Schlagwort-Archive: Mein Senf

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(gefunden bei Instagram)

Es sind erschreckende Szenen, die sich am gestrigen Mittwoch in der US-Hauptstadt abspielten. Szenen, die mindestens zum Kopfschütteln anregen. Weil der Demokrat Joe Biden nachweislich die Präsidentschaftswahlen im vergangenen November gewonnen hat und so einige Trump-Anhänger*innen und Patriotismus-Schwurbler diese Realität weder glauben noch annehmen möchten, brachen sie, aufgewiegelt und aufgefordert durch den Wahlkampfverlierer höchstselbst, in den US-Kongress in Washington, D.C. ein – ein Ereignis, welches man wohl in einer der oft genug von den US of A höchstselbst ins Feld geführten „Bananen-Republiken“ erwarten würde, nicht jedoch in der selbstberufenen „größten Demokratie der Welt“ (was selbst Ex-Präsident George W. Bush zu einem entsetzten „Bananen-Vergleich“ veranlasst). Während sich also der Mob ohne größere Probleme seinen Weg in den US-Kongress bahnte, sah man unvorbereitete, überforderte, aber vor allem vergleichsweise zurückhaltende Sicherheitsleute – und das ausgerechnet in jener Stadt der Vereinigten Staaten mit dem höchsten Pro-Kopf-Aufkommen von Polizisten (rund 2.000 sollen es sein, und jeder von ihnen sei freilich für „terroristische Angriffe“ geschult). Besser sogar: einer von jenen Sicherheitsleuten ließ sich, wie ein Video zeigt, sogar für ein Selfie mit einem Trump-Anhänger gewinnen.

Mehrere Personen des Mobs posierten nach ihrem gewaltsamen Einbruch an den Schreibtischen der Politiker*innen, verwüsteten Büros, entwendeten Rednerpulte. Viele von ihnen, wie etwa der mit freiem Oberkörper und behörnter Fellmütze auftretende rechtsradikale Selbstdarsteller Jake Angeli, trugen dabei rechtsextreme Losungen und Symbole (hier ein Beispiel) oder solche wie die der „QAnon„-Bewegung auf ihrer Kleidung (nebst so einigen Flaggen, freilich). Es sind Geschehnisse, die einem die vermeintliche weiße Vorherrschaft (oder das Aufbäumen verzweifelter weißer Rednecks) und die immer tiefer gehende gesellschaftliche Spaltung in den US of A wohl kaum treffender vor Augen führen könnten – eine bittere Ungerechtigkeit, die auch seit Stunden das Internet beschäftigt (und freilich auch die Nachrichten diesseits des Atlantiks beherrscht). Dass so etwas in Deutschland möglich ist? Wissen wir natürlich aus jedem Geschichtsbuch, und aus jüngerer Vergangenheit spätestens seit August 2020. Was das für die Zukunft bedeutet? Wird sich in ebenjener zeigen.

Alles scheint eben – mittlerweile – denkbar, wenn der tumbe Terror-Mob vorm Banner ihres eigenen vermeintlich „patriotischen“ Irrglaubens willig wüten mag, und der wahre Brandstifter, der spätestens nun allem menschlichen Abschaum Tür und Tor geöffnet hat, (noch) im Weißen Haus sitzt:

Vier Tote soll es geben haben. Und es gehört wohl wenig Fantasie dazu, um zu behaupten: Wäre der Mob nicht mehrheitlich weiß gewesen, so hätte es die Todesfall gut und gern ein zweistelliges Maß erreicht. Das bezweifelt nur derjenige, der das letzte Jahr selig unterm Stein geschlummert hat… Es ist ein wahnwitziges Possen-, ein Trauerspiel – mit überaus offenem Ausgang.

