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Song des Tages: Soundgarden – „4th Of July“


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Foto: Paul Bergen/Redferns/Getty

Natürlich gäbe es deutlich subtilere Kandidaten für einen „Song des Tages“ am heutigen 4. Juli. Aber keinen besseren.

Und nicht nur heute wird offensichtlich, welch‘ große Stimme am 18. Mai verstummt ist. Damn, Chris Cornell. Ich vermisse dich, verdammt. Danke fürs Singen. Danke für Soundgarden. Danke für deine Songs. ♥

Heard it in the wind / And I saw it in the sky / And I thought it was the end / And I thought it was the fourth of July…“

 

(die Studioversion gibt’s hier zu hören…)

 

„Shower in the dark day
Clean sparks diving down
Cool in the waterway
Where the baptized drown
Naked in the cold sun
Breathing life like fire
Thought I was the only one
But that was just a lie

‚Cause I heard it in the wind
And I saw it in the sky
And I thought it was the end
And I thought it was the fourth of July

Pale in the flare light
The scared light cracks and disappears
And leads the scorched ones here
And everywhere no one cares
The fire is spreading
And no one wants to speak about it
Down in the hole
Jesus tries to crack a smile
Beneath another shovel load

‚Cause I heard it in the wind
And I saw it in the sky
And I thought it was the end
And I thought it was the fourth of July

Heard it in the wind
And I saw it in the sky
And I thought it was the end
And I thought it was the fourth of July
Fourth of July, July

Now I’m in control
Now I’m in the fall out
Once asleep but now I stand
And I still remember your sweet everything
Light a roman candle
And hold it in your hand

Heard it in the wind
And I saw it in the sky
And I thought it was the end
And I thought it was the fourth of July

Heard it in the wind
And I saw it in the sky
And I thought it was the end
And I thought it was the fourth of July, yeah…“

 

Rock and Roll.

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Meine Essenz der Jugend – Chris Cornell ist tot.


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„On a cob web afternoon,
In a room full of emptiness
By a freeway I confess
I was lost in the pages of a book full of death;
Reading how we’ll die alone.
And if we’re good we’ll lay to rest,
Anywhere we want to go.

In your house I long to be;
Room by room, patiently,
I’ll wait for you there, like a stone.
I’ll wait for you there, alone.

And on my deathbed I will pray to the gods and the angels,
Like a pagan to anyone who will take me to heaven;
To a place I recall, I was there so long ago.
The sky was bruised, the wine was bled, and there you led me on.

In your house I long to be;
Room by room, patiently,
I’ll wait for you there, like a stone.
I’ll wait for you there, alone, alone…

And on I read until the day was gone;
And I sat in regret of all the things I’ve done;
For all that I’ve blessed, and all that I’ve wronged.
In dreams until my death I will wander on.

In your house I long to be;
Room by room, patiently,
I’ll wait for you there, like a stone.
I’ll wait for you there, alone, alone…“

 

 

Scheiße. Das wird jetzt wirklich schwierig….  Nein, da kann ich schon einmal vorwarnen: Dies wird keiner dieser „Nun-isser-gestorben-also-schreibe-ich-ein-paar-Zeilen“-Nachrufe. Warum? Mit Chris Cornell ist ein Teil meiner Jugend, meiner musikalischen Essenz verstorben. Denn obwohl Pearl Jam wohl auf immer und ewig meine liebste aller Lieblingsherzbands bleiben werden, hätte ich Eddie Vedder und Co. ohne Soundgarden wohl nie entdeckt…

Im Prinzip hat mich der „Grunge“ erst postum erschlagen, so etwa um 1997 herum. Im zarten Alter von 14 Jahren – und somit in der Blüte meiner Teenager-Jahre – fand „A-Sides“, anno dazumal die erste „Best Of“ von Cornells On/Off-Hauptband Soundgarden, den Weg in meine damals noch recht überschaubare Plattensammlung. Hatte ich mir die während einer Klassenfahrt besorgt? Vielleicht überteuert im lokalen Plattenladen? Gar via Mailorder? Fast zwanzig Lenze später habe ich keine Ahnung mehr… Aber da war sie. Und Songs wie „Jesus Christ Pose„, „Rusty Cage„, „Fell On Black Days“ oder der unvermeidliche Instant-Grunge-Hit „Black Hole Sun“ machten mich mit ihrer berauschenden, unzurechnungsfähig-wütenden Art, die Hardrock mit Metal, ein wenig Jazz-Feeling und noch mehr Gespür für Neues wie Eingängiges vermengte, neugierig, was es denn – über Soundgarden und ihre Alben, die ich nach und nach für mich vereinnahmte, hinaus – in dieser „Grunge-Szene“ noch zu entdecken gäbe. Freilich, deren Gallionsfigur, Kurt Cobain, war da schon längst tot und die Szene zugunsten von Nu-Metal-Vollhonks wie Fred Durst vermeintlich angeschrieben. Störte mich nicht weiter. Ich entdeckte Alice In Chains. Und Nirvana. Und die Smashing Pumpkins. Die Stone Temple Pilots. Später auch die Screaming Trees (mit dem unnachahmlichen Mark Lanegan) oder Mother Love Bone. Und: natürlich Temple Of The Dog und Pearl Jam. Der Rest war pure, tiefe, echte Liebe. Bis heute. Für immer.

Dass ich auch Chris Cornell immer treu blieb, war für mich (r)eine Selbstverständlichkeit. Was will man auch machen? Der Mann, 1964 in Seattle geboren, war mit einer Jahrhundertstimme gesegnet, der, in ihrer energischen, durch Mark und Bein dringenden Art, wohl nur Led-Zeppelin-Frontmann Robert Plant das Wasser reichen konnte und wohl auch abseits der Konzertbühnen so manches (Frauen)Herz schwach werden ließ (Stichwort: „Orgasmusgarantie“). Das nach dem zwischenzeitlichen Soundgarden-Split im Jahre 1997 veröffentlichte erste Soloalbum Cornells, „Euphoria Morning“ (von 1999), zählt noch immer zu meinen liebsten Alben (man höre nur „Can’t Change Me„!), und auch der Zusammenschluss mit der dreiköpfigen instrumentalen Seite von Rage Against The Machine zu Audioslave war – zumindest für das 2002 erschienene Debüt – eine bahnbrechend großartige Sache. Dass auch in Chris Cornells umtriebiger Bio- und Diskografie nicht bei allem und jedem Ton goldene Hände vor wie an den Reglern saßen? Geschenkt. Genauso wie die frühen Alben von Soundgarden (also alles vor dem 1991er Werk „Badmotorfinger“), die nachfolgenden Audioslave-Alben ab dem zweiten („Out Of Exile“) oder gerade Cornells – mancher mag’s „waghalsig“, mancher „idiotisch“ nennen – Versuch, mit Produzent Timbaland und dem 2009 veröffentlichten Solowerk „Scream“ so etwas wie den blutigen Bastard aus einer Grunge-Leiche und üblem R’n’B zu erschaffen. Dafür brachte der Mann mit „You Know My Name“ den wohl besten „James Bond“-Titelsong der jüngsten Vergangenheit zustande (2007 zu „Casino Royale“). Und hatte nach der Soundgarden-Reunion, die 2012 in „King Animal“ und dem ersten gemeinsamen Album mit Gitarrist Kim Thayil, Bassist Ben Shepherd und Schlagzeuger Matt Cameron (der seit 1998 auch das Schlagwerk bei Pearl Jam bedient) seit 15 Jahren mündete. Dass auch das zwar gut anzuhören war, allerdings auch die Zeit nicht in die juvenil-wütenden Neunziger zurück drehen konnte, war logisch. Aber: Soundgarden waren zurück, Chris Cornell hatte an deren Mikro wieder (s)einen Platz. Bis gestern…

Nicht nur ich frage mich: Wie kann dieser Mann tot sein, der wenige Stunden zuvor, im „Fox Theater“ in Detroit, noch ein Konzert gegeben und seine Fans begeistert hatte? Wieso fühlt es sich so falsch an, als heute morgen (mitteleuropäischer Zeit) Meldungen mit der Schlagzeile „Chris Cornell ist tot.“ die Runde via Facebook und Co. machten? Eine Falschmeldung? Muss es doch sein, schließlich hatten findige Fake-News-Arschgeigen schon so ziemlich jeden zweiten Musik-Prominenten, von Avril Lavigne bis hin zu Ozzy Osbourne, bereits fälschlicherweise für mausetot erklärt! Nun, diesmal sieht die Sache anders aus. Leider. „Demnach habe ein Freund der Familie, der auf Bitten von Cornells Frau nach ihm habe sehen sollen, den Musiker leblos auf dem Badezimmerboden seines Hotelzimmers gefunden. Sanitäter hätten versucht ihn wiederzubeleben, er sei aber noch an Ort und Stelle für tot erklärt worden.“ Noch gravierender: nach ersten Medienberichten aus Kreisen der Polizei habe Chris Cornell Selbstmord gegangen. „Cornell hatte in seinem Leben mit Depressionen sowie Drogen- und Alkoholproblemen zu kämpfen gehabt, galt aber schon länger als clean.“, wie die VISIONS schreibt. Sieht man einmal vom Klischee der sensiblen Künstlerseele ab, so beweist all das – Kenntnisstand jetzt – doch nur, dass man wohl keinem hinter die Fassade schauen kann und wohl auch der „härteste Rocker“ mit passabler aktueller Karriere (Chris Cornells letzte Solo-Single „The Promise“ erschien erst im März, Soundgarden wollten baldigst mit den Arbeiten an einem neuen Album beginnen) schwarze Tage hat. Fell on black days…

Auch am Abend dieses so traurigen Tages ringe ich noch um Worte, ringe ich um Fassung. Das hat weniger mit (m)einem ab und an durchaus vorhandenen Hang zur Melodramatik zu tun, sondern vielmehr, dass Chris Cornell von einem auf den nächsten Moment auf die andere Seite verschwunden ist. Mit 52 Jahren… Mein Vater ist 57 Jahre jung. All das macht mir Angst, lässt mich die Vergänglichkeit spüren, der wir alle unterlegen sind. Das helfen auch keine neunmalklugen Erkenntnisse á la „Der Tod gehört zum Leben.“. Auch wenn viele Worte herzlich wenig Sinn ergeben und nur einen Bruchteil von der gefühlten Sprachlosigkeit vermitteln, die sich immer noch in meiner Brust staut: Chris Cornell wird vermisst werden, seine Musik nicht nur mir auf ewig die Welt, durch die sie mich bereits seit zwanzig Jahren trägt, bedeuten. Seine letzten Worte, die er nur Stunden vor seinem Tod auf Instagram postete: „I’m the shape of the hole in your heart“ (aus dem Soundgarden-Song „By Crooked Steps„) – wie passend, wie wahr, wie düster vorahnend. Verdammt.

Danke, Chris – für alles. Mach’s gut.

 

 

(Drei Beispiele für den wohl unweigerlichen Ansturm an Worten im weltweiten Netz: Nachrufe von den Kollegen des deutschen „Rolling Stone„, einer der „ZEIT“ und eine sehr persönlicher auf „Spiegel Online„…)

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Pearl Jam – „Alive“


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Im Laufe des Lebens wechselt man unweigerlich so viele Sachen: Jobs, Autos, Schuhe, bestimmte Vorlieben und Gewohnheiten, Lebensabschnittspartner, Unterhosen… Doch zwei Dinge – so sehe zumindest ich das – bleiben. Und dann fürs Leben: der Lieblingsverein und die Band des Herzens.

Und beinahe so lang wie an die Schwarz-gelben mit dem schönsten Stadion der Welt, der größten Stehtribüne der Welt, die während der Bundesligasaison eine ansonsten nicht besonders schöne Stadt im Ruhrpott in ein Tollhaus verwandelt, habe ich mein Hörerherz an eine Band aus Seattle verloren. Freilich, ich habe noch tonnenweise andere Lieblingsbands, -künstler und -künstlerinnen, bei deren Musik meine Synapsen höher und höher schlagen (und die hier aufzuzählen einer Sisyphusarbeit gleichkommen würde), doch keine bewegt mich, begleitet mich seit nahezu zwanzig Jahren wie Pearl Jam. Mein erstes Album war anno 1998 „Yield“, für teure Taschengeldmark gekauft in einem lokalen Kleinstadtplattenladen, kurz nachdem ich – Teenager, auf der Suche nach Werten und Bedeutungen (Sie kennen das sicher) – einen Song namens „Do The Evolution“ höchst offiziell für „cool“ befunden hatte (dazu stehe ich natürlich auch noch heute, mit Dreißig plus).

Und natürlich trage ich für den regelmäßigen Leser gerade die Eulen nach Athen, habe ich doch sowohl die Band als auch den Frontmann über die Jahre auf diesem bescheidenen Blog schon oft hervorgehoben – wegen der Musik, wegen der Menschlichkeit, wegen der Persönlichkeit(en). Lassen wir das also. Meine „heiligen Kühe“ heißen Pearl Jam und Eddie Vedder. Isso.

Und es ist auch nach all den Jahren noch immer schwierig zu beschreiben, was Songs wie „Rearviewmirror“, „Black“, „Indifference“, „Jeremy“, „Smile“, „Yellow Ledbetter“, „Given To Fly“, „State Of Love And Trust“ (um nur mal einige Wenige zu nennen, welche mir gerade in den Sinn kommen) oder eben „Alive“, anno 1991 auf dem Debütalbum „Ten“ erschienen, in mir auslösen. All das sind Stücke, die mich durch viele nicht immer einfache Zeiten hindurch begleitet haben, die mich gleichzeitig runterziehen und wieder aufbauen, die mich aufwühlen und wieder zur Ruhe bringen, die mir einen Schub zurück in die Vergangenheit geben und mich im Nu wieder ins Hier und Jetzt ziehen. So viele Erinnerungen… Gänsehaut. Ich kann – die mich kennen, wissen das nur zu gut – stundenlang über Musik reden. Doch nur tagelang über Pearl Jam. Echte Liebe. Jahrhundertband. Für mich. Fürs Leben. Das können eine Million Worte nicht beschreiben, das muss man hören. Oh I, oh, I’m still alive…

 

 

„Son, she said
Have I got a little story for you
What you thought was your daddy
Was nothin‘ but a fool

While you were sittin‘
Home alone at age thirteen
Your real daddy was dyin‘
Sorry you didn’t see him
But I’m glad we talked…

Oh I, oh, I’m still alive
Hey, hey, I, oh, I’m still alive
Hey I, oh, I’m still alive

Oh she walks slowly
Across a young man’s room
She said ‚I’m ready, for you‘
I can’t remember anything
To this very day
‚Cept the look, yeah the look
Oh, you know where
Now I can’t see, I just stare
I, I, I’m still alive
Yeah, yeah I, oh, I’m still alive
Yeah, yeah I, oh, I’m still alive
Yeah, yeah I, oh, I’m still alive

‚Is something wrong?‘
She said
Of course there is
‚You’re still alive‘
She said
Oh do I deserve to be?
And is that the question?
Oh, and if so, if so…
Who answers?
Who answers?

I, I, I’m still alive
Yeah, yeah I, oh, I’m still alive
I’m still alive

Yeah, yeah, yeah, yeah…“

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Pearl Jam – Lightning Bolt (2013)

Pearl Jam - Lightning Bolt (Cover)erschienen bei Monkeywrench/Universal-

Pearl Jam. Allein schon die bloße Nennung des Namens ruft beim kundigen Rockpublikum eine Reaktion hervor. Die einen huldigen seit Jahren jeder Note und jedem Karriereschritt des Quintetts aus der US-amerikanischen Amazon-und-Starbucks-Stadt Seattle, die anderen stehen den von Frontmann Eddie Vedder stets mit allerhand heiligem Ernst und nah am rockistischen Pathos kratzenden Songs mit Verachtung oder stoischer Nichtbeachtung gegenüber…

Zum Glück für die Band überwiegt bereits seit den Anfangstagen – 23 Jahre ist das nun schon her?!? Kinder, wo ist die Zeit geblieben? – die erstere Gruppe. Und Eddie Vedder (Gesang und Gitarre), Mike McCready (Gitarre), Stone Gossard (Gitarre), Jeff Ament (Bass) und Matt Cameron (seit 1996 hinterm Schlagzeug) können mit Fug und Recht von sich behaupten, eine der treuesten Fangemeinden hinter sich – beziehungsweise bei Konzerten: vor sich – zu haben. So hat schon mancher Hardcore-Fan ganze Kontinente oder die halbe Welt mit seiner ewigen Lieblingsband bereist, zwei- oder dreistellige Konzertzahlen vorzuweisen – und umso mehr Anekdoten auf Lager. Und all die Zuneigung kommt auch kaum von ungefähr: Kein Pearl Jam-Konzert gleicht dem anderen, die Band variiert stets ihre Setlists und ist während der dreistündigen Shows (diese Länge ist eher die Regel denn die Ausnahme) offen für spontane Aktionen. Und: Kaum eine andere Band verkörpert Werte wie Loyalität, Integrität und Aufrichtigkeit seit all den Jahren in auch nur ansatzweise gleichem Maße wie die deshalb oft als „Authentizitätsrocker“ titulierten Endvierziger. Wer mag, findet in der Bandbiografie allerlei Belege (Stichworte: Ticketmaster, Kurt Cobain, Roskilde-Unglück, Vote For Change). Dass sich Pearl Jam über all die Jahre dabei stets die Wut im Bauch und das Herz auf der Zunge bewahrten, dass sie sich – politisch wie persönlich – dabei nie und von keiner noch so unumstößlich wirkenden Instanz verbiegen ließen, dass ihnen ihr soziales Engagement stets eine ernsthaft betriebene Herzensangelegenheit war und ist, dass sie bei aller scheinbaren Zornesröte auch immer ein Lächeln und Zwinkern durchblitzen ließen – all das kann Eddie Vedder & Co. kaum höher angerechnet werden. Pearl Jam, die letzten Großen der längst toten Grunge-Szene (im Übrigen ein Begriff, der schon in den Neunzigern zu klein für den klanglichen Bandkosmos erschien), sind noch immer da.

Pearl Jam #1

Natürlich bewegten sich Pearl Jam qualitativ stets auf ebenso hoch gelegenem wie dünnem Eis. Bereits das Debütalbum „Ten“ wird 1991 im Fahrwasser von Nirvanas „Nevermind“ zum internationalen Kassenschlager, die Band findet sich, gemeinsam mit befreundeten Gruppen wie Soundgarden oder Alice In Chains, unvermittelt im Licht der breiten Musiköffentlichkeit wieder, während MTV ihre – auch aus heutiger Sicht – recht kontroversen Musikvideos zu „Alive“ oder „Jeremy“ auf Heavy Rotation spielt. Die damals von der Inhaltsleere des Achtziger-Jahre-Classic Rocks und Hair Metals (ich sage nur: Guns N’Roses!) gelangweilte Jugend hievt zerrissene Jeans, derbe Boots und Holzfällerhemden auf die Laufstege von New York bis Mailand – und dann beschließt Nirvana-Frontmann Kurt Cobain 1994, mithilfe einer Überdosis und Schrotflinte, einen Schlussstrich unter sein Leben zu setzen und dem Namen seiner Band eine unheilvolle Bedeutung zukommen zu lassen. Die Musikwelt ist geschockt. Und Pearl Jam? Statt die letzten Lebenssäfte aus den Eiern der im Sterben liegenden Grunge-Wollmilchsau zu pressen, tritt die Band konsequent hinter ihre Musik – keine Musikvideos, keine Promotion, kaum ein Interview geben Eddie Vedder und seine Mannen für lange Zeit in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre. Let the music do the talking. Und anstatt sich – wie so viele andere der befreundeten Bands (Soundgarden, Alice In Chains, Screaming Trees) – in der Auflösung oder Inhaltsleere des auf Einheitshurrakurs getrimmten US-Formatradios zu verlieren, werden Pearl Jam nur noch ausdrücklicher: ihr Publikum sei es ihnen wert, gegen die überzogenen Ticketpreise des nahezu monopolistisch agierenden Konzertveranstalters Ticketmaster vorzugehen (man zog gar vor Gericht), kein Mensch sollte von Politikern befürwortet werden oder gar in sinnlosen Kriegen sterben (die Band engagiert sich seit jeher in US-Wahlkämpfen für liberale Interessen sowie für Politiker wie den Grünen Ralph Nader oder den Demokraten Barack Obama). All das trug und trägt die Band, ungeachtet aller Konsequenzen, seit jeher frei zur Schau. Ihre acht seit „Ten“ veröffentlichten Alben waren daher – natürlich nebst persönlichen Gedanken – auch immer ein Spiegel der Lage in den USA sowie der Welt. War „Vs.“ (1993) noch die grandios um sich beißende Reaktion auf die plötzliche Erfolgsvereinnahmung, so drifteten schon „Vitalogy“ (1994), „No Code“ (1996), „Yield“ (1998) und „Binaural“ (2000) in experimentellere Gefilde ab, freilich mit Allzeit-Klassikern wie „Better Man“, „Off He Goes“, „Given To Fly“, „Do The Evolution“ oder „Nothing As It Seems“ an Bord. Pearl Jam hatten noch immer etwas zu sagen, nur brachten sie ihre Standpunkte eben nicht mit dem oberlehrerhaften Vorschlaghammer unter das ihnen die Stange haltende Hörervolk. Erst Anfang des neuen Jahrtausends gab die Band ihre mediale Verweigerungshaltung Schritt für Schritt auf, freilich ohne handzahm von ihren Vorsätzen abzurücken. Alben wie „Riot Act“ (2002) oder „Pearl Jam“ (2006) mochten zwar beim flüchtigen Nebenbeihören rockistischer und flüssiger wirken als manch anderes Werk der Banddiskografie, unter der Oberfläche experimentierte die Band jedoch weiter. Erst das bisher letzte, 2009 erschienene Album „Backspacer“ konnte sowohl Kritiker als auch Fans wieder einhellig von sich überzeugen: „So tolle Songs sind Eddie Vedder & Co. schon lange nicht mehr aus Herz und Hirn gefluppt, und in dieser Form schlägt man den Großteil der Pseudo-Alterna-Rock-Superstars der letzten Dekade um Längen.“ (Rock Hard) von einer Band, die „zurück zu den Basics“ (Allmusic) gehe. Und wieder zeigten Pearl Jam, wieso man nach über zwanzig Jahren noch immer gemeinsame Sache machte. Nach der Promotion von „Pearl Jam Twenty„, dem ersten abendfüllenden Film über die bewegte Bandhistorie, für die sich kein Geringerer als Musikfan und Regisseur Cameron Crowe (u.a. „Almost Famous“, „Vanilla Sky“, „Elizabethtown“) durch über 700 Stunden Filmmaterial kämpfte, und einer wie immer ausgedehnten Welttournee widmeten sich die Bandmitglieder ihren Familien und eigenen Projekten: Frontmann und Hobbysurfer Eddie Vedder, der sich schon 2007 mit dem Soundtrack zum Sean Penn-Film „Into The Wild“ auf recht erfolgreiche Solopfade begeben hatte, huldigte auf „Ukulele Songs“ (2011) seinem erklärten Lieblingsinstrument, die Gitarristen zogen bei ihren Zweitbands Brad (Stone Gossard) beziehungsweise Walking Papers (Mike McCready) andere Saiten auf, während Bassist Jeff Ament gleich bei zwei Gruppen (Tres Mts. und RNDM) die tiefen Töne erklingen ließ und Schlagzeuger Matt Cameron sich – aus alter Liebe zu seiner wiedervereinigten ersten Band – wieder bei Soundgarden hinter die Trommelfelle setzte. Album Nummer zehn? Konnte gut und gern warten…

© Bild: Universal

© Bild: Universal

Doch wer erwartete, dass Pearl Jam auf lange gemeinsame Sicht untätig bleiben würden, der kannte die Band schlecht. Immerhin war man nach einigen Shows 2012 noch bestens aufeinander eingespielt (eher: besser denn je), immerhin gab es durch die enttäuschenden Amtsjahre der (nur auf dem Papier) demokratischen Obama-Regierung (für deren Erfolg sich Pearl Jam ja im Vorfeld eingesetzt hatten) per se genug Stoff für den ein oder anderen neuen Song… Und siehe da: „Lightning Bolt“ machte seinem Namen alle Ehre, Album Nummer zehn war ohne größere Schwierigkeiten ruckzuck im Kasten.

Doch auch im dreiundzwanzigsten Jahr ihrer Bandhistorie müssen sich Pearl Jam – zumindest ihren Kritikern gegenüber – beweisen. Was kann „Lightning Bolt„? Können die „Grunge-Dinos“ an das nicht eben niedrige Niveau früherer Großtaten wie das wütende „Vs.“, das großartig abseitige „No Code“ oder – jüngst – das stringente, vier Jahre zurückliegende „Backspacer“ anknüpfen? Oder wird die Band zum Ende ihrer Vierziger etwa altersmüde? Nun, zumindest das derb drauf los polternde Dreigespann zum Anfang von „Lightning Bolt“ sollte letzteren Fakt in jedem Falle ad absurdum führen. Im bissigen Groover „Getaway“ bekundet Eddie Vedder so gar nicht handzahm seinen inneren Frieden mit religiösem Fanatismus und der manchmal widerwertigen Außenwelt („Mine is mine and yours won’t take its place / Now make your getaway“), während die bereits vorab ins Rennen geschickte Punkbastardsabfahrt „Mind Your Manners“ nicht lang‘ um den heißen Rockbrei herum tänzelt (und so quasi einen Wiederkehrer des „Yield“-Stückes „Brain Of J“ darstellt) und „My Father’s Son“ zu drängendem Refrain, prägnanten Basslinien und keifenden Vocals eines von Vedders Leibthemen anschneidet: die schwierige Beziehung von Vater und Sohn (er selbst lernte seinen leiblichen Vater nie kennen). Dass das darauf folgende „Sirens“ keinesfalls Vergleichen mit weingleichen Evergreens wie der Gänsehaut-Hymne „Black“ standhalten kann, dürfte als gesichert gelten. Trotzdem ist die Herzblutballade, welche es auf fünfeinhalb Minuten Länge schafft, kontinuierlich zu wachsen, und Mike McCready im Mittelteil gar Platz für ein kurzes Gitarrensolo lässt, wohl der offensichtliche Hit des Albums (insofern es den benötigt). Nach dem leider etwas mäßigen Titelstück, von dessen Midtempo-Rockismen Pearl Jam einfach schon ausreichend Gleichwertiges im üppigen Backkatalog haben, und „Infallible“, das zu Stakkatobassbummern unverblümt Stellung zur Selbstsicht der USA als paranoide Nation mit Alleinstellungsmerkmalen bezieht, beginnen dann zum ersten Mal die Experimente. So ist „Pendulum“ ein seltsam symbiotischer Bass-Schlagzeug-Schleicher, dessen atmosphärisch schwerfälligem Groove man sich lange Zeit nicht entziehen kann („Easy come and easy go / Easy left me a long time ago“). Danach geht’s wieder nach vorn: „Swallowed Whole“ ist diese Art von akustikgitarrengetragener Weltumarmungshymne, für die Pearl Jam seit Jahren ein Patent zu besitzen scheinen, „Let The Record Play“ ein flotter Bluesrock-Stampfer, der auch auf einem Back Keys-Album nicht eben unangenehm aufgefallen wäre, und „Sleeping By Myself“ zeigt zu süßlichen Country-Anklängen und zärtlich umher tanzender Ukulelen-Bridge auf, wie sich das Vedder’sche Soloalbum („Ukulele Songs“) im Bandkontext gemacht hätte. „Yellow Moon“ und „Future Days“ beschließen darauf als Doppel das Album, wobei ersteres ein bandgewordenes Wiegenlied mit ordentlicher Rock-Klimax und zweiteres eine zu Herzen gehende von Streichern getragene Liebeserklärung Vedders an seine Frau, das ehemalige Model Jill McCormick, darstellt („I believe / And I believe ‚cause I can see / Our future days / Days of you and me“). Nach vier Minuten bleibt einzig ein einsames Klavier zurück, das „Lightning Bolt“ beendet…

