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Auf dem Radar: George Hennessey


Nee, George Hennessey macht beileibe keinen Hehl daraus, großer Fan des Britpops der seligen Neunziger zu sein, damals als Cool Britannia und schiere Heerscharen toller neuer Bands aus Good Ol‘ England die (Musik)Welt regierten. Mal ist der Sound des aus London stammenden 29-jährigen Newcomers psychedelischer Natur wie bei The Verve, mal eher ebenso hymnisch wie vollmundig poprockend wie weiland bei Oasis. Inhaltsleere muss trotzdem niemand befürchten, denn seine Songs sind im Kern persönlich, handeln unter anderem von der Desillusionierung junger Menschen – das hat durchaus seine Gründe: Auch Hennessey wusste vor ein paar Jahren noch nicht so genau, was er wollte. Die Musik war damals sein Anker: „Kreativ und produktiv zu sein, hat mich glücklich gemacht, mir Hoffnung gegeben. Ich fühle mich wohler in meinem Leben, ich bin recht optimistisch.“ Das kann er auch sein, denn am 3. Februar erscheint mit „If You Can’t Find What You’re Looking For Please Ask“ nach der 2021er „Purified EP“ sowie einigen Singles endlich sein Debütalbum. Und auch selbiges dürfte so einige in die Zukunft weisende Retro-Songs bieten. Irgendwann erlebt halt alles mal wieder (s)ein Revival…

Rock and Roll.

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Song des Tages: CVC – „Good Morning Vietnam“


Foto: Promo / Dan Hall

Klingt fast wie ein Witz, ist aber so: Ihren grandiosen US-Roots-Rock haben CVC in einem Kaff in Wales erdacht und eingespielt. Noch nicht eigentümlich genug? Dann wäre da nämlich noch etwas: David und Elliott, die beiden singenden Gitarristen der walisischen Newcomer-Band, heißen mit Nachnamen Bassey und Bradfield und sind tatsächlich mit Shirley „Goldfinger“ Bassey und James Dean Bradfield (Manic Street Preachers) verwandt, wenn auch nur entfernt. Da liegt doch glatt der Gag auf der Hand, Wales als eine Art britisches Saarland zu betrachten, in dem nicht nur jeder jeden zu kennen, sondern man auch miteinander verwandt zu sein scheint. Doch Schluss mit den Witzen, her mit der Anerkennung, denn anders als aus dem Saarland kommt aus Wales eine Vielzahl grandioser Bands und Künstler*innen – man denke nur an die Stereophonics, Feeder, Catatonia, The Joy Formidable, Funeral For A Friend oder die Super Furry Animals (nebst den bereits erwähnten Manic Street Preachers, freilich). Viele von ihnen eint dabei die Eigenart, sich musikalisch recht selten um das zu kümmern, was gerade in den musikalischen Metropolen des „großen“ Nachbarlandes, in London, Manchester oder Liverpool, so angesagt ist, sondern oftmals höchst eigene Wege zu gehen.

