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Ein Musiknerd, ein Held – Dirk Siepe ist tot.


Foto: VISIONS / Facebook

Pardon für diese linguistisch durchaus flapsige Äußerung, aber: Manchmal ist die Welt schon ein gewaltiges Arschloch. Sie holt manch Guten zu früh, und lässt uns, den traurig-treudoofen Rest, hier unten mit Pleiten, Pech, Pandemien und einer ganzen Reihe formvollendeter Arschgeigen zurück.

Wie der Tipper dieser Zeilen am Abend eines vornehmlich milden Februartags auf solchen düsterdunklen Fatalismus kommt? Durch die überraschende Nachricht, dass Dirk Siepe „nach längerer, schwerer Krankheit“ verstorben ist. Klar, der Name wird den meisten von euch nun weitaus weniger sagen als etwa David Bowie, Johnny Cash oder – meinetwegen, um bei irgendwie ewig lebenden, andererseits aber dennoch mausetoten Legenden zu bleiben – Frank Sinatra. Für mich war Siepe dennoch ’ne (r)echt große Nummer. Einer, der seit 1994 viele Jahre – erst als Redakteur, später als Chefredakteur und zuletzt als Autor – Teil der Schreiberlinge-Mannschaft der VISIONS war. Und damit auch meinen Musikgeschmack seit der musikalischen Adoleszenz entscheidend mit geprägt hat. Kaum einem Printmedium bin ich schon so lange treu (seit über zwei Jahrzehnten, nahezu alle Ausgaben stehen in beeindruckenden Stapeln – teils zum Leidwesen meiner Eltern – noch an zwei Orten verteilt herum). Durch kein anderes Musikmagazin – sorry, Rolling Stone, sorry Musikexpress – habe ich so viele Herzensbands und Künstler*innen kennenlernen dürfen – und tue dies auch heute gelegentlich noch. Allein schon deshalb war „der Siepe“, wie wir ihn in unserem (schein)elitär-kleinen Musiknerdkreis tief in der sächsischen Provinz damals oft nannten, wie der ältere Kumpel, der einem den geilsten neuen Scheiß aus Musikhausen ans Hörerherz legte, und genau zu wissen schien, worauf man in Kürze derb steil gehen würde, ohne dass man ihn je jemals getroffen hatte. Dass der Mann ein schwarz-gelbes Fussball besaß? Kein Muss, aber dennoch ein dickes Plus für mich (und auch passend, wenn man für ein Musikmagazin aus der Heimatstadt von Borussia Dortmund schreibt). In jedem Fall war es nicht nur für mich – im Rückspiegelblick und gefühlt so lange her – meist eine große Freude, Dirk Siepes mit einem gerüttelt Maß an Passion verfasste Artikel und Reviews lesen zu dürfen, die Leidenschaft, mit der der Mann einem so viele tolle, hierzulande sträflichst unbekannte Bands vor allem aus der Desert-Rock-Szene näher brachte. Wer weiß, wie viele nun wissend nickende Musikhörer weniger Kombos wie Kyuss, die Queens Of The Stone Age, Turbonegro, The Hellacopters oder Gluecifer ohne seine Leidenschaft für den Rock’n’Roll und ohne sein großes Engagement heute hätten… Kaum vorstellbar, dass eine so fantastische Band wie Mother Tongue ohne „den Siepe“, der sich in den Achtzigern selbst in der Fansize-Szene versuchte (noch so etwas, was uns irgendwie eint), wohlmöglich nie mehr einen Fuss auf bundesdeutschen Boden gesetzt hätte (und auch heute noch viel zu wenigen ein Begriff ist – deshalb: MOTHER TONGUE HÖREN!)…

Natürlich bin auch ich älter (und grauer im Gesicht!) geworden, hat sich mein Fokus ein wenig verschoben. Mein Musikgeschmack mag nun, so viele Jahre später, im Gros ein kitzekleines Bisschen weniger „wild“ ausfallen als noch in jenen Tagen, als ich nach der Schule noch zum Kiosk radelte oder die VISIONS während der Zugfahrt zu Uni verschlang. Freilich waren das – uffjepasst, Grumpy-Old-Man-Modus! – andere Zeiten, so (fast) ohne Internet, ständige Streaming-Verfügbarkeit und schöne neue Reizüberflutung (in welcher auch zu viele hoffnungsvolle Talente vorm eigenen Durchbruch leider wieder ersaufen). Aber es waren gute Zeiten. Und das? Schreibe ich beinahe frei von jeglicher nostalgischer Verklärung, und mit einer dicken, dicken Träne im Anschlag.

