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Song des Tages: Cherry Glazerr – „Ohio“


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Foto: Promo / Pamela Littky

Die Zukunft klingt divers, die Zukunft klingt vielversprechend: In nahezu jedem Kindergarten wissen sie – Krabbelgruppe hin oder her – von toxischer Maskulinität. Schüler(innen) weltweit streiken, angetrieben von neuen jungen Ikonen wie Greta Thunberg, ebenso lautstark wie medienwirksam freitäglich für den Klimaschutz. Und die „Generation Z“ der Jahrgänge um 1995 geht so entspannt mit sexuellen Identitäten um, als hätte es nie ein Patriarchat gegeben. Passenderweise ist hier eine Künstlerin, die für diese kommende Zeit stehen könnte: Clementine Creevy, Frontfrau der aufstrebenden kalifornischen Rockband Cherry Glazerr.

Für das Magazin Vice, das seit Jahr und Tag ja ohnehin für unbequeme Aussagen bekannt sein dürfte, ist Creevy bereits eine neue‚ feministische Punkikone. Weder kommt sie deviant rüber wie die große Punk-Poesie-Godmother Patti Smith, noch hat sie eine gängige Normen verlachende Körperlichkeit wie Lagerfelds Plus-Size-Muse Beth Ditto oder eine permanent zwischen Sanftheit und Angriff pendelnde Präsenz wie Skunk Anansie-Frontfrau Skin. Clementine Creevy ist eher gemacht für Instagram, 22 Jahre jung, beinahe idealtypisch hübsch und auf marktkonforme Weise stark wie smart. Gerade daraus belegt sie ihre Gegenwart mit beißendem Spott: „Who should I fuck, daddy? Is it you?“, fragt sie etwa unumwunden im Song „Daddi“ auf dem im Februar erschienenen dritten Album „Stuffed & Ready“.

Cherry-Glazerr-ADW-410Man hört aus dem Text (und nicht nur aus diesem!) eine Wut über Verhältnisse, in denen gerade ihre Jugendlichkeit eine sexuelle Währung ist. Dazu tönt Musik, die kraftvoll und experimentell zugleich klingt, so wie der Sound der frühen Yeah Yeah Yeahs – jene New Yorker Garagepunk-Band, deren Sängerin Karen O seinerzeit, kurz nach der Jahrtausendwende ganz ähnlich wahrgenommen wurde. Wie Machtverhältnisse das Körperinnere durchziehen, ist auch Thema des Titelsongs „Stuffed & Ready“. Creevy erklärt dazu: „Die Texte meines Albums sind selbstreflexiv. Ich hatte das Bedürfnis, Songs zu komponieren, mit denen ich beschreibe was ich durchlebe.“

Das 2017er Vorgängeralbum war demgegenüber noch klassischer politisch – „politisch“ im Sinne von Pussy Riot, den Riot Grrrls von Bikini Kill und (feministisch geprägtem) Punk, schon im Titel ikonisch: „Apocalipstick“ mit seinen sich an Themenkomplexen wie Sexismus, Diskriminierung oder Intoleranz abhandelnden Kleinoden wurde – wohl nicht ganz auf Zufall gestellt – am Tag der Amtseinführung von US-Präsident Trump veröffentlicht. „Auf ,Apocalipstick‘ habe ich gesagt, was ich denke, auf ,Stuffed & Ready‘ zeige ich allen, wer ich bin.“ So präsentieren sich Cherry Glazerr diesmal, der wütenden Introspektiv-Innenschau fast widersprechend, eher als etwas andere großformatig produzierte, fokussierte Alternative-Rock-Band denn als wild-raudauige DIY-Garage-Explosion. Das lässt den Sound an manchen Stellen eventuell etwas beliebiger erscheinen, dafür gehen Songs wie „Wasted Nun“ (das ein stückweit an 2014er Glanzlicht „Nurse Ratched“ anschließt) oder die Eröffnungsnummer „Ohio“ deutlich besser ins Ohr. „Ich wollte Musik machen, die knallt. Die Songs verdienen das!“, wie die Gitarre spielende Frontfrau meint.

Musikalisch sind Cherry Glazerr also – fast logischerweise, und obwohl man in den gelungensten Momenten meint, einen Hauch der Pixies oder von Kurt Cobains unnachahmlicher Fuck-Off-Pop-Attitüde zu vernehmen – nur halb so weltbewegend und bemerkenswert wie die Person, die die Zügel in der Hand hält. Denn Cherry Glazerr ist nicht nur nach außen vor allem das Projekt von Clementine Creevy, sie ist auch tatsächlich die einzige Konstante der Band. Creevy gründete das Projekt 2013 im heimischen Los Angeles mit einigen Highschool-Buddies (nachdem sie bereits ein, zwei Jahre Erfahrungen in anderen Formationen gesammelt hatte), seitdem hat sie immer wieder neue Gefährt*innen gewinnen können. Zuletzt stieg Keyboarderin Sasami Ashworth aus der Gruppe aus, statt ihrer kam Bassist Devin O’Brien an Bord (und hat das Bandschiff mittlerweile wohl auch schon wieder verlassen).

„Für mich ist Cherry Glazerr eine Band, zu deren Essenz eine Vielzahl von Personalwechseln gehört. Ich lenke dieses musikalische Floß, auf das Künstler auf- und wieder abspringen, während die Musik weiter fließt.“

Und die Politik? Ist Clementine Creevys Generation so viel forcierter und auf produktive Art und Weise drängender als die alten Nihilist*innen der „Generation X“ und die ihre Wut ins Schwarzironische verflüchtigende Generation der „Millennials„?

„Die Leute sind genauso meinungsstark und politisch, wie sie es immer waren. Aber wir leben in den Zeiten von Trump. Es muss etwas geschehen. Aber momentan mühen wir uns vor allem damit ab, überhaupt zu überleben“, analysiert Creevy. „Feministin bin ich während meines Studiums geworden. Women’s Studies haben mein Leben verändert und mich alles gelehrt, was zählt. Ich glaube, was meine Generation wirklich beschäftigt, ist, dass es ein Mehr an allem gibt. Auch an Information.“

Vielleicht, ja vielleicht wird ja doch noch alles gut…

 

 

„1, 2, 3, 4

I walked until my face got red, I walked on
The light inside my head went dead, I turned off

I wish myself the best, but I’m broken
The light inside my head went dead, and I turned off

When you’re moving, there’s no ground beneath you
When you’re moving, there’s no ground beneath you
In the winter

She told me to stay the same, I pushed her into my game
I’m full of the bad, bad problems, so just take me away

Just take me away, just take me away
Just take me away, just take me away“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Josienne Clarke – „Slender, Sad & Sentimental“


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Draußen nähert sich der Winter mit Nebel, Sturm und Frost Tag um Tag ein Stückchen mehr, drinnen wärmt – jedenfalls steht’s zu hoffen – die Behaglichkeit einer dampfenden Tasse Tee oder eines flackernden Kaminfeuers. So in etwa funktioniert „In All Weather“, das neue Album von Josienne Clarke.

Wie der Albumtitel und Zeilen wie „I’ve given him my best years and he’ll never give them back“ schon vermuten lassen, geht es auf dem ersten Soloalbum der Singer/Songwriterin aus dem englischen West Sussex vor allem um eines: Stürmische Zeiten. Umso schöner ist es da, dass Clarke auf ihrem Break-Up-Werk der etwas anderen Art nicht nur deren Last besingt, sondern vielmehr davon, wie man durch schwierige Zeiten steuert, ohne sich dabei selbst zu verlieren.

