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Das Album der Woche


Yeah Yeah Yeahs – Cool It Down (2022)

-erschienen bei Secretly Canadian/Cargo-

Karen O steht auf der Bühne und spuckt eine Fontäne aus Bier in die Luft. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet dieses Bild das Cover von „Meet Me In The Bathroom“ ziert, Lizzy Goodmans Buch über das New Yorker Rock-Revival zu Beginn der Nullerjahre – und damit die Yeah-Yeah-Yeahs-Frontfrau zur Gallionsfigur dieser Szene erklärt. Neben all den Strokes‘, Interpols und LCD Soundsystems war Karen Orzoleks Band vielleicht nie die beste, aber zumeist die faszinierendste und ungreifbarste. Ein Art-Punk-Trio mit einem provokanten, nimmermüden Derwisch als Sängerin, deren bis heute größter Song – aller offensiven Attitüde zum Trotz – ein zärtliches Liebeslied namens „Maps“ ist. Nicht nur aufgrund dieses famosen Widerspruchs waren Karen O und ihre Yeah Yeah Yeahs seinerzeit ein spannendes Ereignis, schließlich klang die gebürtige Südkoreanerin und gelernte New Yorkerin damals, vor zwanzig Jahren, als klebe sie den Lederjackenjungs der Strokes-Generation, deren Post-Punk-Revival, der Einfachheit halber, auch ihre eigene Band zugerechnet wurde, Kaugummi in die sorgsam zurechtgelegten Schüttelfrisuren: wild und unwahrscheinlich, simpel und roh im Sinne des großstädtischen Zeitgeists – und eben doch verdammt eigen. Der wohlmöglich größte Unterschied zu vielen ihrer Revival-Kolleg*innen war, dass sich durch all die stilistischen Hakenschläge nie eine gerade Erblinie entlang zu The Velvet Underground, den Talking Heads, Joy Division oder wem auch immer zurückführen ließ. Zwei Dekaden sind seit dieser bewegten Zeit an der amerikanischen Ostküste vergangen und trotz einer kleinen Auszeit, welche vor allem Karen O dazu nutzte, um ihre Kreativität eher in andere Projekte (etwa ein Soloalbum oder ein gemeinsames Projekt mit Alles-Produzent Danger Mouse) zu lenken, sind die Yeah Yeah Yeahs nicht nur weiterhin aktiv, sondern noch immer künstlerisch relevant. Weil nach wie vor keines ihrer Alben wie das andere tönt, weil sie immer wieder aus einem neuen Kokon schlüpfen, ohne ihre alte Seele zurückzulassen.

Eine Wandelbarkeit, die gerade ob der personellen Konstanz dahinter überrascht: Nicht nur haben es Karen Orzolek, Nick Zinner und Brian Chase über zwei Jahrzehnte miteinander ausgehalten, auch hinter den Reglern sitzt für „Cool It Down“ wieder TV On The Radios Dave Sitek, wie bei allen vier Platten zuvor. Das nahezu pure Elektro-Pop-Soundbild der neuen Platte erinnert dabei am ehesten an das dritte, 2009 erschienene Album „It’s Blitz!„, zielt jedoch nicht mehr auf die Tanzfläche, sondern lässt Synth-Gletscher im Majestätstempo über den Boden schleifen. Der Opener „Spitting Off The Edge Of The World“ nutzt zusätzlichen Gesang von Mike Hadreas (alias Perfume Genius), breitwandige Synthiemelodien zwischen M83, Velvet Underground und Twin Shadow und einen um den Globus hallenden Beat, um erst seinem Titel gerecht zu werden und dann vom Weltrand aus ins All zu schießen. „Mama, what have you done? / I trace your steps / In the darkness of one / Am I what’s left?“, fragt Orzolek, und es ist gleichzeitig eine Anklage an die ältere Generation im Angesicht der Klimakrise als auch das völlig zeit- und raumlose Zweifeln einer Verlorenen. „Lovebomb“ erstarrt unter tiefem Ein- und Ausatmen zur Ambient-Skulptur, bevor die Frau mit der immer noch so unheimlich einnehmenden Stimme im famosen „Wolf“ ihren Kate-Bush-Moment feiert: ein absolut erhabenes Stück Musik, das zunächst bei Abba entliehene Leuchtsignale durch einen verschneiten Wald aus mammutbaumhohen Synth-Streichern schickt, nur um dann abrupt zu enden.

An dieser Stelle beginnt der lebendigere Mittelteil eines ansonsten außergewöhnlich ruhigen – und mit lediglich acht Songs in einer guten halben Stunde recht kompakten – Albums. Unter einem Club-Piano-Loop und griffigen Hooks beschwört „Burning“ Feuer, Rauch und Kometen – die Klimakrise rückt hier oftmals ins Zentrum der neuen Stücke, und dass diese Welt so einige Brandherde aufweist, beweist nicht nur das ausdrucksstarke Cover-Foto. Doch „Cool It Down“ kann’s nicht nur gesellschaftskritisch und verbreitet gleichsam, zwischen all der Hilflosigkeit und dem Zorn, auch Gefühle von Aufbruch, Neubeginn und Optimismus: „Different Today“ macht in etwa da weiter, wo die Band vor 16 Jahren mit „Turn Into“ schon einmal war. „That’s where we dance to ESG“, erklärt das ausgelassene „Fleez“, welches sich als durch die Kunsthalle groovender Funk-Post-Punk-Hybrid auch akustisch vor den Legenden aus der South Bronx verneigt. Warum es solche Auflockerungen hier nicht noch häufiger gibt, ist wohlmöglich einer der wenigen Vorwürfe, die sich das Album auf hohem Niveau gefallen lassen muss. Dennoch kauft man den Yeah Yeah Yeahs noch immer nahezu alles ab: Sie bilden weiterhin das Totem einer gleichzeitigen Unnahbarkeit und Aufrichtigkeit, wirken wie freundliche Aliens, die sich kaum in Schubladen stecken lassen, bei denen man aber auch nie Angst haben muss, in fiese, ironische Stolperfallen gelockt zu werden. Die Albernheit war dem Dreiergespann schon immer ernst, weswegen es trotz aller musikalischen Hochklasse etwas irritiert, wenn diesem frostig-humorlosen Art Pop eine solche fehlt. Doch wenn im finalen „Mars“ das Eis taut und Orzolek eine zweiminütige geflüsterte Gute-Nacht-Geschichte für ihren kleinen Sohn vorträgt, wissen wir: die Yeah Yeah Yeahs sind auch deshalb noch eine der relevantesten Bands ihrer Indie-Generation, weil sie sich nicht vollends gegen das Erwachsenwerden wehren – auch wenn das beste Midlife-Crisis-Alter und die Tatsache, dass sich die 43-jährige Musikerin 2009 für den Soundtrack zu Spike Jonzes Verfilmung des Anti-Erwachsenwerden-Kinderbuchs „Where The Wild Things Are“ (dt. „Wo die wilden Kerle wohnen“) verantwortlich zeichnete, etwas anderes vermuten lassen.

Das Leben ist endlich und alle Wesen sind nichts als Sternenstaub – wenn die kurzweilig geratene Platte, der man neun Jahre nach dem letzten Langspieler „Mosquito“ durchaus das „Comeback“-Label anheften darf, mit solchen Nachtgedanken ihr Ende findet, fragt man sich schon, ob man es da mit einer halbstündigen Stippvisite zu tun hatte oder mit einem Aperitif. Immerhin: „Weniger Drama als bei dieser Platte gab es nie im Studio“, sagt Karen O. „Im Gegenteil: Das Studio war sogar eher eine Zuflucht vor all dem Drama da draußen.“ Das Drama da draußen, es dürfte auf absehbare Zeit kaum weniger werden, und weil die Band in solchen Zeiten scheinbar am besten funktioniert, wären weitere Aufnahmen sicher nicht abwegig. Vielleicht sogar welche mit etwas mehr Feuer unterm Hintern, schließlich glänzt der Punk der frühen Jahre vor allem durch eines: Abwesenheit. Andererseits: druff jeschissen! Oder wie Karen O es selbst ausdrückt: „Cool zu sein war mir immer wichtig. Außer in der Liebe.“

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Kevin Devine – Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong (2022)

-erschienen bei Triple Crown/Membran-

Regelmäßige Leser von ANEWFRIEND wissen es freilich: Kevin Devine ist seit Jahr und Tag ein regelmäßiger Gast auf diesem bescheidenen Blog, wannimmer es von neuen Tönen aus der Feder des kreativen 42-jährigen Singer/Songwriters aus Brooklyn zu berichten gibt.