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


(gefunden bei Facebook / poisoned_martini)

Arscheskälte hin oder her – ANEWFRIEND bedankt sich wenige Tage vor seinem Start ins nun schon zehnte (schon irre, oder?) Blog-Jahr bei allen regelmäßigen wie eher zufälligen Besuchern fürs Lesen, Liken sowie Kommentieren in den vergangenen recht turbulenten Monaten zwischen Stillstand und Weltbewegendem und wünscht euch bereits jetzt einen guten, gesunden Rutsch in 2021! Behaltet – so schwer’s auch in manchem Moment fallen mag – den Kopf frei und stets über Wasser! Gönnt euch und euren Liebsten auch im kommenden Jahr ein maximales Maß an tollen, erinnerungswürdigen Augenblicken, hört öfter mal eine gute Platte (and remember to always, always, always support smaller artitsts and your local record dealer!), lest ab und an ein gutes Buch für Fantasie und Kopfkino, schaut mal wieder ’nen richtig tollen Film für den Gedankenflug! Bleibt euch treu! Und denkt dran: Alles wird gut, nichts ist selbstverständlich. Bevor’s noch rührseliger wird: Danke. ❤️

Rock and Roll.

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„The Masked Singer“ – Darum ist die Show so einzigartig


Bei RTL dürfte man sich heute immer noch ärgern. Seinerzeit schnappte Konkurrent ProSieben aus dem beschaulichen Unterföhring dem Kölner Sender die Rechte an „The Masked Singer“ vor der medialen Nase weg, wie DWDL berichtet. Für ProSieben ein Glücksfall, denn die Zahlen der Show, gerade die Marktanteile in der so wichtigen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, waren seit dem Start im Juni 2019 fast durchgängig herausragend – das Finale der zweiten Staffel etwa erreichte die höchste jemals gemessene Zuschauerquote einer ProSieben-Show.

Kaum verwunderlich also, dass RTL jüngst versuchte, den Erfolg von „The Masked Singer“ mit einem ähnlichen Konzept – dezent verspätet – zu kopieren. Ebenso wenig verwunderlich war auch, dass „Big Performance“ seinem Titelversprechen eher weniger gerecht wurde und als mauer, müder Abklatsch deutlich hinter den Zahlen des Originals zurück blieb. Aber warum lieben die Zuschauer „The Masked Singer“ eigentlich so sehr? Nun, das hat freilich so seine Gründe…

Zunächst einmal: Wir Menschen lieben Unterhaltung. Und noch mehr lieben wir Menschen Überraschungen. Zumindest die positiven. Deshalb steht das Kolosseum in Rom, deshalb gibt es Überraschungseier seit bald fünfzig Jahren, deshalb verpackt man Geschenke und deshalb freut man sich eben auch, wenn sich irgendwann die Kandidatinnen und Kandidaten bei „The Masked Singer“ ihre Masken vom Kopf ziehen und man selbst endlich Gewissheit hat, ob der eigene Tipp richtig war – oder ob man eben (s)eine Überraschung erlebt. Kein Wunder also, dass die Show, welche 2015 als „King of Mask Singer“ in Südkorea startete (und unter anderem gar Hollywood-Mime Ryan Reynolds als trällerndes Einhorn aufbot) und nach weiteren Ablegern in Asien und in den US of A im vergangenen Jahr ihr deutsches Debüt feierte, schnell zum internationalen Mattscheibenrenner entwickelte (in diesem Jahr zogen denn auch die Nachbarn aus Österreich nach).

Da stört es eigentlich nur die ganz Eifrigen, wenn die Jury teilweise ein bisschen sehr bemüht versucht, die Spannung aufrecht zu halten, obwohl sie eigentlich schon relativ sicher ist, wer denn nun unter einer der Masken steckt. Vielleicht wäre hier tatsächlich ein bisschen weniger Ehrgeiz spannender für den Zuschauer, aber so oder so bleibt eine Überraschung nicht ausgeschlossen, denn so ganz sicher kann man eben nie sein, solange der singende Furry-Fetisch noch die vornehmlich plüschige Kopfbedeckung über dem Antlitz trägt.

