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Song des Tages: Harmony Woods – „Best Laid Plans“


Bevor Sofia Verbilla begann, als Harmony Woods Musik zu machen, schleppte sie Freunde zu Konzerten in ihrer Heimatstadt Philadelphia, brachte Gleichaltrige mit der lokalen DIY-Szene in Berührung oder sehnte sich aus vollstem Teenagerherzen danach, ihre lokalen Indie-Rock-Helden zu treffen. Inspiriert von denselben Bands, zu deren Musik sie gern selbst durch den Moshpit sprang, schrieb Verbilla schließlich im Alter von 16 Jahren ihre ersten eigenen Songs. Und spielte bereits kurze Zeit später, mit 18, Solosets in derselben Location, das auch die Mitglieder von Modern Baseball einst ihr Homebase bezeichneten. Angesichts der umtriebigen DIY-Szene Phillys ist es so kaum verwunderlich, dass einige der Bandmitglieder ihr sogar bei den Aufnahmen zu Harmony Woods‘ 2017er Debütalbum „Nothing Special“ halfen. Jenes fand durchaus schnell Anklang, denn entgegen des tief stapelnden Albumtitels hatte Verbilla nämlich sicherlich etwas Besonderes an sich – mit ihrer kristallklaren Stimme und ihren aufrüttelnden Mitten-aus-dem-Teenagerleben-Texten schien sie bestens darauf vorbereitet, eine feste Größe in der Emo-meets-Indie-Rock-Szene von Philadelphia zu werden…

Der Titel von Harmony Woods‘ 2019 erschienener Nachfolger-LP „Make Yourself At Home“ ist bei genauerer Betrachtung weitaus weniger einladend, als es zunächst scheint: “So make yourself at home / Although you weren’t invited”, singt Verbilla in der Leadsingle „Best Laid Plans“. Es ist die Art von passiv-aggressivem Kommentar, den man jemandem entgegnen könnte, der nach einer gut gemeinten Einladung ein paar Nächte zu viel auf der eigenen Couch verbracht hat, aber auch die recht treffende Zusammenfassung eines Albums, welches sich zu einem guten Teil mit Selbstsabotage beschäftigt. Verbilla singt darüber, dass sie zu viel emotionale Aufmerksamkeit an Menschen verschwendet, die es nicht unbedingt verdienen, oder – in ihren eigenen, Meme-gerechten Worten – deren toxisches Verhalten romantisiert. Schritt für Schritt lernt auch sie, ihr eigenes Wohlbefinden in den Vordergrund zu stellen, und „Make Yourself At Home“ zeigt manches Mal die hässliche Seite dieses Lernprozesses auf.

Verbilla ist eine berührende Lyrikerin; ihre Worte sind unverblümt, unglamourös und oft anschauliche, tagebuchgleiche Erinnerungen an erlebte Traumata. “I can’t feel safe around you / Not when you’re like this“, klagt sie etwa in „Misled“, als würde sie den Schmerz direkt aus ihrer Kindheit kanalisieren: “When I was young / My mother’s lover acted the same exact way”. Das Album beschreibt auch den quälenden Prozess der Aufarbeitung einer missbräuchlichen Beziehung, mit Anspielungen auf häusliche Gewalt und Gaslighting. “You slam the car door shut accidentally / Profusely apologize / You say, ‘That’s not like me’”, singt sie in „The City’s Our Song„, mit genug Weitsicht, um zu erkennen, dass dies tatsächlich charakteristisch für ihr Thema war. „Now all I want is the truth / But you’re frightening me instead / You say, ‚I think you’ve been misled'“, wie es in „Misled“ heißt. Verbilla setzt regelmäßig die Dialoge ihrer emotionalen Antagonisten ein, und wohl auch deshalb fühlt sich „Make Yourself At Home“ genauso sehr nach einem Album aus deren Blickwinkel an wie aus ihrem.

Außerdem erweist sich die damals 20-Jährige auch als Fan des „Recyclings“ eigener Songtextzeilen: „Seasons change, people stay the same“, sinniert sie sowohl in „Best Laid Plans“ als auch im Abschlussstück „Halt“. „One day we will die / And only ghosts will be our friends„, singt sie in „The City’s Our Song“, nur um diesen melancholisch getränkten Gedanken im anschließenden „Ghosts“ wieder aufzugreifen. Auf den ersten Blick mag das vielleicht etwas einfallslos wirken, aber bei wiederholtem Hören wird klar, dass genau das Gegenteil der Fall sein dürfte und dies einfach Verbillas Mantren über Menschlichkeit und Sterblichkeit sind. Je mehr Schmerz sie offenbart („Another trauma I’ll have to unpack“, emo-klagt sie in „Burden“), desto mehr Gewicht haben ihre wiederkehrenden Worte. Wer hier an Singer/Songwriterinnen wie Julien Baker, Phoebe Bridgers oder Lucy Dacus denkt, der liegt wohl gar nicht mal so falsch.

Perfekt ist ihr zweites Album dabei keineswegs. Während Verbilla im Poetischen ihre Stärken beweist, muss sie als Musikerin hier erst noch in Schwung kommen. „Best Laid Plans“ und „The City’s Our Song“ mögen mit dynamischen Refrains überzeugen, auf Albumlänge sind ihnen nur wenige Momente ebenbürtig. Kompositorisch ist „Make Yourself At Home“, welches von Chris Teti (The World Is A Beautiful Place and I Am No Longer Afraid To Die) produziert wurde, im Gros eher einfach gehalten: Es gibt mehr Powerchords als vertrackte Riffs, und die meisten Hooks sind ein wenig zu simpel, um länger hängen zu bleiben. Doch so leicht es sein mag, Harmony Woods die fehlende Komplexität im Musikalischen anzukreiden, so einfach ist es, Sofia Verbilla zu verzeihen, wenn man tiefer im Herzblut ihrer Erzählungen gräbt und abschließende, so, so wahre Zeilen wie “Somebody else won’t make me feel at ease / I had to love myself before you could love me” hört. (Übrigens dürfte sich die Indie-Musikerin diesen Kritikpunkt tatsächlich auch selbst zu Herzen genommen haben, schließlich klingt das in diesem März erschienene dritte, von Bartees Strange produzierte neue Album „Graceful Rage“ deutlich indierockig-komplexer und mehr nach Full Band denn nach einsamem Kämmerlein…)

„Fancy seeing you here
All by yourself
Sitting in the low light
The fractals in your eyes dancing around

Say, are you lonely?
You look like you could use some company
But I’m not one to make the first move
Then again neither are you

So make yourself at home although you weren’t invited
Seasons change, feelings stay the same
Incapable of thoughtful, conscious choices
Seasons change, people stay the same
But I think that’s for another day

So I ask how you’ve been
You snicker and say
‚It can always be worse
But shit’s been pretty rough these days‘

By now, I’ve detected
You’re slurring your speech
You’re grabbing your keys
You’re starting to leave
I impulsively say, ‚You should come with me‘

So make yourself at home although you weren’t invited
Seasons change, feelings stay the same
Incapable of thoughtful, conscious choices
Seasons change, people stay the same
But I think that’s for another day

‚The best laid plans of mice and men often go awry‘
Despite all this, I still want you here by my side“

Rock and Roll.

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