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Der Jahresrückblick – Teil 1


„High Fidelity“ lässt lieb grüßen, denn der Pop ist bekanntlich seit jeher besessen von Listen. Ob Verkaufscharts, Streamingzahlen oder höchst subjektive Kritiker*innen-Rankings – ständig weder Plattenregale uns -sammlungen, wird die Veröffentlichungsflut in Listenform gebracht, wird Altes in Listenform neu gewichtet. Zum Jahresende ist es besonders heftig, denn natürlich dürfen, sollen, müssen überall die besten Alben und Songs der vergangenen zwölf Monate gekürt werden. 

Vor dem Blick auf die Deutschen Charts scheue (nicht nur) ich auch sonst schon zurück, da sich dieses Land seit jeher durch (s)einen notorisch schlechten Geschmack auszeichnet und Fremdscham-Alarm jedes Mal aufs Neue garantiert ist. Und leider bilden die erfolgreichsten Titel des Jahres 2022 da – Bestätigung, hier kommt sie – keine Ausnahme: Das nervtötend ohrwurmige Vollpfosten-Lied „Layla“ von DJ Robin & Schürze belegt den ersten Platz der Single-Charts – neun Wochen hielt sich der dumpftumbe Ballermann-Hit, der ein Skandälchen auslöste, jedoch besser keinerlei Erwähnung verdient gehabt hätte, an der Chartspitze, mehr als 143 Millionen Mal wurde er gestreamt. Bei den Alben dann ebenfalls keine Überraschung: Mit „Zeit“ führen die Teutonen-Böller-und-Ballermänner von Rammstein erwartungsgemäß die Liste an – und zwar mit deutlichem Abstand. 340.000 Mal hat sich das elfte Nummer-Eins-Album der Berliner Band um das personifizierte rrrrrrrrollende „R“, Till Lindemann, insgesamt verkauft. Wie erwartbar, wie öde. Und irgendwie ja auch ein Spiegelbild der aktuellen Gesellschaft…

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Christian Lee Hutson – Quitters

In den zurückliegenden Monaten durfte man ein ums andere Mal kopfschüttelnd seinen Glauben an die Menschheit verlieren: Kriege, Krisen, Klimawandel und damit einhergehende Umweltkatastrophen, Inflation, dazu die – hoffentlich – letzten Ausläufer einer weltweiten Pandemie, gesellschaftliche Spaltungen, politischer Stillstand (oder gar der ein oder andere Rechtsruck) wohin man schaute. Gesellschaftliche Unruhen im Iran, weil irgendwelche gottverdammten Männer unter religiösen Deckmänteln an ihrem formvollendet sinnfreien Regelwerk der Unterdrückung von Frauen und Andersdenkenden festhalten wollen? Eine aus so vielen, so falschen Gründen aus dem heißen Wüstenboden hochgezogene und mit unvorstellbar viel Blutgeld durchgeführte Winter-Fußball-WM in Katar? Ja, auch 2022 fanden Tagesschau und Co. meist statt, wenn der Sprecher (oder die Sprecherin) einem einen „Guten Abend“ wünschte und darauf mit vielerlei Schlagzeilen bewies, dass es eben kein guter war. Dass die Musikwelt in diesem Jahr Größen wie Mark Lanegan, Taylor Hawkins (Foo Fighters), Meat Loaf, Jerry Lee Lewis, Andy Fletcher (Depesche Mode), Christine McVie (Fleetwood Mac), Loretta Lynn, Betty Davis oder Mimi Parker (Low) verlor, macht das Ganze keineswegs besser. Dass 2022 Konzerte und Festivals endlich wieder in halbwegs „normalem“ Rahmen stattfinden konnten, jedoch schon – wenngleich es der Live-Branche jedoch alles andere als gut geht und vor allem kleinere, unbekanntere Künstler*innen und Bands sich in der Post-Corona-Zeit mit immer neuen Schwierigkeiten konfrontiert sehen (wen es interessiert, dem sei ein recht ausführlicher Artikel mit dem Titel „Kuh auf dem Eis“ hierüber in der aktuellen Ausgabe der „VISIONS“ – Nummer 358 von 01/2023 – ans Herz gelegt). Ja, das noch aktuelle Jahr war rückblickend sowohl gesellschaftlich als auch fürs menschliche wie planetare Zeugnis kein tolles – musikalisch darf zum Glück das komplette Gegenteil behauptet werden.

Wie also sieht und wertet die schreiberische Zunft als Albumjahr 2022? Nun, beim deutschen „Rolling Stone“ landen Tom Liwas „Eine andere Zeit“, „And In The Darkness, Hearts Aglow“ von Weyes Blood sowie „Ytilaer“ von Bill Callahan auf dem Treppchen, beim erfahrungsgemäß hype- und pop-affinen „Musikexpress“ sieht man Kendrick Lamars „Mr. Morale & The Big Steppers“, „DIE NERVEN“ von Die Nerven und „Motomami“ von Rosalía vorn, bei der „VISIONS“ wiederum „DIE NERVEN“ von Die Nerven, „Eyes Of Oblivion“ von den Hellacopters sowie „Wet Leg“ von Wet Leg. International führt „Renaissance“, das siebente Studioalbum von Beyoncé, das Kritiker-Ranking an. Und bei ANEWFRIEND? Ich greife mal vorweg und verrate, dass es zwar ein kleinwenig Konsens, jedoch recht wenig Überschneidungen mit alledem bei mir gibt und meine persönliche Bestenliste der Qualität wegen auf eine amtliche Top 25 erweitert wurde…

