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Auf dem Radar: Onslow


Zumindest in der australischen Musikszene sind sowohl Sean Harmanis als auch Scott Kay keine gänzlich unbeschriebenen Blätter. Der eine (Harmanis) als Stimme und Frontmann der Symphonic Deathcore-Band Make Them Suffer, während sich der andere (Kay) normalerweise für die sechs Saiten der Progressive Metal-Kapelle Voyager verantwortlich zeichnet. Und da die Banddichte im heimatlichen Perth wohl auch Grenzen haben dürfte, liefen sich die beiden in der Vergangenheit das ein oder andere Mal über den Weg und freundeten sich an – bis zu Onslow, ihrem gemeinsamen musikalischen Projekt, war es von da aus quasi nur noch ein Kängurusprung, aus welchem nun eine erste EP resultiert.

Und diese gerät durchaus bemerkenswert, weist sich doch eine erstaunliche musikalische Bandbreite auf, mit Songs, die innerhalb von Sekunden und meist inmitten eines einzigen Stückes von Jingle-jangle-Melodien zu vollkehligem Metal-Geschrei reichen. Das Ergebnis ist etwas ganz Außergewöhnliches – ein schwer zu definierender Genreritt, der sowohl hymnische Infrastrukturen als auch donnerndes Beiwerk aufweist.

Sean Harmanis, der sich auch bei Onslow vor allem für den Gesang verantwortlich zeichnet, erzählt Folgendes über den Entstehungsprozess der EP: „Nach den Gesangsaufnahmen zum letzten Make Them Suffer-Album spürte ich mehr Kreativität in mir sowie den Wunsch, diese zu kanalisieren und zu verfeinern. Nachdem ich zu Beginn von Covid ein paar Monate lang versucht hatte, Songs zu schreiben, beschloss ich, sie Scott zu zeigen, einem langjährigen Freund und Gitarristen, den ich immer bewundert und respektiert habe. Ich wollte ein ehrliches Feedback zu den Songs, Riffs und Ideen hören. Scott war von den Songs begeistert und hatte einige eigene Ideen, die er einbringen konnte. Von da an beschlossen wir, zu schauen, wohin uns das führen würde. Die Songs handeln größtenteils vom Leben im Allgemeinen, obwohl ich mir insgesamt sehr wenig Gedanken über die Texte selbst gemacht habe. Beim Schreiben der Texte ging es mehr darum, welche Worte sich natürlich ergeben oder gut klingen, als um die Bedeutung der Songs. Für mich ging es bei der Veröffentlichung eher darum, mir selbst zu beweisen, dass ich Songs schreiben kann, als zu versuchen, die Songs zu persönlich zu gestalten. Scott war mir während des gesamten Prozesses eine große Hilfe, da er nicht nur tolle Ideen einbrachte, sondern mir auch viel Selbstvertrauen in meine Gitarrenarbeit mitgab.“

