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Das Album der Woche


 Bereits vor der wochenlangen Veröffentlichungspause stand für mich das nächste „Album der Woche“ fest. Nun kommen die Worte dazu eben mit einigen Tagen Verspätung…

 

Marcus Wiebusch – Konfetti (2014)

Konfetti (Cover)-erschienen bei Grand Hotel Van Cleef/Indigo-

Um eines vorweg zu nehmen: Seine – noch immer – gelungenste Selbsteinschätzung hat Marcus Wiebusch vor 17 Jahren abgeliefert:

„Pete Townshend ist heute alt und will längst schon nicht mehr sterben.
Und alle um mich herum wollen nur in Würde älter werden.
Ich sagte es gestern, sag‘ es morgen:
Macht euch um mich doch keine Sorgen
Und kümmert euch zuerst um euch und fickt euch.

Und für Bärbel Schäfer bin ich von mir aus ein Faschist.
Für den Hool von nebenan bin ich so gern ein Kommunist.
Für die Schlauen um mich herum bin ich nur ein Moralist,
Weil jeder von euch weiß wie’s ist und fickt euch.

Es ist ungerecht verteilt, das sieht jeder, der gut hinsieht.
Im Sarg kann’s ganz schön dunkel werden, wenn man erstmal drinliegt.
Und Hunger ist die Bombe, und der Schiedsrichter die Zeit,
Und wir warten, und das Warten nennt sich Freiheit.“

marcus-wiebusch-studioDie Zeilen stammen aus „Pete“, dem gerade einmal eine Minute kurzen Eröffnugsstück des dritten …But Alive-Albums „Bis jetzt ging alles gut…„. Die zwischen 1991 und 1999 existente Hamburger Punkrockband war damals – soviel sei im Rückspiegel festgestellt – das Non-Plus-Ultra, wenn es darum ging, Zeitgeschehen in Worte zu fassen und mal schnelle und derbe, bis zum letzten Album „Hallo Endorphin“ jedoch auch (für eine Punkband) erstaunlich poppige Akkorde drumherum zu packen. Dass Frontmann Marcus Wiebusch nicht der begnadetste Sänger unterm bundesdeutschen Musikfirmament war? Drauf geschissen! Was zählte – und daran hat sich im Hause Wiebusch bis heute herzlich wenig geändert -, war die vielbeschworene „Haltung“. Egal, ob zu Themen wie Neoliberalismus, Doppelmoral, Radikalismus (ganz gleich, ob von Rechts oder Links), Sexismus – …But Alive zogen klare Fronten, titulierten schonmal „Ich möchte Ilona Christen die Brille von der Nase schlagen“ oder nannten die in den Neunzigern recht populäre TV-Moderatorin Margarethe Schreinemakers ganz frank und frei eine „Quotenhure“. Dass so nur jemand agiert, dem gar nicht erst daran gelegen ist, sich den äußeren Umständen anzupassen, sondern – ganz im Gegenteil – mit einer Menge Mut, Überzeugung und den sprichwörtlichen „Cojones“ mit dem Dickschädel Türen einrennt, zeigte Wiebusch 2002 mit der von ihm und – unter anderem – Ex-Rantanplan-Skabasser Reimer Bustorff neu gegründeten Band Kettcar. Da sie für ihr erstes Album „Du und wieviel von deinen Freunden“ kein Plattenlabel fanden, gründeten sie gemeinsam mit Kumpel Thees Uhlmann (Tomte) Grand Hotel van Cleef. Fortan veröffentlichte man eben unter eigener Flagge (was ja zu Zeiten von …But Alive auch schon unter dem Banner von Wiebusch Kleinstlabel BA-Records der Fall war) und zu den eigenen Konditionen, machte sich über die Jahre auch international einen Namen (unter anderem erschienen seitdem auch Alben von Bands wie Death Cab For Cutie, den Punks von Propagandhi, Weakerthans-Frontmann John K. Samson oder Young Rebel Set bei GHvC) und steht selbst in Zeiten, in denen Plattenfirmen über den eigenen Fortbestand und sinkende Umsatzzahlen lamentieren, auf erfreulich sicheren Beinen. Ganz klar: Wiebusch und Co. zählten nie zu den leeren Schwätzern, die viel predigten und anprangerten, nur um kurz darauf den Schwanz einzuziehen – sie „zogen ihr Ding durch“ (ein profaner Ausdruck, vielleicht – aber auch so wahr). Und siehe da: Ihr Mut wurde belohnt. Von der deutschen Musikpresse wurde „Du und wieviel von deinen Freunden“ begeistert aufgenommen, wie etwa ein Rückblick von VISIONS-Redakteur Ingo Neumeyer zum zehnjährigen Jubiläum der Platte im Jahr 2012 beweist: „Persönlich, aber nicht peinlich. Intim, aber nicht aufdringlich. Offen, aber nicht voyeuristisch. […] Kettcar gehen aufs Ganze, eine Nummer kleiner ist keine Option für diese Band, die Lust auf richtig große Songs hat. Hier gibt es elf Stück davon.“. In ihren bis 2012 erschienenen vier Album wuchsen Kettcar stetig, machten mal private (beim Album „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ von 2005), mal gesellschaftliche Themen (beim Album „Sylt“ von 2008) zu Kernpunkten ihrer Platten. Dass beim bislang letzten, 2012 erschienenen Werk „Zwischen den Runden“ sogar kritische Stimmen laut wurden, die der Band „Belanglosigkeit“, „Befindlichkeitsrock“ oder gar „Schlagerhaftigkeit“ vorwarfen, dürfte Marcus Wiebusch und seine vier Bandkumpels wohl herzlich wenig gestört haben, denn immerhin enterten die Ex-Punks (das äußere Bild) respektive Punks (die Haltung, das Herz) mit jedem ihrer Album nach dem Debüt die deutschen Album-Top-Ten und hatten es in den Jahren nach der Band- und Labelgründung fertig gebracht, ihren Broterwerb in (beinahe) musikalischer Autarkie zu sichern – Hut ab, dafür! Wohl gerade deshalb entschlossen sich Kettcar im April 2013 dazu, eine „kreative Pause“ einzulegen. Und Wiebusch? Der begriff, dass nach mehr als zwanzig Jahren in diversen Bands endlich die Zeit für seinen Soloeinstand gekommen war…

