunts“, die gemeinsam mit ihrer Upper-Class-Mischpoke und einer Horde aus tumben „Yes!“-Brüllern den Brexit (und dessen Chaos) verbockt haben: „The patriarchy is real, the proof is here in my song / I’ll sit and mansplain every detail of the things it does wrong / ‚Cause I’m a white male, full of shame / My ancestry is evil and their evil is still not gone“. Als zackiger Hit verpackt, thematisiert Fender zu treibenden Gitarren in „Dead Boys“ (welches bereits der 2018er Debüt-EP ihren Titel gab) die Ignoranz gegenüber der hohen Selbstmordrate junger Männer in seiner Heimat. Er, der selbst Freunde durch Suizid verlor, führt in der Herleitung mit „toxic masculinity“ einen Begriff aus der Soziologie an, dem er bereits im vergangenen Jahr auf „Friday Fighting“ Beachtung schenkte: „We close our eyes, learn our pain / Nobody ever could explain / All the dead boys in our hometown“. Fazit? In Indierock eingelegte Gänsehaut.

Sam Fender ist weder Problemlöser noch Analytiker, sondern aufgewühlter Beobachter und Zeichner von Verzweiflung. Irgendwo zwischen Herz, Hirn, Seele und Arschtritt treffen zwischenmenschliche Geflechte und Pub-Talk auf geo-, sozio- und gesellschaftspolitische Themenkomplexe. So wohnt dem Namenspatron der Platte, „Hypersonic Missiles“, ein morbider Zauber inne. Während die Welt unter Raketenbeschuss zugrunde geht, blüht die Beziehung zweier Liebender auf. Fender selbst bezeichnet das Stück als eine verkappte Liebesgeschichte: „This world is gonna end but ‚til then I give you everything I have“ – ein Boss-Move galore (ebenso übrigens wie die augenzwinkernde Behauptung des 2019er Senkrechtstarters, mit seinem Langspiel-Debüt so etwas wie „eine Emo-Version von ‚Darkness On The Edge Of Town‘“ im Sinn gehabt zu haben). Nach den rauschhaften Rocknummern und einem dicken Paket an Hits versteckt der Mittzwanziger zum Ende des Debüts in „Leave Fast“ einmal mehr eine seiner springsteen’schen Fluchtpunktperspektiven. Hieß es anno dazumal beim US-Vorbild noch „We gotta get out while we’re young“ oder „It’s a death trap, it’s a suicide rap“, singt Sam Fender nun mit Blick auf seine politisch vernachlässigte Kleinstadt und Heimat „Leave fast or stay forever“. Entkontextualisiert bitte letzteres. Denn obgleich Sam Fender – zum Glück – kein Kaschemmen bespielender Geheimtipp mehr sein mag, so ist der Brite doch ein gern angenommenes Geschenk. File under: Die Frontmänner von The Gaslight Anthem und The Killers treffen sich im englischen Pub zum schwarzhumorigen Springsteen-Tribute-Abend. Rein zufällig würde man Sam Fender denn noch genau zwischen ebenjene Brian Fallon und Brandon Flowers ins Albumregal einsortieren… Aber an Zufälle glaube ich sowieso nicht. Von daher: (m)ein verdientes Album des Jahres.

 

 

thees uhlmann2.  Thees Uhlmann – Junkies und Scientologen

Die Schönheit der Chance: Thees Uhlmann musste erst seine Begleitband neu durchmischen, musste erst ein missglücktes Album in die Studiotonne werfen, damit ihm „Junkies und Scientologen“ gelingen konnte – und das ist mit seinem Töne gewordenen Lebenshunger und Optimismus, mit seinem Füllhorn an verschmitzten popkulturellen Anspielungen eine der zweifellos wichtigsten (deutschsprachigen) Platten des Jahres. Klingt 2019 sonst – und selbst beim Radiopop von Abwegig-Popsternchen Billie Eilish („bad guy“) – allzu oft hülsenreich bedeutungsgeschwängert, ernst und schwer, so geht „Uhlo“ auf seinem dritten Solo-Album, auf das seine Fans geschlagene sechs Jahre warten mussten, viele Dinge wieder etwas anders an, bringt – nach dem tollen Einstieg „Fünf Jahre nicht gesungen“ – schon in den ersten vier Stücken drei popkulturell gefärbte Liebeserklärungen – und sprechsingt in bekannt-unnachahmlicher Manier in „Danke für die Angst“, „Avicii“ und „Was wird aus Hannover“ nicht nur über den (ohnehin gerade oft Tribut gezollten) Horror-Kultautor Stephen King, den im vergangenen Jahr jung verstorbenen schwedischen Pop-DJ und die niedersächsische Landeshauptstadt (als Metapher für bundesdeutsche Verdienstrocker wie die Scorpions), sondern das Leben an sich als stetig buntes Wunder (der kaum weniger tolle, gleichsam sympathische Gisbert zu Knyphausen brachte es vor ein paar Monden mit der Zeile „Die Welt ist grässlich und wunderschön“ auf ebenso treffliche Weise auf den Punkt) Ob in Dur oder in Moll, in melancholischen Balladen oder enthusiastischem Indierock, ob in der Spingsteen’esken Musik-Lobpreisung „100.000 Songs“ oder dem stillen Nachruf „Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt“: Überall blickt Uhlmann mit so viel Wärme und Mitgefühl auf das Leben, schüttelt locker, beschwingt, federleicht und selbstsicher die Hits und Punchlines aus den Ärmeln seines GHvC-Longsleeves, dass sich am Ende jede noch so gedehnte Silbe und jeder hemdsärmelig-ehrlich zurechtgebogene Reim absolut richtig, absolut gelungen anfühlt. Zumal „Junkies und Scientologen“ zwar von der erhabenen Alltagsphilosophie des Musikers, der 2015 mit „Sophia, der Tod und ich“ auch unter die Romanautoren ging, lebt, dazwischen aber immer wieder klare Haltung aufblitzt: die Leadsingle, das sechsminütige Titelstück oder das im Grunde doch recht alberne „Katy Grayson Perry“ lassen in nur wenigen Worten durchblicken, was von Nationalismus und Misogynie zu halten ist – ein Mittelfinger mit Herz(chen). So ist „Junkies und Scientologen“ nicht nur Uhlmanns bisher gelungenster Alleingang (der obendrein in der erweiterten Version noch mit feinen Coverversionen von Künstlerinnen wie Sophie Hunger oder Judith Holofernes punktet), sondern irgendwie auch wie ein Kneipenabend mit einem alten Freund: Danach mag zwar noch immer derselbe nasskalte Herbstregen auf einen hinab prasseln, aber die Welt, sie fühlt sich ein kitzekleines Stückchen sonniger und heiler an.

