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Die Angst, das alte depressive Arschloch


K1600_Depression

…entnommen von Torsten Sträter:

 

Obwohl diese Zeilen „nur“ in irgendeinem gottverdammten Blog (der zufällig meiner ist, und in den seit 2012 viel Zeit, Gedankenarbeit, Schweiß, Herzblut, Liebe und Mühe geflossen ist), irgendwo versteckt im digitalen Dickicht, erscheinen, sind es wohl die, über die ich mir im Vorfeld die meisten und härtesten Gedanken gemacht habe. Denn all das hat wohl nur am Rande mit Musik zu tun. Dafür jedoch: verdammt nochmal mit mir! (Okay, fair enough – hat, speziell bei mir, nicht schlußendlich ALLES mit Musik zu tun?)

Monatelang habe ich gehadert, habe ich gezweifelt, ob ich darüber schreiben sollte. Wenn nein: Warum nicht? Wen belüge ich in diesem Fall? Die Welt da draußen? Alle, die mir nahe stehen? Gar mich selbst? Falls ja: Welche Worte sollte ich wählen? Was passt, trifft den Nagel auf den Kopf? Was wird dem gerecht, was ich fühle, wie ich mich fühle? Gehe ich damit zu weit? Verdammt, wie weit geht zu weit?

Ach, wisst ihr was? Scheiß der Hund drauf, einfach raus damit! Here. We. Go!

Depressive Angststörung.

Wer sich jetzt fragt, wieso der Esel, der sonst doch um keinen noch so langen Schachtelsatz, der Hitlers „Mein Kampf“ zumindest semantisch alle Ehre machen würde, verlegen ist, nun keinen einfachen Satz zustande bekommt, dem sei Folgendes gesagt: So lange ich mir hierüber auch das Haupthirn zermartert habe (und das waren so einige Monate) – ein passendes Satzkonstrukt habe ich nicht gefunden. Denn es standen nur folgende Kandidaten zur Auswahl:

„Ich leide unter einer depressiven Angststörung.“

Leide ich denn wirklich? Nein, denn an gefühlten 200 von 365 Tagen geht es mir wie dir, oder dem Typen, den du in der Straßenbahn gerade den Sitzplatz weggeschnappt hast (ich hab’s gesehen, also tu nicht so scheinheilig perfekt). Und doch stimmt etwas mit mir nicht – zumindest zu einem gewissen Maße. Klar, wer mir auf der Straße oder im Supermarkt entgegen kommen würde, würde all das kaum bemerken. Auch ich selbst habe bis weit in meine Dreißiger gebraucht, um dieser „alten Pottsau Angst“ auf die Schliche gekommen. Geholfen hat mir dabei das mutige Verhalten von Nicholas Müller, also dem Typen, der bis 2014 Sänger der deutschen Alternative-Punk-Band Jupiter Jones war, die Gruppe jedoch nach zwölf Jahren verließ, und mit seinem Ausstieg auch seiner Angststörung, „die ich nun beinahe ein Jahrzehnt mit mir herumschleppte, endlich am Kragen zu packen und ihr mal ordentlich den Marsch zu blasen“. „Oh, ein depressiver Musiker – so sensibel, so normal… Der soll sich mal nicht so anstellen! Andere haben schließlich echte, richtige Probleme!“, mag jetzt sicher mach eine(r) denken… Erwischt? Macht euch nichts draus, IHR SEID VIELE.

Und es ist ja auch wirklich so. „Depressionen sind der zweithäufigste Grund, warum jemand auf der Arbeit fehlt. Seit dem Jahr 2000 sind die Fehltage wegen Depressionen um fast 70 Prozent gestiegen.“ („Depressionsatlas“ der Techniker Krankenkasse, Januar 2015) Mehr als drei Millionen Menschen „leiden“ (da haben wir’s wieder) in Deutschland unter Depressionen. Und damit ist eben nicht das „Scheiße-drauf-sein“, was man mal an einen *hust* „schlechten Tag“ haben kann, wenn der favorisierte Fussballverein mal wieder in der Nachspielzeit das entscheidende Gegentor zur Niederlage kassiert hat, die Freundin ihre sprichwörtlichen „Tage“ und miese Laune schiebt oder der Chef mal wieder viel zu viel Arbeit auf den Schreibtisch gepackt hat, um sich selbst dann ins verlängerte Wochenende zu verabschieden, gemeint. Auch muss eine Depression nicht automatisch bedeuten, sich mit Pillen voll zu stopfen, um „irgendwie funktionieren“ zu können und am Abend Sicht gleich vom Hochhaus oder vor den nächsten Zug zu springen. Nein, die „Volkskrankheit Nummer eins“ kann so viele Gesichter, so viele Nuancen haben, wie es in diesem Land Nasen gibt.