Für alle anderen als kleiner Service hier noch einmal (s)ein Indie-Rock-Werdegang im Schnellabriss: Devines Karriere begann in den frühen Nullerjahren mit der Emo-Indie-Rock-Band Miracle of 86. Anschließend veröffentlichte er erste Soloalben, tourte mit seinem ständig wechselnden Backing-Kollektiv The Goddamn Band (welche ihrerseits unter anderem aus ehemaligen Mitgliedern von Miracle Of 86 besteht) und gründete mit Manchester Orchestra-Frontmann Andy Hull zudem das Projekt Bad Books. Neben seiner Solokarriere, welche zuletzt, 2016, die Alben “Instigator” sowie “We Are Who We’ve Always Been” (das 2017 erschien und Akustik-Versionen der “Instigator”-Songs beinhaltete) hervorbrachte, war Kevin Devine, der sich zudem auch politisch engagiert und oft genug Wort gegen soziale Missstände ergreift, auch Tourmusiker in zahlreichen anderen Bands und tourte weltweit, sowohl solo als auch mit befreundeten Bands und Musker*innen wie Frightened Rabbit, John K. Samson oder Julien Baker. Neuerdings beschritt der US-Musiker außerdem neue digitale Wege und bietet seinen treuesten Fans via Patreon exklusiven Content sowie Livestream-Shows (in welchen er etwa auch seinem Idol Elliott Smith die Ehre erwies).

Foto: Erik Tanner

Ja, auch ohne eigene „vollwertige“ Albumveröffentlichung hatte Kevin Devine in den letzten Jahren alle Hände voll zu tun. Wer da nicht versuchte, beständig am Ball zu bleiben, der konnte anhand des enormen Outputs des New Yorker Musikers (zu dem in der Vergangenheit außerdem ein Aus-Spaß-an-der-Freude-Komplettcover des Nirvana-Meilensteins „Nevermind“ zählte) schonmal den Überblick verlieren. Dass es nun doch ganze fünf Jahre gedauert hat, bis „Instigator“ einen Nachfolger erhält, kommt da fast ein wenig überraschend…

Andererseits platzt „Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong“ mitten hinein in eine in vielerlei Hinsicht durch eine weltweite Pandemie, den Klimawandel, kriegerische Konflikte, rassistische Gewalttaten oder „Me Too“ aufgewühlte Zeit – vor allem, wenn man dessen Schöpfer selbst befragt: Konzepte wie Kapitalismus und Männlichkeit seien am Ende, so Devine, die Realität an Bizarrheit kaum noch zu überbieten. Wo Tocotronic ob des Zustands der Welt bereits anno 2007 einst „Kapitulation“ forderten, ruft der 42-Jährige nun zum eskapistischen Rückzug auf. Und zwar dem ins Innere: Realitätsverlust als Chance.

„Die Songs loten alle eine bestimmte Art aus, wie man auf eine Krise reagiert: spirituell, familiär und kulturell. Anstatt der ohnmächtigen Annahme, dass es einen unsichtbaren Architekten gibt, der alles bestimmt, sage ich mir: Alles ist genauso, wie es ist, und vieles von dem, was mir real vorkommt, ist gar nicht real: Ich muss mich nicht von Allem emotional kaputt machen lassen. ‚Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong‘ ist natürlich eine plakative Aussage – Aber wie soll es sonst auch anders gehen heutzutage? Ich habe mir mit einem mentalen Skalpell einen ’safe space‘ erschaffen, in dem ich mich in Ruhe sortieren kann.“ (Kevin Devine)

Vor allem klanglich präsentiert sich Kevin Devines nunmehr zehntes Solo-Werk dabei in einem nahezu völlig neuen Gewand, denn garagiger Power Pop oder splitternackte Songwriter-Übungen sind auf „Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong“ nicht mehr anzutreffen. Stattdessen balancieren Devine und Band spürbar mehr Tonspuren als je zuvor auf ihren schmalen Schultern und legen sich richtig hinein in die weiträumig ausgetüftelten und detailliert orchestrierten Stücke – ein „surrealer, cineastischer Bedroom-Rock-Fiebertraum“, wie’s im Begleittext zum neuen Album heißt. Songs wie „Override“ oder „Someone Else’s Dream“ klingen entsprechend, als hätte man rohen Elliott-Smith-Skizzen eine Pomp-Behandlung spendiert, so wie auch dieser seinen todtraurigen Songs auf „XO“ und insbesondere „Figure 8“ (freilich auch auf dem postum erschienenen „From A Basement On The Hill“) ein gewisses Mehr an Gewicht genehmigt hat. Schon das Eröffnungsstück „Laurel Leaf (Anhedonia)“, welches sich mit Anhedonia, der Unfähigkeit Freude und Lust zu empfinden, befasst, schichtet hibbelige Streicher und verrauschte Schlagzeugeffekte über eine Beatle’eske Pop-Melodie, die mit den Symptomen einer Depression konterkariert wird. „All the nights I cut myself and I felt nothing / Murder every messenger, but they keep coming“ – Auswege zu finden, ist oft genug unerträglich schwer. Manchmal bleibt da nur, sich mit dem inneren schwarzen Hund zu versöhnen. Mit dieser Überdosis Harmonie zwischen den Noten demonstriert Devine gleich zum Einstieg, wie viel Kraft und Selbstheilungspotential in tönender Kunst stecken kann – für die, die sie hören und die, die sie machen.

Galoppierende Stampf-Drums und flirrende Elektro-Sprengsel regnen in „How Can I Help You?“ herab, das zwar nicht direkt ins Ohr will, seine Qualitäten aber dennoch nach und nach offenbart. In anderen Songs experimentiert Devine nicht nur mit Soundcollagen, sondern auch mit Tempowechseln, weiteren Synthie-Backings und immer wieder mit traumwandlerischen, gar psychedelischen Harmonien, die in große Gesten umschlagen. Selbst in Momenten der Paranoia („Someone’s after me“) versucht er, seine innere, entspannte Mitte nicht zu verlieren, sodass ebenjene Momente fast ein wenig zugedröhnt wirken mögen. Was wiederum nicht heißt, dass Kompositionen wie etwa „It’s A Trap!“ nicht auch – im positiven Sinne – ein wenig chaotisch werden dürfen, wenn sich noch klarinettenähnliche Töne und krumme Rhythmen zu dem bunten Reigen dazugesellen – Größen von den Flaming Lips über Sparklehorse bis hin zu Wilco lassen hier als Referenzen lieb grüßen. Mit am besten kulminiert dies alles im vorab veröffentlichten „Albatross“. „I think my brain is broken“, fürchtet Devine in der nahezu formvollendeten, als feierlicher Sixties-Schunkler getarnten Stadion-Pop-Hymne, stellt jedoch auch relativierend fest: „Nothing matters anyway.“ – und man selbst merkt immer mehr, dass da vielleicht etwas dran sein könnte an seiner Feststellung. Das Album endet schließlich versöhnlich mit „Stitching Up The Suture“, und tatsächlich hat Devine im Laufe dieser Songs mit seinem vorsichtigen Optimismus so einige Wunden zugenäht – unsere, aber auch seine.

Obwohl „Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong“, dessen Albumtitel etwas von zu viel Wein und Küchenphilosophie hat, nicht wenige musikalisch herausfordernde Geschütze auffährt (von denen zugegebenermaßen nicht jedes einen Volltreffer landet und einen im ersten Moment ein wenig überrumpeln mag), erstickt Album Nummer zehn dennoch nicht an der eigenen Theatralik. Auch lyrisch wagt sich der „Brooklyn Boy“ noch stärker als ohnehin schon ins Literarische vor, erzählt hochintrospektive, jedoch mit allerlei textlichen Verrenkungen ausgeschmückte Anekdoten eines zwar wachen, aber hochgradig an sich selbst zweifelnden Geistes, der sich vor der ihm fremd gewordenen Welt da draußen in sich selbst zurückzuziehen sucht. Letztendlich steckt jedoch mehr Konfrontation als Augenverschließen in Devines emphatischen Bewältigungsmechanismen, vor allem wenn es um seine eigene Einsamkeit geht – umso besser, dass all die Albträume, all die Ängste das Album nie in allzu dunkle Gefilde ziehen. Und natürlich tönen hier viele Songs schwer und sperrig, sind mit all den überbordenden, surrealen Arrangements, den gleißenden Synthies, den schwankenden Gitarren, den Popsongrahmen oft genug sprengenden Klangexperimenten recht nahe dran am Psychedelic Pop der bereits genannten Flaming Lips oder Sparklehorse, muten mitunter sogar ein bisschen esoterisch an, und sind von der Unbekümmertheit des jungen „Emo-Devine“ von vor einem Jahrzehnt, der nur Stimme, Gitarre und ein bisschen Grunge Rock benötigte, um jedes Hörerherz zu erwärmen, meilenweit entfernt. Aber auch eine konsequente Weiterentwicklung – zumindest musikalisch. Bei all dem absurden Irrsinn in der Welt da draußen bleibt eben manchmal nur noch die Einsiedelei und der Weg zurück zu sich selbst. Denn da, dort drinnen, kriegt einen keiner. Dennoch: all is not lost.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Norah Jones – „Black Hole Sun“ (live)


