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Auf dem Radar: Isaac Gracie


Foto: Promo / Mike Massaro

Sekunden der Stille verstreichen. Normalerweise nutzen Künstler instrumentale Pausen innerhalb oder zwischen den Songs, um eine gewisse Atmosphäre zu kreieren… Aber eine solche Kunstpause am Anfang eines Albums? Ungewöhnlich, fürwahr. Dann jedoch setzen endlich die ersten Klänge des Debüts von Isaac Gracie ein. Der heute 26-jährige Londoner zeigt auf dem gleichnamigen, 2018 erschienenen Album eine Mischung aus melancholisch-eleganten Chansons, gepaart mit einer ganzen Menge Wehmut. Das Frontcover ziert das aschfahle, jugendliche Gesicht seiner Person, die das Nachdenkliche ebenso im Blick trägt wie einen versteckten Ansatz von verschmitztem Lächeln. Ein Widerspruch? Mitnichten.

Das beweist bereits der Opener „Terrified„, in dem der ehemalige Chorknabe und Student für Englisch und kreatives Schreiben seine innersten Ängste besingt. Und bereits hier wird’s wohl schon zum ersten Mal autobiografisch, denn als Isaac Joseph Gracie-Burrow vor einigen Jahren mit „Last Words“ eine Demo-Version (s)einen ersten Songs via Soundcloud ins weltweite Netz entlässt, kam dieser auch dem einflussreichen BBC-Radio-Moderator Zane Lowe zu Ohren, der das Stück alsbald in seiner Show rauf und runter spielte. Die eigentlich recht positiven Folgen: Gracies Fanschar wuchs in den ersten Monaten exponentiell, die Musikindustrie wedelte mit lukrativen Verträgen. Ja, eigentlich, denn der gehypte Newcomer selbst versank in Selbstzweifeln, wusste nicht, was er davon halten, wie er nun reagieren sollte und fühlte sich so gar nicht auf das Leben als potenzieller Star vorbereitet. Aus diesen widerstreitenden Gefühlen also erwuchs sein zweiter Song „Terrified“ – und der wurde sofort zum zweiten Hit. Warum, dachte sich der junge Musiker, sollte man daraus nicht eine Methode machen?

Diesem Modus Operandi kommt natürlich zugute, dass Isaac Gracie mit einer Stimme gesegnet ist, die an die ganz Großen, an Künstler wie Jeff Buckley oder Nick Drake, erinnert. Eine Stimme, der eine Schwere anhaftet, als hätte man vor langer, langer Zeit eine Gefängniskugel von Problemen an seinem vor Schwermut müden Bein befestigt. Grau trifft Anthrazit, ganz frei nach dem Motto: Ich habe schon mit allem abgeschlossen, bevor es überhaupt richtig losgeht. Es trägt also schon etwas Juvenil-unbedarftes, etwas Ironisches in sich, dass „Last Words“ genau von dieser Art von Resignation erzählt. Trotzdem steckt hier viel mehr drin als lediglich ein weiterer Gitarre klampfender, introvertierter Lagerfeuertroubadour. So werden im Refrain von „The Death Of You & I“ zum ersten Mal die E-Gitarren aufgedreht und Gracie entlädt zu herzwunden Zeilen wie “Nothing ever felt so real since the death of you and I” all jene Emotionen, die bis dato weitestgehend unterdrückt blieben. Nevermind Nirvana? Nope. Die Wagenladung an negativen Gefühlen, welche das Album in sich trägt, verpackt Gracie – anders als weiland Kurt Cobain – in luftig-leichte Gitarrenriffs, mal akustisch, mal elektrisch und mit einer Singalong-Attitüde, wie man sie sonst vor allem von Britpop-Revival-Parties kennt. Da verpasst man doch beinahe Songs wie „Running On Empty“ oder das Streicher-Meer in „Telescope„, bei denen der Bohemian-Einfluss eines Peter Doherty, der Babyshambles und Libertines, deutlich mitschwingt – nur vielleicht mit etwas weniger hedonistischem Spektakel und Lust auf den nächstletzten Exzess.