josienne-clarke-in-all-weather-206186.jpgSo beginnt ihr jüngst nicht eben zufällig bei Rough Trade Records (dessen Vordenker Geoff Travis als Fan gilt) erschienenes Album mit „(Learning To Sail) In All Weather“, einer schwermütigen Ode an die eigene Stärke. Wer Clarke nicht schon vorher kannte, etwa von ihrem Projekt mit dem Gitarristen Ben Walker, wird im Instant-Verfahren von ihrer einnehmenden Stimme und deren charismatisch-dunklem Timbre in den Bann gezogen, die an eine Reihe ganz großer Folk-Damen von Sandy Denny über Joan Baez, Joni Mitchell, Gillian Welch oder Beth Gibbons bis hin zu Laura Marling oder Aldous Harding erinnert. Manchmal scheint es deshalb fast so, als würden die sehr filigranen Folk-Arrangements, welche die Worte wie ein harmonisches Meeresrauschen tragen, hinter Clarkes lyrischer und stimmlicher Kraft verschwinden. Gezupfte akustische und sanfte elektronische Gitarren, ein oft genug zurückhaltendes Schlagzeug, Harfen, Blockflöten, ein Rhodes Piano und nur selten elektronische Unterstützung wirken hier wie etwas Besonderes, aus den good ol‘ times. In Zeiten, in denen klassischer Folk oft trendbewussten Ausflügen ins Hipsteresk-elektronische unterliegt, setzt „In All Weather“ so einen Kontrapunkt und klingt in sich angenehm old fashioned.

Einzig in Stücken wie „If I Didn’t Mind“ oder „Slender, Sad & Sentimental“ weichen die vorsichtigen Klänge einem beinahe schon poppigen Folk-Rock-Sound. Der steht Clarkes eingängigem Songwriting, welches ihr wohl nicht grundlos 2015 den „BBC Folk Award“  einbrachte, jedoch ebenso wie der überwiegend ruhige Charakter der Platte. „In All Weather“ wurde auf der Isle of Bute, einer recht einsamen schottischen Insel produziert, auf die Clarke sich zurückzog, um nach ihrem Beziehungsaus ein neues Kapitel zu beginnen und Vergangenes hinter sich zu lassen. Und siehe da: In Songs wie „Host“, das sich nur anfangs besinnlich gibt, bevor die E-Gitarre geräuschvoll im Hintergrund anschlägt und sich Clarkes Sound von Joanna Newsom mehr in Richtung von Belle & Sebastian verschiebt, oder „Dark Cloud“ scheinen die Stürme und brandenden Wellen eines ebensolchen Eilands mitzuklingen. All das macht die Songs so authentisch, wie Folk nur sein kann. Sehr markant ist ihre spielerische Stimmführung, die trotz der großteils melancholischen Machart den Stücken – exemplarisch etwa „Slender, Sad & Sentimental“ – immer wieder ein fröhliches und positives Gewand verleihen und Clarkes gesangliche Größe nochmals in den Vordergrund rücken.

Obwohl die 13 präzise arrangierten, glasklar intonierten Stücke im Durchschnitt zwar nur knapp zweieinhalb Minuten kurz sein mögen (und damit im Grunde die „Radio-DIN“ bravourös erfüllen), scheint in den besten Momenten nichts zu fehlen. Der überschaubaren Spielzeit von 32 Minuten zum Trotz ist es – der Intensität jedes einzelnen Stücks sei Dank – fast eher erschöpfend, dieses vielversprechende erste Solo-Werk am Stück durchzuhören, gleichzeitig jedoch auch schön und bestärkend – Lieder wie das Wetter, Töne wie die See. Wohltuend und bedrückend schafft es Josienne Clarke auf ihrem durchaus kurzweiligen Album, dem Ergebnis eines persönlichen Sturms, einer privaten wie beruflichen Trennung, das weder Tradition noch Moderne negieren möchte, den Hörer zu fesseln und wieder loszulassen, auf zu neuen Ufern…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Greet Death – „You’re Gonna Hate What You’ve Done“


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„Long days leave me weak and strange…“

Jahreszeiten wie Herbst und Winter können einem mit ihren immer kürzer werdenden trüben Tagen und ihrem nasskalten Sauwetter schon mächtig aufs Gemüt schlagen, keine Frage. Wohl dem, der alledem wenigstens den passenden Soundtrack entgegen setzen kann. Seit drei Dekaden da die nahezu perfekte Wahl: „Disintergration“ von The Cure. Und wer Robert Smith und seinen Düsterjungs doch einmal eine Pause gönnen mag, für den hat ANEWFRIEND einen (noch) echten Geheimtipp in petto: Great Death.

„Here comes the sun
Here comes the shit again
I don’t get off
I just get broken
Here comes the dark
To cut me open and
Collect my heart
And crush it slowly…“

a1955014042_16Relativ schnell wird offensichtlich, dass das Trio aus Flint, Michigan sich wohl einen regelrechten Spaß daraus macht, seine Hörer mit allerlei falschen Finten an der Vorurteilsnase herum zu führen, denn nicht ohne Grund benannten Logan Gaval, Sam Boyhtari und Jim Versluis ihr 2017 erschienenes Debütwerk „Dixieland„. Doch höre da: ebenjenes hatte so viel mit New Orleans-Jazz und Ragtime am musikalischen Hut wie Great Death – Bandname hin (diesen haben die drei wohl einem Stück der Post-Rock-Größen Explosions In The Sky entliehen), Bilder vorm geistigen Auge her – mit sinistrem skandinavischem Black Metal. Vielmehr vermengt das junge Dreiergespann aus der ehemaligen „Vehicle City“ der US of A in seinen Songs Musikstile wie Sadcore, Shoegaze, Grunge, Emo, Sludge, Doom, Indie Rock, Post Hardcore oder Americana (was ja an sich bereits ein feines Wagnis darstellen dürfte) zu einem faszinierenden, meist ausladenden Ganzen. Und was Great Death mit ihrem Debütwerk vor zwei Jahren bereits ein paar wohlwollende Szene-Kopfnicker einbrachte, dürfte sich nun, mit dem kürzlich veröffentlichten zweiten Album „New Hell“ (allein der Titel sowie das dazugehörige Coverartwork – noch so ein paar herrliche, potentiell falsche Finten!), zu einem späten Kandidaten für alle „Album des Jahres“-Listen entwickeln…

„I think I might go for a swim
Under the lake, where the cold lives
And shiver while the factory flames
Dance like specters by the highway…“

a1499276749_16Denn die neun Songs des neuen Langspielers machen nicht nur genau dort weiter, wo viele der Stücke von „Dixieland“ Versprechungen auf Großes hinterlegten, sie übertreffen sie teilweise sogar. Man nehme etwa „Do You Feel Nothing?“ oder „Entertainment„, welche tönen wie die besten Momente vergangener Smashing Punpkins-Großtaten oder der letzten beiden Pianos Become The Teeth-Werke „Keep You“ und „Wait For Love“ (und wer weiß, wie sehr gerade ich diese mittlerweile ins schwermütige Herzchen geschlossen habe, dürfte erahnen, dass ich da nicht leichtfertig Komplimente wie dieses verteile). Oder „Let It Die„, das sich mit einer Akustischen bewaffnet einen melancholischen Moment wie weiland Mark Kozelek und seine seligen Red House Pointers gönnt. Oder Songs wie „Strange Days“ und „Strain„, die das Wechselspiel aus Laut und Leise, Indie Rock-, Shoegaze- und Doom Metal-Passagen mit am besten auf den Punkt bringen. Zweifellos das größte Highlight auf „New Hell“ dürfte jedoch der kathartische Neunminüter „You’re Gonna Hate What You’ve Done“ sein, bei dem sich Logan Gaval und Sam Boyhtari die Gesangscredits teilen (Marke: Brian Molko meets Morrissey), während sich der Song so langsam aber sicher von einer schwermütigen Sadcore-Nummer in einen wahren Rock-Rausch steigert, welcher selbst vor einem ausladenden Gitarrensolo nicht Halt macht.