MW promo

Ruhe… Dabei täuschen die ersten Sekunden aus „Off“, dem Eröffnungsstück von Marcus Wiebuschs Debütalbum „Konfetti„, ein wenig: Zu Zeilen wie „Die Füße spüren das Meer / Die Gedanken schweifen bis zum Horizont / Und zurück und weiter nach oben / Und dann eine Ruhe / Die mit den Stunden kommt“ schiebt sich die Nummer mit Pianogeplänkel Coldplay’scher Machart ins Bild, nur um kurz darauf samt Band, Streichern und einer ganzen Armada von Trompeten zu euphorischem Deutschpop zu erwachsen. Und wenn Wiebusch vom „Erinnern“ des „kleinen Jungen“ erzählt, so wird der Kenner des Schaffens des 45-Jährigen wohl unweigerlich an den Song „Was hätten wir denn tun sollen“ denken müssen (das Stück ist Teil von Wiebuschs nie offiziell veröffentlichtem, jedoch seit Jahren durchs Netz geisterndem Demotape „Hippiekacke“ und wurde 2004 unter dem Titel „Strand“ von Schauspieler Jürgen Vogel und der „Keine Lieder über Liebe“-Filmband Hansen Band, zu welcher auch Wiebusch, Bustorff und Uhlmann gehörten, neu interpretiert). Doch all das – und wohl auch alles Nachfolgende auf „Konfetti“ – wird überstrahlt vom geradezu massiven Siebenminüter „Der Tag wird kommen“. Allein die Textzeilen des Titels, um welchen sich in den vergangenen Wochen nahezu jedes Wiebusch-Interview zu „Konfetti“ drehte (und ihn bis in die ARD-„Tagesthemen“ brachte), füllen zwei Seiten des beiliegenden Booklets. In ihnen packt der Musiker ein Thema an, welches nicht erst seit dem Outing von Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlperger zu einem der ganz „heißen gesellschaftlichen Eisen“ zählt: Homosexualität und Homophobie im Profifussball. Zu elektronischen Stampfbeats schildert Wiebusch sprechsingend den Werdegang eines Hamburger Fussballtalents von der F-Jugend bis zum Profivertrag – so weit, so alltäglich, müsste sich dieses „Talent“ nicht Tag für Tag hinter einer Maskerade einer Bilderbuchumgebung aus Scheinheiligkeit und gesellschaftlicher „Normalität“, in der ein „Vorzeigeprominenter“ noch immer eine „Vorzeigefreundin“ mit Modelmaßen haben muss und keinen gleichgeschlechtlichen Partner, und Agenturen darauf ansetzen muss, ihm die „Fassade zu besorgen“, verstecken. Ein Leben, erschaffen aus Druck und Angst. Was im Frauenfussball ironischerweise längst gesellschaftlich akzeptiert wurde (die amtierende Weltfussballerin und ehemalige Nationaltorhüterin Nadine Angerer etwa outete sich bereits vor enger Zeit als lesbisch), ist im Machismo-Rund des übersexualisierten Männerpendants noch immer verpönt – ein freilich unnötiges Refugium der XY-Klasse, die ihren „Nationalsport Fussball“ in Stadien und an Stammtischen um jeden Preis gegen Neuzeitliches wie Metrosexualität (Was würden Cristiano Ronaldo und David Beckham wohl dazu sagen?) oder Frauenquoten verteidigen will… Gegen Ende von „Der Tag wird kommen“ bricht es also nicht ohne Grund aus Wiebusch heraus: „All ihr homophoben Vollidioten, all ihr dummen Hater / All ihr Forums-Vollschreibeer, all ihr Schreibtischtäter / All ihr miesen Kleingeister mit Wachstumsschmerzen / All ihr Bibel-Zitierer mit euer’m Hass im Herzen / All ihr Funktionäre mit dem gemeinsamen Nenner / All ihr harten Herdentiere, all ihr echten Männer / Kommt zusammen und bildet eine Front / Und dann seht zu was kommt… / Und der Tag wird kommen an dem