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Das Album der Woche


Naturgemäß benötigen die Platten der Band, welche ANEWFRIENDs aktuelles „Album der Woche“ liefert, ein wenig länger, um final zu zünden (was ebenso an meinen Hörgewohnheiten liegen mag wie an der Verspieltheit und Komplexität selbst). Dennoch ist es dieses Werk, das seinen Voraussetzungen eindrucksvoll die Stirn bietet, wert, gehört, erwähnt und auseinander genommen zu werden.

Aber lest selbst…

(Und: irgendwie erscheint es an dieser Stelle doch passend – immerhin ist in wenigen Tagen Muttertag…)

 

Menomena – Moms (2012)

Menomena - Moms (Cover)-erschienen bei Barsuk/Alive-

Freunde kann man sich aussuchen, die eigene Familie nicht. – Kein Satz könnte die Entstehungsgeschichte von „Moms„, dem aktuellen, fünften Album der aus dem US-amerikanischen Portland (Oregon) stammenden Band Menomena wohl passender beschreiben…

Denn nach der Tour zum Vorgänger „Mines“ (2010 erschienen) verließ 2011 der bisherige Bandkopf Brent Knopf die Band – zu unüberbrückbar waren wohl die persönlichen Gräben geworden, die ihn und die anderen beiden Gründungsmitglieder Danny Seim und Justin Harris mittlerweile trennten (wer damals einem der Konzerte von Menomena bewohnte, berichtete folglich, dass da auf der Bühne zwar allerhand kreatives Können zu beobachten war, jedoch auch ebenso viel Spannung und Diskrepanz). Nur: Knopf hinterließ nicht nur eine Lücke an den Saiteninstrumenten und dem Keyboard, er nahm auch das von ihm eigens für seine (Ex-)Band entworfene Aufnahmeprogramm „Deeler“ mit zu seiner damaligen Zweit- und ab dahin Hauptband Ramona Falls. Doch anstatt die sprichwörtliche Flinte ins Korn zu werfen, besannen sich die zum Duo geschrumpften Menomena – nun in Form der High School-Buddies Harris (Gesang, Gitarre, Saxofon) und Seim (Gesang, Schlagzeug) – auf ihre Stärken, und nahmen das neue Album „Moms“ zum Anlass, um auch mit unerfreulichen privaten Altlasten reinen Tisch zu machen.

Menomena #1

Und demnach ist in den 50 Minuten auch keineswegs alles eitel Sonnenschein. Man höre sich nur das bewusst in der Albummitte positionierte „Heavy As Heavy Does“ an: „Heavy are the branches hanging from my fucked up family tree / And heavy was my father / A stoic man of pride and privacy / And I don’t care much for wishful thinking / As heavy as I breathe / Because I don’t believe in second chances / As heavy as I leave / As prideful as a man he was / Proud my father never was of me / I did it for survival / But I’ll look like the asshole anyway“ – Uff, schwerer Tobak, in der Tat! Zum Glück gleitet das Stück vom anfangs noch getragenen Piano gen Ende in windschiefe „Ahh“-Chöre und ein schneidendes Gitarrensolo über, die die Stimmung kurz vorm mentalen Absaufen retten. Doch sieht man einmal von den Texten, in welche das Duo so einige Kindheitstraumata verpackt (Harris‘ wuchs als Sohn einer alleinerziehenden Mutter auf, Seims Mutter verstarb sehr früh), ab, so hat sich auch nach Knopfs Weggang nicht all zu viel im Hause Menomena verändert, denn noch immer geht die Band in Komposition und Ausführung recht eigene Wege, noch immer sperren sich beinahe alle Songs davor, zu schnell schön (und somit zu schnell tot-) gehört zu werden.

Bereits der Opener „Plumage“ offeriert durch Handclaps, Piano und rollende Riffs ein trügerisches Westcoast-Feeling, während der Text nach beständigen Grundfesten sucht: „Animal / I’m nothing more than an animal / In search of another animal / To tame and claim as my own“. „Capsule“ geht diesen Weg weiter, groovt sich – auf äußerst kratzbürstige Art und Weise – noch mehr ein, und bringt außerdem elektronische Beats und Harris‘ charakteristisches Bariton-Saxofon ins Spiel. „Pique“ knallt dem Hörer ein groß aufspielendes Gitarrensolo in die Gehörgänge, „Baton“ überzeugt mit geschlenzter Percussion, während die Band textlich die Heilige Maria erst zum Therapeuten, und anschließend in die dunkelsten Ecken der Leichenhalle verschleppt. Da danach – und vor allem nach dem bereits erwähnten mentalen Tiefpunkt „Heavy As Heavy Does“ (welcher wiederum als Song das Highlight der Platte ist) – ein wenig Zerstreuung gut tut, lassen Harris und Seim mit „Giftshoppe“ einen nach allen Seiten ausfransenden Space-Rocker folgen, und schwören sich in „Skintercourse“ zu hämmerndem Piano selbst: „I won’t go back to where I once was“. Leider verliert „Moms“ danach im durchgespaceten, komplett laid back daher wackelnden Bass-Groover „Tantalus“ oder dem nervös plätschernden „Don’t Mess With Latexas“ etwas an Spannung, und weiß erst zum Anschluss mit der fahrigen, achtminütigen Rock-Suite „One Horse“, die noch einmal zwischen kalifornischem Sonnenstrand und Brian Wilsons Aufnahmestudio hin und her springt, wieder einigermaßen zu überzeugen.

Menomena (by Alicia J Rose)

Was also ist vom bereits im vergangenen Oktober erschienenen „Moms“ zu halten? Sicherlich: all jene, die Knopfs kreative Note, sein perlendes Piano, seine Midtempo-Balladen und durchdringende mystische Stringenz vermissen, dürften schon ein Suppenhaar im neuen Menomena-Album finden. Doch obwohl das fünfte Werk nicht mit seinen großen, da großartigen Vorgängern „Mines“ (von 2010) oder „Friend and Foe“ (2007 veröffentlicht und für mich persönlich bis heute das absolute manisch-genialische Highlight im Bandkatalog!) mithalten kann, haben Harris und Seim das beste aus der für sie freilich nicht eben glanzvollen Ausgangslage gemacht und ein Album aufgenommen, das beide gleichsam als Zementierung der eigenen Stärken und des gemeinsamen Zusammenspiels sowie als vertonte Therapiesitzung im Aufnahmestudio nutzen – Ironie (mit Schlagseite hin zu süß-saurem Sarkasmus) und Lakonie als Allheilmittel, quasi. Immer noch hauen Menomena Referenzen aus Sixties- und Seventies-Rock’n’Pop in einen Topf, um ihn da mit Gewürzen aus Funk, Soul oder Surf-Punk zu verfeinern, und setzen dem Hörer ihre sämig groovenden Gerichte vor, ohne jedoch ein Sterbenswort über die exakte Rezeptur zu verraten. Der daraus resultierende Menomena’sche Vorteil, seit jeher: manch eine Note mag eventuell anfangs sauer aufstoßen, der feine Nachgeschmack wirkt dabei umso längerer nach – und das ist beim konzeptionell komplett durchdachten, in hohem Maße persönlichen Duo-Kraftakt „Moms“ nicht anders.

 

Hier gibt’s das Video zum Albumopener „Plumage“, welches das Duo im spinnerten Wüsten-Shootout zeigt…

 

…und hier die Stücke „Baton“, „Giftshoppe“ und „Heavy As Heavy Does“ in der im vergangenen Jahr aufgenommenen „opbmusic session“-Liveversion :

 

Rock and Roll.

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