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better oblivion community center3.  Better Oblivion Community Center – Better Oblivion Community Center

Sollte heutzutage noch jemand Liebeskummer haben oder an gepflegten Selbstzweifeln laborieren, so sind Conor Obersts Bright-Eyes-Veröffentlichungen von „Letting off the Happiness“ bis mindestens „Cassadaga“ nach wie vor eine gute Soundtrack-Adresse. Doch die Zeiten sind komplizierter geworden, und auch Oberst selbst, mittlerweile eigentlich teenage angst-ferne 39 Lenze alt, strauchelte in den letzten Jahren mit mal feinen, mal jedoch auch mittelmäßigen Soloalben oder recht altbacken dadrockenden Americana-Projekten – auch wenn jüngst mit der zusammenhängenden Doppel-Veröffentlichung von „Ruminations“ und „Salutations“ die Alt.Country-meets-Indiefolk-Formkurve wieder nach oben zeigte (ersteres war anno 2016 gar ANEWFRIENDs „Album des Jahres“). 

Nun hat das „Wunderkind mit Reifegrad“ ausgerechnet in der 25-jährigen Songwriterin Phoebe Bridgers (s)eine gleichgesinnte Seele und Duettpartnerin gefunden – ebenjene Phoebe Bridgers, auf deren herausragendem Debüt-Longplayer „Stranger In The Alps“ er bereits bei der einsamen Nummer „Would You Rather“ zu hören war und die zuletzt mit dem boygenius-Projekt an der Seite von Lucy Dacus und Julien Baker überzeugen konnte. Gemeinsam stecken die beiden unter dem nebulös-vielsagenden Banner Better Oblivion Community Center das Feld zwischen Emo-Folk und Indierock neu ab, und anstatt wieder einmal die Mundharmonika hervor zu kramen, setzen sie bei „Exception To The Rule“ auch mal Synthies ein oder verschleppen bei „Sleepwalkin’“ die Gitarrenakkorde. Während Oberst hier an alte Glanzleistungen anknüpfen kann, ist es Bridgers, die mit einer ganz neuen Wandelbarkeit begeistert. In „Big Black Heart“ schreit sie sich das titelgebende schwarze Herz aus dem Leib. Im Kontrast dazu steht der Opener „Didn‘t Know What I Was In For“, in dem sie so einsam und verlassen wie der letzte Mensch auf der Welt klingt. Bei der durchaus fuzzig-hittigen Single „Dylan Thomas“ ist dann auch noch Yeah Yeah Yeahs-Saitenmann Nick Zinner an der Gitarre dabei, und selbst wenn die Ballade „Chesapeake“, welche Phoebe Bridgers als zarte Duett-Partnerin zeigt, die sich mit ätherischen Harmonien wie eine beruhigende Warmfläsche an Conor Obersts nervöse Stimme anschmiegt, nach dem ein oder anderen Tränchen verlangt und sich die Texte immer wieder in der Beschissenheit der Gegenwart verfangen, haben die beiden doch auch kleine Auszeiten eingebaut. Ganz zum Schluss heißt es in „Dominos“ sogar „If you’re not feeling ready, there’s always tomorrow“. Ergibt schon Sinn, dass Oberst und Bridgers ihr Bandprojekt Better Oblivion Community Center nennen und es zur Hauruck-Veröffentlichung im Januar gar mit mit einer fingierten Infobroschüre samt Hotlinenummer bewarben. Dieses Update schadet der alten Bright-Eyes-Sammlung auf keinen Fall, und der (beileibe nicht unkritische) olle Conor-Oberst-Ultra in mir jubiliert ohnehin einmal mehr.