wir alle unsere Gläser heben / Durch die Decke schweben, mit ’nem Toast den hochleben lassen / Auf den ersten, der’s packt, den Mutigsten von allen / Der erste, der’s schafft / Es wird der Tag sein, an dem wir die Liebe, die Freiheit und das Leben feiern / Jeder liebt den, den er will und der Rest bleibt still / Ein Tag, als hätte man gewonnen / Dieser Tag wird kommen“ – das Stück ist Ohnmachtserklärung und ermutigendes Schulterklopfen zugleich, eben weil hier ein äußerst sensibles Thema einer eben noch immer nicht freien Gesellschaft angepackt wird, eben weil hier Opfer und Täter beim Namen genannt werden, eben weil Wiebusch klar Stellung bezieht. „Der Tag wird kommen“ ist ohne Zweifel einer der berührendsten und wichtigsten Songs des Jahres – jetzt schon. Und er ist Wiebuschs Rückbesinnung zu den „guten, alten“ Was wir tun werden (Cover)…But Alive-Tugenden. Und dort, wo „Der Tag wird kommen“ endet, machen die nachfolgenden Songs erfreulicherweise weiter: Das bereits von der im vergangenenen Jahr veröffentlichten „Hinfort! Feindliche Macht“-3-Song-EP bekannte „Nur einmal rächen“ zeigt, dass eben manchmal auch die vermeintlichen Nerds (Stichwort: Bill Gates, Stichwort: Steve Jobs) zuletzt lachen („Wenn ich Abends einschlafe oder morgens aufwache / Mein gutes, cooles Leben wird die beste Rache / Eure Welt programmieren – meine leichteste Sache / Ein gutes, cooles Leben ist die beste Rache“). Auch das zu Elektropumschleifen sprechsingend intonierte „Haters Gonna Hate“ oder „Jede Zeit hat ihre Pest“ schlagen in eine ähnliche thematische Kerbe, ziehen die salzigen Finger über kaschierte Wunden im Fleisch der Gesellschaft und teilen offen gegen Gleichmacherei, Scheinheiligkeit und „Attention Whores“ aus. Klingt nach gepflegtem Kulturpessimismus? Dem wirkt Wiebusch freilich hingegen, lockt mit dem von Handclaps, Piano und Bläsern getragenen „Was wir tun werden“ die Euphorie (zurück) ins Studio („Wir werden reden, denn wir müssen es jemandem sagen / Aber nicht zu denen werden, die nur ein Thema haben / Wir werden die Wörter an der Luft wahr werden lassen / Werden niemanden suchen,  aber keinen verpassen / Werden die Spuren der Erinnerungen alle aufspüren / Werden Bilder versenken in alten Kartons und das eine Foto dann ein letztes Mal berühren / Werden traurige Songs hören / Nachts auf dem Balkon“), während das nicht minder tolle „Wir waren eine Gang“ den Blick in den Rückspiegel richtet und angesichts des Werdegangs des einstigen Freundeskreises auch all die kleinen jugendlichen Illusionen und Idealvorstellungen abschwenkt oder „Springen“ all jenen Mut macht, die in ihrem Leben scheinbar „Land unter“ wähnen („Die Strömung ist vielleicht gegen dich / Und egal welche Stürme toben / Halt den Kopf oben“). Fast wie ein profaner Fremdkörper inmitten dieser ernstzunehmenden gesellschaftlichen Relevanz wirkt da schon das Großstadt-Liebeslied „Der Fernsehturm liebt den Mond“, das längst vergessen scheint, als das mächtige, geradezu postrockend hohe und düstere „Schwarzes Konfetti“ Wiebuschs Soloeinstand nach 45 Minuten mit krönendem Abschluss beendet: „Und die Flucht nach vorn ein ganzes Leben gepredigt / Die Hände im Sand kurz vor der Welle verewigt / Selbst die kleinsten Gedanken / Groß und weise gedacht / Schwarzes Konfetti rieselt leise herab“.