Foto: Promo / Vivian Wang

Norah Jones juckt es derzeit mächtig in den Fingern. Nachdem die US-Musikerin wegen der Corona-Pandemie über ein Jahr lang keine Konzerte vor Live-Publikum geben konnte, brennt auch sie förmlich darauf, endlich wieder auf Tournee gehen zu können. Sie wartet nur noch auf ihre zweite Impfdosis und grünes Licht für die Konzertbranche. “Ganz gleich, ob wir nun Musiker oder Fans sind, wir alle vermissen das gemeinsame Erlebnis von Live-Musik”, sagt die neunfache Grammy-Gewinnerin, die vergangenes Jahr für ein Duett mit Mavis Staples ihre nunmehr 17. Nominierung erhielt. “Ich werde auf meiner Facebook-Seite jede Woche auf ein andere Wohltätigkeitsorganisation hinweisen, um den Leuten Respekt zu zollen, die unermüdlich hinter den Kulissen der Live-Musikindustrie gearbeitet haben und deren Jobs auf Eis gelegt wurden. Ich kann es kaum erwarten, wieder mit ihnen allen zusammen zu sein.” Fans von Live-Musik geht es natürlich kaum anders.

Ein bisschen werden sie sich aber voraussichtlich doch noch gedulden müssen. Da kommt ein exzellent aufgenommenes Live-Album der 42-Jährigen, bei der sich Pop-Gelehrte wie Kritiker – mehr als zwanzig Jahre im Musikgeschäft, so einige Nummer-Eins-Alben, zig Auszeichnungen und etwa 35 Millionen verkaufte Tonträger hin oder her – noch immer streiten, ob das einstige Wunderkind nun Jazz, Pop, Soul oder „Adult-Music“ (was böse Zungen wohl gern mit „Fahrstuhlmusik“ übersetzen würden) macht, gerade recht. Auf „‘Til We Meet Again“ – ganz nebenbei tatsächlich das erste wirkliche Live-Album der vielseitigen Pianistin, Sängerin und Gelegenheitsschauspielerin – gibt es so nicht nur einige ihrer größten Hits zu hören, sondern auch eine ebenso überraschende wie bewegende Coverversion von Soundgardens “Black Hole Sun“ (welche vor einiger Zeit aus gegebenem Anlass bereits Platz auf ANEWFRIEND fand).

Die erzwungene Auszeit im vergangenen Jahr nutzte Norah Jones, die obendrein noch einen recht berühmten Vater hat, um sich durch Mitschnitte ihrer Konzerte der zurückliegenden acht Jahre zu hören. Besonders angetan war sie von einigen Aufnahmen, die im Dezember 2019 – also kurz vor Beginn der Corona-Pandemie – bei Auftritten in Südamerika entstanden waren. “Es war einfach ein tolles Gefühl, vor allem, weil wir keinen Zugang zu Live-Musik hatten und nicht auftreten konnten”, verriet sie „grammy.com“ unlängst in einem Interview. “Deshalb wollte ich die Aufnahmen rausbringen.” Mit den Musikern ihrer Band durchkämmte die New Yorkerin dann ihre Konzertarchive nach Aufnahmen, die sie mit ähnlichen Besetzungen gemacht hatte, um wirklich die besten Versionen der gespielten Songs herauszufiltern. Das Ergebnis präsentiert sie nun auf der Zusammenstellung “‘Til We Meet Again”, die bei einer Laufzeit von fast 76 Minuten vierzehn Songs und einen wunderbaren Querschnitt durch Norah Jones‘ bisherige Karriere enthält, darunter offensichtliche Hits wie “Don’t Know Why”, “Sunrise” oder “Flipside” sowie Titel aus ihrer 2018/19 veröffentlichten Singles-Serie.

