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Song des Tages: Restorations – „Nonbeliever“


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Keine Frage, Restorations sind Halunken! Da kündigt die fünfköpfige Indierock-Band aus dem US-amerikanischen Philadelphia, Pennsylvania – nach immerhin vier Jahren Wartezeit – ihr neues Album an – und am Ende stehen schlappe sieben Songs und knapp 25 Minuten Spielzeit zu Buche… Die gute Nachricht: Das ist wohl beinahe das einzige, was man Restorations aktuell vorwerfen kann.

Ungeachtet des Eindrucks, dass sich Jon Loudon (Gesang, Gitarre), Dave Klyman (Gitarre),  Ben Pierce (Keyboard, Gitarre), Dan Zimmerman (Bass) und Jeff Meyers (Schlagzeug) anno 2018 und auf ihrem neuen Album „LP5000„, für das die Band – nach den Vorgängern „Restorations“ (2011), „LP2“ (2013) und zuletzt „LP3“ (2014) – die im Grunde simple Plattentitel-Chronologie um einen überhöhenden Wortwitz ergänzt, mehr denn je in die ehrsame Riege der kumpeligen, Karohemd tragenden Bartresen-Springsteen-Epigonen einreihen, verbucht das Quintett Vieles an Pluspunkten für sich, was Referenzbands wie The Gaslight Anthem, The Hold Steady, Hot Water Music, Jimmy Eat World oder den Get Up Kids mit den letzten Veröffentlichungen abhanden gekommen schien. Etwa: ein feines Näschen für die richtige Melodie und spannende Song-Idee.

restorations-lp5000Denn obwohl kaum eines der gerade mal sieben Stücke von „LP5000„, welches die Band erneut gemeinsam mit Langzeit-Produzent Jon Low (The National, Frightened Rabbit, The War On Drugs) in Hudson, NY aufnahm, höchstens annähernd die Vier-Minuten-Marke kratzt (einzig der ruhig startende und gen Ende mächtig Post-Rock-Fahrt aufnehmende Albumabschluss „Eye“ bildet hier die Ausnahme), ziehen sie den Hörer von Hördurchlauf zu Hördurchlauf immer weiter in ihren mal mehr, mal weniger laut rockenden Bann. Der flotte Einstieg „St.“ etwa, in dem Frontmann Jon Loudon mit seinem markant-rauen Gesangsorgan voller Emphase beteuert: „I’ll tell you what you already know: you can’t do this all on your own“. Oder das bereits vor einigen Wochen vorab veröffentlichte „The Red Door“ (nebst einem feinen Musikvideo, das die Geschichte von zwei Hunden erzählt, die in die Natur fliehen und ihre neu gewonnene Freiheit feiern), in dem Loudon die Gentrifizierung seiner Heimatstadt anprangert: „Philadelphia (und möglicherweise auch deine Stadt) verändert sich rapide. Ich frage mich, wo die Leute hingehen werden, wenn sie es sich in Zukunft nicht mehr leisten können, in diesen neuen Nachbarschaften zu leben. Diese ‚roten Türen‘ an all diesen Gebäuden erscheinen mir wie eine Art Warnschild,“ wunderte sich der Sänger kürzlich in diesem Interview bei NPR.

Eines der Highlights des – der Kürze zum Trotz – kaum an Glanzpunkten armen Albums dürfte jedoch zweifellos „Nonbeliever“ sein. Durchzogen von schwebenden Emorock-Gitarrenriffs und angetrieben von einem – im besten Sinne – fies ohrwurmigen Refrain, dreht sich der Song um verschiedene Fragen, die sich laut Sänger und Gitarrist Jon Loudon viele Menschen Mitte Dreißig stellen: „An welchen Ort soll man noch ziehen? In welcher Branche kann man noch arbeiten, die nicht zusammenbrechen wird? Welche Möglichkeiten sind da, die nicht zu schrecklich sind?“ – Allesamt berechtigte Fragen, mit denen der selbst 35-jährige Musiker kaum allein auf weiter Flur dastehen dürfte…