„Ich habe eine depressive Angststörung.“

Habe ich das? Oder hat sie vielmehr mich? Nun, solange ich zurückdenken kann, ist sie ein Teil von mir. Denn so war ich schon immer: zurückhaltend, meist introvertiert, abwartend. Ich war schon als Kind nicht der Dreikäsehoch, der zuerst aufs Klettergerüst gestürmt ist, um als Erster die Spitze zu besetzen. Ich war nie derjenige in der Schule, der die meisten Freunde hatte und immer im Mittelpunkt stehen wollte. Ich war irgendwo dazwischen – kein Einzelgänger wie die, denen man am nächsten Tag einen Amoklauf mit gezückter Schrotflinte hätte andichten können. Aber auch nicht der, der am Ende des Schuljahres seinen Namen unter jedes Jahrbuch kritzeln musste. Ich hatte ein paar Freunde, blieb jedoch auch gern für mich. Am Ende meiner Schulzeit konnte ich den panzernden Schutzschild, den ich mir über die Jahre zugelegt hatte, zu meinem Vorteil nutzen, denn die Unsicherheit, die mir nach außen mal als „Coolness“, mal als „Arroganz“ ausgelegt wurde, kam bei den Mädchen freilich gut an…

Das hat sich auch bis heute kaum geändert. Auf Arbeit bin ich der Kollege, der selten um einen Spaß verlegen ist – meist gut gelaunt, meist selbstsicher. Auf der anderen Seite bleibe ich Veranstaltungen wie Firmenweihnachtsfeiern meist fern, oder gelte als erster Kandidat für einen „polnischen Abgang“. Warum? Nun, es gibt wenige Dinge, die ich mehr hasse als Smalltalk. Da kommt wohl wieder meine Unsicherheit ins Spiel. Ich stehe jemandem gegenüber, den ich nur oberflächlich kenne, und weiß einfach nicht, worüber es sich zu reden lohnt: Das Wetter? Die werte Familie? Den Job? Sport? Politik? Also lasse ich’s. Und schweige. Kennt wohl jede(r)… Unangenehme Situation, oder? Eben.

„Ich bin an einer depressiven Angststörung erkrankt.“

Ist ja auch Quatsch, denn obwohl Depressionen mittlerweile auch offiziell als Krankheit anerkannt sind, sind sie andererseits nicht wie ein Schnupfen oder eine Platzwunde. Beides mag zwar lästig und unangenehm sein, aber am Ende des Tages hat man doch die Gewissheit, dass sich die Rotznase oder die blutende Wunde bald wieder erledigt haben dürfte. Mit Depressionen und Angststörungen ist das eine ganz andere Geschichte…

Obwohl ich erst durch Nicholas Müllers „Coming Out“ mit der „alten Pottsau Angst“ das sprichwörtlich „Klick!“ machende Licht gesehen habe (später, 2015, hat der Mann, den ich für seinen Mut und seine Offenheit noch immer sehr bewundere, mit seiner neuen, aktuellen Band Von Brücken und dem ersten Album „Weit weg von fertig“ viele tolle Songs über die Thematik geschrieben und wird im Oktober, mit „Ich bin mal eben wieder tot: Wie ich lernte, mit Angst zu leben“, sein erstes Buch über den Kampf mit der Angst veröffentlichen, auf das ich mich sehr freue), waren all diese Gefühle immer da: die Zurückhaltung. Das Nachdenkliche, Introspektive. Die zermarternden Gedanken. Die Angst vor Schritten. Angst vor Veränderungen. Ich brauche Routinen. (Wer mag, darf’s, der Einfachheit halber, gern als eine „milde Form des ‚Rain Man‘-Autismus“ auffassen… passt für mich.) Alles andere macht mir Angst, bringt mich zum Schwitzen und mein Herz manchmal gar zum Rasen: Große Menschenmengen. (Ich fühle mich in der Anonymität von Großstädten wohl, bin jedoch lieber für mich.) Große Veränderungen (Umzüge, Jobwechsel etc. pp.). Unsicherheiten, sowohl was die Zukunft als auch was etwa Finanzielles betrifft. Anders als etwa Nicholas Müller, der sich zeitweise von einer subtilen Todesangst verfolgt fühlt(e), habe ich jedoch keine Angst vor dem Tod. Wie war das noch? So viele Nasen, so viele Formen der Depression…

Und da euch allen wohl gerade dieses Vorurteil unter den Nägeln brennt: Ja, auch ich denke oft genug an Selbstmord, kenne diesen „Auswegsgedanken“, seit ich 12 oder 13 Jahre alt bin, bedenke Möglichkeiten, Mittel und Wege. Einfach, damit all diese Mühsal ein Ende hat. Einfach, weil der Kopf und alles andere auch, nicht mehr will und gleich zu platzen droht. Damit dieser Druck in meiner Brust, in meinem Herz (beides ist kein bloßes Pathos, sondern tatsächlich vorhanden) leichter zu ertragen ist. Press replay. Erase and rewind. Da bin ich einfach nur ehrlich. Andererseits: Ich liebe dieses janusköpfige Leben mit all seinen Herausforderungen und Verheißungen. Und: Ich liebe die Musik. Die Vorfreude auf Neues hat mich, seit ich denken, hören und fühlen kann, im Hier und Jetzt gehalten. Jawollja: Ich habe nun bereits fast 34 Jahresrunden mit den Arschlöchern Depression und Angst geschafft – wer sagt denn, dass es nicht noch 34 weitere werden? Klar, Gewissheit kann mir keiner geben, und auch ich kann das nicht. Bleibt also nur, dieses Leben anzunehmen und das Beste draus zu machen – das Ende kommt noch früh genug. Oder?