Schon „Saving Face“, die Eröffnungsnummer der selbstbetitelten EP, kontrastiert Heavy-Metal-Riffs mit engelsgleichem Gesang und Melodien, die geradezu opernhaft, dramatisch und theatralisch tönen, bevor aus voller Kehle schreiender Gesang einsetzt – im besten Fall ja eine äußerst befriedigende Dichotomie. „Let Me Rust“ wiederum beginnt mit fast schon gen Firmament stürmenden Gitarrenwänden, bevor Harmanis‘ süßlicher Gesang über die gedämpfte, zurückhaltende Instrumentierung gleitet – beinahe im Falsett, fast schon engelsgleich. Umso explosiver und kathartisch geraten die attackierenden Gitarren und angefuzzten Basslinien. Deftones, anyone? Ähnlich geht auch „Gauze“ vor: mal atmosphärisch und treibend, mit zuckriger Melodie und Gesang, dann wieder kontrastiert von Passagen mit schwermetallischem Gebrüll – ein Kontrast, der wirklich gut funktioniert und mit seiner Art janusköpfiger Persönlichkeit die zwei Seiten eines Gefühls zum Ausdruck bringt. Zudem versetzt einen der Song mit seinen gewaltigen Riffs und seiner kolossalen Instrumentierung in die frühen 2000er zurück und lässt eine tiefe Verehrung für damals recht einflussreiche Bands wie Alkaline Trio oder Jimmy Eat World erkennen. Das gleichsam komplexe wie gefühlsbetonte „Limbs“ unterstreicht mit seiner sich ständig ändernden Taktart und einer erstaunlichen Synkopierung zwischen rhythmischen Instrumenten und aufsteigenden Gitarren die enormen Songwriting-Fähigkeiten des Duos Harmanis/Kay. Das abschließende „Freddie Mercury“ dürfte vor allem für alle Freunde von Bands wie Brand New ein besonderes Highlight darstellen, gemahnt es doch an Großtaten wie etwa deren Meisterwerk „The Devil And God Are Raging Inside Me“ – Vergleiche zu Stücken wie „Jesus Christ“ sind quasi unabdingbar. Das Stück beginnt zunächst balladesk-nachdenklich und entwickelt sich gen Ende zu einem geradezu stratosphärischen Shoegaze-Orkan, der Elemente aus Post Rock ebenso in sich vereint wie aus Alternative Rock und Post Hardcore. Sean Harmanis über den Song, der zwar nach dem legendären Queen-Frontmann benannt sein mag, am Ende aber wohl wenig mit selbigem zu tun hat: „‚Freddie Mercury‘ handelt davon, dass man an etwas festhält, von dem man tief im Inneren weiß, dass es nicht mehr da ist. Unsere Herangehensweise an das Songwriting rührt wahrscheinlich von unserer Wertschätzung für Post Rock her. Wir haben es beide schon immer geliebt, dass vor allem Bands aus diesem Genre in der Lage sind, aus dem Nichts heraus diese gigantischen Klangwände aufzubauen, und instrumental wollten wir wirklich etwas von diesem Einfluss in den Song einfließen lassen.“

Letztendlich bieten die fünf Stücke der „Onslow EP“ (zu welcher man hier Track-By-Track-Erläuterungen des Duos findet) eine erfrischende, gelungene Mischung mit tönenden Zutaten aus einigen sehr unterschiedlichen Genres: Progressive Metal, Post Hardcore, Alternative Rock, Post Rock, Post Grunge und Emo Rock, gar sachte Prisen aus Indie Pop lassen sich hier wiederfinden. Mächtig gewaltig geratene Songs aus Down Under, die sich in den Dienst von Dramatik und Katharsis stellen.

Rock and Roll.

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Song des Tages: We Bless This Mess – „Still Water“


Punkrock, der das Leben feiert: Das 2014 ins Leben gerufene Ein-Mann-Folk-Punk-Projekt des Portugiesen Nelson Graf Reis entwickelt sich auf dem dritten Album von We Bless This Mess zu vollem Bandsound. Karohemd und gereckte Faust inklusive.

Wer sich direkt im ersten Track (welcher passenderweise „Before You Play This Record, Listen To This“ tituliert ist) so aufrichtig für die Aufmerksamkeit bedankt und proklamiert, dass das Album als „an ode to life“ begriffen werden soll, der meint das wohl auch so. Der Tattookünstler Nelson Graf Reis hat seine Wurzeln in der DIY-Punkszene Portos und hat dort neben seinem eigenen Projekt auch noch das Label „Oh Lee Music“ gegründet. Man muss keine hellseherische Begabung besitzen um zu merken, dass der Mann offenbar ein außerordentlich hohes Level an Leidenschaft und Kreativität besitzt, woran auch ein zwischenzeitiger Umzug nach Großbritannien nichts geändert hat. Denn „Enlightened Fool“ ist der musikalische Sprung in die vorderen Reihen des melodischen Punk Rock.

Folgten die zwei Vorgängeralben „Volume 1“ und „Awareness Songs And Side Stories“ noch dem Anspruch, Punk in alter Frank-Turner-Manier möglichst reduziert und folkig zu halten, ist der Sound von We Bless This Mess nun voll elektrifiziert. Der zumeist stampfende Rhythmus und die sich immer wieder einschleichende Akustikgitarre halten die Verbindung zum troubadourenden Folk aber noch genügend aufrecht, um – neben dem Turner-Frank, freilich – an Kaliber wie (frühe) The Gaslight Anthem oder Cold Years zu erinnern. Beachtlich ist dabei der Umstand, dass Reis bis auf das Schlagzeug sämtliche Instrumente selbst eingespielt hat (kreativ, ich schrob’s ja).

Mit ihrem Anliegen halten Nelson Graf Reis und seine Band-Buddies keineswegs hinterm portugiesischen Berg: Bewusstsein schaffen sowie Licht und Liebe an die Mitmenschen verteilen. Was im ersten Moment hippiesk anmutet, ist tatsächlich das Konzept hinter „Enlightened Fool“. Menschen müssen viele Phasen durchleben, bis sie zu einem höheren Bewusstsein gelangen und verstehen, was es bedeutet, ein erleuchteter Dummkopf zu sein. Sokrates lässt grüßen. „Niemand hat die richtigen Antworten oder einen Zaubertrank, um dabei erfolgreich zu sein“, kommentiert die Band. „Aber glücklicherweise könnten diese Songs jemandem helfen, das Leben anders zu betrachten – sich friedlich zu fühlen und wahrzunehmen, dass wir am Leben sind.“

Zwei Dinge fallen außerdem direkt auf: Zum einen zeigt schon der Beginn von „Good That You’re Letting It Go“, dass Reis eine nicht nur für Genreverhältnisse grandiose Stimme sein Eigen nennt. Zum anderen strahlt einem die schon angesprochene Positivität so sehr aus sämtlichen Texten – und der eingangs erwähnten akustischen Dankesnote – entgegen, dass man entwaffnet allen Widerstand fallen lässt und mitgerissen wird. In Verbindung mit den hochmelodischen Gitarrenleads mögen gewieften Genre-Kennern hier etwa die Get Up Kids, Promise Ring oder die US-Punkrocker von Latterman in den Sinn kommen – Vergleiche, die durchaus funktionieren, wenn man beispielsweise das (fast) rein instrumentale „Humanity.Wake.Up“ hört. Apropos sehr gut funktionieren: das lässt sich ebenfalls über das fröhliche „Messy Hair: Red Lipstick”, welches wie Robert Smith mit selten-schöner Frühlingseuphorie tönt, oder den gnadenlosen Ohrwurm „Happy Monsters In My Closet“ behaupten. Der Großteil der mit acht „echten“ Songs recht kurzen Platte bewegt sich im beschwingten Midtempo, nur das augenzwinkernd betitelte „Almost Straight Edge“ drückt ziemlich aufs Gas und geht dank der Stop&Go-Parts und der Crewshouts gar als ziemlich gelungener Melodic Hardcore durch. „Still Water“ ist introspektiver 2000er-Emo par excellence, wie ihn etwa die Münsteraner Pop-Punks Idle Class früher zelebrierten. Weitere Highlights stellen der Mini-Hit „Solitude“ und „Find.Unfold.Accept“ dar, dessen Gänsehautklimax auch ein Chris Carrabba zu Dashboard Confessional-Hochzeiten nicht umwerfender hätte schreiben können. Mit dem stimmungsvollen Klavieroutro „Now And Today“ läuft „Enlightened Fool” nach einer guten halben Stunde im Ziel ein, ohne sich dabei einen wirklich schwachen Moment geleistet zu haben. Das Album nahm die in Norwich und Porto beheimate Band bereits 2019 im sonnigen Kalifornien auf, nur um im Anschluss, wie so viele aufstrebende Bands, von der Pandemie ausgebremst zu werden. Ohne Frage – We Bless This Mess sind spätestens jetzt Pflicht für alle Freunde von melodischem Karohemden-Punk Rock sowie mehrspurigem Heartland Rock mit dem unbeugsamen Willen zum himmelsstürmenden Refrainmelodie-Bogen und einer ausreichenden Menge an Melancholie im Tank. 