Die eine Hälfte der Aufnahmen stammt von besagter Südamerika-Tournee, die Norah Jones, Bassist Jesse Murphy und Schlagzeuger Brian Blade unter anderem nach Rio de Janeiro, São Paulo und Buenos Aires geführt hatte. In Rio präsentierte das Trio als Gäste zwei bestens bekannte brasilianische Musiker – den Perkussionisten Marcelo Costa (Mariza, Maria Bethânia, Michael Bublé) und den Flötisten Jorge Continentino (Bebel Gilberto, Milton Nascimento, Brazilian Girls) – sowie ihren alten Songwriting-Partner und Gitarristen Jesse Harris. Harmonisch kombiniert wurden diese sieben Aufnahmen mit sechs weiteren, die Jones im Jahr zuvor mit dem Hammond-Organisten Pete Remm, Bassist Chris Thomas und wiederum Brian Blade am Schlagzeug in den USA, Frankreich und Italien gemacht hatte.

Den krönenden Abschluss bildet die wahrlich unter die Haut gehende Solodarbietung von Soundgardens “Black Hole Sun”. Norah Jones‘ von Herzen kommende (und genau dahin gehende) Hommage an Chris Cornell wurde am 23. Mai 2017 im Fox Theatre in Detroit aufgenommen – nur fünf Tage nach dem Tod des Soundgarden-Frontmanns, der am 17. Mai 2017 am selben Ort sein letztes Konzert mit der Band gegeben hatte. Vor ihrem Auftritt hatte Norah Jones in ihrer Garderobe den ganzen Tag über an dem Arrangement des Songs herumgefeilt. “Ich war ein bisschen nervös”, gibt sie zu. “Aber ich dachte: ‘Ich werde ihm meinen Respekt erweisen und diesen Song von ihm spielen.’” Das Publikum stand vor lauter Begeisterung kopf, als es die Nummer nach dem Klavier-Intro endlich erkannte. “Es war wahrscheinlich einer der schönsten Live-Momente, die ich je erlebt habe”, erinnert Jones sich. “Ich weiß nicht, ob sein Geist im Raum war oder was auch immer, aber er hat mich auf eine Art durch diesen Song getragen, wie ich es mir nie hätte vorstellen können.” Ergreifend. Gelungen. Soulful.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Adult Mom – „Sober“


Foto: Promo / Daniel Dorsa

Stevie Knipe meldet sich mit ihrem DIY-Soloprojekt Adult Mom zurück und wird in wenigen Tagen „Driver„, ihr erstes neues Album seit der Trennung von ihrem mittlerweile auf Eis liegendem Label Tiny Engines und den Nachfolger zum 2017er Werk „Soft Spots„, veröffentlichen. Mit der Auskopplung „Sober“, welches ebenso wie die bereits im Februar 2020 erschienene Single „Berlin“ auf dem neuen, dritten Album zu hören sein wird, kann man sich bereits jetzt einen ersten Eindruck von den neuen Songs des Indie-Pop-Projekts aus Purchase, New York machen.

Passenderweise konzentriert sich auch „Sober“ auf die Nachwirkungen einer zerbrochenen Beziehung, wobei Knipes Erzählerin sich von jemandem entfernt, den sie schlicht nicht mehr liebt. Ihr Keyboard und ein Drum-Machine-Beat geben zunächst den Ton an, während Knipe die Situation mit unerschrockener Ehrlichkeit und einer Prise schwarzem Humor einschätzt: „The only thing that I’ve done / This month is drink beer and / Masturbate, and ignore / Phone calls from you / What else am I supposed to do?“. Treibende Indie-Rock-Gitarren treten darauf den Song vorwärts, bis Knipe schließlich einen letzten Schlussstrich zieht: „Now I don’t even think of you / When I am sober“. Das Musikvideo zu „Sober“, bei dem Maddie Brewer Regie führte und das von Noah Gallagher animiert wurde, zeigt in ruhigen, lebendigen Bildern, wie jemand schmerzhafte Erinnerungen und ungesunde Trinkgewohnheiten hinter sich lässt und sich auf eine Reise der Selbstfindung begibt, die sich langsam aber sicher in etwas ziemlich Surreales verwandelt. Und passend findet auch musikalisch eine Reise statt: das Stück beginnt als reduzierter Bedroom Pop und wandelt sich dann zum angenehmen Power-Pop-Understatement.