Und auch den Spöttern, die jetzt kommen und meinen: „Der hat’s doch gut! Hat ein Haus, (s)eine kleine Familie, einen Job, ein Einkommen (auch wenn das gerade ausreicht, um ‚über die Runden zu kommen‘)… Der lebt in einem der sichersten Ländern der Welt und beschwert sich noch immer? First World Arschloch.“ Ich kann’s euch nicht verdenken, denn selbst ich habe ab und an diese Gedanken: Was berechtigt mich, mich gerade so elend zu fühlen, während anderswo auf der Welt Menschen hungern, im Krieg sterben und um ihre nackte Existenz und/oder ihre Familie bangen müssen? Andererseits habe ich mir all das auch nie ausgesucht. Ich bin, wie ich bin. Ich bin der, der ich bin. Lauft an einem dieser miesen Tage, an denen ich morgens kaum aus dem Bett komme und abends heulend zusammen gekauert wieder darin liege, ohne dass ich einschlafen kann, ein Mal für ein paar Kilometer in meinen Schuhen! Es ist doch so: All jene, die weder Depressionen noch Angstzustände kennen (ich möchte hier explizit nicht von „kranken“ und „gesunden Menschen“ schreiben, denn „krank“ fühle ich mich selbst nicht), werden es kaum verstehen (können). Nicht einmal meine eigene Freundin, der ich immerhin zuerst von all dem erzählt habe, versteht mich (oder will es nicht)! Keine Angst, ich nehme es keinem krumm…

Vielmehr liegt das Problem in unserer Gesellschaft verankert: Jede(r), der/die, und sei es auch nur ein klitzekleines Stückweit, von all den „Normen“, all den ausgesprochenen und unausgesprochenen „Regeln“ abweicht und – im Übrigen absolut menschliche –  Schwäche zulässt, wird für „krank“ und „unnormal“ erklärt und wie ein Aussätziger ausgegrenzt. (Was uns leider nur zu arroganten, uns selbst überschätzenden, destruktiven Tieren macht, denn im Tierreich sieht’s kaum anders aus.) In unserer ach so „modernen Leistungsgesellschaft“ gibt es nur eine goldene Devise: Funktionieren! Besser! Schneller! Weiter! Wer – aus welchem Grund auch immer – bei diesem perfiden Spiel nicht mehr mitmacht, der ist raus. Meist final, jedoch zumindest zeitweise. „Hier, nimm deine Pillen – morgen wird’s schon wieder gehen!“ Du darfst dir keine Schwäche erlauben, sollst brav deine Runden drehen und gefälligst die Regeln befolgen. Dass „Mensch zu sein“ auch heißt, nicht 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr immer aufs Eiserndste „funktionieren“ zu können, bleibt da als ungelesene Fußnote viel zu oft auf der Strecke.

Was will ich also mit all diesen Worten bezwecken? Zunächst einmal das, was ich nicht möchte: Mitleid, den ich bin kein Opfer. Häme, aus einem völlig unangebrachten Gefühl der „Stärke“ oder „Überlegenheit“ heraus. Unverständnis, um dieses heikle Thema ja nicht zu nah an sich selbst heran zu lassen. Oberflächlichkeit, um ja weiterhin (s)einem tagtäglichen Trott hinterher gehen zu können. Ich möchte, dass man mich versteht, und eventuell darüber nachdenkt, warum ich bin, wie ich bin. Warum ich so reagiere, wie ich eben reagiere. Die meisten hier werden mich zwar nicht (persönlich) kennen – und doch: AUCH ICH BIN VIELE. Und selbst, wenn ihr mich nicht kennt, dann habt ihr sicherlich den einen oder die andere in eurem Familien- oder Freundeskreis, dem es wohl genauso oder zumindest ähnlich geht wie mir. Und auch diese Person ist, übrigens ebenso wenig wie ihr selbst, eine Machine, die immer, gut geölt und geschmiert, „funktionieren“ muss. Erlaubt euch selbst und diesen Menschen Schwächen. Denkt darüber nach, was es heißt, „Mensch zu sein“. Zeigt Verständnis, zeigt Mitgefühl. Ob ihr am Ende des Tages jeden Gedanken, jedes Wort und jede Entscheidung des anderen zu einhundert Prozent nachvollziehen könnt, ist gar nicht die Frage. Aber man sollte es zumindest versuchen

Und auch wenn ich mit diesen Zeilen nicht das gleiche öffentliche Podium wie Nicholas Müller habe, so wäre das größte Kompliment für mich, den einen oder die andere unter euch zum Nachdenken gebracht zu haben. Zur Ehrlichkeit zu sich selbst gehört immer auch, dies nach Außen hin zu zeigen – koste es, was es wolle.

Ein kleiner Nachtrag an all jene, die mich persönlich kennen: Mit meiner Entscheidung, zu all dem hier in digitaler Form Stellung zu beziehen (die ich ganz bewusst und nach monatelanger Überlegung getroffen habe), will ich euch keineswegs vor den Kopf stoßen. Es ist nur einfach der Weg, den ich für mich gehen möchte, um all die Gedanken, welche mir – mal mehr, mal weniger bewusst – bereits mein gesamtes Leben auf der Brust lagen, auch ein Stückweit vom Herzen zu bekommen.

Das kam von Herzen, in Liebe und mit jeder Menge:

Rock and Roll.

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ANEWFRIEND – Fünf Jahre und 1.000 Posts später…


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Als ich im Januar 2012 angefangen habe, hier auf ANEWFRIEND zu schreiben, hatte ich persönlich gerade ein wenig „Leerlauf“ und keine großen Vorgaben, keine großen Pläne. Zuvor hatte ich bereits für kürzere Zeit einen Blog an anderer Stelle betrieben, es da jedoch nur auf einige wenige Posts gebracht. Von daher sagte ich mir: einfach mal machen. Dass dieses „Machen“ nun schon fünf Jahre und mittlerweile – mit diesem hier – 1.000 Posts stetig anhält, überrascht wohl am meisten mich selbst.