Klar mag man das ein oder andere schon tausendundein Mal gehört haben, aber wer diese abgrundtiefe Liebe zum Leben so gebündelt, so herzlich nicht ertragen mag, der muss hier – wie durch das Leben selbst – trotzdem durch. Das hier ist einfach zu gut, zu sympathisch, um es an die Zyniker und miesepetrigen Stinkstiefel zu verlieren. Danach überlegt man sich wohlmöglich Wörter mit vier Buchstaben, die man sich die Fingerknöchel tätowieren lassen könnte – eventuell ja von Nelson Graf Reis höchstselbst.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Violet Soda


Hört man die Songs von Violet Soda, dann mag man an recht vieles denken, jedoch kaum an Zuckerhut, Copacabana, Samba, Neymar oder Gilberto Gil. Doch tatsächlich stammt das Quartett, welches sich möglicherweise seinen Namen bei diesem Drink geliehen hat, aus dem brasilianischen São Paulo, wo Sängerin und Gitarristin Karen Dió, Gitarrist Murilo Benites, Bassist Tuti AC und Schlagzeuger André Dea im Jahr 2018 beschlossen, fortan gemeinsam etwas lauter Sache zu machen. Ihren Sound lehnen Violet Soda vor allem am Grunge, Alternative Rock und krachigen Indie Rock der Neunziger an: ein wenig von der suffschiefen Riot-Grrrl-Attitüde à la Courtney Love und Hole, ein gerüttelt Maß des unkaputtbaren Powerrocks von Dover, zwei Messerspitzen Joan Jett und Pixies sowie ein großzügiger Esslöffel des ohrwurmigen Zeitgeist-Poprocks von Paramore (deren Frontfrau Hayley Williams auch das das stilistische Vorbild von Karen Dió sein dürfte) – fertig sind Songs wie „Charlie“, „Girl!“, „Tangerine“, „Coffee“ oder „Candyman“.

Nachhören kann man all das bisher auf zwei EPs von 2018 sowie dem selbstbetitelten, ein Jahr darauf erschienenen Debütalbum. Zuletzt – und daran dürfte auch die konzertfreie Zeit der Pandemie Schuld sein – ließ es die Newcomer-Band im heimischen Proberaum etwas ruhiger angehen und veröffentlichte zwei Unplugged-Sessions. Und auch die beweisen das durchaus vorhandene internationale Potential von Violet Soda, die im Rahmen ihres Debütalbums verrückterweise bisher nur drei Shows vor Publikum spielen konnten. Kaum verwunderlich also, dass so langsam auch die Online-Musikpresse außerhalb ihrer südamerikanischen Heimat auf das Vierergespann aufmerksam wird – beim britischen „KERRANG!“ etwa fanden Karen Dió und ihre Jungs unlängst im Rahmen einer näheren Betrachtung der brasilianischen Musikszene Erwähnung…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Cuffed Up – „Small Town Kid“


Foto: Justin Cook

Da hat sich wohl jemand in die neue Welle der englischen Post-Punk-Bands verguckt und will diese Kraft, diesen Klang in die Stadt der Engel holen…

Jene jemande, Cuffed Up, stammen aus Los Angeles und gehören ihrerseits zu den vielversprechendsten Newcomern der US-amerikanischen Alternative-Szene. Aufgrund der derzeitigen frustrierenden Situation hapert es – fast schon logischerweise – noch ein wenig mit dem Durchbruch, aber was die drei Jungs und ein Mädel bereits im Februar 2020 mit ihrer selbstbetitelten EP vorgelegt haben, dürfte mehr als ein dickes Faustpfand sein. Vier eigene Songs sowie eine Coverversion, die durch die Bank zu überzeugen wissen und nicht nur einmal die Augenbrauen vor Bewunderung gen Haaransatz hochgehen lassen. Die Band selbst entstand 2019 durch eine eher zufällige Begegnung auf einer Party, bei der sich Sapphire Jewell und Ralph Torrefranca zum ersten Mal trafen und sich schnell über ihre Liebe zur UK-Punk-Szene mit Bands wie Idles und Shame austauschten. Wenige Monate später wurden Cuffed Up durch Schlagzeuger Joe Liptock und Bassist Vic Ordonez komplettiert.

