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Das Album der Woche



Biffy Clyro – The Myth Of Happily Ever After (2021)

-erschienen bei 14th Floor/Warner-

Dieses Album hätte es eigentlich nicht geben sollen. Zumindest nicht in dieser Form, als einen weiteren vollwertigen, krachenden, fordernden Biffy Clyro-Langspieler – nur 14 Monate nach dem üppigen „A Celebration Of Endings„. In Ermangelung der üblichen Welttour auf den Schwingen des neunten (regulären) Studioalbums hockten Simon Neil sowie die Johnston-Zwillinge James und Ben im Herbst 2020 wieder in ihrem Proberaum auf einer Farm in Ayrshire, irgendwo im schottischen Nirgendwo. Songwriting als Zeitvertreib. Während Tagen, Wochen und Monaten, in denen das mit dem In-die-Ferne-Schweifen eben nur mittelgut klappte, lag das Gute, das einzig Richtige für ein kreatives Dreiergespann wie Biffy Clyro, einfach umso näher. Flugs rüsteten sie ihren Probeschuppen gemütlich zum Aufnahmestudio um und drückten mal hier, mal da auf „Record“ – nicht einmal ihr Label soll allzu viel davon gewusst haben. Und so war es – unterbrochen von den während des Corona-Lockdowns beinahe obligatorischen Wohnzimmer-Livestreams sowie einer Ohne-Publikum-Live-Aufführung im Glasgower Barrowland Ballroom (welche dem neuen Album nun als zweite Scheibe beiliegt) – alsbald einfach fertig, das Schwesternalbum zu „A Celebration Of Endings„. Und das erste, welches „Mon The Biff!“ in unmittelbarer Heimatnähe aufgenommen haben. Ob es nach so wenig Zeit, die währenddessen ins Land gezogen ist, schon wieder genug Geschichten zu vertonen gab? Oder wurde von Simon Neil und Co. einfach flugs die kreative Resterampe entladen? Obwohl „Ausschuss“ ja mal so gar nix bedeuten muss bei diesen drei Scottish Lads

Fotos: Promo / Kevin J. Thomson

Überhaupt haben B-Seiten-Veröffentlichungen ja fast schon Tradition im Hause Clyro: Bei „Puzzle“ hieß es „Missing Pieces“, „Only Revolutions“ hatte seine „Lonely Revolutions“ und „Opposites“ natürlich „Similarities“. Bis auf die komplementären Titel meist ein bunt zusammengewürfelter Haufen an Restideen, zwar ohne roten Faden, aber trotzdem immer wieder mit so einigen versteckten Songperlen. Es verwundert trotzdem wenig, dass „The Myth Of The Happily Ever After“ das Spiel nicht nur nicht mit, sondern noch ein ganzes Stück weiter spielt…

Freilich nehmen schon Titel und Artwork direkten Bezug auf den Vorgänger: wurde gerade noch das Ende gefeiert, wird nun – ganz schottisch, ganz nonchalant und bodenständig – die Mär vom „Auf immer und ewig“ entmystifiziert. Märchen? Sind gerade aus – sorry not sorry, for fuck’s sake. Diesmal sollte es jedoch ein gleichwertiges Brüderchen sein anstatt einer B-Seiten-Kollektion oder einem als Soundtrack getarnten Album wie „Balance, Not Symmetry„, das damals – glücklicherweise – den doch etwas fremdelnden Pop von „Ellipsis“ weitgehend rausbügelte. Und so besinnt sich „The Myth Of The Happily Ever After“ – mehr sogar noch als „A Celebration Of Endings“ – darauf, was Biffy Clyro ursprünglich einmal groß machte: die Verbindung von sinistrer Verstörung und derbem Krach mit zauberhaften Himmelsstürmer-Melodiepassagen. GitarreSchlagzeugBass, ein scheinbar endloser Quell an Hard Rock-, Metal- und Prog-Riffs, Mut zu Rückschritten und zu ungehörten Experimenten – in ihren besten Momenten führen die neuen Songs das Trio in ihrer Stadionrock-Phase endgültig in die passende Spur.

