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Sunday Listen: Kevin Devine & The Goddamn Band – „Matter Of Time II“


Klar, Rock-Methusalems wie Keith Richards, Bruce Springsteen oder Bob Dylan mag dieser Fakt lediglich ein müdes Schmunzeln ins faltige Antlitz wehen, aber: Auch Kevin Devine fährt nun schon lange genug in diesem Schnellzug namens Musik-Bizz, dass er früher, in den Anfangstagen seiner Solo-Karriere, neue Songs noch auf MySpace präsentierte. Wenig verwunderlich, dass diejenigen, die ihrerzeit etwa noch penibel Musik auf Kassetten überspielt und mitgeschnitten haben, sich nun wie fossile Relikte in der schönen neuen digitalen Welt zwischen der allzeitlichen Verfügbarkeit via Spotify, YouTube und Co. fühlen mögen…

Im Laufe der vergangenen zwei Dekaden hat sich so einiges verändert – wozu auch der Fokus von Kevin Devines Songs zählt. Klar, in denen sucht der mittlerweile 41-jährige Singer/Songwriter aus New York City noch immer nach der bestmöglichen Balance zwischen offenherzigen Liebesbekundungen und eindringlichen soziopolitischen Zeitgeist-Kommentaren. Und doch hat sich vieles gewandelt. War er früher noch ein selbsternannter „Twentysomething-Idiot“, der ungefilterte Geständnisse von den Hochhausdächern des Big Apple in die Welt hinausposaunte, während er auf Ecstasy war (Jugendsünden, wer kennt’s nicht), ist er heute Vater einer Fünfjährigen, der ebenso offen mit prägenden Momenten seiner Vergangenheit abrechnet. Nichts gänzlich Neues, schließlich sag Devine schon in dem 2003er Fan-Liebling „Ballgame“ über unerschütterliche Verhaltensmuster, die Phasen der Selbstzerstörung und das darauf folgende Scheitern. Ähnliche Töne wählt er 13 Jahre später in „I Was Alive Back Then„, dem Abschlusssong seines bislang jüngsten, auch bereits wieder fünf Jahre zurückliegenden Solo-Albums „Instigator„, in welchem er den ein oder anderen neuen Bezug zur eigenen Vergangenheit herstellt (und damit auch irgendwie einen nahezu perfekten Schlusspunkt unter seine bisherige Diskografie setzt), indem er über alle die Dinge schreibt, die er es endlich „kapiert“ habe, als seine Tochter Edie geboren wurde. „Als ich den Song schrieb, dachte ich: ‚Wenn morgen die Aliens kommen und den Planeten zerstören, dann habe ich diesen Song geschrieben, und das ist ein guter Ort, um aufzuhören'“, meint Devine.

Fünf Jahre sind seit dem letzten Album vergangen – das ist für einen wie Kevin Devine, der seit seinem ersten, 2001 erschienenen Solo-Debüt „Circle Gets The Square“ in der Regel höchstens zwei, drei Jährchen ins Land ziehen ließ, bevor er wieder mit einem neuen, frischen Langspieler um tönende Eck bog, eine recht lange Zeitspanne. Untätig war er – Corona hin, Pandemie und Beschränkungen her – jedoch auch in der letzten Zeit keineswegs. Gemeinsam mit seinen Kreativpartnern sowie seiner Goddamn Band hat der US-Musiker und ehemalige Frontmann von Miracle Of 86 bereits das ein oder andere Stück fürs neue Werk geschrieben und aufgenommen, zudem auf der „No One’s Waiting For Me Tonight“ EP im vergangenen Jahr schon fünf neue Songs hören lassen. Zudem ist Devine ja auch in anderen Band-Projekten aktiv – so veröffentlichte er mit Musiker-Buddy Andy Hull (seines Zeichens im Hauptjob Frontmann von Manchester Orchestra) 2019 die erste neue Bad Books-Platte nach sieben Jahren Funkstille. Zu Beginn des letztjährigen Lockdowns startete Devine außerdem den „Kevin Devine Social Club“ auf Patreon, wo er Fans, die bereit sind, einen kleinen, regelmäßigen Obolus springen zu lassen, mit privaten Live-Stream-Shows, handgeschriebenen Textblättern oder monatlichen exklusiven Coverversionen belohnt. Wer abseits dieser kreativen Lebenszeichen dennoch aufs neue Album wartet, muss wohl nicht mehr allzu lange ausharren – Devines Langspieler Nummer zehn sei bereits aufgenommen und abgemischt und soll 2022 erscheinen. Davor gönnt sich der umtriebige Indie-Musiker noch ein kleines Resümee anhand von „Matter Of Time II„, dem Nachfolger von „Matter Of Time“ aus dem Jahr 2015, auf dem er alte Songs aus dem eigenen Backkatalog gemeinsam mit seiner Goddamn Band neu arrangiert und ihnen, wenn man so mag, aufs Neue Flügel verliehen hat.

Diesem Ansatz, eine Art persönliche Best Of im Live-Gewand einzuspielen, bleiben Kevin Devine und seine Begleitband nun auch auf „Matter Of Time II“ treu: Während der Schwerpunkt von „Matter Of Time“ auf Stücken aus Devines Zwanzigern lag, konzentriert sich der zweite Teil der Reihe nun vornehmlich auf Songs von den Releases des letzten Jahrzehnts – fast logisch also, dass etwa die Titelsongs seines 2013er Album-Doppelschlags „Bulldozer“ und „Bubblegum“ ebenso nicht fehlen dürfen wie das ein oder andere Highlight von „Instigator“ (man höre zum Beispiel die berührende 9/11-Reminiszenz „No History“). Und wem „School“ bekannt vorkommt: Selbiger Song mag zwar nicht aus der Feder von Kevin Devine stammen, ist jedoch dessen Erinnerung daran, dass er sich gemeinsam mit seiner Band vor zehn Jahren Nirvanas „Nevermind“ vornahm, um jenes in Gänze zu covern (obwohl dann „School“ wiederum vom Nirvana-Debüt „Bleach“ stammt).

Nein, langweilig ist keine der 43 Minuten von „Matter Of Time II“ – was zum einen an der feinen Songauswahl liegen mag, zum anderen an der liebevollen Detailarbeit, mit welcher Devine und seine Band den dreizehn Stücken einiges an neuem Leben und mitreißender Live-Energie verleihen. Und so einmal mehr beweisen, dass sich alles ständig im Wandel befindet und nichts auf ewig Gültigkeit besitzt. Diese Erfahrung mussten auch die Betreiber von MySpace machen: Auf dem Portal, dass kurz nach der Jahrtausendwende für kurze Zeit einen ähnlich angesagten heißen Scheiß darstellte wie etwa eine Plattform wie StudiVZ, jetzt jedoch ein eher tristes digitales Karteileichen-Dasein fristet, gingen vor ein paar Jahren durch einen missglückten Serverumzug sämtliche Fotos, Videos und Audiodateien verloren, die in den Jahren 2003 bis 2016 hochgeladen wurden – und somit wohl auch einige jener Songs, die Kevin Devine seinerzeit dort hochlud. Passiert? Passiert. Es ist eben nichts so vergänglich wie die Vergangenheit…

„‚Matter Of Time II‘ is one of those recordings it takes a weekend to make, but three years to put in place. Zack and I started gently kicking the idea around in 2018, going back and forth about song selections, potential studios, visual presentation, waiting for a window. One of the unintended byproducts of a forced two-year hard stop to touring was more of those windows materializing. Planning picked up steam through the second half of 2020. We threw our hat over the wall and booked some time at Dreamland for February 2021, where we’d done drums for ‚Bubblegum‘ in 2013 – truly the perfect room for this project in this moment, a big converted church with massive, unbeatable natural acoustic ambience, plenty of sonic isolation and space to spread out to facilitate live recording. I reached out to Damon, Strand & Chris, shared the tracklist, had some – maybe three – rehearsals in Brooklyn. The Covid of it all was very much (obviously) at the forefront – those rehearsals and tracking were pre-vaccination and very much masked and distanced and angling myself towards a wall while singing so as to not accidentally spray anyone across the room. Meals in as open spaces as possible, mindful of facial direction and sorta wolfing things down and then remasking.