Auf ihrer Debüt-EP begeistert bereits der Opener „Small Town Kid“ mit (s)einem gut durchgehangenen Gitarren-Riff und einem wunderbar-unwiderstehlichen Wechselgesang von Sapphire Jewell und Ralph Torrefranca, welcher spätestens im Refrain dermaßen catchy daherkommt, als würden hier Placebo und The Subways gemeinsame Sache machen. Sänger und Gitarrist Ralph Torrefranca äußert sich zu dem Song folgendermaßen: „‚Small Town Kid‘ started off as a little riff that I set aside in 2018, not really knowing where it could go. It wasn’t until Cuffed Up formed at the beginning of 2019 where we all collectively shaped the song into the wall of sound that it is today. The song is about a punk kid who moves from a small city, with ambitions bigger than his own ego. Rightfully, the big city ends up eating him alive but he learns to love the struggle and manages to find humility in his mistakes.“

Mit „French Exit“ folgt das zweite Stück der EP. Den Gesangspart übernimmt hier in erster Linie Sängerin und Gitarristin Sapphire Jewell. Die Nummer zeigt das Quartett von einer ganz anderen Seite als noch der Opener. Shoegaze und somnambule, reduzierte Dreampop-Klänge schmiegen sich dem Hörer zu einem feinen Erzählsog ins Ohr, bevor „Danger, Danger“ vor allem die Punk-Einflüsse der Band ausleben darf (und stellenweise sogar nach den frühen Kasabian klingt). Wer immer noch nicht von der Vielseitigkeit der kalifornischen Band überwältigt ist, der bekommt mit „Mother/Father“ ein abschließendes eigenes Argument inklusive scharf schneidender Gitarren und knackigem Rhythmus zwischen die Gehörgänge gepfeffert (wer hier Referenzen zu Neunziger-Größen wie Sonic Youth oder den Pixies findet, der darf diese gern behalten), bevor das im vergangenen Oktober nachgereichte Cover des Death-Songs „Politicians in My Eyes“ das Mini-Album in bester Protopunk-Manier beendet.

Sollte es Cuffed Up gelingen, diese vielfältigen Einflüsse beizubehalten und weiterhin in qualitativ hochwertige, frisch tönende Songs umzumünzen, so dürfte einer großen, kleinen Indie-Musikkarriere und energetischen Live-Shows wohl nicht mehr viel im Weg stehen – außer einer vermaledeiten Pandemie, freilich…

„Leave the money on the table, testify if I am stable
Drag me by mouth until I wanna bleed it out of here

Cause for concern is natural, big dreams for a small town kid
I save it for myself, I don′t want nobody’s help

Outside is a little more substance
Inside is a little big lie
Northwest is a little more comfort
East coast living on the west end side
Right hand is its own temptation
Left hand is a sign of gold
I wanna feel it out, I wanna feel it out again

My compass is flawed by nature
Wrap my head around the greater good
But it’s waste of time, these stripes don’t bleed anymore

I′m a poser and a loner
Triple check my persona
Bad dreams from a simple place
So I can spin my wheels over and over again

Outside is a little more substance
Inside is a little big lie
Northwest is a little more comfort
East coast living on the west end side
Right hand is its own temptation
Left hand is a sign of gold
I wanna feel it out, I wanna feel it out again“

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Cleopatrick – BUMMER (2021)

