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Song des Tages: Pearl Jam – „Alive“


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Im Laufe des Lebens wechselt man unweigerlich so viele Sachen: Jobs, Autos, Schuhe, bestimmte Vorlieben und Gewohnheiten, Lebensabschnittspartner, Unterhosen… Doch zwei Dinge – so sehe zumindest ich das – bleiben. Und dann fürs Leben: der Lieblingsverein und die Band des Herzens.

Und beinahe so lang wie an die Schwarz-gelben mit dem schönsten Stadion der Welt, der größten Stehtribüne der Welt, die während der Bundesligasaison eine ansonsten nicht besonders schöne Stadt im Ruhrpott in ein Tollhaus verwandelt, habe ich mein Hörerherz an eine Band aus Seattle verloren. Freilich, ich habe noch tonnenweise andere Lieblingsbands, -künstler und -künstlerinnen, bei deren Musik meine Synapsen höher und höher schlagen (und die hier aufzuzählen einer Sisyphusarbeit gleichkommen würde), doch keine bewegt mich, begleitet mich seit nahezu zwanzig Jahren wie Pearl Jam. Mein erstes Album war anno 1998 „Yield“, für teure Taschengeldmark gekauft in einem lokalen Kleinstadtplattenladen, kurz nachdem ich – Teenager, auf der Suche nach Werten und Bedeutungen (Sie kennen das sicher) – einen Song namens „Do The Evolution“ höchst offiziell für „cool“ befunden hatte (dazu stehe ich natürlich auch noch heute, mit Dreißig plus).

Und natürlich trage ich für den regelmäßigen Leser gerade die Eulen nach Athen, habe ich doch sowohl die Band als auch den Frontmann über die Jahre auf diesem bescheidenen Blog schon oft hervorgehoben – wegen der Musik, wegen der Menschlichkeit, wegen der Persönlichkeit(en). Lassen wir das also. Meine „heiligen Kühe“ heißen Pearl Jam und Eddie Vedder. Isso.

Und es ist auch nach all den Jahren noch immer schwierig zu beschreiben, was Songs wie „Rearviewmirror“, „Black“, „Indifference“, „Jeremy“, „Smile“, „Yellow Ledbetter“, „Given To Fly“, „State Of Love And Trust“ (um nur mal einige Wenige zu nennen, welche mir gerade in den Sinn kommen) oder eben „Alive“, anno 1991 auf dem Debütalbum „Ten“ erschienen, in mir auslösen. All das sind Stücke, die mich durch viele nicht immer einfache Zeiten hindurch begleitet haben, die mich gleichzeitig runterziehen und wieder aufbauen, die mich aufwühlen und wieder zur Ruhe bringen, die mir einen Schub zurück in die Vergangenheit geben und mich im Nu wieder ins Hier und Jetzt ziehen. So viele Erinnerungen… Gänsehaut. Ich kann – die mich kennen, wissen das nur zu gut – stundenlang über Musik reden. Doch nur tagelang über Pearl Jam. Echte Liebe. Jahrhundertband. Für mich. Fürs Leben. Das können eine Million Worte nicht beschreiben, das muss man hören. Oh I, oh, I’m still alive…

 

 

„Son, she said
Have I got a little story for you
What you thought was your daddy
Was nothin‘ but a fool

While you were sittin‘
Home alone at age thirteen
Your real daddy was dyin‘
Sorry you didn’t see him
But I’m glad we talked…

Oh I, oh, I’m still alive
Hey, hey, I, oh, I’m still alive
Hey I, oh, I’m still alive

Oh she walks slowly
Across a young man’s room
She said ‚I’m ready, for you‘
I can’t remember anything
To this very day
‚Cept the look, yeah the look
Oh, you know where
Now I can’t see, I just stare
I, I, I’m still alive
Yeah, yeah I, oh, I’m still alive
Yeah, yeah I, oh, I’m still alive
Yeah, yeah I, oh, I’m still alive

‚Is something wrong?‘
She said
Of course there is
‚You’re still alive‘
She said
Oh do I deserve to be?
And is that the question?
Oh, and if so, if so…
Who answers?
Who answers?

I, I, I’m still alive
Yeah, yeah I, oh, I’m still alive
I’m still alive

Yeah, yeah, yeah, yeah…“

 

Rock and Roll.

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Like A Hurricane – Happy Birthday zu 70 Lenzen, Onkel Neil!


Email sent from: "Rayner, Ben" brayner@thestar.ca Subject: Neil Young photo Date: 3 June, 2015 4:46:51 PM EDT Neil Young joins forces with a new combo called Promise of the Real for a headlining performance at the WayHome festival this July. Photo credit: Pegi Young.

Photo credit: Pegi Young.

Wenn ich an Neil Young denke, dann kommen mir so viele Dinge in den Kopf…

Mein Vater freilich, der mir den kanadischen Rockstar irgendwann während meiner Teenagerzeit ans Herz legte. Und logischerweise stieß er damit auf fruchtbaren Boden, hatte ich nicht ohnehin mein Herz längst an eine Musikrichtung verloren, die andere Leute nichtsachtend „Grunge“ schimpf(t)en… Und mir kommen freilich Pearl Jam in den Sinn, deren Karriere Young früh förderte, mit denen er 1995 das gemeinsame Album „Mirrorball“ auf den Markt brachte, mit denen er in dieser Zeit auf gemeinsame Tournee ging und auch über die Jahre immer eng verbunden blieb (so treten Eddie Vedder und Co. etwa in regelmäßigen Abständen in Youngs Charity-Konzertreihe „Bridge School Concert“ auf). Überhaupt: Young und der Grunge – war es nicht Kurt Cobain, Frontmann der anderen Grunge-Heroen Nirvana, der „Onkel Neil“ und seien Song „My My, Hey Hey (Out Of The Blue)“ mit der Zeile „It’s better to burn out than to fade away“ in seinem Abschiedsbrief zitierte, diese Worte zu seinen potentiell letzten und das Stück endgültig unsterblich machte? Mir kommt ein Familienfreund in den Sinn, den man, mit seiner grauen Mähne und seinem Enthusiasmus für (Rock)Musik, der dem meinigen nicht ganz unähnlich ist, ohne Zweifel und mit Fug und Recht als „Neil-Young-Ultra“ bezeichnen darf. Freilich darf man auch Youngs Engagement für den Umweltschutz und für soziale Gerechtigkeit nicht vergessen, sein Kampf gegen den multinationalen „Saatgut-Teufel“ Monsanto (kürzlich wieder aktuell geworden durch das so offensichtlich betitelte letzte Album „The Monsanto Years„, welches im vergangenen Juni erschien), sowie seine innige Liebe zu US-amerikanischen Oldtimern.