Foto: Promo / Michael Delaney

Dass die vergangenen Monate die notwendige Untermalung fanden, lag auch an „Quitters„, dem vierten Langspieler von Christian Lee Hutson. Was mich rückblickend etwas erstaunt, ist, dass der im April erschienene Nachfolger zum 2020er „Beginners“ zwar seinerzeit von den einschlägigen kritischen Stimmen wohlwollend goutiert, in den jeweiligen Jahresendabrechnungen jedoch kaum berücksichtigt wurde. An den durch und durch großartigen 13 Songs des Albums kann’s kaum gelegen haben, denn näher an das Schaffen eines Elliott Smith ist lange, lange Zeit niemand herangekommen – und das ist vor allem aus meiner digitalen Feder als recht großes Kompliment zu verstehen. Zudem mischen einmal mehr keine Geringeren als Phoebe Bridgers und Conor Oberst mit. Heraus kommt eine Dreiviertelstunde musikalischer Zerstreuung und Realitätsflucht, die auch bei der Vielzahl an Konkurrenz im Jahr 2022 völlig zurecht auf meiner Eins landet. A singular ode to melancholy.

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2.  Nullmillimeter – Wer die Wahrheit sagt, der braucht ein schnelles Pferd

Nullmillimeter sind eine von so einigen tollen musikalischen Neuentdeckungen des zurückliegenden Musikjahres. Und knallen dem geneigten Hörer (oder eben der geneigten Hörerin) mit „Wer die Wahrheit sagt, der braucht ein schnelles Pferd“ mal eben ein derart faszinierendes Debüt vor die Lauscher, dass man sich im Wirbel kaum entscheiden mag, was hier toller ist. Das großartige Coverartwork mit dem auf einem Poller festgerittenen Pony? Der Albumtitel, in welchem wortwörtlich ebensoviel Wahrheit steckt wie in all den klugen Textzeilen? Die Stimme von Sängerin Naëma Faika, die der bundesdeutschen Musiklandschaft – tatsächlich, tatsächlich – gerade noch gefehlt hat? Die bockstarke Band hinter ihr, die manch eine(r) in der Vergangenheit bereits als Teile der Begleitbands von Kid Kopphausen, Staring Girl, Jochen Distelmeyer, Tom Liwa, Olli Schulz oder Gisbert zu Knyphausen zu hören bekam? Dass letztgenannter hier bei einer Coverversion eines Songs aus dem Solo-Schaffen von Pearl Jam-Frontstimme Eddie Vedder mitmischt? Dass sich diese Nummer dann noch ganz organisch in den Albumfluss einfügt und man sich immer wieder kopfüber in die Platte schmeißen möchte, die so voller Schmerz, so voll herrlicher Melancholie, aber vor allem so voller Leben steckt? Ach, herrje – man weiß es nicht. Man will’s auch gar nicht wissen, denn im Zweifel aller Zweifel ist’s all das. Doppelt. Dreifach. Gleichzeitig. Und es ist einfach so toll, dass man lediglich kritisieren mag, dass dem Album kein Booklet beiliegt.

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3.  Pianos Become The Teeth – Drift

Es gibt Bands, Alben und Songs, die einen vom ersten Moment an mit ihrer Atmosphäre und ihrer wunderbaren Unmittelbarkeit einfangen und so schnell auch nicht mehr loslassen. Pianos Become The Teeth wurden für mich anno 2014 mit ihrem dritten Langspieler „Keep You“ zu einer solchen Band (und schafften es damals auch völlig zurecht aufs Treppchen der „Alben des Jahres„). Ihr vorheriges Post-Hardcore-Brülloutfit war (und ist) mir im Gros herzlich schnuppe, aber mit ihrem einschneidenden Wechsel hin zu melancholischem Emo-Indie und mit den ersten Tönen des „Keep You“-Openers „Ripple Water Shine“ war ich unwillkürlich schockverliebt. Nach dem auf hohem Niveau stagnierenden 2018er Album „Wait For Love“ besitzt „Drift“ nun wieder diesen „Ripple Water Shine“-Effekt, denn das Album ist schlichtweg schonungslos emotional – in Ton und Wort. Dicht gewebte, hallende Rhythmen, melancholische Melodien und wenige, gut dosierte laute Momente. Dazu singt Kyle Durfey seine persönlichen Texte, die vom Leben und oft von dessen Schwere handeln. In „Pair“ etwa davon, wie Durfeys Frau Lou (die in vier Stücken namentlich genannt wird) und er lange auf ihren Nachwuchs warten mussten. Wie es sich für richtig gute Alben gehört, wechselt die Lieblingssongs von Zeit zu Zeit, neben der Übernummer „Genevieve“ sticht etwa das repetitive, an Radiohead erinnerte „Easy“ hervor. So oder so liefert die Band aus Baltimore, Maryland einmal mehr zehn wundervolle Tearjerker, zu denen es sich vortrefflich die Fäuste gen Firmament ballen lässt.

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4.  Frank Turner – FTHC

Apropos „liefern“, apropos „Fäuste gen Firmament“: Beides trifft natürlich auch auf Frank Turner zu, denn der britische Punkrock-Barde scheint Schlaf so nötig zu haben wie ein Uhu eine Badekappe. Nicht nur hat der 41-jährige Musiker bereits über 2.700 Shows unter eigenem Namen gespielt (etwa 140 allein in diesem Jahr, zudem fand mit den „Lost Evenings“ gar ein eigenes Festival in Berlin statt), er trägt das Herz auch am richtigen Fleck und liefert im Zwei- bis Drei-Jahres-Turnus auch verlässlich Alben ab, zu deren Songs man nur allzu gern die geballte Patschehand gen Himmel strecken und ein bierseliges „Aye, mate!“ ausstoßen möchte. Daran ändern die 14 Nummern (beziehungsweise 20 in der Deluxe Edition) von „FTHC„, seinem nunmehr neunten Studioalbum, mal so rein gar nix. Und so vielseitig, so frisch klang der nimmermüde Turner schon lange nicht mehr. Frank und frei – Sie wissen schon… Und wem bei „A Wave Across A Bay“, seinem Tribute an den zu früh verstorbenen Frightened Rabbit-Buddy Scott Hutchison, nicht das Herz holterdipolter gen Schlüppi rutscht, der hat statt pochendem Muskel nur einen ollen Betonklotz in der Brust sitzen…

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5.  Dreamtigers – Ellapsis

Nerds wissen es freilich längst: Die meisten Fachsimpeleien über Musik stützen sich manches Mal schon sehr auf eine Art von Genre-Taxonomie, bei welcher sowohl Kritiker als auch Fans Songs und Alben in verschiedene Bestandteile zerlegen und die Anatomie der verwendeten Formen in erkennbare Strukturen unterteilen. Doch was für die einen nützlich erscheinen mag, um dem lesenden Gegenüber Empfehlungen zu geben, dürfte all jene, die sich eben nicht knietief im musikalen Nerdtum bewegen, schnell abschrecken. Ein recht gutes Beispiel, dass man bei Empfehlungen lange wie kurze Wege gehen kann, ist „Ellapsis“, das zweite Album von Dreamtigers, einem Bandprojekt, das sich aus Mitgliedern der Melodic-Hardcore-Helden Defeater und den Post-Rock-Größen Caspian zusammensetzt. Denn auf dem Langspieler, dessen Titel ein erfundener Begriff für eine Krankheit, die durch den Lauf der Zeit hervorgerufen wird, ist, passiert eine ganze Menge, und vieles davon scheint unvereinbar zu sein. Das erste, das Unmittelbarste, was man wahrnimmt, ist die beständig zwischen fragilem und mächtigem Momentum pendelnde Instrumentierung. Die Gitarren werden durch eine ganze Reihe von Effektpedalen gejagt, dazu kommen ein unscharf ins Rund tönender Bass und souveräne Drums. Einen Moment lang könnte man meinen, es handele sich um ein eher konventionelles Post-Rock-Album – bis der Jake Woodruffs Gesang einsetzt, der auch in einer Alt-Country-Band nicht fehl am Platz wäre. Überhaupt lassen sich die Stücke stilistisch nur schwerlich festlegen, denn während des gesamten Albums schimmern verschiedene Nuancen durch, die wie Lichtstrahlen durch einen Kristall fallen: Folk-Songs brechen in Post-Rock-Höhepunkte aus, Indie-Rock-Hooks huschen durch Shoegaze-Atmosphären, wobei Gesang und Songwriting stets unbehelligt von dem akustischen Wirbelsturm aus Effektpedalen und treibenden Schlagzeugmustern um sie herum bleiben. Fast könnte man meinen, dass die Songs so sehr auf akustische Soloauftritte zugeschnitten zu sein scheinen, dass die üppigen, hymnisch empor steigenden Arrangements, welche mit ihrer Dringlichkeit und latent aggressiven Energie ein ums andere Mal an Defekter erinnern, fast trotzig klingen. Dennoch kommt man der Sogwirkung dieses Albums als Ganzes (ganz ähnlich wie bereits beim kaum weniger tollen 2014er Vorgänger „Wishing Well„) nicht wirklich nahe. Denn wie auch immer man das Zusammenspiel zwischen Instrumentalem und Gesang beschreiben mag, was bei dieser Platte wirklich heraussticht, sind all die Meditationen über das Verfliegen der Zeit und wie die Band aus Massachusetts hier selbst die flüchtigsten Momente ewig erscheinen lässt. Selbst die längeren Songs von „Ellapsis“ fühlen so kurz an wie die kürzeren, während die kurzen den längsten ebenbürtig erscheinen, und das Album als Ganzes hallt weit über seine lediglich dreißig Minuten Laufzeit hinaus. Angefangen beim Opener „Six Rivers“ umspülen einen die Stücke wie ans Ufer schlagende Wellen, die mit den Gezeiten verebben und fließen. Wenn der Albumabschluss „Stolen Moments“ schließlich sein Ende findet, fühlt es sich beinahe so an, als ob der Schlusschor schon ewig hinter dem Universum her gesummt wäre.

