Schlagwort-Archive: Maynard James Keenan

Dreizehn Lenze in Tools Wartezimmer (und die Folgen) – die hollywoodreife Chronologie eines Leaks


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Ein Schelm, wem bereits damals Böses schwante – im April 2006 gaben Tool mit dem Titel ihres vierten Albums „10,000 Days“ den perfide hintersinnigen Startschuss zum wohl bislang größten Treppenwitz und Sitzfleischtest der (Rock)Musikgeschichte. Und manch ein Fan erwartete mittlerweile, dass Sänger Maynard James Keenan, Gitarrist Adam Jones, Bassist Justin Chancellor und Schlagzeuger Danny Carey den Allzeit-Rekord von Guns N’Roses pulverisieren würden, die ihre Langhaar-meets-Bandana-Anhänger geschlagene 15 (!) Jahre auf das ewig sagenumwobene – und schlussendlich erwartbar enttäuschende – „Chinese Democracy“ warten ließen…

Nun, „10.000 Tage“ (oder eben gut 27 Jahre) sollten es glücklicherweise nicht werden – „Fear Inoculum„, das neue, fünfte Tool-Machwerk, welches – innen wie außen – einmal mehr so gigantomanisch daher kommen wird, wie man es von den Alternative-Proggern aus Los Angeles erwarten konnte, erscheint tatsächlich in wenigen Tagen. Andererseits wären die dreizehn Lenze mit all ihren (nicht selten von der Band selbst erschaffenen) Enten, falschen wie richtigen Fährten, Finten und Halb-Neuigkeiten durchaus für einen (wohl nur für hartgesottene Fans, die ohnehin jedes New-Fitzelchen begierig-schweißgebadet aufschnappten, interessanten) Roman gut. Und ebendiesem fiktiven Prog-Rock-Wälzer wird nun, kurz vor Ladenöffnung, eines seiner letzten Kapitel beschert – Verbrechen und Drama inklusive. (Drunter machen’s weder Tool noch Hollywood.) Der Titel? „Wie ein Reddit-User seinen Job aufs Spiel setzte, ‚Fear Inoculum‘ ins Netz stellte und so über Nacht zum Helden des Internets wurde.“

Bereit? Here. We. Go!

Das – aufgepasst, dezente Untertreibung! – lange erwartete Comeback-Album „Fear Inoculum“ der Prog-Legenden von Tool erscheint zwar erst kommenden Freitag, doch schon am Wochenende wurde es – und das ist selbst in den heutigen allerorts digitalen Zeiten bei einer stets penibelst auf Geheimhaltung bedachten Band wie Tool doch beachtlich – vorzeitig geleakt. Wenig verwunderlich daher, dass der von Tools Fanbase als Held gefeierte Reddit-Nutzer dafür eine wahre Odyssee auf sich nahm…

Zunächst tauchte am vergangenen Freitag ein Unboxing-Video der aufwendigen gestalteten physischen Ausgabe von „Fear Inoculum“ auf Youtube auf (Zur „Limited Edition“ meint der Pressetext: „Darin enthalten sind die CD in einer Dreifach ‚Soft Pack Video Brochure‘ sowie ein wiederaufladbarer 4 HD Screen mit exklusivem Video-Footage, ein USB Ladekabel, ein Zwei-Watt-Lautsprecher, ein 36-seitiges Booklet und eine digitale MP3-Download-Card.“). Das Tool-Label versah das Video mit einem Copyright-Strike, der Clip war sofort offline. Nur wenige Stunden später posteten allerdings erste Mitarbeiter von Supermärkten und Plattenläden via Reddit Bilder der bereits gelieferten, aufwendig designten CD-Boxen.

Positiv aufgeschreckte Nutzer der Plattform versuchten darauf, diese Mitarbeiter dazu zu bewegen, das begehrte Album vorzeitig zu leaken. (Schließlich versucht man auch den letzten Vormann beiseite zu schubsen, nachdem man drei Stunden in der Schlange vor der einzigen öffentlichen Toilette weit und breit verbracht hat, oder?) Natürlich – zunächst – ohne Erfolg…

Kurz vor Mitternacht postete der Target-Mitarbeiter und Reddit-User CircleofN9ne (der mittlerweile alle Posts gelöscht hat) ein Bild der CD mit der Unterschrift „might be able to get this for you guys in the next 2 hours„. Die Community zeigte sich skeptisch, doch besagter User hielt tatsächlich sein Versprechen und postete ein weiteres Bild – dieses Mal außerhalb seines Arbeitsplatzes und in seinem fahrbaren Vehikel: „Guys I fucking have it„. Selbst alle Abbrecher des Volkshochschul-Dramatik-Kurses merken wohl: Nun wurde es ernst! (Man denke sich an dieser Stelle langsam anschwellende, dramatische musikalische Untermalung…) Doch während sich der gesamte Tool-Subreddit die globalen Tipp-Finger abkaute, realisierte benannter Reddit-User, dass das CD-Laufwerk seines Laptops – natürlich, nur so nimmt ein waschechter Hollywood-Blockbuster nun einmal Fahrt auf! – nicht funktionierte und er die Platte, den „heiligen  Gral aller Alternativ-Prog-Jünger“ nicht rippen konnte. Auf seinen Hilferuf „SOMEBODY IN VEGAS!!! FUCKING HELP!!!“ antwortete der User briznitch, der ihn – konspirativ, konspirativ! – ins Mirage Hotel einlud, um dort dessen – freilich mit einem funktionierenden CD-Laufwerk ausgestatteten – Personal Computer zu benutzen und das Album endlich zu leaken. (Welch‘ Wink des Schicksals! Welch‘ göttliche Wendung!)

Gesagt, getan! Die beiden treffen sich, briznitch rippt und leakt das Album. End of Story? Rockendes Happy End? Vorzeitige globale Listening Session im Sonnenuntergang? Nicht ganz, denn das Album tauchte wider Erwarten nicht online auf! Stattdessen teilte CircleofN9ne der gebannt wartenden und auf Reflex refreshenden Community mit, dass dies nun ebenfalls außerhalb seiner Kontrolle sei. Kurzzeitig herrschte Verwirrung, da briznitch, der andere User (wir erinnern uns: der mit der funktionablen Technik), seinen Account plötzlich gelöscht hatte – da ging der Leak doch noch online! (Ha! Nimm das, du Geheimnisse krämende Prog-Rock-Insitution!) Die weltweite Musik-Geek-Community feierte CircleofN9ne alsbald wie einen Helden á la Edward Snowden, betitelte ihn als „The Chosen One„, widmete ihm zahlreiche „Appreciation Threads“ und öffnete sogar eine Petition, um ihm ein besonderes Reddit-Logo zu beschaffen.