Neil-YoungUnd freilich ist da ja noch Neil Youngs Musik. „After The Gold Rush„, „Harvest„, „Rust Never Sleeps“ – nur drei von so einigen großen Alben. „The Needle And The Damage Done“, „Helpless“, „Like A Hurricane“, „Rockin‘ In A Free World“, „Cortez The Killer“, „Birds“, natürlich der unvermeidliche Lagerfeuer-Gassenhauer „Heart Of Gold“ – alles Songs, die nie schlecht werden. Dass der 1945 in Toronto, Ontario geborene Musiker bereits bei Formationen wie Buffalo Springfield, seiner elektrifizierten Stammtruppe Crazy Horse oder Crosby, Stills, Nash & Young (mit denen er seinerzeit auch beim legendären „Woodstock Festival“ auftrat) und in mehr als fünfzig Jahren Karriere schon mit so ziemlich allem, was im Geschäft Rang, Namen und Kredibilität zu haben scheint, auf gefühlt allen Bühnenbretter stand, bleibt da kaum aus.

Dass Neil Young heute stolze 70 Lenze jung wird, macht einem selbst wohl am meisten bewusst, wie die Zeit ins Land geht. „Onkel Neil“ war irgendwie schon immer alt, klar. Aber er wirkte nie so, war und ist eine Rampensau mit nimmermüdem Enthusiasmus und übers Herz gelegten Saiten. Für meine eigene Sozialisation gehörte er immer dazu, wird er immer tun. Gerade deshalb – und auch wenn ich jedes neue Album nur noch irgendwie am Rande mitverfolge – bleibt zu wünschen, dass es ihn, den selbsternannten „Hippie“, noch viele weitere Jahre auf den Bühnenbrettern halten wird. Denn alles andere wäre ein herber Verlust, ehrlich…

 

 

 

 

Rock and Roll.

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Eddie Vedder – Ein großer Mensch macht das halbe Jahrhundert voll


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Nicht nur ein Mal habe ich sowohl hier auf ANEWFRIEND als auch im Familien- und Freundeskreis eine Lanze für Eddie Vedder gebrochen. Nicht nur seine Musik – die Songs und Alben von Vedders Band Pearl Jam, aber auch seine Soloalben begleiten mich seit 1998 und haben mir unzählige Male mental, wie man es so schön nennt, „den Arsch gerettet“ -, auch sein durchweg integres, unbeugsames Auftreten, sein beispielhaftes karitatives und politisches Engagement und sein fortwährender Kampf im festen Glauben an eine bessere, gerechtere Welt machen ihn zu einem Vorbild für jeden und zu einer der vollkommensten Personen, die mir in den Sinn kommen. Freilich, auch bei Vedder ist „nicht alles Gold, was glänzt“ (um bei den Aphorismen zu bleiben), ist nicht jeder Song auf jedem Album gleichwertig groß. Aber welche Diskografie eines Künstlers oder einer Band – selbst die der „Säulenheiligen“ Beatles, Stones, Dylan oder Springsteen – gibt das im Rückblick schon her? Das Wichtigste ist am Ende doch: Eddie Vedder ist Mensch geblieben – dessen ist er sich, soviel kann ich wohl nach all den Jahren, in denen ich seine und die Karriere von Pearl Jam nun schon aufmerksam als Fan begleite, wohl mit Bestimmtheit sagen, vollkommen bewusst.
Am heutigen 23. Dezember 2014 wird Edward Louis Seversen III ein halbes Jahrhundert jung. Da es mir, gestern wie heute und jedes verdammte Mal aufs Neue, die Welt bedeutet, seine Stimme zu hören und sowohl die Songs von Vedders Soloausflügen als auch die von Pearl Jam mehr in mir auslösen, als Worte je im Stande wären, es auch nur ansatzweise zu umschreiben, ziehe ich meinen Hut vor einem der größten Künstler und Menschen unserer Zeit. Chapeau und Happy Birthday, Mr. Eddie Vedder!

 

 

Rock and Roll.

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Saint Eddie strikes again – Eddie Vedder covert „Imagine“ für einen guten Zweck


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Saint Eddie strikes again…

Wie auf ANEWFRIEND zu lesen, hatte Pearl Jam-Frontmann Eddie Vedder im vergangenen Juli mit (s)einer Anti-Kriegswutrede während eines Konzerts im englischen Milton Keynes einen Sturm der Empörung losgetreten. Vor allem israelische „Fans“ der Band fühlten sich durch Vedders Rede angegriffen, obwohl dessen Ansprache allgemein gehalten und explizit nicht an ein bestimmtes Land adressiert war. Schützenhilfe hatte Vedder dabei von einigen Musikerkollegen wie Nirvana-Bassist Krist Novoselic erhalten.