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Alles in allem gehen Restorations den Weg ihrer letzten Werke mit „LP5000“ (welches NPR aktuell bereits im Stream bietet) weiter und bieten all jenen, die mächtig Bock auf eine kurzweilige Melange aus Indierock (mit den Zehen im seligen Neunziger-College- und Emorock), hemdsärmeligem Punkrock, etwas modernem Grunge, einer Prise Postrock sowie Blues haben, eine musikalische Alternative zu all jenen weiter oben genannten Referenzbands. Und: Geht es nur mir so, oder werden speziell bei diesem Philly-Quintett satte Erinnerungen an Pela wach, die sich nach dem 2007 veröffentlichten (und noch immer sträflichst unbekannten) Debüt „Anytown Graffiti“ leider viel zu früh trennten, sowie vor allem „Rise Ye Sunken Ships„, den darauf folgenden Erstling von We Are Augustines, der Pela-Nachfolgeband, die sich wenig später in Augustines umbenannte, nur um 2016 (und zwei weiteren Alben) vorerst ebenfalls die musikalischen Segel zu streichen? Schließlich sind raue Reibeisen-Gemeinsamkeiten bei den Stimmchen von Jon Loudon und Pela-/Augustines-Fronter William McCarthy kaum von der Hand zu weisen… Nevermind. Großartiges (Mini-)Album der Schlingel von Restorations, das in einer gerechten Musikwelt ausreichend Beachtung und den ein oder anderen vorderen Platz in der Jahresabschlussliste verdient hat – und, ganz nebenbei, eines der schönsten Albumcover-Artworks des Jahres stellt.

 

„Restorations have always been a band keenly aware of their surroundings and LP5000 is just that: Seven songs written and recorded during a time of transition. It’s a record about displacement. It’s about feeling complacent and coming to the sudden realization that maybe things aren’t as solid as they’d seemed—in politics, in personal relationships, and in the different corners of their hometown of Philadelphia. It’s about knowing now that if you don’t constantly work 24/7 to keep things together, they can easily fall apart. One long, sustained ‚Oh, fuck.'“

 

 

„This working thing just ain’t working for you
You just refresh the news and repeat it again
Said you’ve found the trick: just be bad at your job
If you burn all the fries, they’re gonna make you the king

There you’ll find this nonbeliever
On their non-believing knees

Said you’re doing much better living out in L.A
Far away from your parents and the concerns of the day
And you think about all your friends from school
What they’re doing now
If they remember

There you’ll find this nonbeliever
On their non-believing knees
You’ll find this nonbeliever asking for anything

I love your protest lines
Oh, but who has the time?
We all saw the same thing at the same time, okay?
Got a partner for starters
And a kid on the way
Can’t be doing all this dumb shit no more

There you’ll find this nonbeliever
On their non-believing knees
You’ll find this nonbeliever asking for anything

There you’ll find this nonbeliever
On their non-believing knees
You’ll find this nonbeliever asking for anything
Asking for anything

And you’re running out of things to give away…“

 

EDITH: Das Album gibt es mittlerweile via Bandcamp in Gänze im Stream:

 

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Zu kurz gekommen… – Teil 5


Pela – Anytown Graffiti (2007)

Den Ehrentitel der „zu kurz gekommenen Platte“ hat wohl kaum ein anderes Album mehr verdient als „Anytown Graffiti“ von Pela, wird es doch tragischerweise wohl auf ewig das einzige Album dieser großartigen Band bleiben…