Trotzdem kehrt Gracie immer wieder zum Melancholischen zurück. Vielleicht mag’s ja an seiner familiären Prägung liegen: Seine Mutter ist die Dichterin und Psychoanalytikerin Judith Gracie, im Elternhaus kam er recht früh mit vielfältigen musikalischen Einflüssen, die von Radiohead über Leonard Cohen, Kurt Cobain, Bob Dylan bis hin zu Tim und Jeff Buckley reichten, in Berührung. Mit 14 Jahren schrieb er erste eigene Songs, 2016 erschien die recht programmatisch „Songs From My Bedroom“ betitelte Debüt-EP. Doch zurück zur Schwermut, denn „That Was Then“ zerbricht beinahe an der stimmlichen Traurigkeit sowie einem starken Refrain, in dem Gracie die Zittrigkeit der Strophen ablegt und nach vorne schaut. Es ist immer wieder schön zu hören, wie Künstler ihren Gesang gekonnt einsetzen und in ihren Songs Kontraste erzeugen, um das emotionale Kaleidoskop noch direkter mit dem Hörer, der Hörerin zu teilen. Der melodramatische Hymnus „Silhouettes Of You“, welcher stark an den Radiohead’schen Gassenheuler „Creep“ erinnert, steht dem mit seinem stetig anschwellenden Crescendo in nichts nach.

Klar: Isaac Gracies musikalisches Gewand ist ein recht Spezielles. Manch eine(r) mag seine Songs aufgrund des kohärenten Klangbilds und der thematischen Wiederholungen – aller Wandelbarkeit zum Trotz – (vor)schnell als monotone Langweiliger-Platte eines Möchtegern-Bob-Dylans abstempeln (was bei Zeilen wie „Well, I sleep all day and drink all night“ zugegebenermaßen im ersten Moment ein Leichtes wäre). Für andere wiederum trifft der britische Nachwuchs-Singer/Songwriter mit seinem Debütalbum wortwörtlich ins vinylne Schwarze und verbindet Indie-Folk-Rock mit anthrazit-grauer Alltagslyrik. Alles in allem: ein solides, recht zeitloses Erstlingswerk.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Hey, King!


Hier lohnt es sich schon mal, ein klein wenig weiter auszuholen, denn manchmal haben kleine Dinge große Auswirkungen… 

Die kanadische Songwriterin Natalie London war auf dem besten Weg, einen attraktiven Plattenvertrag an Land zu ziehen, als ihr Leben durch einen Zeckenbiss aus der Bahn geworfen wurde und sie sich eine schwere Borreliose-Infektion zuzog. Vier Jahre verbrachte sie mehr oder minder bettlägerig damit, sich gegen diese Krankheit zu wehren und zu stemmen, den damit verbundenen Gedächtnisverlust zu kompensieren und sprichwörtlich alles – das Lesen, Sprechen, Gehen und Schreiben – neu zu erlernen.

Dass das Schlechte auch immer sein Gutes im Gepäck mit sich trägt, bewies ihr Schicksal, denn zum Glück lernte London während dieser Zeit die gebürtige Texanerin Taylor Plecity kennen und lieben. Das Paar beschloss im Anschluss an Natalies Erkrankung das Band-Projekt Hey, King! ins Leben zu rufen, um diese Phase ihres Lebens in gemeinsamen Songs zu zelebrieren. Einen kompetenten Unterstützer fand das sowohl beruflich wie private Zweiergespann aus Burbank, Kalifornien dabei in Blues-Rocker Ben Harper, der das Talent der Damen früh erkannte und sie erst unter seine Fittiche und anschließend als Support mit auf Tournee nahm, noch bevor er sich entschloss, auch ihr Debütalbum zu produzieren – allerdings mehr als prominenter Mentor und ohne diesem über alle Maßen hörbar (s)einen Stil aufzudrücken.

Es ist letztlich wenig verwunderlich, dass das Album – trotz einiger melancholischer Momente – auf der musikalischen Seite vor positiven Vibes geradezu und weitestgehend zu bersten droht, während Natalie inhaltlich nicht nur ihre überstandene Krankheitsphase, sondern auch ihre Beziehung mit Taylor facetten- wie nuancenreich thematisiert und kommentiert. Freilich sollte man gar nicht erst erwarten, dass dabei musikalisch irgendeine Ben-Harper-Light-Emulation herauskommt. Hey, King! bieten auf ihrem selbstbetitelten Debütlangspieler organischen, recht klassischen Gitarrenpop, der sich jedoch – auch dank Harper, diesem songwriterischen, stilistischen und produktionstechnischen Hansdampf in allen Gassen – seiner zweifelsohne vorhandenen Mainstream-Attitüde nicht zu schämen braucht, da das Songmaterial eine durchweg authentische und somit glaubwürdige Basis für das Tun des Newcomer-Duos bietet, das seinen Bandnamen passenderweise dem Spike-Jonze-Film und gleichnamigen Kinderbuch-Klassiker „Where The Wild Things Are“ entliehen hat – ohne dabei auf die Tränendrüse zu drücken, aber auch ohne sich in popmusikalische Banalitäten zu flüchten.