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Für „Konfetti“ wagt sich Marcus Wiebusch zwei Jahre nach dem letzten Album seiner Stammband Kettcar auf allerlei musikalisches Neuland, arbeitete für die elf Songs seines ersten Albumalleingangs mit nicht weniger als sieben Produzenten – Philipp Steinke (Bosse), Moritz Enders (Kraftklub, Revolverheld), Robert „Robot“ Koch (Marteria, Max Mutzke), Jochen Naaf (Peter Licht, Bosse), Tobias Siebert (Sport, Me And My Drummer), Matthias Mania (Moby, Olly Murs) und Michael Ilbert (Herbert Grönemeyer, Taylor Swift) – zusammen – und das hört man dem Album stellenweise freilich an. Denn anders als noch bei Kettcar, deren Platten auch immer eine gewisse Kohärenz im Fluss aufwiesen, wirkt „Konfetti“ mehr wie ein modernes Mixtape, über deren nicht selten elektronische Grundinstrumentierung allerlei Studiogäste (etwa die umtriebigen Tausendsassas Felix Weigt und Tim Neuhaus an Bass beziehungsweise Schlagzeug, oder der Isländer Helgi Jónsson mit seinem Posaunenspiel) herfallen, während Wiebusch seinen Blick nach außen und auf die Gesellschaft richtet wie seit seligen …But Alive-Tagen – oder doch mindestens seit dem dritten, sechs Jahre zurückliegenden Kettcar-Album „Sylt“ – nicht mehr. Man merkt deutlich, dass all diese Zeilen in ihm brannten und brodelten, dass er lange und gründlich an ihnen gewerkelt hat – und nun seines Zeichens dafür brennt, sie zu singen.

Unterm Strich wagt sich Marcus Wiebusch in den elf Teilen von „Konfetti“ möglichst weit vom Kettcar’schen Klanggerüst weg, indem er die Intentionen von …But Alive – das ungeschönte Ansprechen relevanter Themen, die klaren Haltungen, den Mut zur Offenheit, aber auch: den Sprechgesang – ins Hier und Jetzt hebt. Anno 2014 werden nur die getroffenen Hunde mit tauben Ohren Wiebusch „Befindlichkeitsrock“ vorwerfen können, denn bis zum Jahresende wird sich jedes andere deutschsprachige Album – zumindest in Punkto Relevanz – an „Konfetti“ messen lassen müssen. Und trotzdem liefert Marcus Wiebusch wohl auch mit seinem neusten Werk genug Futter für all jene, die dem Musiker bereits seit den Neunzigern seine grüblerische Ernsthaftigkeit vorwerfen – haters gonna hate. Ihm wird’s recht sein, solange die Inhalte von „Konfetti“ Aufmerksamkeit finden. Denn es bleibt dabei: Marcus Wiebusch ist einer der relevantesten, zeitgeistigsten und begnadetsten Lyriker der deutschen Musikszene. Und: er trägt das Herz am richtigen Fleck, zur Not sogar auf der Zunge. Die leiht er auf „Konfetti“ all jenen, die sich mit den falschen Verhältnissen im richtigen Leben noch nicht arrangiert haben, den gesellschaftlichen Außenseitern, den Nein-Sagern und Grüblern. Für den Rest hat er bereits vor 17 Jahren deutliche Worte gefunden: „Ich sagte es gestern, sag‘ es morgen: Macht euch um mich doch keine Sorgen / Und kümmert euch zuerst um euch und fickt euch“.

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Neben einem Trailer zum Album…

…gibt es hier ein Lyric Video zum offensichtlichen Album-Favoriten „Der Tag wird kommen“…

…das Musikvideo zu „Was wir tun werden“, bei welchem Wiebusch tanzende Unterstützung von Mitgliedern der „HipHop Academy“ erhält,…

…und das bereits 2013 auf der „Hinfort! Feindliche Macht“-EP veröffentlichte „Nur einmal rächen“:

 

Rock and Roll.

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Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Video- und Songneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

Brandon Flowers, Father John Misty & Local Natives – Johnny Cash-Tribute auf  „La Blogothèque“

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Zur Feier der Erscheinens des „neuen“ Johnny Cash-Albums „Out Among The Stars„, welches Fertigstellungen von zwölf Songs beinhaltet, die die Country-Legende Anfang der Achtziger gemeinsam mit Produzent Billy Sherrill in Nashville, Tennessee und Los Angeles, Kalifornien aufnahm (ANEWFRIEND berichtete bereits), hat die französischsprachige Musikseite La Blogothèque die LA-Indierocker Local Natives, Ex-Fleet Foxes-Schlagzeuger Father John Misty (aka. Josh Tillman) und Killers-Frontbirne Brandon Flowers zur gemeinsamen Tribute-Jam-Session in die staubige Wüste geladen. Herausgekommen ist ein gut 15-minütiger Kurzfilm, in dem die Künstler Stücke aus dem „neuen“ Cash-Album zum Besten geben und sich so auf ihre Weise vor der Musikikone geneigen…

 

 

 

Jimi Goodwin – Oh! Whiskey

Jimi Goodwin

Keine Frage: Nach dem Erscheinen ihres letzten Albums „Kingdom Of Rust“ im Jahr 2009 und der – beinahe obligatorischen – Best Of-Sammlung „The Places Between: The Best Of“  ist es ein klein wenig still um die drei Britrocker der Doves geworden. Dass zumindest Frontmann Jimi Goodwin recht fleißig im heimischen Studio gewerkelt hat, belegt sein Solodebüt „Odludek„, das nach langer Ankündigung nun endlich erscheint. Und obwohl der Musiker für seinen Erstling das polnische Wort für „Einsiedler“ als Titel wählte, war er beim ersten offiziellen Alleingang wohl kaum so oft einsam im Studio, immerhin schaute sein Kumpel und „fellow Mancunian“ Guy Garvey – seines Zeichens auch Herz und Stimme von Elbow – ab und an vorbei, um beim ein oder anderen Song von „Odludek“ mitzuwirken. Freilich stehen einige der zehn neuen Stücke nicht so fern vom Bandsound der Doves weg (was freilich auch an Goodwins markantem Gesangsorgan liegt), andererseits hätte Jimi Goodwin elektronische Sperenzchen, Gameshow-Jingles („Man v Dingo“) oder gar Manchester Rave-Anleihen (wie im Song „Live Like A River“), mit denen die Spannbreite des Singer/Songwriter-Indierocks deutlich verbreitert wird, wohl schlecht ins Dove’sche Bandkonstrukt integrieren können. Interessant ist’s allemal – auch, da Jimi Goodwin seine Buddies von Elbow – als Konzert-Eröffnungsact – auf deren Tour zum neuen Album „The Take Off And Landing Of Everything“ begleiten wird…

 

 

 

Marcus Wiebusch – Der Tag wird kommen

M. Wiebusch

Ich werde nicht müde zu betonen, dass Marcus Wiebusch seit etlichen Jahren einer der größten und – oft genug und stets gewollt – unbequemsten Lyriker der deutschen Musiklandschaft ist. Ob nun mit den 1999 ad acta gelegten Politpunks von …But Alive, mit seiner Stammband Kettcar oder – aktuell – auf Solo-Pfaden – Wiebusch legt die salzigen Finger in persönliche wie gesellschaftliche Wunden und findet Worte für Gefühle, die jeder kennt und den aufmerksamen Hörer trotz aller Allgemeingültigkeit stets ins Mark treffen.

Nach dem großen „Nur einmal rächen„, welches im vergangenen Jahr Teil der Drei-Song-Solo-EP „Hinfort ! Feindliche Macht“ war, lässt der Hamburger Labelgründer nun mit „Der Tag wird kommen“ einen weiteren Song seines in knapp drei Wochen – endlich! – erscheinenden Soloalbums „Konfetti“ hören. Darin nimmt sich Wiebusch erneut einem Thema an, das aufgrund seiner Aktualität und Brisanz – nicht zuletzt seit dem unlängst erfolgten Outing des Ex-Nationalspielers Thomas Hitzlsperger – die Gesellschaft spaltet: Homosexualität und Homophobie im Profifussball. Dass der erklärte Freizeit-Kicker und Fan der Millerntor-„Chaoten“ des FC St. Pauli dabei nicht eben auf einen populistischen Zug aufspringt, sondern dem Song durch die Freundschaft zu einem homosexuellen Fussballprofi, der, um seine Profi-Karriere nicht zu gefährden, seine Sexualität verleugnen muss, autobiografische Züge zurechnet, wird im Text klar: „Es war uns vollkommen egal, ob er straight oder schwul war / Wir spielten zusammen seit der F-Jugend Fußball“. Im Refrain – und überhaupt dem ganzen siebenminütigen Stück, das von basslastigen Beats bis zu einem Piano-Zwischenteil Einiges parat hält – fiebert Wiebusch kämpferisch sprechsingend dem Tag entgegen, an dem Homosexualität – auch und vor allem in den Machologen des Profifussballs – endlich als etwas völlig Normales gilt, gibt dann jedoch auch seinem alten Fußballfreund eine resignierte Stimme: „Du bist dann der Erste, der Homo, der Freak/ Es gibt dann keinen, der in dir nur den Fußballer sieht / Aber ja, es wird besser und der Tag ist in Sicht / Einer wird es schaffen, aber ich bin es nicht“