It’s bizarre, it’s reality, it’s suboptimal, and still, given all the precautions, it felt so good to be working on music with people in the same room, a clear contrast to a very fruitful, very specific passage working essentially totally remotely on the ‚No One’s Waiting Up For Me Tonight‘ EP, my monthly Patreon recordings, and the tenth studio record. I have experienced real growth and benefit through those processes, but there is no substitute for standing in front of collaborators and hammering it out. Especially hammering *this* out: an intuitive, seasoned, connected group of players (who also happen to be friends) in an immaculate-sounding room running through a few takes of material ranging from four months to 18 years old. It was adrenalized and enlivening and purely joyful. A note about the band: Damon, Mike, and Chris are each and all so *good,* so fluid & dynamic & expressive, with such depth of immersion in my songwriting brain and all of our various iterations of its collaborative articulation over the arc of a career.

Their abilities informed a total confidence heading into this process, despite the clear difference in methodology between ‚a handful of rehearsals and let’s go‘ and the three uninterrupted months of touring I did with Mike Fadem, Daniel Sparks and Strand before we made the first ‚Matter Of Time‘ in May 2012. I believe the results speak for themselves. I love what we’ve made; it feels exciting and alive, a vital document getting its arms around an entire timeline and translating it to a single moment.

We never anticipated the first ‚MOT‘ would grow to hold the high place it does in the estimation of so many of you; we hope this one earns its keep and slots neatly at its side.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Torres – Thirstier (2021)

-erschienen bei Merge/Cargo-

Für alle jene, die in ihrem Leben auch nur eine Fingerbreit an Erziehung genossen haben, mag sich das zwar wie eine obligatorische Selbstverständlichkeit lesen, aber: Ein gepflegter Umgang mit anderen Menschen ist sehr wichtig. Ein respektvolles, freundliches Miteinander ist in einer zivilisierten Gesellschaft ja fast schon eine Visitenkarte, Höflichkeit eine Selbstverständlichkeit. Gossensprache? Können die anderen gern für sich beanspruchen. Sich laut anschreien und beleidigen? Wohl vielmehr etwas für die Kommentarspalten in den sozialen Medien oder irgendwelche x-beliebigen Bewertungsforen. Kraftausdrücke? Bitte nur in absoluten Ausnahmefällen. Und ein solcher lag etwa im Januar 2020 vor, als Torres ihr damals neu erscheinendes viertes Album „Silver Tongue“ mit einem Waschzettel an ihr Ex-Label 4AD und dem recht drastischen Ausruf „Fuck the music industry“ garnierte – kein Wunder, schließlich hatte ebenjenes Label, einem vereinbarten Drei-Platten-Deal zum Trotz, die Künstlerin bereits nach einem Album fallen lassen, da die US-Musikerin ihnen „zu wenig kommerziell“ erschien. Gemessen in den Umständen ging dieses Zitat also vollkommen in Ordnung… Ebenso wie nun der spontane Ersteindruck, welcher wohl nicht wenigen Hörern und Hörerinnen angesichts von Torres‘ neuem Werk linguistisch entfleuchen dürfte: Verdammte Scheiße, ist das geil!

Foros: Promo / Shervin Lainez

Denn Mackenzie Ruth Scott alias Torres scheint auf „Thirstier„, dessen Albumcoverartwork wohl kaum zufällig einmal mehr von Scotts Lebensgefährtin, der Künstlerin Jenna Gribbon, stammt, neuerdings die Sonne aus dem nicht eben untalentierten Arsch. Ja, sorry – manche Dinge muss man eben einfach sagen, wie sie sind. Nach diversen Selbstfindungsprozessen und den bereits erwähnten Label-Schwierigkeiten war es nun aber auch mal an der Zeit, allen Zweiflern, Zweifeln und Ängsten ins Gesicht zu lachen und sich vor allem den positiven Dingen des Lebens zu widmen. Torres‘ fünftes Album macht genau das – nicht nur, dass es ihre optimistischste und gelungenste Platte bis dato ist, man hört ihr auch den neuen, schönen Ausblick in die Zukunft deutlich an. Typisch für jemanden, dem es nach einer längeren Durststrecke nun endlich – sowohl im Privaten als auch im Kreativen – richtig gut geht, will das Album zudem umso mehr erreichen. Warum nur dieses eine Land erobern, wenn es auch die ganze, weite Welt sein kann? Eben. Und insofern ist „Thirstier“ ein durchaus passender Albumtitel, denn Mackenzie „Torres“ Scott hat Durst. Und wahrscheinlich auch Hunger. Nach mehr von allem. Und nimmt es sich. Das Bankett ist hiermit eröffnet! Alle Ecken und Enden der zehn neuen Stücke vermitteln den Eindruck, dass die 30-jährige Musikerin aus New York City das ersehnte Licht am Tunnelende emotional und musikalisch erreicht hat. Gerieten die ersten beiden Platten noch etwas karg und spröde (man denke sich ein schwermütiges Gespräch zwischen PJ Harvey und Cat Power zurecht), war das 2017 erschienene „Three Futures“ eine musikalische Haltestation irgendwo zwischen Trance, Electro und Synth Pop, in deren Landschaft sie auf ihrer selbstproduzierten LP „Silver Tongue“ noch tiefer stolzierte, so deutete der Vorgänger jedoch bereits erste Züge jenes Grunge-Rocks an, den sie auf „Thirstier“ im strahlend bunten Cinemascope-Format nun selbstbewusster und fokussierter denn je zelebriert.