„Embracing the final glimpse of a blood-red moon
Well, lately I’ve been treating with the devil in blue
Well, maybe if he cuts me loose I’ll get my days in hell back too
Maybe I’ll keep dreaming if I’m dreaming of you…“

Obwohl „New Hell“, Great Deaths so unerwartet wie unverhofft grandios mit schwerem Herzen daher rockender zweiter Albumstreich, stellenweise recht introspektiv und keineswegs leichter Tobak ist, wurde schöner länger nicht mehr in aschfahl schimmernden Herbstdepressionsgewässern gebadet. Sollte man gehört haben! 🖤

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Charlie Collins – „Who’s Gonna Save You Now“ (Live Session)


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„Grew up in Tamworth on a record collection of storytelling.
Pushed my way onto the stage at the local pub between bands when I was 11.
Have worked since then on being a musician.
Played in few bands. Had some wins and losses.
So now I have dropped my band, gone back to storytelling, and looking for my own clarity.“

…so beschreibt sich Charlie Collins eine wenig lakonisch selbst auf Facebook.

Natürlich lässt die australische Newcomerin, die es von Tamworth, New South Wales mittlerweile (logischerweise) ins dezent größere Sydney verschlagen hat, dabei ihre Anfänge, die sie gemeinsam mit ihrem Bruder Kurt in der Band Chasing Bailey (deren einziges Album „Long Story Short“ erschien 2008) sowie zwischen 2011 und 2018 als Stimme der Alt.Pop-Band Tigertown nahm (bei zweiteren gemeinsam mit ihrem Mann Chris, die Formation machte mit immerhin sechs EPs auf sich aufmerksam und spielte als Support von Panic! At The Disco auch in Europa), etwas unter den Biografie-Tisch fallen.

71yu5SHg5qL._SS500_Natürlich spielen diese für Charlie Collins‘ im Mai erschienenem Solodebüt „Snowpine“ auch kaum eine Rolle, denn auf diesem präsentiert sich die junge Musikerin ein Jahr nach dem Split ihrer bisherigen Band im Quasi-Alleingang deutlich gereifter und mit Songs, die mal weibliche Folk-Größen der Sechziger wie Joan Baez, Patsy Cline oder Emmylou Harris und deren ätherische Neuzeit-Wiedergängerinnen wie Hope Sandoval oder Angel Olsen, mal fein eingewebte Psychodelia-Referenzen an die Siebziger anklingen lassen. Da trifft moderater Indierock auf laid back gehaltenen Neunziger-Slacker-Rock á la Liz Phair oder staubig-sonnigen Alt.Country, während Australiens weite Landschaft am geöffneten Autofenster vorbeizieht. Die Umschreibung „als ob Stevie Nicks nun bei The War On Drugs singen würde“ trifft’s recht gut. Als Hörproben seien etwa „Mexico„, eine sanft rockende Herzschmerz-Nummer, die so etwas wie die Südliche-Hemisphäre-Schwester des Manic Street Preachers-Songs „Australia“ darstellt, der recht entspannte Roadtrip-Klopfer „Wish You Were Here“ (Titelgleichheiten zu Stücken von Pink Floyd, Incubus oder Ryan Adams sind wohl reiner Zufall), das leicht süßlich schunkelnde „Please Let Me Go“ oder das kaum weniger tolle „Who’s Gonna Save You Now“ empfohlen.