Aber auch, jawollja: die Kostüme! Denn die sind zweifellos das Markenzeichen der Show – und gleichzeitig einer der wichtigsten Erfolgsgründe. Die tollen, individuell gestalteten Fantasie-Verkleidungen sind nicht nur verdammt aufwendig, sondern bedienen auch so ziemlich jeden Geschmack. Sei es das drollige Monsterchen, der imposante Engel, der agile Grashüpfer oder das sympathische Faultier (unter dem in Staffel zwei Tom Beck gewann) – hier kann sich jeder Zuschauer, jede Zuschauerin recht schnell mit seinem oder ihrem Favoriten identifizieren. Auch in der morgen startenden dritten Staffel sind wieder absurd-witzige Kostüme dabei: ein Ballerina-Flusspferd, ein Baywatch-Frosch, eine fesche Biene oder ein Influencer-Alpaka.

Besondere Hingucker in diesem Jahr dürften aber das gruselig-faszinierende Skelett und der beeindruckende Anubis sein. Dass die Kostüme so einzigartig und originell sind, hat jedoch in wahrsten Sinne seinen Preis. Zwischen 15.000 und 20.000 Euro kostet eines der Kostüme. Hergestellt werden sie im bayerischen Altötting von einem Team um Theaterschneiderin Alexandra Brandner. Ganze ein bis zwei Wochen und zwölf Personen braucht es, um allein ein einziges Kostüm in Handarbeit herzustellen.

Und man vergesse nicht das unterhaltsame Mitraten! Denn egal, ob Quizshow, Escape-Room oder Krimi: Menschen lieben es, mitzuraten. Wie lautet die Antwort, wie geht es aus dem Zimmer, wer ist der Täter – und eben: Wer zur Hölle steckt denn nun unter der Maske? Die vielen versteckten Hinweise mögen manchmal (bewusst) in die Irre führen, bieten aber schlussendlich einen zusätzlichen Reiz, sind sie doch so etwas wie eine kleine abendliche Schatzsuche.

Diese Interaktivität ist auch das große Plus, das die Show von der (Kopisten-)Konkurrenz abhebt. Bei ähnlichen Gesangswettbewerben wie „The Voice of Germany“ und Co. fehlt dieses Mitraten freilich völlig – dort ist klar, wer singt, es zählt (fast) nur der Gesang. Damit gibt es bei „The Masked Singer“ wieder diese typischen oldschooligen Kaffeeküchen-Gespräche, bei denen man sich im Büro – oder über die sozialen Medien – trefflich über die eigenen Vermutungen austauschen kann.

Wir stellen also fest: die Kostüme, der Überraschungseffekt, das Mitraten – „The Masked Singer“ hat im Vergleich zu anderen Shows so etliche Elemente, die das Format so spannend, so unterhaltsam, so einzigartig machen. Sieht man jedoch genauer hin, gibt es aber doch Einiges, das – mal Butter bei die Fische – so ganz und gar nicht einzigartig ist. Denn Kern der Show sind Gesangsacts, die im Anschluss von einer Jury, in diesem Fall dem Publikum, bewertet und nach und nach hinausgewählt werden bis ein Sieger übrig bleibt.

Das gibt es in vielen anderen Shows auch, genauso wie den Umstand, dass auch „The Masked Singer“ nicht ohne die obligatorischen Promis auskommt. Das ergibt hier aber tatsächlich auch einen Sinn, schließlich müssen unter den Masken Menschen stecken, die einem breiteren Publikum bekannt sind (und deren Identität bis zur Demaskierung strengster Geheimhaltung unterliegt). Mit Max Mustermann und Lieschen Müller würde die Show einfach nicht funktionieren.

Dass „The Masked Singer“ aber in vielen Bereichen gar nicht so einzigartig ist, wie man vielleicht denkt, ist gar nicht negativ – im Gegenteil. Eine Show mit einem völlig einzigartigen Konzept hat zwar immer den Reiz des Neuen und des Unbekannten, birgt aber auch immer das Risiko der Überforderung.  Wir Menschen brauchen Vertrautes, selbst in so Banalem wie einer allwöchentlichen abendlichen Fernsehshow. Der Show-Friedhof der TV-Geschichte ist jedenfalls voll mit gescheiterten Sendungen, die zu viel vom Zuschauer verlangt haben. „The Masked Singer“ mit Moderator Matthias Opdenhövel hat ganz offenbar die richtige Mischung aus Neuem und Vertrautem erwischt.