Ein recht gelungenes Beispiel für diesen Spagat ist etwa die Eröffnungsnummer „Beautiful“. „Wenn es jemals ein Jahr gab, in dem die Leute ausbrechen wollten, dann war es das vergangene“, meint London. „Sowohl mit dem Musikvideo als auch mit dem Song selbst haben wir versucht, dieses Gefühl zu vermitteln, all die Monotonie, die Enttäuschungen, die Sorgen und die Wut, die wir alle haben, abzustreifen und den Scheiß einfach loszulassen.“ Und Plecity fügt hinzu: „Besonders während COVID wusste und weiß keiner von uns, wie unser Leben auch nur in sechs Monaten aussehen wird, also ist alles, was zählt, wann immer es geht Abenteuer zu finden, und die Menschen – oder Tiere – zu lieben, die man zum Glück gerade hat.“ Anderswo, im ebenso kraftvollen wie intimen „Half Alive“, wird die Beziehung der beiden ebenso thematisiert wie Natalie Londons lange Reise dahin, der Liebe in ihrem Leben wieder einen Platz zu geben. Trotzdem sollte man Zeilen wie “I was only half alive before I loved you” nicht zu absolut verstehen, wie sie erklärt: „Das heißt nicht, dass man außerhalb einer Beziehung kein vollkommener Mensch ist, aber erst als ich mich wirklich lieben ließ, wurde mir klar, wie viel von mir sich mittlerweile in der Gefühllosigkeit bequem gemacht hatte.“ Ein wenig schwingt hier der ungeschliffene Geist der frühen Tegan & Sara mit, gepaart mit einer Messerspitze Roadmovie-Gefühl: ungezogen, ungezähmt und mit wilder Lebenslust. Gut, dass Ben Harper die DIY-Attitüde des Duos nicht allzu glatt gebügelt hat – so kann „Sorry“ sein Arcade-Fire-Herz sperrangelweit öffnen, die Trompete bei „Walk“ etwas windschiefe Tex-Mex-Schönheit entfalten, „Road Rage“ mit geballter Faust weibliches Empowerment feiern oder „Get Up“ seinen quirligen Indie-Pop-Charme versprühen. „Thelma & Louise“ in musikalischer Umsetzung, quasi.

Es gibt Platten, die entstehen, um damit die Öffentlichkeit zu suchen. Andere wiederum müssen aus einem inneren Drang heraus einfach gemacht werden. Es gibt Platten, mittels derer die betreffenden Musiker*innen ihre Erlebnisse verarbeiten und therapieren. Und es gibt welche, die einfach aus einem Gefühl der Lebensfreude heraus entstehen. Unterm Strich ist das Debütalbum von Hey, King! wohl eine Art Hybrid aus all dem.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Ethan Gruska


Foto: Josh Rothstein

Im Fall von Ethan Gruska ist die Behauptung, dass ihm das Gespür fürs Musikalische in die Wiege gelegt wurde, weitaus mehr als eine platte Phrase. Der in Los Angeles lebende 32-Jährige wuchs im sagenumwobenen San Fernando Valley auf und begleitete seinen Vater, den Emmy-nominierten Komponisten Jay Gruska, schon als kleiner Steppke bei der Arbeit mit mal diesen, mal jenen Session-Musikern in dessen Hinterhofstudio, in welchem dieser an der Hintergrunduntermalung für bekannte Fernsehserien wie “Supernatural” “Charmed” oder “Lois & Clark: The New Adventures of Superman” werkelte. Auch seine Begeisterung für die Soundtracks großer Filmklassiker von „Star Wars“ über „Der weiße Hai“ bis „Indiana Jones“ ist keinesfalls verwunderlich, immerhin stammen die Partituren von seinem Großvater, dem legendären John Williams. „Als Kind habe ich nicht verstanden, wie schwer das alles ist“, meint Ethan Gruska heute. „Aber die Studioumgebung fühlte sich für mich nie fremd oder beängstigend an.“