Nur um gar nicht erst falsche Hoffnungen zu wecken – es ist nicht so, dass diese elf Stücke so komplex und wendig daher brettern wie zu Zeiten von „The Vertigo Of Bliss“ oder „Infinity Land“ (die beide schon fast zwei Dekaden zurückliegen). Aber schon die famose Single „A Hunger In Your Haunt“ zeigt, dass auch ein waschechter Hit eine Prise Geschrei und eine unüblich sperrige Coda vertragen kann. Damit wird die Behauptung „This is how we fuck it from the start“ aus dem sphärischen Opener „DumDum“ natürlich, je nach sinnbildlicher Bedeutung, Lügen gestraft oder wahr gemacht. „Denier“ traut sich noch einen Schuss mehr Melodie, zieht mit voller Wucht nach vorn und verdichtet den Sound auf tolle Weise. Endgültig im Bandolymp kommt die Platte daraufhin wohlmöglich mit „Separate Missions“ an. Das scharfe Kreischen, welches die Strophen durchzieht, kontrastiert sich auf wunderbare Art mit dem schönen Falsettrefrain, den Simon Neil zu anmutigen Achtziger-Synths und Gitarrenspuren aufs Parkett legt – im Grunde ist gerade dieser Song wie prädestiniert dafür, eines der zahlreichen Cover der Landsleute von CHVRCHES zu werden.

Und Langeweile kam wohl wenig auf im Biffy’schen Lockdown-Studio, denn „The Myth Of The Happily Ever After“ lässt sich auch nach diesem geradezu sensationellen Beginn höchst ungern festnageln. Grundsätzlich gerät die Produktion massiv, die wuchtigen Parts drücken, aber eindimensional auf dicke Hose macht hier so gar nichts. So gibt das pompöse Gebläse von „Witch’s Cup“ immer wieder einen sensiblen Kern frei und schwankt gekonnt zwischen den Extremen. Wer außerdem bei „Holy Water“ oder „Haru Urara“ schon großzügige Entspannungspausen vermutet, darf sich von überraschenden, teils brutalen Abschlüssen die Matte wegföhnen lassen. „Unknown Male 01“, die traurige Ode an einen früheren, zu früh verstorbenen Wegbegleiter, breitet sich episch aus. „Step out to the unknown / I’ll catch you on the way down“, singt Neil, bevor der Song nach gut zwei Minuten loszetert. Auch hier steigert sich das Stück wie in einen finalen Rausch hinein – ein Kniff, der auf „The Myth Of The Happily Ever After“ einmal mehr durchaus Methode hat.

Dennoch bewegt sich das schottische Dreiergespann ein wenig weg vom Modus Operandi früherer Platten. So ist „Existed“ tatsächlich das einzige Mal, dass auf dem Album ungehindert das Wort „Ballade“ fallen darf. Synth und Drumbeat sorgen zwar nicht für ein Highlight, aber es toppt als hübsche Auflockerung vergangene Versuche wie „Re-arrange“ oder „Space“ (das zwar keineswegs schlecht war, aber eben auch eine Überdosis Schmonz in petto hatte) mit links. Und letztlich braucht es ein Gegenstück zu dem, was Biffy Clyro im abschließenden „Slurpy Slurpy Sleep Sleep“ da abfackeln. Wer noch „Cop Syrup“ vom Vorgänger oder „In The Name Of The Wee Man“, den „Ellipsis“-Abschluss der Herzen (da lediglich auf der Deluxe Edition vorhanden), im Gedächtnis hat, darf sich hier neue Verkabelung abholen. Vocoderstimmen wiederholen den Titel als Mantra, und unvermittelt setzt ein Gewitter ein, das zu den härtesten Momenten der Band gehört und schon jetzt mächtig Böcke auf dessen Live-Umsetzung macht. Ehrensache, dass der melodische Mittelteil Zeit zum Luftholen lässt, bis das Grande Finale noch eine Schippe drauflegt, lauter und lauter wird und schließlich mit heller Flamme verglüht. Eine sechsminütige Noise-Orgie, die nicht nur galant den Bogen zum Albumvorgänger schlägt, sondern auch flott alles an Härte in die Tasche steckt, was die Schotten in den letzten 15 Jahren fabriziert haben. „There’s a mystery at large / And the story should be beautiful / We’re just another species to explode / I’m ready to explode“, heißt es vier Songs vorher in „Errors In The History Of God“. Schönheit und Explosion – einfach bei Biffy Clyro nachfragen, wie das bestens unter einen Karomuster-Hut geht.

Nur schlüssig ist es da, dass auch das Thematische in die Zahnräder des Musikalischen greift. War „A Celebration Of Endings“ noch ein verhältnismäßig optimistischer Prä-Pandemie-Kicker, haut das zum Lockdown-Höhepunkt geschriebene neue Werk ziemlich verbittert die Fensterläden zu und versperrt mit sechs Fuß Abstand nicht nur den Blick auf die schottische Einöde, sondern auch auf so manche geschürte Hoffnung. „I will ignore / The bodies piled up on the floor“ lamentiert Simon Neil etwa im Opener „DumDum“ über die Auswirkungen der weltweiten Hilflosigkeit in der letztjährigen Pandemiebekämpfung, während der schwer stampfende Groove rund um ihn immer mehr Lücken füllt, bis die Soundwand zu einem Ungetüm heranwächst, das wohl selbst den alten Hadrian begeistert hätte. Klar, der größte Optimist war der bärtige 42-jährige Frontmann zwar nie, aber Corona hat ihm sichtlich ein paar weitere Taschen in seinen mentalen Mantel genäht, aus denen Simon Neil sich hier breitwillig bedient. Wie geht man um, mit der plötzlichen Isolation, dem Kollaps des Alltags, dem Tod und dem Leben danach? Davon erzählt nicht nur „Unknown Male 01“, jenes zur Tränen rührende Tribute an Frightened Rabbit-Kopf Scott Hutchison, sondern auch „Haru Urara“. Bei dem seltsam anmutenden Songtitel handelt es sich um ein japanisches Rennpferd, welches über einhundert Rennen verlor und deshalb zu einem Schlachter gebracht werden sollte. Glücklicherweise setzte sich jedoch der Trainer für den armen Gaul ein, der von (s)einem Ende als Sauerbraten verschont blieb. Trotz der Niederlagen gab man nie auf und das Pferd erreichte schlussendlich sogar weltweite Popularität. Fall und Aufstieg, Enden und Anfänge – nichts kann eben ohne dessen Gegenpart existieren. Und ließ einen die Band auf dem Vorgänger noch mit gezücktem Mittelfinger und lautstarken „Fuck everybody“ zurück, bittet das neue Album nach der ganzen Aufregung noch einmal um Versöhnung: „Don’t waste your time / Love everybody„. Carpe diem, you fuckheads.

Auch auf „The Myth Of The Happily Ever After“ haben Biffy Clyro – gerade mit solchen Themen im Gepäck – keine seichten musikalischen Rinnsale, sondern kraftvolle Wellenbrecher zusammengezimmert. Zwischen Krach und Kitsch, seit jeher die beiden Achsen im musikalischen Oeuvre, fahren die Schotten anno 2021 mit ordentlich Experimentierfreude im Anhänger noch viel öfter Schlitten, oft und gern mehrmals pro Song. Dass das nicht zum klanglichen Haggis wird, zeugt von der langjährig gestählten Kraft dieser Band im Songwriting und deren nahezu blindem Verständnis füreinander. Die Zeiten mögen ein stückweit unberechenbar sein, auf „Mon The Biff“ ist einfach Verlass.

Rock and Roll.

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„Hey Ho, Let’s Go!“ – Biffy Clyro – live im Ramones Museum, Berlin… das Akustik-Konzert im Stream


Biffy Clyro im Ramones Museum, Berlin

Biffy Clyro?!? Ramones Museum?!? Aber hallo! – Regelmäßige Leser dieses bescheidenen Blogs werden wissen, dass hier von Beiden bereits die Schreibe war (und alle anderen dürfen’s gern hier oder hier nachlesen). Am 23. Januar machten „Mon the Biff“ einen kleinen Zwischenstopp auf ihrer Promo-Tour zum neuen Album „Opposites„, um nach 2009 dem ersten und weltweit einzigen Museum zu Ehren der legendären Pop-Punker Joey, Dee Dee, Johnny und Marky Ramone erneut einen Besuch abzustatten. Und alle, die – sei es nun aufgrund des wahrlich begrenzten Platzes, oder einfach, weil sie nicht rechtzeitig in der deutschen Hauptstadt sein konnten – nicht bei diesem kleinen Akustik-Gig dabei sein konnten, haben nun hier die Gelegenheit, die gut 30-minütige Show des schottischen Trios am beinternetteten Bildschirm mitzuverfolgen…

 

 

Die Setlist des Abends:

1.  Stingin‘ Belle

2.  Biblical

3.  The Rain

4.  Black Chandelier

5.  Opposite

6.  God & Satan

7.  Mountains

8.  Many Of Horror

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Ein weiteres hervorragendes Jahr für schottische (Lieblings)Bands? Kürzlich berichtete ANEWFRIEND noch über das Album und die ihm vorausgegangene „Black Chandelier EP“, nun ist es das aktuelle „Album der Woche“… 

 

Biffy Clyro – Opposites (2013)

Biffy Clyro - Opposites (Cover)-erschienen bei 14th Floor/Warner-

Biffy Clyro haben ein Problem. Ihre Anhängerschaft teilt sich mittlerweile in zwei Lager, die sich wohl spinnefeind sein dürften. Zum Einen sind da jene, die dem aus dem schottischen Kaff Kilmarnock stammenden Trio aus Simon Neil (Gesang, Gitarre) und dem Zwillingsduo James und Ben Johnston (Bass beziehungsweise Schlagzeug) seit ihrem ersten, 2002 veröffentlichten Album „Blackened Sky“ die Treue halten, sich in den Moshpits zu den Haken schlagenden Rhythmen die Nasen blutig tanzen und jede Textzeile auf Gedeih und Verderb aus tiefstem Herzen bierselig mitgröhlen. Und andererseits sind da nun jene, die sich in die Massen der mittlerweile bespielten 15.000er-Hallen mischen, „Biffy“ nur anhand der – nichtsdestotrotz noch immer exzellenten – Singles aus den Formatradiostationen, wie „Many Of Horror“ oder „Mountains“, kennen (oder von den ZDF-Berichterstattungen im Zuge der letzte Fussball-WM in Südafrika, welche stets mit dem Intro von „That Golden Rule“ unterlegt waren) und bei jedem Mal, wenn ihnen der „ach soooo süße“, stilvoll und im Übermaß tätowierte Frontmann oberkörperfrei entgegen rutscht, spitze Schreie ausstoßen. „Mon The Biff!“ vs. Trendgefolgschaft.

Biffy Clyro (Promo #1)

Ganz unabhängig vom Bandoutput – sprich: den Songs – muss man der Band zugute halten, dass dieser Erfolg nicht von heute auf morgen kam. Seit ihrer Gründung Mitte der Neunziger (damals war etwa Simon Neil gerade einmal fünfzehn!) hat sich das Dreiergespann alles redlich erarbeitet, sich den Arsch auf Ochsentouren hier und jenseits des Atlantiks abgespielt, mehr als einmal den Anheizer für „größere Bands“ (etwa 2007 für Bloc Party) gegeben und ist von Album zu Album organisch gewachsen. Und alle, die noch immer mäkeln, Jahr um Jahr und Platte um Platte den harten, grobschlächtigen Sound der Anfangstage (beziehungsweise der ersten Veröffentlichungen) mehr vermissen, haben eins nicht verstanden: zu all dem, was Biffy Clyro im Jahr 2013 ausmacht – den Pathos, die große Geste, die allumfassende Umarmung, die herzliche Übertreibung -, wollten Neil und die Johnstons schon immer – man höre sich nur das Titelstück „Blackened Sky“ vom Debüt an. Doch Biffy Clyro sind nicht Coldplay, haben keine Hollywoodsternchen geehelicht und auch keine Gastauftritte von Rihanna oder Kylie Minogue nötig. Klar, auch bei ihren Konzerten fangen sie das Publikum ein (respektive: auf), lassen Funken sprühen und Konfetti regnen (ein eindrucksvoller Beweis ist das fulminante Livealbum „Revolutions//Live at Wembley„, das in der CD&DVD-Combo Biffys Livequalitäten untermauert). Doch ganz Schotten, haben sie sich bis heute ihre Natürlichkeit bewahrt, sind sich nicht für „kleinere“ Interviews oder spontane akustische Radiosessions zu schade. Und: auch Biffy Clyro mussten vor nicht all zu langer Zeit der Bandbiografie ein dunkles Kapitel hinzufügen, denn ein heftiges – und mittlerweile wohl zum Glück überstandenes – Alkoholproblem von Schlagzeuger Ben Johnston hätte der Band beinahe den Gnadenstoß verpasst.

Biffy Clyro (Promo #3)

Und so ist es kaum verwunderlich, dass auch „Opposites„, das neue, sechste Album der Schotten – Nummer drei nach dem 2007 erschienenen Major Label-Debüt „Puzzle“ – in den Texten reichlich düstere Töne anschlägt. Und doch zieht die Band viele neue Seiten auf: zum ersten Mal trauten sich Biffy Clyro an das Medium „Doppelalbum“ heran – was nur konsequent erscheint, da die Band im Zuge früherer Veröffentlichung ebenso viel Material aufgenommen hatte, und Simon Neil nach eigenen Aussagen diesmal ganze „46 neue Stücke“ parat hatte. Dabei wurde nicht wild durcheinander gewürfelt, sondern strikt nach Inhalt getrennt: Seite eins – „The Sand At The Core Of Our Bones“ betitelt – sei aus einem „pessimistischerem Blickwinkel“ heraus verfasst und von persönlichen Ängsten und negativen Erfahrungen getrieben, während Seite zwei – „The Land At The End Of Our Toes“ – von der Hoffnung auf eine positivere Zukunft handele. Um diese Unterschiede klar heraus zu stellen, bedarf es bei Biffy schon einem Blick auf die Texte, die sich in den ersten elf Stücken – das jeweils titelgebende Instrumental am Ende mitgerechnet – in der Tat sehr selbstzweifelnd geben. So singt Neil etwa im streichergetragenen Midtempo-Song „You are the loneliest person that I’ve ever known“ und gibt die Liebste in aller Liebe frei: „Take care of the ones that you love / Baby I’m leaving here / You need to be with somebody else / I can’t stop bleeding here / Can you suture my wounds?“, während „The Thaw“ in seinem Innersten vor der steten Erwartungshaltung des Publikums zittert („Can’t you entertain us all? /…/  Tonight we have all shared the same space / Has anything become of it?“). Seite zwei gibt sich da weitaus angriffslustiger und selbstbewusster, egal, ob man(n) sich nun, wie in „Spanish Radio“, auf einem Roadtrip durch die mexikanische Einöde befindet („Your crown don’t fit, so vacate the throne /…/ Hey, you can be lost at the same time as being found“), trotzig mit den Hufen scharrt („I’d rather kiss the ground than kiss a starless sky“ – „Skylight“) oder sich mit den Bandkameraden in „Victory Over The Sun“ zum finalen Kampf gegen den Rest der Welt verbrüdert („I’d die anytime for you / Would you die for me? /…/ This is happening because of you / Stay special brother you stay true /…/ We’re fighting on, listen to your heart and sing“). Dass der Abschlusssong „Picture A Knife Fight“ mit den Worten „I wouldn’t listen to her, she’ll only break your heart“ beginnt oder der Einsicht „We’ve got to stick together“ endet, sagt am Ende viel aus.

Wer die letzten Alben „Puzzle“ oder „Only Revolutions“ (2009 erschienen) kennt und mochte, der wird sich – die Instrumentierung betreffend – auch auf „Opposites“ schnell heimisch fühlen, denn auch 2013 agieren Biffy Clyro nach einem ähnlichen Muster: fette, Haken wie ein wildes Kaninchen schlagende Gitarrenbreaks, dicke Rhythmusfraktion, ruhige Bridges, hymnische, gegen Ende explodierende Refrains. Erfreulich ist jedoch, dass sie die neuen Songs mit ausreichend Neuerungen und Abwechslungsreichtum garnieren, um bei über 80 Minuten Spieldauer der Langeweile entgegenzuwirken. So bauen sie, wie etwa in „Biblical“ eine wahre Wand aus Streichern auf, wagen in „A Girl And His Hat“ oder „The Fog“ einen zarten Flirt mit Achtziger-Jahre-Elektro, walzen in letzterem in bester Post-Rock-Brecher-Manier alles nieder (wozu wohl auch Ex-Oceansize-Kopf Mike Vennart beigetragen haben dürfte, der immer öfter an der Seite des Trios anzutreffen ist), bitten in „Spanish Radio“ eine Mariachi-Band mit Bläsern und spanischen Gitarren ins Studio oder bauen „Skylight“ auf ein Akustikgitarrenintro, zum dem sich im Verlauf noch ein sporadisches Piano, Sythesizer  und ein elektronischer Überbau gesellen. Noch mehr? Natürlich! „Pocket“ ist der leichtfüßigste Uptempo-Sonntagvormittags-Singalong, den die Foo Fighters nie geschrieben haben. „Trumpet Or Tap“ ist ein leicht irrer Bigband-Blues, bei dem einfach alles stimmt: die Gitarren, der Orchestereinsatz, der groß aufspielende Refrain, die explosive Steigerung am Ende. „The Thaw“ beginnt im Midtempo-Bereich, bevor Streicher den Song in höchste Höhen tragen. „Picture A Knife Fight“ wartet mit Orgeln auf, „Sounds Like Balloons“ mit einer Zither, während „Stingin‘ Belle“ das potentiell längste Dudelsacksolo der Rockgeschichte in petto hat. Und immer wieder: Streicher, Streicher, Streicher! Die beiden Instrumentalstücke fungieren als Kammermusikbindeglied („The Sand At The Core Of Our Bones“) beziehungsweise Gitarrenrausschmeißer („The Land At The End Of Our Toes“), bei welchem – gefühlt – tausende Gitarren nach und nach „Bis zum nächsten Mal“ zu sagen scheinen.

Biffy Clyro (Promo #2)

Natürlich wird das von Garth “GGGarth” Richardson produzierte „Opposites“ es auch diesmal nicht allen recht machen können. Natürlich gibt es auch 2013 jene, die Simon Neils dezent schwülstige Lyrik und Metaphorik aus tausenden „Baby“’s und dem steten Kräftemessen zwischen Aufgabe und Kampfansage, zwischen Teufel und Engel, zwischen Nihilismus und Katholizismus am liebsten den Allerwertesten zeigen würden. Wer jedoch vor beherzt rockendem Pathos, Bombast und Opulenz nicht zurückschreckt, den sammelt „Opposites“ auf dem Weg gern auf. Denn Biffy Clyro sind nicht Muse, machen nicht deren Fehler, sich im kalten Herzen der Künstlichkeit vor allem selbst zu feiern. Und obwohl Vergleiche wie etwa zum – kürzlich übrigens in großer Aufmachung wiederveröffentlichten – Monumentalwerk „Mellon Collie And The Infinite Sadness“ der Smashing Pumpkins natürlich nett gemeinter Irrsinn sind, sind Biffy Clyro auch mit ihrem sechsten Album eine Band für Jedermann. „Mon The Biff“ vs. Trendgefolgschaft? Unentschieden – im positivsten Sinn. Denn Biffy Clyro haben zu viel Herz, um sich hierüber den Kopf zu zerbrechen. Und noch immer massig Potential. Und in der Tat höchstens ein Luxusproblem.

 

Hier kann man sich noch einmal die Videos zu den ersten beiden Singles „Black Chandelier“…

 

…und „Stingin‘ Belle“ zu Gemüte führen…

 

…ebenso wie zu den eingangs erwähnten Songs „That Golden Rule“…

 

…oder „Mountains“:

 

Eines meiner Lieblingsstücke? „Folding Stars“, welches Simon Neil für seine verstorbene Mutter schrieb. Hier in der Gänsehaut-Liveversion aus der Wembley Arena:

 

Rock and Roll.

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