Und: Aufwendige Masken hin oder her – „The Masked Singer“ wäre lediglich eine Show mit viel Tamtam (und noch mehr Werbeunterbrechungen, die vor allem in der vergangenen Staffel so einiges vom Spannungsbogen wegfraßen – aber irgendwie muss ProSieben ja die Kohle, die für Promi-Gagen und Kostüme rausgeschmissen wurden, wieder reinholen), gäbe es keine Auftritte, die, in welcher Weise auch immer, die Herzen der Zuschauer berühren. Seien es die Bülent-Ceylan-Versionen verschiedener Schlager- und Metal-Titel oder die Auftritte von Gil Ofarims Grashüpfer und von Max Mutzkes Sieger-Astronauten, bei denen schon in Staffel eins so manches Jury- und Zuschauer-Auge vor Rührung ganz feucht wurde: Wenn die Kandidaten Vollgas geben, dann würde man sich die Auftritte wohl auch ansehen, wenn Ceylan (der konsequenterweise dieses Mal neben Sonja „Dschungelcamp“ Zietlow, die in der letzten Staffel im „Hasen“ steckte, auf dem Ratestuhl Platz nehmen wird), Mutzke und Co. nur in Jogginghosen auf der Bühne stünden…

Rock and Roll.

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„Imagine“ – John Winston Ono Lennon wäre heute 80 geworden…


„Yesterday / All my troubles seemed so far away / Now it looks as though they’re here to stay / Oh, I believe in yesterday…“

In Danny Boyles zwar manchmal etwas plakativer, jedoch dennoch dank sanfter Nostalgie wunderbar unterhaltsamer Musikkomödie „Yesterday“ gibt es eine wunderbare Gänsehaut-Szene, in der ein 78-jähriger John Lennon auftritt. Möglich macht’s die Grundidee des 2019 erschienenen Films, schließlich spielt dieser in einer (Parallel)Welt, in der es die größte Band aller Zeiten, die Beatles, nie gegeben hat. Und Lennon? Der hat ein einfaches Leben als Seemann geführt und genießt nun seine Tage in einer kleinen Hütte am Meer.

Gekonnt – und oft genug gewitzt – stellt Boyles Film die Frage „Was wäre wenn?“. Für die Zuschauer ergibt sich der offensichtliche Reiz daraus, dass sie nunmal wissen, was war, was in dieser unserer Musikwelt passierte. Dass John Lennon am 8. Dezember 1980 von Mark David Chapman erschossen wurde – mit gerade einmal 40 Jahren. Und am heutigen 9. Oktober 2020 stolze 80 Jahre alt geworden wäre.

Doch hätte man sich – ähnlich wie der schottische Regisseur Danny Boyle („Trainspotting“, „Slumdoy Millionäre“) – Lennon wirklich als einfachen, bescheidenen englischen Seemann vorstellen können? Den Lennon, dessen zweiter Vorname „Winston“ lautet – nach dem in England als Lichtgestalt verehrten ehemaligen Premierminister Winston Churchill? Wohl kaum, wohl kaum…

Denn zeitlebens war Lennon ein Getriebener. Ein wandelnder Widerspruch. Ein Sinnsuchender, der ausbrechen wollte aus der kleinbürgerlich-britischen Enge, aus der er entstammte. Der von Selbstzweifeln geplagt nach immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchte. Er war Rebell, Querdenker und Provokateur. Er war Teenie-Idol und Avantgarde-Künstler. In einer Bombennacht 1940 geboren, wurde er später zum Friedensaktivisten, unterstützte jedoch gleichzeitig auch die nordirische Untergrundarmee IRA. Er war auf den Bühnen der Welt zu Hause (die er nie so ganz mochte) und lebte jahrelang als Großstadt-Eremit. Er war gleichsam nachdenklicher Griesgram und ironischer Spaßmacher. 

Schon in der Schule im heimischen Liverpool gab John Winston Lennon oftmals den Klassenclown. Er schrieb sich an der Kunsthochschule ein, fühlte sich jedoch fehl am Platz und seinen Kommilitonen unterlegen. Also gründete er – angefixt von Elvis Presley und dem Rock’n’Roll – mit den Quarrymen seine eigene Band. Zufällig lernte er bald darauf auf einer Party einen gewissen Paul McCartney kennen. Im Rückblick wissen wir: Es war der Beginn der bahnbrechendsten Songwriting-Partnerschaft der Popgeschichte (ein dickes „Sorry“ an Mick Jagger und Keith Richards, aber an diesem Fakt lässt sich nunmal nicht rütteln).

Natürlich ist allein schon Lennons ewiges popmusikalisches Vermächtnis übermächtig. ʺHelp!ʺ, ʺAll You Need Is Love”, „A Hard Day’s Night”, ʺStrawberry Fields Forever”, „Come Together”… – die Liste der von ihm initiierten und komponierten Superhits ist bereits zu Beatles-Zeiten lang.

Doch als sich Lennon mit den Beatles auf dem künstlerischen Höhepunkt befand, verließ er die Gruppe – aus Langeweile, wie er in einem Fernsehinterview einige Jahre später erklärte (über das Wie und Wann und Warum lässt sich freilich auch 50 Jahre danach noch trefflich spekulieren).

Denn zu diesem Zeitpunkt strickte der Rastlose, der meist ein wenig Unberechenbare und Unstete längst wieder an einem anderen John Lennon. Mit seiner neuen Partnerin, der Fluxus-Künstlerin Yoko Ono, nahm er nach dem Ende der Beatles im Jahr 1970 experimentelle Solo-Alben auf. Produzierte Filme. Und veranstaltete Happenings wie die legendären „Bed-ins for Peace„.

Doch bald wurde es ruhiger um Lennon. Sicher, da war die großartig-utopische Friedenshymne „Imagine„. Mit „Instant Karma! (We All Shine On)„, „Working Class Hero“ oder „Jealous Guy“ landete er noch so einige Hits mehr. Doch die musikalische Entwicklung ging immer mehr über ihn hinweg. Der Punk wütete und gröhlte, Disco zappelte und stampfte – einer wie Lennon wirkte da ein wenig wie aus der Zeit gefallen.

Doch anstatt daran zu verzweifeln, zog sich John Lennon schließlich vollständig ins Private zurück. Fast fünf Jahre lang lebte er mit Yoko und dem gemeinsamen, 1975 geborenen Sohn Sean ein Leben als Hausmann in New York City. Erst 1980 meldete er sich mit einem neuen Album zurück. Als die tödlichen Schüsse fielen, war „Double Fantasy“ gerade drei Wochen auf dem Markt.

Inzwischen ist John Lennon genauso lange tot wie er gelebt hat. Doch sein Einfluss auf nachfolgende Musikergenerationen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn der beschränkt sich nicht allein auf die Tatsache, dass Lennon mit den Beatles quasi die Blaupause für alles geschaffen hat, was wir heute „Popmusik“ nennen.

Und: Es war bezeichnenderweise Lennon, der zum ersten Mal in einem Popsong seine eigene Unzulänglichkeit thematisierte, seine Selbstzweifel und seinen Schmerz in den Fokus stellte. „I’m A Loser“ sang er 1964 – in einer Zeit, in der Popsongs bitteschön von Liebe, Herzschmerz und unbeschwerten Sommertagen zu handeln hatten. John Lennon, der bei seiner Tante Mary aufwuchs, seine Mutter Julia im Alter von 18 Jahren durch einen Autounfall verlor und zu seinem Vater, einem Matrosen, kaum je Kontakt hatte, sei sein ganzes Leben auf der Suche nach Hilfe gewesen, sagte Paul McCartney 2015 in einem Interview mit dem „Rolling Stone„. Einer seiner größten Hits – „Help!“ – bringt diese Tatsache auf den Punkt, eines seiner berührenden Lieder widmete er offenkundig seiner Mutter: „Half of what I say is meaningless / But I say it just to reach you, Julia“.

Lennons Witwe Yoko Ono pflegt den musikalischen Nachlass ihres Mannes bis heute (und just heute erscheint mit „Gimme Some Truth.“ eine neue Retrospektive seiner bekanntesten Solo-Songs, deren größter Anreiz wohl in der klanglichen Neubearbeitung liegt). 1983 stellte sie das letzte geplante Lennon-Album „Milk And Honey“ fertig. Bereits 1981 hatte sie mit „Season Of Glass“ ihr erfolgreichstes eigenes Album veröffentlicht. Auf dem Cover war die blutverschmierte Brille Lennons zu sehen. Nicht wenige Beatles-Fans, die in ihr vorher auch den wahren Grund für die Trennung der „Fab Four“ ausgemacht zu haben glaubten, warfen Ono daraufhin vor, den Mord an ihrem Mann für ihre eigene Zwecke zu missbrauchen.

Dass das Lennon-Erbe auch schwer wiegen kann, zeigt sich bei seinen Söhnen, die ihren berühmten Vater schon allein rein optisch kaum verleugnen können. Beide starteten Musikkarrieren mit zwar überzeugendem, aber dennoch vergleichsweise überschaubarem Erfolg. Julian Lennon, der aus Sohns erster Ehe mit seiner Ex-Frau Cynthia stammt (und übrigens im Evergreen „Hey Jude“ besungen wird), hatte in den Achtzigerjahren einige mittelgroße Hits, der bekannteste wohl „Too Late For Goodbyes“. Sean Lennon wiederum probierte sich in unterschiedlichsten Genres aus, ohne die ganz großen kommerziellen Erfolge zu feiern. Dabei kollaborierte er unter anderem mit Größen wie Thurston Moore, John Zorn, Ryan Adams, Soulfly, Rufus Wainwright oder Lana Del Rey. 2006 formte er mit Les Claypool, dem Bassisten der Funk-Rock-Legende Primus, das bis heute aktive Duo The Claypool Lennon Delirium.

John Lennons Geschichte wird also weitergeschrieben, sicher noch viele Jahre. Seine Songs selbst werden ohnehin Generationen überdauern, sind längst im kulturellen Erbe der Menschheit verwachsen. Vielleicht ist das Paralleluniversum aus dem Film „Yesterday“ also doch keine völlig undenkbare Vision. Der unbekannte Lennon aus dem Film erzählt, dass er ein rundum glückliches Leben geführt habe. Und dass es die Liebe ist, die für ihn immer die wichtigste Rolle gespielt hat. Frei nach dem Motto: „All You Need Is Love“.

You may say I’m a dreamer / But I’m not the only one…

Happy Birthday zum Achtzigsten, John Lennon. ✌️

Rock and Roll.

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„Der Usain Bolt der elektrischen Gitarre“ – Eddie Van Halen ist tot.


Foto: Redferns

Seine Gitarrensolos? Virtuos und auch für gleichsam bekannte Kollegen stilprägend. Songs wie „Jump“ oder „Why Can’t This Be Love“? Chartstürmer, Evergreens, Rock-Klassiker. Musik war für den Autodidakten zeitlebens Beruf und Berufung zugleich. Jetzt ist Eddie Van Halen gestorben.

Mit „Jump“ schafften die Hardrocker von Van Halen 1984 einen internationalen Charterfolg. Der Song wurde zu ihrem Trademark und ist bis heute ein allseits bekannter Klassiker. Über Jahrzehnte begeisterte Eddie Van Halen mit seiner Musik Millionen Fans wie Hobby-Luftgitarristen. Die Musikzeitschrift „Billboard“ nannte ihn den „letzten Gitarren-Boss“, das „Guitar World Magazine“ zeichnete ihn 2012 als „größten Gitarristen aller Zeiten“ aus (bei einer identischen Liste des „Rolling Stone“ wiederum belegte er Rang acht).