Nun meldet sich Eddie Vedder zwar ohne Rede und große Worte, dafür jedoch mit seiner Live-Coverversion von John Lennons Song „Imagine“, mitgeschnitten bei einem Konzert des Sängers in Portugal im Juli diesen Jahres, zurück. Der Erlös des Covers, das man für gewohnt schlanke 99 Cent bei iTunes kaufen kann, geht an die Organisation Heartbeat.fm, die junge israelische und palästinensische Musiker zusammenbringt. Vedder selbst habe schon immer die Bedeutsamkeit des Lennon-Klassikers geschätzt: „Ich dachte immer, dass dieses Lied vielleicht das kraftvollste ist, das je geschrieben wurde. Was wiederum der Grund dafür war, dass ich es zuvor noch nie gespielt habe“, so der hauptberufliche Pearl Jam-Fronter. Doch für die Organisation Heartbeat.fm, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die verfeindeten Staaten Israel und Palästina durch Musik endlich zu einen, nahm er den Song jetzt (offiziell) auf. „Es scheint so, als gäbe es nun einen Grund, ihn zu spielen“, schildert der Sänger seine Meinungsänderung – und spendet die Einnahmen der iTunes-Verkäufe, im Glauben an den Frieden…

„Imagine there’s no countries / It isn’t hard to do / Nothing to kill or die for / And no religion, too / Imagine all the people / Living life in peace…“

 

 

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Rock and Roll.

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Mein Senf: Der Krieg des Eddie Vedder


PJ Anti-War

Bild: Facebook

Es kann wohl nur für diejenigen etwas Neues oder Ungewohntes gewesen sein, die noch nie ein Konzert der „Grunge-Dinos“ Pearl Jam gehört haben, nie selbst bei einem dabei waren oder sich nie (intensiver) mit der Band und ihren Hintergründen beschäftigt haben…

Beim Konzert der Band im englischen Milton Keynes am vergangenen Freitag, dem 11. Juli 2014, hält Sänger und Frontmann Eddie Vedder im Mittelteil des Setlist-Klassikers „Daughter“ – wie so oft davor bei gerade diesem Song und eben dieser Stelle – einen Moment inne, bevor es kurz darauf aus ihm heraus bricht: „Was, zum Teufel? Es gibt so viele Menschen, die friedlich miteinander leben! Wir haben moderne Technologien und können mit unseren Freunden in Kontakt treten. (…) Gleichzeitig werfen nicht weit enfernt Menschen Bomben aufeinander. Was, zum Teufel? (…) Ich schwöre verdammt nochmal bei Gott, es gibt einige Leute da draußen, die nur nach einem Grund suchen, um zu töten. Sie suchen nach Gründen, um Grenzen zu überschreiten und Länder zu übernehmen, die ihnen nicht gehören. Sie sollten sich verdammt nochmal verziehen und sich um ihren eigenen verdammten Mist kümmern!“

So erwartbar ein Statement wie dieses für Fans, Wegbegleiter und Kenner der Band um Eddie Vedder gewesen sein dürfte – immerhin hielten Pearl Jam seit ihrer Gründung Anfang der Neunziger nie mit Ansichten und Meinungen hinterm Berg, bezogen oft genug klar politisch Stellung (etwa für diverse „Pro Choice“-Wahlkampagnen, den grünen Präsidentschaftskandidaten Ralph Nader im Jahr 2000 sowie die demokratischen Kandidaten für das höchste Amt der USA in den Jahren 2004 und 2008, John Kerry beziehungsweise Barack Obama, während man zu Zeiten der George W. Bush-Legislatur aufgrund nicht weniger eindeutiger „Anti-Bush“-Statements vielerorts Auftrittsverbote riskierte) und engagieren sich von ganzem Herzen seit jeher für diverse karitative Projekte und humanitäre Organisationen -, so engstirnig fiel das Echo besonders von einer bestimmten Front aus aus: Israel. So verstand etwa die ebenso landesweit wie international verbreitete und in englischer Sprache erscheinende „Jerusalem Post“ – ironischerweise noch eines der hochwertigeren und meinungspluralistischsten Printerzeugnisse des Landes – die Rede des Pearl Jam-Frontmanns als eindeutig pro-palästinensisches Statement und titulierte diese als „Anti-Israel-Schmährede“. Natürlich muss man kaum Pavlovs Versuchsreihen studiert haben, um vorauszusehen, dass in so einigen israelischen Köpfen noch immer der paranoide Leitsatz „Bist du nicht für uns, so bist du folglich gegen uns“ verankert zu sein scheint. Viel nachdenklicher dürfte die Band jedoch gegebenenfalls stimmen, dass auch nicht wenige selbsternannte „Fans“ über Kanäle wie Facebook oder Twitter ihren Unmut Luft machten (so „drohte“ etwa Ben Red, Radiomoderator und Initiator einer Kampagne für ein erstes Pearl-Konzert in Israel, sogar damit, die entsprechende Kampagnenseite zu entfernen, allerdings „nicht, bevor ich allen gezeigt habe, wer du wirklich bist“), während andere wiederum Vedder für seine gleichsam deutlichen wie wahren Worte lobten.

Es darf wohl bezweifelt werden, dass kaum eine der kritischen Stimmen (auf das Was, nicht das Dass bezogen!) Vedder Vortrag, den die Band im Anschluss folgerichtig mit Auszügen aus Edwin Starrs Anti-Kriegs-Evergreen „War“ ergänzte, in Gänze gehört hat, denn andernfalls käme man kaum umhin, aus dessen Worten vor allem und ausschließlich einen Appell für Frieden in der Welt heraus zu lesen: „Eigentlich wollen wir doch alle das Gleiche: Kinder bekommen, essen, Bilder malen, Kunst machen, Musik hören, ein wenig mehr ficken, noch ein Kind bekommen, essen, arbeiten, essen, arbeiten, lieben, lieben, lieben – da sind wir doch alle verdammt nochmal gleich. Warum also ziehen Menschen in den Krieg? Stoppt diesen verdammten Scheiß – jetzt! Jetzt! Jetzt! Wir wollen ihnen dafür kein Geld geben. Wir wollen ihnen dafür nicht unsere Steuergelder schenken, damit sie dann Bomben auf Kinder schmeißen können. Jetzt! Nie mehr!“.