Diese früh erlernte Mentalität half Gruska wohl auch, als er 2019 einen recht unerwarteten Anruf von Fiona Apple erhielt, der dazu führte, dass sie zusammen ins Studio gingen. Und die unlängst mehrfach Grammy-prämierte Indie-Musikerin ist bei weitem nicht der einzige fashionable Name auf Gruskas Produzenten-Vita. So schrieb der Tausendsassa auch Songs für John Legend, arbeitete mit dem Ghanaisch-US-amerikanischen R’n’B-Soul-Jazzer Moses Sumney zusammen, co-produzierte etwa „Punisher“ von Singer/Songwriter-Senkrechtstarterin Phoebe Bridgers – ohne Zweifel eines der Indie-Konsens-Alben des vergangenen Jahres – und half mal hier, mal da bei der Arbeit an „The Million Masks Of God„, dem in Kürze erscheinenden neuen Album der Atlanta-Alternative-Rocker Manchester Orchestra aus. Und all das, während er selbst sein im Januar 2020 erschienenes zweites Solo-Werk „En Garde“ aufnahm. Und nun? „Ich hoffe, dass all das zu mehr Kollaborationen als Produzent und Autor führt“, sagt er. „Es ist ein langer Prozess, in dem ich alles zusammenführe, was ich gelernt habe – und es mit meiner eigenen Stimme verbinde.“

Dabei war die Zusammenarbeit mit Phoebe Bridgers die wohl wichtigste für den aufstrebenden Studio-Sidekick. Gruska traf die ebenfalls in Los Angeles beheimatete Indie-Musikerin zum ersten Mal durch Tony Berg, einen erfahrenen Studio-/A&R-Veteranen, der Gruskas erstes Soloalbum, das 2017 erschienene „Slowmotionary“, produzierte. „Phoebe, Tony und ich – wir nennen uns ‚The Trilemma‘: ein Dilemma mit drei möglichen Ausgängen“, meint Gruska lachend. „Wir helfen uns oft gegenseitig aus.“ Berg und er hatten bereits „Stranger In The Alps„, Bridgers‘ gefeiertes Albumdebüt von 2017, mitproduziert und waren umso mehr in den Kreativprozess des großartigen „Punisher“ (ANEWFRIENDs „Album des Jahres 2020„) eingebunden. „Sie [Phoebe Bridgers] brachte eine Reihe von Songs mit ins Studio, die wirklich klasse waren – sowohl textlich als auch kompositorisch“, meint Gruska. „Und ich hatte vor den Albumarbeiten ein paar neue Studio-Spielzeuge bekommen – Granular-Synthesizer-Sampler – also gab es so einige Soundspielereien auf der Platte.“

Auch Ethan Gruskas Kontakt zu Fiona Apple verdankt dieser wohl seinen familiären Banden: Seine ältere Schwester Barbara, mit der er übrigens als The Belle Brigade zwischen 2011 und 2014 zwei irgendwie sonnig-kalifornische, irgendwie auch somnambule Folk-Rock-Alben irgendwo im musikalischen Dickicht zwischen den Beach Boys und Fleetwood Mac in die Plattenregale stellte und die unter anderem für einige Zeit in Apples Live-Band hinterm Schlagzeug saß, machte ihn schon als Teenager mit den „klassischen“ Alben der lange von der breiten Masse verschmähten, jedoch stets vom distinguierten Feuilleton geliebten Indie-Musikerin bekannt. Wen wundert’s – Gruska verliebte sich sofort in die seelenvolle Tiefe von Werken wie „Tidal“ oder „When The Pawn…“. Als Tony Berg ihn also Mitte 2019 bat, bei einem von ihm produzierten Apple-Song – einer Coverversion des The Waterboys-Evergreens „The Whole Of The Moon“ für die Showtime-Serie „The Affair“ – Klavier zu spielen, war er logischerweise hellauf begeistert. „Ich hatte noch nie jemanden erlebt, der mit so viel Energie in einem Take singt und es dann auch noch perfekt hinbekommt“, erinnert sich Gruska. Wenige Wochen später war er Co-Produzent von Apples Cover von Simon & Garfunkels „7 O’Clock News/Silent Night„, das diese gemeinsam mit Bridgers und Matt Berninger von The National aufnahm und zugunsten der Charity-Organisation Planned Parenthood veröffentlichte.

Und auch seine Zusammenarbeit mit Manchester Orchestra verlief über ähnliche Umwege. So wurde Ethan Gruska 2019 hinzugezogen, um dem recht programmatisch im LedZep-Stil „III“ betitelten dritten Album von Bad Books, Andy Hulls Kollabo-Projekt mit Indie-Singer/Songwriter Kevin Devine, den letzten Schliff zu geben. Und Hull, rein zufällig eben auch Frontmann und Mastermind hinter Manchester Orchestra, war so beeindruckt, dass er Gruska für die Co-Produktion des kommenden sechsten Studioalbums seiner Hauptband engagierte, deren letztes Album, „A Black Mile To The Surface“ von 2017, für die vierköpfige Alternative-Rock-Band sowohl klanglich als auch was die Chart-Platzierungen betraf, einen kleinen Quantensprung darstellte. Und wenn man Gruska (sowie den ersten Hörproben „Bed Head“ und „Keel Timing„) Glauben schenken darf, dann werden Fans der Band auch an „The Million Masks Of God“ Gefallen finden. „Es gibt wirklich interessante, charaktergetriebene Erzählungen, aber man merkt immer, dass es um etwas geht, das für ihn [Andy Hull] real ist“, so Gruska über das neue Album von Manchester Orchestra.

Klare Sache: Von Ethan Gruska, dem das Gespür fürs Musikalische ohne jeden Zweifel in die Wiege gelegt wurde, wird in Zukunft noch einiges zu hören sein. Dennoch seien allen abseits der Sachen, die er auch in der kommenden Zeit für andere im Studio an den Reglern und Instrumenten in kreative Bahnen lenken wird, noch einmal Gruskas eigene Solo-Alben „Slowmotionary“ und „En Garde„, auf denen von hintersinnigen kleinen Indie-Pop-Experimenten über entspannt-kalifornischen Indie Rock bis hin zu verträumtem Indie Folk so vieles passiert, wärmstens empfohlen. Allein schon – aber natürlich nicht nur – wegen des tollen Duetts mit Phoebe Bridgers beim Song „Enough For Now“.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Slow Pulp – „At It Again“


Foto: Promo / Rachel Cabitt

Mal eine These, die durchaus Sinn ergibt: Die im vergangenen Jahr für ihre kreative Umtriebigkeit sowie ihr fulminantes zweites Album „Punisher“ zurecht allerorten gefeierte Phoebe Bridgers hat ihren mittlerweile recht genreprägenden, halb geflüsterten Gesangsstil keineswegs entwickelt, um eine eigene Klangästhetik zu begründen, sondern schlichtweg aus der schnöden Notwendigkeit einer hellhörigen Wohnung mit dünnen Wänden heraus, in der sie ihre ersten eigenen Songs schrieb und aufnahm. Dennoch erschien diese Art des Vortrages wohl stilistisch so attraktiv, dass sich nun bereits eine halbe Generation junger Elevinnen auf ebendiesen Stil beruft. Emily Massey, die 2017 als potentielle Frontfrau zu dem bis dahin als befreundetes All-Male-Trio existierenden Slow Pulp aus Madison, Wisconsin (früher) beziehungsweise Chicago, Illinois (heute) stieß, scheint zu jener Halbgeneration zu gehören – bis hin zu der Tatsache, dass sie nicht nur den Flüster-Stil, sondern auch den ein oder anderen Kniff in der Harmonieführung von jener mit 26 Lenzen selbst ja noch jungen Vorreiterin übernommen zu haben scheint.

So singt Emily Massey denn auch den Löwenanteil der ansprechend konstruierten, organischen Indie-Rock-meets-Dream-Pop-Songs, die sich auf Slow Pulps im vergangenen Oktober erschienenen Debütalbum „Moveys“ befinden. Der Titel der Platte ist ein Neologismus, der sich auf die Entstehungsgeschichte der Songs, Rastlosigkeit und Veränderung der Band bezieht. Doch bei dieser „klassischen“ Rollenverteilung mit einer Dame am Mikro und den Herren am Instrumentarium bleibt es nicht, denn das Newcomer-Quartett sucht sich und ihren Bandsound zum einen noch, zum anderen zwang ein Krankheitsfall in Emilys Familie während der Corona-Lockdown-Phase die junge US-Indie-Band, welche bereits zuvor – nach der Diagnose von Massey mit Lyme-Borreliose und chronischem Drüsenfieber – ein Album mit einigem an Material verworfen hatte, zu einer unfreiwilligen zeitweisen Trennung. Die in Chicago verbliebenen Jungs – Henry Stoehr (Gitarre), Alexander Leeds (Bass) und Theodore Mathews (Schlagzeug) – nutzten diesen nicht eben vorteilhaften Wink des Schicksals, um den Rest der Debüt-LP kurzerhand im Testosteron-Alleingang fertig zu stellen. Wohl auch deshalb werden zwei stilistisch eher in Alternative-Rock-Gefilde gehüpfte Stücke kurzerhand von Bassist Alexander Leeds gesungen, wohl auch deshalb findet man auf dem Nachfolger der 2019 veröffentlichten „Big Day EP“ nicht nur Anklänge an die seligen Neunzigerjahre und Alternative-Größen wie Slowdive und Sonic Youth, sondern auch Ausflüge in Alt.Country und Indie Folk sowie das ein oder andere eigenwillig tönende Instrumental, das scheinbar recht wenig mit dem Rest des Albums zu tun hat. Trotzdem lässt das knapp 30-minütige Endergebnis mit Highlights wie „Falling Apart„, „Idaho„, „Track“ oder „At It Again“ durchaus positiv aufhorchen und sei nicht nur allen Freunden der jüngsten Großtaten von Phoebe Bridgers ans Hörerherz gelegt, sondern auch all jenen, die auf in Indie Rock und Dream Pop beheimatete Kleinode stehen.

