Schlagwort-Archive: Moses Schneider

Song des Tages: Husten – „Kirchenschiff“


medium_Husten

„Selbe Prozedur wie jedes Jahr“ heißt es nun schon seit 2017 (oder eben seit dem vergangenen Kalenderjahr) im Hause Husten, dem kreativen Jux-und-Dollerei-Projekt von Gisbert zu Knyphausen, Moses Schneider und Tobias „Der dünne Mann“ Friedrich, denn bereits 2017 sowie 2018 hatte das Dreiergespann jeweils im Mai eine EP veröffentlicht (hier und hier schrob ANEWFRIEND folgerichtig einige Zeilen darüber).

teil-4-und-5-und-6 KopieUnd, siehe da: es ist wieder Mai und – laut Adam Riese – müsste nun das dritte Mini-Album des Liedermachers (zu Knyphausen), hauptberuflichen Produzenten (Schneider) und Ex-Frontmannes von Viktoriapark (Der dünne Mann) ins Haus stehen… Besser noch:  Die „Teil 4 und 5 und 6 EP“ ist vor wenigen Tagen (auf Vinyl via Kapitän Platte sowie digital bei den üblichen Verdächtigen) erschienen! Und obwohl das Trio auch diesmal lediglich fünf neue Stücke über den musikalischen Tresen wachsen lässt (die mittlerweile ein ordentliches Album darstellen dürften), enthält die neue EP aber auch so tolle, einmal mehr tiefgründige Songs wie „Kirchenschiff“ (oder „Treppenhaus„), welche erfreulicherweise deutlich erkennbar die songschreiberische Handschrift von Gisbert zu Knyphausen tragen, während musikalisch erneut absoluter Freispiel-Befehl (bis hin zum Elektro-Experiment) herrscht.

Und 2020? Ist das nächste Mini-Album mit den via Facebook bereits Anfang des Monats mit den Worten „Aus Versehen fünf neue Lieder geschrieben aufm Land. Für EP4, 2020.“ bereits fest eingeplant. Eben dieselbe Prozedur wie jedes Jahr im Hause Husten…

 

 

Hier gibt’s die neue, jährliche Husten-EP via Bandcamp im Stream:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sunday Listen: Husten – „Zurück zum Heißen EP“


assets

Die selbstbetitelte Debüt-EP fand ja bereits im vergangenen Jahr auf ANEWFRIEND Erwähnung, nun haben Gisbert zu Knyphausen, Moses Schneider und der dünne Mann (aka. Husten), wie versprochen, fünf neue Songs nachgelegt. Oder wie sie selbst schreiben:

„Der hartnäckige Husten vom letzten Jahr ist zurück.
Wie versprochen veröffentlichen Gisbert zu Knyphausen, Moses Schneider und der dünne Mann ihre zweite Husten-EP am 25. Mai 2018. ‚Zurück zum Heißen‘ wurde wieder zusammengefriemelt aus Beats aus dem alten Werkzeugschrank, im Stolpern gespielten Gitarren, auf dem Dachboden gefundenen Chören und auf Handrücken geschmierten Worten. Resteessen und Laborexperiment. Mit der Grubenlampe im Keller und dem Flohmarkt-Teleskop auf dem Dach. Erwachsene im Kinderparadies. Kinder im Erwachsenenparadies.
Husten sind die schlechtesten Türsteher der Stadt. Alle kommen rein: Indie-Disco, 80er-Jahre-Pop, gezupfte Wandergitarre, und sogar die große Powerballade wird durchgewunken. Die Heys, Uhs, Yeahs und Ahs sind auch wieder mit dabei und doch ist vieles anders als letztes Jahr.
‚Zurück zum Heißen‘ ist mit viel Liebe selbst gebastelt. Die Vinyl-Fassung hat erneut ein
Klappcover, farbiges Vinyl mit Siebdruck und ein angenehm verstörendes Artwork von der Engländerin Miss Aniela, das Dunja Berndorff (nawim96) in Form gegossen hat. Genau wie zu der ersten EP wird es auch dieses Jahr zu jedem Lied ein Video geben, gedreht von Regisseurin Steph von Beauvais. Bleibt also wieder alles in der Familie. Wie bei der Mafia. Nur ohne Knarren, Leichen und Geld.
Und Husten werden bis auf Weiteres das Studio nicht verlassen, also auch nicht live spielen…“

Word.