Und weil Traditionen manchmal über die Muttermilch weitergegeben werden, folgt das Sextett CVC, zu welchem noch Sänger Francesco Orsi, Bassist Ben Thorne, Schlagzeuger Tom Fry sowie Keyboarder Daniel `Nanial‘ Jones gehören, ebenjener. Die Abkürzung steht für „Church Village Collective“ – Sektenalarm ausgelöst? Mitnichten, dezente Entwarnung: Das Kirchendorf Church Village, etwa 15 Kilometer nord-westlich von Cardiff gelegen, ist lediglich die Heimat der Band, gut 5.000 Menschen leben hier, alles ist zu Fuß erreichbar, man hat seine Ruhe – manchmal sogar wohl mehr, als einem lieb sein mag. CVC machen aus dieser Abgeschiedenheit – ganz nach walisischer Tradition – das Beste. 2019 gründet sich die Band, seitdem bastelt sie an einem Sound, der wie aus der Zeit gefallen scheint. Wer nicht wüsste, dass CVC aus einem beschaulichen Kaff bei Cardiff stammen, würde wohl viel sauer Erspartes auf eine Herkunft aus den US of A verwetten. Das just erschienene „Get Real“ ist nach einer EP (aus dem vorherigen Jahr) das erste Album der Band, es klingt aber so reif, dass man kaum an ein Debüt glauben mag. Diese Verwunderung mag auch im recht zeitlosen Sound begründet liegen, denn beeinflusst sind CVC von Westcoast-Rock-Bands mit ihren sonnigen Harmonien aus dem Laurel Canyon, aber auch die Americana-Virtuosen von The Band oder mehrstimmiger Harmoniegesang der Marken Beatles, Beach Boys oder Neil Young haben hier deutliche Spuren hinterlassen. Dass die erste Single – ein stampfendes Soul-Rock-Stück mit minimalen Disco-Anleihen im Refrain – den Titel „Good Morning Vietnam“ trägt, fügt sich da nur wie ein weiteres Puzzleteil ins Bild ein. Auch der Song „Music Stuff“ verrät viel über den Ansatz dieser Band: „Get Real“ klingt nach einem Album, das die Musik ganz selbstverständlich zur wichtigsten Sache der Welt erklärt und dementsprechend ernst nimmt. Also lieber „Größer, besser, weiter!“ als britisches Understatement? Gut möglich, schließlich meinte die Band unlängst selbstbewusst, dass sie rasch große Arenen füllen will, auch vom Privatjet mit Bandlogo war die Rede. Klar, das ist 2022 (noch) augenzwinkernde Ironie. Andererseits ab und an gar nicht mal so schlecht, in dieser Zeit eine Band mit dem großspurigen Mindset à la Oasis vorzufinden, eine, die noch an das große Heilsversprechen einer Rockbandgründung glaubt – und alles dafür tut, dass diese vielleicht doch wahr werden. Warum auch nicht? Das erste Album der Kings Of Leon war vor knapp zwanzig Jahren schließlich eine ähnlich coole, nerdige und großartige Roots-Rock-Platte. Der Rest ist keinesfalls ein Witz, sondern Geschichte…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Paul Weber – „Irgendwann“


Foto: Promo / Tim Loebbert

Oft wirkt es, als wären wir ohne Ziel. Wir probieren uns aus, ziehen weg aus dem Ort, an dem wir geboren und aufgewachsen sind und hin zu einem Ort, an dem Neues, Aufregendes, eventuell sogar das vermeintliche Glück – oder zumindest ein nach 22 Uhr noch offener Späti – auf uns wartet. Dass dieser Weg, den wir gehen, noch viel mehr ist als das, zeigt Paul Weber mit seiner neuen Single „Irgendwann“ – und besingt zu klaren Gitarren-Riffs treibendem Schlagzeug – beides erinnert ohne große Umschweife an die gar nicht mal üblen Seiten von The War On Drugs oder Sam Fender – (s)eine ganz eigene Suche, seine ganz eigenen Gefühle, die an mancher Stelle genauso unsicher und haltlos scheinen wie das Wort „Irgendwann“. Aber: Kein Umweg ist zu lang, keine falsche Entscheidung ist, im Rückspiegel betrachtet, falsch und kein Lange-wach-bleiben ist zu lang, solange wir uns selbst am Ende ein stückweit näher kommen. Und egal wie lang das auch dauern mag, eines ist klar: „Irgendwann“ kommen wir an. Wir alle.

Der aus Köln stammende Musik-Newcomer beschreibt seine Gedanken beim Schreiben des Textes zur gemeinsam mit Produzent Dennis Borger (Fibel, Betterov) entstandenen Nummer, die auf die 2021 veröffentlichte „Alles im Arsch EP“ und die Single „Zuversicht“ folgt, so: „Im Entstehungsprozess des Songs habe ich mich immer wieder in unserer komplizierten Welt sehr verloren gefühlt. Ich laufe manchmal rastlos mit der ständigen Angst, etwas zu verpassen, durch mein Leben. Immer auf der Suche nach einem Platz zum Ankommen. Der Song soll für die Hoffnung stehen, dass am Ende alles gut gehen wird.” 