Ich wollte meine Intensität in etwas kanalisieren, das sich positiv und konstruktiv anfühlt, im Gegensatz zu einer intensiven, zerstörerischen oder ausweidenden Art und Weise. Ich liebe die Idee, dass Intensität tatsächlich etwas Lebensrettendes oder etwas Freudiges sein kann.“ (Mackenzie Scott)

Noch nicht überzeugt? Dann bitte doch mal direkt die tolle Single „Hug From A Dinosaur“ anwerfen, die – auch abseits des lustigen Bildes vorm inneren Auge ob des Titels – natürlich vor allem musikalisch, als dreckig tönendes Garage-Rock-Highlight der Platte, überzeugt. Vorwärts geht’s hier, mit Chor und Handclaps und viel Strom. Pompös ist das, opulent, ein bisschen kitschig wohlmöglich – und verflixt noch eins spaßig! Das lassen sich andere Songs nicht zwei Mal sagen und trumpfen ebenfalls auf: Der Opener „Are You Sleepwalking?“ vereint glatt zwei, drei Stücke in sich – und erinnert doch in jedem einzelnen an Annie „St. Vincent“ Clark, als wäre es ein verdammtes Kinderspiel. Ein bisschen gemäßigter, aber nicht weniger klasse schrammelt sich „Drive Me“ den Rest-Frust von der Seele und gibt obendrein noch explizite Anweisungen an den Uber-Fahrer – zielführend nennt man das wohl. Der darf sich dem wochenendlichen Indie-Club-Hopping gleich anschließen, wenn „Hand In The Air“ die hoffentlich baldige vollumfängliche Rückkehr aus sämtlichen Isolationen und Quarantänen einleitet und fast vergessen lässt, worauf man so lange verzichten musste.

Als genauso unberechenbar und facettenreich wie die Liebe, die Torres immer wieder besingt und in all ihren kunterbunten Dimensionen feierlich inszeniert, erweisen sich allerdings auch manche musikalischen Wendungen, die sie inmitten der bombastischen, zumeist Riff- und Hookline-orientiertem Grunge-Power-Pop-Ausrichtung des Albums platziert. „Constant Tomorrowland“ dürfte in dieser Hinsicht zunächst wohl für die meisten Fragezeichen sorgen. Eine klanglich irgendwo zwischen Mittelalter und Seemannslied angesiedelte Folk-Hymne über das Wassermannzeitalter ist schließlich nicht zwingend das erste, an das man nach einer ordentlichen Rock-Injektion rechnet. Mit „Kiss The Corners“ schleicht sich wenig später auch noch eine House-Nummer ein, die ebenfalls den Eindruck erweckt, als hätte sich Torres auf dem Weg zu einer anderen Platte irgendwo verlaufen (gern kann man’s jedoch als Echo der Langspielvorgänger hören). „Big Leap“ mag im Kontext des Albums weniger experimentell erscheinen, dafür jedoch deutlich ruhiger und minimalistischer. Den daraus entstehenden Fokus auf ihren Gesang nutzt Torres, um einige der am schwersten verdaulichen Textzeilen der Platte aufzufahren. Indem sie den schweren Unfall eines Freundes mit einem bittersüßen emotionalen Zwiespalt Revue passieren lässt, bricht sie für einen Moment mit der grundlegend optimistischen Thematik des Albums: „Somehow you’re still here / Got a birthday in three weeks / But now all I can do is cry and worry / I hounded you to stay on the ground / It’ll haunt me forever the way you came down.“ Uff? Uff. Aber nur Friede-Freude-Eierkuchen wäre ja auch langweilig, oder?