Empfehlenswert ist auch die „Live on KEXP at Home“-Session der Band:

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Sperling – Zweifel (2021)

-erscheint bei Uncle M Music/Cargo-

„Ich mag eigentlich keinen Rap, aber euch finde ich cool!“ – Wie oft durften Bands diesen Satz schon hören, wenn sie sich daran gewagt haben, einmal Soundwelten zu verbinden, die aus Sicht der Konsumierenden eigentlich nicht zusammenpassen? Die nahezu nahtlos ineinander übergehende Melange aus Sprechgesang und Rock wurde für den Mainstream vermutlich erstmals mit Aerosmiths Kollabo mit den New Yorker Hip-Hoppern von Run DMC im 1986 veröffentlichten Evergreen „Walk This Way„, später durch Bands wie Linkin Park wirklich salonfähig gemacht, verschwand dann ein wenig in der Versenkung und erlebte knapp zehn Jahre später dank Caspers „XOXO“ auf indierockenden Indie-Beats einen zweiten bundesdeutschen Frühling (ein Wahnsinn übrigens, dass auch dieses Werk in diesem Jahr eine Dekade alt wird). Nun spielt sich die Hunsrücker Formation Sperling ins Rampenlicht und füllt diese Soundsymbiose genau zehn Jahre nach besagtem Deutschrap-meets-Indierock-Meilenstein erneut mit Leben und einer Menge frischer junger Energie. Wer diese Review jetzt schon auslassen möchte, weil man partout nichts mit Benjamin „Casper“ Griffey anfangen kann, kann an dieser Stelle beruhigt aufatmen, denn bis auf die grobe Kategorisierung haben Sperling und der ostwestfälische Emo-Rapper – zumindest im ersten Moment – nicht allzu viel gemeinsam – außer vielleicht die Herkunft aus Orten, die in keinem Touristenführer Erwähnung finden dürften. Und: einer Menge Mut.

Denn mutig, das sind Sperling, von denen bereits im vergangenen Jahr auf ANEWFRIEND die Schreibe war, ohne Zweifel. Schließlich kommt da ein Quintett aus der weltbekannten Region Vorderhunsrück daher, das sich nach dem „Vogel des Jahres 2002“ benannt hat, unter dem Arm gerade mal ein paar EPs sowie ein erstes Album mit dem Namen „Zweifel“ – und zieht direkt im Opener gleich mal eben die gesamte formatradiotaugliche Pippe-di-Poplandschaft des Landes unter heftigen Prügelattacken erbarmungslos durch den Schmutz: „Zum tausendsten Mal produziert und doch wieder verkauft / Immer noch die selben Kriecher / Kriegen viel zu viel Applaus / Also: Peace out, Bitches – wir sind raus!“. Subtil ist das keineswegs, aber locker gut für eine dicke Jungspundlippe: „Bitte nicht weiterentwickeln / Immer das Gleiche mit Gleichem verbinden“. Falsch höchstwahrscheinlich also ebenso wenig. Und musikalisch mit einiger Verve dargeboten. Da haben die findigen Talentscout-Leute von Uncle M mit Casper, Fjørt und Heisskalt gleich die passenden Referenzen für ihre neue Entdeckung parat.

Foto: Promo / Simon von der Gathen

Das meint in Kurzform: Auf „Zweifel“ treffen indie’esque Rap-Parts auf bisweilen opulent austaffierte Post-Hardcore-Songarchitektur, viel, viel Melodie – und ein oft genug prominent musizierendes Cello. Die im Opener „Eintagsfliege“ geprügelten Hunde mögen jetzt aufheulen und mit Nachdruck darauf verweisen, dass Sperling selbst ziemlich weit davon entfernt sein mögen, irgendwelche Innovationspreise einzuheimsen. Diese Flucht nach vorn endet allerdings jäh in einer Sackgasse. Warum? Weil die Newcomer-Band solchen altvorderen Vorwürfen einen so großartigen Song wie „Baumhaus“ entgegensetzen kann. Sänger Johannes „Jojo“ Gauch, der mit seinem rauen Sprechgesangsorgan klanglich durchaus an den bereits erwähnten Casper erinnert, während sich sein Flow Anleihen von Kraftklub-Frontmann Felix Kummer nimmt, navigiert sich da kursorisch durch eine völlig normale Biografie, durch Hoffnungen und Rückschläge und vertont mitsamt der gesamten Band, zu der noch Gitarrist Malte Pink, Bassist Max Berres, Schlagzeuger Josh Heitzer und Cellist Luca Gilles gehören, die Entwicklungen mit traum- und lautmalerischer Sicherheit. Man lässt sich gern anstecken von der fiebrigen Grundstimmung dieses Debüt-Langspielers, man legt sich in die in sich ruhenden Momente und nimmt jeden Ausbruch mit Leib, Herz und Seele an. Da darf es zum Finale auch das ganz große Drama sein, da funktionieren sogar im Grunde recht platte Phrasen wie „Wir bauen etwas Neues aus dem Nichts auf“. Nicht weniger beeindruckend gerät „Bleib“, das zu aufwühlender Melodieführung wenig überraschend das Thema Trennung verhandelt und seinem Gegenüber ein glaubhaft verzweifeltes „Nichts wartet da draußen“ mit auf den Weg in die kalte Welt vor der Haustür gibt.

Obwohl sich die Band ab und an im Generischen zu verlieren droht, ist auch der Einfallsreichtum beeindruckend, den es an allen Ecken und Enden von „Zweifel“ zu bestaunen gibt. Selbst in den eingängsten Momenten wie etwa im erwähnten „Bleib“ bringen Sperling nuancierte Details unter. Immer wieder stolpert man über dynamische, wohlplatzierte Instrumentalparts, die verhindern, dass das ganze Werk an der Halbwertszeit schlapp macht. Immer wieder schluckt man auch ob der oft im melancholischen Moll badenden textlichen Ausgestaltung, wie etwa im Titelstück, welches das Thema Suizid schmerzhaft anschaulich ausgestaltet. Und ganz am Ende, wenn Sperling im „Schlaflied“ die Akustikgitarre auspacken, ist das nicht etwa kalkuliert und kitschig, sondern einfach nur ergreifend (denn immerhin verarbeitet Jojo seine eigenen Erfahrungen in der Altenpflege): Dort scheidet jemand nach langem Leiden aus dem Leben, begleitet mit den Worten „Ich kann vorausgehen, wenn du gehst / Ich bleibe wach, solang‘ du schläfst“ und von Beray Habip angenehm unterproduzierten Akkorden. Kein Blatt Papier passt da noch zwischen Musik und Gefühle. Mutig eben. Dass das Artwork von „Zweifel“ eine gewisse Ähnlichkeit zu Jonas Lüschers Buch „Kraft“ aufweist, das sich inhaltlich ebenso mit Selbstzweifeln und Ich-Findungen beschäftigt, mag vermutlich Zufall sein – dann allerdings ein verdammt passender. Mit ihrem sorgsam austarierten Gesamtkonzept tönen Sperling als vermeintlicher Newcomer (denn immerhin gibt’s das Indie-Quintett bereits seit etwa 2015) wie eine Band, die lange an ihrer Soundkulisse gefeilt und sich zu nahezu allen Aspekten ihrer Musik und deren „Verpackung“ so ihre Gedanken gemacht hat. Dabei mögen (noch) nicht alle Handgriffe perfekt sitzen, was in Anbetracht der hohen Qualität von „Zweifel“ allerdings mehr als verschmerzbar ist. Wenn man diese Songs, diesen leicht kratzigen, an Fabian Römer geschulten Sprechgesang, das Cello und die vermutlich aus dem juvenilen Post Hardcore der Güteklasse La Dispute und Pianos Become The Teeth stammende Wut und emotionale Vielfalt hört, dann weiß man, warum man die Flinte noch nicht ins sprichwörtliche Korn geworfen hat, wenn es um neuen, jungen Herzeleid-Krach aus Deutschland geht. Das akustische Glas, es ist halbvoll – mindestens.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Sarah & The Safe Word