(Für kurz Angebundene: Eddie Vedder setzt zu seinem Statement ab Minute 4:13 an…)

 

Unterm Strich bleibt festzustellen, dass hier wohl erneut vor allem jene Hunde am lautesten bellen, die sich als getreten betrachten, während die Band selbst einmal mehr ihre Integrität bewies und wohl nicht wenigen echten Fans, denen die seit jeher vorherrschende unbeugsame wie bewusste Haltung Pearl Jams ebenso wichtig sein dürfte wie deren Songs, aus der Seele sprach. Außerdem darf Vedder wohl zugute gehalten werden, dass er sich nun auf der Homepage der Band in einem öffentlichen Brief erneut zu seiner Anti-Kriegs-Rede, der aktuellen Weltlage und den erbosten Reaktionen seitens einiger seiner Fans äußerte: „Ihr könnt sagen, dass ich ein Träumer bin… aber ich bin nicht der Einzige“, eröffnet der Bandvorsteher seine ausführliche Stellungnahme mit den Worten John Lennons. „Täglich werden in den Nachrichten anhaltende Konflikte vermeldet, deren Geschichten immer schrecklicher werden und den Trauerpegel ins Unerträgliche steigen lassen. Was wird aus unserer Erde, wenn diese Trauer zur Apathie verkommt? Wir fühlen uns hilflos, deshalb schauen wir weg. (…) Gegenwärtig bin ich voller Hoffnung. Zu sehen, wie große Menschenmengen verschiedener Nationen so friedlich und voller Freude mit uns vor der Bühne feiern, inspiriert mich. Daraus entspringt meine Hoffnung.“ Weiterhin erläutert Vedder sein politisches Statement (das wohl schlussendlich mit dem von Pearl Jam einher geht): „Beim Versuch, während eines Rock-Konzertes ein Plädoyer für mehr Frieden zu halten, reflektierten wir die Gefühle all jener, mit denen wir in Kontakt stehen, damit wir alle ein besseres Verständnis füreinander entwickeln. (…) Ich habe nicht vor, das in absehbarer Zeit zu beenden. Ihr könnt mich als naiven Menschen bezeichnen, aber ich bin gerne naiv, herzlich und hoffnungsvoll. Meine Worte werde ich aus Angst vor Fehlinterpretation und Vergeltung nicht zurücknehmen.“

(Beinahe) unabhängig davon, dass Pearl Jam seit gut der Hälfte meines Lebens meine Lieblingsband sind. Völlig unabhängig davon, ob ihre Musik – als reine solche und nur unter qualitativen beziehungsweise geschmacklichen Gesichtspunkten gemessen – nach all den Jahren noch immer Relevanz besitzen sollte (denn das darf freilich jeder für sich selbst entscheiden). In den knappen zwei Minuten eines im Grunde recht persönlichen Songs („Daughter“) hat Eddie Vedder erneut bewiesen, dass er seit jeher mit einem sprichwörtlichen „dritten Ei“ die Bühnenbretter rockt, ihm – Superstarstatus hin, goldene Schallplatten her – Menschenwürde noch immer mehr bedeuten als ein prall gefülltes Bankkonto (womit hier die Debatte vom „Jammern auf hohem Niveau“ freilich ebenso umschifft gehörte die über die menschenverachtende Unsinnigkeit des Konfliktes zwischen Israel und Palästina, da beides hier und heute zu weit führen würde) – und im gleichen Atemzug einmal mehr irrwitzige Friedensnobelpreisträger wie Al Gore oder Barack Obama samt ihrer sämtlichen Geheimlogenkumpane ad absurdum geführt… Für seine Worte, seine Stimme, seine Courage – dafür gebührt diesem Mann, dieser Band unser aller tiefster Respekt!

 

Der Vollständigkeit halber hier für alle Interessierten Eddie Vedders Antwort auf die Anti-Kriegs-Rede von Milton Keynes im originalen Wortlaut:

 

Imagine That — I’m Still Anti-War.
–July 16 2014–

Most of us have heard John Lennon sing

‚You may say I’m a dreamer,… but I’m not the only one.‘

And some of us, after another morning dose of news coverage full of death and destruction, feel the need to reach out to others to see if we are not alone in our outrage. With about a dozen assorted ongoing conflicts in the news everyday, and with the stories becoming more horrific, the level of sadness becomes unbearable. And what becomes of our planet when that sadness becomes apathy? Because we feel helpless. And we turn our heads and turn the page.

Currently, I’m full of hope. That hope springs from the multitudes of people that our band has been fortunate enough to play for night after night here in Europe. To see flags of so many different nations, and to have these huge crowds gathered peacefully and joyfully is the exact inspiration behind the words I felt the need to emphatically relay. When attempting to make a plea for more peace in the world at a rock concert, we are reflecting the feelings of all those we have come in contact with so we may all have a better understanding of each other.

That’s not something I’m going to stop anytime soon. Call me naïve. I’d rather be naïve, heartfelt and hopeful than resigned to say nothing for fear of misinterpretation and retribution.

The majority of humans on this planet are more consumed by the pursuit of love, health, family, food and shelter than any kind of war.

War hurts. It hurts no matter which sides the bombs are falling on.

With all the global achievements in modern technology, enhanced communication and information devices, cracking the human genome, land rovers on Mars etc., do we really have to resign ourselves to the devastating reality that conflict will be resolved with bombs, murder and acts of barbarism?

We are such a remarkable species. Capable of creating beauty. Capable of awe-inspiring advancements. We must be capable of resolving conflicts without bloodshed.