Ach, Dirk… Mann Mann Mann, mach’s gut, Dirk Siepe. Wie könnte ich dir je genug danken für all die tolle Musik, die du uns gezeigt hast? Eben: nie. Darum hoffe ich einfach, dass es dir da, wo du nun bist, besser geht. Und dass dir dort eine anständige, amtliche Plattensammlung ganz nach deinem Gusto zur Verfügung steht.

Das letzte Wort möchte ich trotzdem Michael Lohrmann, der als Gründer der VISIONS „den Siepe“ bestens kannte und dem die Zeilen seines ebenso hetzwarmen wie persönlichen Nachrufs wohl tausend Zentner schwer gefallen sein müssen, überlassen:

„IN GEDENKEN AN DIRK

Anfang der 90er Jahre bin ich unter Plattenkritiken in Fanzines regelmäßig über den Namen Dirk Siepe gestolpert. Mit seinem Faible für Punkrock, Alternative und Desert Rock würde er eigentlich perfekt zu VISIONS passen, dachte ich mir dann immer, und als wir dringend jemanden suchten, der in unserem Namen für ein großes Kyuss-Feature nach Amerika fliegt, rief ich ihn kurzentschlossen an. Bereits am nächsten Tag stand Dirk vor mir in der Redaktion, mit seinen Cowboy-Stiefeln und einem halb offenen Hemd unter einer abgeranzten braunen Lederjacke sah er ein bißchen so aus, als wenn er selbst in einer Band spielen würde. Ich glaube, er wirkte anfänglich ein wenig schnöselig auf mich, als wir dann über Musik gefachsimpelt haben (und natürlich über unsere gemeinsame Liebe Borussia Dortmund), war aber schnell klar, dass nur er prädestiniert ist, Josh Homme und Co. für VISIONS in Palm Desert zu besuchen. Die Geschichte, die er anschließend mitbrachte, war stark. Dirk hatte nicht nur viel Ahnung von Musik und die Gabe, auf Augenhöhe einen guten Draht zu den Musikern aufzubauen, er besaß auch die Fähigkeit, sein Wissen und seine Erlebnisse in wortgewandte Texte zu transferieren. Nach diesem Auftakt nach Maß war in jedem Fall klar, dass er ein Teil der VISIONS Familie werden muss. Der Zufall wollte, dass der Posten des Chefredakteurs parallel zu unserem Kennenlernen vakant wurde, rund 27 Jahre später kann ich sagen, dass es eine wunderbare Entscheidung war, Dirk diesen Job anzuvertrauen.

Duffy, um mal seinen Spitznamen zu bemühen, hat VISIONS über Jahre hinweg nachhaltig geprägt – vielleicht war es sogar die beste Phase, die man als Leser als auch als Mitglied der Gang mit diesem Magazin erleben konnte. In einer Zeit, wo an das Internet noch nicht zu denken war und in der Print-Magazine gehörigen Einfluß hatten, war Dirk ein Tastemaker, der den Musikgeschmack von etlichen VISIONS Lesern extrem geprägt hat. Bands wie Kyuss, Gluecifer, Hellacopters, Turbonegro, Mother Tongue, Masters Of Reality oder auch QOTSA, um nur mal die Kirschen auf der Sahne zu nennen, haben Dirk viel zu verdanken, denn er hat ihnen mit seinem Engagement den Weg geebnet. Wie wichtig er für VISIONS und unsere Leser war, belegt alleine eine Szene, die sich bei Rock am Ring in 2001 zugetragen hat. Als die Queens Of The Stone Age um seinen alten Spezi Josh Homme von Dirk an den VISIONS-Stand geholt wurden, wollten die Leute nicht nur Autogramme von der Band, sondern auch von ihm. So saß er dann da neben den Musikern und unterschrieb eine Stunde lang beseelt VISIONS Titelbilder. Das hat mich stolz gemacht. Dirk war das Aushängeschild von VISIONS – das Rock Hard hatte Götz Kühnemund, wir hatten Siepe.