Jedes Mal, wenn ich das 2007 erschiene Debütalbum der New Yorker Band um Sänger Billy McCarthy höre, ist es für mich in kleinster Weise nachvollziehbar, warum dieses Kleinod von vertontem Road Movie nie außerhalb der USA nur als Import zu bekommen war, und selbst in ihrem Heimatland recht mäßigen Anklang – gemessen an Verkaufszahlen – fand, während musikalisch vergleichbare Bands wie The Hold Steady, The Killers oder Arcade Fire ausverkaufte Konzerthäuser bespielten… Dabei hat das 40-minütige „Anytown Graffiti“ alles, was ein großes Album auszeichnet: mitreißende Hymnen, mal hemdsärmelig rockend, mal groß wie U2, welche sowohl im Wohnzimmer als auch im Stadion überzeugen könnten. Einen Sänger, der sein Herz auf der Zunge trägt und der sich – volle Inbrunst voraus! – direkt zur Seele des Hörers / der Hörerin aufmacht. Texte, in denen gelitten, geliebt, gelebt, geträumt und gehasst wird… Man kann in jedem der elf Songs Zeilen finden, die es wert wären, dass man sie sich auf die stolzgeschwellte Brust tätowieren ließe. Beispiele gefällig? „The days just roll by / And the songs write themselves / Like little bombs they just blow up / Friendly fire that shoots itself“ („Song Writes Itself“), „Call me if you want to break out / Call me if you can’t win / We can find some desert hideout / Your desert’s not a desert at all“ („Your Desert’s Not A Desert At All“), „It’s only love, only love / We did this before, it’s only love“ („Tenement Teeth“). Textlich nah bei Arcade Fire’s „The Suburbs“, geht es auch hier um die Jugend, ums Stürmen und Drängen, um Wendepunkte, um den Traum, alles stehen und liegen zu lassen und mit dem Mädchen (oder dem Jungen) seiner Träume ins Auto zu steigen und sich, zwei Stangen Zigaretten und eine Kiste Tequila im Gepäck, gen Sonnenuntergang zu verabschieden. – Musikalische Filmfetzen des feuchten Traums eines Cineasten vom Vorstadt-Amerika, wo nicht alles gut, aber alles möglich erscheint. Der Soundtrack hierzu klingt, als würden die frühen (!) Killers Springsteens „Born To Run“ oder „Darkness On The Edge Of Town“ in Gänze spielen. Der Soundtrack hierzu ist „Anytown Graffiti“ von Pela.

Leider löste sich die vierköpfige Band 2009 auf, noch bevor sie ein zweites Album veröffentlichen konnten und nach vielen unglücklichen Missgeschicken und Vorkommnissen (Rechtsstreitigkeiten mit ehemaligen Labels und Managern, Verletzungen von Bandmitgliedern).

Für alle, die danach sehnlichst auf ein Lebenszeichen der Ex-Pela-Musiker (am meisten wohl von Sänger Billy McCarthy) gewartet hatten, war es wohl ein bisschen wie Weihnachten und Ostern an einem Tag, als im Juni 2011 endlich „Rise Ye Sunken Ships“, das Debütalbum von We Are Augustines, McCarthys gemeinsamer Band mit Ex-Pela-Bassist Eric Sanderson, erschien. Musikalisch machen die beiden erfreulicherweise nun da weiter, wo sie mit Pela notgedrungen aufgehört hatten. Textlich ist „Rise Ye Sunken Ships“ stellenweise recht harter Tobak, verarbeitet Billy McCarthy in vielen der Songs doch die Schizophrenie von Mutter und Bruder sowie den Selbstmord eben jenes Bruders (etwa nachzuhören in „Book of James“) – was nicht bedeutet, dass dieses Album weniger dynamisch, hymnisch, gelungen oder empfehlenswert ist als „Anytown Graffiti“… Bleibt zu hoffen, dass We Are Augustines nun mehr Aufmerksamkeit und Glück zuteil wird als Pela – die Auszeichnung des Debüts als „iTunes Alternative Album Of The Year 2011“ ist schonmal ein gutes, wichtiges Zeichen… Nach all der Zeit, die die Jungs, sich den Arsch abspielend, nun schon auf den Durchbruch warten, haben sie’s sich redlich verdient. Ich drücke ihnen alle verfügbaren Daumen und werde, vor allem für „Anytown Graffiti“, auch weiterhin „Missionarsarbeit“ leisten… – Wenn schon die Musik allein nicht laut genug für sich tönt.

 

 

 

 

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