I don’t know how to reconcile the peaceful rainbow of flags we see each night at our concerts with the daily news of a dozen global conflicts and their horrific consequences. I don’t know how to process the feeling of guilt and complicity when I hear about the deaths of a civilian family from a U.S. drone strike. But I know that we can’t let the sadness turn into apathy. And I do know we are better off when we reach out to each other.


‚I hope someday you’ll join us,…‘

Won’t you listen to what the man said.

 
— Eddie Vedder“

 

 

Rock and Roll.

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Vom Ausbrennen und Verblassen, von König Curdt und dem Erzengel Kobain – zwanzig Jahre später…


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Es heißt ja oft, dass sich noch heute jeder, der damals jung und wild und frei war, an Tage wie den 5. April 1994 oder den 11. September 2001 erinnern würde. Nun, an zweiteres Datum kann ich mich tatsächlich noch lebhaft und in vielen Einzelheiten erinnern, aber mit jenem Aprildienstag im Jahr 1994 habe ich keine spezifischen Erinnerungen verknüpft. Kein Wunder, war ich doch erst zehn Jahre alt und damit ein wenig zu jung, um zu begreifen, was an diesem Tag in einer Stadt im Nordwesten der USA geschah…

Come, as you are, as I want you to be…

Kurt Donald Cobain war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein einfach zu händelnder Mensch, obwohl sich viele der biografischen Eckdaten des am 20. Februar 1967 in Aberdeen, Washington zur Welt gekommenen Mannes nicht eben großartig von denen nicht weniger US-Teenager unterscheiden: ein sensibles, hyperaktives Scheidungskind, das mit den damit verbundenen Streitszenarien in beiden Elternhäusern aufwuchs und über Jahre hinweg zwischen den Fronten hin und her gereicht wurde. Ein schüchterner Teenager, der Zuflucht im Krawall des Punkrocks der Stooges oder der Pixies und in der Melodieverliebtheit der Beatles suchte, bevor er 1982, im Alter von 15 Jahren, den zwei Jahre älteren schlaksigen Hünen Krist Novoselić kennen lernte, mit dem er kurz darauf eine Band gründete. Ebenso klassisch für die sinnsuchende „Generation X“ jener Zeit ist auch alles Folgende: Schulabbruch, erste Beziehungsdramen, das „Über-Wasser-halten“ mit Gelegenheitsjobs und der Traum von der „großen Karriere“ mit der eigenen Band. Was Kurt Cobain und seine Band Nirvana von all den ach so vielen anderen Bands unterschied? Wer weiß das schon… Sicherlich waren es auch Cobains Fähigkeiten als Songwriter – klar, denn all die Songs von Nirvana, die sich – mehr als zwanzig Jahre nach ihrer Veröffentlichung – längst zu unumstößlichen Klassikern gemausert haben – „About A Girl“, „Come As You Are“, „Polly“, „Lithium“, „Heart-Shaped Box“, „Pennyroyal Tea“ oder freilich „Smells Like Teen Spirit“ – schreibt man nicht mal ebenso nebenher. Für Nirvana, passte in jenen Jahren Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger einfach alles, die Zeit war sprichwörtlich „reif“ für diese Band: Die Teenager hatten genug von den inhaltsleeren, übertriebenen Fratzen des glamrockenden Hair Metal, den Bands wie Poison, Bon Jovi oder Guns N’Roses damals mit haufenweise Tam-tam und Gitarrengegniedel auf die Spitze des Selbstwitzes getrieben hatten. Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem sich andeutenden Ende des Kalten Krieges war – nicht nur für die von republikanischen US-Präsidenten wie Ronald Reagan oder George Bush regierten Adoleszenten – die Zeit für etwas mehr ernsthaftes freies Denken und etwas weniger Zerstreuung gekommen. Und da passte es gut, dass sich in Seattle, einer aufstrebenden Stadt im Nordwesten der USA, 155 Kilometer von der kanadischen Grenze entfernt, das auch heute noch große Namen wie Microsoft, Amazon oder Starbucks vorzuweisen hat, die alle ihren Firmensitz in oder Seattle haben, eine freundschaftlich verbundene Musikszene formte, die lange Zeit unterhalb des Radius des öffentlichen Interesses wachsen konnte und alles – vom Suchen von Proberäumen über Albumaufnahmen bis hin zu liebevoll gestalteten Fanzines und Konzerten – nach dem DIY-Konzept betrieb – if you’ve got no scene, you’ve got to do it yourself… Im Leichtsinn der Jugend teilte man alles miteinander: Freundinnen, kreative Ideen, das Leben in den Tag hinein, große Träume vom Durchbruch „eines Tages“ – aber auch düstere Gedankenwelten und das Experiment mit Drogen der härten Gangart. Noch heute scheint es, als wäre kaum jemand dieser Szene auf all das vorbeireitet gewesen, was sich im Herbst des Jahres 1991 ereignen sollte…