Doch nun wird es richtig kurios: Dem „Chosen One'“ dämmerte urplötzlich, dass er vielleicht ja etwas hochgradig Illegales getan hat. (Sie erinnern sich: Metallica vs. Napster und so…) Daher teilte er seinen neu gewonnenen zahlreichen Digital-Buddies mit, dass er sich Sorgen um seine Zukunft mache. Die Community des Tool-Subreddits bot ihm daraufhin an, im Falle einer Klage ein GoFundMe-Projekt zu starten, sollte er in eine Notlage geraten oder seinen Job verlieren.

Aktuell finden sich (noch) keine Updates zu CircleofN9nes Netz-Piraten-Abenteuer, jedoch erinnert mich diese Geschichte an seligen Zeiten rund um die Jahrtausendwende, als man noch nicht komplette musikalische Lebenswerke innerhalb weniger Sekunden abrufen konnte. (Hach!) Und: sie ist nicht nur der Nachweis, dass uns Maynard James Keenan und seine Mannen endlich, endlich nicht an der Nase herum geführt haben („Fear Inoculum“ existiert! „Fear Inoculum“ existiert!), sie beweist einmal mehr, wozu das Internet (und die Quadrataugen-Menschen dahinter) fähig ist. User beez trifft es wohl ganz gut: „Manchmal denke ich, Musik hat ihre Magie verloren. Dann passiert so etwas. Komplett Fremde kleben vor ihren Bildschirmen und bauen eine Verbindung aufgrund eines Las Vegas Tool-Heists zueinander auf. Wir sind alle verrückt.

Was knapp 5.000 Tage – und das lange, bange Warten im Tool’schen Wartezimmer – eben mit einem anrichten können…

 

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick – Teil 1


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Was für Musik braucht man in einem Jahr wie diesem? Solche, bei der die Halsschlagader wild pocht und der ganze gerechte Zorn auf die Welt ein brodelndes Ventil bekommt. Solche, die einem sanft über den Kopf streicht und einem die Hoffnung einhaucht, dass alles schon besser werden wird – irgendwann, irgendwie. Und auch solche, die einen in ihrer Euphorie einfach gnadenlos mitreißt, und einen – im besten Fall – alles andere – das Gute wie Schlechte – für Momente vergessen lässt. Zwischen diesen drei Fixpunkten ist in meiner Bestenliste der persönlich tollsten Alben des Musikjahres 2018 einmal mehr wenig zu finden, an den Endpunkten dafür umso mehr. Bühne frei und Vorhang auf für ANEWFRIENDs Alben des Jahres!

 

 

cursive_virtiola.jpg1.  Cursive – Vitriola

So sehr ich Tim Kasher für nicht wenige Diskografie-Glanzlichter (angefangen bei Cursive bis hin zur Zweitband The Good Life und den Solo-Werken) schätze, aber: Wirkliche Erwartungen – im Positiven – hatte ich zuletzt kaum noch. Dafür war vor allem das letzte, 2015 erschiene The-Good-Life-Album „Everybody’s Coming Down“ einfach zu mies, und auch die 2013 beziehungsweise 2017 veröffentlichten letzten Alleingänge „Adult Film“ und „No Resolution“ waren zwar mit einigen Ausnahmesongs gesegnet, verschwanden allerdings schnell wieder in den hinteren Ecken des (digitalen) Plattenregals.

Dass es also Cursive, Tim Kashers bereits seit den Neunzigern bestehende Alle-Jubeljahre-wieder-Stammformation, heraus reißen würde, darauf durfte man auch kaum vertrauen, schließlich konnten dort weder „Mama, I’m Swollen“ (2009) noch das im großen Stil gescheiterte „I Am Gemini“ (2012)  mit der Intensität von „The Ugly Organ“ oder dem kalkulierten Wahnwitz von „Happy Hollow“ mithalten. Warum also sollte ausgerechnet „Vitriola“, Cursives erstes wirkliches Lebenszeichen seit geschlagenen sechs Jahren, da auf überzeugenderen Schienen unterwegs sein?

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Nun, zunächst einmal, weil mit Tim Kasher, Matt Maginn, Ted Stevens, Clint Schnase sowie Co-Produzent Mike Mogis – erstmals seit „Happy Hollow“ und zwölf Jahren –  Cursives bewährte Stammformation wieder an Bord ist. Und auch, und das wiederum erstmalig seit „The Ugly Organ“ und immerhin 15 Lenzen: das Cello ist zurück! Und ebenjenes füllt gleich einmal jede Ecke und Kante der zehn Albumstücke aus. Und wie! Bei aller Ruppigkeit gelingt es Kasher und Co. derart fulminant, ihr einmal mehr einem Cursive-Album zugrunde liegendes hochtrabendes Konzept (diesmal arbeitet sie sich am Existenzialismus ab, der in Richtung Nihilismus, mal hin zu dystopischer Verzweiflung abwandert und von der Art und Weise erzählt, wie die Gesellschaft, ähnlich wie ein Schriftsteller, einerseits im Eifer erschafft, andererseits jedoch auch – sich selbst – zerstört) an die Hörerschaft zu bringen, dass man kaum mehr indierockende Zeitgeist-Kritik von irgendeiner anderen Band erwarten kann. Diese Songs sind pissed, sind angewidert, sind unzufrieden. Ganz gleich, ob, wie in „Under The Rainbow“ Unruhe in Wut überschwappt, die die Selbstzufriedenheit der privilegierten Klassen anklagt, sich im großartigen „It’s Gonna Hurt“, das Klimax über Klimax über Klimax schraubt, Trauer Bahnen bricht, in „Life Savings“ Geldgier und Konsumhörigkeit vor die Flinte laufen, oder, wie etwa im Abschluss „Noble Soldier / Dystopian Lament“, ein eindringlicher Blick auf einen möglichen gesellschaftlichen Kollaps geworfen wird, der wenig Hoffnung bietet, aber versucht Schönheit und Schrecken auf dem Kopf einer Nadel auszubalancieren. Und so wunderbar kaputte Schrammelorgien wie etwa „Ghost Writer“ können ohnehin nicht viele verfassen…

Natürlich darf man auch 2018 keinen zugänglichen Radiopop von Cursive erwarten – warum auch? Die Welt ist keine gute, der Mensch darin im Zweifel dem anderen gegenüber kaum selten feindsinnig gestimmt, und oft genug nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Tim Kasher spricht all das in so einigen feinsinnig-bissigen Alltagsbeobachtungen offen genug an. Und das tönt auch wegen Megan Siebes fast omnipräsentem Cello so kraftvoll wie gefühlt noch nie im Cursive’schen Klangkosmos… So famos wie kaum etwas anderes 2018, und deshalb meine liebste Platte!

 

 

mastersystem_dancemusic2.  Mastersystem – Dance Music

Dass „Dance Music“ Scott Hutchisons Abschiedsgeschenk an die stetig wachsende Hörerschar des umtriebigen Frightened-Rabbit-Frontmanns werden würde, konnte – wenn überhaupt, denn all das gehört freilich ins Reich der Spekulationen – wohl nur er selbst ahnen. Trotzdem bleibt es dabei: Scott Hutchison ist tot. For fuck’s sake, damnit! Und dieses gemeinsam mit befreundeten Musikern aus Kapellen wie den Editors oder Minor Victories aufgenommene Album einhält daher die wohl sinnlosesten Abschiedszeilen des Musikjahres. Sind sie großartig, diese Songs? Zur Hölle, ja! Würde ich sie eintauschen für ein paar von Scott verfasste Worte, in denen er – gesund, lebend und bester Dinge – von den Aufnahmen eines Nachfolgers zum nun auch finalen 2016er Frightened-Rabbit-Album „Painting Of A Panic Attack“ schreibt? Zu gern, zu gern…

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restorations_lp5000.jpg3.  Restorations – LP5000

Ganz ehrlich: Plattencover des Jahres, mit Abstand. Dass auch die – leider: nur – sieben Songs von „LP5000“ zu überzeugen wissen, spricht für die stetige Entwicklung von Restorations. Dass die fünfköpfige Indierock-Band aus dem US-amerikanischen Philadelphia, Pennsylvania auch mit Album Nummer vier nicht unter „Geheimtipp“ für Freunde von Referenzbands wie The Gaslight Anthem, The Hold Steady, Hot Water Music, Jimmy Eat World oder den Get Up Kids verbucht werden darf, ist da eigentlich eine Schande, denn toll ist auch 2018 jede neue Albumnote. 

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yellowknife_retain4.  Yellowknife – Retain

„Grundsympathischer Indierock wie um die Jahrtausendwende herum – schroff, direkt und unaufdringlich. Kribbelt. Rockt. Macht Laune. Umarmt.“ Besser als diese zehn Songs aus der Feder von Tobias „Tobi“ Mösch und seinem Band gewordenen Wohnzimmer-Projekt Yellowknife ist dies 2018 in Indienrock-Deutschland keiner anderen Band geglückt. Macht zuckerfrei süchtig. Da kannste eigentlich nur kritisieren, dass bereits nach 35 Minuten der Finger einmal mehr auf die Repeat-Taste wandern muss…

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william_fitzsimmons_missionbell5.  William Fitzsimmons – Mission Bell

Würde man versuchen, die Biografie von William Fitzsimmons zu verfilmen, das Ergebnis würde wohl fast schon zwangsläufig zu einem kitschigen Zelluloid-Melodram verkommen (oder wahlweise zu einer vor Pathos triefenden Prime-Time-Telenovela). Und auch, wenn man sich bei einem Urteil wie diesem ein klein wenig wie ein schlechter Mensch fühlt, aber: Der 40-jährige grundsympathisch-herzliche US-Singer/Songwriter ist immer dann besonders gut, wenn es um das Vertonen seiner eigenen Schicksalsschläge geht. Und davon hat Studiowerk Nummer sieben, „Mission Bell“ so Einige zu bieten. Manchmal mag’s so sehr zu Herzen gehen, dass sich Kuschelplümo und Kakao fast von selbst erwärmen. Ach, William… ♡

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exre_exre.jpg6.  Ex:Re – Ex:Re

„“Ex:Re“ ist ein Trennungsalbum, wie es auch schon die Daughter-Vorgänger waren, eine Sammlung an Tipps zum Verkraften und Überleben, eine Anleitung zum Alleinsein. Eine Art Tagebuch, in das man nur nachts schreibt, wenn der Kummer einem den Schlaf raubt.“ wie Jennifer Deiner in ihrer plattentests.de-Rezension zum Solo-Debüt von Daughter-Frontfrau Elena Tonra schreibt. Klar sind die zehn darauf dem Herzschmerz abgerungenen Stücke durch und durch traurig, schonungslos offen und unheimlich direkt – allerdings auch weit weg davon, wirklich trostlos zu sein. „When you sheltered yourself and / Cut off the phone / Well, I knew then / You weren’t hurt / You’de forgotten / How to love“ heißt es zwar im abschließenden, bitteren „My Heart“. Trotzdem legen sich die meisten Songs wie eine düster glimmende nächtliche Decke um den Hörer, und lassen ihn wissen: Du bist nicht allein.

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pianosbecometheteeth_waitforlove.jpg7.  Pianos Become The Teeth – Wait For Love

Der Album-Vorgänger „Keep You“ war 2014 noch auf dem Treppchen zu ANEWFRIENDs „Platten des Jahres“, „Wait For Love“ schafft es 2018 zumindest in die Top Ten. Und das auch völlig zu recht für Pianos Become The Teeth. Denn obwohl das Quintett aus dem US-amerikanischen Baltimore, Maryland Note für Note immer weiter das Post-Hardcore-Gewand der wütenden ersten beiden Werke „Old Pride“ und „The Lack Long After“ abstreift, um seine Songs hin zum mittlerweile sehr melodisch-melancholischen Indierock zu öffnen, tut dies der Spannung keinen Abbruch. Denn vor allem die Stimme von Kyle Durfey ist viel zu großartig, um als Schreihals im nächsten juvenilen Moshpit zu verenden. Und wie hieß es doch im 2013 erschienenen Song „Hiding“ (welcher an sich bereits die formvollendete Richtungskorrektur vorweg nahm): „You can’t stay angry forever, or so I’m told…“

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Quiet-Slang-Everything-Matters-But-No-One-Is-Listening-700x700.jpg8.  Quiet Slang – Everything Matters But No One Is Listening

Beach-Slang-Frontmann James Alex nimmt sich den ein oder anderen Song seiner Stammband noch einmal vor – und stimmt diese dann eine ganze Ecke leiser an. Passenderweise als Quiet Slang. „Insgesamt scheint die Idee von Beach Slang-Frontmann James Alex, als Quiet Slang mit einer intim(er)en Variante seiner Hauptband an den Start zu gehen, eine durchaus brillante zu sein, schließlich kommt sein herrlich ungeschliffen-raues Organ zu Piano, Akustischer und Streichern nun voller zur Geltung.“ Absolut. Und alle, die befürchten, dass Beach Slang nun deshalb in der Versenkung verschwinden würden, seien beruhigt: Diese Album gewordene Verschnaufpause scheint James Alex genügt zu haben, denn bald schon soll es wieder neue Beach-Slang-Songs zu hören geben…

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slothrust_thepact9.  Slothrust – The Pact

Gäbe es einen J-Mascis-Gedächtnis-Award für den bloßen Versuch, ein feinsäuberlich durchgegniedeltes Gitarrensolo in möglichst JEDEM Indierock-Song unter zu bringen, so wären Slothrust hierfür die wohl sichersten Anwärter des Musikjahres 2018. Denn für das Trio aus Boston, Massachusetts scheint es ein Leichtes zu sein, ein Solo in eben nahezu jedem der zwölf Stücke von Album Nummer vier, „The Pact“, zu platzieren. Kann nerven? Kann aber auch recht geil sein. Dafür sorgt auch die stilistische Melange, durch welche sich Leah Wellbaum, Kyle Bann und Will Gorin mittlerweile recht leichtfüßig bewegen. War „Everyone Else“, der 2016 erschienene Albumvorgänger, noch ein einziger tiefer Flanellhemd-Knicks vor der Grunge-Ära, so tauchen die Songs des Dreiergespanns mittlerweile ohne jegliche Berührungsängste auch in Indiepop- oder Alt.Country-Gefilde ab und schrecken auch vor subtilen Synthie-Streichern oder einem Jazz-Saxophon-Solo (!) nicht zurück. Macht mächtig Laune, das Ganze! And this year’s J-Mascis-Gedächtnis-Award goes to…

 

 

clueso_handgepäck.jpg10.  Clueso – Handgepäck I

Wie meinte ich noch im August: „Ist halt ein Guter, der Cluesen.“ Das hat sich freilich auf im Verlauf der letzten Monate kaum geändert. Und allen, für die der Pop auf den letzten Nummer-Eins-Alben des gebürtigen Erfurters Überhand nahm, bietet Clueso auf „Handgepäck I“ eine – Outtakes hin, Album-Überbleibsel her – in sich stimmige Sammlung meist akustisch-reduzierter Songs an, über denen – zumindest, wenn’s nach mir geht – seine Neuinterpretation des Puhdys-Klassikers „Wenn ein Mensch lebt“ thront…

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…und auf den weiteren Plätzen:

Boygenius – Boygenius EP mehr…

Hannes Wittmer – Das große Spektakel mehr…

Spanish Love Songs – Schmaltz

Foxing – Nearer My God

We Were Promised Jetpacks – The More I Sleep The Less I Dream mehr…

 

 

Persönliche Enttäuschungen 2017:

adam-angst-neintology.jpgAdam Angst – Neintology

Das selbstbetitelte Debüt war 2015 noch ANEWFRIENDs „Album des Jahres“, der „Neintology“ genannte (und aufgrund des auch heute noch famosen Vorgängers konsequenterweise selig erwartete) Nachfolger jedoch lief bei mir seit Veröffentlichung im September geschätzte zwei, drei Mal. Was also ist passiert? Adam, du machst mir Angst! Adam, wir haben wohl Redebedarf…

Eine der großen Stärken des Debütalbums war noch, dass Frontmann Felix Schönfuss und seine Band Dinge klar – und meist darbst angepisst – beim Namen nannten, Problemkarten offen auf den Tresen der Indierock-Spelunke legten – und daraus ordentliche Punkrock-Songs mit eingebauter Repeat-Taste klöppelten. Drei Jahre später sind die Zeiten, und freilich auch die Gesellschaft um die Band herum, kaum besser, trotzdem gelingt es Schönfuss und seinen Mit-Adam-Ängsten nur recht selten, den Funken (erneut) überspringen zu lassen. Der vermeintliche Technologie-Horror von „Alexa“ mag zwar im ersten Moment witzig erscheinen, ist jedoch arg überformuliert. Der Protektionismus-Abgesang „Blase aus Beton“ geht in Ordnung, stinkt letztendlich jedoch gegen fast jedes Stück des Vorgängers mächtig ab. „Kriegsgebiet“ arbeitet sich zu tobenden Riffs und drückenden Drums an allerlei Erste-Welt-Problemen ab (das wusste die Band 2015 mit „Splitter von Granaten“ noch weitaus besser hinzubekommen). Beinahe der einzige Lichtblick: „Alphatier“. Dieser beschäftigt sich in der Ich-Perspektive mit dem Coming Of Age einer Transperson und ermuntert diese schlussendlich zum Coming Out. Offenbar hat sich das Quinitett die Kritik, die es in „Punk“ ironisch vorweg formuliert, am Ende tatsächlich zu Herzen genommen: Zu smart, musikalisch zu unkomplex. Weiterskippen statt auf Repeat zu hämmern. 2018 wandeln Adam Angst bestenfalls auf etwas blassem Ärzte- und/oder Farin-Urlaub-Niveau (ohne es despektierlich zu meinen, aber auch Champions und Europa League sind ja zwei verschiedene Ligen). Das Debüt spuckt noch heute Gift und Galle, das hier tut leider niemandem mehr weh. Böse Zungen würden nun darauf verweisen, dass Frontmann Felix Schönfuss in diesem Fall zum ersten Mal ein zweites Album mit einer seiner Bands (in der Vergangenheit etwa Escapado oder Frau Potz) abgeliefert hat, und dieses ja in der Vergangenheit „aus Gründen“ vermied. Nach einem Meilenstein-Schuss ist wohl stets Schluss? Ich erbitte Besserung!

 

 

aperfectcircle_eattheelephantA Perfect Circle – Eat The Elephant

Zunächst einmal ist es toll, dass sich Maynard James Keenan und Kompagnon Billy Howerdel nach schlappen 14 Jahren tatsächlich mit einem neuen A Perfect Circle-Langspieler zurück melden. Klar, gerade Keenan lag in der Zwischenzeit mit seiner Weinbau-Passion, seinem etwas umtriebigeren (und ab und an arg spleenig-ambitionierten) Band-Projekt Puscifer sowie neuerdings wieder Tool (deren Nachfolger zum 2006er Album „10,000 Days“ längst zum weltgrößten musikalischen Treppenwitz taugt) kaum auf der faulen Haut. Und gerade deshalb schien ein Nachfolger zum 2004 veröffentlichten Album „eMOTIVE“ nicht eben wahrscheinlich. Wer’s anders sieht, dem seinen mal eben die damaligen Randbedingungen vor Augen geführt, erschien dieses doch am 1. November, und damit einen Tag vor den damaligen US-Präsidentschaftswahlen, bei denen ein gewisser George W. Bush im Amt bestätigt wurde. Danach folgten zwei Amtszeiten von Barack Obama, dem wiederum ein mit dem Goldlöffel aufgezogener, tumbdreist daher plappernder ehemaligen Reality-TV-Show-Star im vermeintlich höchsten Amt der US of A nachfolgte. Die Welt hat sich also seit dem dritten Langspielwerk kaum zum Besseren gewandelt. Bühne frei für neue Songs von Keenan, Howerdel und Co., die sich auch in der Vergangenheit kaum mit Kritik zurück hielten, also?