Und obwohl sich keiner der neuen, einmal mehr Pavement-injizierten Rocksongs so ganz vom „Vorwurf“ des dezent-sympathischen Beklopptseins freisprechen kann, macht es erneut sehr viel Spaß, den dreien beim kreativen Freidrehen zuzuhören.

Außerdem haben Husten für ihre zweite EP ein derart tolles Covermotiv gewählt, dass man als Band im Grunde gar nicht drumherum kommt, das Ganze auf großformatigem Vinyl zu veröffentlichen…

a2419552594_10

 

Hier gibt es zum Stück „So nah dran“ bereits das erste von fünf geplanten Musikvideos zur neuen EP…

 

…sowie selbige via Bandcamp im Stream:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Husten – „Liebe kaputt“


husten

Ich, inoffizieller Ehrenpräsident des weltersten (?) Gisbert-zu-Knyphausen-Ultra-Fanclubs, feiere natürlich so ziemlich alles Neue ab, was der Mann in die Musikwelt entlässt…

Okay, fair enough: Das mit dem „Ehrenpräsidenten“ hab‘ ich mir ausgedacht, den Fanclub wird’s zwar sicherlich irgendwo geben, ich selbst gehöre jedoch nur im Geiste dazu. Aber dennoch stimmt es: eine schlechte Veröffentlichung hat die – zugegebenermaßen noch recht spärliche – Veröffentlichungsvita von Gisbert zu Knyphausen bislang nicht vorzuweisen. Die beiden 2008 beziehungsweise zwei Jahre darauf erschienenen Soloalben „Gisbert zu Knyphausen“ und „Hurra! Hurra! So nicht.„? Großartig. Das 2012 veröffentlichte erste – und einzige – Album „I“ von Kid Kopphausen, dem feinen Projekt mit seinem leider im selben Jahr viel zu früh verstorbenen Hamburger Musikerkumpel Nils Koppruch? Großartig. Ob sich zu Knpyhausens neues Band-Projekt Husten da nahtlos einreiht?

Nun, zunächst einmal stellt einen das neuste kreative Baby des Mannes, dessen Fans bereits seit geschlagenen sieben Jahren vergeblich auf einen legitimen Nachfolger von „Hurra! Hurra! So nicht.“ warten, auf eine ziemliche Probe, sind die fünf Songs (in 14 Minuten), die zu Knyphausen mit seinen aktuellen Husten-Musizierpartnern Moses Schneider (Studiobesitzer und Produzent von u.a. den Beatsteaks, Tocotronic, Turbostaat oder Olli Schulz) und Tobias „Der dünne Mann“ Friedrich (ehemals Sänger von Viktoriapark) im Mai auf der „Husten EP“ zusammengefasst hat, vor allem eines: untypisch und sperrig.

EP_Husten_Front-600x600Anstoß war die geplante Verfilmung von Tino Hanekamps Erfolgsroman „So was von da“ – die darin porträtierte Band brauche Lieder, war man sich sicher. Oder wie die drei von Husten selbst via Facebook schreiben:

„Es war die Rede davon, dass Tino Hanekamps Roman ‚So was von da‘ verfilmt werden sollte. Moses Schneider bekam davon Wind und fragte den dünnen Mann, ob er Lust hätte, am Soundtrack dafür mitzuschreiben. Die Band aus dem Buch brauchte Lieder. Wie das so ist, vergingen drei, vier Jahre, einige Songs entstanden, aus dem Film wurde (noch) nichts.
Also gründete man eine eigene Band, die Lieder waren ja da. Zwei sind aber keine Band, also fragten sie Gisbert zu Knyphausen, ob er mal im Studio vorbeikommen wolle, es gäbe was zu singen. Das hat er dann getan und ihm gefielen die Lieder.
Aber eine ‚richtige‘ Band mit Live-Auftritten und Album wollte man eigentlich gar nicht sein. Das Leben ist kompliziert. Schließlich traf man sich öfter in Restaurants als im Studio. Richtige Bands sind oft im Übungsraum. Moses, Gisbert und der dünne Mann nannten sich dann ‚Husten‘ und schraubten ihre Lieder aus allen möglichen Überbleibseln der letzten zwanzig Jahre fertig zusammen. Hier ein Schlagzeug-Take, zu dem es kein Lied gab, dort ein Sample, das niemand wollte; eine übrig gebliebene Nummer vom dünnen Mann, ein Playback von Moses, neue Melodielinien von Gisbert. Mehr war das nicht.“

Eben. Den bislang fünf Songs des Endergebnisses (welche via Bandcamp im Stream bereitstehen) hört jeder, der in den letzten Jahren die deutsche Musikszene aufmerksam verfolgt hat, sowohl den Einfluss von Moses Schneider – die staubig-trockene Produktion, welche in ihrer direkten Art an US-Vorbilder wie Steve Albini gemahnt – als auch den von Gisbert zu Knyphausen – sinistre Melodiebögen mit Hang zur melancholischen Alltäglichkeit – an. „Songwriter-Betulichkeit findet man hier nicht, es ist eher ein sehr schön inszenierter Auffahrunfall, den die Stücke nachstellen“, wie der „Musikexpress“ schreibt. Oder, an anderer Stelle: „Die lediglich auf Vinyl gepressten fünf Stücke sind aber genauso gut geeignet als Soundtrack für die schnelle Fahrt ins Freibad. Wie man das mit dem Plattenspieler hinbekommt, ist jedem selbst überlassen.“ Mindestens „Liebe kaputt“ dürfte sich auch bei der sommerlichen Fahrt ins Freibad als kleiner Indie-Hit herausstellen (trotzdem darf man sich gern noch die Musikvideos zu „Bis einer heult“ und „So was von da“ ansehen).

Und die beste Nachricht zum Schluss kommt von der Husten-Band selbst: „Ach ja, es hat der Band so viel Spaß gemacht, dass die nächste EP ist schon fast fertig ist, ebenso die übernächste. Die kommen dann wieder im Mai. 2018, 2019, …“

 

 

„Ich krieg‘ die Liebe geschenkt
Und muss dafür teuer bezahl’n
Du kaufst dir Liebe und mehr
Es war alles umsonst
Und so bricht es auseinander wie Zwieback
Was eigentlich für die Ewigkeit war
Will oft nicht länger halten, als ein Wimpernschlag

Auf’s Herz gefallen – Liebe kaputt
Auf’s Herz gefallen – Liebe kaputt
Auf’s Herz gefallen – Liebe kaputt
Asche zu Asche, Schutt zu Schutt

Und wenn du mich fragst
‚Was war denn deiner Meinung nach unser schönster Augenblick?‘
Glaub‘ ich, es war ein anderer
Und so bricht es auseinander wie Zwieback
Was eigentlich für die Ewigkeit war
Will oft nicht länger halten, als ein Wimpernschlag

Auf’s Herz gefallen – Liebe kaputt
Auf’s Herz gefallen – Liebe kaputt
Auf’s Herz gefallen – Liebe kaputt
Asche zu Asche, Schutt zu Schutt

Sie kriegt die Liebe geschenkt
Und muss dafür teuer bezahl’n
Er kauft sich Liebe und mehr
Es war alles umsonst
Und so bricht es auseinander wie Zwieback
Was eigentlich für die Ewigkeit war
Will oft nicht länger halten, als ein Wimpernschlag

Auf’s Herz gefallen – Liebe kaputt
Auf’s Herz gefallen – Liebe kaputt
Auf’s Herz gefallen – Liebe kaputt
Auf’s Herz gefallen – wieder ausgespuckt
Hey, hey, hey
Auf’s Herz gefallen – Liebe kaputt
Auf’s Herz gefallen, uf’s Herz gefallen – Liebe kaputt
Liebe kaputt“

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Tom Schilling & The Jazz Kids – „Kein Liebeslied“


Tom-Schilling-Promo

Deutschland, deine singenden Schauspieler(innen)…

Man nehme sich nur einmal folgende Liste zur Brust: Jan Josef Liefers, Nora Tschirner, Ulrich Turkur, Jürgen Vogel, Uwe Ochsenknecht, Jana Pallaske, Axel Prahl, Ben Becker, Anna Loos, neulich auch noch das lebende Gute-Laune-360-Grad-Produkt Matthias Schweighöfer – die Gesangsleistungen einiger dieser TV- und Leinwandmimen sind längst in Vergessenheit geraten. Zu recht? Gut möglich. Und auch die Tatsache, dass es ihnen Hollywood-Größen über Bruce Willis bis Keanu Reeves, Russell Crowe und Kevin Costner gleichtaten und sich ebenfalls bereits am Mikro *hust* versucht haben, macht’s nicht besser. Gut nur, dass zumindest Namen wie Zoey Deschanel, Julie Delpy, Juliette Lewis oder Jared Leto halbwegs die Walk-of-Fame-Ehre retten, wenn’s ums Tönen geht. Fakt ist: Ne nette Visage macht noch kein angenehmes Stimmband.

Was also soll man nun von einem wie Tom Schilling erwarten? Dass der 35-jährige Schauspieler viele Rollen kann aber nicht eben alles spielen möchte (gell, Herr Schweighöfer?), hat er bereits zur Genüge unter Beweis gestellt – Filme wie „Crazy“ (anno 2000 sein Einstand vor größerem Publikum), „Verschwende deine Jugend“, „Agnes und seine Brüder“, „Napola – Elite für den Führer“, „Elementarteilchen“, „Schwarze Schafe“, „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ oder vor nicht allzu langer Zeit „Oh Boy“ sprechen wohl für sich. Der Berliner kann vor der Kamera Vieles, ist schlußendlich jedoch – bewusst oder nicht – meist auf Rollen wie die des Niko Fischer in „Oh Boy“ festgelegt: ein zielloser Berliner Ex-Student, der sich einen Tag und eine Nacht durch die deutsche Hauptstadt treiben lässt und dabei unterschiedlichsten Menschen begegnet. Irgendwie verpeilt, irgendwie nicht mehr jung und doch weit entfernt von alt, irgendwie über den Dingen schwebend und doch mittendrin im Getümmel. Eigenartige, ja eigenwillige Charaktere, denen er mit mal stiller, mal tiefer Mimik Form verleiht. Ein Charakterschauspieler fürs Arthouse und Bildungsfernsehen, quäkiger Stimme und einem ewigen Babyface.

Dass ebendiese unverkennbare Babyface-Quäkstimme nun ein ganzes Album mit zumeist eigenen Songs veröffentlicht, kommt freilich einer Überraschung gleich. Dass diese dann nicht vollends positiv ausfällt, liegt wohl in der Natur der Sache. Dabei ist der dreifache Familienvater durchaus realistisch: „Ich bin kein toller Sänger, auch kein toller Gitarrist. Ich könnte den ganzen Veröffentlichungen, die tagtäglich erscheinen, nichts Neues hinzufügen. Aber ich habe einen anderen Ansatz, Songs zu schreiben, als ich gerade in der populären Musik sehe.“

bf2d67747cAlso begab es sich mit seiner vierköpfigen Begleitband, den Jazz Kids (die er während der Dreh zu „Oh Boy“ kennelernte, an der Seite von Schilling jedoch keineswegs Jazz spielen), und Produzent Moses Schneider (Beatsteaks, Tocotronic, Turbostaat, AnnenMayKantereit) in die legendären Berliner Hansa-Studios, um all die Songs, die ihm im Laufe der Jahre durch die Hirnrinde gerasselt sind, auf Tonbänder zu bringen. Herausgekommen sind mit „Vilnius“ neun eigene Stücke und eine Coverversion („Kinder“, im Original ein Protest-Gassenhauer von Bettina Wegner und in den späten Siebzigern erschienen). Und wie schon die Jazz Kids, die schlußendlich keinen Jazz spielen, hat Schillings Albumeinstand mit der litauischen Hauptstadt eher zwischen den Zeilen Dinge gemein. Etwa die sanfte Schwermut die sich durch die knapp vierzig Minuten zieht und sich ebenso im Cover, welches ein Seestück von Gerhard Richter zeigt, widerspiegelt.

Wer nun jedoch Hintergrundmusik für kuschelige Kaminabende in trauter Zweisamkeit erwartet, der hat auch Schillings (schauspielerische) Rollenwahl in den letzten gut 15 Jahren nicht verstanden, denn Vieles auf „Vilnius“ ist in Schieflage, geradezu kaputt. Wie im Film läuft Romantik hier nie ohne eine gewisse Prise Drama ab. Man nehme nur die Eröffnungsnummer „Kein Liebeslied“, dass ebendas ist: kein Liebeslied. „Deine Sätze sind hohl, deine Versprechen sind leer / Und schön find‘ ich dich schon seit Jahren nicht mehr“ – Ein verbales Großreinemachen, welches zu sägenden Gitarren die Richtung vorgibt. Element Of Crime klingen an, wenn Tom Schilling sprechsingt wie weiland EoC-Frontmann Sven Regener, manchmal gar Nick Cave oder die ollen Hildegard Knef oder Klaus Kinski. Und obwohl Schilling nie so ganz an die Größe seiner Inspirationen heranreicht (eine andere ist, laut eigener Aussage, Rammstein-Fronter Till Lindemann), so sind doch die Stücke eines: unkonventionell. Denn selbst in den käsigsten Momenten (etwa dem Lovesong „Ja oder nein“, im Duett mit Annett Louisan – in etwa die popkulturelle Entsprechung zum „ewigen Babyface“ Schilling) wird die Liebe torpediert: „Und wenn dein Herz einen andern liebt / Und ich, ich bleib‘ allein / Darf ich dich trotzdem lieben – ja oder nein?“. Klar, nicht alle Stücke gelingen. „Draußen am See“ möchte Nick Caves Moritat „Where The Wild Roses Grow“ Konkurrenz machen und klaut ganz offen bei Yann Tiersens „La valse d’Amélie“, „Ballade von René“ möchte eine tiefsinnige Junkie-Chronik in den Straßen von Berlin sein, klingt jedoch nach einem müden „Conny Kramer“-Update fürs Jahr 2017. Nicht alles kauft man Tom Schilling ab.

Und doch ist „Vilnius“ unterm Strich eines der besseren „Jetzt-singt-der-auch-noch“-Alben eines tönenden Schauspielers, eben weil Schilling hier keine Rolle(n) spielt sondern merklich Herzblut in erdig zusammengezimmerte Stücke legt, die das (Schau)Spiel trotzdem nie zu weit treiben. Fortsetzung erwünscht? Keine Ahnung. Doch für den Moment sind diese Songs, die nach Großstadt-Episoden vor blassgrauen Kulissen klingen, nach langen Nächten in kleinen, verrauchten Kaschemmen, nach viel Einsamkeit und doch nach dem prallen, puren Leben, gut genug. Denn sie sind wie der, aus dessen Kopf sie stammen: irgendwie gegen den Strich gebürstet. Irgendwie jung geblieben, sich treiben lassend vom Alltag zerrieben, traurig jubilierend. Und immer noch besser als – gefühlt – alles von Matthias Schweighöfer.

Tom-Schillingkl

 

 

Wenn man nur ein Stück von „Vilnius“ hören sollte, dann definitiv die Eröffnungsnummer „Kein Liebeslied“. Großartig? Jepp. Und dass im Musikvideo die eh dauerhaft großartige Martina Gedeck mitspielt, macht das Ganze nur noch runder.

 
 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Olli Schulz – Feelings aus der Asche (2015)

OlliSchulz_Feelings_Cover-erschienen bei Trocadero/Indigo-

Also, bringen wir’s hinter uns: „Wenn es um Olli Schulz geht, ist man immer schnell in der Defensive. Was, dieser Kasper da aus dem Fernsehen, der noch alberner als Joko und Klaas zusammen ist? Böhmermanns nerviger Sidekick aus der Radiosendung? Genau der. Und der macht Musik? Ja, damit hat er angefangen, damals in Hamburg, das kann er richtig gut. Jetzt ist Schulz 40, hat sich aufs Fernsehen eingelassen, auf Business-Meetings, auf Quoten, Likes und Boulevard. Ausgerutscht und auf die Fresse gefallen ist er nicht, aber es war wohl knapp.“ – um gleich vorweg aus der Plattenkritik von Spiegel Online-Autor Andreas Borcholte zu zitieren. Fakt ist: Olli Schulz, gebürtiger Hamburger, Wahlberliner und Jahrgang 1974, ist ein Plappermaul und enthusiastischer Mutaufreißer, der bei seinen Konzerten auch schon mal den Redeanteil zu Lasten seiner nie selten formidablen, hintersinnigen Songs verschiebt. (Meine Lieblingsanekdote stammt übrigens immer noch aus der Zeit von Schulz‘ Debütalbum „Brichst Du mir das Herz, dann brech‘ ich Dir die Beine!„, als der selbstberufene Liedermacher und Comedian – in Personalunion, selbstredend – als Busfahrer und Showanheizer für die stets wunderbaren Weakerthans unterwegs war und es sich bei seinem Auftritt im Dresdner „Beatpol“, der damals, 2003, noch „Starclub“ hieß, durch verhaspelte Äußerungen derart mit Teilen des anwesenden Publikums verscherzte, dass Schulz bis heute einen großen Konzertbogen um die sächsische Landeshauptstadt zu machen scheint… aber das nur am Rande.) Und freilich mögen Viele Schulz vor allem als blödelnden Lulatsch aus „Circus HalliGalli“ kennen, als dessen Alter Ego „Charles Schulzkowski“, der auf der Berlinale – ohne Rücksicht auf Verluste oder falsche Scham – auch schon mal einen über den Durst trinkt, als „Bibi McBenson“ (seltsam ulkig auf Tonträgerkonserve), als „Schulz in the Box“ (seine Show auf Pro Sieben) oder als Radio-Counterpart zu Jan Böhmenmann („Sanft & Sorgfältig“ auf Radioeins). Doch all das läuft bei Oliver Marc Schulz seit Jahr und Tag nur am Rande, denn der Mann brennt am Ende des Tages – und das schon seit Kindheitstagen – stets nur für eines: die Musik. Und da hat der *hust* Singer/Songwriter (oder lasst uns beim „Liedermacher“ bleiben) in den letzten zwölf Jahren schon Beachtliches vorzuweisen: drei Alben mit dem Bandanhang „und der Hund Marie“ (das war im Grunde nur sein Kumpel Max Schröder, der danach vor allem solo sowie als Schlagzeuger von u.a. Tomte oder Die Höchste Eisenbahn in Erscheinung trat) sowie zwei Soloalben, von denen das letzte, „SOS – Save Olli Schulz„, 2012 erschien. Und Schulz weiß genau, wie er Medien und Freunde sinnhaften Liedgutes gleichsam zufrieden stellen kann, denn neben rausgeschossenen Ulksongs wie „Mach den Bibo“, dem „Rangel Song“ oder „Verhaftet wegen sexy“ (mit Bernd Begemann) hat der Typ immer – und mit den Jahren: immer öfter – klasse Tiefgründiges auf Platte zu bieten. Ein Spagat, der am Ende nicht jedem gefällt? Natürlich. Aber jedem gefallen zu wollen, das war sicherlich noch nie Olli Schulz‘ Stärke…

Fotos: Oliver Rath

Fotos: Oliver Rath

Nun also legt der 40-Jährige sein sechstes Album „Feelings aus der Asche“ vor, bei dem logischerweise erst einmal das Wortspiel des Titels ins Auge fällt. Und gleich da – und noch bevor man einen einzigen (neuen) Ton gehört hat – wird Olli Schulz die potentielle Hörerschaft schon in zwei Lager spalten: die einen finden’s lustig und hintersinnig und auf den Punkt und haben im Januar schon einen Kandidaten für den „Albumtitel des Jahres“, die anderen schwadronieren von „Bemühtheit“ und Kriteln etwa an der zwanghaften Einbindung von Anglizismen herum. Scheiß‘ der Hund drauf! „Ich zähl‘ bis Zehn und halt‘ die Luft an / Und warte ab, was gleich passiert / Du musst dich nicht wundern, die Funken werden bunt sein / Es ist mein Herz, das explodiert“ – der Opener „So muss es beginnen“ legt ebenso beschwingt und gut los wie bereits seine Vorgänger auf Schulz‘ früheren Alben. Und auch „Phase“, zurecht die erste Single von „Feelings aus der Asche“, macht als eingängiger Dreieinalbminüter über ein gleichsam ruhe- wie rücksichtsloses, Männer und Energie vertilgendes Mädchen, von dem sich selbst der stolzeste Adonis besser fern halten sollte (was natürlich kaum gelingt), gut weiter. Der kundige Schulz-Hörer fühlt sich auch auf dem neuen Album schnell zuhause, denn so viel hat sich beim Liedermacher mit dem Schnoddermundwerk natürlich nicht verändert. Auch 2015 ist Olli Schulz ein feinfühliger Beobachter der Welt um ihn herum, der es trefflich versteht, Alltägliches in Worte und Melodien zu packen, und selbst dem grausten Grau noch etwas Farbe und Würde zu verleihen (etwa nachzuhören bei „Mann im Regen“, bei welchem man den nasskalten Wind beinahe im eigenen Gesicht spüren kann, während eine milde Herbstdepression durch das Lied schleicht). Ähnlich groß geraten der düstere Piano-Barstampfer „Boogieman“ oder Schulz‘ sehr persönliche, bittersüße Beziehungsabrechnungen „Das kann hässlich werden“ und das abschließende Titelstück „Feelings aus der Asche“ (mit an- und abschwellendem minutenlangem Intro, einem kurzen Gastbeitrag der ebenfalls in Berlin ansässigen Singer/Songwriterin Kat Frankie und Olli Schulz‘ wohl bislang bestem Text, den man hier am liebsten in Gänze zitieren würde). Etwas ungewohnter ist wohlmöglich nur die pathetische Rückspiegelschau von „Als Musik noch richtig groß war“, welche man so wohl eher bei und von Schulz‘ Musikkumpel Thees Uhlmann vermutet hätte (am Ende aber auch kaum verwunderlich, erschien das Debüt „Brichst Du mir das Herz…“ doch vor Jahren bei Uhlmanns Label Grand Hotel Van Cleef). Und: Für Witze und offensichtlich Humoriges bleibt auf „Feelings aus der Asche“ erstmals seltsam wenig Platz, dafür schickt der 40-jährige Musiker auf „Passt schon!“ den Hörer mit der plakativen Einleitung „Ich will eure Hunde sehn! / Schmeißt eure Hunde in die Luft!“ ganz bewusst auf die falsche Fährte, nur um sich dann drei Minuten lang durch eine grandios bitter-wahre Abrechnung mit dem Unterhaltungsgeschäft und gesellschaftlichen Zeitgeist zu singsprechen: „Tja, das kommt davon, wenn du nix gelernt hast / Dann biste ’ne Ratte“. Wer sich 2015 einen albernen Spaßsong vom Musik machenden Entertainer wünscht, der muss schon auf den Album-Bonustrack „10 Biddels“ zurückgreifen, der wohl nicht ganz unbewusst nur als Zugabe in Erscheinung tritt. Dem Rest bietet Olli Schulz einen guten Teil seiner bislang besten Songs, von denen einzig „Kinder der Sonne“ und „Dschungel“ etwas abfallen, und die in den bekannten Berliner „Hansa“-Studios unter Zuhilfenahme von Produzent Moses Schneider (u.a. Tocotronic, Beatsteaks, Turbostaat) oder Gisbert zu Knyphausen (am Bass, manchmal etwas Backgroundgesang) entstanden.

olli-schulz-tour-2015

Sicherlich mag Schulz auch 2015 ein wenig zwischen den Stühlen stehen. Er ist weder so überdreht witzig und lauthals ironisch wie etwa Rainald Grebe oder so tiefgründig melancholisch wie Gisbert zu Knyphausen. Olli Schulz steht irgendwo dazwischen, im Spagat zwischen TV-Ulknudel und ernstzunehmendem Liedermacher, der – Achtung, Phrase! – „das Herz“, typisch norddeutsch, “ auf der Zunge trägt“ und nicht selten brillante Worte für seinen wie unseren Alltagstrott findet, während er zeigt, dass man stets bereits sein sollte, alles Schöne wie Bittere im Leben und auf der Welt mit ein wenig Humor zu nehmen. Somit ist „Feelings aus der Asche“ zwar kein Album, das sich anbiedert (ganz einfach, weil weder Schulz noch seine Stücke das nötig haben), aber ein Album, das jedem ans Herz wachsen kann. Man muss Olli Schulz nur lassen. Und für einen kleinen Moment den Showman vergessen…

Foto: saveollischulz.tumblr.com

Foto: saveollischulz.tumblr.com

 

Hier gibt’s das frisch veröffentlichte Musikvideo zur ersten Albumsingle „Phase“, das Schulz‘ „Circus HalliGalli“-Kollegin Palina Rojinski, Musikerin Kat Frankie und einen Clown, dessen Gesicht einem irgendwie bekannt vorkommen mag (nette musikvideoübergreifende Anspielung übrigens!), in Gastrollen anzubieten hat…

 

…einen knapp neunminütigen Promo-Clip zu „Feelings aus der Asche“, bei welchem Schulz mit Kumpel Jan Böhmermann bei einem Spaziergang durchs herbstliche Berlin etwas über sein neustes Album plaudert – freilich halb im Ernst, halb aus Spaß…

 

…Schulz‘ Auftritt vor wenigen Tagen bei „TV Total“ (Hat übrigens noch jemand außer mir den Eindruck, dass da zwischen Olli Schulz und Stefan Raab höchstens zwangsverpflichtete Sympathie – immerhin will der eine sein neuestes Werk promoten, der andere seine Show routinemäßig absolvieren – herrscht?)…

 

…und Olli Schulz‘ *hust* Performance von „Als Musik noch richtig groß war“ bei Jan Böhmermanns Show „NEO MAGAZIN“ (auf ZDFneo):

 

Und wer Olli Schulz selbst live, im Farbe und bunt erleben möchte, der bekommt bei folgenden Daten die Gelegenheit hierzu:

„Feelings aus der Asche“ Tour 2015

18.03.2015 – Hamburg, Große Freiheit
19.03.2015 – Hannover, Pavillon
20.03.2015 – Leipzig, Haus Auensee
21.03.2015 – Wien, Wuk
23.03.2015 – München, Muffathalle
24.03.2015 – Zürich, Plaza
25.03.2015 – Frankfurt, Batschkapp
26.03.2015 – Stuttgart, LKA Longhorn
27.03.2015 – Saarbrücken, Garage
28.03.2015 – Münster, Skaters Palace
30.03.2015 – Köln, Live Music Hall
31.03.2015 – Bremen, Moderndes
01.04.2015 – Berlin, Tempodrom

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: