Schlagwort-Archive: Michigan

Sunday Listen: Crooked Heart – „Perpetual Twilight“


83944457_1673576589484844_7226775585010221056_o

Mächtig gewaltig klingen die Songs von Crooked Heart, einem Trio aus dem US-amerikanischen Grand Rapids, Michigan – mal nach handfestem Alternative Rock, mal mit etwas Post-Hardcore-Tinte à la Underoath zwischen den Saiten, mal nach ebenjenem Progressive-Sludge-Metal, der auch Bands wie etwa Mastodon seit einigen Jahren größere Bühnen beschert. Umso verwunderlicher, dass Elijah Wyman (Gitarre, Gesang), Anthony Robert (Bass) und Aaron Mace (Schlagzeug) mit ihren knapp 600 Facebook-Likes und nicht eben allzu vielen Google-Treffern bislang kaum jemand zu kennen scheint…

An ihrem vor wenigen Tagen veröffentlichten zweiten Langspieler „Perpetual Twilight„, welchen die Band via Bandcamp als „name your price“ anbietet, dürfte es wohl kaum liegen, schließlich macht ein Großteil der acht neuen Stücke kurzen Prozess und saugt den geneigten Hörer mal eben so mir nichts, dir nichts in den durchaus faszinierenden Band-Kosmos hinein, in welchem das Sinnieren über die eigene Sterblichkeit ebenso seinen thematischen Platz findet wie klare politische Haltungen, während GitarreSchlagzeugBass mal furios und dicht aufbrausen, um im nächsten Moment bedrohlich luftig inne zu halten – ein Spiel mit tönenden Gezeiten, welches vor einigen Jahren von den Post-Metallern ISIS perfektioniert wurde. Freunde der härteren Gangart (sowie freilich der eben genannten Bands) dürften an den von Rick Johnson (Mustard Plug, Bomb The Music Industry!, Sharkanoid) aufgenommenen und gemischten Songs schnell Gefallen finden, alle anderen sollten Crooked Heart durchaus im Auge behalten (und bei Interesse dieses Interview lesen).

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Dogleg – „Kawasaki Backflip“


Kris-Hermann

Ganz zum Schluss, als alles bedauerlicherweise schon wieder vorbei ist, packen sie die Streicher aus. Dann geht der Closer „Ender“ voll Anmut und Eleganz von der Bühne. Mir nichts, dir nichts. Als ob nix gewesen wäre. Die Bühne nämlich kann als solche kaum mehr bezeichnet werden. Wenn diese außergewöhnlichen 35 Minuten und 40 Sekunden zwischen laut und lauter schlussendlich den letzten Ton ausgespuckt haben, liegt alles erstens kreuz und quer in Trümmern und zweitens man selbst schweißgebadet und für längere Zeit tief beeindruckt irgendwo am Boden (so man denn nicht längst einem Votum der Ärzte – Aus Berlin! Auuuuus Berlin! – zum Opfer gefallen ist). Doch der Reihe nach: Dogleg, das ist ein Quartett aus Detroit, Michigan, dessen Sänger Alex Stoitsiadis wohl sein nicht recht junges Leben dafür geben würde, nochmal mit Fugazi oder Crash Of Rhinos touren zu dürfen, der aber zugleich Bock auf The Strokes, Modest Mouse, At The Drive-In oder Jawbreaker hätte. Eigentlich klar, dass die Band ihr kürzlich erschienenes Langspieler-Debüt „Melee“ irgendwo in diesem nicht eben kleinen Spannungsfeld, zu dem unbedingt und überhaupt und sowieso und gern noch …And You Will Know Us By The Trail Of Dead, Cloud Nothings oder Japandroids gezählt werden sollten, platziert…

Melee_DoglegAllerdings: Allein der großartig garagenrockende Opener „Kawasaki Backflip“ nimmt – bei aller Fülle – lasche Positionsbestimmungen wie eben diese, schleift sie ein paar Mal durch den in Stoitsiadis‘ Haus aufgenommenen und selbstverständlich in weltbester DIY-Manier selbstproduzierten, über alle Genregrenzen erhabenen Punk Rrrrrrrrock – und lächelt jedes Attribut lässig riffend weg. Und man selbst? Hat wieder treffsicher am Ziel vorbei beschrieben und ist dem punktgenau gelandeten Zweieinhalbminüter dabei doch in keinster Weise gerecht geworden. Man kann natürlich lang und breit darüber sinnieren, dass „Melee“, der Nachfolger zur 2016er „Remember Alderaan? EP„, klingt wie ein wild durcheinander stiebendes Pogoknäuel aus The Get Up Kids, Shook Ones, Joyce Manor und Crash Of Rhinos, dass man seit Spanish Love Songs‘ noch immer hervorragendem Zweitling „Schmaltz“ nicht mehr so dermaßen viel Dringlichkeit in einem Album gehört hat, dass man manchmal wartet, ob nicht bald jemand We won’t stand for hazy eyes anymore! über die Songs skandiert und dass man Schwierigkeiten mit der sich aufdrängenden Frage hat, ob man hier denn jetzt Punk, Post Hardcore, (Midwest-)Emo oder doch irgendwie Indie Rock über das Dargebotene kritzeln soll.

maxresdefault

Man kann aber auch die imaginäre Referenzhölle einfach einfrieren. Weil ein Song wie „Prom Hell“ schlicht und ergreifend viel zu gut ist, um überhaupt irgendwelchen Vergleichen standhalten zu müssen – Newcomer-Band hin oder her. Von der ersten Sekunde an ist da so viel an unwiderstehlicher Melodie im Spiel, schiebt da später ein nervöses Schlagzeug den Song nach vorne, baut sich konsequent die Spannung auf, bis das Stück vor Kraft kaum noch laufen kann und sich mit allerlei Glanz, Gloria, Krawall und Remmidemmi ins Ziel eskaliert. Herrschaftszeiten, was für ein wilder Gangshout-Ritt! Den die Band jederzeit zu wiederholen in der Lage ist. Man nehme nur das unmittelbar folgende „Fox„, das sich ein feines Mäntelchen aus Hitpotential umhängt, mitsamt ausladendem „Hey!“-Geschrei die Beine in die Hand nimmt und im Finale einmal mehr der hemmungslos-juvenilen Raserei fröhnt. Auf Hörerseite machen sich da zwar keine Verschleißerscheinungen, jedoch wohl die ersten Konditionsprobleme bemerkbar, während man gleichsam in freudigem Entsetzen feststellt, dass noch nicht einmal die Hälfte von „Melee“ den autonomen Indierockschuppen-Boden mit einem aufgewischt hat.

Tatsächlich sind Alex Stoitsiadis (Gitarre, Gesang), Parker Grissom (Gitarre), Chase Macinski (Bass, Gesang) und Jacob Hanlon (Schlagzeug) so freundlich, mit „Headfirst“ zumindest das Tempo ein kitzekleines Stück weit in moderatere Gefilde zu drosseln. Weniger intensiv wird es jedoch keinesfalls, wenn Stoitsiadis alles andere als optimistisch „Time will let you down“ über das dichte Songgeflecht leidet. Und wenn „Cannonball“, welches tatsächlich zum ersten Mal eine Akustikgitarre klingen lässt, das Feld mit viel Dynamik und tatsächlich noch mehr Dramatik für das große Finale bestellt, kann man schon ganz genau einschätzen, womit man es bei „Melee“ zu tun hat – und ist entsprechend (halbwegs) bereit für diesen Irrwitz von Schlusspunkt, den „Ender“ dann setzt. Von der ersten Sekunde an fliegt da alles wüst durcheinander, wird einigermaßen sortiert, in neue Formen und schließlich sogar für einige Momente zur Ruhe gebracht, nur um Stück für Stück wirklich alles an Emotion, Pathos und Leidenschaft in einen furiosen Parforceritt zu werfen, was unter Aufbringung sämtlicher letzter Reserven verfügbar scheint. Und man hofft, Dogleg, diese noch so junge Band, die optisch auf Milchbubi-Nerds macht und auch schonmal einen Song nach einem Pokémon benennt („Wartortle“), mögen bitte, bitte niemals aufhören. Und dann? Packen sie die Streicher aus. Und das Herz, es schlägt. Für einen wilden, lauten, ungeschliffenen, leidenschaftlichen potentiellen Meilenstein. Gern weitersagen!

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Greet Death – „You’re Gonna Hate What You’ve Done“


Greet_Death_Header_600x

„Long days leave me weak and strange…“

Jahreszeiten wie Herbst und Winter können einem mit ihren immer kürzer werdenden trüben Tagen und ihrem nasskalten Sauwetter schon mächtig aufs Gemüt schlagen, keine Frage. Wohl dem, der alledem wenigstens den passenden Soundtrack entgegen setzen kann. Seit drei Dekaden da die nahezu perfekte Wahl: „Disintergration“ von The Cure. Und wer Robert Smith und seinen Düsterjungs doch einmal eine Pause gönnen mag, für den hat ANEWFRIEND einen (noch) echten Geheimtipp in petto: Great Death.