Nun so einfach ist’s kaum. Natürlich hat die Band in all den Jahren kaum ihre Trademarks, die einerseits von Maynard James Keenan markanter Stimme, andererseits von Billy Howerdels filigranem Gitarrenspiel, welches in Alternative-Rock-Songs mündet, die wiederum beständig im Spannungsfeld zwischen Melancholie und Eruption hin und her mäandern, über Bord geworfen – man höre nur das großartige „Features“! Natürlich gibt es auch 2018 zeitgeistige Sozialkritik, wie etwa im feinen Holzhämmerchen „Disillusioned“. Das Problem mit der Rückkehr von A Perfect Circle ist vielmehr, dass „Eat The Elephant“ zu viel will (und, wie etwa beim fast schon grotesk poppigen „So Long, And Thanks For All The Fish“, auch wagt), dem – freilich einmal mehr schön konzeptuierten -Ganzen jedoch wenig wirkliche Substanz, arg viel oberflächlichen Inhalt entgegen stellt. So verkommt ein Großteil der Stücke auf „Eat The Elephant“ zu einer Mogelverpackung á la Hollywood, gegen die es gerade noch selbst gewettert hat, und wäre – zusammen gedampft auf eine EP – wohl potentiell größer rausgekommen…

 

 

Die Entdeckung des Musikjahres: 

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Soup

Der Bandname? Der wohl nichtssagendste, fast schon schwachsinnigste seit Langem. Die Band selbst? Ein echter Geheimtipp, bei dem selbst ich mich frage, wieso gerade die so lange an mir vorbei musizieren konnten…

Denn vor allem die letzten beiden Studioalben von Soup – die großartigen „The Beauty Of Our Youth“ (2013) und „Remedies“ (2017) – bieten eine wunderbar zusammen gewürfelte Melange aus so Vielem: Kopfkino-Postrock von Größen wie Godspeed You! Black Emperor, Sigur Rós oder Mogwai, psychedelischer Seventies-Rock der Duftmarke Pink Floyd, an manchen Ecken lugen gar Genesis, Steven Wilson, Opeth oder Motorpsycho hervor. Dass der Fünfer aus dem norwegischen Trondheim aus all diesem potentiellen Referenzen tolle Alben (bei den genannten saß wiederum nicht grundlos Mogwai-Mischer Paul Savage hinter den Studioreglern) zimmert, macht das Endergebnis nur noch umso erstaunlicher, sodass man beinahe gewillt ist, dem Promotext unumwunden zuzustimmen: „‘The Beauty Of Our Youth‘ ist ein Album, das gekonnt die Schönheit der Landschaft widerspiegelt und ein Manifest nordischer Melancholie zu sein scheint, auferstanden aus moosigen Wäldern, durch nebelige Berge streifend, um letztendlich in der rauen See zu versinken. Dynamisch, aufregend und entspannend zugleich.“

Verschroben-verschwurbelte Naturromantik trifft also auf die gaaaaanz große Artrock-Palette? Mag sein, ja. Klingt jedoch großartig genug, um Soup – dämlicher Bandname hin oder her – endlich zu mehr als nur einem Geheimtipp-Status gratulieren zu wollen…

Übrigens: Wer wissen mag, ob Erlend Aastad Viken, Ørjan Langnes, Jan Tore Megård, Pål Ramsøy-Halle und Espen Berge ihre große Studio-Show auch auf die Konzertbühnen transportieren können, dem sei etwa die kürzlich erschienene (und leider nur fünf Songs kurze) Live-Konserve „Live Cuts“ ans Hörerherz gelegt.

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: A Perfect Circle – „Disillusioned“


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Apathische Menschen, die nur noch auf ihre blinkenden Smartphone-Bildschirme starren und im konformen Gleichschritt dahintrotten. Gesichtslose Kultführer, die mit Virtual-Reality-Brillen vor dem Antlitz die gleichgeschaltete Realität ihrer Untertanen gestalten. Bildschirme, die wie Feuer in einer digitalen Steinzeit-Höhle leuchten. Kabelstränge, die am Boden wie Wucherungen einen Gebäudekomplex durchziehen – A Perfect Circle machen im Musikvideo zu „Disillusioned“ keinerlei Hehl daraus, dass sie im Heilsbringer Smartphone einen Gegenstand ausgemacht haben, der aus sozialen Wesen letztendlich digitale Zombies macht.

Apc_disNur eine Frau beschleicht beim Laufen durch die tristen Gänge ein ungutes Gefühl, sie öffnet eine Tür nach außen und entdeckt dort eine Gruppe von Menschen, die als Gemeinschaft ohne digitale Hilfsmittel beieinander sind – eine reale Welt, die vom Schwarz-Weiß des restlichen Clips plötzlich in Farbe umschlägt, als die Frauen ihre digitalen Kontaktlinsen herausnimmt. Mit den neuen Eindrücken kehrt sie zurück in den Smartphone-Tempel und will ihr Wissen weitergeben…

Für eine seit jeher ebenso kluge wie in den Zwischentönen kritische Band wie A Perfect Circle transportiert das Musikvideo zu „Disillusioned“ natürlich nur im ersten Moment eine überraschend eindeutige, direkt und ohne Vieldeutigkeiten präsentierte Botschaft (während der Text einmal mehr gewohnt kryptisch gerät). Das wundert einen allerdings kaum, wenn man außerdem weiß, wie wichtig Sänger Maynard James Keenan das Thema ist.

Mit der gekonnt zwischen rockiger Bedrohlichkeit und unheilvoller Sanftmut changierenden Teilzeit-Ballade „Disillusioned“ feierte im Januar bereits ein zweiter neuer Song das Veröffentlichungs-Comeback der US-Alternative-Rock-Band um Maynard James Keenan und Gitarrist sowie Hauptsongwriter Billy Howerdel nach mehrjähriger Abstinenz. Zusammen mit „The Doomed„, zu dem es ebenfalls ein Musikvideo gab, und „TalkTalk“ ist das Stück einer von bislang drei Vorabtracks des neuen A-Perfect-Circle-Albums „Eat The Elephant„, welches – endlich, endlich – am 20. April erscheinen wird.