Und, meine Güte, was haben wir gefeiert! Die Musikbranche bietet dafür ja durchaus viele Anlässe und der verklärte Blick zurück sagt mir gerade, dass wir so viel nicht ausgelassen haben, auch wenn Duffy da vielleicht nochmal aus einem anderen Holz geschnitzt war als ich und die meisten anderen. Auch fernab von Festivals, Konzerten oder VISIONS Partys gab es genug Situationen, in denen es ausgelassen war. Alleine der Fußball: Meisterschaften, Pokal-Siege, Derby-Triumphe, aber auch ein Moment der Schmach, als wir im Westfalenstadion 0-1 gegen den VfL Bochum (!) verloren haben, weil Delron Buckley kurz vor Spielende der Meinung war, das Siegtor erzielen zu müssen. Dirk war so abgenervt von einem feiernden Bochumer in der Reihe vor uns, dass er ihm einen fast vollen Becher Bier über den Kopf kippte. Ich fand das irgendwie gerecht, weil mir der Typ auch tierisch auf den Sack ging, getraut hätte ich mich das aber nicht. Als wir später in der Kneipe einen ausgeknobelt haben, war ich immer noch überrascht darüber, dass es nicht zu Handgreiflichkeiten kam.

Vielleicht hat der VfL-Fan auch einfach gemerkt, dass Dirk eine gute Seele hatte. Wer ihn kannte, wusste das ganz sicher. Sein großes Herz für Katzen und Hunde deutete darauf hin, aber auch sein ehrenamtliches Engagement für Die Tafel in Dortmund, die er in den letzten Jahren unterstützt hat. Dirk hatte zudem eine melancholische Seite, die es ihm ermöglichte, sehr reflektierte, tiefgehende Gespräche zu führen. So erinnere ich mich an einige Abende, die wir dem Herzschmerz widmeten, ganz frei von Punkrock und Feierei. Eigentlich wollten wir uns bald treffen, es ist bestimmt drei, vier Jahren her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Unsere Kommunikation beschränkte sich in der Zwischenzeit auf sporadische SMS zu Geburtstagen und witzige Frotzeleien zum aktuellen Fußballgeschehen – wir waren nicht im klassischen Sinne befreundet, aber wir hatten nach all den Jahren noch steten Kontakt. Wegen seiner Lungenkrankheit und der für ihn daher besonders heiklen Covid-Situation haben wir ein Treffen vertagt, bis zu dem Zeitpunkt, wo es das Wetter zulässt, dass man sich draußen treffen kann. Jetzt ist das Wetter gut – und Dirk nicht mehr unter uns. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 2021 hat er uns für immer verlassen. Und das macht mich extrem traurig.

Danke für alles, Duffy. Du wirst vermisst werden. Und wenn du da oben den Fußballgott triffst, weißt du, was zu tun ist.

Rock and Roll.

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„Der Usain Bolt der elektrischen Gitarre“ – Eddie Van Halen ist tot.


Foto: Redferns

Seine Gitarrensolos? Virtuos und auch für gleichsam bekannte Kollegen stilprägend. Songs wie „Jump“ oder „Why Can’t This Be Love“? Chartstürmer, Evergreens, Rock-Klassiker. Musik war für den Autodidakten zeitlebens Beruf und Berufung zugleich. Jetzt ist Eddie Van Halen gestorben.

Mit „Jump“ schafften die Hardrocker von Van Halen 1984 einen internationalen Charterfolg. Der Song wurde zu ihrem Trademark und ist bis heute ein allseits bekannter Klassiker. Über Jahrzehnte begeisterte Eddie Van Halen mit seiner Musik Millionen Fans wie Hobby-Luftgitarristen. Die Musikzeitschrift „Billboard“ nannte ihn den „letzten Gitarren-Boss“, das „Guitar World Magazine“ zeichnete ihn 2012 als „größten Gitarristen aller Zeiten“ aus (bei einer identischen Liste des „Rolling Stone“ wiederum belegte er Rang acht).

Musik bedeute für ihn alles, erzählte Eddie vor drei Jahren in einem seiner seltenen Interviews dem TV-Sender CNN: „Selbst bei der neuntägigen Schiffsüberfahrt von Holland nach New York hat mein Vater in einer Schiffsband gespielt, mein Bruder und ich traten ebenfalls auf und spielten Klavier. Mein ganzes Leben bestand aus Musik, ich kann mir nichts anderes vorstellen.“

Geboren wird Edward Lodewijk „Eddie“ Van Halen 1955 in Amsterdam, die Familie wandert jedoch 1962 nach Kalifornien aus. Eddie wächst in Pasadena, einem Vorort von Los Angeles, auf. Gemeinsam mit seinem Bruder Alex gründet er 1972 die Band Van Halen – quasi also als Familienunternehmen. Zeitweise sind auch Sänger David Lee Roth und Bassist Michael Anthony mit dabei.

Eddie Van Halen kommt durch seinen Vater, einen professionellen Saxophonspieler und Jazzklarinettisten, schon früh mit Musik in Berührung und entwickelt sich zum Autodidakt, der an fast jedem Instrument zu brillieren weiß. Nur Noten lesen kann er nicht. Vor allem an der E-Gitarre jedoch ist Van Halen nahezu gottähnlich: Kaum ein anderer Musiker – mal abgesehen von Größen wie etwa Jimi Hendrix – kann dem Instrument solche Töne entlocken und es so atemberaubend schnell spielen wie Eddie. 

Foto: dpa

Berühmt ist auch sein Solo in Michael Jacksons 1983 veröffentlichtem Hit „Beat It„. Musikproduzent Qunicy Jones hatte den Gitarristen damals engagiert: „Ich habe Van Halen angerufen und jedes Mal, wenn er ans Telefon ging, hat er mich beschimpft, weil er glaubte, jemand würde ihn auf den Arm nehmen. Nach dem fünften Anlauf hat er mir geglaubt und wir wurden Freunde.“

Auch wenn es nach ihrer erfolgreichsten Zeit in den Achtzigern später etwas stiller um die Band wurde, deren letztes Album „A Different Kind Of Truth“ 2012 erschien und die 2007 in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen wurde, bleibt Van Halen selbst über Jahrzehnte erfolgreich. Privat läuft es aber weniger gut. Der Musiker hat, wie so viele seiner Kollegen, Suchtprobleme, seine Ehe mit der Schauspielerin Valerie Bertinelli geht 2007 in die Brüche. Zwei Jahre später heiratet er Janie Liszewski, die frühere Band-Sprecherin.

Alkohol und Drogen hinterlassen jedoch ihre Spuren: Der langjährige Raucher erkrankt vor zwanzig Jahren das erste Mal an Krebs. Sein 29-jähriger Sohn Wolfgang, der ebenfalls in der Band seines Vaters spielte, schrieb auf Twitter: „Er war der beste Vater, den ich mir wünschen konnte. Jeder Moment, den ich mit ihm auf und jenseits der Bühne verbrachte, war ein Geschenk.“

Nun ist Eddie Van Halen am gestrigen 6. Oktober im St. John’s Krankenhaus in Santa Monica im Beisein seiner zweiten Frau Janie, seines Sohnes Wolfgang und seiner Ex-Frau Valerie im Alter von 65 Jahren gestorben – nur zehn Tage nach Ex-Bandkollege und Bassist Mark Stone, der anno 1972 in den Anfangstagen bei Van Halen spielte und ebenfalls den Kampf gegen (s)eine Krebserkrankung verlor. Gut möglich also, dass „Jump“ nun auch in den Playlists im Gitarrengötterhimmel in die Heavy Rotation wandert… Mach’s gut, Mr. Van Halen!

(Wer mehr lesen mag, dem sei etwa dieser Nachruf der „Süddeutschen Zeitung“ empfohlen…)

Rock and Roll.

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Zitat des Tages


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Der italienische Komponist, Dirigent und Oscarpreisträger Ennio Morricone ist tot. Der Autor zahlreicher Filmmusik-Klassiker – von Italowestern wie „Zwei glorreiche Halunken“ oder „Spiel mir das Lied vom Tod“ in den 1960ern bis hin für jüngste Tarantino-Werke wie „Django Unchained“ oder „The Hateful Eight“ in den Jahren 2012 und 2015 – starb heute am frühen Morgen im Alter von 91 Jahren in Rom. Nicht nur das Revolverheld-Zelluloid wird das gleichsam geniale wie selbstbewusste und mürrische Musikgenie vermissen. Arrivederci, Maestro Morricone!

Einen Nachruf des „Spiegel“ findet man hier. Außerdem lesenswert: Dieser Hausbesuch des „Rolling Stone“ aus dem Jahr 2014.

 

 

Rock and Roll.

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„Mr. Tutti Frutti“ – Little Richard ist tot.


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Little Richard ist tot. Der Sänger, einer der Gründungsväter des Rock’n’Roll, verstarb am heutigen 9. Mai im Alter von 87 Jahren. Das bestätigte sein Sohn Danny Penniman dem US-amerikanischen „Rolling Stone„, machte jedoch keine Angaben zur Todesursache. Charles Glenn, der frühere Bassist von Little Richard, erläutert gegenüber dem US-Portal „TMZ“ nähere Details: „Richard war seit zwei Monaten krank. Er ist in seinem Haus in Tennessee gestorben.“ Sein Bruder, seine Schwester und sein Sohn seien bei ihm gewesen. Glenn selbst habe zuletzt Ende März mit Little Richard gesprochen und ihn besuchen wollen. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie sei dies jedoch nicht möglich gewesen. Unter welcher Krankheit die Musik-Legende gelitten habe, ist nicht bekannt.

Seinen ersten Hit hatte Little Richard, der am 5. Dezember 1932 in Macon, Georgia als Richard Wayne Penniman geboren wurde und in einem Schwarzenghetto als erstes von zwölf Geschwistern aufwuchs, 1956 mit „Tutti Frutti“. Darauf folgte eine Reihe weiterer Hits: „Long Tall Sally“, „Rip It Up“, 1957 dann „Lucille“ und 1958 „Good Golly Miss Molly“. Von Anfang an war seine Darbietung einzigartig: mit sexuellem Unterton („Tutti Frutti“ etwa war ein unter farbigen Homosexuellen geläufiger Ausdruck für Analverkehr) und dennoch Blues’n’Gospel-beeinflusst, dazu sein eher simples, aber geradezu hämmerndes Piano-Spiel.

Nach mehreren offenbar recht prägenden Erlebnissen Ende der Fünfziger – unter anderem hatte er leuchtende Propellertriebwerke eines Flugzeugs als die Erscheinung eines Engels interpretiert –, wurde er Priester und widmete sich der Gospel-Musik. Mitte der Sechziger folgte ein Comeback im Bereich Soul’n’Funk, bei dem er jedoch keineswegs an seine früheren Verkaufserfolge anknüpfen konnte. Ende der Siebziger zog er sich erneut zurück, um sich einmal mehr dem Gospel-Genre zu widmen, und 2013 im Alter von 80 Jahren (und nach ein paar sporadischen Fußnoten im Rock-Genre) in einem „Rolling Stone“-Interview seinen endgültigen Rückzug zu erklären: „I am done!“ 

Obwohl Richard, den der „Rolling Stone“ vor ein paar Jahren auf Rang acht der 100 größten Musiker sowie auf Rang zwölf der 100 besten Sänger aller Zeiten listete, in den letzten Jahren ansonsten vornehmlich durch recht wirre Äußerungen über seine Sexualität von sich hören ließ, bleibt sein musikalischer Einfluss dennoch unumstritten. Er selbst meinte einmal ganz ungeniert: „Elvis mag der ‚King of Rock’n’Roll‘ gewesen sein, aber ich bin die Königin.“ Und auch andere Größen der Musikgeschichte beriefen sich auf ihn. So gestand ein gewisser David Bowie, dass „meine Welt in Flammen stand, sobald ich Little Richard hörte“. Auch Elton John – wäre hätte es gedacht – wäre ohne den extravaganten Rock’n’Roll-Sänger und -Pianisten nicht der, der er heute sei, wie er anno 1973 dem „Rolling Stone“ verriet: „Ich hörte Little Richard und Jerry Lee Lewis und wusste, das war’s. Ich wollte nichts anderes mehr sein. Ich selbst gehe mehr in Richtung Little Richard als Jerry Lee Lewis, denke ich. Jerry Lee ist sehr geschickt, aber Little Richard stampft mehr.“ Für The Roots-Schlagzeuger Ahmir Khalib „Questlove“ Thompson besteht bei der Frage nach den „wahren König des Rock’n’Roll“ ebenfalls kein Zweifel, wie er aus gegebenem Anlass via Facebook wissen ließ:

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Mach’s gut, „Mr. Tutti Frutti“.

 

(via FAZ findet man einen weiteren recht informativen ersten Nachruf)

 

Rock and Roll.

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Pionier des Afrobeat – Tony Allen ist tot.


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Schlagzeuger-Legende Tony Allen ist tot. Der nigerianische Musiker, Mitbegründer des Afrobeat, ist am gestrigen 30. April im Alter von 79 Jahren im französischen Paris gestorben, wie sein Manager Eric Trosset der Nachrichtenagentur AFP mitteilte.

Die Todesursache sei bislang unklar. Allen sei jedoch nicht an einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben, so Trosset. Bei National Public Radio wird sein Manager hingegen mit den Worten zitiert, Allen sei an einem Herzinfarkt gestorben, anderswo ist von „einem Baucharterienaneurysma“ die Schreibe.

„Er war völlig gesund, das kam ganz plötzlich“, sagte Trosset der AFP. Er habe am Mittag noch mit Allen gesprochen, zwei Stunden später habe der Musiker sich unwohl gefühlt und sei ins Krankenhaus Pompidou gebracht worden. Dort sei er gestorben. Allen lebte in Courbevoie bei Paris.

Mit einem Facebook-Post verabschiedete sich Eric Trosset von Allen. „Leb wohl, Tony! Deine Augen sahen, was die meisten nicht sehen konnten“, schrieb sein Manager. „Du bist der coolste Mensch auf Erden! Wie du zu sagen pflegtest: ‚Es gibt kein Ende.'“

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Tony Oladipo Allen, der 1940 im nigerianischen Lagos zur Welt kam, war in den Sechziger- und Siebzigerjahren Schlagzeuger und musikalischer Direktor seines Landsmannes Fela Kuti, mit dem er den Afrobeat entwickelte. Dieser verbindet Genres wie Jazz, Funk und traditionelle nigerianische Trommelrhythmen und wurde zu einer der wichtigsten Strömungen afrikanischer Musik im 20. Jahrhundert. Allen brachte sich das Schlagzeugspielen mit 18 Jahren selbst bei und ließ sich von Jazzgrößen wie Dizzy Gillespie, Charlie Parker, Max Roach, Bebop-Drummer Art Blakey sowie zeitgenössischer afrikanischer Musik inspirieren. 

Mit Fela Kuti und der Gruppe Africa ’70 nahm Tony Allen rund 40 Musikalben auf, bevor sich die Wege der beiden nach 26-jähriger Zusammenarbeit im Dissens trennten und der Schlagzeuger erst nach London sowie ein paar Jahre darauf dann nach Paris emigrierte. Allens Schlagzeugspiel war so intensiv, dass Fela vier Drummer benötigte, um Allen zu ersetzen. Und dass er etwa vom britischen Musiker und Produzenten Brian Eno einst als „der vielleicht größte Schlagzeuger, der je gelebt hat“ bezeichnet wurde, wird ebenso kaum von ungefähr kommen. Untätig war der Mann seit den Achtzigern kaum, setzte sich mal hier, mal in nahezu unnachahmlicher Art hinters Drumkit. Und: In den ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts spielte Tony Allen unter anderem Schlagzeug bei gleich zwei „Supergroup“-Projekten von Damon Albarn, dem On/Off-Bandleader von Blur: The Good, The Bad & The Queen sowie Rocket Juice & The Moon. Seine letzte Veröffentlichung liegt ebenfalls erst wenige Wochen zurück: Im März erschien das Album „Rejoice“, eine Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Trompeter Hugh Masekela, der im Januar 2018 gestorben war.

Danke für den Beat, Mr. Allen. 🥁 Mach’s gut!

 

 

Rock and Roll.

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„Angel From Montgomery“ – US-Country-Legende John Prine ist tot.


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John Prine, Sänger von Hits wie „Angel From Montgomery“, „Sam Stone“ oder dem Anti-Vietnamkrieg-Song „Your Flag Decal Won’t Get You Into Heaven Anymore„, ist tot. Der US-amerikanische Country-Star verlor im Alter von 73 Jahren den Kampf gegen eine Coronavirus-Infektion. Seine Angehörigen teilten der Öffentlichkeit mit, dass er am gestrigen 7. April 2020 in einem Krankenhaus in Nashville, Tennessee, starb.

Am 20. März wurde bekannt, dass seine Ehefrau und Managerin, Fiona Whelan Prine, positiv auf das Virus getestet wurde und sich beide in Selbstisolation befinden würden. John Prines Test soll zu dem Zeitpunkt noch „unklar“ ausgefallen sein. Doch schon kurz darauf musste der Singer/Songwriter ins Krankenhaus verlegt und intubiert werden. Am 29. März gab die Familie die Information heraus, er würde sich in einem „kritischen Zustand“ befinden. Zum 3. April eine weitere schlechte Nachricht: Prine habe in beiden Lungen eine Lungenentzündung. Jetzt ist der Weltstar gestorben.

Noch im Februar verlieh man John Prine einen Grammy für sein Lebenswerk. Im Laufe seiner Karriere erhielt er zwei weitere für die besten zeitgenössischen Folk-Alben: 1991 für „The Missing Years“ sowie 2005 für „Fair & Square„. 2015 wurde Prine zudem in die „Grammy Hall of Fame“ aufgenommen.

Der Künstler wurde am 10. Oktober 1946 in Maywood, Illinois geboren. Country-Urgestein Kris Kristofferson entdeckte John Prine, der seine ersten musikalischen Gehversuche als Folk-Sänger in Chicago machte und bald zu einem Teil der Folk-Revival-Szene in der Gegend avancierte. 1971 erschien dann sein selbstbetiteltes Debüt-Album – darauf sind auch die Hits „Angel From Montgomery“ und „Sam Stone“, welcher die Geschichte eines drogenabhängigen Vietnamveteranen erzählt, zu finden. Insgesamt veröffentlichte er in seiner Karriere 17 Studioalben. Das letzte, „The Tree Of Forgiveness„, kam 2018 heraus. Auf diesem stellte sich Prine auch vor, was er eines Tages im Paradies tun würde: „Ich würde einen Cocktail trinken – Wodka und Ginger Ale – und eine 15 Kilometer lange Zigarette rauchen…“

Im Jahr 1998 wurde bei Prine ein Plattenepithelkarzinom auf der rechten Seite seines Halses diagnostiziert. Nach einer größeren Operation und einem Jahr mit Reha und Sprachtherapie konnte er jedoch glücklicherweise wieder auftreten. 2013 schließlich stellte man Lungenkrebs bei ihm fest. Und einmal mehr zeigte Prine trotz dieser Diagnose seine Kämpfer-Qualitäten: Schon sechs Monate nach einer OP konnte der Country-Star wieder auf Tour gehen.

Alle Gesesungswünsche von Freunden und Kollegen wie etwa Joan Baez haben leider wenig genützt. Schade, dass das Coronavirus – nach der US-Jazzikone Ellis Marsalis, US-Country-Star Joe Diffie oder Afro-Jazz-Legende Manu Dibango – mit John Prine ein weiteres prominentes Opfer gefordert hat…

Nur logisch, dass auch etliche Musiker-Kollegen um Prine trauern, dessen Texte oft poetische Qualitäten und einen grundmelancholischen Charakter hatten, während wiederum andere keinen Hehl um ihre politischen Positionen machten. So bezeichnete niemand Geringeres als Folk- und Rock-Superstar Bob Dylan ihn einmal als einen seiner liebsten Songwriter. Auch der ehemalige Pink-Floyd-Vorsteher Roger Waters rühmte Prine für seine „außerordentlich wortgewandte Musik“.

Bruce Springsteen, dessen Karriere etwa zur selben Zeit wie die von John Prine begann, trauert um seinen alten Weggefährten und schreibt auf Twitter: „Hier in der E Street sind wir vom Verlust von John Prine erschüttert. John und ich waren Anfang der 70er Jahre zusammen die ‚New Dylans‘ und er war nie etwas anderes als der liebste Kerl der Welt. Ein wahrer nationaler Schatz und ein Songwriter für die Ewigkeit. Wir senden unsere Liebe und Gebete an seine Familie.”

Und US-Poprockerin Sheryl Crow schreibt: „Mein Herz tut weh. Nun singt er mit den Engeln“.

Mach’s gut, John Prine.

 

 

Rock and Roll.

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