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Song des Tages: Slow Pulp – „At It Again“


Foto: Promo / Rachel Cabitt

Mal eine These, die durchaus Sinn ergibt: Die im vergangenen Jahr für ihre kreative Umtriebigkeit sowie ihr fulminantes zweites Album „Punisher“ zurecht allerorten gefeierte Phoebe Bridgers hat ihren mittlerweile recht genreprägenden, halb geflüsterten Gesangsstil keineswegs entwickelt, um eine eigene Klangästhetik zu begründen, sondern schlichtweg aus der schnöden Notwendigkeit einer hellhörigen Wohnung mit dünnen Wänden heraus, in der sie ihre ersten eigenen Songs schrieb und aufnahm. Dennoch erschien diese Art des Vortrages wohl stilistisch so attraktiv, dass sich nun bereits eine halbe Generation junger Elevinnen auf ebendiesen Stil beruft. Emily Massey, die 2017 als potentielle Frontfrau zu dem bis dahin als befreundetes All-Male-Trio existierenden Slow Pulp aus Madison, Wisconsin (früher) beziehungsweise Chicago, Illinois (heute) stieß, scheint zu jener Halbgeneration zu gehören – bis hin zu der Tatsache, dass sie nicht nur den Flüster-Stil, sondern auch den ein oder anderen Kniff in der Harmonieführung von jener mit 26 Lenzen selbst ja noch jungen Vorreiterin übernommen zu haben scheint.

So singt Emily Massey denn auch den Löwenanteil der ansprechend konstruierten, organischen Indie-Rock-meets-Dream-Pop-Songs, die sich auf Slow Pulps im vergangenen Oktober erschienenen Debütalbum „Moveys“ befinden. Der Titel der Platte ist ein Neologismus, der sich auf die Entstehungsgeschichte der Songs, Rastlosigkeit und Veränderung der Band bezieht. Doch bei dieser „klassischen“ Rollenverteilung mit einer Dame am Mikro und den Herren am Instrumentarium bleibt es nicht, denn das Newcomer-Quartett sucht sich und ihren Bandsound zum einen noch, zum anderen zwang ein Krankheitsfall in Emilys Familie während der Corona-Lockdown-Phase die junge US-Indie-Band, welche bereits zuvor – nach der Diagnose von Massey mit Lyme-Borreliose und chronischem Drüsenfieber – ein Album mit einigem an Material verworfen hatte, zu einer unfreiwilligen zeitweisen Trennung. Die in Chicago verbliebenen Jungs – Henry Stoehr (Gitarre), Alexander Leeds (Bass) und Theodore Mathews (Schlagzeug) – nutzten diesen nicht eben vorteilhaften Wink des Schicksals, um den Rest der Debüt-LP kurzerhand im Testosteron-Alleingang fertig zu stellen. Wohl auch deshalb werden zwei stilistisch eher in Alternative-Rock-Gefilde gehüpfte Stücke kurzerhand von Bassist Alexander Leeds gesungen, wohl auch deshalb findet man auf dem Nachfolger der 2019 veröffentlichten „Big Day EP“ nicht nur Anklänge an die seligen Neunzigerjahre und Alternative-Größen wie Slowdive und Sonic Youth, sondern auch Ausflüge in Alt.Country und Indie Folk sowie das ein oder andere eigenwillig tönende Instrumental, das scheinbar recht wenig mit dem Rest des Albums zu tun hat. Trotzdem lässt das knapp 30-minütige Endergebnis mit Highlights wie „Falling Apart„, „Idaho„, „Track“ oder „At It Again“ durchaus positiv aufhorchen und sei nicht nur allen Freunden der jüngsten Großtaten von Phoebe Bridgers ans Hörerherz gelegt, sondern auch all jenen, die auf in Indie Rock und Dream Pop beheimatete Kleinode stehen.

Empfehlenswert ist auch die „Live on KEXP at Home“-Session der Band:

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Sperling – Zweifel (2021)

-erscheint bei Uncle M Music/Cargo-

„Ich mag eigentlich keinen Rap, aber euch finde ich cool!“ – Wie oft durften Bands diesen Satz schon hören, wenn sie sich daran gewagt haben, einmal Soundwelten zu verbinden, die aus Sicht der Konsumierenden eigentlich nicht zusammenpassen? Die nahezu nahtlos ineinander übergehende Melange aus Sprechgesang und Rock wurde für den Mainstream vermutlich erstmals mit Aerosmiths Kollabo mit den New Yorker Hip-Hoppern von Run DMC im 1986 veröffentlichten Evergreen „Walk This Way„, später durch Bands wie Linkin Park wirklich salonfähig gemacht, verschwand dann ein wenig in der Versenkung und erlebte knapp zehn Jahre später dank Caspers „XOXO“ auf indierockenden Indie-Beats einen zweiten bundesdeutschen Frühling (ein Wahnsinn übrigens, dass auch dieses Werk in diesem Jahr eine Dekade alt wird). Nun spielt sich die Hunsrücker Formation Sperling ins Rampenlicht und füllt diese Soundsymbiose genau zehn Jahre nach besagtem Deutschrap-meets-Indierock-Meilenstein erneut mit Leben und einer Menge frischer junger Energie. Wer diese Review jetzt schon auslassen möchte, weil man partout nichts mit Benjamin „Casper“ Griffey anfangen kann, kann an dieser Stelle beruhigt aufatmen, denn bis auf die grobe Kategorisierung haben Sperling und der ostwestfälische Emo-Rapper – zumindest im ersten Moment – nicht allzu viel gemeinsam – außer vielleicht die Herkunft aus Orten, die in keinem Touristenführer Erwähnung finden dürften. Und: einer Menge Mut.

Denn mutig, das sind Sperling, von denen bereits im vergangenen Jahr auf ANEWFRIEND die Schreibe war, ohne Zweifel. Schließlich kommt da ein Quintett aus der weltbekannten Region Vorderhunsrück daher, das sich nach dem „Vogel des Jahres 2002“ benannt hat, unter dem Arm gerade mal ein paar EPs sowie ein erstes Album mit dem Namen „Zweifel“ – und zieht direkt im Opener gleich mal eben die gesamte formatradiotaugliche Pippe-di-Poplandschaft des Landes unter heftigen Prügelattacken erbarmungslos durch den Schmutz: „Zum tausendsten Mal produziert und doch wieder verkauft / Immer noch die selben Kriecher / Kriegen viel zu viel Applaus / Also: Peace out, Bitches – wir sind raus!“. Subtil ist das keineswegs, aber locker gut für eine dicke Jungspundlippe: „Bitte nicht weiterentwickeln / Immer das Gleiche mit Gleichem verbinden“. Falsch höchstwahrscheinlich also ebenso wenig. Und musikalisch mit einiger Verve dargeboten. Da haben die findigen Talentscout-Leute von Uncle M mit Casper, Fjørt und Heisskalt gleich die passenden Referenzen für ihre neue Entdeckung parat.

Foto: Promo / Simon von der Gathen

Das meint in Kurzform: Auf „Zweifel“ treffen indie’esque Rap-Parts auf bisweilen opulent austaffierte Post-Hardcore-Songarchitektur, viel, viel Melodie – und ein oft genug prominent musizierendes Cello. Die im Opener „Eintagsfliege“ geprügelten Hunde mögen jetzt aufheulen und mit Nachdruck darauf verweisen, dass Sperling selbst ziemlich weit davon entfernt sein mögen, irgendwelche Innovationspreise einzuheimsen. Diese Flucht nach vorn endet allerdings jäh in einer Sackgasse. Warum? Weil die Newcomer-Band solchen altvorderen Vorwürfen einen so großartigen Song wie „Baumhaus“ entgegensetzen kann. Sänger Johannes „Jojo“ Gauch, der mit seinem rauen Sprechgesangsorgan klanglich durchaus an den bereits erwähnten Casper erinnert, während sich sein Flow Anleihen von Kraftklub-Frontmann Felix Kummer nimmt, navigiert sich da kursorisch durch eine völlig normale Biografie, durch Hoffnungen und Rückschläge und vertont mitsamt der gesamten Band, zu der noch Gitarrist Malte Pink, Bassist Max Berres, Schlagzeuger Josh Heitzer und Cellist Luca Gilles gehören, die Entwicklungen mit traum- und lautmalerischer Sicherheit. Man lässt sich gern anstecken von der fiebrigen Grundstimmung dieses Debüt-Langspielers, man legt sich in die in sich ruhenden Momente und nimmt jeden Ausbruch mit Leib, Herz und Seele an. Da darf es zum Finale auch das ganz große Drama sein, da funktionieren sogar im Grunde recht platte Phrasen wie „Wir bauen etwas Neues aus dem Nichts auf“. Nicht weniger beeindruckend gerät „Bleib“, das zu aufwühlender Melodieführung wenig überraschend das Thema Trennung verhandelt und seinem Gegenüber ein glaubhaft verzweifeltes „Nichts wartet da draußen“ mit auf den Weg in die kalte Welt vor der Haustür gibt.