 

 

steiner & madlaina4.  Steiner & Madlaina – Cheers

Schon bemerkenswert, was Nora Steiner und Madlaina Pollina, jüngere Schwester von Julian „Faber“ Pollina, da auf ihrem gemeinsamen Album „Cheers“ auf die Schweizer Beine stellen. Und selbst, wenn der scheinbar mühelos zwischen Stimmungen und Genres changierende Zehnerpack an Songs bereits 2018 erschien, so bleibt unterm Strich eines meiner liebsten (Herbst)Alben des Musikjahres. Hört, hört!

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greet death5.  Greet Death – New Hell

Wie ich vor einigen Wochen schrob: „Obwohl ‚New Hell‘, Great Deaths so unerwartet wie unverhofft grandios mit schwerem Herzen daher rockender zweiter Albumstreich, stellenweise recht introspektiv und keineswegs leichter Tobak ist, wurde schöner länger nicht mehr in aschfahl schimmernden Herbstdepressionsgewässern gebadet. Sollte man gehört haben!“

Stimmt natürlich immer noch. Dieses Ungeheuer von Album kam krachend durch die Tür, hat mich in seine Krallen genommen und bis jetzt nicht wirklich losgelassen. Greet Death, die Band dahinter, rückt aber auch jeden Knopf, der mich potentiell anmachen könnte: Emo, Indie Rock, Shoegaze, Post Rock – und dann alles einfach mal in einen Topf voll mit tiefstem Schwarz getaucht. Denn viel Sonne? Kommt hier nicht durch. Am meisten beeindruckt dabei die Wandlungsfähigkeit: Vom schweren Opener „Circles Of Hell“ (puh) zur leisen Folk-Ballade „Let It Die“ (uff) bis hin zum Fast-Popsong „Do You Feel Nothing?“ (verdammt) und dem übergroßen „You’re Gonna Hate What You’ve Done“ (jeez). Dauerschleife seit Release, mit Tendenz zum Grower über alle Maßen. Und belegt daher, als Album, in das man sich Hals über Kopfhörer fallen lassen kann, als überraschender Späteinsteiger einen verdienten vorderen Platz in den Langspieler-Bestenliste. Geheimtipp des Jahres.

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tool6.  Tool – Fear Inoculum

Die unmögliche Platte. Der BER würde früher fertiggestellt sein als dieses eine Album, hieß es. Axl Rose wäre bereits neidisch, hieß es. Dreizehn Jahre nach „10,000 Days“, als wirklich niemand mehr tatsächlich daran glaubte, gaben uns Tool: den Rest, das Maximum, die neuste, die eventuell endgültige Selbstverortung. Und das Album, das sich langfristig vielleicht nicht als ihr bestes, dafür jedoch als jenes mit dem größten Tool-Trademark-Faktor erweisen wird – ihre Visitenkarte ab sofort, wenn man so mag. 

Nach allem, was zum fünften Album der zweifellos wichtigsten Band des Alternative Metal geschrieben wurde – nicht zuletzt in all den Jahren bevor „Fear Inoculum“ tatsächlich erschien -, sucht man instinktiv nach einem der weniger ausgelatschten Pfade, um sich den fast 90 Minuten zu nähern. Zum einen holt einen das Album genau da ab, wo Tool 2006 den letzten Ton auf Band gespielt hatten. Ein klares Soundkonzept, so archaisch und selbstbestimmt wie in den ersten Momenten von „Sober“ oder den letzten von „Rosetta Stoned“, ohne aufgeblasene Production Values und übermäßige technische Kosmetik. Alles, wirklich alles auf „Fear Inoculum“ ist Handwerk, so bestechend, dass einem die kleinen Ungenauigkeiten, die diese Band nie durch Quantisierung glattbügeln würde, die Haare zu Berge stehen lassen. Das vielschichtige Schlagzeugspiel, die mittenlastige Gitarre, der wuchtige Bass: Das, was den Sound von Tool so ikonisch, so unverwechselbar macht, ist seine Konsequenz. Leicht haben es sich Danny Carey, Adam Jones und Justin Chancellor dabei nicht gemacht. Die sorgfältig gebauten Prog-Spannungsbögen, die sie ihrem Sänger zu Füßen legen, nimmt Maynard James Keenan mit bis dato ungehörter Disziplin und Eleganz auf (wenngleich sich der oberflächlich kreative Anteil des seit eh und je enigmatischen Frontmanns auf den neusten Stücken etwas geringer als noch auf früheren Werken gestaltet). 

Klar: Eine Band, die in 29 Jahren gerade einmal fünf Alben veröffentlicht, aber trotz alledem als eine der relevantesten Metal-Bands des Universums und als lebendes Gesamtkunstwerk gefeiert wird, sklavisch verehrt wird von (s)einer Heerschar von Die-Hard-Fans, die sich auch exorbitante Preise für die audiovisuellen Leckerbissen eines Tool-Artworks vom Munde absparen, konnte mit „Fear Inoculum“ musikalisch nicht wirklich etwas falsch machen. Allen Unkenrufen zum Trotz ist das Album trotzdem genau das monströse Meisterwerk geworden, das man sich gewünscht hat. Und ebenjenes wird wohl mindestens 10.000 Durchgänge benötigen, um es im Ansatz zu begreifen…

 

 

amanda palmer7.  Amanda Palmer – There Will Be No Intermission

Um gar nicht erst den Anschein von Mansplaining zu erwecken – niemand mit Y-Chromosom kann einschätzen, was sich wie für eine Frau ändert, wenn sie Mutter wird. Im Falle von Amanda Palmer ermöglicht ihr drittes Soloalbum (das erste seit 2012, obwohl die Ex-Dresden-Dolls-Frontfrau andererseits keine wirkliche Kreativpause kennt) aber zumindest eine vage Vermutung.