„Here comes the sun
Here comes the shit again
I don’t get off
I just get broken
Here comes the dark
To cut me open and
Collect my heart
And crush it slowly…“

a1955014042_16Relativ schnell wird offensichtlich, dass das Trio aus Flint, Michigan sich wohl einen regelrechten Spaß daraus macht, seine Hörer mit allerlei falschen Finten an der Vorurteilsnase herum zu führen, denn nicht ohne Grund benannten Logan Gaval, Sam Boyhtari und Jim Versluis ihr 2017 erschienenes Debütwerk „Dixieland„. Doch höre da: ebenjenes hatte so viel mit New Orleans-Jazz und Ragtime am musikalischen Hut wie Great Death – Bandname hin (diesen haben die drei wohl einem Stück der Post-Rock-Größen Explosions In The Sky entliehen), Bilder vorm geistigen Auge her – mit sinistrem skandinavischem Black Metal. Vielmehr vermengt das junge Dreiergespann aus der ehemaligen „Vehicle City“ der US of A in seinen Songs Musikstile wie Sadcore, Shoegaze, Grunge, Emo, Sludge, Doom, Indie Rock, Post Hardcore oder Americana (was ja an sich bereits ein feines Wagnis darstellen dürfte) zu einem faszinierenden, meist ausladenden Ganzen. Und was Great Death mit ihrem Debütwerk vor zwei Jahren bereits ein paar wohlwollende Szene-Kopfnicker einbrachte, dürfte sich nun, mit dem kürzlich veröffentlichten zweiten Album „New Hell“ (allein der Titel sowie das dazugehörige Coverartwork – noch so ein paar herrliche, potentiell falsche Finten!), zu einem späten Kandidaten für alle „Album des Jahres“-Listen entwickeln…

„I think I might go for a swim
Under the lake, where the cold lives
And shiver while the factory flames
Dance like specters by the highway…“

a1499276749_16Denn die neun Songs des neuen Langspielers machen nicht nur genau dort weiter, wo viele der Stücke von „Dixieland“ Versprechungen auf Großes hinterlegten, sie übertreffen sie teilweise sogar. Man nehme etwa „Do You Feel Nothing?“ oder „Entertainment„, welche tönen wie die besten Momente vergangener Smashing Punpkins-Großtaten oder der letzten beiden Pianos Become The Teeth-Werke „Keep You“ und „Wait For Love“ (und wer weiß, wie sehr gerade ich diese mittlerweile ins schwermütige Herzchen geschlossen habe, dürfte erahnen, dass ich da nicht leichtfertig Komplimente wie dieses verteile). Oder „Let It Die„, das sich mit einer Akustischen bewaffnet einen melancholischen Moment wie weiland Mark Kozelek und seine seligen Red House Pointers gönnt. Oder Songs wie „Strange Days“ und „Strain„, die das Wechselspiel aus Laut und Leise, Indie Rock-, Shoegaze- und Doom Metal-Passagen mit am besten auf den Punkt bringen. Zweifellos das größte Highlight auf „New Hell“ dürfte jedoch der kathartische Neunminüter „You’re Gonna Hate What You’ve Done“ sein, bei dem sich Logan Gaval und Sam Boyhtari die Gesangscredits teilen (Marke: Brian Molko meets Morrissey), während sich der Song so langsam aber sicher von einer schwermütigen Sadcore-Nummer in einen wahren Rock-Rausch steigert, welcher selbst vor einem ausladenden Gitarrensolo nicht Halt macht.

„Embracing the final glimpse of a blood-red moon
Well, lately I’ve been treating with the devil in blue
Well, maybe if he cuts me loose I’ll get my days in hell back too
Maybe I’ll keep dreaming if I’m dreaming of you…“

Obwohl „New Hell“, Great Deaths so unerwartet wie unverhofft grandios mit schwerem Herzen daher rockender zweiter Albumstreich, stellenweise recht introspektiv und keineswegs leichter Tobak ist, wurde schöner länger nicht mehr in aschfahl schimmernden Herbstdepressionsgewässern gebadet. Sollte man gehört haben! 🖤

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

„No fun“ – Scott Asheton ist tot.


Scott-Asheton-5801237283003

Heaven’s got another drummer boy now… Gestern ist Scott Asheton, seines Zeichens Schlagzeuger und Gründungsmitglied von Iggy Pops wahnwitziger Garagerock-Band The Stooges, im Alter von 64 Jahren verstorben. Dies gab Iggy Pop auf seiner Facebook-Seite bekannt:

Mein lieber Freund Scott Asheton ist letzte Nacht verstorben.

Scott war ein großartiger Künstler, ich habe niemanden gehört, der mit mehr Bedeutung Schlagzeug gespielt hat als Scott Asheton. Er war wie mein Bruder. Er und Ron haben der Welt ein Riesenerbe hinterlassen. Die Ashetons waren immer wie eine zweite Familie für mich, und werden das immer sein.

Meine Gedanken sind bei seiner Schwester Kathy, seiner Frau Liz und seiner Tochter Leanna, die das Licht seines Lebens war“.

 

Anstatt zu zitieren, will ich auch hier andere mit ihrem Nachruf zu Wort kommen lassen – etwa die Schreiberlinge von spiegel.de.

 

 

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: