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„Tausend Jahre sind ein Tag…“ – ANEWFRIENDs Top 10 der Jahreszahl-Songs


How-to-Promote-Mixtape

Kürzlich kam mir beim Hören von Frank Turners neustem Album „Be More Kind“ (welches kein schlechtes, jedoch bei weitem nicht sein bestes ist) ein spontaner Gedanke: Wie wäre es mit einer Top 10 der – spontan, freilich! – persönlich liebsten und tollstbesten Songs mit einer Jahreszahl im Titel?

Gedacht? Getan! Natürlich (ich schrob „spontan“, Ladies und Gentlemänner!) ohne Gewähr auf Vollständigkeit, jedoch feinstsäuberlich-deutsch chronologisch geordnet: hier ist meine eigene Liste…

(Falls euch noch das ein oder andere Stück in den Sinn kommen sollte: lasst es ANEWFRIEND und die internetze Welt da draußen in den Kommentaren wissen!)

 

 

The Gaslight Anthem – „1930“ (vom Album „Sink Or Swim“, 2007)

 

„And I see you like you were there

And I know just how you’d smile

Mary, you looked just like it was 1930 that night…“

 

 

 

Frank Turner – „1933“ (vom Album „Be More Kind“, 2018)

 

„The first time it was a tragedy

The second time is a farce

Outside it’s 1933 so I’m hitting the bar…“

 

 

 

Neutral Milk Hotel – „Holland, 1945“ (vom Album „In The Aeroplane Over The Sea“, 1998)

 

„The only girl I’ve ever loved

Was born with roses in her eyes

But then they buried her alive

One evening 1945

With just her sister at her side

And only weeks before the guns

All came and rained on everyone

Now she’s a little boy in Spain

Playing pianos filled with flames

On empty rings around the sun

All sing to say my dream has come…“

 

 

 

The Stooges – „1969“ (vom Album „The Stooges“, 1969)

 

„Well, it’s 1969 – OK all across the USA

It’s another year for me and you

Another year with nothing to do…“

 

 

 

The Smashing Pumpkins – „1979“ (vom Album „Mellon Collie And The Infinite Sadness“, 1995)

 

„Shakedown 1979, cool kids never have the time

On a live wire right up off the street

You and I should meet…“

 

 

 

Sophie Hunger – „1983“ (vom Album „1983“, 2010)

 

„Guten Morgen, 1983

Wo sind deine Kinder?

Ich bin zu Dir zurückgekehrt

Nur kurz, noch nicht für immer

1983, zeig mir deine Finger

Und frag nach deinem Abdruck…“

 

 

Prince – „1999“ (vom Album „1999“, 1982)

 

„Say, say two thousand zero zero party over, oops, out of time

So tonight I’m gonna party like it’s nineteen ninety-nine…“

 

 

 

Silverchair – „Anthem For The Year 2000“ (vom Album „Neon Ballroom“, 1999)

 

„We’ll make it up to you

In the year 2000

Build it up for you

In the year 2000

Make it up to you

In the year 2000

Build it up for you

In the year 2000 with you…“

 

 

 

Pearl Jam – „4/20/02“ (vom Album „Lost Dogs (Rarities & B-Sides)“, 2003)

 

„So all you fools

Who sing just like him

Feel free to do so now

‚Cause he’s dead…“

 

 

 

The World is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die – „January 10th, 2014“ (vom Album „Harmlessness“, 2015)

 

„But don’t you quiver

I am an instrument

I am revenge

I am several women…“

 

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


La Dispute – Rooms Of The House (2014)

la-dispute-rooms-of-the-house-erscheint bei Better Living/Big Scary Monsters/Alive-

Kinders, was war das für ein Bohei damals, im Herbst 2011. Die nicht eben für markige Schnellschussaktionen unbekannte VISIONS rief im Titel „Die Zukunft des Harcore“ aus und legte dem Ganzen dann gleich noch – wie als Beleg – das komplette (!), in Deutschland bis dato unveröffentlichte zweite Album einer noch recht jungen Band aus Grand Rapids/Michigan bei. Irre? Nur im ersten Moment (verbuchen wir’s unter „im Eifer für die Musik“). Vorschnell? Nope, keineswegs. Denn „Wildlife„, eben jenes Album der fünf bleichen Schlakse von La Dispute, war zwar im Gros ähnlich laut, drängend und stürmisch wie die Platten der Bands, mit denen sie, der Einfachheit der Kategorisierung halber, oft in einen Topf mit der markigen Aufschrift „The Wave“ geworfen wurden (Touché Amoré, Defeater, Pianos Become The Teeth oder Make Do And Mend, um nur ein paar zu nennen), aber irgendetwas… nein: vieles war – zumindest in meinen Ohren – so anders als bei den Alben der „Genre-Konkurrenz“. Und auch, wenn „Wildlife“ (bei mir) einige Zeit mehr benötigte, um vollends im Hörerherzen zu zünden, so schaffte es La Disputes zweites Werk doch wie wenige vor ihm (und keine danach – bislang), sich ebenso im Herzen wie in den Gehörgängen und Hirnwindungen festzusetzen. Warum nur? Immerhin boten die 14 Songs innerhalb der knappen Stunde Spielzeit doch – oberflächlich betrachtet – vor allem: Krach, Melodiehatz, gebrabbelte Erzählungen und Geschrei. Und da ich im Grunde nicht dem Hörertypus angehöre, der sich in seiner raren Freizeit freiwillig anschreien lässt, mussten schon gute – richtige gute! – Gründe für meine rückhaltslose Verliebtheit in „Wildlife“ her. Die waren freilich da und konnten beim Namen genannt werden: Frontmann Jordan Dreyer. Der milchbubihafte Anfangszwanziger machte bei La Dispute den gewissen Unterschied aus, erwies sich in den Stücken von „Wildlife“ als aufmerksamer Beobachter seiner direkten Umwelt, sammelte größtenteils schmerzhaft wahre Geschichten aus dem Leben auf (der Krebstod eines kleinen Jungen, der Amoklauf eines schizophrenen Kindes, die Shoot’n’Ride-Verfolgungsjagd eines Jugendlichen) und verpackte diese atemlosen Stories in Songs zwischen zwei und sieben Minuten, bei welchen er von seiner Post-Hardcore-Kapelle mal leise, mal im wilden Überschlag begleitet wurde. Das Gesamtergebnis ließ vor zwei, drei Jahren wohl jeden, der sich vollends darauf einließ, mit ähnlich weit gen Boden geklappter Kinnlade zurück und so schnell auch nicht mehr los. Schreibt es der zutiefst menschlichen Lust am Schlüsselloch-Voyeurismus zu, dem Geifern nach großen Emotionen oder der Faszination an packenden Erzählungen. Lyrisch ebenso feinsinnige, auf scheinbar überflüssige Details bedachte und dabei gleichsam fesselnd erzählende Musiker wie Jordan Dreyer muss man im aktuellen Musikgeschäft zweifellos lange suchen – mir fallen so ad hoc höchstens die großen Erzähler John K. Samson (The Weakerthans) oder Mark Kozelek ein. Und in lauteren Gefilden sitzt Dreyer, der für solch ein Niveau auch noch so verdammt junge US-Amerikaner, seit „Wildlife“ eh auf einem einsamen Thron…

La Dispute

Wie also soll man als Band an ein Album (noch dazu erst das zweite!) mit einem Intensitätslevel wie auf „Wildlife“ anknüpfen? Klar, man könnte es wie weiland Jeff Magnum machen, der unter dem Deckmantel seiner Band Neutral Milk Hotel in den Neunzigern mit „In The Aeroplane Over The Sea“ der bewegenden Biografie des jüdischen Mädchens Anne Frank ein überlebensgroßes (musikalisches) Denkmal setzte, um sich darauf vollends aus dem Musikgeschäft zurück zu ziehen (erst 2013 sollte die Band für ein paar Konzerte wieder zusammen finden). Oder es die US-Landsmännern von Brand New gleichtun, die 2006 mit „The Devil And God Are Raging Inside Me“ einen – in klanglicher wie lyrischer Hinsicht – ebenso brachialen wie fesselnden Intensitätsbrocken hinrotzten, und sich drei Jahre darauf mit ihren bislang letzten Album „Daisy“ dann vollends quer gegen alle großen Erwartungen zu stellen. Sicher, all das wäre möglich… Doch La Dispute gehen keinen dieser Wege. Und das Beste: Nicht einmal Stagnation liegt der Band. Wo zur Hölle also will Album Nummer drei dann hin?