-erschienen bei Nowhere Special/The Orchard-

Fuck whatever you think rock is. It’s different now…“

Rock’n’Roll 2.0 vs. Alles schon einmal da gewesen. Rockmusik im Jahr 2021 vom Scheitel bis zur Sohle ganz und gänzlich neu zu erfinden – das könnte sich nur allzu schnell als dezent überambitioniertes Unterfangen erweisen. Also warum selbige, die Rockmusik, nicht einfach im juvenilen Überschwang zertrümmern, wenn eh kaum etwas Neues daraus wachsen kann? Luke Gruntz (allein der Name!) und Ian Fraser alias Cleopatrick sind jung genug, ihre Twentysomething-Angst noch ungeniert thematisieren zu können – natürlich auf die Weise, wie Instagram, Spotify & Co. sie heutzutage verstärken. Privat huldigen sie laut eigener Aussage eher Rap-Ikonen wie Drake oder Kendrick Lamar, produzieren aber trotzdem dezent verwaschenen Two-Pals-Krachrock der guten alten AC/DC-Riffschule, und das sogar auf eigenem Label sowie in einem eigenen kleinen DIY-Kollektiv, denn was soll man im kanadischen Hinterland samt dessen beschränkten Möglichkeiten auch sonst mit seiner Jugend anfangen? Einen Bassisten hat das Mittzwanziger-Duo, welches sich seit Kindergartentagen kennt, nur deshalb nicht, weil sich in der Kleinstadt Cobourg – am Ontariosee gelegen und wohl ähnlich provinziell, aber nicht zu verwechseln mit dem Ort in Oberfranken – schlicht keiner auftreiben ließ. Die Reduktion aufs Wesentliche, auf Fuzz und Frust also, reicht absolut aus. Wo bei Royal Blood jüngst der Dreck gänzlich wegpoliert wurde und die ewigen Schürzenjäger von Death From Above 1979 ihre sanftere Seite entdeckt haben, kippen Cleopatrick als eine Art alternative Terrance & Phillip eine ganze Baggerladung Geröll hinein. Mit diesem Konzept sorgten sie mit zwei EPs und ein paar verdammt ordentlicher Singles („hometown„! „daphne did it„!) seit 2016 für einiges am Rumoren im weltweiten Netz und landeten letztlich auf der „New Noise„-Playlist von Spotify. Und wohl auch deshalb ist ihr Debütlangspieler „BUMMER“ nun ein knapp halbstündiger Schleudergang mit ordentlich arschcoolem Wumms und knirschendem Fuzz-Sand im Getriebe.

Kategorien wie Lo-Fi treffen den Kern der Sache dann auch nicht unbedingt, denn anstatt hunderten Vorbildern nachzueifern und sich von diesen beeinflussen zu lassen, poltern Cleopatrick einfach frisch, Frank und frei drauf los, ohne nur einen verdammten Gedanken daran zu verschwenden, wie sie sich im Rock’n’Roll-Kanon eigentlich einsortieren ließen. Gerade Ian Frasers Schlagzeug dröhnt im eröffnenden „Victoria Park“ so dumpf und verrauscht, als wäre es durch einen riesigen Eierkarton aufgenommen worden. Beat und stimmlicher Vortrag auch in anderen Songs – man nehme nur „Great Lakes“ – erinnern dann tatsächlich an HipHop’sche Gefilde. Passend dazu sitzt auch das Storytelling wie eine gut flowende Eins – vom Schulhof wohlgemerkt, die Straße kann man vom Nachsitzen aus lediglich erahnen. Man wähnt sich beinahe in einem selig analogen, siebziger’esken Umfeld, transferiert ins digitale 21. Jahrhundert, wenn Gruntz sich beschwert, sein Feed sei „full of fucking dummies that did high school with me“. Jung, anti und dagegen sein lautet die Devise weiterhin in „Family Van“: „Pushing twenty-three is a real big bummer / When these old motherfuckers try so hard to pull you under“. Die Band mag nur ein paar Felle, High-Hats, sechs Saiten und einige Effekt-Pedale zur Verfügung haben, ist jedoch mächtig gewaltig auf Krawall gebürstet – maßgeblich gegenüber ihrer heimischen Kaff-Einöde, aus der auch Social Media keinen Ausweg verheißt, und all den alten und jungen Spießern, die darin nunmal wohnen.

„Keine beschissenen Ghostwriter. Kein Label-A&R, keine namhaften Produzenten. Nur drei Kids mit ein paar Fuzz-Pedalen und dem Willen, etwas zu beweisen. Wir haben uns entschieden, dieses Album in Jigs Keller aufzunehmen, weil wir den Kids, die zu unseren Gigs kommen, zeigen wollten, dass man keinen Major-Label-Deal unterschreiben oder sich mit den modernen ‚Rockstar‘-Phonies assimilieren muss, um es zu schaffen. Tatsächlich ist es genau das Gegenteil: Alles, was du brauchst, sind ein paar gute Freunde und eine kleine Vision.“