nirvana

Here we are now, entertain us…

Als am 10. September 1991 zuerst die Single „Smells Like Teen Spirit“ und zwei Wochen darauf das dazugehörige zweite Nirvana-Album „Nevermind“ erschienen, deutete auch noch herzlich wenig auf jenen Urknall hin, der die weltweite Musikszene kurz darauf überrollen sollte. Erst als US-amerikanische College-Radios – und kurz darauf immer mehr Mainstream-Radiostationen – sich dem fünfminütigen Song mit jenem prägnantem Anfangsriff, der katalytischen Wucht und vereinnahmenden, identifikationsstiftenden Textzeilen wie „I’m worse at what I do best / And for this gift I feel blessed / Our little group has always been / And always will until the end“ annahmen und die Single in Heavy Rotation spielten, wurde offensichtlich, dass hier soeben eine Jugend im Begriff war, ihren Soundtrack zu finden – here we are now, entertain us. Kurz darauf griff MTV das von Regisseur Samuel Bayer in ein dystopisches Highschool-Setting verlegte Musikvideo zu „Smells Like Teen Spirit“, welches Nirvana inmitten selig ausrastender Jugendlicher und Cheerleader zeigte und mit Cobains weltschmerzverzerrter Grimasse endete, auf, um es wieder und wieder und wieder und wieder über die Bildschirme flackern zu lassen (in einer Zeit, als tatsächlich noch Musikvideos im Fernsehen liefen und das Internet für die breite Masse noch ein feuchter Traum war). Im Januar 1992 verdrängte „Nevermind“ schließlich Michael Jacksons „Dangerous“ von der Spitzenposition der US-amerikanischen Billboard 200-Charts – eine Wachablösung allererster Güteklasse. Der Rest ist Pop-Geschichte: Seattle stand plötzlich im Fokus der (kulturellen) Öffentlichkeit, „Grunge“ und alles, was damit einher ging, wurde das zweifelhafte Prädikat „en vogue“ zuteil (angefangen vom Kleidungsstil mit Flanellkaro-Hemden, zerrissenen Jeans, schweren Boots oder Chucks, bis hin zur grüblerischen Lebenseinstellung), massig weitere artverwandte lokale Bands wie Pearl Jam, Soundgarden, Alice In Chains oder die Screaming Trees, aber auch Gruppen, die nicht aus Seattle und dessen Umland stammten, wie die Smashing Pumpkins (aus Chicago) oder die Stone Temple Pilots (aus dem kalifornischen San Diego), wurden im Fahrwasser von Nirvana ans Licht des musikalischen Interesses gespült. Über allem thronte Kurt Cobain, der mehr fremdbestimmte spokesman der „Generation X“. Und spätestens hier setzt die Zweischneidigkeit ein, denn einerseits genoss der damals 25-Jährige in guten Momenten die Aufmerksamkeit, die ihm und seiner dreiköpfigen Band, zu welcher sich mittlerweile ein neuer Schlagzeuger namens Dave Grohl gesellt hatte, zuteil wurde und konnte großartige Live-Shows abliefern, während ihm tausende von Heranwachsenden jede Silbe von den Lippen griffen. Andererseits litt der Nirvana-Frontmann mit dem wahrhaft idolesken, rebellenhaften Äußeren (Drei-Tage-Bart, zerzaustes Haar, „grungy“ – also: „schmuddeliger“ – Kleidungssteil) jahrelang unter Einsamkeit, Depressionen und Magenschmerzen – und auch der Erwartungsdruck, dem er sich nach einem Millionenseller wie „Nevermind“ schon selbst aussetzte, machte die Sache nicht besser. Insofern darf die Reaktion auf den Erfolg von „Nevermind“, das mit „Smells Like Teen Spirit“ wohl einen der größten Rocksongs ever in petto hatte (laut Cobain war dies sein „Versuch, den ultimativen Popsong zu schreiben“, obwohl – für ihn – nur ein scherzhaft bezeichnetes „Pixies Ripoff“ dabei heraus kam), als typisch für Nirvana gelten: Statt Butch Vig engagierte die Band für den Nachfolger den für rohe und geradezu anti-poppige Klänge berüchtigten Produzenten Steve Albini. Doch wen wundert’s, auch das im September 1993 veröffentlichte dritte Nirvana-Album „In Utero“ wurde – allen sperrigen Rhythmen und skandalträchtigen Darstellungen (der gläserne schwangere Frauenkörper mit Engelsflügeln auf dem Albumcover, Cobains tumblr_mjlzgq8gAx1s77dsjo1_250verworfener Albumtitel „I hate myself and I want to die“ etc. pp.) zum Trotz – ein internationaler Erfolg, gierte die Musikwelt doch nach dem nächsten „Smells Like Teen Spirit“. Was sie bekam, waren Songs wie „Heart-Shaped Box“, „Rape Me“, „Dumb“ oder „Pennyroyal Tea“ – kaum weniger hittig (in Alternative Rock-Maßstäben), aber dennoch um einiges sperriger und – ja – ein Quentchen mehr edgy. Und obwohl sich Vergangenes im Rückspiegel meist so offensichtlich deuten lässt, bemerkten wohl damals die wenigsten, wie es tatsächlich um Nirvanas Frontmann stand. Der mittlerweile mit der kaum weniger skandalösen oder psychisch gefestigten Courtney Love, ihres Zeichens damalige Frontfrau der Rockband Hole, verheiratete Familienvater (Tochter Frances Bean kam im August 1992 zu Welt) griff immer öfter zur Heroinspritze, wenn ihn die Welt auf seinen Schultern und die Stimmen in seinem Kopf zu erdrücken drohten. Konzerte wurden für Nirvana zum Vabanquespiel, da weder Novoselić noch Grohl noch irgendjemand der Nirvana-Crew im Voraus wissen konnten, welche Tagesform ihr Frontmann heute zeigen würde. Mal lieferte Cobain eine hervorragende Show ab und war (nach Außen hin) der bestens aufgelegte und zu allen Späßen bereite Grinsemann, mal spuckte er Gift und Galle, zerlegte noch vor Konzertende das gesamte Bühnenequipment und stürmte von dannen. Denn obwohl er mehrfach – erfolglos und wahrscheinlich halbherzig – versuchte, von den Drogen los zu kommen, hatte ihn das Heroin längst im dauerhaften Schwitzkasten. Nach einem letzten – und reichlich desaströs verlaufenen – Konzert in München mussten Nirvana Anfang März 1994 ihre „In Utero“-Tournee aufgrund von Cobains Magenproblemen unterbrechen. Der Frontmann flog mit Ehefrau Courtney Love nach Rom, wo Cobain am 4. März in komatösem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert wurde – Diagnose: Suizidversuch mithilfe einer Überdosis Beruhigungsmittel sowie einer beträchtlichen Menge Alkohol. Cobain überlebte und wurde von seinem nähren Umfeld – seine Band war damals längst aufgelöst, wie Novoselić und Grohl Jahre später bestätigten – erneut zu einem letzten Entzugsversuch im „Exodus Recovery Center“ im kalifornischen Marina del Rey gedrängt. Am 1. April floh Cobain jedoch von dort und tauchte unter. Sieben Tage später, am 8. April 1994, wurde der Nirvana-Frontmann tot im Garagenanbau seines Hauses am 171 Lake Washington Boulevard in Seattle aufgefunden. Wie Polizei und Gerichtsmediziner übereinstimmend feststellten, hatte sich Cobain drei Tage zuvor mit einer Überdosis Heroin und einem Kopfschuss aus seiner Browning Auto-5 Selbstladeflinte das Leben genommen. Er hinterließ einen Abschiedsbrief, der – nicht eben zufällig und auch deshalb so vielsagend – mit einem Zitat aus dem Neil Young-Song “ Hey Hey, My My“ endete: „It’s better to burn out than to fade away“„Es ist besser, auszubrennen als zu verblassen“

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Teenage angst has paid off well…

Kurt Cobain war leider nicht der einzige Frontmann einer Seattle-Rockband, der sein Heil in der Drogenabhängigkeit suchte, nur um am Ende elendig daran zugrunde zu gehen. Bereits im März 1990 verstarb mit Andy Wood der Sänger der Hardrockband Mother Love Bone (es mag ein zynischer Wink des Schicksals gewesen sein, der wollte, dass es ohne Woods Tod wohl nie zur Gründung der „Grunge-Dinos“ von Pearl Jam gekommen wäre – aber das ist eine andere Geschichte), am 5. April 2002 – und damit exakt (!) acht Jahre nach dem Freitod Cobains – starb mit Layne Staley, der sich nach vielen Jahren der Drogenhölle eine „Speedball“ genannte tödliche Überdosis aus Heroin und Kokain verabreichte, der Frontmann von Formationen wie Alice In Chains und Mad Season. Aber: Cobain war für kurze drei Jahre das Gesicht der Rockmusik, die sich von der Stadt mit der „Space Needle“ aus aufmachte, die gesamte Musikwelt hinterrücks zu erobern. Wer’s blumig-pathetisch mag: Kurt Cobain war der Posterboy des „Grunge“, die Stimme all jener, die im Sportunterricht zuletzt gewählt wurden und am Abend des Abschlussballs einsam und verlassen in der hintersten Ecke herumlungern mussten, während sich die Highschool-Quarterbacks die hübschen Cheerleader angelten. Dass der Sänger beileibe nicht nur jenes „depressiv-aggressive Häufchen Elend“ war, zu dem die (Mainstream-)Medien ihn – vor wie nach seinem Tod – gern und häufig stilisierten, sondern zuweilen auch voller Tatendrang, jugendlichem Leichtsinn, Witz und Energie, dürfte Fans wohl schon immer sauer aufgestoßen sein. Unterm Strich folgte Cobains Leben und Sterben jedoch – und auch das scheint bei näherer Betrachtung unumstößlich – dem festen Prinzip der Popmusik, einen Heroen zum „neuen Heilsbringer“ zu erklären, nur um später seinen Freitod in nahezu messiashafte Höhen zu erheben. Denn ganz gleich, welchen aus dem tragischen „Club der 27„, zu welchem, neben Cobain, auch der damalige Rolling Stones-Gitarrist Brian Jones (ertrunken im Swimmingpool, 1969), Gitarrist Jimi Hendrix (offiziell: erstickt an Erbrochenem nach einer Überdosis Alkohol und Schlaftabletten, 1970), Sängerin Janis Joplin (Überdosis Heroin und Alkohol, 1970), Doors-Frontmann Jim Morrison (offiziell: Herzversagen – wurde jedoch nie so ganz aufgeklärt, 1971) oder die britische Soul-Hoffung Amy Winehouse (Alkoholvergiftung, 2011) gehören, man sich eben herauspickt, so wird klar, dass sich mit der Legende von ewiger Jugend und juvenilem Leichtsinn eben das verlässlichere Jahreseinkommen vorausplanen lässt als mit jenen stetig strauchelnden Existenzen, die da innerhalb der „magischen 27“ das Zeitliche segneten. Auch der vermeintliche Zwist, zu dem – bereits zu Cobains Lebzeiten – das Verhältnis zur „Grunge-Konkurrenz“ durch die „Trittbrettfahrer“ von Pearl Jam von den Medien hochstilisiert wurde, ist beileibe nicht der Rede wert. Fest steht, in diesem Punkt: Cobain gab in Interviews so manchen nicht eben ernst gemeinten Unsinn von sich – sei es, ohne vorher darüber nachzudenken, oder einfach, um sich selbst zu unterhalten oder den jeweiligen Gegenüber zu foppen -, während von Seiten von Pearl Jam nie ein böses Wort über Nirvana fiel. Ganz im Gegenteil: Pearl Jam-Frontmann Eddie Vedder schien geradezu aufgelöst, als er in einem Interview, nur wenige Tage nach dem Tod des Nirvana-Sängers, kaum Worte zum adäquaten Ausdruck seiner Gefühlslage findet. Beide waren Freunde. Und Seattle lag in Scherben…

