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Das Album der Woche


Frank Turner – Tape Deck Heart (2013)

Tape Deck Heart (Cover)-erschienen bei Vertigo/Universal-

Schon surreal: da spielt man sich jahrein, jahraus die Finger in Bars und kleinen Kaschemmen blutig, vergrößert mit ein wenig Spritgeld als Lohn stetig die Fanschar jener, die schon beim nächsten Auftritt in diesem oder jenen Winzclub stolz das frisch gestochene Tattoo mit dem geliebten Songtextzitat vorzeigen und mit geschlossenen Augen textsicher jede Zeile mitsingen. Da nächtigt man im Schlagsack im nasskalten Backstagebereich, hechelt sich gedrängt sitzend im alten Tourvan von Auftrittsort zu Auftrittsort, nur um mancherorts quasi jeden Besucher mit Handschlag begrüßen zu können – und plötzlich findet man sich als Secret Act der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London wieder, einer Show, die beinahe der komplette zivilisierte Erdball verfolgen wird – und durfte vorher beinahe keinem vom eigenen unverhofften Glück berichten… Liest sich wie der wahr gewordene feuchte Rock’n’Roll-Traum? Nun, Frank Turner ist genau das passiert!

Frank Turner live...

Doch wer glaubt, dass der 1981 in Bahrain geborene Engländer mit Harcore-Vergangenheit (bis 2005 war er Teil des Londoner Kollektivs Million Dead) danach abheben und sein Glück buchstäblich in den seelenlosen Versprechungen von Sex, Drugs and Rock’n’Roll suchen würde, der hat die Karriere des 31-Jährigen aus Winchester nicht aufmerksam genug verfolgt. Denn obwohl er mittlerweile keinerlei Mühe hat, große Hallen wie die 12.000 Besucher fassende Londoner Wembley Arena auszuverkaufen, so weiß er doch genau, dass er dieses Privileg nicht nur den stetigen eigenen Ochsentouren, sondern auch seiner ihm zu großen Teilen noch immer treu ergebenen Fanschar zu verdanken hat. Klar gibt es jene, die sich vor zehn Jahren bei ihm noch gern gern Schrammen im Hardcore-Moshpit holten, Turner jedoch mittlerweile nur allzu gern als Waschlappen abstempeln und ihm aufs Griffbrett seiner Akustikgitarre spucken würden. Doch da gibt es sich keinerlei Illusionen hin und nimmt’s mit Pragmatismus: „Denen bin ich mittlerweile viel zu hip. Aber das ist mir völlig egal. Ich mache, wozu ich Lust habe und wem meine Musik nicht gefällt, der muss ja nicht hinhören.“ Feel free to call this punkrock attitude…

Frank Turner

Doch selbst jemand wie Frank Turner braucht allen Klassikern zum Trotz, die von Langzeit-Fans bei Konzerten bereits nach den ersten Akkorden erkannt und frenetisch bejubelt werden, immer wieder einen kleinen Anlass für die nächste Tournee dies- wie jenseits des Atlantiks. Und welchen besseren Anlass gäbe es da als ein neues Album? Denn davon hat der nimmermüde Punkrock-Singer/Songwriter seit 2007 mittlerweile ganze vier Stück unter eigenem Namen zu Buche (respektive: im Plattenregal) stehen – und kürzlich kam mit „Tape Deck Heart“ Nummer fünf hinzu…