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6.  Pale – The Night, The Dawn And What Remains

Pale melden sich ein allerletztes Mal zurück – einerseits ja wunderbar, wären die Gründe für das unerwartete Comeback keine so traurigen. Umso schöner, dass die Aachener Indie-Rock-Band mit „The Night, The Dawn And What Remains“ umso trotziger sowohl ihre Freundschaft und den gemeinsamen Weg als auch das Leben feiert. Macht’s gut, Jungs – und danke für diese wundervolle Ehrenrunde! #träneimknopfloch

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7.  Muff Potter – Bei aller Liebe

Und wo wir gerade bei Comebacks wären, sind Muff Potter in diesem Jahr freilich nicht allzu weit, denn: Alle kommen sie wieder, irgendwann und irgendwie. Das traf 2022 selbst auf ABBA zu, die 2021 mit „Voyage“ zunächst die ersten neuen Songs seit fast vierzig Jahren präsentierten, um im Jahr darauf ausverkaufte Hologramm-Konzerte in London zu „spielen“- getreu dem schwedischen Erfolgsmotto „Entdecke die Möglichkeiten“. Und auch in der Rockmusik konnte man zuletzt vermehrt das Gefühl bekommen, selbige bestehe nur noch aus Reunions einst erfolgreicher Bands, die in Ermangelung neuer Ideen versuchen, mit den alten noch einmal abzukassieren. Dann wiederum gibt es Truppen wie eben Muff Potter, denen es mit ihrem Albumcomeback nach schlappen 13 Jahren Pause gelingt, selbst eingefleischte Per-se-Skeptiker umzudrehen, weil man „Bei aller Liebe“ bei allem frischen Ideenreichtum die Zeit anhört, die seit dem Abschied mit „Gute Aussicht“ vergangen ist. Die Platte zeugt davon, dass das Leben eben auch ohne gemeinsame Band weitergeht, und es töricht wäre, all die Erfahrungen beiseite zu lassen, die man in der Zwischenzeit zwangsläufig macht. Und deshalb steht hier Blumfeld-artiges wie „Ein gestohlener Tag“ neben Instant-Hits wie „Flitter & Tand“ oder einem 72 Sekunden kurzen Punkausbruch wie „Privat“. Verschränken sich in Thorsten „Nagel“ Nagelschmidts Texten seine schriftstellerische Arbeit (sic!) mit dem Punk-Fan, den es auch mal einfach braucht. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man Muff Potter – bei aller Liebe – keineswegs zugetraut hätte, noch einmal so viel zu sagen zu haben und sich musikalisch so offen zu zeigen – mit Kurzweil wie mit Tiefgang. Andererseits ist’s natürlich umso schöner, wenn die eigenen Erwartungen übertroffen werden und man eine lange Zeit auf kreativem Eis liegende Herzensband neu für sich entdeckt.

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8.  Cat Power – Covers

Dass Chan „Cat Power“ Marshall für ihre Coverversionen bekannt ist, dürfte sich mittlerweile auch bis zu den allerletzten Hütern des guten Musikgeschmacks herumgesprochen haben, immerhin hat die 50-jährige US-Musikerin im Laufe ihrer annähernd dreißigjährigen Kariere bislang zwei verdammt formidable Coversong-Alben veröffentlicht, auf denen sie von unbekannteren Bob Dylan-Nummern über Blues’n’Soul-Stücken bis hin zu abgeschmackten Evergreens wie „(I Can’t Getroffen No) Satisfaction“ jedem Song derart ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Stempel aufdrücken konnte, dass es eine wahre Schau war. Nach „The Covers Record“ (2000) und „Jukebox“ (2008) macht Cat Power nun mit „Covers“ das Trio voll und liefert erneut formvollendet-exquisites Coverhandwerk – ganz egal, ob die Originale von von Nick Cave and the Bad Seeds („I Had A Dream, Joe“), Lana Del Rey („White Mustang“), den Replacements („Here Comes A Regular“) oder Billie Holiday („I’ll Be Seeing You“) stammen. Ja, die Frau kann mit ihrer so wunderbar rauen, so unendlich tiefen Stimme kaum etwas falsch und sich so ziemlich jede Fremdkomposition zueigen machen.

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9.  Tristan Brusch – Am Rest

Wie bereits in der dazugehörigen Rezension erwähnt, bin ich bei Tristan Bruschs dritten Album „Am Rest“ etwas late to the party, immerhin erschien die Platte bereits im Oktober 2021. Dennoch verpassen alle jene, die diese Musik gewordene Trübsalsfeierlichkeit ganz außen vor lassen, so einiges bei diesen Oden an das Ende der Dinge und an die Akzeptanz des Verlusts. Ja, im Grunde könnte es kaum bessere Stücke geben, um jenen so intensiv graumeliert schimmernden Tagen einen passenden Soundtrack zu liefern. Sucht wer die passenden Gegenstücke zu Max Raabes „Wer hat hier schlechte Laune“ (welches, wenn ihr mich fragt, übrigens als weltbeste Warteschleifenmusik für alle Kundendiesnthotlines taugen würde)? Nun, hier habt ihr sie – dargeboten von einem begnadeten Liedermacher, der alle nach billigem Tetrapack-Weißwein und zu vielen Marlboro-Kippen müffelnden, mieslaunigen Chansoniers ins piefige Bundesdeutsche überträgt.