Den Hipster-Blumentopf der güldenen Innovation wird Charlie Collins, die bereits andere Aussie-Senkrechtstarter der jüngeren Vergangenheit wie Gang Of Youths oder Courtney Barnett zu ihren Fans zählt, mit ihrem Debütwerk, das bei den ARIA Awards in diesem Jahr als „bestes Country-Album“ nominiert war, zwar nicht gewinnen. Ein weiterer Beweis dafür, welch‘ talentierte Künstler da aktuell von Down Under aus zum Sprung auf den Rest der Musikwelt ansetzen (ANEWFRIEND berichtete in den letzten Jahren etwa über Angie McMahon, An Horse, Ziggy Alberts oder Tash Sultana), ist die Newcomerin allemal.

 

 

Wer mehr wissen mag, findet hier ein Interview mit Charlie Collins vom März diesen Jahres.

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Mildura


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Mal ein wirklich echter Geheimtipp scheinen Mildura zu sein. Anders als man als findiger Geografie-Geek zunächst vermuten könnte, kommt die vierköpfige Band jedoch nicht aus dem Örtchen nordöstlich von Adelaide, Australien, sondern aus Claremont, Kalifornien. Und auch dort scheint bislang kaum Wind vom dezent melancholischen Indie-Emorock bekommen zu haben, den Kelley, Nick, TJ und Evan bisher auf der 2016er EP „With Change“ sowie auf dem im September erschienenen selbstbetitelten Debüt-Longplayer auf die Musikwelt losgelassen haben – schnöde 318 monthly listeners auf Spotify und kaum Views auf den wenigen Videos bei YouTube sprechen (noch) eine deutliche Sprache… ANEWFRIEND meint: Freunde der Get Up Kids, der Lemonheads oder etwa Saves The Day sollten hier mal ein Öhrchen riskieren, denn auch wenn Mildura mit ihren Songs keine Kontinente bewegen mögen, hat dieser tagträumerisch schöne und leicht melancholische Sonnenschein-und-Roadtrip-Emorock eine deutlich größere Aufmerksamkeit verdient.

 

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Provinz – „Reicht dir das“


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Kauft eigentlich noch irgendjemand da draußen Maxi-Singles oder EPs? Also so richtig physisch im Laden für ’nen schlanken Fünfer, bar auf die Kralle? (Oder halt eben beim Online-Versandriesen mit dem „a“ und Smiley?) Wenn ja, dann hat ANEWFRIEND mit der Newcomer-Band Provinz einen Tipp für euch. Das Quartett aus der Umgebung von Ravensburg, unweit des Bodensees, sprich: aus der tiefsten Provinz Süddeutschlands, brachte im Mai nach der Debütsingle „Neonlicht“ (im März erschienen) mit „Reicht dir das“ sein erstes, vier Songs starkes Mini-Album auf den Musikmarkt, das von Tim Tautorat (unter anderem AnnenMayKantereit, Faber, The Hirsch Effekt, Turbostaat, OK KID) produziert wurde und – obwohl gerade erwähnte AnnenMayKantereit hier als erste offensichtliche Referenz ums Eck lugen –  für einigen frischen Wind in der deutschen Pop-Landschaft sorgen dürfte…

500x500 reicht epUnd obwohl drei der vier Mitglieder Cousins sind, besteht die Band Provinz als solche seit gerade einmal zwei Jahren. Scheinbar musste der Gedanke, eine Band zu gründen, erst reifen, bevor sich Vincent (Gesang, Gitarre), Robin (Gesang, Piano), Moritz (Gesang, Bass) und Leon (Schlagzeug) dazu durchringen konnten. Alle vier kommen aus der Nähe des „schwäbischen Nürnbergs“ und machen im Grunde bereits ihr halbes junges Leben lang zusammen Musik. Anfangs spielten der Vierer noch für Rentner am Bodensee mit Cajón und Rassel, jetzt scheinen sie als Band ihren Stil (vorerst) gefunden zu haben und schöpfen dabei gleich noch aus der Erfahrung als Straßenmusiker und Provinzler (noch so eine Parallele zu der seit einiger Zeit überaus erfolgreichen Ex-Fußgängerzonen-Band, der Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit ihre Nachnamen leihen). Doch schon der Anfang ihrer Karriere gibt Provinz Recht. Denn dass sie vom Branchenriesen Warner Music unter Vertrag genommen wurden, der, wie’s ausschaut (und wohl auch beflügelt durch den AnnenMayKantereit-Hype), an die Band glaubt, ist ein klares Signal und auch die Chance, Provinz von Anfang an ein (immer noch recht milchbärtiges) Gesicht und eine künstlerische Handschrift zu geben.