Knipe hat „Driver“ zusammen mit Kyle Pulley (Shamir, Diet Cig, Kississippi) co-produziert, während befreundete Künstler wie Olivia Battell und Allegra Eidinger bei der Arbeit an den zehn Stücken halfen. Das Album, welches „den Soundtrack zu jener queeren Liebeskomödie liefert, von der sie seit 2015 träumte“, wie es in einer Pressemitteilung heißt, folgt auf das 2015er Debüt „Momentary Lapse Of Happily„, das gut drei Jahre zurückliegende Zweitwerk „Soft Spots“ sowie einige EPs, die Stevie Knipe zwischen 2012 und 2014 veröffentlichte. „Driver“, das auf Epitaph erscheint, wird außerdem die erste Langspieler-Veröffentlichung von Adult Mom auf einem anderen Label als Tiny Engines sein, das zusammenbrach, nachdem Stevie Knipe und eine Reihe anderer Unterzeichner*innen die Label-Macher im Jahr 2019 beschuldigten, unter anderem Zahlungen an die unter Vertrag stehenden Künstler*innen zurückzuhalten. Nun wagt Stevie „Adult Mom“ Knipe einen Neustart, und dieses Mal sitzt sie am Steuer.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Antarctigo Vespucci – „Love In The Time Of E​-​Mail“


„Maybe this is just another good thing that happens to everybody but me / maybe this is just another good thing / out of my reach“, singt Chris Farren in „Another Good Thing“ nach ungefähr zwei Dritteln dieses Albums. Das Lied entfaltet eine großartige Loser-Romantik und ist bei weitem nicht der einzige Moment auf „Love In The Time Of E-Mail“, in dem man an gut und gern an frühe(re) Weezer-Großtaten denken darf. Zugleich wundert man sich: Dass die guten Sachen immer nur den anderen passieren, sollte sich für Chris Farren mittlerweile eigentlich als Trugschluss herausgestellt haben. Denn zuletzt ist es für ihn als eine Hälfte von Antarctigo Vespucci durchaus gut gelaufen.

Es hätte auch anders kommen können: Nach drei durchaus mit Wohlwollen und Applaus bedachten Alben voll kleiner, feiner Hymnen irgendwo zwischen Indie, Punk und Emo Rock löste sich 2013 seine Band Fake Problems auf. Aus Florida zog der Frontmann ohne Band nach New York, und bald darauf erwies sich dort die Begegnung bei einer Party als wichtige Weichenstellung für die nächsten Jahre: Chris Farren traf Jeff Rosenstock wieder, seinerseits Frontmann von Bomb The Music Industry!. Mit dieser Band hatten Fake Problems mal eine Tour bestritten, auch danach gab es gelegentlich gemeinsame Konzerte. Nun beschlossen die beiden, gemeinsam ein paar Songs zu schreiben. Als klar wurde, wie gut genau diese Party-Schnapsidee funktionierte, wurde aus der „Come on, let’s jam!“-Idee eine Band namens Antarctigo Vespucci. Nach den EPs „Soulmate Stuff“ und „I’m So So Tethered“ sowie dem Debütalbum „Leavin‘ La Vida Loca“ (und parallelen Solokarrieren, denn auch die Band von Jeff Rosenstock existierte schon kurz darauf nicht mehr) folgte 2018 der zweite Langspieler „Love In The Time Of E-Mail„.

Wie gut das Duo aus Brooklyn, New York den jahrelang erprobten Spagat zwischen Punk, New Wave und Indie Rock auf der einen Seite sowie fies eingängigem Powerpop mit gehörigem Bubblegum-Anteil auf der anderen Seite beherrscht, macht „Love In The Time Of E-Mail“ recht schnell und unmittelbar klar, zugleich kann man in den dreizehn Stücken jedoch auch ein paar neue Elemente im Sound von Antarctigo Vespucci entdecken. Der Normalzustand für die Erzählposition ist, wie schon im eingangs erwähnten „Another Good Thing“, fast immer ein schwärmerisches, unglückliches Verliebtsein, in das sich Farren und Rosenstock voll und ganz hineinwerfen möchten.

„I hope I can be important in your life one day“, heißt es dann im untröstlichen Quasi-Intro „Voicemail“. „I wish I didn’t fall in love with everyone I ever met“, singt Farren im eher akustischen „Do It Over“. Das für die meisten Menschen eher unangenehme „White Noise“ wird hier herbeigewünscht, weil es die stetige Präsenz (s)einer Angebeteten ersetzen könnte, die Farren zurhöllenocheins nicht aus dem Kopf bekommt. Im herzzerreißenden Album-Schlusspunkt „E-Mail“ zeigt sich, dass seine bereitwillig zur Schau gestellte Schüchternheit nicht nur ein Wesenszug ist, sondern offensichtlich auch die Reaktion auf viele schmerzhafte Erfahrungen. „I wanted to see you, to see if I still wanted to see you“, zitiert er in „Breathless On DVD“ einen Satz von Jean-Paul Belmondo aus „Atemlos“, zu einem Refrain, welcher auf fast infantile Weise Heiterkeit verbreitet – der olle Emo-Punk lässt lieb grüßen.