La Dispute #1

Einen eventuell befürchteten krassen klanglichen Tapetenwechsel drei Jahre nach „Wildlife“ sucht man schon im Eröffnungsstück „HUDSONVILLE MI 1956“ vergebens: „There are bridges over rivers / There are moments of collapse / There are drivers with their feet on the glass / You can kick but you can’t get out / There is history in the rooms of the house“ – was Erzählfrontmann Jordan Dreyer (als „Gesang“ ließe sich sein mal zu sinistrer Ruhe, mal zu leicht hysterischem Überschwang tendierender Sprech-und-Geschreifluss auch anno 2014 nur schwerlich betiteln) da so in medias res einführt und mit scheinbar nebensächlichen Beobachtungen wie „After dinner / Do the dishes / Mother hums / The coffeemaker hisses on the stove / The steam a crescendo / The radio emergency bulletins and / Everywhere wind“ fortführt, soll die Grundlage für die folgenden 42 Minuten von „Rooms Of The House“ bilden, die bei genauerer Betrachtung eben doch Unterschiede zum Vorgänger offenbaren. Denn anders als noch in „Wildlife“, dessen Geschichten Dreyer so wirklich – mehr oder minder – im Dunstkreis seiner im Nordosten der USA gelegenen 200.000-Einwohner-Heimat Grand Rapids aufschnappte, beweist der Mittzwanziger beim dritten Album seiner Band mehr Mut zur Abstraktion und wagt in den elf neuen Stücken einen fiktiven Streifzug durch die emotionalen Zimmer einer in den Seilen hängenden Beziehung, um darauf nach deren tief sitzendem Dachschaden im gemeinsamen Oberstübchen zu suchen – denn der liegt auch hier in den kleinen, längst verschüttet geglaubten Dramen. Und so kann man in den miteinander konkurrierenden Schilderungen von scheinbar Abseitigem und Alltäglichem – die Gedanken kurz vorm Einbrechen ins Eis in „First Reactions After Falling Through The Ice“, die Szenerien von Autounfällen in „SCENES FROM HIGHWAYS 1981-2009“ oder „35“, die Einsamkeit nach einem Schneesturm in „Extraordinary Dinner Party“, die Beziehungskrisen in „For Mayor in Splitsville“, das familiäre Todschweigen über eine Todgeburt in „THE CHILD WE LOST 1963“ – auch gut und gern tiefere Ebenen vermuten, die Dreyer unter einer Menge allgemeingültigen Gefühlen versteckt. Und: La Dispute, die sich für den Schreibprozess zum neuen Album gemeinsam mit Produzent Will Yip (u.a. Polar Bear Club, Title Fight) in eine Holzhütte mitten ins Nirgendwo der Wälder von Michigan verzogen, gehen dabei auch noch ausgesprochen clever zu Werke, setzen der hinterrücks durchgezogenen Streifzug-Attacke ihres Frontmanns eine Instrumentierung entgegen, die zwar im Grunde schon noch an jene refrain- und strukturfreien Haudrauf-Momente von „Wildlife“ erinnert (etwa im ersten Vorab-Song „Stay Happy There“), oft genug jedoch die Maxime „Weniger ist manchmal mehr!“ walten lässt. So fahren an vielen Stellen nur noch ein, zwei spröde Gitarrenspuren unter Dreyers Worte, halten Drum Computer, direkt pumpende Basslines und beinahe luftiges Alternative-Rock-Gitarrenpicking, das an den experimentellen Elan der Red Hot Chili Peppers zu deren besten Zeiten gemahnt, Einzug ins Klangbild von La Dispute (in den Lufthol-Momenten von „Woman (in mirror)“ und „Woman (reading)“ – letzteres übrigens benannt nach einem Gerhard Richter-Gemälde). Vielleicht liegt hier auch der größte Trumpf der Band verborgen: in der Erkenntnis, dass man „Wildlife“ weder eine Krone on top setzten kann noch muss. Stattdessen schlagen La Dispute auf „Rooms Of The House“ tausend neue Wege ein und fesseln dabei mit nicht minder wenigen emotionalen und musikalischen Fassetten, die 2014 zwar weiter gefächert und eventuell imaginativer um die Ecke biegen, das Quintett, welches zu Teilen mittlerweile auf komplett anderen Kontinenten beheimatet ist (Frontmann Jordan Dreyer wohnt noch immer in Grand Rapids, während es Gitarrist Brad Vander Lugt der Liebe wegen nach Australien verschlagen hat), jedoch vor der drohenden Genre-Sackgasse bewahren. Freilich bietet „Rooms Of The House“ nicht die großen, mächtigen Drama-Explosionen wie „King Park“ oder „Edward Benz, 27 Times“, die noch 2011 beinahe alle anderen Song-Kumpane auf „Wildlife“ in den Schatten zu stellen drohten. Nein, für Wiederholungen sind La Dispute zu gewieft, zu talentiert! Stattdessen setzt die Band den Fokus beim dritten Album auf die grauen Wolken, die ab und an den Blick auf vielsagende Alltäglichkeiten freigeben. Und wenn Jordan Dreyer in der abschließenden Stillleben-Beschreibung „Objects in Space“ all seine Habseligkeiten und Andenken auf dem Fussboden ausbreitet, dann hat man längst aufs Neue sein Herz an diesen jungen Nostalgiker mit der spitzen Feder verloren…