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Rape me, my friend…

Ob Kurt Cobain selbst der Kult gefallen hätte, der sich in den Jahren nach seinem Tod um ihn und seinen musikalischen Nachlass entwickelte? Ob er gewollt hätte, dass seine Witwe Courtney Love 1996 einerseits die zum Wallfahrtsort für trauernde Anhänger gewordene Garage samt Gewächshaus, in welchem Cobain sein Ende fand, abreißen ließ, nur um sich mit seinen ehemaligen Bandkameraden Krist Novoselić und Dave Grohl in einem jahrelangen Rechtsstreit (welcher noch immer nicht beendet scheint) gegenseitig zu zerfleischen? Wohlmöglich hätte er kaum seinen Segen zu all den Re- und Rererereleases der wenigen Veröffentlichungen gegeben, die Nirvana der Musikwelt hinterlassen hatten. Und schon gar nicht zur fragmentarischen Veröffentlichung der reichlich intimen Gedanken seiner „Tagebücher“ im Jahr 2002. Auch hätten er sich wohl kaum jene 97 Minuten des so fad-drepressiv nachempfundenen, 2005 erschienenen Filmdramas „Last Days“ anschauen wollen, in welchem Regisseur Gus Van Sant (u.a auch „Good Will Hunting“, „Elephant“, „Milk“) Cobains letzte Tage für die Leinwand inszenierte. Und falls nun wirklich jenes Musical (!) über das Leben und Wirken ihres verstorbenen Mannes Realität werden sollte, das Courtney Love noch kürzlich ankündigte (oder besser: androhte) – man mag sich nur mit Grausen die Veitstänze vorstellen, die Cobain darüber in Asche vollziehen würde… Jede Zeit braucht ihren taumelnden Helden, der unterhält und ausbrennt, anstatt zu verblassen. Zwanzig Jahre, und im Grunde ist alles wie immer. Serve the servants.

 

nevermind_front[Wenn auch in eckige Klammern gefasst, so sollen doch am Ende meine persönlichen Erinnerungen hier nicht fehlen: Natürlich war ich mit meinen zehn Jahren noch zu jung, um zu begreifen, welch‘ einschneidendes Erlebnis jener Apriltag für die Musikwelt haben würde. Dennoch kaufte ich mir ein paar Jahre später jenes sagenumwobene Album mit dem einer Dollarnote nachtauchenden Baby auf dem Cover – also: „Nevermind“ -, einfach, weil nach Cobains Tod überall davon die Rede war. Verstanden habe ich freilich kaum etwas von all der Wut und Verzweiflung, die die Band in den 55 Minuten darauf ebenso lautstark wie intensiv zum Ausdruck brachte, und tauschte das Album alsbald gegen die Ausgabe von Oasis‘ „(What’s The Story) Morning Glory“ einer Schulfreundin (und bereue es bis heute nicht). Zum „Grunge“ fand ich erst etwas später, als mich Pearl Jam im Jahr 1998 mit dem Song – und dem großartigen Musikvideo! – zu „Do The Evolution“ quasi für’s Leben verpflichteten. Seitdem sind Eddie Vedder & Co. die Band meines Herzens, ja: meines Lebens. Zwischen Pearl Jam und mich passt nicht einmal das sprichwörtliche „Blatt“… Trotzdem rührt mich – und da bin ich wohl kaum allein – die legendäre „MTV Unplugged“-Aufzeichnung, die Nirvana 1993 in New York einspielten und welche erst nach Cobains Tod im November 1994 ihre Veröffentlichung erlebte, noch heute zu Tränen. Eben weil Nirvana mit voller Absicht kaum einen ihrer „allseits beliebten Hits“ spielten, dafür bewegende Coverversionen wie „The Man Who Sold The World“ (David Bowie), „Lake Of Fire“ (Meat Puppets) oder „Where Did You Sleep Last Night“ (Leadbelly). Denn genau das war Kurt Cobain für mich: die grinsende Fratze eines traurigen Clowns, der der Gesellschaft und dem Musikgeschäft für einen kurzen Augenblick die Scherben eben jenes Spiegels ins vermeintlich makellose Antlitz drückte, den er Minuten zuvor mit dem kaputten Hals seiner Fender-Gitarre zerschlagen hatte. Und „Nevermind“ habe ich mir irgendwann ein zweites Mal gekauft…]

 

 

Natürlich überschlagen sich gerade zu Cobains 20. Todestag alle (digitalen) Medien, die meinen auch nur halbwegs etwas Sinnvolles zum Thema beisteuern zu können, mit Meldungen und Postings. So bietet etwa die Online-Ausgabe des deutschen „Rolling Stone“ „Kurt Cobains Leben mit Nirvana in Bildern„, während das US-amerikanische Original-Pedant damalige Freunde und Wegbegleiter (Dave Grohl, Krist Novoselić…) sowie prominente Nirvana-Fans (Josh Homme, Iggy Pop…) über Cobain erzählen lässt, das österreichische Nachrichtenportal „Die Presse.com“ unter dem Banner der Frage „Was blieb von Nirvana?“ einige Musikerlandsleute jenseits der Alpen über ihre Erfahrungen mit der Musik von Nirvana zu Wort kommen lässt und sich das „SPIN Magazine“ gefragt hat, was denn eigentlich die Teenager von heute über Nirvana und deren Frontmann denken und wissen – mit durchaus überraschenden Antworten. Aber seht selbst:

 

Mehr mag, der findet in der etwa sechs Jahre alten, knapp 43-minütigen Dokumentation „Kurt Cobain – Die letzten Tage einer Legende“ genau das, was der Titel im Ansatz offeriert:

 

Zu guter Letzt noch mein persönliches Lieblingsstück von Nirvana („You Know You’re Right“, das erst 2002 auf der obligatorischen Best Of-Compilation erschien und für mich alle Qualitäten Nirvanas in schlanken dreieinhalb Minuten zusammenfasst) sowie eine der wohl besten Varianten des tausendfach gecoverten Evergreens „Smells Like Teen Spirit“ (die Live-und-Piano-only-Version von Tori Amos, welche sie bereits 1992 „Live at Montreux“ zum Besten gab):

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
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