Wer mit dem bisherigen Schaffen Turners vertraut ist und nun die zwölf neuen Stücke (der regulären Version) hört, der wird sich zurecht fragen: Was gibt’s Neues? Doch andererseits war und ist es dem Grundsympathen nie daran gelegen, sich irgendwo komplett neu zu erfinden. Bereits der Opener „Recovery“ dürfte dem ein oder anderen Backkatalog-Connaisseur ein wissendes Lächeln auf die Lippen zaubern, wird doch das Gros der Turner’schen Trademarks ohne Umschweife auf den Plattenladentisch gepackt: bittersüße, mit Ironie und Witz gewürzte Texte, die von gefällig rockenden bis mitreißenden Melodien ummantelt werden. Textlich scheint der Engländer nach seiner letzten Veröffentlichung, der im vergangenen Jahr erschienenen Werkschau „Last Minutes and Lost Evenings„, welcher neben 15 Songs aus dem bisherigen Backkatalog auch das komplette Konzert in der Wembley Arena auf DVD beilag, einiges an Erinnerungen und Erlebnissen für sich ad acta legen zu wollen. So singt er in „Recovery“ vom Gesunden und Vergessen, erinnert sich in „Losing Days“ an die eine oder andere seiner bereits zahllosen Tätowierungen und deren Anlässe („I remember well the day that I got my first tattoo / I was so scared before and after I was so proud when it was new / But these days I’ve gone and got me many more / And sometimes I get more when I get bored“), macht in „Plain Sailing Weather“ Zugeständnisse an die wiederholte eigene Fehlbarkeit („Just give me one fine day of plain sailing weather / And I can fuck up anything, anything“) oder überzeugt in „The Way I Tend To Be“ mit feiner Melodie und lebensweisen Textzeilen: „Because I’ve said ‚I love you‘ so many times that the words kinda die in my mouth / And I meant it each time with each beautiful woman but somehow it never works out / You stood apart in my calloused heart, and you taught me and here’s what I learned / That love is about the changes you make and not just three small words“. „Good & Gone“ unternimmt Midtempo-Streifzüge hin zu perfekt ausgemalten Zukunftsträumen à la Hollywood, über einsame Tanzflächen, Hotelflure und hektische Flughafenhallen, und lässt dabei persönliche guilty pleasures wie Mötley Crüe endgültig gen Hair Metal-Hölle fahren – nur um nach knapp vier Minuten festzustellen, dass alle Träume für lange Zeit vor der heimatlichen Haustür gewartet haben. Die Akustische-zu-Schlagzeug-Ballade „Tell Tale Signs“ dürfte ab sofort eines der Mitsing-und-Mitwipp-Highlights von Frank Turner-Konzerten werden, denn Textzeilen wie diese bringt selbst der gewiefte Lyriker selten zustande: „God dammit Amy, we’re not kids any more / You can’t just keep waltzing out of my life / Leaving clothes on my bedroom floor / Like nothing really matters, like pain doesn’t hurt / You should be more to me by now than just heartbreak in a short skirt“.  Gleiches trifft auch auf „Four Simple Words“ zu, das zuerst eine kleine Bar-Revuenummer antäuscht („I’d like to teach you four simple words / So the next time you come to a show / You could sing those words back at me / Like they’re the only ones that you know“), nur um unvermittelt Fahrt aufzunehmen, als amtlicher Punkrock-Brecher für Bewegung im bierselig eingeleiteten Circlepit zu sorgen, und allen Szenefashionistas den erhobenen Mittelfinger zu präsentieren: „Somebody told me that music with guitars was going out of fashion and I had to laugh / This shit wasn’t fashionable when I fell in love / If the hipsters move on why should I give a fuck?“. „Polaroid Picture“ erzählt von längst vergangenen Tagen in der englischen Hauptstadt und davon, dass sich bereits im Entwicklungsprozess eines Polaroids das soeben noch Fotografierte dermaßen verändern kann, dass man es selbst nicht mehr wieder zu erkennen scheint („So in the stillness of the moment / Make sure you take a Polaroid picture / And keep it with you forever to / Remind yourself that everything changes“). „Anymore“ glimmt als fatalistische Heartbreak-Ballade still vor sich hin, bevor das abschließende Doppel aus „Oh Brother“ und „Broken Piano“ sich in groß aufgefahrenen Bandversionen dann noch einmal zu den Tagen voller Unbekümmertheit zurück träumt, als man – angestachelt durch die rohe, pure Energie von Bands wie Nirvana – mit Freunden leidlich gut klingende Bands gründete und sich in der Gewissheit verabschiedete, sich irgendwann wiederzusehen („Oh Brother“), nur um plötzlich mutterseelenallein durch den englischen Nebel streunen zu müssen („Broken Piano“).