Obwohl sich die Band ab und an im Generischen zu verlieren droht, ist auch der Einfallsreichtum beeindruckend, den es an allen Ecken und Enden von „Zweifel“ zu bestaunen gibt. Selbst in den eingängsten Momenten wie etwa im erwähnten „Bleib“ bringen Sperling nuancierte Details unter. Immer wieder stolpert man über dynamische, wohlplatzierte Instrumentalparts, die verhindern, dass das ganze Werk an der Halbwertszeit schlapp macht. Immer wieder schluckt man auch ob der oft im melancholischen Moll badenden textlichen Ausgestaltung, wie etwa im Titelstück, welches das Thema Suizid schmerzhaft anschaulich ausgestaltet. Und ganz am Ende, wenn Sperling im „Schlaflied“ die Akustikgitarre auspacken, ist das nicht etwa kalkuliert und kitschig, sondern einfach nur ergreifend (denn immerhin verarbeitet Jojo seine eigenen Erfahrungen in der Altenpflege): Dort scheidet jemand nach langem Leiden aus dem Leben, begleitet mit den Worten „Ich kann vorausgehen, wenn du gehst / Ich bleibe wach, solang‘ du schläfst“ und von Beray Habip angenehm unterproduzierten Akkorden. Kein Blatt Papier passt da noch zwischen Musik und Gefühle. Mutig eben. Dass das Artwork von „Zweifel“ eine gewisse Ähnlichkeit zu Jonas Lüschers Buch „Kraft“ aufweist, das sich inhaltlich ebenso mit Selbstzweifeln und Ich-Findungen beschäftigt, mag vermutlich Zufall sein – dann allerdings ein verdammt passender. Mit ihrem sorgsam austarierten Gesamtkonzept tönen Sperling als vermeintlicher Newcomer (denn immerhin gibt’s das Indie-Quintett bereits seit etwa 2015) wie eine Band, die lange an ihrer Soundkulisse gefeilt und sich zu nahezu allen Aspekten ihrer Musik und deren „Verpackung“ so ihre Gedanken gemacht hat. Dabei mögen (noch) nicht alle Handgriffe perfekt sitzen, was in Anbetracht der hohen Qualität von „Zweifel“ allerdings mehr als verschmerzbar ist. Wenn man diese Songs, diesen leicht kratzigen, an Fabian Römer geschulten Sprechgesang, das Cello und die vermutlich aus dem juvenilen Post Hardcore der Güteklasse La Dispute und Pianos Become The Teeth stammende Wut und emotionale Vielfalt hört, dann weiß man, warum man die Flinte noch nicht ins sprichwörtliche Korn geworfen hat, wenn es um neuen, jungen Herzeleid-Krach aus Deutschland geht. Das akustische Glas, es ist halbvoll – mindestens.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Sarah & The Safe Word