Ja, die Auswahl an Torres‘ „Thirstier“-Büfett gerät wahrlich ebenso zahlreich wie sättigend. Da fügt sich die fantastische erste Single „Don’t Go Puttin Wishes In My Head“ mitsamt ihrer Synthesizer-Stärke und den messerscharfen Gitarrenriffs genauso easy-peasy ins Gesamtbild ein wie das sanft startende und in einem fulminanten Feuerwerk endende fantastische Titelstück. „The more of you I drink / The thirstier I get“, singt Torres da und sorgt damit für eifrig zustimmendes Kopfnicken bei der Hörerschaft, sind solche Zeilen doch wie gemacht dafür, als Tattoos Parade getragen zu werden. Ein durch und durch brillanter, positiv gestimmter, gen Firmament jubilierender Love-Song im besten Sinne, der dem dezent angestaubten Genre endlich mal einen neuen Rock-Twist angedeihen lässt. Zum Schluss dann, wenn „Keep The Devil Out“ die letzte Power aus der Drum-Machine kitzelt und den Teufel in den letzten Sekunden wohl derart in die Erschöpfung zwingt, dass er von ganz allein aufgibt, bleiben nicht mal mehr genug Kraftausdrücke übrig, um die aktuelle Gefühlslage zu beschreiben. Also macht man es am besten so wie nach einer guten Mahlzeit: ein bisschen die olle Wampe tätscheln und selig lächeln. Alles ist gut – für Mackenzie Scott und nach dem Genuss dieses Albums, das einen von Mal zu Mal tiefer in seinen Bann zieht.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Karen O – „If You’re Gonna Be Dumb, You Gotta Be Tough“


Was macht eigentlich Karen O gerade? In jüngster Vergangenheit war’s ja etwas ruhiger um die sonst so umtriebige Yeah Yeah Yeahs-Frontdame, die zuletzt vornehmlich mit Kollaborationen, etwa an der Seite von Danger Mouse (auf dem gemeinsamen Album „Lux Prima„) oder Willie Nelson (für die Single „Under Pressure„), in Erscheinung trat.

Kenner des Schaffens der New Yorker Musikerin wissen außerdem, dass die 42-Jährige besonders gern Soundtracks mit ihren Beiträgen veredelt – man denke nur an die viel gelobte musikalische Begleitung zu Spike Jonzes Film-Adaption “Where The Wild Things Are” (von 2009) oder – vor gar nicht so langer Zeit – ihre Coverversion des Smashing Pumpkins-Ewigkeitssongs „Bullet With Butterfly Wings“ .

Bereits einige Jahre zuvor, 2010, steuerte Karen O ebenfalls eine Coverversion zum Score eines Kinofilms bei. Dabei sollte man sich keineswegs vom Fakt, dass es sich bei selbigem Film um den Sinnfrei-Hillbilly-Klamauk „Jackass 3D“ handelt, beirren lassen, denn Karen Lee Orzoleks Variante von “If You’re Gonna Be Dumb, You Gotta Be Tough”, dessen Countrysong-Original von Roger Alan Wade 2005 erschien (übrigens handelt es sich bei jenem Roger Alan Wade um den Cousin von Jackass-Mitglied Johnny Knoxville, der wiederum auch die Originalversion produzierte), ist ein klasse Ohrwurm. Umso erstaunlicher, dass das Stück bislang – bis zu seinem Einsatz in einer abendlichen Fernsehshow gestern – erfolgreich an mir vorbei gehuscht ist…

„If you’re gonna be dumb, you gotta be tough
When you get knocked down you gotta get back up
I ain’t the sharpest knife in the drawer
But I know enough, to know
If your gonna be dumb, you gotta be tough

I drenched my brain with Rot-Gut whiskey
Till my pain was chicken fried
And I had dudes with badges frisk me
Teach me how to swallow pride