Frank Turner & The Sleeping Souls

Natürlich sticht auch auf dem fünften Frank Turner-Album nicht jeder Song gleichermaßen ins Auge (respektive, natürlich: Ohr). Dennoch ist „Tape Deck Heart“ in seiner Gesamtheit – und trotz der Tatsache, dass der tätowierte Singer/Songwriter hier ein wenig introspektiver zu Werke geht als noch auf dem 2011 erschienenen Vorgänger „England Keep My Bones“ – um einiges schlüssiger geraten als das ein oder andere bisherige Werk. Und auch wenn an der einen Stelle schon mal positive Erinnerungen an Billy Bragg, die verblichenen R.E.M. (die Peter Buck-Gedächtnis-Mandoline in „Losing Days“!) oder ein leicht schaler Bon Jovi’scher Beigeschmack (man höre „The King Fisher Blues“) aufkommen mögen, so bleiben sich Frank Turner, der sich übrigens mit seiner im vergangenen August ins Leben gerufenen neuen Zweitband Möngöl Hörde erneut auf ausgetreten geglaubte Hardcore-Pfade begeben wird, und seine Begleitband The Sleeping Souls auch auf dem fünften Album treu. „Tape Deck Heart“ hebt in gefühlter Mixtape-Manier wehmütig das Pint-Glas in Richtung der eigenen Vergangenheit – nur um im nächsten Moment wieder ironisch lächelnd in die Saiten zu greifen und das Leben zu feiern. Keine Frage: auch aus dem aktuellen Album dürfte sich der ein oder andere Song als fester Bestandteil in künftige Setlists schleichen. Und Frank Turner? Lebt seine eigene Version des englischen Rock’n’Roll-Traums. Und liefert ab. Und tourt jahrein, jahraus. Und liefert ab. Und tourt jahrein, jahraus. Und…

(Allen, die trotz allem noch einen Nachschlag wollen, sei hier die Deluxe Edition von „Tape Deck Heart“ ans Herz gelegt, die ganze sechs Bonus Tracks enthält – vier Mal Frank Turner solo an der Akustischen, zwei Stücke im vollem Bandumpfang.)

TDH

 

Hier gibt’s die Videos zum Albumopener „Recovery“…

 

…zum Album-Highlight „Plain Sailing Weather“…

 

…und die gut 15-minütige Dokumentation „The Way I Tend To Be“, welche Turners Werdegang beleuchtet:

 

Immer noch nicht genug? Kein Problem! Auf nyctaper.com findet ihr einen Mitschnitt (Soundboard!) des Frank Turner & The Sleeping Souls-Konzerts im New Yorker Bowery Ballroom, welcher – in etwas kleinerem Rahmen als mittlerweile bei Turner gewohnt – am 4. März diesen Jahres stattfand – und natürlich vom Künstler selbst abgesegnet wurde…

Hier gibt’s den Song „Photosynthesis“ als Hörprobe:

 

Rock and Roll.

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„Down Under, Mining“ – Der erste Vorbote zum neuen Dear Reader-Album „Rivonia“…


Dear Reader

Am 5. April erscheint „Rivonia„, das dritte Album von Dear Reader. Fast zwei Jahre haben sich die bezaubernde südafrikastämmige Frontfrau Cherilyn MacNeil und ihre Mitmusiker Zeit gelassen, um am Nachfolger zum düsteren „Idealistic Animals“ zu werkeln. Und klar, ab und an wollte die weltenbummelnde Wahl-Berlinerin auch zurück in ihre „alte“ Heimat – kann man ja bei den nasskalten bundesdeutschen Schmuddeltemperaturen auch keinem verdenken…

Wer ebenso wie ANEWFRIEND gespannt auf die neuen Songs ist, der bekommt nun mit „Down Under, Mining“ einen ersten Vorgeschmack. Spontaner Eindruck: sollten die anderen Stücke des neuen Albums ähnlich klingen, so darf man sich auch 2013 auf ein feines Dear Reader’sches  Indiepop-Album einstellen…

 

 

Wer auf den Geschmack gekommen sein sollte, der kann sich hier das komplette – und im übrigen außerordentlich bezaubernde – erste Album „Replace Why With Funny“ im Stream anhören…

(Falls jemand belehrend den Korinthenkacker-Zeigefinger heben sollte: Frontfrau Cherilyn veröffentlichte bereits 2006, mit ihrem damaligen Bandkollegen, dem Produzenten und Bassisten Darryl Torr, in ihrer südafrikanischen Heimat ein Album namens „The Younger“ – allerdings noch unter dem Bandnamen Harris Tweed, welchen das Duo aufgrund von Einwänden einer schottischen Textilfirma alsbald in Dear Reader ändern musste…)

 

…und hier die Videos zu „Dearheart“…

 

…“Great White Bear“…

(beide stammen vom Erstling „Replace Why With Funny“)

 

…“Mole“…

 

…und zu „Whale (Boohoo)“ ansehen…

(vom zweiten Album „Idealistic Animals“)

 

…sowie einen mehrere Songs starken Ausschnitt aus dem Auftritt der Band bei der „tvnoir“-Konzertreihe aus dem Jahr 2011 (unter anderem sogar mit einer tollen Version des Springsteen-Klassikers „Dancing In The Dark“!):