Musik bedeute für ihn alles, erzählte Eddie vor drei Jahren in einem seiner seltenen Interviews dem TV-Sender CNN: „Selbst bei der neuntägigen Schiffsüberfahrt von Holland nach New York hat mein Vater in einer Schiffsband gespielt, mein Bruder und ich traten ebenfalls auf und spielten Klavier. Mein ganzes Leben bestand aus Musik, ich kann mir nichts anderes vorstellen.“

Geboren wird Edward Lodewijk „Eddie“ Van Halen 1955 in Amsterdam, die Familie wandert jedoch 1962 nach Kalifornien aus. Eddie wächst in Pasadena, einem Vorort von Los Angeles, auf. Gemeinsam mit seinem Bruder Alex gründet er 1972 die Band Van Halen – quasi also als Familienunternehmen. Zeitweise sind auch Sänger David Lee Roth und Bassist Michael Anthony mit dabei.

Eddie Van Halen kommt durch seinen Vater, einen professionellen Saxophonspieler und Jazzklarinettisten, schon früh mit Musik in Berührung und entwickelt sich zum Autodidakt, der an fast jedem Instrument zu brillieren weiß. Nur Noten lesen kann er nicht. Vor allem an der E-Gitarre jedoch ist Van Halen nahezu gottähnlich: Kaum ein anderer Musiker – mal abgesehen von Größen wie etwa Jimi Hendrix – kann dem Instrument solche Töne entlocken und es so atemberaubend schnell spielen wie Eddie. 

Foto: dpa

Berühmt ist auch sein Solo in Michael Jacksons 1983 veröffentlichtem Hit „Beat It„. Musikproduzent Qunicy Jones hatte den Gitarristen damals engagiert: „Ich habe Van Halen angerufen und jedes Mal, wenn er ans Telefon ging, hat er mich beschimpft, weil er glaubte, jemand würde ihn auf den Arm nehmen. Nach dem fünften Anlauf hat er mir geglaubt und wir wurden Freunde.“

Auch wenn es nach ihrer erfolgreichsten Zeit in den Achtzigern später etwas stiller um die Band wurde, deren letztes Album „A Different Kind Of Truth“ 2012 erschien und die 2007 in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen wurde, bleibt Van Halen selbst über Jahrzehnte erfolgreich. Privat läuft es aber weniger gut. Der Musiker hat, wie so viele seiner Kollegen, Suchtprobleme, seine Ehe mit der Schauspielerin Valerie Bertinelli geht 2007 in die Brüche. Zwei Jahre später heiratet er Janie Liszewski, die frühere Band-Sprecherin.

Alkohol und Drogen hinterlassen jedoch ihre Spuren: Der langjährige Raucher erkrankt vor zwanzig Jahren das erste Mal an Krebs. Sein 29-jähriger Sohn Wolfgang, der ebenfalls in der Band seines Vaters spielte, schrieb auf Twitter: „Er war der beste Vater, den ich mir wünschen konnte. Jeder Moment, den ich mit ihm auf und jenseits der Bühne verbrachte, war ein Geschenk.“

Nun ist Eddie Van Halen am gestrigen 6. Oktober im St. John’s Krankenhaus in Santa Monica im Beisein seiner zweiten Frau Janie, seines Sohnes Wolfgang und seiner Ex-Frau Valerie im Alter von 65 Jahren gestorben – nur zehn Tage nach Ex-Bandkollege und Bassist Mark Stone, der anno 1972 in den Anfangstagen bei Van Halen spielte und ebenfalls den Kampf gegen (s)eine Krebserkrankung verlor. Gut möglich also, dass „Jump“ nun auch in den Playlists im Gitarrengötterhimmel in die Heavy Rotation wandert… Mach’s gut, Mr. Van Halen!

(Wer mehr lesen mag, dem sei etwa dieser Nachruf der „Süddeutschen Zeitung“ empfohlen…)

Rock and Roll.

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„Mr. Tutti Frutti“ – Little Richard ist tot.