Natürlich ist mir bewusst, wie unwichtig ein Blog wie dieser doch – am großen Ganzen gemessen – ist. Andere Menschen verändern die Welt (am besten zum Positiven), leisten Großes und Wichtiges, retten vielleicht Leben. Nach außen hin war stets mein Ziel, jedem einzelnen Leser, jeder einzelnen Leserin Neues aufzuzeigen, sein es neue Künstler und/oder Bands, neue Filme, neue Serien, kleine Geschichten oder große Worte. Und euch allen für Momente den oft so tristen, grauen Alltag ein klein wenig bunter, schöner und abwechslungsreicher zu gestalten. Denn dass dieser – der Alltag – uns alle nicht selten komplett genug in Beschlag nimmt, sodass kaum mehr Zeit für Ablenkung oder Kurzweil  bleibt, habe auch ich, der ich diesen Blog auch in fünf Jahren voller Lebensmittelpunkt- (vom Osten Deutschlands ins im Süden Hollands gelegene Limburg, und auch da wieder diverse Umzüge inklusive Hauskauf) und Jobwechsel komplett allein weiter betrieben habe, einige Male spüren dürfen. Und bin oft genug an Grenzen gestoßen. Life is what happens while you’re busy making other plans – John Lennon wusste, wovon er sang. Von daher – denn auch ich bin ja nicht aus Stein – tut jedes Lob, jedes Dankeschön, jedes Feedback – positiv wie negativ slash kritisch – freilich gut.

Im Grunde möchte ich mich nur bei all jenen bedanken, die ANEWFRIEND über die Jahre die Treue gehalten haben, die vielleicht über diese Zeit auf mein nicht mehr ganz so kleines Blog-Baby gestolpert (und hoffentlich noch mehrere Male hängen geblieben) sein sollten. Denn, wie ich schon öfter geschrieben habe, ich mache dies hier ja nicht (nur) zum reinen Selbstzweck (auch wenn das Schreiben bei all der Zeit, Nerven, Geduld und Mühe, die ich investiere), sondern damit die Worte, welche über meine grauen Hirnzellen und Finger in die Tastatur wandern, gelesen werden. Freilich ist jeder Kreative (und als solchen möchte ich mich an dieser Stelle frank und frei einmal bezeichnen) auch ein Stückweit Egoist, möchte sich mitteilen. Aber eben auch: gehört werden. Danke also, dass du dir Zeit und Ruhe nimmst, um meine Zeilen zu lesen – und sei es nur gerade jetzt. Das bedeutet mir viel. Und ich hoffe, dass ich jedem Leser, jeder Leserin tatsächlich das ein oder andere Neue, Aufregende und/oder Unterhaltsame näher ans Hörer- oder Cineastenherz legen konnte, dass ihr durch ANEWFRIEND auf Dinge gestoßen seid, welche euch ohne meine Worte verborgen geblieben wären. Denn wie heißt es so schön: Sharing is caring. All das für mich, aber vor allem für euch. Von Herzen.

(Dass ich mir für diesen Jubiläums-Post eigentlich vorgenommen hatte, ein noch persönlicheres Thema, welches mir sehr am Herzen liegt, anzusprechen, sei nur am Rande erwähnt. Noch arbeiten sich meine Gedankenstränge zu sehr daran ab. Noch stehen viele Worte in der Schwebe. Vielleicht werde ich dies also zu einem späteren Zeitpunkt tun. Wer weiß das schon…)

 

Rock and Roll.

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Back from the Dead…


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„Life is what happens to you while you’re busy making other plans…“

Selten hat dieses John Lennon-Zitat – der gute Herr hatte kurze Zeit, nachdem er diese berühmten Zeilen als Teil des Songs „Beautiful Boy (Darling Boy)“ ins Studiomikro sang, selbst die zweifelhafte Ehre, seine knapp gefasste Lebensweisheit auf deren praktikablen Wahrheitsgehalt zu prüfen – meine Lebensumstände besser umschrieben als in den vergangenen sechs Wochen. Da entschwindet man den heimischen vier Wänden an einem freien Samstagabend für vier, fünf Stunden, um ein Konzert zu besuchen (das zwar toll war, nun aber in zwiespältiger Erinnerung zurück bleibt), kehrt spät in der Nacht nichtsahnend müde und angenehm abgetrunken zurück – und dann das! Tür aufgebrochen, MacBook weg… Der Optimist unter euch wird sicherlich sogleich meinen: Sei doch froh, dass diese [hier bitte einen selbstgewählten Kraftausdruck übelster Kajüte einfügen] nicht mehr mitgenommen haben und setzte ein „nur“ davor! Dennoch bleibt ein Verlust, ohne den ich diesen Blog in den vergangenen Wochen zwar hätte weiterführen können, aber nicht wollte, da dies herbe und deutliche Einbußen in Qualität und Optik zur Folge gehabt hätte, mit denen ich mich so kaum hätte abfinden wollen. Also bedeutete der Zwischenfall für ANEWFRIEND eine ad hoc verordnete Zwangspause, die ich einerseits fürs „Runterkommen“ und verdiente einwöchige Urlaubmachen in Familie nutzte, andererseits aber auch für die sich nach dem Einbruch ergebenden „Verseitigungen“ der Folgen (Anzeige bei der Polizei, neues MacBook ordern und einrichten  – ein Dank an dieser Stelle noch einmal an meine allzeit hilfsbereite Familie! -, den Schaden mit der Versicherung abklären etc. pp.). Und wie das nunmal so ist, setzt es auf einen Nackenschlag auch gern den nächsten, so als wollte das Leben mir entgegnen: „Du denkst, das war’s jetzt? Einen kleinen Moment, bitte…“. Das Rad steht eben nie so ganz still, und schon Modest Mouse brachten vor ziemlich genau zehn Jahren auf ihrem Meisterwerk von einem Album, „Good News For People Who Love Bad News„, das böse Spiel von Schicksal und Alltag mit großartig daher rumpelnden Melodien und scharfzüngigen Worten trefflich zynisch auf den Punkt. Kein Glück ist wohl schöner als jenes, das man sich verdienen muss – glaubt’s mir, wenn ihr es nicht schon längst an der eigenen Haut erfahren habt.

Doch all die, die mich kennen, wissen, dass wohl kaum etwas (oder gar nichts) meine Liebe zur Musik und zum Schreiben (darüber) auf Dauer erschüttern kann. Deshalb kehrt ANEWFRIEND nun aus seiner Zwangspause zurück, um sich Schritt für Schritt wieder ins „normale“ Alltagsterrain zu bloggen, zu schreiben. An all jene, die während der Auszeit nach dem nächsten Post gefragt haben: Danke, fühlt euch gern als personifizierte Triebfedern des Neustarts! An all die, denen all diese Worte nichts bedeuten mögen: Surft weiter durchs weltweite Netz, hier gibt es nichts zu sehen, danke. All das was war, all das was kommt, geschieht mit dem besten aller Gefühle: Liebe. Einer Liebe zur Musik, einer Liebe zum Schreiben. Für euch. Für mich. Mehr braucht es in bestimmten Momenten nicht, das Leben, dieses mal umarmende, mal herzhaft zupackende, mal wild um sich schlagende erstaunliche kleine Arschloch. Over and out.

„The trick is to keep breathing…“ (Garbage)

 

 

Rock and Roll.

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Aus gegebenem Anlass…


ANEWFRIEND bedankt sich in den letzten Stunden des Jahres für ein grandioses (Musik)Jahr, für über 13.000 Besuche, für’s Lesen, Kommentieren, Kritisieren, Diskutieren, Degustieren, Animieren… und wünscht euch und euren Liebsten einen unfallfreien Rutsch ins neue Jahr sowie maximale Erfolge in 2014! Drückt die Daumen, dass wir auch in den kommenden 365 Tagen ausreichend Gelegenheiten haben, uns ähnliche viele großartige Bilder und Töne durch die Köpfe und Gehörgänge schwirren zu lassen… es bleibt spannend? In jedem Fall. Und ein Versprechen gebe ich bereits jetzt: ANEWFRIEND bleibt ganz bei sich.

 

 

Live your heart and never follow. Don’t look back in anger.

Bleibt euch treu, bleibt ANEWFRIEND treu!

 

Rock and Roll.

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Zum zehnten Todestag von Elliott Smith…


elliott

Himmel, zehn verdammte Jahre… Zehn! Und so viele Erinnerungen…

Als Ende Oktober 2003 die Nachricht die Runde machte, dass Elliott Smith tot aufgefunden wurde, fragte ich mich wie viele andere auch: „Elliott wer?“. Allerorts waren sehr persönliche, ja geradezu zu Herzen gehende Nachrufe zu lesen (ich erinnere mich da spontan an einen von Ex-Tomte-Chef Thees Uhlmann), in welchen von einem gefallenen Genie und allerlei Tragik die Schreibe war. Ich kam also kaum umhin, ein Ohr zu riskieren…

Und – machen wir’s kurz, so pathetisch und phrasiert es sich im ersten Moment auch lesen mag: Diese, Elliott Smiths Musik veränderte mein Leben wie kaum etwas davor und danach (ad hoc würde ich noch maximal fünf Namen einen ähnlichen Stellenwert einräumen). Zuerst fiel mir sein viertes, 1998 erschienenes Soloalbum „XO“ in die Hände. „Baby Britain“, „Independence Day“, „Oh Well, Okay“… – im Grunde könnte man hier alle vierzehn Stücke als Highlights aufzählen. Und obwohl ich selbst den Nachfolger „Figure 8“ noch eine Spur inniger liebe, beweist Smith sich schon auf „XO“ als vollkommener Musiker, der scharfkantige, zu Herzen reichende Lyrik mit Harmonien verband, die ich so bislang nur von den Beatles oder Beach Boys kannte (wer mag, darf hier – von mir als „Melodiebögen-Junkie“ – gern ein besonders großes Kompliment sehen). Wer sich im Nachgang mit der Biografie des 1969 als Steven Paul Smith irgendwo im Nirgendwo des US-amerikanischen mittleren Westen geborenen Musikers vertraut machte, der wusste, dass Elliott Smith all seine schmerzlichen Zeilen kaum über Fremde, Freunde oder Bekannte geschrieben hatte. Nein, all seine Songs handelten – mutmaßlich – ganz und sonders von ihm selbst (Ausnahmen wie „Son Of Sam“ bestätigen trotz allem die Regel). Mal zu fingergepickter Akustikgitarre, mal am Piano und – wie schon zu Zeiten seiner Ex-Band Heatmiser – im krachigen Indierock-Outfit – Smith schien es ein Leichtes zu sein, jedem seiner Stücke das nötige emotionale Instrumentalgewand zu verpassen.