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10. Betterov – Olympia

Freilich war die Vielzahl an Erwartungen, die an den Debüt-Langspieler von Manuel „Betterov“ Bittorf geknüpft waren, ebenso groß wie die Vorfreude auf neue Songs des gebürtigen Thüringers und Wahl-Berliners. Umso schöner, dass „Olympia“ diese Hürde beinahe mühelos nimmt und elf Songs präsentiert, denen man den Produzenten ebenso anhört wie die Platten, die beim Schreiben wohlmöglich im Hintergrund liefen. So mausert sich Betterov vom Newcomer-Geheimtipp zum amtlichen Senkrechtstarter, der völlig zurecht einen Platz in meinen persönlichen-Jahres-Top-Ten einfährt. Olympia-Norm? Vollends erfüllt.

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…auf den weiteren Plätzen:

Husten – Aus allen Nähten mehr…

Casper – Alles war schön und nichts tat weh

Death Cab For Cutie – Asphalt Meadows mehr…

William Fitzsimmons – Covers, Vol. 1

Caracara – New Preoccupations mehr…

Eddie Vedder – Earthling mehr…

Black Country, New Road – Ants From Up There

Gang Of Youths – Angel In Realtime.

Spanish Love Songs – Brave Faces Etc. mehr…

Faber – Orpheum (Live)

Die Nerven – DIE NERVEN

Ghost – Impera

Proper. – The Great American Novel mehr…

Rocky Votolato – Wild Roots mehr…

The Afghan Whigs – How Do You Burn?

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Nullmillimeter – Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd (2022)

-erschienen bei Fressmann/Indigo-

Manchmal passiert es eben doch. Da erwische ich mich als durchaus erfahrener Rezensent und World-Wide-Web-Schreiberling, der ja sonst kaum um eine weitläufige Umschreibung, um eine in überaus blumige Worte gefasste Empfehlung verlegen ist, dabei, dass mir plötzlich die passenden Buchstabenkombinationen für ein aus allerlei tollen Liedern zurecht gezimmertes Album fehlen. „Was tun?“, sprach Zeus.

Nun, vielleicht sollten die Band, um die es hier eigentlich geht, Nullmillimeter (welche kürzlich bereits hier Erwähnung fanden), und meine Wenigkeit einmal kurz beiseite treten und den Menschen würdigen, ohne den diese Lieder vielleicht nicht die Beachtung finden würden, die ihnen zweifellos gebührt. Daher: Tausend Dank, Wolfang Müller. Der Wahl-Hamburger Liedermacher, der zuletzt mit seinem wundervollen Album „Die Nacht ist vorbei“ zu begeistern wusste, traf nämlich vor nicht allzu langer Zeit die weise Entscheidung, Nullmillimeter für sein eigenes Label Fressmann unter Vertrag zu nehmen. Und stellte dem – keineswegs ein Aprilscherz – am 1. April erschienenen und mit „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“ ebenso toll betitelten wie im Coverartwork verbildlichten Debütalbum gleich noch so einige wunderbar blumige Worte voran:

„Ich habe gerade das erste Mal das Album ‚Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd‘ gehört, und jetzt renne ich über meine innere Wiese, um alle Gedanken und Gefühle einzufangen, die wie aufgescheuchte Hasen kreuz und quer über das Feld jagen. Hoffentlich erwische ich jeden einzelnen, sonst bleibt der Bericht unvollständig, aber das wird er wohl ohnehin. Bei diesem über einstündigen Sturz in ein Universum aus Wörtern und Musik bleiben alle Bilder verwischt, oder einfacher gesagt: es hat mir das Gehirn raus gesprengt, einmal neu sortiert und wieder sanft zusammengefügt. Und das Herz dazu.

Es gibt eine bestimmte Sorte Sehnsucht, eine ganz eigene Art von Melancholie und Lebensfreude, die nur wenige Menschen in Musik gießen können. Naëma Faika und ihre Band Nullmillimeter haben das geschafft. Jedenfalls bei mir. Während ich auf meinem Sofa lag, die Arme in Blumen-Haltung über mir, und diese 12 Songs über mich ergossen habe, gab es glaube ich keine Emotion, die nicht in mir zum schwingen gebracht wurde. Siehe aufgescheuchte Hasen. Song für Song hat mich am Kragen gepackt, irgendwo hin geschleudert, drei mal um mich selbst gedreht, und bevor ich auch nur ‚toll‘ sagen konnte kam schon der nächste und hat das gleiche nochmal gemacht. Und nochmal. Und nochmal.

Dieses Album ist so tief und so breit wie die Songs lang sind, und ich will gar nicht wissen, wieviele Spuren die Aufnahme-Sessions gehabt haben müssen, um so einen Klang zu erzeugen. Ich schätze mal ein dutzend Kraken wären wahrscheinlich nicht ausreichend, um alle Fäden in den Händen zu halten, aber das Erstaunliche ist, oder das Unfassbare, dass es dieses Dutzend anscheinend wirklich gab, denn alles klingt wie aus einem Guss, all dieses Getöse, Rauschen, Raunen, Flüstern und Kreischen, der Beat, die ständigen unvorhersehbaren Wendungen, ein Sound von Sommerwind bis Orkan, und nur wer diese Arrangements selber gehört hat, kann verstehen, was ich meine. Ich bemühe mich erst gar nicht, hier irgendwelche Band-Referenzen zu zitieren, ich habe eh keine Ahnung von Musikgeschichte. Es muss reichen wenn ich sage: Es ist, als ob meinem einem lebendigen Element beim Tanzen zuschaut. Nur mit den Ohren. Und es hat mich erschüttert bis in die Fingerspitzen.