“You have all these ordinary things in your life that develop their own history in the memories you share with another person, and once you lose that person all of those things continue to remain. The album started out being about a fictional couple and then over time it developed into more of a sweeping narrative about common space and history and about the history of objects. What happens to them after things dissolve, how they end up being reappropriated into something else.” (Jordan Dreyer)

la-dispute-rooms-of-the-house

 

 

„Rooms Of The House“ steht HIER noch immer in voller Länge im Stream bereits, die Texte findet ihr sowohl auf dem YouTube-Kanal der Band als „Lyrik Videos“ als auch auf La Disputes Homepage. Und wer den grandiosen, drei Jahre zurückliegenden Vorgänger „Wildlife“ bislang noch nicht gehört hat, der kann – und sollte! – dies via Bandcamp nachholen.

Wer neben der akustischen auch noch eine optische Komponente benötigt, der kann anhand des Musikvideos zum neuen Song „For Mayor in Splitsville“…

 

…und dieser gut 40-minütigen Live Session, welche La Dispute im März 2012 für das Online-Musikportal Audiotree in Chicago einspielten, seinen Vorlieben nachgehen:

 

Auch soll keinesfalls verschwiegen werden, dass die Band in den kommenden Wochen für einige Konzerte nach „good ol‘ Europe“ kommt. Hier die Termine für Deutschland:
27.04.14… München – Strom
28.04.14… Leipzig – Conne Island
29.04.14… Dresden – Beatpol
30.04.14… Köln – Palladium
01.05.14… Hamburg – Markthalle
03.05.14… Bochum – Matrix
04.05.14… Stuttgart – LKA Longhorn
05.05.14… Schweinfurt – Stattbahnhof *NEU
06.05.14… Wiesbaden – Schlachthof
07.05.14… Trier – Exhaus
08.05.14… Hannover – Musikzentrum
09.05.14… Berlin – Magnet

 

Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen… – Teil 8


Neutral Milk Hotel – In The Aeroplane Over The Sea (1998)

-erschienen bei Merge/Domino Records-

Manche Erlebnisse wiegen so schwer, dass sie einen packen, eine Aufgabe, die das eigene Leben nachhaltig verändern wird, mit auf den Weg geben und nie wieder loslassen. Bei Jeff Magnum waren diese Erlebnisse die Lektüre des Tagebuchs von Anne Frank und der Selbstmord seines Bruders. Bereits 1996 hatte der aus Ruston, Louisiana stammende Musiker mit seiner „Band“ Neutral Milk Hotel, die ihn als einziges festes Mitglied zählte, auf dem Debüt „On Avery Island“ zu lärmendem Neunziger-Jahre-Indierock all seinen angestauten Gefühlen Ausdruck verliehen. Doch erst das Zweitwerk „In The Aeroplane Over The Sea“ sollte 1998 für ihn alles verändern…

„I walked into a bookstore, and there was The Diary of Anne Frank. I’d never given it any thought before. Then I spent two days reading it and completely flipped out . . . spent about three days crying . . . it stuck with me for a long, long time. I would go to bed every night and have dreams about having a time machine and somehow I’d have the ability to move through time and space freely, and save Anne Frank.“

(Jeff Magnum in einem Interview mit Puncture Magazine, 1998)

Fortan hatte Magnum Träume, in welchen er selbst Teil einer jüdischen Familie in Europa um 1940 herum war. Wie besessen machte er sich an die Arbeit, schrieb Song um Song, nahm diese teilweise selbst im eigenen Schlafzimmer auf und baute in seine lyrisch unglaublich dichten Klangkonstrukte unzählige Metaebenen ein. Und obwohl der schüchterne Jeff Magnum sich nie offiziell zu den Inhalten von „In The Aeroplane Over The Sea“ geäußert hat, ist doch offensichtlich, dass Anne Frank seine Muse und Hauptinspirationsquelle für die neun Lieder und zwei Instrumentalstücke war und er in all die Dramatik der Geschichte des 16-jährigen jüdischen Mädchen auch die seines Bruders, welcher Selbstmord beging und zu dem er bis zu dessen Tod eine enge Beziehung hatte, mit einwob. Das Album ist ein knapp 40-minütiger Ritt auf der Indierock-Rasierklinge, bei welchem die mal reduzierten, mal lärmenden und ausufernd instrumentierten Songs nahtlos ineinander übergehen und so dem Hörer kaum eine Verschnaufpause lassen. Magnum behält dabei mit seiner nasal-schiefen, intensiven Stimme stets das Heft in der Hand und singt sich alles Leid von der Seele. Alles.

Der Doppelopener „King Of Carrot Flowers, Pt. 1“ und „King Of Carrot Flowers, Pts. 2-3“ führt den Hörer mit Erinnerungen von kindlicher Unschuld, an das dysfunktionale Elternhaus, religiöse Anwandlungen und der Entdeckung der eigenen Sexualität hinein in die wirre, gleichsam stark chiffrierte und doch seltsam explizite Szenerie. Im nachfolgenden Titelsong (welcher als Coverversion von Matt Pond PA unter anderem in einer Folge von „O.C. California“ zu hören war) schafft es Magnum, zu süßlich-beschwingten Folkmelodien mit Bläserbegleitung und windschiefem Banckgroundfeedback Hoffnungen an das Hier und Jetzt zu wecken, während Gevatter Tod und Mütterchen Psychosoziale Störung (die Textzeile „Anna’s ghost all around“ ist möglicherweise als Anspielung auf Anorexie zu verstehen, oder als Bezug auf Anne Frank) einem stets hämisch grinsend durch den Rückspiegel zuzwinkern: „And one day we will die / And our ashes will fly from the aeroplane over the sea / But for now we are young / Let us lay in the sun / And count every beautiful thing we can see / Love to be / In the arms of all I’m keeping here with me“. Bereits in „Two-Headed Boy“ wird es danach zum ersten Mal lyrisch recht kompliziert. Zum Einen bezieht sich der Song wohl auf den 19-jährigen Peter van Pels aus dem Tagebuch der Anne Frank, der sich wie sie in der Amsterdamer Prinsengracht versteckt hielt und in den sie sich in dieser Zeit verliebte. Zum Anderen richtet sich Magnum hier an seinen Bruder, den er nach wie vor schmerzlich vermisst und ohne den er sich lediglich wie eine Hälfte eines siamesischen Geschwisterpaars fühlt. „Fool“ liefert zu dieser Stimmung den bläsergetragenen Instrumentaltrauermarsch. „Holland, 1945“ stellt mit Zeilen wie „The only girl I’ve ever loved / Was born with roses in her eyes / But then they buried her alive / One evening, 1945 / With just her sister at her side / And only weeks before the guns / All came and rained on everyone“ eine der klarsten Bezugnahmen auf Anne Frank, welche im März 1945, kurz vor Kriegsende, zusammen mit ihrer Schwester Margot im KZ Bergen-Belsen ermordet wurde, während nicht wenige Menschen einfach wegzusehen schienen („And it’s so sad to see the world agree / That they’d rather see their faces fill with flies“), dar. Doch auch hier schafft es Jeff Magnum, ein wenig Hoffnung zu sähen, indem er sich vorstellt, dass Frank später als kleiner Junge in Spanien wiedergeboren wurde, um zu Pianoklängen der Welt seine (respektive: ihre) Geschichte zu erzählen („Now she’s a little boy in Spain / Playing pianos filled with flames / On empty rings around the sun / All sing to say my dream has come“). Gleichzeitig handelt auch dieser Song von Magnums Bruder („Your dark brother wrapped in white / Says it was good to be alive / But now he rides a comet’s flame / And won’t be coming back again / The Earth looks better from a star / That’s right above from where you are“). In „Oh Comely“ träumt Magnum vom Leid der Opfer des Holocaust und davon, Frank retten zu können („I know they buried her body with others / Her sister and mother and 500 families… I wished I could save her in some sort of time machine“), denkt sich jedoch, der Ursachenforschung wegen, auch in Köpfe der Gegenseite, in diesem Fall in den Hitlers, dessen Vater als notorischer Fremdgänger bekannt war und den Sohn oft sich selbst überließ („Your father made fetuses with flesh licking ladies / While you and your mother were asleep in the trailer park“). Das Lied ist in in seiner Reduziertheit, welche durch eine Posaune gegen Ende in einen Trauermarsch ausartet, wohl eines der intensivsten des Albums. „Ghost“ schreibt allen Menschen, deren Tod in irgendeiner Form, sei es nun in den Nachrichten, der Morgenzeitung oder eben in Buchform (wie beim Tagebuch von Anne Frank), publik wird, eine gewisse Art der Unsterblichkeit zu. In „Two-Headed Boy, Pt. 2“ läuft noch einmal all die Janusköpfigkeit des Albums zusammen. Nur von seiner Akustikgitarre begleitet wechselt Magnum im Albumabschluss von Strophe zu Strophe Erzählperspektive und Deutungsebene: mal ist es Anne Frank, von der singt, mal sein verstorbener Bruder, oder mal ein Engel, der scheinbar über all das Geschehene Recht und Unrecht wacht. Nachdem die letzten Töne verklungen sind, stellt Jeff Magnum seine Akustikgitarre beiseite und verlässt den Raum.

Alles in allem ist das Konzeptwerk, trotz (oder gerade wegen?) der relativ kurzen Spieldauer von 40 Minuten, wahrlich kein einfacher Tobak für einen sonnigen Sonntagmorgen. Auch Jeff Magnum hat seit Erscheinen des Albums 1998 schwer an dessen Auswirkungen in seinem Innen- und Außenleben zu knabbern: zuerst schien ihn das anfänglich mangelnde, dann das recht große Interesse an „In The Aeroplane Over The Sea“ zu verwirren. Er schrieb neue Songs, verwarf sie wieder, veröffentlichte seitdem ganz zwei neue Stücke (eines davon ist das Matthew Sheppard gewidmete „Little Birds“), betrat seit 1998 kaum mehr je eine Konzertbühne. Dafür wird das zweite, und bis heute letzte, von ihm veröffentlichte Album heute als sein „Opus Magnum“ (sic!) gefeiert. Kollegen wie Arcade Fire, Franz Ferdinand oder der Brand New-Frontmann Jessey Lacey (dessen Verehrung für das Album man Brand News eigener Großtat „The Devil And God Are Raging Inside Me“ deutlich anhören kann) loben „In The Aeroplane…“ als wichtige Inspirationsquelle aus, in Kritiken wird das Album mit „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger auf eine Stufe gehoben –  was durchaus Sinn ergibt, denn ebenso wie Jeff Magnum zog sich der scheue Salinger nach der Veröffentlichung seines wegweisenden Romans 1951 bis zu seinem Tod im Jahr 2010 aus der Öffentlichkeit zurück und brachte zwar neue Sätze zu Papier, veröffentlichte jedoch keinen davon. Jeff Magnum und Neutral Milk Hotel umweht seitdem ein Legendenstatus der kultischen Verehrung…

Was bleibt ist eine irritierende musikalische wie lyrische Tour de Force in Folk und Indierock, die mehr abstößt als anzieht und sich dem Hörer erst bei wiederholtem Hören – und genauem Hinhören! – erschließt. Wer dem Album ausreichend Zeit und Geduld widmet, der wird in Jeff Magnum einen der wohl größten und traurigsten Konzeptmusiker der Neunziger Jahre erkennen, und „In The Aeroplane Over The Sea“ und seine berührenden Songs irgendwann ins Herz schließen.

 

Hier der oben erwähnte Song „Little Birds“ (welcher hier auch zum kostenlosen Download verfügbar ist)…

 

…sowie ein Video zu „Holland, 1945″…

 

…und der Titelsong des Albums als Coverversion von Neutral Uke Hotel:

 

Auch interessant sind diese Coverversion von „In The Aeroplane…“ durch Umer Piracha…

…und diese Piano-Coverversion von „Two-Headed Boy, Pt. 2“  durch Brandon Thomas de la Cruz:

 

Rock and Roll.

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