I took advice no fool would take
I got some habits I can’t shake
I ain’t the sharpest knife in the drawer
But I know enough to know
If you’re gonna be dumb, you gotta be tough

If you’re gonna be dumb, you gotta be tough
When you get knocked down, you gotta get back up
That’s the way it is in life and love
If you’re gonna be dumb, you gotta be tough

I’ve been up and down and down and up
I’ve been left and right and wrong
Yeah, I’ve walked the walk and I’ve run my mouth
On the short end for too long

If they gave medals for honky tonk fuckin‘ wars
Hell, I’d put mine in my chest of drawers
With my irs bills and divorce papers and all that stuff
If you’re gonna be dumb, you gotta be tough

(Everybody!)
If you’re gonna be dumb, you gotta be tough
When you get knocked down, you gotta get back up
I ain’t the sharpest knife in the drawer
But I know enough to know
If you’re gonna be dumb, you gotta be tough
If you’re gonna be dumb, you gotta be tough
(One more time!)
If you’re gonna be dumb, you gotta be tough“

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Lez Zeppelin – „The Island Of Skyros“


Wer denkt, Led Zeppelin-Cover bereits auf jede erdenkliche Art und Weise sowie in nahezu jedem Musikstil gehört zu haben, dem seien Lez Zeppelin wärmstens empfohlen. Denn obwohl Steph Paynes, Marlain Angelides, Joan Chew und Leesa Squyres die Songs der Rock-Legenden nicht unbedingt in beloslowakischen Raggamuffin überführen, darf man gern ewig suchen, um eine ähnlich professionelle und gekonnt zu Werke gehende LedZep-Cover-Truppe zu finden. Nach zwei simpel „Lez Zeppelin“ (2007) und „Lez Zeppelin I“ (2010) titulierten Alben ließ die All-Female-Tribute-Truppe aus New York City im November 2019 die EP „The Island Of Skyros“ hören, auf der das Quartett sechs weitere Klassiker ihrer musikalischen Vorbilder um die ebenso interessanten wie dramatischen Elemente eines Streicherensembles erweitert.

Und bloße Cover-Nachspielerei findet man auch darauf keineswegs. Unter der Regie von Gitarristin Steph Paynes verwenden Lez Zeppelin ihre kreative Energie darauf, nicht nur die Songs der zwar seit 1980 aufgelösten, aber nach wie vor kultisch verehrten Rock-Götter um Jimmy Page und Robert Plant in Perfektion zu spielen (was sie schonmal auf ein ähnliches Level heben würde wie etwa The Australian Pink Floyd, die die Stücke der gleichsam stillgelegten britischen Prog-Rock-Götter eindrucksvoll auf Konzertbühnen erlebbar machen), sondern noch ein, zwei kleine Schritte weiter zu gehen und den All-Time-Klassikern ihre eigene persönliche Note zu verleihen.

Wie Bandleaderin Steph Paynes über die Entstehung des neusten Werkes erzählt: „Die Idee für unser Album ‚The Island Of Skyros‘ entstand, als wir beschlossen, etwas zu experimentieren und ein Konzert mit Streichern im Suffolk Theatre in New York zu organisieren. Wir fragten uns, ob das Hinzufügen einer Live-Orchestrierung in Form einer Kammermusikgruppe uns erlauben würde, einige der weniger offensichtlichen klanglichen Möglichkeiten dessen zu beleuchten und das zu erforschen, was wir als die ‚klassische Musik unserer Zeit‘ betrachten. Wir wählten eine Gruppe von sieben Musikern und gaben Arrangements in Auftrag, die speziell für Lez Zeppelin geschrieben wurden, um die Intensität unserer Live-Auftritte zu bewahren. Das Ziel war es, die Fülle und das Zusammenspiel der Musik hervorzuheben und die Intensität zu erhalten, ohne sie damit zu zähmen oder abzuschwächen.“