Auch „Kimmy“ gerät mit Glockenspiel und Handclaps fast poppe-di-punk-übermütig im Stile der seligen Wheatus, „The Price Is Right Theme Song“ explodiert ebenfalls beinahe vor ohrwurmiger Eingängigkeit. Dem stehen etwas rohere Passagen wie das kaum weniger überzeugende „All These Nights“ gegenüber oder „Lifelike“, das vom Klavier getragen wird und beinahe echte Schwermut aufkommen lässt. Auch „Not Yours“ ist weit von der zeitweise Albernheit früherer Fake Problems-Tage entfernt: Es geht um Abhängigkeiten, Besitzansprüche und Machtkämpfe in Beziehungen – natürlich wird aber auch das nicht in gitarresken Trübsal verpackt, sondern in einen sehr kurzweiligen Boogie.

Als spontaner Anspieltipp eignet sich wohl am ehesten „Freakin‘ U Out“, weil es auf nahezu prototypische Weise Punk und Powerpop-Putzigkeit vereint – zwei Pole, die nun einmal den Markenkern von Antarctigo Vespucci ausmachen. „So Vivid!“ ist darauf der Song, der am besten zeigt, wie die Verbindung aus Niederlagen, Sorgen und Selbstzweifeln mit mitreißenden Melodien und einer manchmal theatralischen Pop-Ästhetik gelingt: Was man für beides braucht, ist ein Hang zu von hinter aufzäumender Romantik.

Was anno 2015 mit Antarctigo Vespucci aus einer Party-und-Stillstand-Laune der beiden Indie-Punk-Musiker Chris Farren und Jeff Rosenstock heraus entstand, nimmt mit „Love In The Time Of E-Mail“ durchaus ernstzunehmende, konzeptionelle Züge an, in denen sich neben der spannenden, stets aktuellen Thematik des Albums (Gibt es die „wahre Liebe“ im Zeitalter von E-Mails, Twitter, Instagram, SMS, Facebook etc. pp. noch?) auch die Musik als ebenso spannend und abwechslungsreich – und selbstverständlich ordentlich punkig – erweist.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Good Things – „Heaven Is Yours“


Good Things sind eine Punkrock-Band aus New York City, die aus Cameron Sacchet (Gesang, Gitarre), Christopher Henriquez (Bass) und Eric Pace (Schlagzeug) besteht – drei Kumpels, die es lieben, gemeinsam Musik zu machen und Geschichten zu erzählen. Mit ihrer vielfältigen musikalischen Sozialisation vermischen Good Things, welche mit gerade einmal etwa 250 Facebook-Likes noch als echter Geheimtipp gelten, Elemente aus Punk, Post Hardcore, Indie und Alternative Rock und schaffen in ihren Songs so nicht selten ein recht komplexes Hörerlebnis. „Heaven Is Yours“, das kürzlich via Bandcamp als „name your price“ veröffentlichte Debütwerk der Band, ist eine Konzept-EP, welche eine Kurzgeschichte über Liebe und Tod vertont. Mehr noch sogar: mit ihrer ideenreichen, druckvollen Instrumentierung (in der sogar Platz für ein kurzes Saxofon-Intermezzo ist!) und Sacchets erdrückendem Gesang nimmt sie den Hörer für knapp zwanzig Minuten vollumfänglich gefangen. Und irgendwie kann „Heaven Is Yours“ ja auch sinnbildlich für die Geschichte von Good Things stehen, denn diese hat gerade erst begonnen…

Gitarrist und Sänger Cameron Sacchet meint über das Debütwerk seiner Band: „‚Heaven Is Yours‘ ist eine Konzept-EP über Liebe und Tod. Sie wurde eigentlich rückwärts geschrieben, wobei zuerst der Titelsong am Ende der Platte entstand und der Rest darauf aufbaut. Wir mischten einen Haufen verschiedener Stile, indem wir einfach das schrieben, was wir schreiben wollten und Spaß dabei hatten.“

Rock and Roll.

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