Kurz nach der Jahrtausendwende sorgten so einige Bands für kleine bis mittelgroße Wellen von Begeisterung, die zwar aus verschiedenen Ecken der US of A stammten, deren Songs, in welchen sie augenzwinkernde Theatralik, zur Faust geballte Euphorie und sinistres Geschichtenerzählen vereinten, jedoch durchaus so einige Schnittmengen aufwiesen. Bands wie Panic! At The Disco, My Chemical Romance und The Dresden Dolls. Obwohl sich alle drei wenig später in recht unterschiedliche Richtungen entwickelten, heute teilweise auf Eis liegen (oder, wie im Fall von Panic! At The Disco, gen egalen Formatradio-Pop abbogen), so ist es kaum falsch, im Rückblick von der „heiligen Dreifaltigkeit des Freak-Punk“ zu schreiben, deren Fanbases all jene einsammelten, die sich zu Schulzeiten keiner der offensichtlichen Szenen und Cliquen – den Schönlingen, den Sportlern, den Draufgängern, den Strebern… – so richtig zugehörig fühlten. All hail the outcasts! Diese Mischung aus Haken schlagendem Alternative Rock, ein, zwei Prise Emo und Pop Noir, düstrem Cabaret Punk Rock und nicht selten in weltwundem Zynismus badenden Texten war zweifelsohne besonders, ist es – mit etwas Nostalgie an Bord – heute noch. Jedem nach Orientierung dürstenden Jugendlichen boten Alben wie „A Fever You Can’t Sweat Out“, „Three Cheers For Sweet Revenge“ oder „The Dresden Dolls“ ein ums andere Mal die Flucht in eine Welt voller Vaudeville-Songs, leicht angekitschtem Bombast und Freakshow-Zirkus-Orgien, die größer und oft einladender schien als der vom grauen Alltag getünchte Lebensnebel… All das liegt nun bereits stolze 15 Jahre zurück – und feiert in der Musik von Sarah & The Safe Word (s)ein kleines Revival.

Denn in der Tat vereint die siebenköpfige Band aus Atlanta, Georgia (zu der man hier eine ausführliche Vorstellung findet) so einige Trademarks der Formationen um Brendon Urie, Gerard Way und Amanda Palmer in ihren eigenen Songs. Die wiederum machen die drei bisherigen Alben „Strange Doings In The Night“ (2017), „Red Hot & Holy“ (2019) und „Good Gracious! Bad People.“ (2020) zu durch und durch unterhaltsamen Erlebnissen mit sympathischer DIY-Schlagseite, bei denen einem Einflüsse aus Gothic Rock ebenso zu Ohren kommen könnten wie aus Dark Pop oder Southern Gospel (schließlich steuert jedes der Bandmitglieder mal hier, mal da Gesangseinlagen bei), während die Queer- und PoC-positive Band mal von japanischen Metal-Kapellen wie Dir En Gray inspirierte Moshpit-Steilvorlagen zu Geschichten über diabolische Autorennen liefert („Formula 666“), mal Piraten-Räuberpistolen („Dead Girls Tell No Tales“), mal den süßlichen Duft der jüngsten Halloween’schen Trick-or-Treat-Ausbeute versprühende Geschichten, die so gut und gern auch direkt aus Tim Burtons Oberstübchen stammen könnten, ohne je eine Hookline links liegen zu lassen. Das Ergebnis tönt meist wie ein eskapistisch-würdevoller Revival-Abend im Geiste der „heiligen Dreifaltigkeit des Freak-Punk“ (welcher meinetwegen von Murder By Death organisiert wurde). Gut möglich also, dass in High-School-Tagen das ein oder andere Panic! At The Disco-, My Chemical Romance- oder Dresden Dolls-Poster in den Jugendzimmern von Frontfrau Sarah Rose, Keyboarderin Beth Ballinger, der Violinistinnen Susy Reyes und Courtney Varner, Gitarrist Kienan Dietrich, Bassist Maddox Reksten sowie Schlagzeuger Sam Freeman hing. Sounds good... All hail the freaks!

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Circus Trees


Foto: via Bandcamp

Mit dem Alter ist’s immer so eine Sache. Denn in der Tat waren viele große Talente noch ziemlich jung, als sie ihre ersten wichtigen Alben aufnahmen. Kurt Cobain ist 22 Jahre alt, als das Nirvana-Debüt „Bleach“ erscheint. Paul McCartney ist 21, als die Beatles anno 1963 ihr Erstlingsalbum veröffentlichen. Robert Plant ist noch 20, als Led Zeppelins monumentales erstes Werk erscheint. Und Gitarrist John Frusciante gerade einmal zarte 19 Lenze, als er mit den Red Hot Chili Peppers „Mother’s Milk“ an den Start bringt.