Und irgendwie passt auch ins Bild, dass ein Moment, der für 90 Prozent seines Berufsstandes potentiell den Startschuss in eine nahezu rosige Zukunft bedeutet hätte, wohl zum Wendepunkt in Elliott Smiths Leben wurde: Viele staunten 1998 nicht schlecht, als mit „Miss Misery“ eine traurige Ballade als „bestes Titelstück“ für einen Oscar nominiert wurde (als Teil von Gus Van Sants Film „Good Will Hunting„). Leider war dieses Jahr auch jenes, bei welchem ein Film namens „Titanic“ nahezu jeden erdenklichen Preis holte und sämtliche Rekorde pulverisierte… Und gegen einen Welthit wie „My Heart Will Go On“, geschmackssicher schmonziert von der zu Weltruhm gelangten Heulboje Celine Dion, hatte Smith freilich keinerlei Chance. Trotzdem wagte sich am Abend der Oscar-Verleihung ein klammes Männchen im weißen Anzug auf die Preisverleihungsbühne und sang zur Akustischen und mit von brüchigem Vibratio getragener Stimme sein Stück von der Schattenseite des Lebens („I’ll fake it through the day / With some help from Johnny Walker Red / Send the poison rain down the drain / To put bad thoughts in my head“), welches immer und immer wieder in der beinahe spöttischen Frage „Do you miss me, miss misery Like you say you do?“ gipfelte. Ein fraglos seltsamer, surrealer Anblick… Und obgleich Smiths Song ohne Preis blieb, so wurden im Nachgang größere Plattenfirmen auf den Singer/Songwriter, der bis dato zwar stetes Kritikerlob eingefahren, jedoch fernab des breiten öffentlichen Interesses produziert hatte, aufmerksam. Größeres Budget, größeres Studio, mehr (und qualitativ bessere!) Möglichkeiten – welcher Musiker hätte da bitte Nein gesagt? Smith nutzte die Angebote und veröffentlichtes zwei Jahre darauf, 2000, mit „Figure 8“ ein Album, das die kleinen Akustikstücke vergangener Werke im Gros hinter sich ließ und sich klar dem Klanggewand Smiths großer Vorbilder, den Beatles, verschrieb. Ebenso bezeichnend ist wohl auch, dass Elliott Smith eben nicht versuchte, mit einfachen poplastigen Songs und Strukturen nahtlos den nächsten Erfolgssong herauszupressen. Im Gegenteil: „Figure 8“ darf – vom postum veröffentlichten, grandiosen „From A Basement On The Hill“ einmal abgesehen – gut und gern als das sperrigste Werk des Musikers gelten.

 

 

Leider heilt der Erfolg höchstens klamme Geldbeutel und rote Kontostände, jedoch nie die Seele. Und obwohl sich Smith, Freunden und Zeitzeugen nach, kaum um Erwartungshaltungen und Plattenfirmendeadlines zu scheren schien, so kämpfte er bereits seit frühester Jugend, welche er zuerst im konservativen Dallas, Texas, später im weitaus offeneren Portland, Oregon verbrachte, einen Kampf gegen seine eigenen inneren Dämonen. Einerseits war Elliott Smith ein zu allerhand Späßen bereiter Zeitgenosse und Freund, andererseits nie der, der sich ungefragt zum Wortführer aufschwang und von sich aus in den Mittelpunkt drängte. Er suchte sein Heil im kreativen, aber leider auch im drogenbedingten Exzess, und ließ seine Hörer anhand seiner fünf Soloalben als Schaubilder in eine gebrochene Seele daran teilhaben. Er rannte, taumelte – und fiel. Am 21. Oktober 2003 wurde er von  seiner damaligen Freundin Jennifer Chiba nach einem Streit der beiden mit zwei Messerstichen in der Brust tot aufgefunden. Und obwohl alles auf einen Selbstmord hindeutete, konnten die genauen Umstände nie geklärt werden…

Elliott Smiths Tod riss vor zehn Jahren ein Loch in die Musikszene. Keiner vermochte sich auszumalen, zu was dieser schüchterne, nach Außen unsicher auftretende, jedoch in höchstem Maße begabte Kerl – in kreativem Sinne – noch in der Lage gewesen wäre. Allein das postum von Freunden und Wegbegleitern fertig gestellte und ein Jahr nach seinem tragischen Tod veröffentlichte Album „From A Basement On The Hill“, an welchem er bis zuletzt gearbeitet hatte, wirft ebenso viele Fragen wie Antworten für mannigfaltige Schnitzeljagden ins Rund. Kein Zweifel, dass Smith in einer Reihe mit Größen wie John Lennon, Paul McCartney oder Brian Wilson zu sehen ist. Nur leider endete sein Leben im Alter von 34 Jahren – und damit ähnlich früh und nebulös wie das eines Jeff Buckley (dieser ertrank), Nick Drake (nah eine Überdosis Antidepressiva zu sich), Jim Morrison (Überdosis von Wasauchimmer) oder Kurt Cobain (Rauschmittel und Schrotflinte). Eins zu null für Elliott Smiths Dämonen, der Treffer fiel viel zu früh…