Ganz klar: zeitgeistiger als bei Marcus Wiebusch geht es 2014 kaum. Weitere Hörproben von „Konfetti“ deuten außerdem auf eine Abkehr vom rockigen Bandsound seiner Stammband und hin zu elektronischeren Gefilden. Mein Ohr hat der Mann auf jeden Fall.

 

 

 

Die Coverversionen der Woche…

london grammar

…stammen diesmal von London Grammar und Furns.

Ersteres Trio (Bild oben), bestehend aus Sängerin Hannah Reid, Gitarrist Dan Rothman und Keyboarder Dominic Major, gilt spätestens seit dem Erscheinen des Debütalbums „If You Wait“ im vergangenen November als eine der gelungensten Alternativen zu den minimalistischen Elektro-Atmosphäre-Indierockern von The xx. Nun haben sich London Grammar den Song „Devil Inside“, dessen 1988 erschienenes Original von der australischen Band INXS stammt, vorgenommen, um das Stück perfekt in ihren melancholischen Klangkosmos einzuweben. Freunde der Mittelalter-Spektakel-Serie „Game Of Thrones“ wird der Song übrigens bekannt vorkommen, immerhin war er kürzlich in einem Trailer zur kommenden Staffel zu hören…

 

Ganz ähnlich geht das dänische Duo Furns bei ihrer Coverversion des Kashmir-Songs „Ether“ zu Werke: Rocksound wird in minimale Sythesizer-Elektrobegleitung umgewandelt, über welche sich eine sphärische weibliche Stimme legt. Und so ist das Stück ihrer Landsleute von Kashmir, das 2005 als Teil des Albums „No Balance Palace“ erschien, am Ende kaum wiederzukennen…

 

 

Rock and Roll.

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Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Video- und Songneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

Conor Oberst – Hundreds Of Ways

conor oberst

Glaubt man dem eigenen (digitalen) Plattenschrank, so war es in letzter Zeit ruhig um Conor Oberst. Dabei war das einstige „Wunderkind des Folk“ keinesfalls untätig, immerhin hat Oberst neben seiner seit mehr als 15 Jahren betriebenen Stammband Bright Eyes auch Soloaktivitäten oder die Alt. Country-„Supergroup“ Monsters Of Folk, zu welcher auch My Morning Jacket-Frontmann Jim James, Singer/Songwriter M. Ward oder Langzeitproduzentenkumpel Mike Mogis zählen, fest im Auge. Zudem reaktivierte er im vergangenen Jahr seine Post-Hardcore-Indierocker Desaparecidos, um mit ihnen ein paar – freilich politisch höchst relevante – Singles zu veröffentlichen und karitative Konzerte zu spielen.

Nun jedoch soll es wieder Zeit für ein neues Soloalbum sein. „Upside Down Mountain“, der Nachfolger zum 2008 erschienenen selbstbetitelten Plattenalleingang, wird am 20. Mai via Nonesuch Records veröffentlicht, wurde vom auf archaisch große Folk-Traditionen spezialisierten Musikerbuddy Jonathan Wilson produziert und wird wohl den ein oder anderen Gastauftritt, wie den des schwedischen Folk-Schwesternpaares First Aid Kit, die sich damit wohl bei Oberst für dessen Gastspiel auf ihrem zwei Jahre zurückliegenden Album „The Lion’s Roar“ revanchieren, bereithalten. Schon jetzt gibt es mit „Hundreds Of Ways“ einen ersten Vorgeschmack aufs kommende Conor Oberst-Werk, und der weist mit seinen ebenso introspektiven wie melancholischen und weitsichtigen Textzeilen, seiner country’esken Stimmung und Obersts markanter Stimme durchaus Dylan’sche Qualitäten auf…

„What a thing to be a witness to the sunshine / What a dream to just be walking on the ground / What a time to live among the ash and remnants of our love / That came before and I’m still looking for that now…“

 

 

 