Darüber können die drei Schwestern hinter Circus Trees, Giuliana, Finola und Edmee McCarthy, wohl nur milde lächeln, schließlich sind sie 18, 16 und 14 Jahre jung, und können trotzdem bereits jetzt auf die ein oder andere Erfahrung im Haifischbecken Musikgeschäft zurückblicken. Schon bemerkenswert? Türlich, türlich! Noch erstaunlicher ist jedoch, dass ihr Debütalbum „Delusions„, welches im vergangenen August erschien, dabei nicht einmal das erste Material des Trios aus Marlborough, Massachusetts ist. Bereits die EP „Sakura“ von 2019 war ein starkes Ausrufezeichen, mal abgesehen vom 8:20 Minuten langen ersten Song „Floating Still“ von 2018 (aufgenommen von Jay Maas von Defeater) – da war das familiäre Dreiergespann 16, 14 und 12! Und bereits jenes Stück enthält im Grunde alles, was die Newcomer-Band so stark macht: erschütternde Traurig- und Ernsthaftigkeit sowie ein dramaturgisch ausgeklügeltes Gespür, über die lange Strecke mit lauten und leisen Passagen zu fesseln. Sie nennen es selbst Sadcore – und haben damit vor einer ganzen Weile bereits Szene-Größen wie Caspian überzeugt, für die sie in Boston eröffnen sollten, hätte ihnen nicht COVID-19 einen Strich durch die Tour-Planung gemacht. Dafür teilten sie bereits die Bühnen mit Bands wie O’Brother, Holy Fawn oder Spotlights – ebenso amtlich.

Eventuell liegt ein Teil des Erfolgsgeheimnisses von Circus Trees ja in den durch und durch familiären Strukturen: So erschien das Debüt über Five By Two Records, einem Label, das mit Robert McCarthy der Vater der Musikerinnen betreut – ein ehemaliges Punk-Kid, das in der Tech-Industrie zu Geld gekommen ist und sich von der Arbeit zurückgezogen hat, um sich voll und ganz um die Band seiner Töchter und ihre Kreativunternehmungen zu kümmern. Der ältere Bruder Eoghan, selbst Musiker, und der jüngste, Declan, helfen als Roadies bei den Shows mit. Was jedoch unterm Strich zählt, sind natürlich die vier- bis achtminütigen Songs von Circus Tree, die mal melancholisch-introspektiv, mal laut sind, die mal walzen und mal zart fließen, als würden Songwriterinnen wie Julien Baker oder Emma Ruth Rundle den Shoegaze-Metal-Helden Hum als Sängerin(nen) vorstehen.

Dennoch wollen Finola, Giuliana und Edmee McCarthy keinen Welpenschutz, kein gönnerhaftes Schulterklopfen und erst recht keinen Außenseiterbonus – und „Delusions“ ist passenderweise genau das Biest von einem Album geworden, das seinem Publikum dieses Ansinnen auch recht unmißverständlich einhämmert. Die Schrottkarren vom Cover geben einen ersten Ausblick auf die Musik, die nach einem kurzen gesprochenen Snippet mit „Wasted Air“ beginnt. Ein skandinavisch anmutender, bleischwerer Gitarrenschleier wird kurz für Finolas jetzt schon abgeklärt wirkenden Gesang geöffnet, dann bekommen wir es mit dem Schlagzeug zu tun. Circus Trees haben die Laut-leise-Dynamik des Post Rock verinnerlicht, spielen ihren atmosphärischen Slowcore hart und heftig wie eine erfahrene Doom-Metal-Band und arrangieren die sechs teils mehrgliedrigen Songs auch noch souverän durch. Im Gegensatz zur 2019er EP neigt „Delusions“ bereits zur Verfeinerung dieses überraschend brachialen Sounds. Bestes Beispiel ist etwa das siebenminütige „Breath“, welches ganze Klanglandschaften und eine komplette Palette von windstillen wie stürmischen Klangwelten durchmisst. „Wir machen Musik, die nicht zu unserem Alter, unserem Geschlecht oder unseren Lebensumständen passt“, lässt die Band dazu ausrichten. „Wir sind jung, wir sind Schwestern, wir verbringen unser Leben in der Vorstadtwüste.“ Extrem persönlich sei das Album geworden, besessen von „Schmerz, Trauer und Verlust“, eine emotionale Fallhöhe, die sich beim Hören auch ohne konkretes Insider-Wissen vermittelt. „Was kann man als pausbäckiger Teenager schon Dramatisches erlebt haben?“, mag der Zyniker fragen – nun, für die Antwort(en) kann man sich in der Regel bei so gut wie jedem Teenager dies- wie jenseits des Atlantiks erkundigen… Oder man kann die sechs Songs dieses verblüffenden Debüts auflegen, in denen gefühlt einmal alle drei Minuten die juvenile Welt untergeht, nur um dann kraftvoll, nass geschwitzt und vor Selbstbewusstsein strotzend wiedergeboren zu werden. Die Vorstadtwüste hat bei der (Ver)Formung junger angepisster Menschen jedenfalls wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Jugend forscht? Jugend tönt forsch!

Hier gibt’s das Debütalbum „Delusions“ im Stream…

…sowie Musikvideos zu „Wasted Air“…

…und „Confronting Time“:

Rock and Roll.

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Song des Tages: Pinkshift – „i’m gonna tell my therapist on you“


Foto: Promo / Leigh Ann Rodgers

Hat sich schonmal jemand die durchaus interessante Frage gestellt, wie denn bitteschön eine musikalische Dreiecksromanze aus My Chemical Romances „Three Cheers For Sweet Revenge“, No Doubts „Tragic Kingdom“ und Paramores „Riot!“ klingen würde? Nein? Die wohl konsequenteste Antwort wäre in diesem Fall: wie Pinkshift.

Nun ist das US-Newcomer-Quartett aus Baltimore, Maryland weder verwandt noch verschwägert mit Gerard Way, Gwen Stefani oder Hayley Williams, trotzdem tönt das, was Leadsängerin Ashrita Kumar, Gitarrist Paul Vallejo, Schlagzeuger Myron Houngbedji und Bassist Erich Weinroth bislang von sich hören ließen, schon ein wenig wie ein kleiner, ehrfürchtiger Knicks vor ebenjenen Bands…

Pinkshift gründeten sich 2018 während Ashrita Kumars erstem Jahr an der renommierten Johns Hopkins University. Paul Vallejo sah die junge Frau mit Bengali-Wurzeln bei einer Schulveranstaltung a cappella performen und fragte, ob sie bei einer Rock-Coverversion von Britney Spears‘ „…Baby One More Time“ mitsingen wolle. „Ich hatte ihn vorher noch nie getroffen. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Es kam einfach aus heiterem Himmel, aber ich dachte mir nur: ‚Ja, klar. Warum nicht?'“, erinnert sich Kumar.

Beide fanden schnell heraus, dass sie, jeder für sich, an eigener Musik schrieben und begannen bald, zusammenzuarbeiten. Innerhalb kurzer Zeit hatten sie etwa zwanzig Demos beisammen und beschlossen, Konzerte zu spielen. Aber sie brauchten noch einen Schlagzeuger. „Es gab diesen Schlagzeug-Übungsraum in unserer Universität“, so Kumar. „Immer wenn wir nicht im Unterricht waren, saßen wir, entweder zusammen oder getrennt, draußen vor diesem Übungsraum, um zu hören, ob es jemanden gab, den wir ansprechen konnten.“ Und sie hatten Glück: Eines Tages hörten sie Myron Houngbedji, der gerade „Helena“ von My Chemical Romance spielte. Nicht nur aufgrund dieser Songwahl war klar, dass er die perfekte Besetzung war.

Die Gruppe, die sich damals noch Sugar Crisis nannte, absolvierte ihren ersten Auftritt bei einer Veranstaltung des Johns Hopkins Inter-Asian Council. Eine „richtige“ Band wurde sie aber erst im nächsten Jahr, als sie sich in Pinkshift umbenannte. Allerdings benötigten sie immer noch einen Bassisten. „Es war einfach schwer, Leute zu finden, die an unserer Universität Rockmusik spielten“, sagt Kumar. „Es gibt keine Rock-Szene an der Hopkins. Es gibt keine Punk-Szene…“ Also suchten sie das fehlende Bandmitglied mit einem zwar unorthodoxen, aber letztlich effektiven Ansatz: Tinder. Vallejo und Kumar richteten dort ein Profil ein und gaben an, dass sie keine Liebelei suchten, sondern lediglich einen Bassisten. Und einmal mehr hatten sie Glück: Erich Weinroth wischte in der Dating-App nach rechts. Das Quartett war komplett.

Und obwohl das vergangene Jahr kein gutes für Newcomer-Bands war, um sich warm zu spielen, sorgten Pinkshift nicht nur als einer von wenigen DIY-Acts ihres Genres, welcher ausschließlich aus People of Color besteht, sondern Mitte 2020 vor allem mit ihrem bestechend zwischen verflucht eingängigem Indie-Pop und juvenil-widerhakendem Riot-Grrrl-Punk-Rock pendelnder Song „i’m gonna tell my therapist on you“ für anständig Wirbel und Aufsehen im weltweiten Netz. „Ehrlich gesagt, wenn es die Pandemie nicht gegeben hätte, weiß ich nicht, ob sich ‚therapist‘ so durchgesetzt hätte“, gibt Kumar zu. „Es war eine ziemlich wilde Erfahrung, weil alles nur virtuell geschah. Ich erinnere mich daran, dass bei ‚therapist‘ jeder wirklich nette Dinge darüber online sagte – auf Reddit, auf Twitter, auf YouTube. Ich dachte: ‚Wow, das ist das erste Mal, dass ich tatsächlich jemanden über unsere Musik reden höre.'“ Und man muss auch kein Prophet sein um zu vermuten, dass das keineswegs das letzte Wort über Pinkshift, die aktuell an ihrer Debüt-EP arbeiten, gewesen sein wird…

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Linhay – „On How To Disappear“


Totgesagte und Abgeschriebene leben länger – die allseits bekannte Redewendung passt auch zum meist recht verächtlich als „Emo“ etikettierten Musikstil wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Mitte der Neunziger präsentierte sich dieses Genre mit prägenden Bands wie Mineral, The Promise Ring, Sunny Day Real Estate, Capt’n Jazz, American Football, Jimmy Eat World oder den Get Up Kids in vollster Blüte. Im neuen Jahrtausend jedoch wurde es Jahr um Jahr stiller im Emo-Lager. Zwar gab es hier und da, ab und zu noch ein paar Releases der (nicht selten würdevoll graumelierten) stilprägenden Größen, doch frische und neue Impulse blieben größtenteils aus und wurden fortan vielmehr in artverwandten Stilrichtungen wie dem Post-Hardcore gesetzt, während Emo-Epigonen wie My Chemical Romance, Panic! At The Disco oder Fall Out Boy die „Indie-Werte“ mal (ungewollt) persiflierten, mal stadionrockend ins Format-Pop-Radio und die größeren Anonym-Hallen führten. Er ruhe in Frieden, der Emo… Bis jetzt, denn man dürfte meinen, dass das Genre momentan ein kleinwenig in neuem Glanz erstrahlt. Mit Elm Tree CircleRemo Drive oder Memoriez haben junge Bands ebenso hierzulande wie jenseits des Atlantiks in jüngerer Zeit neue Alben auf den Markt geschmissen, welche der Szene tatsächlich eine wohltuende Frischzellenkur einimpfen konnten. Und dieser Riege aufregender Newcomer-Truppen lassen sich definitiv auch Linhay zuordnen.