Hinsichtlich der Songauswahl weiß die Gitarristin Folgendes zu berichten: „Wir haben für das Album Songs ausgewählt, die etwas ‚heavier‘ sind und sich vielleicht nicht so offensichtlich für eine Streicherarrangement eignen, wie ‚Immigrant Song‘ und ‚Achilles Last Stand‘. Besonders bei ‚Achilles‘ mit seiner Armee von Gitarren, ständig explodierenden Drums und seiner von Anfang bis Ende durch den Song galoppierenden Bassline schien es fast unmöglich, dies mit einer Orchestrierung noch zu toppen. Doch als wir die ‚Streicher-Behandlung‘ vornahmen, fanden wir sogar neue epische Momente und lebendige Klangfarben, die wir vorher nicht bemerkt hatten.“

Fans der männlichen Originale dürften Lez Zeppelin wohl längst ein Begriff sein. Seit ihrer Gründung im Jahr 2004 erntete die weibliche Tribute-Band einiges an Lob und Beifall von Hörern wie Kritikern und wurde nicht nur als einer der aufregendsten Live-Acts, der bereits auf bekannten wie renommierten Bühnen wie dem Bonnaroo, dem Hellfest, der Isle Of Wight oder im Madison Square Garden stand (und bei dem die Studio-Konserve die Qualität freilich nur zum Teil wiedergibt), sondern weltweit auch für ihre Musikalität und Professionalität (gerade im Tribute-Fach), ihre Leidenschaft und ihre geschlechterübergreifende Kühnheit, mit der sie die Musik von Led Zeppelin interpretieren, gefeiert.

Genug der Weihen? Nope. So wurden Lez Zeppelin im September 2019 gebeten, ein Konzert im Metropolitan Museum of Art in Verbindung mit der äußerst beliebten Ausstellung „Play It Loud: Instruments of Rock and Roll“ zu spielen. Ausgewählt zu werden, um die Sammlung von Jimmy Pages Gitarren in einer Met-Ausstellung zu repräsentieren, sei laut Paynes „eine große Ehre und ein lebenslanger Traum“ gewesen. Und ebenjener Jimmy Page höchstselbst besuchte 2013 eine Lez Zeppelin-Show in London und meinte danach über die Band: „Sie spielten die Musik von Led Zeppelin mit einer außergewöhnlichen Sinnlichkeit sowie einer Energie und Leidenschaft, die ihre großartige Musikalität unterstrich.“ Einen größeren Ritterschlag gibt’s nicht, braucht’s nicht. 🤟

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Boygenius


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Wenn man von Supergroups spricht, denkt man normalerweise schnell an Namen wie – freilich – Crosby, Stills, Nash & Young (David Crosby, Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young), Cream (Ginger Baker, Eric Clapton und Jack Bruce), eventuell auch an (die recht kurzlebigen) Them Crooked Vultures (John Paul Jones, Dave Grohl und Josh Homme) oder (die nun wieder aufgetauchten) The Good, the Bad & the Queen (Damon Albarn, Paul Simonon, Simon Tong und Tony Allen) oder Audioslave (Rage Against The Machine, ohne Rap-Fronter Zack de la Rocha, dafür mit dem kürzlich verstorbenen Engelsstimmen-Shouter Chris Cornell). Kurzum: an eine Schar renommierter, vorwiegend männlicher Musiker aus dem Folk- oder Mainstream-Rockbereich.

Nun wurde auch Boygenius die Ehre zuteil, vom Online-Musikmagazin „Pitchfork“ zu einer ebensolchen „Supergroup“ erhoben zu werden. Das Kollektiv um Lucy Dacus, Julien Baker und Phoebe Bridgers ist jedoch weder männlich, noch dem Mainstream-Publikum bislang sonderlich bekannt. Oder doch? Schließlich wirbelten ihre Einzel-Akteurinnen die Alternative-Folk- und Indierock-Szene in den vergangenen Monaten stilecht durcheinander: Lucy Dacus veröffentlichte erst im vergangenen März ihr hochgelobtes zweites Album „Historian„, Julien Baker ihr tolles zweites Album „Turn Out The Lights“ im Oktober 2017. Und nur einen Monat zuvor war Phoebe Bridgers‘ beachtliches Debüt „Stranger In The Alps“ erschienen (von der Dame war, ähnlich wie Julien Baker, auf ANEWFRIEND ja bereits des Öfteren die Schreibe). Na, klingelt’s?

