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Sunday Listen: SAULT – „UNTITLED (Black Is)“


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Nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd durch weiße Polizisten gehen die Proteste gegen Rassismus – mal mehr, mal weniger öffentlichkeitswirksam – weltweit weiter. Auch am 19.06., am sogenannten „Juneteenth„, dem Tag, an dem an das Ende der Sklaverei der afroamerikanischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten erinnert wird, zog es in den US of A landesweit Menschen auf die Straßen. Und: Genau an diesem Tag veröffentlichte die britische Band SAULT völlig überraschend ihr nächstes Album mit dem Titel „UNTITLED (Black Is)“. Zeitlos und doch so verdammt relevant. Ein Protestalbum, welches leider perfekt in diese Zeit passt…

We present our first ‘UNTITLED’ album to mark a moment in time where we as Black People, and of Black Origin are fighting for our lives. RIP George Floyd and all those who have suffered from police brutality and systemic racism. Change is happening… We are focused. SAULT x

Um die noch recht frische Band aus London ranken sich seit jeher ein paar Banksy-würdige Mysterien. Ihre Veröffentlichungen erscheinen aus dem Nichts (wie etwa im vergangenen Jahr gleich zwei Werke titels „5“ und „7„), Hintergrundinformationen existieren kaum und öffentliche Auftritte gibt es –  zumindest bisher – nicht. Aus den Credits der Songs ist jedoch zu erfahren, dass sowohl Dean „Inflo“ Josiah (unter anderem Produzent für Little Simz, Jungle oder The Kooks) als auch Sängerin Cleopatra „Cleo Sol“ Nikolic ihre Finger im Spiel haben.  So veröffentlichten SAULT ihr neuestes Werk einmal mehr ohne Vorankündigung als Free Download auf ihrer Website sowie via Bandcamp. Auf dem Album sind auch die aus Chicago stammende Rapperin Melisa „Kid Sister“ Young, Soul-Musiker Michael Kiwanuka oder die Poetry-Künstlerin Laurette Josiah vertreten.

Das Cover der Platte ziert eine schwarze, in die Luft gereckte Faust auf pechschwarzem Grund – das Artwork ist bewusst minimalistisch gehalten und sagt doch eigentlich alles. Musikalisch bekommt man eine gleichsam vielfältige wie reduzierte Mischung afroamerikanischer Musikstile zu hören: Soul, Afrofunk, Motown, Gospel, R&B, DooWop, Hip Hop und Spoken Word-Interludes, an mancher Stelle klingen gar New Wave, Post Punk, Dub oder Trip Hop an. Außerdem ungewöhnlich: Mitte Juni spielte DJ Gilles Peterson „UNTITLED (Black Is)“ in seiner BBC-Radiosendung, noch bevor es irgendwo sonst zu hören war. Und zwar – allein das spricht bereits Bände und geschah vorher nur ein einziges Mal – komplett. Als den „ersten Klassiker der Ära der ,Neuen Realität“ bezeichnete die DJ-Koryphäe für schwarze Musik das Album vorab auf seinem Twitter-Account.

Noch viel spannender sind jedoch die Themen, mit denen sich SAULT auf dem Album beschäftigen. Sie bieten dem Hörer einen Einblick in ein Leben voll von systematischem Rassismus und Polizeigewalt. Schließlich dürften beide Band-Köpfe wissen, wovon sie reden: Sängerin Cleo Sol hat jamaikanische, serbische und spanische Wurzeln, Produzent Inflo ist schwarz. In den Songs thematisieren sie die permanente Angst, den immanenten Stress, unter denen Farbige (also nur nicht Schwarze, sondern etwa auch Hispanics) in den US of A – und freilich nicht nur da – stehen. Weil sie bei jeder Polizeikontrolle immer mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Weil zunächst einmal ihre Hautfarbe gesehen wird, selten der Mensch dahinter. Man spürt die Wut, die Angst, Trauer, all diese Ungerechtigkeit – und doch bleibt am Ende die Hoffnung auf eine bessere, eine friedvollere Welt bestehen.

Wildfires“ positioniert sich dabei als das Herzstück des Albums und dürfte mit Zeilen wie „We all know it was murder“ schon jetzt einer der eindringlichsten Songs des Jahres sein. Ein berührendes, beat-getriebenes Soul-Statement, dem jede(r) sein (oder ihr)  Gehör schenken sollte. Anderswo, in „Hard Life„, einem schwermütigem Track mit schleppenden TripHop-Beats und wummerndem Bass, heißt es „Everyday feels like a battle“. In „Bow“ gibt Michael Kiwanuka mal nicht den zugänglichen Soul-Folkie, sondern chantet über einen Afro-Beat. Er, dessen Eltern einst aus Uganda nach London flohen, zählt so einige afrikanische Länder und Städte auf und fordert am Ende: „We got rights!“„Wir haben Rechte!“„Don’t Shoot Guns Down“, ein Aufschrei im gleichnamigen Song, ist unterlegt von Polizeisirenen sowie Sprechchören bei einer Demonstration. Und dazwischen immer wieder poetische Momente wie in „Black Is„: Spoken Word meets Gospel, und in den Lyrics heißt es „Black is beautiful / Black is excellent, too / In me, in you“. Der Band gelingt dabei das Kunststück, niemals bitter zu klingen, sondern ein stolzes Statement schwarzer Selbstbestimmung zu formulieren. This generation cares. 

All diesen formidabel-löblichen Aktionismus mal außen vor, bleibt natürlich zu hoffen, dass das Thema nicht wieder in den Hintergrund tritt, bis der nächste sinnlose, rassistisch motivierte Todesfall die Medien erreicht, da die öffentliche Aufmerksamkeitsspanne bei so vielen wichtigen Themen leider immer recht kurz ist (und Dank unserer digitalen Reizüberflutung immer kürzer gerät). Jeder Mensch sollte versuchen sich daran zu beteiligen, die Missstände weiter auszuräumen und Rassismus weiter zu bekämpfen. Sich selbst hinterfragen, weiterbilden, andere sensibilisieren. Change is happening? Let’s hope so.

SAULT haben dazu mit „UNTITLED (Black Is)“, das in digitaler Form gratis angeboten wird und  auch als Vinyl vorbestellt werden kann (die Einnahmen sollen an Charity-Organisationen gehen), auf jeden Fall einen bedeutsamen Teil beigetragen – weniger als Musik schaffende Band, sondern vielmehr als Dokumentaristen und Chronisten. Ein wichtiges Album für diese wegweisende Zeit…

 

 

Rock and Roll.

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Flimmerstunde – Teil 23


„Searching For Sugar Man“ (2012)

Searching For Sugar Man (poster)Kein noch so fantasiereicher Autor könnte je so wunderbar unglaubliche Geschichten schreiben wie das Leben… Mitte der siebziger Jahre erlangt ein Mann in Neuseeland und Australien, jedoch vor allem in Südafrika Kultstatus – und das, obwohl er lange Zeit davon nichts weiß. Die Songs des Musikers Rodriguez werden von Radiostationen von Kapstadt bis Johannesburg rauf und runter gespielt, ihre gesellschaftskritischen Inhalte dienen schwarzer wie weißer Bevölkerung quasi als Soundtrack zu ihrem persönlichen Kampf gegen die Apartheit. Und der Künstler? Nun, über den wussten südafrikanische Musikjournalisten viele Jahre wenig bis nichts, und selbst die Verantwortlichen der nationalen Plattenfirma, auf der eine eigens zusammengestellte Werkschau von Rodriguez erschien, konnten nur mit den Schultern zucken. Schnell machten Gerüchte die Runde: der Mann habe sich noch während eines Konzertes eine Waffe an die Schläfe gehalten und abgedrückt! Nein, er ist an einer Drogenüberdosis gestorben! Nichts genaues blieb für Jahrzehnte im Dunkeln – und Rodriguez international ein „man of mystery“

Rodriguez #1

Tatsächlich war er noch am Leben, nur wusste das auf der anderen Seite des Ozeans niemand. Erst als Craig Bartholomew-Strydom, ein südafrikanischer Musikjournalist, im Jahr 1996 tiefer zu bohren begann und sich anhand von Textzeilen des Musikers auf eine wahre Schnitzeljagd begab, stieß er auf die ebenso unglaublich wahre wie herzzerreißende Lebensgeschichte von Rodriguez.

Der 1942 in Detroit als Sohn mexikanischer Einwanderer geborene Sixto Díaz Rodriguez zog nach Abschluss der High School durch die örtlichen Bars, lauschte den Lebensgeschichten des einfachen Mannes und machte diese zum Inhalt seiner Lieder – gesellschaftskritische Texte, die vom harten Leben auf der Straße und (insofern man Glück und eine Arbeit hatte) am Fließband, aber auch vom Hängenbleiben am Tresen und von den von der Gesellschaft Vergessenen erzählten, auf der anderen Seite jedoch auch sehr poetisch waren. Bald schon wurde der in der „Motown“-Stadt Geborene von Produzenten entdeckt, nahm zuerst eine Single, danach zwei Alben auf, und seine Fürsprecher wähnten sich bereits in der Sicherheit, hier den „neuen, noch besseren Bob Dylan“ unter Vertrag genommen zu haben – doch obwohl sogar die Kritiken zu den Alben „Cold Fact“ (1970) und „Coming From Reality“ (1971) positiv ausfielen, blieb der Ansturm auf die Plattenläden aus. Schlimmer noch: laut Aussagen ließen sich die Verkaufszahlen gar an zwei Händen abzählen! Kaum einer kann auch heute noch eine Ursache nennen. Waren Rodriguez‘ Texte zu kritisch (konnte kaum sein, denn Dylan war seinerzeit mindestens ebenso rücksichtslos aufrührerisch, und die Siebziger keinesfalls als kritikfernes Jahrzehnt bekannt)? Passte die Farbe oder die Gestaltung des Covers nicht, die Tourdaten, die Promotion, das Timing? Keiner hatte eine Antwort, und das Label ließ den hoffnungsvollen Künstler schnell wieder fallen… Fortan ging Sixto Rodriguez wieder einem Nine-to-Five-Broterwerb in Detroit nach, um seine Familie durchzubringen, und geriet in den USA in Vergessenheit, obwohl auch vorher niemand von ihm Notiz genommen hatte.

