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Song des Tages: Braids – „Snow Angel“


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Foto: Promo / Melissa Gamache

Spannend war es schon immer, wie Braids zwischen organischen und elektronischen Elementen navigieren. Spätestens aber mit seinem dritten Album hatte das Trio aus dem kanadischen Montreal zu einem ganz und gar eigenen Artpop-Sound gefunden, und nachdem Raphaelle Standell-Preston (Gesang, Gitarre), Taylor Smith (Synths, Bass, Piano, Gitarre) und Austin Tufts (Schlagzeug, Percussion, Piano) auf „Deep In The Iris„, welches den kanadischen Juno Award 2015 für das „Alternative Album Of The Year“ erhielt, vor fünf Jahren so schwere Themen wie Misogynie und sexuellen Missbrauch verhandelt hatten, war der Weg nun wohl frei für ihre bisher persönlichste Veröffentlichung.

Shadow Offering_BraidsAuf dem hörbar vom ehemaligen Death Cab For Cutie-Gitarristen Chris Walla produzierten „Shadow Offering“ thematisiert Sängerin Raphaelle Standell-Preston die Irrungen sexueller Anziehung („Young Buck„) ebenso wie das Lieben („Ocean“) oder das Entlieben („Just Let Me„, ein minimalistischer Track mit perlenden Radiohead-Arpeggios sowie einem Refrain, welcher sogar Massive Attack Respekt abnötigen würde). Mit dem neunminütigen „Snow Angel“ gelingt den kanadischen Dreiergespann gar sein bisheriges Opus Magnum: ein ratloser Blick auf Klimaerwärmung, Umweltverschmutzung und Überbevölkerung, entstanden kurz nach Trumps Wahlsieg im Jahr 2016. „The polar bears floating away on a brink of ice / What have we done to them?“, fragt Raphaelle Standell-Preston in einer von vielen Spoken-Word-Passagen, nur um kurz darauf zu erkennen, dass sie nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems ist: Am I only just realizing the injustice that exists? / Cloaked in white privilege since the day I was born.“ Die Dynamik des facettenreichen Gitarrenspiels mit den entrückten Synthesizern zieht sich durch das gesamte Album.

Auf „Shadow Offering“, das bestenfalls noch Bat For Lashes, die Cocteau Twins, Blonde Redhead, stimmlich etwa Kate Bush oder freilich Radiohead als Referenzen zulässt, trotzen Braids mit zugleich eingängigen und innovativen Melodien der durchseuchten Gegenwart glaubwürdig etwas dringend benötigte Hoffnung ab, bevor alles im triumphalen Abschlusssong „Note To Self“ mündet: „One foot in front of the other, and the other, that’s all, there’s no reason, just breath and a beating of the heart.“ Alles in allem bilden die neun Stücke, die mal schäumen, mal zerfliessen, mal expandieren, sich zurückziehen und wieder neu ansetzen, ein geradezu melancholisches Konglomerat, welches von Standell-Prestons bewegender Stimme zusammengehalten wird.

 

 

„I think I killed my plant from over-watering it
Things don’t grow the same in the wintertime
I slipped on the stairs, winding myself of air
I can’t do anything but lie here for a momentI am a snow angel
Makes the bitterness feel romantic
This year there isn’t someone to keep me warm
I’m a bad girl with a cuddle and a budding roseI came home early from the show tonight
I was feeling low ‚cause I went out alone again
Dancing ‚round my house, age of 17
I remember when this was done for me

I am a snow angel
Makes the bitterness feel romantic
This year there isn’t someone to keep me warm
I’m a bad girl with a cuddle and a budding rose

Snow angel, snow angel, snow angel, snow angel…

Focusing on a flower
The clouds overhead
The lips of my lover
Mother Nature and her offerings
A reminder that life is beautiful still
Amongst all the madness, the chaos
The need to march in the streets
Fake news, and indoctrination
Closed borders, and deportation
I’ve been deeply sad
A sadness deeper than after reduction
Am I only just realizing the injustice that exists?
Cloaked in white privilege since the day I was born
Blinders on, blinders on
It’s a feeling where I wonder if everything is gonna be okay
And when I say everything, I’m not talking about my little everything, my little life
I mean the planet, I mean the oceans, people fighting for the right to a safe life
The polars bears floating away on a brink of ice
What have we done to them?
The only way I can ease the all consuming, rising feeling, as we reach no return is to grab that pillow and give a good, long scream
Sit with the release
Maybe go for a run
Come home, turn on the TV, go numb for a bit
Look at the suffering that I cause, that I cause, that I, I, I, I, I
I recycle, I compost, I buy second-hand
God, I’m disgusting
Like that’s enough of a plan
Staring at my iPhone
Green smoothie recipe
How to start your day right
Slipped right through my hand
Clean up the glass on the ground
Push little sharp bits around
Whole world’s going to shit
This white girl contributes to it
Oh, I wanna stop trying to hide it, oh, I wanna stop trying to hide it, oh, I wanna stop trying to hide it, oh I wanna stop trying
Will the lying be around when my child is born?
Should I even have a child at all?
This world is full up
I wanna be a mother, but I shouldn’t bring in another
I wanna be a mother, but I shouldn’t bring in another
What is it to mother?
We all need a mother
Kill our Mother Earth
Stab her and watch her, stab her and watch her (Bleed)
Stab her and watch her, stab her and watch her (Bleed)
Gather around, gather around, don’t watch her, watch her (Bleed)
Stab her and watch her, stab her and watch her, and watch her (Bleed)
For you and me
Four cute little outfits straight off the runway
Sparkles, high socks, vintage, no vanity
Brown paper bag, heard they were going green
Twenty bucks at H&M, baby
Can I get off of this ride? I’m feeling dizzy
It’s moving way too fast, and I wanna come down
Can I get off of this ride? I’m feeling dizzy
It’s moving way too fast, and I wanna come down
Come down, come down
I wanna come down…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Dears – „I Know What You’re Thinking And It’s Awful“


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Montréal. Rockband. Da denkt wohl fast jede(r) sofort an Arcade Fire, Post-Rock-Degustinatos eventuell noch an Godspeed You! Black Emperor. Dabei sollte – ja: müsste – Connaisseuren der kanadischen Musikszene schon seit Jahren der Name The Dears weitaus mehr als nur ein Randbegriff sein. Ein sattes Vierteljahrhundert gibt es die Band bereits, 2003 erschien ihr – gerade im retrospektiven Rückspiegel – gigantisches Debütalbum „No Cities Left“, das im Grunde ausschließlich aus epochalen Post-9/11-Hymnen bestand, deren Mixtur aus herbstlich-melancholischem, britisch gefärbtem Indie Rock und hinreißenden Streichern-Orchestrierungen mutmaßlich wohl sogar Größen wie Pulps Jarvis Cocker vor Rührung die Hornbrille beschlagen ließ.

Und wie so oft liegt hier die Crux: der große Anfangswurf bildet von nun an gleichzeitig die Messlatte. Wer wie die Band um das Ehepaar Murray A. Lightburn und Natalia Yanchak bereits so früh sein Limit erreicht, ja vielleicht sogar überschreitet, der hat’s von nun an verdammt schwer. Konnte der Nachfolger von 2006, „Gang Of Losers“, noch mit gesteigertem Popappeal und fantastischen (Einzel-)Songs glänzen (und stellenweise einmal mehr entzücken), wurde die Quote an richtig gelungenen Songs kleiner und die der durchschnittlichen und recht lieblosen Lieder von Veröffentlichung zu Veröffentlichung leider größer (wobei ich hier das fünfte, 2011 erschienene Studiowerk „Degeneration Street“ lobend von dieser Kritik ausnehmen möchte).

Ja, selbst als großer, langjähriger Fan dieser Band war es schwer, da stets mitzugehen. Erschwerend kam hinzu, dass Lightburn, Yanchak und Co. auch immer seltener durch Deutschland tourten. Zwischen den letzten beiden Berlin-Shows etwa, die jeweils 2006 und 2017 stattfanden, verging zu viel Zeit, um ein neues Indie-Publikum mit Musik zu füttern, und so war die letzte Show im Berliner Privatclub schlecht besucht und auch die Band „glänzte“, wie man vielerwebs las, mit derart erschreckender Lustlosigkeit, aufgesetzten Rockposen und gruseligem Live-Sound, dass wohl nicht wenige der Besucher diese Show zur letzten der Band (zumindest mit ihnen) erklärten. In diese Phase fielen auch die letzten zwei, 2015 beziehungsweise 2017 veröffentlichten Alben „Times Infinity Volume One“ und „Volume Two“, denen man im Gros passenderweise ebenjene fehlende Spannung und innere Konsistenz anhörte.

71cXE1KekwL._SS500_Nachdem sich der zum Workaholic neigende Frontmann Murray A. Lightburn im vergangenen Jahr auf seinem zweiten Solo-Werk „Hear Me Out“ deutlich reduzierter und bluesiger austoben konnte, kehrt die Band, die im Grunde nur aus besagtem Kreativ-Ehepaar und einer permanent wechselnden Belegschaft an Mitmusiker*innen besteht (seit 1995 wechselten sich sage und schreibe 21 verschiedene Kreative an den Instrumenten ab), mit ihrem nunmehr achten Album „Lovers Rock“ zurück. Und nach dem eher mäßigen Output der letzten Jahre (sowie dem jüngst im britischen NME erschienenen Quasi-Verriss) war es wohl keinem zu verdenken, dem Ganzen mit guter Skepsis zu begegnen. Jedoch: hört hört – das neue Album ist richtig, richtig gut geworden! Und wäre nicht Corona über die Welt, die Lightburn und seine The Dears hier einmal mehr mit düster-dystopischen Bildern besingen, gekommen, so hätte man bereits im April Montréals schönste Band – sorry, Arcade Fire! – mit diesem Werk auf deutschen Bühnenbrettern bewundern dürften – Spielfreude und Motivation freilich vorausgesetzt.

Lovers Rock“ benötigt mit dem Opener-Doppel aus „Heart Of An Animal“, einem epischen Stück, wie maßgeschneidert für eine Pandemie, und „I Know What You’re Thinking And It’s Awful“ auch keinerlei Anlaufzeit, bis sich die Ohrwürmer in den Gehörgängen entfalten. Der grundlegende Sound gerät rauer als zuletzt und wie mit einem kaputten Radiergummi scheinen alle überladen-schmalzigen, leidlich gelungenen Popskizzen der Vorgängeralben zu einem jugendlich-brillanten Werk verschmiert. Die Songs verlaufen nicht mehr linear oder gewollt verkünstelt. Angetrieben von dichten Gitarrenriffs wird so eine Stimmung erzeugt, die oft genug an Rock-Hymnen der Neunziger und Nuller-Jahre erinnert. Auch „No Place On Earth“ befasst sich mit der Tragik der Vergänglichkeit, der Unwissenheit, wohin das alles führen wird, und komplementiert damit das Gesamtbild der Gesamtsituation. Noch treffender wird es dann in „Play Dead“, einem apokalyptischen Love-Song, welcher eine unsagbare Schwere ausstrahlt. Das jazzige „Stille Lost“ als Dreh- und Angelpunkt der zehn neuen Stücke ist raffinierter Darling und beinahe erdrückend schön, und der feine Abschluss „We’ll Go Into Hiding“ hat genug Drive, um einen für eine längere Weile – einem Satelliten gleich – um den bandinternen Backkatalog kreisen zu lassen.

Klare Sache, das – da hat eine Band wieder Blut geleckt und keinerlei Lust (mehr), irgendwem gefallen zu wollen. Das tut jeder Sekunde des auch mit 43 Minuten verdammt kurzweilig geratenen Albums gut, welches thematisch mit Themen-Komplexen wie Isolation und Überlebenskampf unerwartet auf der Höhe des Zeitgeists operiert und schlussendlich an so viele geliebte Einflüsse erinnert: Soul’n’Jazz, Morrissey und The Smiths, die Weezer der frühen Jahre, Blur (Lightburns Gesang ist da ohnehin naturgemäß verwandt) – und The Dears selbst zu ihrer Anfangszeit. „Orchestral Pop Noir“ nennt das die Band seit eh und je selbst. Wir verbuchen’s unter: Rückkehr zu alter Stärke.

 

 

„A true crime
It happened here
Better lay low till the coast clears

Your mother weeps
Your father cries
Out why in the middle of the night

Innocent
Can’t prove it
Malevolent hearts are seething

Entanglement
Web-weaving
Is there anybody
Worth deceiving here

I know what you’re thinking
And it’s awful
An abomination

Ooh I can’t forget it
I can’t forget it
I’m not over you…

Waited long
Maybe years
Fear against hope, hope against fear

But you and I
It’s do-or-die
Right now in the middle of the night

I know what you’re thinking
And it’s awful
An abomination

I’ll never let it go
I’m entitled
Even though you’re long gone

Ooh I can’t forget it
I can’t forget it
I’m not over you…

I know what you’re thinking
And it’s awful
An abomination

But I’ll never let it go
I’m entitled
Even though you’re long gone

Ooh I can’t forget it
I can’t forget it
I’m not over you…

I know I’m not over you
I said I’m not over you
I said I’m not over you
I’m not over you“

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Dana Gavanski – „Spring Demos“


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Musik für den Herbstanfang, Musik für einen trägen Sonn(en)tag.

So könnte man die „Spring Demos“ der im kanadischen Montreal beheimateten Singer/Songwriterin Dana Gavanski beschreiben, die die passionierte Musikerin im Frühjahr diesen Jahres mithilfe von vier Freunden (Marie Hamilton, Ben Dwyer und Ted Crosby, die sie an weiteren Instrumenten unterstützten, während Pietro Amato die Regler bediente) aufnahm und vor wenigen Tagen schließlich auf der Bandcamp-Seite von Fox Food Records im „Name your price“-Prinzip online stellte.

Trevor Ekin von GoldFlakePaint beschreibt die sieben Songs von Gavanskis Debüt-Veröffentlichung wie folgt: „Like the last known recording of a long-forgotten folk singer, tucked away in an unassuming thrift store, ‘Spring Demos’ feels like it was just out there, a gift left by a loved-one, waiting to be noticed.“ Und genau so klingen die Stücke denn auch: irgendwie zeitlos, da aus der Zeit gefallen. Verschlafen, oder noch schläfrig von einer langen Nacht. Sonnenbeschienen, sich selbst durch Nebelschwaden tragend. Vergessen, wiedergefunden. Muss man hören…

Via GoldFlakePaint hat auch Dana Gavanski selbst ein paar Kommentare zu den einzelnen Songs von „Spring Demos“ gegeben.

 

 

Rock and Roll.

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Der erleuchtete Ladies Man – Leonard Cohen ist tot.


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Wie bei so vielen anderen großen Musikern und Bands auch – ich denke da an die Beatles und Stones, an Queen, Procol Harum oder Pink Floyd –  machte mich mein Vater mit der Musik von Leonard Cohen vertraut. Als ich etwa 15 Jahre alt war, zeigte mir mein Vater – nicht ohne sichtlichen Stolz – seine LP-Ausgabe der ersten, 1975 erschienenen „The Best Of Leonard Cohen„-Zusammenstellung (welche 2009 – um einige wichtige Songs erweitert – als „Greatest Hits“ noch einmal neu veröffentlicht wurde). Nichts Besonderes eigentlich? Nun, mit dem Wissen, dass mein Vater seine komplette Jugend in der DDR verbrachte, in der es bekanntlich mindestens schwierig und meistens ein ebenso kostspieliges wie dezent riskantes Vabanquespiel war, an Platten von Künstlern jenseits der Deutschland in Ost und West, in Sozialismus und Kapitalismus teilenden Mauer zu kommen, war sein Stolz nicht ganz unangebracht. Er spielte mir also Cohens Stücke wie „Suzanne„, „So Long, Marianne„, „Bird On A Wire“ oder „Chelsea Hotel #2“ vor. Und ich? Verstand nichts von seiner Faszination für diese Songs, diese Stimme und Texte. Man muss bedenken, dass der Rezipient ein Teenager war, der zu dieser Zeit eher auf Lautstarkes wie Metallica, KoRn oder Marilyn Manson geeicht war. Einer, der gerade erst begann, die Größe und Ewigkeit der Alben von Pearl Jam für sich zu erschließen. Einer, dem bereits vorher schon die Wirkung von Pink Floyds Meilenstein „The Wall“ unerschlossen geblieben war (was sich freilich bis heute längst geändert hat). Einer, der auch das große Drama all der gar nicht oft genug zu lobenden Springsteen-Stücke noch nicht ganz verstanden hatte, haben konnte (auch das heute ganz anders). Einzig meine Selbsteinschätzung war damals bereits zu einhundert Prozent korrekt: „Dafür bin ich wohl noch zu jung. Ich denke, dass ich das in einigen Jahren besser begreifen und einschätzen kann.“ Was sollte ein Adoleszent auch wissen über jene mit viel Feingefühl und Poesie niedergeschriebene Dramatik, welche beinahe allen Songs von Leonard Cohen innewohnte? Von all der Dunkelheit und all dem Schmerz, all der Sehnsucht, Liebe, Verzweiflung und gerade deshalb so großen Lebensfreude, von der der große kanadische Musiker da sang? Eben: sehr, sehr wenig.

Geboren wurde Leonard Norman Cohen am 21. September 1934 als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie in der ostkanadischen Stadt Montreal. Schon als Kind lernte er Gitarre spielen und hatte bald erste Auftritte in Cafés und Klubs, aber die Musik sollte für ihn lange Zeit Nebensache bleiben. Cohen wollte schreiben, Gedichte und später auch Romane. In den frühen Sechzigerjahren zog er sich dafür zeitweise völlig auf die griechische Insel Hydra zurück. Viele seiner zwischen 1956 und 2006 erschienenen Buchveröffentlichungen wurden von Kritikern gefeiert. 2011 bekam er etwa den spanischen Prinz-von-Asturien-Preis für Literatur.

Im Zuge des – auch und gerade durch Künstler wie Bob Dylan – aufblühenden Singer/Songwriter-Genres rieten ihm Freude dazu, seine oft düsteren Texte zu vertonen. Im Dezember 1967 veröffentlichte Cohen sein erstes Album, „Songs Of Leonard Cohen„. Auf seinen ersten Hit in den Billboard Charts musste er allerdings bis 1988 – da war Cohen bereits stolze 54 Jahre alt – warten: ausgerechnet seines achtes, stark vom Synthpop der Achtziger durchzogenes Studioalbum „I’m Your Man„, das Songs wie „First We Take Manhattan“, „Everybody Knows“ oder „Take This Waltz“ enthielt, brachte ihm endlich die verdiente Aufmerksamkeit ein (sowie eine Nummer-1-Platzierung in den norwegischen Albumcharts – ausgerechnet in dem skandinavischen Land war er stets am besten platziert).

Seinen bekanntesten und vielleicht wirkungsvollsten Song hatte Cohen jedoch bereits 1985 abgeliefert: „Hallelujah“ vom Album „Various Positions“ wurde zur inoffiziellen Cohen-Hymne weltweit. Ein rekordverdächtig oft – und deshalb leider nicht immer mit der nötigen Würde und Anstand – gecovertes Meisterwerk, welches auch Künstler wie Jeff Buckley oder Rufus Wainwright unsterblich machte, und betörend in seiner schlichten Würde. Außerdem darf das Stück als programmatisch für den kanadischen Troubadour gelten, denn genau wie „Hallelujah“ erzählen auch Cohens andere spirituell-melancholische Stücke von verlorener Liebe und Leid, von Todessehnsucht und Gottessuche.

Mitte der Neunzigerjahre zog sich Cohen in ein buddhistisches Kloster bei Los Angeles, seiner neuen Wahlheimat, zurück. Von den Mönchen erhielt er den Namen Jikan, was übersetzt etwa „der Ruhige“ bedeutet. Dort blieb Cohen bis 1999, danach widmete sich der scheinbar ganz bei sich Angekommene wieder der Musik. 2008 wurde er in die „Rock And Roll Hall Of Fame“ aufgenommen, in den folgenden Jahren tourte er um die Welt, gab auch im hohen Alter noch dreistündige Konzerte.

Cohen hatte – auch das nicht unüblich für einen Kreativen – eigenen Angaben zufolge zeitlebens mit Depressionen zu kämpfen. „Wenn ich von Depressionen spreche, spreche ich von klinischen Depressionen, die der Hintergrund meines ganzen Lebens sind, ein Hintergrund voller Angst und Beklemmung, einem Gefühl, dass nichts richtig läuft, dass Zufriedenheit nicht möglich ist und alle Strategien in sich zusammenfallen“, sagte er einmal dem „Guardian“.

Das letzte große Interview gab Cohen, der im Juli diesen Jahres den Verlust seiner großen Muse Marianne Ihlen zu betrauern hatte, im vergangenen Monat dem Magazin „The New Yorker„. „Ich bin bereit zu sterben. Ich hoffe nur, es wird nicht zu ungemütlich. Das ist es dann auch schon für mich“, hatte er dabei unter anderem gesagt. Doch ganz so lebensmüde wollte Cohen dann doch nicht verstanden werden. „Das war übertrieben“, sagte er wenig später in Los Angeles bei einer Listening-Session seines neuen, vierzehnten Albums „You Want It Darker„, welches erst vor wenigen Tagen, am 21. Oktober, erschien. Er beabsichtige, ewig zu leben, sagte Cohen. 120 wolle er werden, mindestens. Und auch das war wohl nur eine seiner Überhöhungen, denn freilich ahnte er, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleiben würde. Zum Glück hat uns Mr. Cohen mit „You Want It Darker“ noch einmal ein großes Album von dunkler Schönheit geschenkt.

Wie vor wenigen Stunden bekannt wurde, starb Leonard Cohen, der zeitlebens als wandelndes Mysterium aus spirituell Erleuchtetem und Frauenheld galt, bereits am 7. November im Alter von 82 Jahren in seinem Zuhause in Los Angeles. Und obwohl sowohl er als auch viele seiner Fans und Zuhörer sein Ende kommen sahen, macht der Tod „eines der bedeutendsten Songschreiber unserer Zeit“ (New York Times) dieses – zumindest was die Verlustrate großer Künstler und Stimmen betrifft – beschissene Musikjahr 2016 noch ein großes Stück beschissener.

Mach’s gut, Mr. Cohen, du griechisches Fabelwesen, du die Frauenherzen im stillen Sturm erobernder von Buddha Erleuchteter. Auch wenn ich auch mit Mitte Dreißig nur einen Bruchteil von jener Tiefe deiner Stücke (welche ich mittlerweile sehr zu schätzen weiß) verstehe, werden mich Songs wie „Famous Blue Raincoat“ (mein liebstes, wenn auch vor allem in der Covervariante von Tori Amos) auf ewig zu Tränen rühren und in kalten Tagen begleiten. Danke dafür.

  

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: I Am The Sky – „Fix You“


giphy3Man mag über Coldplay und deren bestenfalls mediokre Veröffentlichungen seit dem dritten, 2005 erschienenen Album „X&Y“, über die beinahe übertrieben massentauglichen Stadionkonzerte, über den Weltumarmungshabitus von Sänger Chris Martin (of former Gwyneth Paltrow Hollywood fame) sagen und schreiben, was man will, aber: so großartige, nahezu zeitlos tolle Songs wie „In My Place“, „The Scientist“, „Clocks“ (eigentlich das komplette zweite Album „A Rush Of Blood To The Head“), wie „Don’t Panic“, „Yellow“ oder „Trouble“ (vom 14 Jahre jungen Debütalbum „Parachutes“) oder eben „Fix You“ (von „X&Y“) muss man erst einmal hinbekommen. Chapeau dafür!

Kaum weniger schön ist auch die Coverversion von „Fix You“, die I Am The Sky hören lassen. Hinter dem ebenso viel- wie schlussendlich nichtssagenden Pseudonym versteckt sich der 24-jährige Singer/Songwriter Jesse Daniel Smith aus dem frankokanadischen Montréal, Quebec. Mit Samthandschuhen – sanfte Akustikgitarren- und Schellenkranzbegleitung sowie (s)einer Stimmlage, die der von Coldplay-Fronter Chris Martin nicht eben unähnlich erscheint – trägt Smith den Coldplay’schen Feuezeugmeer-Konzertklassiker über dreieinhalb Minuten lang gen Nachthimmel…

 

 

„When you try your best but you don’t succeed
When you get what you want but not what you need
When you feel so tired but you can’t sleep
Stuck in reverse

And the tears come streaming down your face
When you lose something you can’t replace
When you love someone but it goes to waste
Could it be worse?

Lights will guide you home
And ignite your bones
And I will try to fix you

And high up above or down below
When you’re too in love to let it go
But if you never try you’ll never know
Just what you’re worth

Lights will guide you home
And ignite your bones
And I will try to fix you

Tears stream down your face
When you lose something you cannot replace
Tears stream down your face
And I

Lights will guide you home
And ignite your bones
And I will try to fix you…“

 

Rock and Roll.

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Auf leisen Sohlen, für kühle Stunden – Leif Vollebekk schenkt uns „Borrowed Time“, seine Cover-EP…


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Dinge, für die man in diesen sonnigen Tagen wohl nur wenige Menschen begeistern können wird: Klöppelabende im örtlichen Gemeindehaus, philosophische Dauerdiskurse über die Lehren von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, eine Mount Everest-Besteigung – und die Songs von Leif Vollebekk.

Denn natürlich könnte sich der aus dem kanadischen Montreal stammende Musiker klanglich kaum ferner von Sommerhits und Ballermanndebilität bewegen. Vielmehr orientiert sich Vollebekk an Musikern wie Boy Dylan, Neil Young oder Nick Drake und lässt als personifizierter Leisetreter à la Kings Of Convenience seinen Stücken mächtig Raum zum Atmen und Entfalten. Hören konnte man das zuletzt auf dem im vergangenen Februar erschienen zweiten Album „North Americana“, dessen Titel kaum mehr über die zehn Stücke aussagen könnte – Americana-infiziertes Singer/Songwritertum, aufgenommen irgendwo zwischen Montreal, New York City und Paris, gedanklich hängen geblieben irgendwo in der Melancholie des Gestern und der Unausgeschlafenheit des Heute…

Dass Leif Vollebekk nicht nur traumhaft schöne eigene Stücke schreiben, sondern sich auch ordentlich darauf versteht, Stücke seiner Vorbilder und Inspirationsquellen zu interpretieren, beweist er auf der kürzlich erschienenen „Borrowed Time EP„, die Vollebekk’sche Coverversionen von Stücken der Beach Boys („Caroline, No“), The Killers („Read My Mind“), Neil Young („Barstool Blues“), Sigur Rós („Heysátan“) und Bob Dylan („Spanisch Harem Incident“). Erfreulicherweise wählte Leif Vollebekk hier nicht etwa die bekanntesten Songs der Künstler aus, sondern tatsächlich ein paar seiner eigenen Favoriten – was uns glücklicherweise die gefühlt 500. jeweilige Interpretation von „Surfin‘ USA“, „Heart Of Gold“ oder „Blowin‘ In The Wind“ erspart… Noch besser: Die „Borrowed Time EP“ verschenkt der Kanadier für lau und komplett kostenlos (!) auf seiner Homepage! Da sollte man dann doch schon zugreifen – und sich die Songs notfalls für kühle Herbst- und Wintertage neben den Kamin legen…

 

Borrowed TIme EP„In the hot summer of 2012, I got the band together to play 5 songs. Well, 6, but that Strokes cover just didn’t make it. But it was one of the most memorable times in the studio for me. Everybody was really focused, and there was no ego. David Smith, who worked on my first record, set up all the microphones and got just the sound I was looking for. Putting live August air onto 2″ tape.

Caroline No might not be my favourite Beach Boys song, but I’d just learnt all the chords and they were just too pretty not to try. I love Hans’ bass playing on this one, very lyrical. Read My Mind came out a bit earlier this year, and I can’t say enough enough about Phil’s drum part. He’s just so artful. Barstool Blues is really a beautiful song, especially when you get to slow it down like we did. On Heysátan, Adam and I made some tape loops, him on Saxophone and myself on bowed acoustic guitar. This is a song that came out when I was living in Iceland and, to this day, it still takes me back. And, lastly, Spanish Harlem Incident is a great song that, like a lot of Dylan songs, has all of these secret melodies inside of it. It’s a bit raggedy since at times we couldn’t hear each other in the studio, but I like how that feels. Some of my favourite recordings seem to fall apart each time I hear them, and sometimes that’s what keeps me together.

Anyhow, hopefully you’ll enjoy listening to these songs as much as we enjoyed playing them.“

(Leif Vollebekk)

 

Vor dem kostenlosen Download können bislang Unentschlossene hier alle fünf Stücke probehören…

 

Rock and Roll.

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