 

 

„Dopamine
On dopamine

We have been overrun by our animal desire
Addicts of the immediate keep us obedient and unaware
Feeding this mutation, this Pavlovian despair

We’ve become
Disillusioned
So we run
Towards anything glimmering

Time to put the silicon obsession down
Take a look around, find a way in the silence
Lie supine away with your back to the ground
Dis- and re-connect to the resonance now
You were never an island
Unique voice among the many in this choir
Tuning into each other, lift all higher

Dopamine
On dopamine

Willingly been re-wired by clever agents within
Looping our reflections, our obsessions draw us in
Fix and fixation, no sentience beyond

We’ve become disillusioned
So we dive like crows towards anything glittering

Time to put the silicon obsession down
Take a look around, find a way in the silence
Lie supine away with your back to the ground
Dis- and re-connect to the resonance now
You were never an island

Unique voice among the many in this choir
Tuning into each other, lift all higher…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: A Perfect Circle – „The Doomed“


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Würde man lediglich einen kurzen Blick auf die Veröffentlichungshistorie von A Perfect Circle werfen, man könnte fast glauben, deren Frontmann Maynard James Keenan habe mehr als eine Dekade auf der faulen Haut gelegen, schließlich hat das jüngste Album der Band, „Emotive„, bereits stolze 13 Jahre auf dem Buckel, und das letzte Werk mit eigenen Songs, „Thirteenth Step„, gar ein Jahr mehr („Emotive“ enthielt lediglich Coversongs). Das lange Warten auf neues Material machte freilich auch das eine neue Stück „By And Down“ nicht besser, welches 2013 auf der Werkschau „Three Sixty“ (nach nur drei Alben!) erschien…

Nein, ganz im Gegenteil: Keenan ist ein vielbeschäftigter Mann. Ob nun als passionierter Weinbauer und -produzent (Interessierte können diesen Weg mithilfe der Dokumentation „Blood Into Wine“ nachverfolgen), Buchautor (seine Autobiografie „A Perfect Union of Contrary Things“ erschien im Oktober 2016), glühender Kampfsport- und Lucha-Libre-Fan oder als Vorsteher seiner Drittband Puscifer, deren jüngstes Album „Money Shot“ es 2015 in ANEWFRIENDs Top 4 der „Alben des Jahres“ schaffte. Und auch bei seiner eigentlichen Hauptband Tool, deren letztes, 2006 erschienenes Werk „10,000 Days“ langsam aber sicher seinem Titel alle Ehre macht und Guns N’Roses‘ „Chinese Democracy“ längst die Krone des größten musikalischen Treppenwitzes abgenommen hat, wird in hoffentlich nahender Zukunft neue Musik folgen. Irgendwann? Irgendwann.

Fürs kommende Jahr jedoch legt Maynard James Keenan zunächst den Fokus auf A Perfect Circle. Denn scheinbar hat des der stets enigmatisch auftretende 53-jährige vielgeschäftige Musiker tatsächlich geschafft, gemeinsam mit Hauptsongwriter Billy Howerdel (Gitarre), Ex-Smashing-Pumpkin James Iha (Gitarre), Matt McJunkins (Bass) und Jeff Friedl (Schlagzeug) neue Songs aufzunehmen. Plus: Im kommenden Jahr wird die kalifornische Band gar auf ausgedehnte Tour gehen.

61cG5oPGvXL._SS500Einen ersten Vorgeschmack aufs für 2018 angekündigte neue Album liefern A Perfect Circle mit dem Song „The Doomed„, welches nun auch ein von Jeremy Danger und Travis Shinn gedrehtes Musikvideo spendiert bekommen hat. Gehalten in intensivem Scharz-Weiß-Kontrast blicken Sänger Maynard James Keenan (einmal mehr mit einer eindrucksvollen Perücke ausgestattet, dieses Mal mit Flechtzöpfen) und der Rest der Band fast völlig ausdrucks- und emotionslos in die Kamera, die wenigen Bewegungen geschehen wie in Zeitlupe. Ab und an wechselt der Hintergrund von Schwarz zu Weiß, zudem flackern manchmal einzelne Bildteile kurz wie bei einer Störung.

Der Effekt ist eindrucksvoll: Der ohnehin apokalyptische Song mit seinem Text um die dem Untergang geweihten Guten wirkt so noch abgründiger und bedrohlicher. Dass sich Keenan und seine Mitstreiter überhaupt im Clip zeigen, ist dabei erstaunlich genug: Bei dessen anderer Band Tool zeigen sich die Musiker nie in ihren Videos (und auch bei Puscifer taucht Keenan, wenn überhaupt, nur mit heftiger Maskerade auf).

Scheint also ganz so, als dürften sich alle Freunde von Maynard James Keenans Haupt-, Zweit- und Drittband auf vergleichsweise veröffentlichungsreiche Monate gefasst machen…

 

 

„Behold a new Christ
Behold the same old horde
Gather at the (altar)ing [ALTERING]
New beginning, new word
And the word was death
And the word was without light
The new beatitude:
‚Good luck, you’re on your own‘

Blessed are the fornicates
May we bend down to be their whores
Blessed are the rich
May we labour, deliver them more
Blessed are the envious
Bless the slothful, the wrathful, the vain
Blessed are the gluttonous
May they feast us to famine and war

What of the pious, the pure of heart, the peaceful?
What of the meek, the mourning, and the merciful?
All doomed
All doomed 

Behold a new Christ
Behold the same old horde
Gather at the (altar)ing [ALTERING]
New beginning, new word
And the word was death
And the word was without light
The new beatitude:
‚Good luck…‘

What of the pious, the pure of heart, the peaceful?
What of the meek, the mourning, and the merciful?
What of the righteous?
What of the charitable?
What of the truthful, the dutiful, the decent?

Doomed are the poor
Doomed are the peaceful
Doomed are the meek
Doomed are the merciful
For the word is now death
And the word is now without light
The new beatitude:
‚Fuck the doomed, you’re on your own'“

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Der Jahresrückblick 2015 – Teil 3


Ein zwar nicht durch und durch hochkarätiges, jedoch ebenso wenig an tollen Veröffentlichungen armes Musikjahr 2015 neigt sich unausweichlich seinem Ende zu. Zeit also, ANEWFRIENDs “Alben des Jahres” zu küren und damit, nach der Rückschau aufs Film- und Serienjahr, auch die Königsdisziplin ad acta zu legen! Dem regelmäßigen Leser dieses Blogs werden sich wohl wenige Überraschungen offenbaren, schließlich wurde ein guter Teil der Alben meiner persönlichen Top 15 im Laufe des Jahres – insofern es die Zeit zuließ – bereits besprochen. Bleibt nur zu hoffen, dass auch 2016 ein ähnlich gutes Niveau an neuen Platten und Neuentdeckungen bieten wird… Ich freue mich schon jetzt drauf.

 

 

adam angst1.  Adam Angst – Adam Angst

Wenn ich ehrlich bin, dann war die Pole Position meiner Lieblingsalben dieses Jahres bereits im Februar vergeben. Und dass an ein Album, dessen Protagonist ein „arroganter Drecksack“ (Pressetext) ist, der dem Hörer elf Kapitel lang seine eigenen Verfehlungen, seine Makel und Achillesfersen vor Augen und Ohren führt. Muss man sich ein derart gerüttelt Maß an Antipathie wirklich anhören? Man muss! Vor allem wenn sie von Felix Schönfuss und seiner neuen Band Adam Angst stammt. Denn den großmäuligen Versprechungen, die da bereits im Vorfeld um das neuste musikalische Baby des Ex-Frau-Potz- und Escapado-Frontmanns gemacht wurden, liefern Schönfuss und Co. Songs nach, die einen schlichtweg umhauen – sei es durch zackigen, verquer melodieverliebten Rock, der weder den Punk von Frau Potz noch den Hardcore von Escapado noch in sich trägt, oder – vor allem – durch die durch und durch brillanten Texte. Denn in denen bekommen wirklich alle ihr Fett weg – die Schweinepriester und Heiden („Jesus Christus“), die mehr oder minder latenten Rassisten („Professoren“), das tumbe Wochenend-Partyvolk („Wochenende. Saufen. Geil.“), die digital süchtigen Klickzahlenjunkies („Wunderbar“), die sinnentleerten Workaholics („Flieh von hier“), die dysfunktional-zerstrittenen Pärchen („Ja, ja, ich weiß“)… Da muss man schon sehr weit ab von allem sein, um sich an der ein oder anderen Stelle nicht selbst ertappt zu fühlen. „Adam Angst“ mag vielleicht kein Album für die nächsten zehn Jahre sein, mehr Aktualität, Zeitgeist und tolle Songs hatte 2015 jedoch kein anderes an Bord. Obendrein liefern Schönfuss und Band mit „Splitter von Granaten“ noch den definitiv wichtigsten Song des Jahres…

 

 

Benjamin Clementine2.  Benjamin Clementine – At Least For Now

Benjamin Clementines Geschichte liest sich fast wie eine moderne, musikalische Cinderella-Story: Mittelloser Junge aus *hust* „schwierigen Umständen“, der sich bereits seit Kindestagen – und das nicht nur seiner Hautfarbe wegen – als beflissener, belesener Außenseiter fühlt, flieht erst – von verheißungsvollen Versprechungen und vom Fernweh getrieben – aus dem Zig-Millionen-Einwohner-Molloch der englischen Hauptstadt und nach Paris, von dem er einst so viel las, sich so viel versprach. Dort führt er ein Vagabunden-, ein Herumtreiberdasein, schläft unter Brücken und dem freien Himmel, spielt seine Lieder in Metrostationen und wird dann und dort – endlich – von einem findigen Musikmanager erhört, der ihn alsgleich mit einem Plattenvertrag ausstattet. Und so klingen auch die pianolastigen Stücke auf dem vollkommen zu recht mit dem renommierten Mercury Prize ausgezeichneten Debütalbum „At Least For Now“: aus der Zeit gefallen, ebenso modern wie von gestern, schwelgerisch, energisch, klagend, zentnerschwer ausufernd und melancholisch in sich gekehrt. Dazu vorgetragen von einer Stimme, die zu den besondersten seit Antony Hegarty, vielleicht sogar seit Jeff Buckley und Nina Simone (welch‘ Dimensionen!) zählen darf. Man kann, man will dieses Werk gar nicht beschreiben – man sollte es hören! Meine Entdeckung des Jahres.

 

 

love a3.  Love A – Jagd und Hund

Wie schrieb ich doch in meiner Rezension zur Jahresmitte? „Eines steht fest: Frontmann Jörkk Mechenbier und seine drei Bandkumpane von Love A sind angepisst. Aus Gründen.“ Das hat sich freilich auch im Dezember noch nicht geändert, die zwölf runtergekühlten Post-Punk-Stücke des dritten Love-A-Albums haben allerdings nichts von ihrer überhitzt angewiderten Aura verloren. Wer „Adam Angst“ 2015 etwa abgewinnen konnte, der sollte auf „Jagd und Hund“ gern mal ein Ohr riskieren, schlagen die polternden Trierer Punker doch in eine ganz ähnliche Kerbe – vor allem textlich. Die Überdrehtheit der Vorgänger mag „Jagd und Hund“ nicht mit an Bord haben, doch die poppigen Ansätze und neue Introvertiertheit (beides natürlich sehr relativ zu sehen!) stehen Love A ganz ausgezeichnet.

 

 

pusicfer4.  Puscifer – Money Shot

Für Tool-Fans dürfte 2015 eigentlich als ein (weiteres) enttäuschendes Jahr in die Musikgeschichte eingehen, wurde man doch erneut wieder und wieder vertröstet in seinem Warten auf das erste neue Album seit dem 2006er Werk „10,000 Days“ (was umgerechnet gut 27 Jahren entspräche und somit der gefühlten Wartezeit näher und näher kommt). Auch für Freunde von A Perfect Circle sieht es da eigentlich kaum besser aus – trotz der Tatsache, dass vor etwa zwei Jahren mit „Stone And Echo“ ein üppiges Live-Dokument erschien. Eigentlich. Wäre da nicht das dritte, im Oktober erschiene Puscifer-Album „Money Shot“. Denn das Projekt, welches Tool- und A-Perfect-Circle-Stimme und -Fronter Maynard James Keenan vor einigen Jahren zur Auslegung verquerer (elektronischer) Ideen ins Leben gerufen hatte, hat sich über die Jahre zur veritablen Band gemausert. Und hat 2015 erstmals auch albumfüllend großartige Songs auf Lager, die fast ausnahmslos mit den bisherigen Stammbands des passionierten Winzers mithalten können (mit mehr Schlagseite zu A Perfect Circle, freilich). Den Stücken kommt vor allem zugute, dass ihnen die britische Musikerin Carina Round, die erfreulicherweise Jahr für Jahr immer tiefer mit Puscifer verwächst, eine zweite, weibliche Ebene liefert. Für Freunde von Tool und A Perfect Circle ist „Money Shot“ also Segen und Fluch zugleich – zum einen tröstet das Album fulminant über die länger werdende Wartezeit auf neue Songs hinweg, zum anderen wird es für Maynard James Keenan – mit derart feinen Songs im Puscifer-Gepäck – jedoch kaum attraktiver, zu den anderen Bands zurück zu kehren…

 

 

tobias jesso jr.5.  Tobias Jesso Jr. – Goon

Ähnlich wie bei Benjamin Clementine dürfte man beim Lebenslauf von Tobias Jesso Jr. an eine modern-männlich-musikalische Aschenputtel-Variante gedacht haben, die es dem 30-jährigen Eins-Neunzig-Schlacks dieses Jahr sogar ermöglichte, eines seiner (unveröffentlichten) Stücke auf dem Alles-Abräumer-Album „25“ von – jawoll! – Adele zu platzieren (nämlich die Single „When We Were Young„). Dass die Grande Madame des Konsenspop beim Hören von Jesso Jr.s Debüt „Goon“ sein Talent für feine, kleine Popsongs aufgefallen sein dürfte, ist allerdings nur allzu verständlich, denn immerhin ist das Album voll davon. Oder wie ich bereits im März schrieb: „Wer es schafft, bereits das eigene Debüt nach John Lennon, Paul McCartney, Harry Nilsson, Randy Newman, Billy Joel, Elton John, Todd Rundgren, Nick Drake oder Ron Sexsmith klingen zu lassen (und das, obwohl Jesso Jr. laut eigener Aussage einen Großteil dieser Künstler erst während der Arbeit an seinem Album kennen lernte), während man sich darüber hinaus noch eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt, dem gebührt jeder einzelne Applaus“. Genauso sieht’s aus.