Das Beste bleibt dennoch die Wirkung dieser Songs, denn beim Genuss von „BUMMER“, welches das Duo nahezu in Eigenregie aufgenommen hat (lediglich ihr enger Freund Jig Dubé wirkte beim Songwriting, Aufnehmen und Produzieren mit), bekommt man unweigerlich mächtig Bock, in einer kleinen, viel zu engen Garage einen Auf-Teufel-komm-raus-Circle-Pit zu bilden und selig grinsend gegen fremde Menschen zu hüpfen, während der Schweiß von der Decke tropft und der Boden vom Bier klebt. Glaubt keine Sau? Nun, jenem Borstenvieh sollte man denn mal den Grunge-Hit „The Drake“ auf die Lauscher geben! Those were the days, kiddos. Verheulte Emo-Lyrics und Grunge-Akkorde in inniger Vereinigung sorgen auch dafür, dass eine Quasi-Ballade wie „2008“ hell und intensiv strahlen kann, ohne dass sie eines scheppernden Schlagwerks bedürfte. Nicht nur hier bringt Gruntz das Kunststück fertig, so einige stimmliche Facetten von angepisstem Gesang bis Sprechgesang auszuloten und mal wie ein junger Chris Cornell, mal gar soulful wie Afghan-Whigs-Frontröhre Greg Dulli zu klingen – mit kanadischem Akzent, versteht sich: „When you give a fuck just let me know“. Dabei sind Cleopatrick natürlich der schlechte Umgang, vor dem das wohlerzogene kanadische Mädchen aus Torontos Villenviertel von den gut betuchten Eltern an- und ausdauernd gewarnt wird – allein diese unflätige Ausdrucksweise! Aber dank etwas DIY-Ethos eben auch eine der neuesten altmodischen Rock-Aufstiegsgeschichten im digitalen Zeitalter. Wo Japandroids mittlerweile mit eher abgeklärt-erwachsenem, dabei aber auch machomäßigeren Blick den Thron besetzen, sind Gruntz und Fraser eher die Arctic Monkeys der kanadischen Noise-Duo-Landschaft. Will neben jung und ungestüm auch heißen: romantisch genug, um nicht nur als juvenile Unruhestifter wahrgenommen zu werden. Längst nicht neu, dafür aber mächtig aufregend, stellenweise verdammt intensiv und übertrieben gut, das Ganze! Dear Canada, your kids are alright.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Isaac Gracie


Foto: Promo / Mike Massaro

Sekunden der Stille verstreichen. Normalerweise nutzen Künstler instrumentale Pausen innerhalb oder zwischen den Songs, um eine gewisse Atmosphäre zu kreieren… Aber eine solche Kunstpause am Anfang eines Albums? Ungewöhnlich, fürwahr. Dann jedoch setzen endlich die ersten Klänge des Debüts von Isaac Gracie ein. Der heute 26-jährige Londoner zeigt auf dem gleichnamigen, 2018 erschienenen Album eine Mischung aus melancholisch-eleganten Chansons, gepaart mit einer ganzen Menge Wehmut. Das Frontcover ziert das aschfahle, jugendliche Gesicht seiner Person, die das Nachdenkliche ebenso im Blick trägt wie einen versteckten Ansatz von verschmitztem Lächeln. Ein Widerspruch? Mitnichten.

Das beweist bereits der Opener „Terrified„, in dem der ehemalige Chorknabe und Student für Englisch und kreatives Schreiben seine innersten Ängste besingt. Und bereits hier wird’s wohl schon zum ersten Mal autobiografisch, denn als Isaac Joseph Gracie-Burrow vor einigen Jahren mit „Last Words“ eine Demo-Version (s)einen ersten Songs via Soundcloud ins weltweite Netz entlässt, kam dieser auch dem einflussreichen BBC-Radio-Moderator Zane Lowe zu Ohren, der das Stück alsbald in seiner Show rauf und runter spielte. Die eigentlich recht positiven Folgen: Gracies Fanschar wuchs in den ersten Monaten exponentiell, die Musikindustrie wedelte mit lukrativen Verträgen. Ja, eigentlich, denn der gehypte Newcomer selbst versank in Selbstzweifeln, wusste nicht, was er davon halten, wie er nun reagieren sollte und fühlte sich so gar nicht auf das Leben als potenzieller Star vorbereitet. Aus diesen widerstreitenden Gefühlen also erwuchs sein zweiter Song „Terrified“ – und der wurde sofort zum zweiten Hit. Warum, dachte sich der junge Musiker, sollte man daraus nicht eine Methode machen?