Dass Palmer auf „There Will Be No Intermission“ über Themen wie Fehlgeburten, Abtreibungen und den Verlust von Freunden an das alte Arschloch Krebs auch aus eigenen Erfahrungen berichtet, sollte die wenigsten Fans und treuen Patreon-Unterstützer schockieren. Schließlich gehört sie zu jenen Künstlerinnen, die aus ihrem Privatleben und ihren innersten Gedanken nie einen Hehl machten, wie Unmengen von Tweets, Blog-Einträgen und Video-Tagebüchern ebenso zeigen wie das reine Ausmaß der oft autobiographischen Geschichten, die auf diesem nicht eben einfach zu hörendem Werk erzählt werden: Mehrere dieser epischen Diskurs- und Klagelieder knacken (fast) die Zehn-Minuten-Marke, einige davon sind recht monoton und karg mit Ukulele instrumentiert, als könnte der Drang, zu erzählen, kein großes Brimborium und keine ausgefeilten Songwritingprozesse abwarten.

So ist „Drowning In The Sound“ einer ebenjener liebgewonnenen Amanda-Palmer-Standards mit Stakkatoklavier und dramatischer Phrasierung, „The Thing About Things“ wiederholt das gleiche Prinzip an der Ukulele, bevor sich der Song zur Hymne aufbäumt. Ihre teils fast schon zynische Leichtfüßigkeit kann Palmer dennoch nicht ganz einbüßen: In „A Mother’s Confession“ lässt sie einen ganzen Frauenchor schmettern, dass trotz aller Probleme und Fehlerchen immerhin das Baby noch nicht tot sei; die Angst vor der Unberechenbarkeit des Lebens mit einer Zeile wie „Suicide, homicide, genocide – that’s a fuckton of -cides to choose from“ auszudrücken, würde auch nicht jeder einfallen – doch auch deshalb wird die 43-jährige Herzblut-und-Herz-auf-der-Zunge-Indie-Musikerin von ihrer Hörerschaft mit Haut und Haar geliebt. Im Gegensatz zu (insbesondere) den frühen Dresden-Dolls-Werken geschieht dies jedoch immer öfter in einem gemächlichen Dreivierteltakt und – bis auf Zoe Keatings Cello in „Bigger On The Inside“ – mit Fokus auf dem Piano (oder eben der Ukulele).

Mit dem Stream-of-consciousness-Mammutwerk „There Will Be No Intermission“ festigt Amanda Palmer endgültig ihre Stellung als Grande Dame in ihrem Genre (welches das auch immer sein mag). Nur der Albumtitel „There Will Be No Intermission“ stimmt hinsichtlich der vielen kleinen filmsoundtrackhaften Interludes, die Melodiefragmente oder Textzeilen der Songs aufgreifen, wohl nicht ganz. Mit diesen reizt die Platte die klassisch-altmodischen 80 Minuten Speicherkapazität einer CD fast komplett aus – und das, ohne – fernab von Easy Listening – an irgendeiner Stelle je zu langweilen.

 

 

last train8.  Last Train – The Big Picture

Hört man die Songs von Last Trains zweitem Album „The Big Picture“, so würde man diese durchaus rauschhaft-wilde, im besten Sinne gleichsam jung wie befreit aufspielende Rock-Orgie leichtfertig irgendwo zwischen San Francisco, Seattle, Manchester, Chicago und Down Under verorten, jedoch kaum in einer 100.000-Einwohner-Stadt im Elsass. Auch (und gerade!) deshalb ist das erstaunlich junge Quartett Frankreichs formidabelste Rockband des Musikjahres. Pas de discussion, sans doute!

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faber9.  Faber – I Fucking Love My Life

Im Jahr 2017 veröffentlichte der Schweizer Faber mit „Sei ein Faber im Wind“ sein Debüt, das Polka und Blechbläser mit kontroversem, bissigem Songwriting verband (und absolut zurecht ANEWFRIENDs „Album des Jahres“ wurde). Die einen lobten Julian Pollina in den Himmel, andere sahen in ihm nur einen Provokateur, der es verstand, seine Musik ins Scheinwerferlicht zu rücken (und überhörten somit dessen kluges Zerrspiel mit anderen Identitäten).

Zwei Jahre später liefert Faber nun den mit Spannung erwarteten und in Gänze deutlich reiferen, experimentelleren Nachfolger „I Fucking Love My Life“. Dort wettert er zwar immer noch am liebsten gegen die Millennials, Social Media und den Abstieg ins Spießbürgertum, aber die musikalische Untermalung kommt um einiges vielseitiger ums Eck: teils nur mit Akustischer („Ihr habt meinen Segen„), dann wieder mit größenwahnsinnigem Nölen, Streichern und Piano erforscht Faber die eigene Bandbreite und die seiner Band. Lange im Kopf bleiben Zeilen wie „Ich hab‘ mehr Highlights im Gesicht als im Leben“ oder auch „Ich würd‘ gerne Immobilienhaie fischen aus dem Zürichsee mit dir“ (und freilich die Kontroverse um den Vorab-Song „Das Boot ist voll„). Das Albumcover zeigt ihn im Stile eines Paparazzi-Schnappschusses im Morgenmantel mit Goldkettchen und Kippenschachtel – Großkotzigkeit, Mummenschanz und Ironie gehen bei Julian „Faber“ Pollina auch 2019 Hand in Hand.