So spielt die Koketterie mit ihrer Herkunft auch in den bisherigen Musikvideos eine große Rolle, in denen viel Wert auf Optik (stylisches Schwarzweiß, selbstredend) gelegt und jede Menge Vintage-Charme als Querverweis zum Thema „Provinz“ eingebaut wird. Stichwort: Mercedes-Benz 190 (W 201). In der Provinz fährt man ein Auto eben bis es den Geist aufgibt – oder halt das nächstbeste, das man sich als junger Mensch nun mal leisten kann, ohne von der Meinung anderer fremdgesteuert zu werden. Musikalisch könnten die Newcomer-Jungs vom Bodensee allerdings kaum näher am Puls der Zeit sein, erzählen die vier Stücke der Debüt-EP doch von Themen, mit denen sich junge Menschen eben so seit eh und je beschäftigen: Liebe, gescheiterte erste Beziehungen, Ausbrechen, Aufbrechen in die Großstadt, Heimweh und Feiern in vollen Zügen.

500x500 reichtIn der titelgebenden Klavierballade „Reicht dir das“ wird auf emotionale Weise das Ende einer Beziehung thematisiert und in Worte gefasst, die juvenil-ehrlicher kaum sein könnten: „Schaue dir verständnisvoll zu, spiele dir vor, wie leid es mir tut. Zähle die Sätze auf, die man eben so sagt. Tränen schießen in dein Gesicht – komm‘ schon, so schlimm ist es nicht. Und wenn ich dir sage, wie sehr ich dich liebe, dann war das ’ne Lüge – aber reicht dir das, reicht dir das? Bitte Schatz, hör‘ auf zu weinen, es liegt ja nicht an dir. Nein, es liegt an mir. Wir können ja Freunde bleiben. Aber das glaubst du doch selbst nicht“. Dazu singt Frontstimme Vincent, als hätte er bereits das eine oder andere Fläschchen getankt, und verleiht den Song damit Authentizität (auch hier scheinen – Oberlippenflaum hin oder her – Henning May und Faber nicht allzu weit).

500x500 neonIn „Neonlicht“ dagegen wird das Großstadtleben kritisch unter die Lupe genommen. Klar: Wer aus der ländlichen Provinz stammt, hat einen ganz anderen Blick auf das, was in einem Großstadtgedränge scheinbar normal ist, sich bei genauerer Betrachtungsweise aber als blanker Irrsinn herausstellt. Verpackt wird das Ganze in hymnische Chöre, akustische Gitarren- und Pianoklänge und erneut in einen Lead-Gesang, der sich stürmisch und heiser Luft macht: „Sag, was soll der ganze Lärm? Hype um nichts. Alle kommen sie her, doch versprechen könnt ihr nichts! Fangen an, die dreckige Stadt zu fressen, bis wir fast daran ersticken inmitten von Neonlicht gedrehten Kippen. Survival of the fittest!“.