Die Idee für Boygenius entstand, als Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus zusammen für eine US-Tour gebucht wurden. Bridgers und Dacus trafen erstmals im Backstage-Bereich eines Festivals in Philadelphia aufeinander und waren sich sofort sympathisch. Mit Baker tauschte sich Dacus schon länger per E-Mail über Songwriting-Ideen aus. „Als wir uns trafen“, so Julien Baker über das Projekt mit ihren ehemaligen Tourpartnerinnen, „waren Lucy, Phoebe und ich in unseren Leben und unseren musikalischen Unternehmungen an ähnlichen Punkten angelangt, außerdem hatten wir so ziemlich dieselbe Einstellung gegenüber Musik. Daraus entstand unmittelbar eine Seelenverwandtschaft.“

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Mit ihren unlängst erschienenen, bereits erwähnten Alben hatten die drei Songwriterinnen bewiesen, dass sie zu den jungen und großen Talenten der US-amerikanischen Indie-Musikszene gehören. Insofern verwundert es nicht, dass bereits nach ein paar Sessions, zu denen jede der drei jeweils einen eigenen Song sowie einen Entwurf für einen gemeinsamen Boygenius-Titel mitbrachte, so ergiebige Ergebnisse zu verzeichnen waren, dass statt einer ursprünglich geplanten Tour-7-Inch-Single eine EP mit sechs Tracks entstand, welche das Trio Ende Juni 2018 in den Sound City Studios in Los Angeles aufnahm.

boygenius_stEs gelingt besonders den ersten vier Songs dieser selbstbetitelten EP, die Vielzahl der Stärken von Baker, Bridgers und Dacus auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. „Bite The Hand“ ist Opener und – nebst dem Ohrwurm „Souvenir“ – Glanzstück zugleich, weil hier die Synergien, die zunächst Lucy Dacus in den Fokus stellen, am deutlichsten herausgearbeitet wurden. „Me & My Dog“ setzt danach das melancholische Folk-Talent von Phoebe Bridgers wunderschön in Szene, Ähnliches gilt für „Stay Down“ und Julien Baker (das Gitarrensolo!). Keine der drei Damen drängt sich jedoch auf, Frau teilt den Leadgesang schwesterlich untereinander auf, stellt sich zu jeder Zeit songdienlich hinten an – sehr schön, dieses gefühlt blinde Verständnis für die Harmonien der jeweils anderen. Einziges Manko, in der Tat: Die EP ist mit sechs Stücken innerhalb von 22 Minuten viel, viel zu kurz geraten – demnächst ein Album, bitte? Denn diese „Supergroup“ legt mit ihren ersten Songs massig Finten voller Potential und darf daher gern noch länger so „super“ tönen…

 

 

Am 7. November 2018 gaben Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus im Rahmen ihrer gemeinsamen US-Tour sowie ihrem Tour-Stopp in der Brooklyn Steel in New York City, New York nicht nur die Songs ihrer ersten gemeinsamen Boygenius-EP zum Besten…

 

Nein, jede der drei aufstrebenden Indie-Musikerinnen spielte auch ein eigenes Set. Mitgeschnitten wurde das Ganze freundlicherweise von „Pitchfork LIVE“. Gesamtdauer: alles in allem stattliche knapp drei Stunden. Wohl bekomm’s!

 

(Wer mehr über Boygenius wissen mag, dem sei etwa dieses recht ausführliche Porträt des deutschen „Rolling Stone“ vom vergangenen November empfohlen…)

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Brass Against – „Wake Up“


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„In this politically challenging era, it’s time to stand up against the machine. We want the music we perform to sound inspiring and resonate with people’s emotions, encouraging them to act. We combine rock and edgy hip-hop to play music that’s powerful and empowering. Brass Against is exceptional music with a political edge.“

 

Brass Against covern – der Name verrät es wohl bereits – vorrangig Stücke der legendären Alternative-Rap-Rocker Rage Against The Machine. Darüber hinaus nimmt sich die neunköpfige Brass-Band mit politischer Message aus New York City jedoch auch andere (Protest)Songs von Bands und Künstlern wie Public Enemy, A Tribe Called Quest, Kendrick Lamar, Jane’s Addiction, Gil Scott Heron, Living Colour, Led Zeppelin, den Fugees oder jüngst gar die eigentlich uncoverbaren Tool vor.

Phat.

 

 

Rock and Roll.

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