Kurz nach der Jahrtausendwende sorgten so einige Bands für kleine bis mittelgroße Wellen von Begeisterung, die zwar aus verschiedenen Ecken der US of A stammten, deren Songs, in welchen sie augenzwinkernde Theatralik, zur Faust geballte Euphorie und sinistres Geschichtenerzählen vereinten, jedoch durchaus so einige Schnittmengen aufwiesen. Bands wie Panic! At The Disco, My Chemical Romance und The Dresden Dolls. Obwohl sich alle drei wenig später in recht unterschiedliche Richtungen entwickelten, heute teilweise auf Eis liegen (oder, wie im Fall von Panic! At The Disco, gen egalen Formatradio-Pop abbogen), so ist es kaum falsch, im Rückblick von der „heiligen Dreifaltigkeit des Freak-Punk“ zu schreiben, deren Fanbases all jene einsammelten, die sich zu Schulzeiten keiner der offensichtlichen Szenen und Cliquen – den Schönlingen, den Sportlern, den Draufgängern, den Strebern… – so richtig zugehörig fühlten. All hail the outcasts! Diese Mischung aus Haken schlagendem Alternative Rock, ein, zwei Prise Emo und Pop Noir, düstrem Cabaret Punk Rock und nicht selten in weltwundem Zynismus badenden Texten war zweifelsohne besonders, ist es – mit etwas Nostalgie an Bord – heute noch. Jedem nach Orientierung dürstenden Jugendlichen boten Alben wie „A Fever You Can’t Sweat Out“, „Three Cheers For Sweet Revenge“ oder „The Dresden Dolls“ ein ums andere Mal die Flucht in eine Welt voller Vaudeville-Songs, leicht angekitschtem Bombast und Freakshow-Zirkus-Orgien, die größer und oft einladender schien als der vom grauen Alltag getünchte Lebensnebel… All das liegt nun bereits stolze 15 Jahre zurück – und feiert in der Musik von Sarah & The Safe Word (s)ein kleines Revival.

Denn in der Tat vereint die siebenköpfige Band aus Atlanta, Georgia (zu der man hier eine ausführliche Vorstellung findet) so einige Trademarks der Formationen um Brendon Urie, Gerard Way und Amanda Palmer in ihren eigenen Songs. Die wiederum machen die drei bisherigen Alben „Strange Doings In The Night“ (2017), „Red Hot & Holy“ (2019) und „Good Gracious! Bad People.“ (2020) zu durch und durch unterhaltsamen Erlebnissen mit sympathischer DIY-Schlagseite, bei denen einem Einflüsse aus Gothic Rock ebenso zu Ohren kommen könnten wie aus Dark Pop oder Southern Gospel (schließlich steuert jedes der Bandmitglieder mal hier, mal da Gesangseinlagen bei), während die Queer- und PoC-positive Band mal von japanischen Metal-Kapellen wie Dir En Gray inspirierte Moshpit-Steilvorlagen zu Geschichten über diabolische Autorennen liefert („Formula 666“), mal Piraten-Räuberpistolen („Dead Girls Tell No Tales“), mal den süßlichen Duft der jüngsten Halloween’schen Trick-or-Treat-Ausbeute versprühende Geschichten, die so gut und gern auch direkt aus Tim Burtons Oberstübchen stammen könnten, ohne je eine Hookline links liegen zu lassen. Das Ergebnis tönt meist wie ein eskapistisch-würdevoller Revival-Abend im Geiste der „heiligen Dreifaltigkeit des Freak-Punk“ (welcher meinetwegen von Murder By Death organisiert wurde). Gut möglich also, dass in High-School-Tagen das ein oder andere Panic! At The Disco-, My Chemical Romance- oder Dresden Dolls-Poster in den Jugendzimmern von Frontfrau Sarah Rose, Keyboarderin Beth Ballinger, der Violinistinnen Susy Reyes und Courtney Varner, Gitarrist Kienan Dietrich, Bassist Maddox Reksten sowie Schlagzeuger Sam Freeman hing. Sounds good... All hail the freaks!

Rock and Roll.

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