Normalerweise kommt jetzt die Stelle, an der ein Rezensent Text-Zitate einbaut, um dem Leser eine Vorstellung davon zu geben, was ihn zu erwarten hat. Ich sage nur: Fuck off. Und damit ist alles erzählt. Nur soviel: Es sind keine Songtexte, es sind Geschichten, die jeweils ihren passenden Song geheiratet haben. Und in ihrer Intensität, ihrer Authentizität und ihrer Wucht diesen selber mitreißen, auf die Füße stellen, wieder herumwirbeln und zu Boden sinken lassen. Es ist eine Symbiose, ein Verschmelzen und wieder Auseinandergehen, und manchmal fällt es schwer zu sagen wer den Tanz führt, die Geschichte oder die Musik. Ist das leichte Kost? Auf keinen Fall. Wer als Präludium eine Minute lang nur den Wind rauschen lässt, schreckt vor gar nichts zurück. In diesem Fall: Sich Zeit zu lassen. Zeit ist eine wichtige, wenn nicht DIE wichtigste Zutat dieser so außergewöhnlichen Platte. Vermutlich hat sich das letzte Mal eine Band in den 70ern getraut, ihre Songs so auszuformulieren – und dann auch noch, ohne eine Sekunde zu nerven oder zu langweilen. Aber das Geschenk, dass einem dort gemacht wird, bekommt man nur, wenn man seinerzeit ein Geschenk macht – sich nämlich selber Zeit nimmt, eine stille Stunde, um dieses Album zu hören und einzuatmen. Jetzt habe ich fast alle Hasen an den Ohren.

Das Album zu hören ist, als ob man die quietschende und halb überwucherte Tür zu einem geheimen Garten aufdrückt, der immer größer wird, je länger man in ihm herumwandert. Und der, selbst wenn man an der selben Stelle zweimal vorbeikommt, jedes Mal anders aussieht. Es schimmert, vedreht sich in sich selbst, und explodiert in tausend Farben bevor es sich wieder zusammenfügt und so tut, als wäre das immer schon so gedacht gewesen. Mit einer fast schon quälenden Mischung aus tiefster Rastlosigkeit und sprudelnder Lebensfreude. Was soll ich sagen. Ich habe vor einem Jahr den ersten Song von Naëma gehört, und durch einen wundersamen Zufall haben sich unsere Wege gekreuzt und dazu geführt, dass ich ihr Debütalbum auf meinem Label veröffentlichen darf, und ich freue mich darüber sehr. Denn ich sage das nicht oft, und, je älter ich werde, desto mehr gehen mir Bands und Songwriter auf den Keks, aber das hier, diese Songs, diese Musik, die liebe ich aus tiefstem Herzen. Am Ende also vielleicht dann doch noch ein Text-Zitat:

‚This is a love song. This is your love song.'“

Verbindlichsten Dank für diese mit Herz, Hirn und Hand verfassten Sätze, Herr Müller. Nuff said?

Natürlich könnte man es in der Tat dabei belassen, könnte das Ganze als „nachdenkliche Version von Wir sind Helden“ einordnen (obwohl jene nun keineswegs frei von Grübelei waren), könnte zur weiteren Einordnung noch erwähnen, dass Nullmillimeter keine „Newcomer“ im klassischen Sinn sind, schließlich traten die fünf Musiker der in Hamburg und Berlin ansässigen Band in der Vergangenheit bereits als Teile der Begleitbands von Gisbert zu KnyphausenKid KopphausenStaring Girl, Jochen Distelmeyer, Tom Liwa oder Olli Schulz in Erscheinung. Blutige Anfänger? Musizieren in diesem Fall ein paar Proberäume weiter. Trotzdem dient diese als gefühltes Who-is-who anspruchsvollen deutschsprachigen Liedermachertums in den Referenzraum geworfene Aufzählung bereits als erste Standortbestimmung, wenngleich es Sängerin Naëma Faika, Bassist Frenzy Suhr, die beiden Gitarristen Marcus Schneider und Gunnar Ennen sowie Schlagzeuger Lennart Wohlt durchaus gelingt, höchst eigene (Zwischen)Töne zu treffen.

Dennoch ist dieses Debütwerk keineswegs zur Hintergrundbeschallung geeigneter Radiohit-und-weg-Wohlfühl-Pop für schwache Nerven. Nope, die Songs von „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“, von denen kaum einer die Fünf-Minuten-Marke unterschreitet und jeder doch seinen ganz eigenen Charakter besitzt, sind nichts anderes als raues, pures, handgemachte Musik gewordenes Leben. Sind ein mal wilder, mal federleichter Ritt durch diese Welt – klar, dass die größtenteils deutschen Texte nicht übertrieben lustig durch die 68 Minuten galoppieren, jedoch auch nicht mit überbordender Traurigkeit gesattelt sind. So rockt etwa „Selbstermächtigung“ als Schnittmenge zwischen schlauer Alltagsbeobachtung und John Lennon’schem Revoluzzertum wie ein vom Insekt wild gewordener Klapper, durch „Nö Du“ ziehen ebenso kraftvolle wie luftige Bläser, in „Graue Schimmel“ gehen selbige ein stückweit mit der Band durch. Anderswo, in „Unstet“, kann man den Einfluss der Hamburger-Schule-Größen Blumfeld nicht nur rauszuhören, sondern sogar aus dem Text herauszulesen: „Die Geschichte von zwei Menschen, schöner Anfang“, heißt es da, bevor die jähen Hoffnungen gesprengt werden: „Doch am Ende ist es immer der Instinkt, der gegen uns gewinnt.“ In „Wenn ich für einen Tag…“ gehen Naëma Faika und Gastsängerin Desiree „DESI“ Klaeukens sogar noch offener mit ihren Einflüssen um: „Ich hätte diesen Song geschrieben, wenn ich für einen Tag Niels Frevert wär‘.“ Apropos „Gastsänger“: Ein weiterer kommt mit dem eh immer gern gehörten Gisbert zu Knyphausen zu „Long Nights“ an Bord – großartig, wie hier das Eddie Vedder-Cover von Faika, ihm und dem instrumentalen Teil der Band hinaus in schwelgerische Roadtrip-Sphären veredelt wird. Geht kaum besser? Wer das annimmt, der bekommt im höchst intimen „Zwillingsschwester“, in welchem sich alles um ebenjene dreht, die „nur ein paar Stunden hier“ war, ein paar wohlige Klöße im Hals spendiert. Ein beklemmender Moment auf einem außergewöhnlichen Album, dessen Vielfalt sich eben erst bei genauerem Hinhören offenbart.

Foto; Promo / Victor Kataev

Es bleibt wohl dabei: Diese Musik, dieses Kaleidoskop aus Euphorie, Empathie, Nackenschlag und pragmatischen Aufbauhilfen, will gehört, will genossen werden. Sie beansprucht deine Zeit – und verdient sich diese mit jeder faszinierenden Sekunde zurück. Mit „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“ ist Nullmillimeter bereits jetzt eines der tolltollsten (mehrheitlich) deutschsprachigen Alben des Musikjahres gelungen, bei welchem im Grunde der einzige Kritikpunkt ist, dass dem Silberling (bei der Langspielplatte dürfte es wohl ähnlich sein) leider kein Booklet mit Texten beiliegt. Aber wer mag schon auf einem Triumphzug jammern?

Rock and Roll.

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Song des Tages: Nullmillimeter – „Nö Du“


„Jede Band ist die Summe ihrer einzelnen Teile und sie baut sich in ihren eigenen Farben eine Welt…“

Misst man auf dem musikalischen Radar, so mögen Nullmillimeter zwar kaum den Startblock verlassen haben, „Newcomer“ im klassischen Sinn sind die fünf Musiker der in Hamburg und Berlin ansässigen Band jedoch keineswegs, schließlich traten selbe in der Vergangenheit bereits als Teile der Begleitbands von Gisbert zu Knyphausen, Kid Kopphausen oder Staring Girl in Erscheinung. Japp, Kenner der deutschen Indie-Musikszene schnalzen nun wohl beglückt wissend mit der Zunge…

„Nullmillimeter sind ein zur Musik gewordener Freundeskreis, in dessen Mitte ein gemeinsames Herz schlägt. Mit schildkrötigem Tempo – null Millimeter pro Sekunde – entwickelten sie in ihrem Proberaum-Kosmos jahrelang Songs, die eine Ehrlichkeit besitzen, die beinahe erschlägt.” (Berlin Underground Music)

Abseits von Konzerten und diesseits des Internets und der einschlägigen Streaming-Portale ließen Nullmillimeter bislang jedoch wenig von sich hören – das dürfte sich in Kürze ändern. Nachdem die Crowdfunding-Kampagne fürs Debütalbum erfolgreich über die Bühne ging, nahmen Frontfrau Naëma Faika, über die niemand Geringeres als Tom Liwa sich mit Zeilen wie „Naëmi leuchtet im Dunkeln und ihre Musik ist die vielleicht letzte Tankstelle vor der Autobahn“ bereits zu einer ungewöhnlich formulierten Lobeshymne hinreißen ließ, und ihre Mannen den Erstling auf, welcher nun fertig gemastert ist und im April unter dem feinen Titel „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“ beim Hamburger Indie-Label Fressmann erscheinen wird. Da dieses vor nunmehr zehn Jahren vom (übrigens kaum weniger formidablen und uneingeschränkt empfehlenswerten) Liedermacher Wolfgang Müller ins Leben gerufen wurde, hat selbiger im Zuge der Veröffentlichungsankündigung des Albums unlängst auch einen ausführlichen, verdammt lesenswerten Begleittext verfasst:

„Die Hamburger/Berliner Band Nullmillimeter um Frontfrau Naëma Faika veröffentlicht ihr Debütalbum ‚Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd‘. Das ist über eine Stunde lang und nichts für schwache Nerven. Wer sich also auf das hundertste Wohlfühl-Pop-Album einer ambitionierten Newcomer-Band mit szenigem Twenty-Something-Front-Girl gefreut hat, mit Hooklines zum Mitklatschen und Textzeilen tief wie ein Teller – bitte weitergehen, dann gibt es hier nichts zu sehen. Oder zu hören.

Denn diese zwölf Songs, kaum einer kürzer als fünf Minuten, sind nichts anderes als raues, Musik gewordenes Leben. Vermutlich hat sich zuletzt in den Siebzigern eine Band getraut, ihre Lieder so auszuformulieren wie Nullmillimeter das tun, und jeder einzelne Song hat seinen eigenen Charakter, seine eigene Geschichte, seine eigene Stimme, und will gehört werden. Denn nein, Naëmi ist nicht mehr zwanzig, und auch nicht mehr dreißig, obgleich das niemand glauben würde, der sie erlebt. Denn diese Geschichten, die die Wahl-Berlinerin hier auf die Bühne bringt, sind voll ungezähmter Energie und Rastlosigkeit, und die persönlichen Erfahrungen darin sind bis in die Fingerspitzen spürbar und bringen alles zum Beben. Doch der Weg hierhin war weit.

In der Indie-Szene ist Naëma Faika keine Unbekannte. Ob als Sprecherin und Background-Sängerin für Olli Schulz, als Begleitung von Tom Liwa oder Special Guest bei ‚TV Noir‘: Über die letzten Jahre tauchte ihr Name immer wieder auf, wie die Rückenflosse eines Tümmlers, der in der Tiefe auf der Suche nach etwas Namenlosen ist und darauf wartet, dass seine Zeit kommt. Und natürlich waren da immer: Songs. Aber wer sich jetzt dieses Album anhört wird verstehen, dass es Zeit brauchte, um diesen Geschichten eine Form zu geben, besonders dann, wenn man nebenbei noch zwei Kinder alleine groß zu ziehen hat. Viel Zeit, aber zum Glück war Naëmi nicht alleine. Lennart Wohlt am Schlagzeug kennt vermutlich noch kaum jemand, aber das dürfte sich bald ändern. Marcus Schneider, Gitarrist u.a. bei Tim Bendzko oder Jochen Distelmeyer ist dabei, genauso wie Gunnar Ennen und Frenzy Suhr aus der alten Gisbert zu Knyphausen Band. Die Bootsmannschaft sozusagen.

Denn auch wenn die Musik, diese irre Mischung aus Americana, New Wave, Blumfeld, Flowerpornoes und purem Wahnsinn, wie ein Wirbelsturm durch das Zimmer fegt, sobald man die Platte auflegt, sollte man sich nicht täuschen lassen, wer hier die Zügel in der Hand hat und alle Fäden zusammen hält: Es sind die Erzählungen und zarten, kleinen Geschichten, die diesen tosenden Sound vor sich her treiben wie ein Engel die Reiter der Apokalypse. Kleinigkeiten sind es, die hier stellvertretend für die großen Dramen die Richtung vorgeben, und das Innere erzittern lassen.

‚Hallo Liebe, halt die Fresse, stell dich in die Ecke und heul doch. Hallo Liebe, du beleidigter Hungerhaken, ich hab‘ dir deine Koffer zum Bahnhof getragen‘ heißt es in ‚Unstet‘, um einmal kurz klar zu machen, wer hier der Boss ist – und gleich darauf wieder weich zu werden und die Musik wie eine Liebende zu umschlingen: ‚Ich habe dir in mir eine Welt gebaut, wir sind uns ziemlich ähnlich, manchmal zu leise, und dann wieder viel zu laut‘ singt Naëmi in ‚Zwillingsschwester‘, und wenn man dann am Ende des Liedes versteht, dass dieser Zwilling vor langer Zeit nur wenige Stunden gelebt hat, haut es einem das Gemüt von oben nach unten durch wie von einer Axt gespalten. Es ist diese unfassbare Bandbreite und Tiefe, von radikaler Zärtlichkeit bis hin zu zerfließender Weichheit, kompromissloser Offenheit gepaart mit breitschultriger Verletzlichkeit, textlich wie musikalisch, die das Debütalbum von Nullmillimeter zu einem Meilenstein bei, nun ja, Kilometer Null macht. Das muss man erst mal hinbekommen. Zeit nehmen allerdings muss man sich, um diesen geheimen Garten zu durchwandern, der hier gerade zu blühen beginnt. Aber in diesem Licht darf man auch mal die Floskel aller Floskeln verwenden, einfach nur weil sie wahr ist:

Das Warten hat sich gelohnt.

Schön geschrieben, oder? War bei einem wie Wolfgang Müller, der in jedes musikalische Projekt – sei es sein eigenes oder eben von befreundeten Künstler*innen wie Bands – stets einhundertundzehn Prozent Herzblut steckt, aber auch nicht anders zu erwarten…

Bereits jetzt lassen Nullmillimeter mit „Nö Du“ einen ersten Song aus „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“ hören. Und spätestens beim dazugehörigen Musikvideo wird’s vor allem für mich kurz recht persönlich, denn die bewegten Bilder zum beinahe sechsminütigen Stück wurden ausgerechnet in meiner alten sächsischen Heimat Riesa aufgenommen. *hach* Kommt recht selten vor, dass ich ein Musikvideo schaue und dann noch nahezu jede Straße, jedes Haus, jede gefilmte Ecke (er)kenne wie meine Westentasche. Von dem Zehnerturm, von welchem die Band da springt, habe ich vor – gefühlt – ewig langer Zeit meine ersten Sprünge gewagt… In jener Konzerthalle, vor welchem sich Teile von Nullmillimeter da die Sonne ins Gesicht scheinen lassen, habe ich Ende der Neunziger meine ersten größeren Konzerte erleben dürfen… Sehr, sehr schön, wenn tolle neue Musik und sanfte Nostalgie zusammenfinden – macht mächtig Böcke auf das kommende Album! Spätestens jetzt befindet sich diese Band auf meinem Radar.

Rock and Roll.

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