The Notwist – Kong 

the notwist

Wesentlich weniger Geduld müssen alle Freunde der deutschen Elektronik-Frickel-Indierocker The Notwist aufbringen, immerhin erscheint deren neues Album „Close To The Glass“ bereits in wenigen Tagen. Bevor Platte Nummer sieben ab dem 21. Februar in Gänze in die Regale wandert, stellt die international geschätzte Band aus dem beschaulichen oberbayrischen Weilheim, deren Album in den USA vom feinen Indie-Label Sub Pop Records vertrieben wird, mit „Kong“ einen der heimlichen Hits auf „Close To The Glass“ vor und schickt das Stück samt einem Animationsvideo von Regisseur Yu Sato ins Rennen. Das macht auch durchaus Sinn, erzählt der Song doch die Geschichte eines Superhelden namens „Kong“, der eine Familie aus dem Ausnahmezustand rettet und auf ein autobiografisches Erlebnis von Notwist-Sänger Markus Achter anspielt, der als Kind viele Comics las und sich während eines regnerischen Tages in Weilheim – als Hochwasser die Stadt bedrohte – vorstellte, dass ein Superheld kommen und ihn und seine Familie aus den bedrohlichen Fluten retten würde…

 

(Wer den Song als Live-Version hören mag, der kann sich hier einen Mitschnitt von „Kong“, den die Band während eines Konzerts in Düsseldorf im Kotober 2012 zum Besten gab, ansehen…)

 

 

Marcus Wiebusch – Konfetti

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Das hat aber gedauert, Herr Wiebusch! Immerhin ein Jahr Zeit hat sich der hauptberufliche Kettcar-Bandchef und (zu einem Drittel) Labeleigentümer des geschätzten Grand Hotel van Cleef nach der Veröffentlichung seines Drei-Song-Solo-EP „Hinfort ! Feindliche Macht“ gelassen, um mit dem längst versprochenen Soloalbum in die Pötte zu kommen. Dass nun sowohl das Cover als auch die Tracklist und ein Veröffentlichungsdatum (der 18. April) vom Marcus Wiebusch-Debüt „Konfetti“ stehen, ist umso erfreulicher. Und falls auch nur ein Teil der elf Stücke so großartig gerät wie „Nur einmal rächen“, im vergangenen Jahr bereits Bestandteil der EP, nun freilich auch auf dem Debüt vertreten und außerdem eine meiner persönlichen Lieblingssongs 2013, dann steht uns ein wahrlich famoses Album von einem der sympathischsten und gewieftesten bundesdeutschen Musik-Lyriker ins Haus…

„Wenn ich abends einschlafe oder morgens aufwache / Ein gutes, cooles Leben wird die beste Rache / Eure Welt programmieren, meine leichteste Sache / Ein gutes, cooles Leben ist die beste Rache….“

 

 

 

Brody Dalle – Meet The Foetus / Oh The Joy

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Rückblick 2003: Marcus Wiebuschs Hauptband Kettcar hatte damals unlängst ihr vielgelobtes und seitdem – sowohl in Punkto „Referenzwerk“ als auch als „Meilenstein“ – oft zitiertes Debütalbum „Du und wieviel von deinen Freunden“ in Label-Eigenregie in die Plattenregale gebracht, und auch aus den US of A vernahm man ein gewaltiges Brausen und Grollen. „All my friends are murder / Hey, all my bones no marrows in / All these fiends want teenage meat / All my friends are murderers“ zischte die damals 24-jährige Brody Dalle in „Drain The Blood„, der Leadsingle des dritten Albums „Coral Fang“ ihrer damaligen Band The Distillers, höchst pissed’n’angry in Mikro. Auch heute noch verursachen der Song und seine zehn Albumkumpane energetische Punkrock-Fallstricke in den Magengruben all jener, denen das Album in bester Rancid-Tradition (mit Tim Amstrong, dem Frontmann der kalifornischen Punktocker, war Dalle übrigens bis 2003 für ganze sechs Jahre verheiratet) damals in die Karten der adoleszenten Wirren spielte. Dann jedoch machten die Distillers unvermittelt Schluss, Dalle bandelte mit Queens Of The Stone Age-Mastermind Josh Homme an, heiratete ihn 2007 und zog sich als zweifache Mutter weitestgehend aus dem Musikgeschäft zurück – Windeln und Fläschchen statt Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Und obwohl der erneute Versuch der gebürtigen Australierin, im Jahr 2009 mit dem selbstbetitelten Debüt ihrer neuen Band Spinnerette an die alte Klasse anzuknüpfen, eher Alternative Rock-mäßig mau ausfiel, beweist etwa Caspers Textreferenz im Song „230409“ („Du warst nie Brody Dalle / Und ich war nie dein Wes Eisold“ – vom Album „XOXO“), dass die Dame auch heute noch als Inbegriff der „Bonnie & Clyde“-mäßig abgefuckten Erotik des Punkrock gilt…