Rodriguez #2

Umso erfreulicher – und erstaunlicher! – war es für ihn, als er im Jahr 1998 erfuhr, dass er, der im heimatlichen Musikgeschäft Gescheiterte, im fernen Südafrika eine sagenumwobene, für tot gehaltene Kultfigur, ja gar ein Star – größer und beliebter noch als Elvis, Hendrix, Dylan, die Beatles oder Rolling Stones – war. Bartholomew-Strydom und der südafrikanische Fan und Plattenladenbesitzer Stephen „Sugar“ Segerman nahmen über dessen Töchter Kontakt zu Rodriguez auf und baten ihn, nach Südafrika zu kommen und dort einige Konzerte zu spielen. Und was er dort erlebte, erfüllte ihn nach Jahrzehnten des sicher geglaubten musikalischen Scheiterns endlich mit Genugtuung und Seelenfrieden, verschlug ihm und seinen mitgereisten Töchtern aus Dankbarkeit jedoch auch ein ums andere Mal die Sprache: jubelnde, ausverkaufte Hallen, die dem damaligen Endsechziger noch vor dem ersten Ton Standing Ovations spendierten! Limousinen am Flughafen, feine Hotels, Radiointerviews und Fernsehauftritte! Später Ruhm in einem fernen Land…

Searching For Sugar Man„, die kürzlich Oscar-prämierte Dokumentation des schwedischen Dokumentarfilmers Malik Bendjelloul, begibt sich für 86 Minuten noch einmal auf die Schnitzeljagd nach einem Totgeglaubten, und spürt am Ende eine Geschichte auf, die beinahe zu unglaublich ist, um nicht dem Hirn eines Hollywood-Schreiberlings zu entstammen. Dabei kommen alle Beteiligten in Südafrika und den USA – von Bartholomew-Strydom über Segerman, ehemalige Produzenten, aber auch Rodriguez‘ Töchter und der Künstler selbst – zu Wort, und zeichnen das Bild eines Mannes, dem – zumindest in finanzieller Hinsicht – nie das Glück zuteil wurde, das weitaus weniger talentierte Berufskollegen im Überfluss hatten, der darüber hinaus aber nie den Mut und das Ohr für den „kleinen Mann am Rinnstein“ verlor. Ein Mann, der in einem anderen Universum wohl der „bessere Dylan“ geworden wäre – denn hört man die Stücke seiner bis zum heutigen Tag einzigen beiden Alben, so vereinen diese die Qualitäten von His Dylaness mit den Schattenseiten des „Motown“-Sounds eines Marvin Gaye. Doch der Ruhm in der Heimat wird dem mittlerweile 70-jährigen Sixto Rodriguez, der auch nach den „Erfolgen“ in Südafrika, wo sein Debütalbum „Cold Fact“ Goldstatus erreichte, nie von seiner Musik leben konnte, erst heute – durch die tolle, spannend aufgemachte und erzählte Dokumentation „Searching For Sugar Man“ zuteil – und er, der seit 40 Jahren im selben Haus lebt und einen Großteil der Einnahmen aus Südafrika seiner Familie schenkte, hat ihn sich mehr als verdient. Denn Sixto Díaz Rodriguez weiß endlich: seine Lieder, seine Geschichten von der Straße, sie werden gehört. Und das Leben, dieser verrückte kleine Bastard, hat ihm eine Geschichte geschrieben, auf die selbst er nie gekommen wäre…

Rodriguez #3

 

 

In jedem Falle sollte spätestens jetzt jeder den Songs von Rodriguez eine Chance im Gehörgang geben und aufmerksam zuhören (sehr zu empfehlenden ist hierbei der Soundtrack zur Dokumentation, welcher einen Querschnitt durch das leider zu geringe Schaffen des Künstlers bietet), denn –  so viel sei versichert: es lohnt sich! „Searching For Sugar Man“ ist eine große Dokumentation über einen großen, unentdeckten Künstler namens Rodriguez, die den diesjährigen Oscar völlig zu recht für sich beansprucht hat. Punkt. Und nun: hört zu!

 

Rock and Roll.

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