Diesem Modus Operandi kommt natürlich zugute, dass Isaac Gracie mit einer Stimme gesegnet ist, die an die ganz Großen, an Künstler wie Jeff Buckley oder Nick Drake, erinnert. Eine Stimme, der eine Schwere anhaftet, als hätte man vor langer, langer Zeit eine Gefängniskugel von Problemen an seinem vor Schwermut müden Bein befestigt. Grau trifft Anthrazit, ganz frei nach dem Motto: Ich habe schon mit allem abgeschlossen, bevor es überhaupt richtig losgeht. Es trägt also schon etwas Juvenil-unbedarftes, etwas Ironisches in sich, dass „Last Words“ genau von dieser Art von Resignation erzählt. Trotzdem steckt hier viel mehr drin als lediglich ein weiterer Gitarre klampfender, introvertierter Lagerfeuertroubadour. So werden im Refrain von „The Death Of You & I“ zum ersten Mal die E-Gitarren aufgedreht und Gracie entlädt zu herzwunden Zeilen wie “Nothing ever felt so real since the death of you and I” all jene Emotionen, die bis dato weitestgehend unterdrückt blieben. Nevermind Nirvana? Nope. Die Wagenladung an negativen Gefühlen, welche das Album in sich trägt, verpackt Gracie – anders als weiland Kurt Cobain – in luftig-leichte Gitarrenriffs, mal akustisch, mal elektrisch und mit einer Singalong-Attitüde, wie man sie sonst vor allem von Britpop-Revival-Parties kennt. Da verpasst man doch beinahe Songs wie „Running On Empty“ oder das Streicher-Meer in „Telescope„, bei denen der Bohemian-Einfluss eines Peter Doherty, der Babyshambles und Libertines, deutlich mitschwingt – nur vielleicht mit etwas weniger hedonistischem Spektakel und Lust auf den nächstletzten Exzess.

Trotzdem kehrt Gracie immer wieder zum Melancholischen zurück. Vielleicht mag’s ja an seiner familiären Prägung liegen: Seine Mutter ist die Dichterin und Psychoanalytikerin Judith Gracie, im Elternhaus kam er recht früh mit vielfältigen musikalischen Einflüssen, die von Radiohead über Leonard Cohen, Kurt Cobain, Bob Dylan bis hin zu Tim und Jeff Buckley reichten, in Berührung. Mit 14 Jahren schrieb er erste eigene Songs, 2016 erschien die recht programmatisch „Songs From My Bedroom“ betitelte Debüt-EP. Doch zurück zur Schwermut, denn „That Was Then“ zerbricht beinahe an der stimmlichen Traurigkeit sowie einem starken Refrain, in dem Gracie die Zittrigkeit der Strophen ablegt und nach vorne schaut. Es ist immer wieder schön zu hören, wie Künstler ihren Gesang gekonnt einsetzen und in ihren Songs Kontraste erzeugen, um das emotionale Kaleidoskop noch direkter mit dem Hörer, der Hörerin zu teilen. Der melodramatische Hymnus „Silhouettes Of You“, welcher stark an den Radiohead’schen Gassenheuler „Creep“ erinnert, steht dem mit seinem stetig anschwellenden Crescendo in nichts nach.

Klar: Isaac Gracies musikalisches Gewand ist ein recht Spezielles. Manch eine(r) mag seine Songs aufgrund des kohärenten Klangbilds und der thematischen Wiederholungen – aller Wandelbarkeit zum Trotz – (vor)schnell als monotone Langweiliger-Platte eines Möchtegern-Bob-Dylans abstempeln (was bei Zeilen wie „Well, I sleep all day and drink all night“ zugegebenermaßen im ersten Moment ein Leichtes wäre). Für andere wiederum trifft der britische Nachwuchs-Singer/Songwriter mit seinem Debütalbum wortwörtlich ins vinylne Schwarze und verbindet Indie-Folk-Rock mit anthrazit-grauer Alltagslyrik. Alles in allem: ein solides, recht zeitloses Erstlingswerk.

Rock and Roll.

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