Im Vergleich zu den obigen Songs ist „Was uns high macht“ zum ersten Mal ein Stück, in dem sich die Band locker(er) macht und mit beschwingten Pianoklängen und Chorgesängen ein Hoch auf die Liebe besingt – ähnlich wie in „Zu jung“, doch hier wieder deutlich balladesker und emotionaler, ohne großartig und over the top theatralisch zu wirken. Dennoch verbinden Provinz auch in diesem Song Text und Musik auf eine recht berührende Art und Weise, womit das Quartett summa summarum eine beachtlich intensive, größtenteils in organischer Live-Atmosphäre gemeinsam im Studio eingespielte Viertelstunde in Sachen deutschsprachiger Musik abliefert. Ob der Vierer da auf seinem fürs kommende Jahr angekündigten Album-Erstling „Wir bauten uns Amerika“ qualitativ anzuknüpfen vermag? Die neuste Single „Augen sind rot“ fährt schonmal derart dicke Folkpop-Geschütze auf, dass man glauben könnte, AnnenMayKantereit hätten sich eine Wall of Sound á la Mumford & Sons gegönnt. Aber lassen wir die Vergleiche…

 

Hier gibt’s das passend dramatisch inszenierte Musikvideo zum Titelstück der Provinz’schen Debüt-EP. Und wenn man schonmal dabei ist, sollte man sich definitiv die Live-Session-Versionen von „Reicht dir das„, „Zu jung„, „Was uns high macht“ und „Neonlicht“ durch die Gehörgänge rauschen lassen, schließlich wird gerade im reduziert-rohen Gewand das Potential, das wohl noch in der jungen (potentiellen) Senkrechtstarter-Band des kommenden Jahres schlummern mag, besonders deutlich…

 

„Schaue dir verständnisvoll zu
Spiele dir vor, wie leid es mir tut
Zähle die Sätze auf, die man eben so sagt
Tränen schießen in dein Gesicht
Komm schon, so schlimm ist es nicht
Sag‘, was verlierst du schon, mh, mh?

Und der letzte Schluck ist warm und schmeckt bitter
Der letzte Zug brennt so wie immer
Der letzte Schluck ist warm und schmeckt bitter
Er ist warm und schmeckt bitter
Und wenn ich dir sage, wie sehr ich dich liebe
Dann wär‘ das ’ne Lüge – aber reicht dir das, reicht dir das, mh, mh?

Bitte Schatz, hör‘ auf zu weinen, es liegt ja nicht an dir
Nein, es liegt an mir
Wir können ja Freunde bleiben
Aber das glaubst du doch selbst nicht?
Vergräbst dein Gesicht in deinem Arm
Warum endet das immer und immer?
Und ich falle schon wieder
Und wieder und wieder, am Ende alleine, ja

Und der letzte Schluck ist warm und schmeckt bitter, ah
Der letzte Zug brennt so wie immer
Der letzte Schluck ist warm und schmeckt bitter
Er ist warm und schmeckt bitter
Und wenn ich dir sage, wie sehr ich dich liebe
Dann wär‘ das ’ne Lüge – aber reicht dir das, reicht dir das?

Und wenn ich dir sage, wie gern ich dich habe
Dann wär‘ das ’ne Lüge – aber reicht dir das, reicht dir das?

Ich pack‘ meine Sachen, zieh‘ mich an
Und du schreist mir hinterher
Ja, vielleicht kann es sein, dass ich es gar nicht versuche
Und mit der Zeit, wieso lässt mich das kalt, ja?
Du packst deine Sachen, schreist mich an
Und ich schrei‘ dir hinterher, ja vielleicht kann es sein
Dass ich es gar nicht versuche
Und mit der Zeit bin ich immer schon gerannt

Also halt mich nicht, halt mich nicht
Es lohnt sich nicht, lohnt sich nicht
Also halt mich nicht, halt mich nicht, mh, mh
Also halt mich nicht, bitte halt mich nicht
Nein das lohnt sich nicht, mh, mh
Bitte halt mich nicht, bitte halt mich nicht
Denn es lohnt sich nicht, nein, es lohnt sich nicht
Nein, es lohnt sich nicht, lohnt sich nicht
Bitte halt mich nicht, halt mich nicht
Bitte halt mich nicht, halt mich nicht, halt mich nicht

Der letzte Schluck ist warm und schmeckt bitter, ja
Der letzte Zug brennt so wie immer…“

 

Rock and Roll.

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