Für das Musikvideo zum Song konnte Weber sich übrigens ganz auf seine Kontaktliste verlassen und einige andere aufstrebende Gesichter der deutschen Indie-Szene zusammentrommeln: Blinker, Kicker Dibs, Brenda Blitz oder Anoki gestalten gemeinsam mit ihm ein passendes Video, bei welchem man gut und gern eine Hommage an Wir sind Helden und deren bewegte Bilder zu „Nur ein Wort“ (und somit irgendwie ja auch an Bob Dylan) erkennen kann.

In jedem Fall ist hier eine im besten Sinne irgendwo zwischen Melancholie und Aufbruch, AnnenMayKantereit und Betterov festgefahrene Indierockedipop-Nummer gelungen, den Künstler dahinter sollte man also für Zukünftiges durchaus auf dem Schirm behalten…

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Betterov – Olympia (2022)

-erschienen bei Universal-

Es hatte etwas Unaufgeregtes, als Betterov in den Anfangstagen der Pandemie mit seiner EP „Viertel vor irgendwas“ in eine plötzlich so ruhige, so brachial von Hundert auf Null entschleunigte Welt eintrat. Diese Songs hatten etwas Vertrautes, das über den Einsatz von düsterpoppigen Achtziger-Synths der Cure- oder Smiths’schen Güteklasse oder so mancher, vor allem an Interpols „Turn On The Bright Lights“ geschulter Gitarrenspur hinausgeht. Yessir, der Post Punk im Nacken verschaffte den sieben Stücken ein dickes Plus an Atmosphäre, der verdammt popaffine Indie Rock ging in die Beine. Dazu ist Manuel Bittorf, so steht’s im Pass des 28-jährigen Musik-Newcomers, der sich nach einem Statisten aus der dänischen Komödienreihe “Die Olsenbande” benannte und bereits im vergangenen Jahr hier auf ANEWFRIEND Vorstellung fand, mit einer bis ins markanten Mark bewegenden Stimmfarbe gesegnet, die irgendwo in einem apathischen Parallel-Universum zu stecken scheint. In der echten Welt? Gibt’s eh nur noch Killerviren, Klimakatastrophen, populistische Anti-Intelligenzbestien oder bange machende Kriegsschauplätze in den Nachrichten. Was bleibt: Unverständnis, Apathie, Blicke ins Leere. „An mir geht alles vorbei / Ich bin die pure Langeweile“, schilderte Betterov damals im brillanten Titelsong jener 2020er Debüt-EP sein Empfinden gleichsam passend wie eindrucksvoll.

Foto: Promo

Und nun? Muss es verdammt noch mal irgendwie weitergehen mit dem superbeschleungiten Leben, am besten so wie vor jenem so eigenartigen, so superentschleunigten Jahr 2020. Wäre da nicht diese posttraumatische Lähmung, an der wir alle irgendwo zu knabbern haben. Long Covid fürs Volk, während um einen herum alles nur teurer, verrückter und unbeständiger wird. Und auch der Künstler, mitsamt einer durchaus hörbaren Springsteen-Frühprägung in der thüringischen Pampa großgeworden und ehemals talentierter Jung-Leichtathlet (sowie Ex-Schauspielstudent), liegt bloß noch herum, ertappt sich inmitten einer Endlos-YouTube-Video-Schleife der größten Sporthistorien-Momente. Jene Metapher wählt Betterov nicht nur für den Titelsong seines Debütalbums: „Olympia“, die höchste Spitze des Sports, wo alle vier Jahre wenige Zentimeter und Sekunden über Weltruhm oder bittere Niederlagen entscheiden, und als Kontrast der persönliche Stillstand, in welchem die Minuten, Stunden und Tage nutzlos dahin rinnen. Betterovs Musik ist, typisch für die Generation, eine fahrig anmutende Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben inmitten kaum greifbarer, von existenziellen Krisen und gesellschaftlicher Aufruhr diktierten Umständen. Gentrifizierung, Leistungsdruck, Zukunftsangst – kaum verwunderlich also, dass einen die eigenen Depressionen ab und an dazu zwingen, in Schocklähmung vor den Endlossschleifen irgendwelcher gottverdammten Internetclips zu verharren.