Nun also wagt die mittlerweile 35-jährige Brody Dalle, die auch optisch kaum noch etwas mit dem kaputten Twentysomething-Ich ihrer Selbst gemein hat (blonde Mähne statt buntem Mohawk), einen erneuten Anlauf im Musikgeschäft. „Meet The Foetus / Oh The Joy“, der erste Song ihres kommenden Soloalbums, das von QOTSA-Intimus Alain Johannes produziert wurde, lässt dabei freilich all die Bissigkeit der Distillers vermissen und erinnert mit seinem verrockten Hall und den derben Riffs eher an Achtziger-Jahre-Darkwave-Heroen wie Bauhaus oder – natürlich – die Queens Of The Stone Age. Kein großes Ding also, und man hofft, dass Dalle mit dem Rest des Albums mehr überzeugen kann als mit diesen ersten fünf Minuten. Ein kleines Ausrufezeichen kommt jedoch aus dem Hintergrund, immerhin lotste die ehemals „sexiest woman in punkrock“ keine Geringeren als Emily Kokal (Warpaint) und Shirley Manson (Garbage) für die Backing Vocals ins Studio…

 

 

 

Karen O – The Moon Song

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Ein nicht eben unähnlicher Ruf eilt auch Karen O voraus. Seit dem elf Jahre zurückliegenden Debütalbum ihrer Band, den Yeah Yeah Yeahs, gilt die 35-jährige New Yorkerin als feministische Stil-Ikone, die mit ihren Outfits mal Trends setzt, mal aneckt und mit ihrer Musik kaum bis keinerlei Anbiederei oder Kompromisse an den Zeitgeist zulässt, sondern diesen schlichtweg selbst mitdefiniert. Dass dieser Weg durchaus von Erfolg gekrönt sein kann, zeigen einerseits die vielfachen Grammy-Nominerungen des Yeah Yeah Yeahs, andererseits jedoch auch, dass Karen O für „The Moon Song“, ihren Beitrag zum – im Übrigen sehr zu empfehlenden – neuen Film „Her“ von Kultregisseur Spike Jonze, nun für den Oscar als „bestes Titelstück“ nominiert wurde.

Wer das bezaubernde „The Moon Song“, im Film selbst von den beiden Hauptdarstellern Joaquin Phoenix und Scarlett Johansson gesungen, noch nicht kennt, der sollte dies schleunigst nachholen. In dieser Version gab Karen O den Song gemeinsam mit Regisseur Spike Jonze und Produktdesigner KK Barrett bei der Online-Radioshow von KCRW „Morning Becomes Electric“ zum Besten:

 

 

20140210-her-x600-1392073735Außerdem nahm Karen O „The Moon Song“ noch im Duett mit Vampire Weekend-Frontmann Ezra Koenig auf – in eben der Variante, die der Sängerin im Grunde von Anfang an vorschwebte: „It’s wild because ‚The Moon Song‘ was written and recorded in the most humble of circumstances; at my dining room table, a few paces away from the couch I read the script for Her for the first time“, wie Karen O dem Rolling Stone erzählte. „I was really excited at the prospect of getting to record it with a male vocalist. Ezra was super cool and open, he slipped into character like a champ and damn he’s got the goods.“

 

 

The National – I Need My Girl + Live from the Sydney Opera House

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Und allwöchentlich grüßen The National… Nachdem die US-Band in der vergangenen Woche noch zum Cover-Contest ihres Songs aufrief (das Rennen machte am Ende übrigens jene Multiinstrumental-Version von Kai Keefe), präsentierten die Mannen um Frontstimme Matt Berninger am Freitag – und damit passend zur Feier des Valentinstags – das Musikvideo zur Ballade „I Need My Girl“, in welchem die Kamera vor einem komplett in schwarz getauchten Hintergrund um zum Tanz aufgestellte Paare kreist, die sich vertraut in die Augen blicken und aneinander schmiegen. Romantik pur – und das von den wohl größten Indierock-Melancholikern unserer Zeit…

 

 

Und als ob das noch nicht genug wäre, bietet die Band all denen, die es bis dato noch nicht zu einer Show von The National geschafft haben (so wie ich, leider) oder diese intensiven Eindrücke noch einmal Revue passieren lassen wollen, den kompletten zweitstündigen Auftritt im ebenso berühmten wie ehrwürdigen Opernhaus von Sydney, Australien, welcher jüngst am 8. Februar stattfand und bei dem The National ganze 26 Songs zum Besten gab, im Stream an:

 

 

 

Rock and Roll.

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