Obwohl: Newcomer? Tatsächlich kommt das vielwebs noch immer als Geheimtipp gehandelte Quartett aus Kiel und besteht bereits seit Ende 2016 – wüsste man’s nicht besser, man könnte beim Hören ihrer Songs denken, man wäre unangekündigt in die Neunziger und in den Mittleren Westen der US of A zurück katapultiert worden. Außerdem dürfte der norddeutschen Band eine gewisse Aufmerksamkeit der Szene durch die Tatsache vergönnt sein, dass sich in ihren Reihen mit Bassist Gunnar Vosgröne ein Ex-Bandmitglied der zwar bereits seit 2011 aufgelösten, aber auch heute noch fast kultisch verehrten Kieler Hardcore-Punker Escapado wiederfindet (darüber hinaus unterstützte Vosgröne Tomte einige Zeit als Live-Cellist). So sorgten Linhay in den letzten Jahren mit der Demo „You & I“ (2017), einer passend „&“ betitelten Split-EP mit den Kumpels von East (2019) sowie einer Soli-Single für „SeaWatch“ für nicht wenige aufgestellte Ohren.

Auf dem im September veröffentlichtem Langspieldebüt „On How To Disappear“ reichert das Vierergespann um Sänger und Gitarrist Jörn Borowski den klassischen Gitarrensound des Midwest-Emo mit shoegazigen Flächen und Post-Rock-Meditationen an und schafft so eine kohärente, jedoch keinesfalls eintönige Soundkulisse, die sich zwar klar an ihren US-Vorbildern orientiert, sie aber nicht schnöde imitiert, sondern eine eigene authentische Handschrift trägt. Der Raumklang, die verspielten Gitarren und der sphärisch hallende Gesang mit seinen akzentuierten Höhen greifen nahtlos ineinander.

Pure Phrasenmäherei? Keineswegs, denn die elf Stücke kommen mit einer durchaus an Bands wie The Hotelier oder Foxing heranreichenden Detailverliebtheit daher, während die fantastische Produktion von Martin Trompf auch kleinste Feinheiten in den Vordergrund kehrt und dem Album eine breite Klangwelt verleiht, die wunderbar mit der ästhetischen und lyrisch-eskapatischen Atmosphäre harmoniert. Straight funkelnde Emo-Gitarren und treibende Drums wie in „The Distance Between Two Moons“ lösen sich in verspielte Melodien auf, komplexe Songstrukturen wie in „In Sunshine And In Shadows“ brechen nach hinten heraus in einen wunderschönen Breakdown-Chorus aus, während die Band mit „Interlude / A Slightly Disorientated Butterfly“ noch ein mit growlender Bissigkeit überzeugendes derbes Monster in der Hinterhand hat. Wer einen Anspieltipp haben mag: „Water„, die erste Single des Albums, macht es Szene-Freunden mit minimal angezerrten Picking-Gitarren, rhythmischen Mustern und Borowskis sanftem Gesang recht einfach, sich schnell in den Linhay’schen Output zu verlieben.

Ein Schäufelchen Metaebene gefällig? Gern doch! Durch die gesamte Platte ziehen sich emotionale und ästhetische Naturreferenzen: das Wasser, der Mond, Bienen und Vögel werden Eckpunkte für die emotionale Welt von „On How To Disappear“. So liegt die wohl größte Stärke des Albums in dieser Gegenüberstellung von existenziellen Fragen und nahbarer, greifbarer Symbolik. Jede Beobachtung über den eigenen emotionalen Zustand verpacken Linhay in eine lyrische Entsprechung der Natur und erinnern dabei unweigerlich an das 2000er The Appleseed Cast-Genre-Meisterstück „Mare Vitalis„.

Alles in allem ist „On How To Disappear“ ein feines Debütwerk, dass sich mit all seinen Versatzstücken aus Post- bis Indie-Rock (und einer Messerspitze Post-Hardcore) ohne Frage im Midwest-Emo-Kanon einreihen könnte, ohne dass seine zeitliche wie geographische Distanz zum Genre groß auffallen würde. Die fast schon unverkennbar norddeutschen Einflüsse in den vor Fragezeichen nur so überquellenden Texten und der melancholischen Ästhetik sind es jedoch, die das Album als potentielles kleines Gesamtkunstwerk exponieren, das das Schöne mit dem Zweifel vereint.

Rock and Roll.

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