Dementsprechend bietet „Olympia“ (zu dem man hier ein paar Track-by-track-Erläuterungen von Betterov und hier ein Interview findet) – zieht man Intro und Outro ab – elf formidable Songs vom inneren Kampf, von Analyse und Selbstverortung – und von schlaflosen Nächten, wie etwa das hymnische „Schlaf gut“ berichtet, ein Stück, das Betterovs bemerkenswertes Talent zu nachhaltig-ohrwurmigen Harmonien einmal mehr unterstreicht. Und tagsüber? „Berlin ist keine Stadt“ heißt es in diesem kleinen Hit, allerdings hat der Wahl-Berliner hier lobenswerterweise nicht den üblichen „Berlin ist nicht cool“-Diss à la Kaftklub im Hinterkopf. Vielmehr geht es um Erinnerungen an den unterschiedlichsten Ecken und Straßenzügen der Vier-Millionen-Einwohner-Metropole. Doch so sehr man sich auch bemüht, im Hier und Jetzt zu sein: Nach einer gewissen Zeit wird diese Stadt zu einem reinen Gedankenmuseum, welches ohne die passende Person an der Seite eben nur die Hälfte wert ist. Fehlende Wertschätzung für Kunst und Kultur wiederum verhandelt der Sänger im feinen Synth-Rocker „Dussmann“ in Form einer symbolischen Exkursion durch das Berliner Kulturkaufhaus. Bei einem waschechten Hit wie diesem, der in einer besseren Musikwelt jegliche Charts anstelle all der Ballermann’schen „Layla“-Grütze anführen würde, verwundert es kaum, dass Podcast-Musiker Olli Schulz Betterov bereits vor Monaten über jeglichen grünen Klee lobte.

Foto: Promo / Massimiliano Corteselli

Doch zurück nach Berlin. Denn auch dort merkt man als junger Künstler, dass die Großstadtmieten besonders hoch sind, und am Ende des Portemonnaie- und Kontoinhalts noch recht viel Monat übrig bleibt. Und dennoch geht es nach der Party schon mal in einem Benz nach Hause – selbst wenn man diesen nicht selbst lenkt und dem Taxifahrer am Ende ein paar saure Euronen in die Hand drücken muss, wie uns „Bring mich nach Hause“ lehrt und die Impressionen der vorbei rasenden Großstadtlichter in einen dezent psychedelischen, umso mehr betrunken-sentimentalen, Musik gewordenen Late-Night-Roadmovie fasst. Freilich ist das Leben in dem kleinen Dörfchen bei Eisenach, in welchem Manuel Bittorf aufwuchs, deutlich günstiger – aber eben auch grauer und öder. Dennoch wirft der Nachwuchskünstler, der zweifellos über eine der spannendsten neuen Stimmen innerhalb der deutschsprachigen Musiklandschaft verfügt, der das Raue und gelegentlich angenehm Brüchige bestenfalls zu größter emotionaler Intensität verhilft, in „Böller aus Polen“ einen kurzen nostalgischen Blick zurück: „Von allen Orten, die es gibt auf der Welt / Bin ich ausgerechnet hier gebor’n / Und du, du hast das alles gesehen / Und du wolltest trotzdem bleiben“. Apropos „emotional intensiv“: Par excellence gelingt in diesem Sinne der zunächst gemächlich beginnende Trennungssong „Urlaub im Abgrund“, welcher sich über fünf Minuten beständig steigert, bis sich das Ich in höchster Ekstase von seiner gescheiterten Liebesbeziehung freimacht. Wen wundert’s, dass Betterov da auch mit seinem „merkwürdigen Leben“ und „den Leuten“, die ihn umgeben, fremdelt… Dennoch findet der Musiker im (quasi) abschließenden, treibenden Highlight „Bis zum Ende“ auf seinem Weg hoch von der Lockdown-Couch versöhnliche Worte: „Was auch noch kommt bei mir / Gehst du mit zum Ende? / Mit mir bis zum Ende / Ich warte hier auf dich / Wir verwandeln uns zusammen / Werden schlauer als die anderen / Verstehen zusammen / Nur noch die Hälfte / Ich warte hier auf dich“. Betterov will weder mit erhobener Faust rebellieren noch durch irgendetwas – und hier unterscheidet er sich tatsächlich von aktuell ebenfalls gelobten „Brüdern im Geiste“ wie Drangsal oder Tristan Brusch – rebellieren, seine Geschichten über das Scheitern und auf der Stelle treten, über das von Vergangenem träumen und von alten Gewohnheiten frei strampeln sind echt, frei von AnnenMayKantereit’scher Konsenspop-Scham und Selbstdarstellung, dafür jedoch umso sympathischer und nahbarer. Diesem „Hype“ darf man also nur allzu gern vertrauen.

Was dem von Tim Tautorat, der sonst durch seine Arbeit mit Faber, Provinz oder AnnenMayKantereit Lorbeeren vom Indie-Deutschpop-Baum pflückt, produzierten Debütalbum – vor allem im Vergleich zu den vorher veröffentlichten Singles und EPs (mit „Live in Concert (Die Dussmann Session)“ konnte man sich im vergangenen Dezember bereits einen ersten Höreindruck von Betterovs Live-Qualitäten verschaffen) – ein wenig abgeht, ist das Staubige, das Unmittelbare – und letzten Endes auch hier und da die fulminant aufspielende Langlebigkeit von Songs wie etwa dem großartigen „Platz am Fenster„, welches unerklärlicherweise fürs Album außen vor blieb. Zudem merkt man, dass Betterov, Band und Tim Tautorat sicherlich den ein oder anderen Hördurchgang der jüngsten Alben von Sam Fender oder The War On Drugs genossen haben, schließlich fährt das zu gleichen Teilen warme und nostalgische Soundoutfit der Songs hier in ganz ähnlichen Gewässern. All das darf man jedoch gern unter „Krittelei auf hohem Niveau“ abheften, denn man tapeziert die eigenen Gehörgänge immer wieder gern mit all diesen feinfühligen Beobachtungen über den enervierenden Kummer, die vermaledeite Depression und dieses komische Erwachsenwerden, über Stadt und Land sowie dieses große Ganze, welches man, halb achselzuckend, halb hilflos, gern „Welt“ nennt. Selbiger begegnet man dieser Tage nämlich am besten mit einer Extraschippe Lakonie: „Gott hat für das alles nur sieben Tage gebraucht“, erinnert sich Betterov an jene zweifelhafte religiöse Theorie und konkludiert nüchtern: „Und genau so sieht’s hier auch aus.“

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Dylan John Thomas


Foto: Promo / Jay Davison

Da hat der eine schottische Troubadour-Klampfen-Senkrechtstarter – Gerry Cinnamon ist gemeint, dessen tolles zweites Album „The Bonny“ es in ANEWFRIENDs liebste Alben des Musikjahres schaffte – noch nicht einmal zum verdienten formvollendeten Triumphzug auf der anderen Seite des Ärmelkanals ansetzen dürfen, und schon kommt der nächste talentierte Newcomer aus der Homebase der Highlander, von Nessie und Schottenkaros ums Eck, um quasi in die Fusstapfen von Cinnamon, Lewis Capaldi oder diesem Shantys singenden „Wellerman„-Postboten zu treten…

Und während er hierzulande noch beinahe völlig unbekannt ist, sorgt Dylan John Thomas im heimischen Schottland spätestens seit dem vergangenen Jahr für durchaus beachtliche Erfolge. Seit seinen ersten, 2019 veröffentlichten Songs hat sich der 24-jährige aufstrebende Singer/Songwriter aus Glasgow, der – wohl mit einem Übermaß an Weitsicht auf dem Boden des Pints – nach einem gewissen Bob Dylan benannt wurde, durch Aufritte als Straßenmusiker oder bei Open-Mic-Abenden eine ebenso treue wie organisch gewachsene Fangemeinde erspielt, die unter anderem dafür sorgte, dass er das über Indie-Kreise hinaus renommierte King Tut’s in Glasgow schneller ausverkaufte als jeder andere schottische Debütant in der Geschichte des Clubs (zudem war auch die Show im kaum weniger angesagten Barrowlands im April diesen Jahres bereits Monate im Voraus ausverkauft). Wer frühe Stücke wie „Nobody Else“ oder „Problems“ hört, den dürfte kaum verwundern, dass auch Gerry Cinnamon selbst, der sowohl stimmlich als auch musikalisch glatt als sein älterer Bruder durchgehen könnte, auf Thomas aufmerksam wurde und sich ihm als Mentor anbot. Mittlerweile zählen neben Sam Fender auch Liam und Noel Gallagher zu seinen prominenten Fans. Ersterer lud Thomas höchstpersönlich dazu ein, eine seiner Shows im Vorprogramm zu eröffnen, mit dem anderen Ex-Oasis-Bruder wird er in Kürze auf der Bühne stehen – schon eine Leistung für sich, beide Gallaghers, die sich ja sonst lediglich beim Hochjubeln ihrer Frau Mama und Manchester City einig sind, von sich zu überzeugen. Und umso beachtlicher, wenn man weiß, dass Dylan John Thomas in einer Pflegefamilie aufwuchs und einst im Alter von 13 Jahren seine ersten Fingerübungen auf einer billigen Flohmarkt-Gitarre machte…

Zu alldem dürften vor allem die Songs seiner im vergangenen Herbst veröffentlichten selbstbetitelten Debüt-EP beigetragen haben, die schnell bei BBC Introducing, Radio X oder 6 Music einiges an Radio-Airplay ergatterten und noch schneller mehr als drei Millionen Streams erreichten. Und weil man Hype-Eisen schmieden sollte, solange sie noch heiß sind, legte der Schotten-Newcomer bereits im April mit der Single „Fever“ nach, welche Teil und der erste Vorbote seiner kommenden EP sein soll. Die gemeinsam mit Rich Turvey (Blossoms, The Coral) geschriebene und produzierte fluffig-flotte Drei-Minuten-Nummer versprüht in bester Gerry-Cinnamon-Manier sofort einen überschwänglichen Funken, der zeigt, warum Thomas vielerwebs aktuell als „heißester Scheiß der schottischen Musikszene“ gefeiert wird. Mit feinem Gespür für Hooklines und songwriterische Kniffe, (s)einem breiten Glaswegian Akzent sowie seiner authentischen und nahezu unverwechselbaren Stimme (die man eben lediglich mit Cinnamon verwechseln könnte) liefert er beinahe vor unbeschwerter Positivität übersprudelnde Textzeilen, die einerseits zu den aktuellen Sommermonaten mit ihren heißen Temperaturen, langen Abenden und – hoffentlich – maximal vielen Konzerterlebnissen passen, zum anderen im besten Sinne von dem restlichen – pardon my French – verrückten Scheiß, der aktuell in der Welt da draußen vor sich geht, ablenken: „If time is a healer, find me the dealer…“ Dieses freudige Gefühl wird durch die rohe Live-Instrumentierung um ihn herum unterstützt, die vor allem aus luftiger Akustikgitarre und beschwingter perkussiver Energie besteht.

Kein Wunder also, dass auch Dylan John Thomas mit einiger Vorfreude zurück auf die Aufnahmen und hinaus auf die sommerlichen Festival-Bühnen blickt: „Ich habe es wirklich genossen, wieder im Studio zu sein. Ich brenne darauf, neue Songs für den Sommer herauszubringen und sie auf Festivals zu spielen. Auf der letzten Tour habe ich ‚Fever‘ bereits ein paar Mal gespielt und es kam gut an. Ich kann es also kaum erwarten, den Song bei den kommenden Shows zu spielen…“

Hier gibt’s „Fever“…

…die vier Songs der selbstbetitelten 2021 Debüt-EP…

…sowie Dylan John Thomas‘ gut 20-minütigen Auftritt beim TRNSMT-Festival 2021 für Augen und Ohren:

Rock and Roll.

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Song des Tages: Blaufuchs – „Mauern“


So tönt es wohl, das durchaus gelungene Beispiel dafür, wie eine Band ihren Unmut der letzten Jahre, die ja vor allem durch eine beschissene Pandemie und eine damit verbundene – gefühlt elendig lange – auftrittsfreie Zeit geprägt waren, in kämpferische und mitreißende Klänge verwandeln kann: „Daran wird es nicht scheitern“, erschienen auf Aggressive Punk Produktionen (ein Fakt, den man nicht wirklich zur klanglichen Einordnung nutzen sollte), das Debütalbum der Hildesheimer Punkband Blaufuchs, die hier zwar ein ums andere Mal gekonnt über Genregrenzen springt, jedoch politisch ganz genau weiß, wo sie steht.

“Die Pandemie hat uns natürlich zurückgeworfen, aber wir sind wahnsinnig froh endlich wieder auf Tour zu gehen und das Album mit der Welt teilen zu können. Das ist es, wofür wir diese Band gegründet, haben: ein Ausbruch aus dem Alltag.“ (Johannes König)

Zudem scheuen sich Frontmann Johannes König und seine Bandmates nicht davor, persönlichere Töne anzuschlagen. Fast schon beruhigend wirken die ehrlichen Worte: Es ist ok, noch auf dem Weg nach irgendwohin zu sein, sich noch nicht angekommen zu fühlen und natürlich auch, ab und an mal zu scheitern. In seinen besten Momenten reißt das Album mit und ermutigt dazu, nicht zu kapitulieren, sondern zu kämpfen – und zwar zusammen! So wirken etwa bei „Keine Angst“ Joshi von ZSK und Rodi von 100 Kilo Herz mit und erinnern daran, dass wir nicht allein sind mit unserer Wut auf den ganzen rechtspopulistischen und reaktionären Bullshit (pardon my French), der zwar mit jedem Tag verrückter scheinen mag, jedoch einfach nicht in irgendeinem gottverdammten bodenlosen Loch verschwindet. Diese klare Kante, welche sich durch alle zehn Stücke zieht, unterstreichen bereits die ersten Sekunden des Intros, das mit einem Drehen am Radio-Empfänger daherkommt und verschiedene Satzfetzen zwischen Nachrichtenmeldungen über rechte Anschläge und Greta Thunbergs populäres „How dare you?“ zum Besten gibt. Da scheint fast schon absehbar, dass sich das krachende „Schöner Tag“ selbst Lügen strafen wird, bevor „Unterwegs“ hymnisch übernimmt und „Scheitern“, bei dem mit Cosmo Thunder anderer langjähriger Freund und Wegbegleiter mit von der Partie ist, zunächst ruhigere Töne anschlägt. Direkt darauf macht „Verpasst“ wieder ordentlich Tempo und räumt mit dem Irrglauben auf, dass „Ich liebe dich“ die drei wichtigsten Worte im Leben seien, sondern vielmehr „Wir müssen reden“. Da ist was dran? Da ist was dran. Akustische Gitarren erwarten alle geneigten Hörer*innen dann beim ruhigen „Dilemma“, wohingegen das selbstreflektierende „Fischer“ erneut in die Vollen geht. Derweil leihen die Hannoveraner Ska-Punks von Wisecräcker dem druckvollen „Angekommen“ eine Trompete, ehe das finale „Mauern“ mit viel kämpferischem Schmackes (und einer Geige!) gegen Fremdenhass und Krieg anspielt – aktueller geht’s leider kaum.

Freilich darf man sich alles in allem durchaus daran reiben, dass die Blaufuchs’schen Songs oftmals im einfach gestrickten, eingängigen Emopunk-Gewand daher tönen, andererseits ist ebenjenes aber so effektiv, dass man sich ihm kaum entziehen kann, während der Gesang rüberkommt wie ein Kreuz aus Farin Urlaub und Thees Uhlmann und die Band dahinter munter ballert und drückt wie Matula oder Captain Planet. Auf ihrem Label Aggressive Punk Produktionen nehmen Blaufuchs als klangliche Schnittstelle zwischen Punk Rock und Indie Pop zwar eine musikalische Sonderstellung ein, passen aber durch ihr antifaschistisches Engagement dennoch bestens zwischen Kapellen wie Alarmsignal, Fahnenflucht oder Missstand. Neben politischen und gesellschaftlichen Themen machen persönliche Geschichten und Songs, die sich gern mal den kleineren Aspekten des Lebens zuwenden, das Album aus. „Daran wird es nicht scheitern“ ist – wie der Titel ja schon andeutet – ein ebenso lautstarkes wie von optimistischen Hoffnungsschimmern durchzogenes, durchaus abwechslungsreiches Album, das jedoch nichts schönredet – und aus vielerlei Gründen nun auf den Konzertbühnen des Landes gehört werden sollte.

Rock and Roll.

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