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future teens10.  Future Teens – Breakup Season

„Breakup Season“ macht in der Tat auch all jenen mächtig Laune, die ihren Alltag längst jenseits der herzschmerzenden Zwanziger verbringen. „Bummer Pop“ nennen Future Teens, das aus Boston, Massachusetts stammende Viergespann, das Ganze dann. Und liefern mit den zehn Songs ihres zweiten Albums den wohl schönsten, himmelhoch heulenden Herzensbrecher-Indierock in der Tradition von Klassikern wie etwa Weezers „Pinkerton“, den man in diesem Herbst finden konnte. It’s breakup season, y’all!

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…und auf den weiteren Plätzen:

Various Artists – Tiny Changes: A Celebration of Frightened Rabbit’s ‚The Midnight Organ Fight‘ mehr…

BRUTUS – Nest mehr…

La Dispute – Panorama

The National – I Am Easy To Find mehr…

Enno Bunger – Was berührt, das bleibt. mehr…

Noah Gundersen – Lover mehr…

Frank Turner – No Man’s Land mehr…

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Matt Berninger & Phoebe Bridgers – „Walking On A String“


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Da sieh‘ mal an – The Nationals Matt Berninger und Indie-Singer/Songwriterin Phoebe Bridgers haben sich für ein Duett zusammengetan. Das Ergebnis, „Walking On A String“, ist Teil der neuen Netflix-Komödie „Zwischen zwei Farnen: Der Film“ und entstand in Zusammenarbeit mit Berningers Frau Carin Besser (sie schrieb ja bereits an vielen Songs des aktuellen The National-Albums „I Am Easy To Find“ mit), Mike Brewer (Brewer & Shipley) sowie The Walkmens Walter Martin und Matt Barrick an der Gitarre und den Drums.

Laut einer Pressemitteilung gab Regisseur Scott Aukerman Berninger freie Hand, um für seinen Film, der um Hauptakteur Zach Galifianakis herum der mittlerweile auch bereits eine Dekade zurückliegenden Kult-Internet-Sketch-Talk-Show „Between Two Ferns“ ein abendfüllendes Format spendiert, einen Song zu schreiben und aufzunehmen – egal mit wem, egal wie. Einzige Voraussetzung: der Song sollte in einer Barszene aufgeführt werden können.

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Matt Berninger meint über „Walking On A String“ sowie dessen Entstehungsprozess in einem Interview mit dem US-„Rolling Stone“: [Director] Scott Aukerman called and told me he and Zach had an important scene in a honky-tonk bar in middle America. They needed a band and a song and said I could do whatever I wanted. My wife Carin and I wrote the lyrics really quickly and I called Tony Berg to produce. I didn’t realize he was in the studio with Phoebe at the time but she graciously let me crash her sessions and that’s when we had the idea to turn it into a duet.”

“It’s a song about how our problems and anxieties can build up and feel like a tangled inescapable web. Sometimes all it takes is a friend with some perspective and patience to help us see our way out of our own messes. It’s also just a love song between a spider and a moth.”

walking-on-a-stringEntstanden sind sowohl der Song als auch das dazugehörige Musikvideo (welches wiederum an die Doku-Ästhetik von „Between Two Ferns“ andockt und somit eine Art Making Of darstellt) innerhalb von zwei Tagen in den legendären Sound City-Studios in Los Angeles.  Phoebe Bridgers dazu: “It’s also where Boygenius [ihr gemeinsames Band-Projekt mit den befreundeten Singer/Songwriterinnen Julien Baker und Lucy Dacus] recorded, so I’m very comfortable there, even with an entirely new band. The rest of the time Matt was trying to corral everyone to steal the couch on which Kurt Cobain wrote ‘Lithium.’” 

Mit der Zusammenarbeit mit dem ähnlich umtriebigen The National-Frontmann ging für die 25-jährige Indierock-Senkrechtstarterin ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung: “He’s been a hero of mine since I was a teenager, but it’s easy to forget when hanging out with him. He treats everyone around him as a peer. I wouldn’t have been so comfortable co-producing without him.”

Leider durfte Phoebe Bridgers das pfirsichfarbene Cowboyoutfit, das sie im Film trug, nicht behalten: “I fucking wish. I do, however, have the belt ‚cuz it’s mine – you can’t even see it in the movie. When I was ten years old, I won a mutton-busting competition at the rodeo and they gave me a buckle with a sheep on it. I finally had a reason to wear it.”

 

 

"The things you've said are hanging in the middle of my mind tonight
I can't turn 'em off
I try to worry for your soul but I forget to all the time
I'm in a twisted web and I can't pull my head from it
I think about you walking on a string
It always brings me back here
Into the garden by the hand
You've always had me walking on a string
 
I knew that I was dead before you touched my lonesome skin
You're never running out of ways to worm your way back in
I hang my head and feel the oxygen drain
 
I think about you walking on a string
And it always brings me back here
Into the garden by the hand
Anyone who knows what love is will understand
You've always had me walking on a string
 
In a web, I can't escape it
You'll always worm your way back in
To my lonesome soul and take it
You've always had me walking on a string
In a web, I can't escape it
You'll always worm your way back in
To my lonesome soul and take it
You've always had me walking on a string"

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Taylor Janzen – „Shouting Matches“


Taylor-Janzen-Shouting-Matches

Zarte zwanzig Jahre ist die aus dem kanadischen Winnipeg stammende Singer/Songwriter-Newcomerin Taylor Janzen jung – und hat sich mit ihren mal nachdenklichen, mal wunderschön traurigen Songs hier und da bereits einen Namen gemacht. Dabei zeichnen sich ihre melancholischen Stücke vor allem durch sehr ehrliches, aufrichtiges Songwriting aus, das unter anderem mit wahren Sturzbächen von Halsklößen behaftete Themen wie die psychische Gesundheit und emotionalen Missbrauch anspricht und sich klanglich nicht allzu fern von Julien Baker oder Phoebe Bridgers einordnet.

B17J7q3ilnS._SS500_Janzens im Mai erschienene neuste – und nunmehr zweite – EP hört auf den Titel „Shouting Matches“ und enthält fünf Songs, bei denen sie sogar Angst hatte, sie zu veröffentlichen, weil sie dafür „zu verletzlich“ seien. Das verriet die Newcomerin im Interview mit „Noisey US“, fügt jedoch hinzu: [Die Lieder] sind furchterregend für mich, aber sie sind meine liebsten Songs, die ich je geschrieben habe.“

Wer das titelgebende „Shouting Matches“ hört, weiß, das Taylor Janzen mit der Behauptung, dass ihren Songs Einiges an Fragilität innewohnt, keineswegs übertrieben hat. Während der Anfang mit von Folk-Spirit ummantelten E-Gitarren-Akkorden sacht und bedächtig gerät, wird das Stück alsbald von Soundscapes und Drums in emotionale Höhen getragen. Nicht wirklich verwunderlich, dass all das einen kaum kalt lassen kann. „Shouting Matches“ gehört zu der Kategorie von Songs, die den Hörer tief im Herzen berühren – inklusive einem geradezu Gänsehaut verursachenden dramatischen Höhepunkt (auch das ist bei einer wie etwa Julien Baker ja des Öfteren der Fall).

Zum Hintergrund des Stücks verriet die junge Musikerin gegenüber dem ‚Paste’-Magazin: „Der Song handelt von meiner Tendenz dazu, ein bisschen an meiner eigenen Traurigkeit festzuhalten, was nach meiner Meinung viele Leute tun, besonders wenn Traurigkeit zu einer regelmäßigen Sache für dich geworden ist. Manchmal ist sie nützlich, aber manchmal leben wir in ihr. Es geht darum, eine Balance [zwischen diesen beiden Dingen] zu finden.“

 

Hier gunt’s das Musikvideo…

 

…sowie „Shouting Matches“ in der „Buzzsession“-Live-Variante:

 

„Night falls and I look out and I can’t make out a thing
So I burned all my bridges down just to have something to see
You don’t need to worry, darling, I don’t need to escape from this ever-growing​ sadness that I can’t help but create for myself, for myself

Well, if I knew what was good for me, I’d open up the blinds, I’d let the sun fill my room and I’d let it change my life
But you don’t need to worry, darling – one day I’ll be just fine
I’ll stare right up into the sun until it burns right through my eyes

Is that what you want?
Is that what you wanted from me?
Is that what you want?
Is that what you needed to see?
Oh, if I see the beauty in everything then how am I to know just what to sing when it all burns down and there’s no one around?

Melancholy has always got me right where it wants
My voice is used for starting shouting matches with God
But you should start to worry, darling, if you can’t hear the sirens calling out through my broken promise
Didn’t you ask me to be honest?

Is that what you want?
Is that what you wanted from me?
Is that what you want?
Is that what you needed to see?
Oh, if I see the beauty in everything then how am I to know just what to sing when it all burns down and there’s no one around?

And it all falls down, and it all falls down
I’ve been practicing the steps for when it all falls down again
When it all falls down“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Christian Lee Hutson – „Northsiders“


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Erinnert mich an Elliott Smith. – Es gibt wohl kaum ein größeres Kompliment, das ich spontan verteilen könnte…

In der Tat gibt es jedoch im Fall von Christian Lee Hutson gleich mehrere weitere Überschneidungen, die den 28-jährigen Singer/Songwriter aus Los Angeles nun – glücklicherweise – in meine Playlist gespült haben: Zum einen war dieser unlängst mit Phoebe Bridgers und Conor Oberst und deren gemeinsamen Band-Projekt Better Community Oblivion Center auf Tour, spielte im Vorprogramm und als Gitarren-Sidekick – wie man hörte – eine recht solide Rolle. Zum anderen arbeitete Hutson mit Phoebe Bridgers als Co-Songwriter nicht nur an deren Song-Beiträgen zum – an dieser Stelle wärmstens ans Hörerherz gelegenen, da großartigen – Better Community Oblivion Center-Albumdebüt, sondern auch an Stücken, die die 24-jährige Indie-Senkrechtstarterin unlängst zur All-Female-Mini-Supergroup boygenius (schließlich zählen zu der noch Julien Baker und Lucy Dacus) beitrug.

northsidersUnd so ist es kaum verwunderlich, dass sich Bridgers bei Christian Lee Hutson revanchierte und ihrerseits mit „Northsiders“ ein Stück ihres Kreativpartners produzierte. Die simpel gehaltene Akustikgitarre-meets-Streicher-Ballade, welche der erste Vorbote eines neuen Albums (dem ersten seit „Yeah Okay, I Know“ von 2014) sein soll und an dessen Fertigstellung auch Nathaniel Walcott (Bright Eyes) beteiligt war, ist ein wunderschönes Lamento an unbeschwerte Jugendtage, als alles noch einfach erschien, die Tage und Nächte endlos und alle Wege offen. Im Text blitzen dabei immer wieder Erinnerungsfetzen an ebenjene Zeit auf, bevor alles (s)ein jähes Ende findet: „I read an article about the accident / Probably reaching for cigarettes / And missed the brake lights up ahead / I hope it was an instant death / Sometimes I imagine us way down the line / Getting fat somewhere in the countryside / It’s crazy how things shake out sometimes / But maybe that’s enough magic for me / Nothing’s going to change it now.“

Man darf durchaus gespannt sein, ob sich auf Christian Lee Hutsons mit prominenter Beteiligung entstandenen kommendem Solo-Album mehr Stücke dieser Smith’schen Güteklasse wiederfinden werden…

 

“‘Northsiders’ is sort of a collage of memories I have of several different friends from high school. I think it’s about the friendships you develop that make you feel seen and understood at that time in your life where you feel invisible and misunderstood.”

(Christian Lee Hutson)

 

 

„I was new in town, kinda goth
I met you in the science quad
You asked if I had any pot
We’re going up to Mikey’s spot

Covering important ground
I tried cocaine in my cousin’s house
‚Yeah, I’m probably addicted now‘
The things that children lie about

I didn’t notice it was getting late
You offered me a place to stay
You live up in the palisades
You tell your folks you ran away
Besides, you’re a Northsider now

Nothing’s going to change it, pal

We were so pretentious then
Didn’t trust the government
Said that we were communists
And thought that we invented it

Morrissey apologists
Amateur psychologists
Serial monogamists
We went to different colleges

But you said that we would always be
Branches on the same old tree
Reaching away from each other for eternity
And you know I can’t argue with that

Nothing’s going to change it now

We could have had one last hurrah
When I was working in the smoothie shop
But I couldn’t get the weekend off
She told me I was getting soft

I read an article about the accident
Probably reaching for cigarettes
And missed the brake lights up ahead
I hope it was an instant death

Sometimes I imagine us way down the line
Getting fat somewhere in the countryside
It’s crazy how things shake out sometimes
But maybe that’s enough magic for me

Nothing’s going to change it now“

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Boygenius


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Wenn man von Supergroups spricht, denkt man normalerweise schnell an Namen wie – freilich – Crosby, Stills, Nash & Young (David Crosby, Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young), Cream (Ginger Baker, Eric Clapton und Jack Bruce), eventuell auch an (die recht kurzlebigen) Them Crooked Vultures (John Paul Jones, Dave Grohl und Josh Homme) oder (die nun wieder aufgetauchten) The Good, the Bad & the Queen (Damon Albarn, Paul Simonon, Simon Tong und Tony Allen) oder Audioslave (Rage Against The Machine, ohne Rap-Fronter Zack de la Rocha, dafür mit dem kürzlich verstorbenen Engelsstimmen-Shouter Chris Cornell). Kurzum: an eine Schar renommierter, vorwiegend männlicher Musiker aus dem Folk- oder Mainstream-Rockbereich.

Nun wurde auch Boygenius die Ehre zuteil, vom Online-Musikmagazin „Pitchfork“ zu einer ebensolchen „Supergroup“ erhoben zu werden. Das Kollektiv um Lucy Dacus, Julien Baker und Phoebe Bridgers ist jedoch weder männlich, noch dem Mainstream-Publikum bislang sonderlich bekannt. Oder doch? Schließlich wirbelten ihre Einzel-Akteurinnen die Alternative-Folk- und Indierock-Szene in den vergangenen Monaten stilecht durcheinander: Lucy Dacus veröffentlichte erst im vergangenen März ihr hochgelobtes zweites Album „Historian„, Julien Baker ihr tolles zweites Album „Turn Out The Lights“ im Oktober 2017. Und nur einen Monat zuvor war Phoebe Bridgers‘ beachtliches Debüt „Stranger In The Alps“ erschienen (von der Dame war, ähnlich wie Julien Baker, auf ANEWFRIEND ja bereits des Öfteren die Schreibe). Na, klingelt’s?

Die Idee für Boygenius entstand, als Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus zusammen für eine US-Tour gebucht wurden. Bridgers und Dacus trafen erstmals im Backstage-Bereich eines Festivals in Philadelphia aufeinander und waren sich sofort sympathisch. Mit Baker tauschte sich Dacus schon länger per E-Mail über Songwriting-Ideen aus. „Als wir uns trafen“, so Julien Baker über das Projekt mit ihren ehemaligen Tourpartnerinnen, „waren Lucy, Phoebe und ich in unseren Leben und unseren musikalischen Unternehmungen an ähnlichen Punkten angelangt, außerdem hatten wir so ziemlich dieselbe Einstellung gegenüber Musik. Daraus entstand unmittelbar eine Seelenverwandtschaft.“

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Mit ihren unlängst erschienenen, bereits erwähnten Alben hatten die drei Songwriterinnen bewiesen, dass sie zu den jungen und großen Talenten der US-amerikanischen Indie-Musikszene gehören. Insofern verwundert es nicht, dass bereits nach ein paar Sessions, zu denen jede der drei jeweils einen eigenen Song sowie einen Entwurf für einen gemeinsamen Boygenius-Titel mitbrachte, so ergiebige Ergebnisse zu verzeichnen waren, dass statt einer ursprünglich geplanten Tour-7-Inch-Single eine EP mit sechs Tracks entstand, welche das Trio Ende Juni 2018 in den Sound City Studios in Los Angeles aufnahm.

boygenius_stEs gelingt besonders den ersten vier Songs dieser selbstbetitelten EP, die Vielzahl der Stärken von Baker, Bridgers und Dacus auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. „Bite The Hand“ ist Opener und – nebst dem Ohrwurm „Souvenir“ – Glanzstück zugleich, weil hier die Synergien, die zunächst Lucy Dacus in den Fokus stellen, am deutlichsten herausgearbeitet wurden. „Me & My Dog“ setzt danach das melancholische Folk-Talent von Phoebe Bridgers wunderschön in Szene, Ähnliches gilt für „Stay Down“ und Julien Baker (das Gitarrensolo!). Keine der drei Damen drängt sich jedoch auf, Frau teilt den Leadgesang schwesterlich untereinander auf, stellt sich zu jeder Zeit songdienlich hinten an – sehr schön, dieses gefühlt blinde Verständnis für die Harmonien der jeweils anderen. Einziges Manko, in der Tat: Die EP ist mit sechs Stücken innerhalb von 22 Minuten viel, viel zu kurz geraten – demnächst ein Album, bitte? Denn diese „Supergroup“ legt mit ihren ersten Songs massig Finten voller Potential und darf daher gern noch länger so „super“ tönen…

 

 

Am 7. November 2018 gaben Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus im Rahmen ihrer gemeinsamen US-Tour sowie ihrem Tour-Stopp in der Brooklyn Steel in New York City, New York nicht nur die Songs ihrer ersten gemeinsamen Boygenius-EP zum Besten…

 

Nein, jede der drei aufstrebenden Indie-Musikerinnen spielte auch ein eigenes Set. Mitgeschnitten wurde das Ganze freundlicherweise von „Pitchfork LIVE“. Gesamtdauer: alles in allem stattliche knapp drei Stunden. Wohl bekomm’s!

 

(Wer mehr über Boygenius wissen mag, dem sei etwa dieses recht ausführliche Porträt des deutschen „Rolling Stone“ vom vergangenen November empfohlen…)

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Phoebe Bridgers – „It’ll All Work Out“


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Dass sich Phoebe Bridgers ganz gut aufs Covern fremder Songfedern versteht, war in diesem Jahr bereits an anderer Stelle zu lesen. Im Zuge des „Deluxe Edition“-Re-releases ihres im vergangenen Jahr erschienenen Debütalbums „Stranger In The Alps“ hat sich die 24-jährige Indierock-Singer/Songwriterin aus dem sonnigen Los Angeles nun eine kleine, oft übersehene Liedperle des vor etwa einem Jahr (viel zu früh) verstorbenen Tom Petty ausgesucht.

It’ll All Work Out“ stammt vom 1987 gemeinsam mit seinen Heartbreakers veröffentlichten Album „Let Me Up (I’ve Had Enough)„, wurde jedoch erst (zumindest war’s bei mir so) durch seinen Verwendung in dem auf immer und ewig tollen Cameron-Crowe-Roadtrip-Schmonzettefilm „Elizabethtown“ populär(er). Phoebe Bridgers, die aktuell auch – unter dem Band-Pseudonym Boygenius – gemeinsame Sache mit ihren Girl-Buddies Julien Baker und Lucy Dacus macht (die ersten drei EP-Vorboten Stücke „Bite The Hand“, „Me & My Dog“ und „Stay Down“ tönen schonmal recht vielversprechend), unterzieht das ohnehin bereits zarte Tom-Petty-Original einer feinen Samthandschuh-Behandlung, welche den Song – soviel sei gespoilert – wohl keineswegs schlechter macht…

 

 

„She wore faded jeans and soft black leather
She had eyes so blue they looked like weather
When she needed me I wasn’t around
That’s the way it goes, it’ll all work out

There were times apart, there were times together
I was pledged to her for worse or better
When it mattered most I let her down
That’s the way it goes, it’ll all work out

It’ll all work out eventually
Better off with him than here with me

It’ll all work out eventually
Maybe better off with him than here with me

Now the wind is high and the rain is heavy
And the water’s rising in the levee
Still I think of her when the sun goes down
It never goes away, but it all works out“

 

Rock and Roll.

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