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Little Richard ist tot. Der Sänger, einer der Gründungsväter des Rock’n’Roll, verstarb am heutigen 9. Mai im Alter von 87 Jahren. Das bestätigte sein Sohn Danny Penniman dem US-amerikanischen „Rolling Stone„, machte jedoch keine Angaben zur Todesursache. Charles Glenn, der frühere Bassist von Little Richard, erläutert gegenüber dem US-Portal „TMZ“ nähere Details: „Richard war seit zwei Monaten krank. Er ist in seinem Haus in Tennessee gestorben.“ Sein Bruder, seine Schwester und sein Sohn seien bei ihm gewesen. Glenn selbst habe zuletzt Ende März mit Little Richard gesprochen und ihn besuchen wollen. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie sei dies jedoch nicht möglich gewesen. Unter welcher Krankheit die Musik-Legende gelitten habe, ist nicht bekannt.

Seinen ersten Hit hatte Little Richard, der am 5. Dezember 1932 in Macon, Georgia als Richard Wayne Penniman geboren wurde und in einem Schwarzenghetto als erstes von zwölf Geschwistern aufwuchs, 1956 mit „Tutti Frutti“. Darauf folgte eine Reihe weiterer Hits: „Long Tall Sally“, „Rip It Up“, 1957 dann „Lucille“ und 1958 „Good Golly Miss Molly“. Von Anfang an war seine Darbietung einzigartig: mit sexuellem Unterton („Tutti Frutti“ etwa war ein unter farbigen Homosexuellen geläufiger Ausdruck für Analverkehr) und dennoch Blues’n’Gospel-beeinflusst, dazu sein eher simples, aber geradezu hämmerndes Piano-Spiel.

Nach mehreren offenbar recht prägenden Erlebnissen Ende der Fünfziger – unter anderem hatte er leuchtende Propellertriebwerke eines Flugzeugs als die Erscheinung eines Engels interpretiert –, wurde er Priester und widmete sich der Gospel-Musik. Mitte der Sechziger folgte ein Comeback im Bereich Soul’n’Funk, bei dem er jedoch keineswegs an seine früheren Verkaufserfolge anknüpfen konnte. Ende der Siebziger zog er sich erneut zurück, um sich einmal mehr dem Gospel-Genre zu widmen, und 2013 im Alter von 80 Jahren (und nach ein paar sporadischen Fußnoten im Rock-Genre) in einem „Rolling Stone“-Interview seinen endgültigen Rückzug zu erklären: „I am done!“ 

Obwohl Richard, den der „Rolling Stone“ vor ein paar Jahren auf Rang acht der 100 größten Musiker sowie auf Rang zwölf der 100 besten Sänger aller Zeiten listete, in den letzten Jahren ansonsten vornehmlich durch recht wirre Äußerungen über seine Sexualität von sich hören ließ, bleibt sein musikalischer Einfluss dennoch unumstritten. Er selbst meinte einmal ganz ungeniert: „Elvis mag der ‚King of Rock’n’Roll‘ gewesen sein, aber ich bin die Königin.“ Und auch andere Größen der Musikgeschichte beriefen sich auf ihn. So gestand ein gewisser David Bowie, dass „meine Welt in Flammen stand, sobald ich Little Richard hörte“. Auch Elton John – wäre hätte es gedacht – wäre ohne den extravaganten Rock’n’Roll-Sänger und -Pianisten nicht der, der er heute sei, wie er anno 1973 dem „Rolling Stone“ verriet: „Ich hörte Little Richard und Jerry Lee Lewis und wusste, das war’s. Ich wollte nichts anderes mehr sein. Ich selbst gehe mehr in Richtung Little Richard als Jerry Lee Lewis, denke ich. Jerry Lee ist sehr geschickt, aber Little Richard stampft mehr.“ Für The Roots-Schlagzeuger Ahmir Khalib „Questlove“ Thompson besteht bei der Frage nach den „wahren König des Rock’n’Roll“ ebenfalls kein Zweifel, wie er aus gegebenem Anlass via Facebook wissen ließ:

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Mach’s gut, „Mr. Tutti Frutti“.

 

(via FAZ findet man einen weiteren recht informativen ersten Nachruf)

 

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