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Song des Tages: Hi! Spencer – „Nicht raus, aber weiter“


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Im vergangenen Herbst haben Jupiter Jones – nach immerhin 16 gemeinsamen Jahren dies- wie jenseits von Club- und Festivalbühnen sowie einem Sängerwechsel – einen vorläufigen Schlussstrich unter das Kapitel Bandhistorie gezogen. Werden sie vermisst? Schon ein klein wenig. Muss also Ersatz her? Nicht unbedingt. Und falls doch: Hi! Spencer bewerben sich hiermit um den Job.

Denn immerhin bringt die fünfköpfige Band aus Osnabrück – zumindest dem ersten Höreindruck nach – alles mit, was schon Jupiter Jones eine recht treue Fanbase beschert hat: Rockmusik der Marke „Indie meets Punk“, eine Prise Pop, ein bisschen Rebellion und hier und da eine verzerrte Gitarre. Dazu deutschsprachige, mit massig Emotion – und den richtigen persönlich-befindlichen Schlagworten – aufgeladene Texte. Des Öfteren konnte man gar Verweise auf Bands wie Turbostaat, Muff Potter oder Kettcar lesen. Well… Machen wir’s kurz und direkt: In meinen Augen hinkt dieser Vergleich. Denn erstens kommt – zumindest im im deutschsprachigen Raum – kaum jemand an das Storytelling von Marcus Wiebusch heran und zweitens waren Muff Potter in schöner Vorzeit wirklich mal rotzig produzierter, herrlich dreckiger Punkrock – mit Widerhaken und Attitüde. Und Turbostaats nordische Räudigkeit scheint ohnehin meilenweit entfernt.

hi-spencer-nicht-raus-aber-weiter-198488Hi! Spencer suchen vielmehr ihr Heil in der Eingängigkeit. Nicht immer gelingt das Sven Bensmann (Gesang), Janis Petersmann (Gitarre), Malte Thiede (Gitarre, Gesang), Jan Niermann (Bass, Keyboard, Gesang) und Niklas Unnerstall (Schlagzeug) auf ihrem zweiten, im Februar erschienenen Album „Nicht raus, aber weiter“ so gut wie im Titelstück, in welchem die Band Themen Angst, Panikattacken und innere Konflikte (ohnehin alles Sujets, die sich durchs Album ziehen) aufgreift, oder im ruhigem „Hinter dem Mond„, in dem Bensmann und Co. das heikle Thema Rechtsruck auf ihre Art anpacken – anstatt eines wütenden „In-die-Fresse-Punk-Songs” als nachdenkliche Ballade mit Tiefgang. In anderen Songs jedoch (etwa „Angst ist ein Magnet“ oder „Wo immer du bist„) schlingern Hi! Spencer mit allzu vielen recht hohlen Phrasen und pathetisch-dickem Schmalz bedenklich nahe an das Nullsummen-Spiel-Niveau von Max Giesinger und Konsorten heran.

Alles in allem ist „Nicht raus, aber weiter“ ein zweischneidiges musikalisches Schwert mit recht vielen Tief- wie Höhepunkten. Ein kleines Ausrufezeichen, welches all jenen, die Jupiter Jones ebenso sehr vermissen und deutschsprachigen Indierock mit erhöhtem Pop-Faktor nicht scheuen, durchaus zu empfehlen ist. Nicht mehr, aber keinesfalls weniger.

 

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Alles wegen Lilly


Sind Herbst und Winter nicht die idealen Jahreszeiten für feinen deutschen Befindlichkeitspunkrock? Ist es nicht ein gutes Gefühl, zu Adolars Debüt „Schwörende Seen, ihr Schicksalsjahre!“ den kalten Matsch da vor der Tür, in den man vor wenigen Minuten beinahe wieder gefallen wäre, zu verteufeln? Zu Turbostaat die eiskalten Fäuste in den Manteltaschen zu ballen? Zu Muff Potter an die selig-fernen Sommermomente zurück zu denken? Und dann zu „Raum um Raum“ von Jupiter Jones mal mehr, mal weniger sanft die eigenen Melancholieschienen entlang zu fahren…

In diese Kerbe schlagen auch vier bleichgesichtige Herren aus dem westfälischen Münster, welche den vermeintlichen Bandgründungsanlass im Herbst 2008 gleich zum Namen der selbigen machten: Alles wegen Lilly. Und wenn man(n) schon aus Münster kommt, dann darf auch ein Auftritt im legendären „Gleis 22“ nicht fehlen – den haben Steffen, Jan, Fredi und Moritz (klar, im Punk Rock ist’s noch immer wie in der brasilianischen Nationalmannschaft: Vorname reicht!) ebenso in ihrer Vita stehen wie eine erste Veröffentlichung: die „Ich hasse die Welt und ich sag‘ dir nicht warum“ EP, veröffentlicht 2010 im Selbstvertrieb. Wer bei diesem Titel jedoch an weichgespülte Emo-Trauerschwüre denkt, dessen Eindruck greift zu kurz, denn in den fünf Songs steckt einiges an Mut, Wut, Unbehagen und Trotz, von jener Art, der auch den vor nicht all zu langer Zeit dahingeschiedenen Muff Potter, welche übrigens ebenfalls aus Münster bzw. Rheine stamm(t)en, gut zu Gesicht stand:  „Schmeckt das Feuer noch? / Und die Asche noch im Haar / Wartest auf das Wunder / Und wenn’s kommt ist keiner da“ heißt es etwa in „Tigerfutter“. Drängende Passagen wechseln sich ab mit verhältnismäßig ruhigen, melodiösen Zwischenteilen und lassen die 17 Minuten Gesamtspielzeit unterhaltsam kurzweilig erscheinen. Die bereits zwei Jahre alten Songs mögen zwar hier und da noch etwas grün hinter den Ohren erscheinen, haben sich aber bereits merklich Dreck unter den Fingernägeln erspielt.

„Punkrock mit deutschen Texten, abseits grölenden Asselpunks aber immer mit Wut im Bauch. Irgendwo im Fahrwasser von Hot Water Music, Captain Planet, den frühen Jupiter Jones und nah an der bereits gesunkenen H.M.S. Muff Potter.“ sagt der – wohl selbstverfasste – Pressetext. Wer also mit den bereits genannten Bands etwas anfangen kann, und wem es zu dieser Jahreszeit ebenso (respektive: ähnlich) geht wie mir, der kann bei Alles wegen Lilly getrost zugreifen, denn: die EP gibt’s solidarisch punkrockig für lau und ein paar warme Worte des Danks auf der Bandcamp-Seite der Band zum Download auf’s heimische digitale Abspielgerät (oder als physischen Tonträger über die Myspace-Seite der Band)! Feine Sache, das.

Hier kann die EP schon einmal probegehört werden…

Rock and Roll.

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