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Ein Album, das hier auf ANEWFRIEND in aller Ausführlichkeit angekündigt und mit maximaler Spannung und Vorfreude erwartet wurde. Logische Konsequenz: es ist das aktuelle „Album der Woche“…

 

Frightened Rabbit – Pedestrian Verse (2013)

Frightened Rabbit - Pedestrian Verse (Cover)-erschienen bei Warner Music-

Eine musikalische Politik der kleinen Schritte. So könnte man den Werdegang des schottischen Quintetts Frightened Rabbit wohl am ehesten umschreiben. War der 2007 erschiene Erstling „Sing The Greys“ noch ein bandgewordener Mittelfinger an das gemeinsame Scheitern vorm ersten Erfolg, so nutzte Frontmann Scott Hutchison das darauf folgende „The Midnight Organ Fight“ (2008 veröffentlicht, wurde von ANEWFRIEND hier ausgiebig gewürdigt) zur grandios bitteren Cold Turkey-Rekonvaleszenz von einer gescheiterten Beziehung, um im dritten Album „The Winter Of Mixed Drinks“ (2010) langsam die Jalousien beiseite zu ziehen, einen Blick nach draußen zu wagen und endlich die alten Kumpels von der Stammkneipe gegenüber wieder zu gemeinsamen Hugs ’n‘ Drinks zu treffen.

Frightened Rabbit #1

Im neuen Album „Pedestrian Verse“ wagt er nun einen weiteren kleinen Schritt vorwärts. Im heimischen Glasgow begibt er sich auf einen Spaziergang, einfach, um zu sehen, was er in all den Jahren der Selbstreflexion, der innerlichen Gesundung, ja beinahe der persönlichen Festigung so alles verpasst hat. Und das, was er nun sieht, bringt zwar keineswegs seine vorgefertigte Welt ins Wanken, bestürzt in jedoch schon ein klein wenig. Bereits in „Acts Of Man“, dem ersten Song des vierten Albums, sieht er allerhand Gespenstisches vor seinen Augen: teigig-bleiche Landsleute, bis ins Mark pervertierte Gestalten, latent Gewalttätige und deren tatenlose Opfer, Lügner, Feiglinge, Liebe mit sichtbarem Verfallsdatum – „Not here, not here / Heroic acts of man“. Kein Heiland, nirgendwo. Und wie schon in der Vergangenheit – und das wird auch bei den folgenden Stücken des Albums immer wieder deutlich – kann Hutchison nicht anders, als sich (s)einer bohrenden Selbstreflexion zu unterziehen: „I never wanted more to be a man / And build a house around you / I’m just like all the rest of them / Sorry, selfish, just trying to improve / I’m here, I’m here / Not heroic but I try“. Nein, er mag sich keineswegs über all diese Abscheulichkeit erheben, aber zumindest gibt er sein Bestes. Und so ballt er die Hände in den Manteltaschen zu Fäusten, während ihn ein kalter Winterwind frösteln lässt und so noch die letzten Erinnerungen an selige Sommertage zum Erfrieren bringt („December’s traditions suck the last of summer from our cheeks / Draws the curtains / Strips the trees“ – „December’s Traditions“). Er passiert Straßenzug um Straßenzug dieses ewig gleichen Backsteingraus, kann in seinem Unterbewusstsein die in den Hinterhöfen vergrabenen Familienleichen kehlig auflachen hören, welche wissen, dass jedes dunkle Geheimnis irgendwann wieder ans fahle Licht kommen wird („Backyard skulls / Not deep enough to never be found“ – „Backyard Skulls“). Er fühlt sich unverstanden und von der ihm janusköpfig erscheinenden Gesellschaft verraten („Stop acting so holy / I know I’m full of holes /…/ Don’t care if I’m lonely / ‚Cause it feels like home“ – „Holy“). Natürlich hat er bereits zaghafte Hilferufe nach Zweisamkeit fern von der grausam-grauen „Welt da Draußen“ von sich gegeben („I’m trapped in an collapsing building / Come find me now / We’ll hide out / We’ll speak in our secret tongues / Will you come back to my corner / Spent too long alone tonight / Would you come brighten my corner / A lit torch to the woodpile high“ – „The Woodpile“). Doch wo soll er denn bitte Zuflucht suchen? Worauf soll er vertrauen? Auf die Kirche etwa? Da, wo scheinheilige Würdenträger ihren eigenen Messwein saufen, nur um daraufhin von den heiligen Wassers des Sees Genezareths zu predigen? Nein, Gott ist tot – oder kann ihm zumindest gestorben bleiben („There isn’t a God, so save your breath“ – „Late March, Death March“). Lieber läuft er grimmig pfeifend nachts durch die eisigen Gassen, mit dem Bewusstsein, dass eine Gesellschaft wie diese, aller modernen Patina zum Trotz, ebenso tot sein muss, wie er sich in seinem Verlorensein, seiner Heimatlosigkeit so oft in der letzten Zeit gefühlt hat („I’m dead now, check my chest and you’ll see /…/ I’m dead now, can you hear the relief /…/ We’re all dead now, join hands and we’ll sing / To the glory of hell and the virtue of sin“ – „Dead Now“). Er ruft sich das Bild eben jener jungen Frau wieder ins Gedächtnis, die er kürzlich auf einer Parkbank sitzen sah. Aus ihren freudlosen Augen meinte er ihr gesamtes Schicksal lesen zu können. Dass sie bereits als Säugling jegliche Chancen auf ein erfüllendes Leben verspielt hatte („Brought home to breathe smoke in arms of her mother“ – „State Hospital“), schließlich einen dieser grobschlächtigen Kerle heiratete, dem sie seitdem nur als bessere Putzkraft dient, und so mit den Jahren nach Innen und Außen abhärtete. Und doch: kann dies wirklich das Ende der Evolutionsfahnenstange sein? Muss wirklich alles und jeder in solch einer vorgezeichneten Unglückssackgasse enden? Während sich die Sonne im Himmel über ihm vorsichtig durch die dichten Regenschleier kämpft, ist er sich sicher: „But if blood is thicker than concrete, all is not lost“. Für die kurzen Momenten des Glücks benötigt er nämlich keineswegs viel: „Shut down the gospel singers and turn up the old heartbreakers / I’m dying to tell you that I’m dying here“ („Nitrous Gas“). Scheiß auf all die große Show, den tumben Zirkus da draußen! Lass es uns einfach noch einmal wie früher machen, die alten Platten auflegen und reden! Nicht mehr…

Und so macht er sich auf seinem Spaziergang durch die heimatlichen regennassen Gassen Gedanken über die gewaltige moralische Schieflage der Gesellschaft (etwa im Bonus Track „Snow Still Melting“), erträumt für Andere Möglichkeiten, aus ihrem einheitlich engen Alltagsgrau auszubrechen („Escape Route“, ebenfalls ein Bonus Track) und kommt – der alte Romantiker, der er nun mal ist – immer wieder auf all die Lieben, auf all die Liebeslieder in seinem Leben zurück. Natürlich ist er keineswegs frei von Fehlern und Trugschlüssen, aber wie hätten denn, bitteschön, Andere an seiner Stelle gehandelt („Time passes / Except the blame / And I except that you might never care to see me again /…/ But may I ask, and answer honestly: What would you have done if you were me?“ – „If You Were Me“, der beste der drei Bonus Tracks). Am Ozean angelangt, träumt er sich hinaus auf die weite See. Nein, dieses Mal wird er nicht versuchen, gegen die rauen Wellen anzuschwimmen! In einem Boot sieht er sich diesen zementgrauen, Seelen fressenden Betonriesen entkommen. Wohin? Egal, nur weit, weit weg von hier… Noch besteht Hoffnung („There is light but there’s a tunnel to crawl through / There is love but its misery loves you / I’ve still got hope so I think we’ll be fine / In these disastrous times, disastrous times“), auch wenn diese keine Siebenmeilenstiefel trägt.

Frightened Rabbit #2

Frightened Rabbit gehen auf „Pedestrian Verse“, welches als ihr viertes Werk auch gleichzeitig ihr – vielerorts mit Befürchtungen behaftetes – Major Label-Debüt darstellt, ausgerechnet einen Schritt zurück von den nicht selten hymnischen Arrangements des vor drei Jahren erschienen Vorgängers „The Winter Of Mixed Drinks“. Auf den zwölf neuen Songs (beziehungsweise 15 Songs in der Deluxe Edition) geht das schottische Quintett meist deutlich kompakter zu Werke. Natürlich sind sie noch da, diese Passagen, in denen Scott Hutchison und Co. zur großen Umarmung ausholen, und man selbst nicht anders kann, als sich die Glaswegians auf eine gemeinsame, freundschaftliche Pint her zu wünschen. Natürlich bieten Frightened Rabbit auch 2013 ihre höchst eigene Variante des schottischen Indie Rocks auf, der schon die Vorgänger zu Stück für Stück ganz nah ans Herz wachsenden Kleinoden machte, und verfeinern das musikalische Basiskonstrukt aus Gitarre, Schlagzeug und Bass mal mit seltsam vergnügt im Hintergrund flirrenden Synthesizern („Backyard Skulls“), einer Orgel („Escape Route“), gepfiffenen Melodien („Late March, Death March“) oder Backgroundchören („Nitrous Gas“). Natürlich dürfen die Gitarren ab und an zu kurzen, schneidenden Solos durchstarten (etwa in „The Woodpile“ oder in „Dead Now“). Doch trotz aller Eingängigkeit, mit welcher sich die Vorab-Songs „State Hospital“, „Dead Now“ (Hämmerndes Piano! Scheidendes Gitarrensolo! Beißende Synthesizerlineine!) und „The Woodpile“ bereits in die Gehörgänge der nach neuen Stücken lechzenden Hörerschaft gefressen haben, stehen auch auf „Pedestrian Verse“ Scott Hutchisons clever-lakonische Texte – übrigens nach wie vor völlig zu recht – im Vordergrund. Und nachdem in „The Oil Slick“, diesem kleinen Inferno, bei welchem sich die Band gemeinsam mit Bläsern zu einer musikalischen Monsterwelle aufschwingt, nur um nach und nach zu verebben, die Vögel anfangen, den Hörer aus diesem 43-minütigen (oder 53-minütigen, bezieht man die drei folgenden Bonus Tracks mit ein) Winterspaziergang zu zwitschern, weiß man: es ist alles okay. „Pedestrian Verse“ dient als vollkommen gelungene Bestandsaufnahme – vom Zeitgeist, von der Gesellschaft, vom intakten Verhältnis der Band. „Pedestrian Verse“ erzählt kleine Geschichten, die all jene, welche genauer hinhören, so schnell nicht mehr loslassen werden. Dass ausgerechnet dieses Album voller Anti-Hymnen für die Schotten einen Durchbruch à la Snow Patrol (die immerhin auch aus Glasgow stammen) bedeuten dürfte, darf stark bezweifelt werden. Aber Frightened Rabbit pfeifen darauf! Und gehen mit „Pedestrian Verse“ zwei kleine Schritte zurück, nur im Anlauf für den nächsten beherzten großen Satz zu holen…

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Wer sich das Album vorab im Stream zu Gemüte führen möchte, der kann das noch immer hier tun…

In einem früheren Artikel berichtete ANEWFRIEND bereits über den Kurzfilm „Here (The Highlands Film“, welcher die Band während ihrer Mini-Tour durch einige abgelegenere Orte ihrer schottischen Heimat begleitet (und der Deluxe Edition von „Pedestrian Verse“ nun auf DVD beiliegt).

 

Die dem Album 2012 vorausgegangene „State Hospital EP“ kann man sich hier anhören…

 

Und hier die drei Videos zu „State Hospital“…

 

…“Dead Now“…

 

…und „The Woodpile“…

…sowie hier die NME-Session des Bonus Tracks „If You Were Me“ ansehen.

 

Rock and Roll.

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„Shallow Bed“ – das komplette Dry The River-Debüt im Stream + Track By Track Kommentare der Band


Vorschusslorbeeren aus Großbritannien, die Vierhundertfünfundachtzigste: auf der „Sound-Of-2012“-Liste der BBC sind die Jungs um Sänger Peter Liddle schon längst, ob die Lobeshymnen aus allen Teilen der Musikpresse auch berechtigt sind, davon kann man sich auf der Homepage der Band nun selbst überzeugen, denn dort bietet die Band das komplette Debüt „Shallow Bed„, welches bei uns am 2. März erscheinen wird, inklusive Track By Track Kommentaren im Stream an.

Erster Eindruck: Folk Rock, der gern mal in Richtung Bombast und Pathos schielt, sich dessen aber keineswegs schämt. Arcade Fire meets Mumford & Sons, produziert von Peter Katis, der bereits für The National, Interpol oder Frightened Rabbit hinterm Mischpult saß. „Shallow Bed“ ist wohl eins der beeindruckendsten Debüts 2012 – mal schauen, ob sich daraus eine große Liebe entwickelt oder es bei einem tollen One Night Stand bleibt…

Hier das Video zum Song „Chambers and the Valves“…

 

…das offizielle (?) Video zu „Paper Horses“…

 

…und „Skaker Hmyns“, in einer für die „Gospel Oak Sessions“ 2009 aufgenommenen Version:

 

Rock and Roll.

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