 

 

sufjan stevens6.  Sufjan Stevens – Carrie & Lowell

Dass Sufjan Stevens großartige, zu Herzen gehende Singer/Songwriter-Kunst abliefern kann, hat der 40-Jährige in den vergangenen 15 Jahren bereits hinlänglich bewiesen. Nur wollen wollte Stevens in den zehn Jahren, die seit „ILLINOIS“ ins Land gegangenen sind, immer weniger, veröffentlichte stattdessen Verqueres wie „The Age Of Adz“ oder gar Soundtracks über Schnellstraßen-Dokus. Von daher ist die größte Überraschung, dass Sufjan Stevens tatsächlich noch einmal mit einem Werk wie „Carrie & Lowell“ ums Eck kommt. Und dass es ein derartiges Meisterwerk des bittersüßen Songwritings werden würde. Denn das wiederum hat ganz persönliche Gründe: Stevens setzt sich auf „Carrie & Lowell“ mit dem Tod seiner Mutter und seines Stiefvaters auseinander und schreibt herzzerreißende Songs über das Leben, das Sterben und alles, was danach kommen mag. Klingt nach Tränendrückern? Die gibt es zwar („Fourth Of July“), aber das Album als Ganzes stellt dabei keinen musikalischen Trauermarsch dar, vielmehr feiert Sufjan Stevens das Leben als Kreislauf – in ruhigen Tönen, wie es nur er es kann. Toll.

 

 

Ryan Adams7.  Ryan Adams – 1989

Ryan Adams covert Taylor Swift – im Studio, ein ganzes Album, und dann auch noch den Millionenseller „1989„. Was sich lesen mag wie ein – wahlweise – verfrühter oder verspäteter musikalischer Aprilscherz, war keiner. Denn der 41-Jährige mit dem ohnehin breit aufgestellten Musikgeschmack, der bereits in der Vergangenheit hinlänglich bewiesen hat, dass es im Zweifelsfall jedes Genre von Doom Metal bis HipHop (mehr oder weniger ernsthaft) für sich besetzen kann, beweist mit seinen Interpretationen von Radiohits von „Shake It Off“ bis „Bad Blood“ seine Fertigkeiten. Freilich klingen die dreizehn Stücke nun gänzlich nach Ryan Adams, doch auch er kann sich den feinen Melodien der Ausgangskompositionen nicht gänzlich entziehen. Warum auch? Im Plattenladen oder auf Spotify mögen die Fanlager von Swift und Adams ganze Universen trennen. Hier kommt zusammen, was noch vor Monaten unmöglich schien. Da war auf Twitter selbst die Ursprungsinterpretin der Schnappatmung nahe…

 

 

Florence and the Machine8.  Florence and the Machine – How Big, How Blue, How Beautiful

Gerade im Vergleich zum großartigen, fünf Jahre jungen Debüt „Lungs“ war „Ceremonials„, 2011 erschienen, eine kleine Enttäuschung, setzten sich darauf doch deutlich weniger Songs zwischen den Ohrmuscheln fest. „How Big, How Blue, How Beautiful“ nun ist wieder ein durchweg tolles Album, getrieben durch imposante Orchesterinszenierungen und erzählt von der variablen Stimme von Florence Welch. Ein spannendes Werk mit elf Geschichten, die durch ihre Musikvideos noch mitreißender werden und erneut so universelle Themen zwischen Liebe, Wut, Tod und Angst behandeln. Ein Album, das am besten als Ganzes funktioniert und ausgestattet mit einem dramatischen Sog, Songs mit Gefühlen zwischen bunter Leichtigkeit („Queen Of Peace“) und erdrückendem Drama – alle mit einer immensen Wucht, und sogar mit Saxofon! Kaum verwunderlich, aber umso erfreulicher, dass der Britin und ihrer Band damit ihre erste US-Nummer-eins gelungen ist. Florence and the Machine sind 2015 ganz oben, da wo sie hingehören.

 

 

frank turner9.  Frank Turner – Positive Songs For Negative People

Frank Turner ist einer von den Guten. Plattitüde? Logisch. Aber besser kann und will man’s gar nicht ausdrücken. Und wenn der britische Punkrocker by heart dann noch mit so guten Songs wie denen seines sechsten Solowerks „Positive Songs For Negative People“ aus dem Studio kommt, dann kann der kommende schweißnasse Festivalsommer kein ganz Schlechter werden. Und wer beim abschließenden „Song For Josh“ nicht mindestens einen Sturzbach Tränen verdrücken muss, der ist aus Stein. Oder hört Techno. Beides wäre schade um ein Paar Ohren…

 

 

noah gundersen10. Noah Gundersen – Carry The Ghost

Top 3 im Vorjahr, Top 10 in diesem – kein ganz schlechtes Ergebnis für einen 26-Jährigen, für den sich außerhalb der heimatlichen USA kaum ein Schwein (geschweige denn Hörer) zu interessieren scheint. Was schade ist, denn Noah Gundersens Songs sind nicht erst seit dem fulminanten 2014er Debüt „Ledges“ eine Wucht, die mich gar zu Vergleichen mit Damien Rice, Ryan Adams oder dem Dylan-Bob hinrissen. Und dem steht „Carry The Ghost“ (fast) in nichts nach. Freilich merkt man dem zweiten Werk des Musikers aus Seattle (!) an, dass das Leichte des Erstlings einer schweren Reife Platz machen musste, doch ist es gerade dieses Geschlossene, in welches man sich mit jedem Hördurchgang immer tiefer hinein gräbt, das „Carry The Ghost“ erneut so ergreifend macht. Freunde von Ryan Adams‘ „Love Is Hell“ sollten reinhören, wer tolle Songs für ruhige Momente sucht, natürlich auch.

 

 

…und auf den weiteren Plätzen:

Foxing – Dealer

Desaparecidos – Payola

Roger Waters – The Wall (LIVE)

Kante – In der Zuckerfabrik: Theatermusik

William Fitzsimmons – Pittsburgh

 

Rock and Roll.

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