Elliott Smith

Gern hätte ich mich bei Elliott Smith für all die Stücke bedankt, die mich vor Jahren durch eine harte Zeit gebracht haben. Dass ich nicht im Stande bin, unter all den Glanzlichtern einen persönlichen Favoriten auszuwählen, dass massig Stücke nach all den Jahren noch immer lebhafte Erinnerungsfetzen vor meinem inneren Auge vorbei ziehen lassen, dass ich einfach fühle, dass ein Freund zu mir singt, als ob er sagen möchte „Mir geht’s ebenso wie dir, du bist nicht allein in diesem Moment“ – all das sagt so Einiges, zumindest für mich. Nicht ohne Grund trage ich seit Jahren die selbe Tätowierung wie Elliott Smith am Arm (die Coverzeichnung von Ferdinand dem Bullen). Ich habe es nie bereut. Und auch wenn ich die Alben von „Roman Candle“ bis „From A Basement On The Hill“ nicht mehr täglich hören kann (nicht, weil ich’s nicht möchte, sondern einfach, weil so viele Erinnerungen daran geknüpft sind), so weiß ich doch auch heute noch, dass – und warum! – ich mich damals Hals über Kopf in diese Lieder verliebt habe. Schonungslos offene Geständnisse, Lyrik auf meisterlichem Niveau, Melodien wie tausend kleine Geniestreiche – all das findet man bei Elliott Smith. Ich würde so gern „Danke“ sagen, mein Freund, den ich nie kennen lernen durfte… Du wirst vermisst.

 

Bevor ich die ein oder andere weiterführende Empfehlung ausspreche, möchte ich meinen Nachruf mit Elliott Smiths kaum grundlos bereits hundertfach von anderen Künstlern interpretiertem Song „Between The Bars“ (unter anderem geben sich hier mit Metric, Agnel Obel, Chris Garneau, The Civil Wars, Good Charlotte oder gar Madonna Licht und Schatten die musikalische Klinke in die Hand) beschließen. Nie wurde ein nächtlicher Kneipenstreifzug schöner besungen (Nimm das, Tom Waits!)…

 

 

„Drink up baby, look at the stars
I’ll kiss you again between the bars
Where I’m seeing you there with your hands in the air
Waiting to finally be caught
Drink up one more time and I’ll make you mine
Keep you apart, deep in my heart
Separate from the rest, where I like you the best
And keep the things you forgot…“

 

Allen Neulingen seien – neben der halbwegs gelungenen Zusammenstellung „An Introduction to Elliott Smith“ und Smiths sieben Soloveröffentlichungen (allen voran meine Lieblinge „Figure 8„, „From A Basement On The Hill“ und „XO„) – auch die Biografie „Elliott Smith and the Big Nothing“ von Benjamin Nuget und der großartige Bildband von Fotografin Autumn de Wilde (welche sich auch für das Musikvideo zum Song „Son Of Sam“ verantwortlich zeichnete) ans Herz gelegt.

Wer darüber hinaus noch Genussmaterial für die Gehörgänge sucht, der findet auf archive.org Einiges an kostenfreien Konzertmitschnitten in mal mehr, mal weniger toller Qualität. Um euch die Arbeit des Suchens und Vergleichens zu ersparen, hier meine Favoriten:

– Elliott Smith live at Black Cat, Washington, DC, USA, April 17, 1998 (hier)

– Elliott Smith live at Studion, Stockholm, Sweden, June 2, 1998 (hier)

– Elliott Smith live at Maxwell’s, Hoboken, NJ, USA, August 12, 1998 (hier)

– Elliott Smith live at Maxwell’s, Hoboken, NJ, USA, December 30, 1999 (hier)

– Elliott Smith live at The Steamboat, Austin, TX, USA, May 3, 2003 (hier)

 

Des weiteren hat Pretty in Noise zu Elliott Smiths zehntem Todestag eine reichhaltige Playlist mit massig Live-Versionen und alternativen Mixen von Songs des „leisen Helden des Indie-Rocks“ (Zitat laut.de) ins weltweite Netz gestellt:

elliott smith

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: John Frusciante – „Going Inside“


Going Inside

Eine Schreibblockade. An sich ja nichts Schlimmes, immerhin kann auch der regelmäßigsten Blogger eine kleine Pause dann und wann gut tun. Aber in diesem, in meinem Fall sind die Ursachen höchst unschöner Natur…

Seit gut einem Jahr lebe und arbeite ich nun schon in Maastricht, dem beschaulich schönen 122.000-Einwohnerstädtchen im holländisch-belgisch-deutschen Dreiländereck. Exakt 700 Kilometer trennen mich seit eben jener Zeit von meiner sächsischen Heimat. Normalerweise macht mir das nichts aus – man(n) hat ja Facebook, Skype und wasweißich für technische Hilfsmittel, um den regelmäßigen Kontakt zu Familie und Freunden aufrecht zu erhalten. Doch in den letzten Tagen hätte ich wohl – gefühlt – ebenso in Australien, China oder der Antarktis festsitzen können. Die gesamte vergangene Woche pendelte ich in Gedanken ständig zwischen meiner neuen und alten Heimat hin und her, verfolgte die Berichterstattungen im Fernsehen und klickte unzählige Male auf den Refresh-Button sämtlicher Newsfeed-Angebote. Selten war eine so profane Redewendung wahrer: Kaum etwas interessierte mich mehr als die Wasserstandsmeldung der Elbe. Denn das kleine sächsische Örtchen, aus dem in stamme, liegt nur gut 6 Kilometer von eben jenem Fluss entfernt, an dem ich in meiner Jugend so viel Zeit verbracht habe und an den ich noch heute unzählige Erinnerungen knüpfe. Und so stand ich jeden Morgen mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend auf, das sich auch im Laufe des elendig lang erscheinenden Arbeitstages nicht legen sollte. Würde der Pegel weiter steigen? Würden die Sandsackdämme halten? Beinahe jede neue Meldung verhieß nichts Gutes. Keine Nachricht von meiner Familie im Posteingang, kein Anruf. Keine Nachrichten sind am Ende doch gute Nachrichten – richtig? Mehr als einmal habe ich daran gedacht, hier alles stehen und liegen zu lassen, ein paar Tage frei zu nehmen, mich für jeweils acht Stunden ins Auto zu setzen und in die Heimat zu fahren. Zum Sandsäcke befüllen, zum Sandsäcke schleppen. Um wasweißichauchimmer zu tun. Um zu helfen! Doch ich habe es nicht getan. Ich saß auf Arbeit. Ich habe, so gut es eben ging, versucht, in meinem Alltag zu bleiben, abzuwarten. Und am Ende saß ich Abend für Abend vor dem Lichtschein meines Macs, unfähig zu schreiben. Ein Teufelskreis aus Bedrückung und Abwarten. Musik? Nebensache – eine wahrlich schöne zwar, aber immer noch: eine Nebensache. Innerliche Zwangspause. Schreibblockade.

Und da es in der Tat viele Dinge geben mag, nur eben keine Zufälle, hat gestern ein Lied, das nie so ganz weg war, zurück zu mir gefunden: „Going Inside“ von eben jenem Mann, den mein Herz für den wohl genialsten Gitarristen hält, der jemals ein Tonstudio betreten hat: John Frusciante. Und da dies kein Zufall sein kann, versetzte mich eben jenes Stück zurück ins Jahr 2002, als schon einmal der Wasserpegel der Elbe – glücklicherweise – unweit meines Elternhauses zum Stehen kam. Auch damals verbrachte ich die schlimmsten Tage im Ausland und erkundete als frisch gebackener Abiturient für eine Woche die französische Hauptstadt. (Liest sich surreal? Fühlte sich auch so an!) Und in eben jenem Urlaub fand mit Frusciantes Soloalbum „To Record Only Water For Ten Days“ eben jenes Album den Weg in meine Plattensammlung, welches bis heute zu meinen absoluten Lieblingsalben zählt. Nicht aufgrund irgendeiner Perfektion, denn als „perfekt“ – nach klassischem Verständnis – kann man jene 42 Minuten schwerlich bezeichnen. Nein, definitiv aufgrund seiner Emotionalität. Seiner Fragilität. Der Hintergründe, welche den Künstler zu eben jenem Werk führten. Vor allem jedoch: aufgrund der vielen Erinnerungen, welche auch elf Jahre später noch vor meinem geistigen Auge vorbei ziehen… Paris im Sonnenschein, die Avenue des Champs-Élysées, welche sich links und rechts der vielen Regenschirme erstreckte, Père Lachaise und Jim Morrisons Grab, der Eifelturm, Sacré-Cœur… All diese Dinge. Jedoch auch die Abende, in denen französische Nachrichtensprecher in schnellen Worten Bilder vom Hochwasser in der sächsischen Heimat unterlegten.

(Regelmäßigen Lesern von ANEWFRIEND mag diese Geschichte wohl bekannt vorkommen. Alle anderen finden hier mehr dazu…)

Und obwohl John Frusciante mittlerweile – erneut – seinen Gitarrengurt bei den Red Hot Chili Peppers an den Nagel gehängt, den Posten an seinen ehemaligen Adjutanten Josh Klingenhoffer weitergereicht hat und Musik fabriziert, die ich kaum mehr als solche erkennen mag – und mit ihr folglich nichts anfangen kann, leider -, hörte ich gestern nach langer Zeit wieder einmal „Going Inside“ und „To Record Only Water For Ten Days“, ein Album dass mich in meinem Leben bereits mehr als einmal aus meiner Lethargie befreit hat. Danach entschloss ich mich zum Schreiben eben jener Zeilen. In der Hoffnung, dass in Sachsen die schlimmsten Fluten vorüber gezogen sein mögen. Meinen Kopf mag ich in den vergangenen Tagen Maastricht gehabt haben – mein Herz war immer in der Heimat, während den Fingern eine Schreibblockade auferlegt wurde… Die Hoffnung, sie lebt. Das Leben geht weiter, immer weiter – in jedem Fall. Auch und vor allem Mr. John Frusciante weiß das…

 

 

„You don’t throw your life away 
Going inside 
You get to know who’s watching you 
And who besides you resides 
In your body 
Where you’re slow 
Where you go doesn’t matter 
‚cause there will come a time 
When time goes out the window 
And you’ll learn to drive out of focus 
I’m you and if anything unfolds 
It’s supposed to 
You don’t throw your time away sitting still 
I’m in a chain of memories 
It’s my will 
And I had to consult some figures of my past 
And I know someone after me 
Will go right back 
I’m not telling a view 
I’ve got this night to unglue 
I moved this fight away 
By doing things there’s no reason to do“

 

Rock and Roll.

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