Pearl Jam #3

Wie also ist „Lightning Bolt“ im Pearl Jam’schen Kontext zu bewerten? Nun, zuallererst fällt bei den zwölf Stücken – in nahezu klassischer Albumlänge von knapp 50 Minuten -, denen Haus-und-Hof-Produzent Brendan O’Brien (u.a. auch Aerosmith, Rage Against The Machine, Bruce Springsteen) erneut ein wahnsinnig austariertes Klangbild verpasste, auf, das kaum ein Song auf- oder abfällt. Album Nummer zehn ist weder der derb aufspielende Rundumbiss der Marke „Vs.“ noch das sich allen Erwartungen verweigernde Experiment á la „No Code“. Eher dürfte vielen am neuen Album aufstoßen, dass Pearl Jam in Würde altern. Denn natürlich ist es vermessen zu glauben, dass Eddie Vedder & Co. nach über zwanzig Jahren im Musikgeschäft noch immer die weltfremd Radau schlagenden Berufsjugendlichen geben (dafür sind – leider? – noch immer seltsam untote On/Off-Bands wie Korn oder Limp Bizkit zuständig). Stattdessen besinnen sich Pearl Jam auf „Lightning Bolt“ auf ihre eigenen Stärken, setzten auf die Integritätskarte und lassen ebenso Persönliches wie explizit Politisches mit einfließen. Experimente gibt es auch im 23. Bandjahr – nur eben etwas unterschwelliger, dafür mit vielen spannenden und intensiven Ansätzen, die sich dem Hörer jedoch erst nach und nach erschließen. Denn, wie bei allen Vorgängeralben auch, wird letztlich die Zeit zeigen, wie gut „Lightning Bolt“, dem als Aus-einem-Guss-Album letztlich wohl nur die ganz großen Songs abgehen, altert. Ganz klar: Pearl Jam polarisieren, noch immer – hopp oder top, dazwischen gibt es für Eddie Vedder, Mike McCready, Stone Gossard, Jeff Ament und Matt Cameron wenig. Das Wichtigste jedoch: Pearl Jam sind da – und das zählt mehr als alles Andere…

Pearl Jam - Lightning Bolt tracklist

 

 

Hier gibt’s noch einmal den knapp neunminütigen Kurzfilm zum aktuellen Album „Lightning Bolt“…

 

…sowie die Musikvideos zu „Mind Your Manners“…

 

…und „Sirens“:

 

Rock and Roll.

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Heroen auf Segways – Neues Soundgarden-Video zu „By Crooked Steps“


Szene aus "By Crooked Steps"

Noch vor Pearl Jam oder Nirvana waren Soundgarden in den Neunzigern die erste Grunge-Band von der ich wahrlich besessen war (dass sie vor Jahren für Erstgenannte den Thron räumen mussten, spricht eher für Pearl Jam als gegen Soundgarden). Klar, das 1994er Erfolgsalbum „Superunknown„, dessen Überhit „Black Hole Sun“ die ‚Generation Internet‘ heutzutage unter Garantie als nostalgischen Oldie abtun würde, steht bei mir ebenso im Plattenregal wie das 1997 – ein Jahr vor der Trennung – erschienene „Down On The Upside“ (mein persönlicher Favorit!). Natürlich war ich nicht der Einzige, der der 2010 vermeldeten Wiedervereinigung mit gemischten Gefühlen entgegen sah – schließlich hatte Frontmann Chris Cornell unlängst davor gemeinsam mit Produzent Timbaland (!) den verdammt grässlichen Popbeatsalbumkotzbrocken „Scream“ (sic!) verbrochen und seine Statue somit ein ganzes Stückweit vom Rocksockel in Richtung Peinlichkeitsabgrund geschoben. Schließlich hatten alle anderen Bandmitglieder – Schlagzeuger Matt Cameron, der sich 1998 Pearl Jam anschloss, einmal ausgenommen – in all den Jahren nichts von sich hören lassen, Bassist Ben Shepherd soll gar obdachlos gewesen sein. Und trotzdem war und ist Soundgarden mit dem im vergangenen November erschienenen „King Animal“ – Album Nummer sechs, nach 16 (!) Jahren Pause –  ein Comeback nach Maß geglückt. Kim Thayils stets leicht dissonante Riffs wälzen sich wieder über die Spuren, die von Ben Shepherd und Matt Cameron erzeugten Rhythmen kommen punktgenau und Chris Cornell liefert gar einige der besten Gesangsleistungen seiner Karriere ab.

Soundgarden

Dass die „alten, grauen Herren vom Grunge-Club“ sich jedoch gar nicht mehr so wichtig nehmen wie früher, zeigt ihr neues Video zu „By Crooked Steps“: auf Segways  rollen sie in Lederkluft durch die Nacht, halten an einem Nachtclub, stoßen mit deadMau5 immerhin einen der derzeit angesagtesten DJs vom Podest und übernehmen selbst die Regie an Mikro und Verstärkern, bevor sie sich erneut auf ihren nicht eben rock-and-roll’igen Vehikeln verdünnisieren wollen… Das Management der Band fand jedoch das Endprodukt, für welches sich hinter der Kamera kein Geringerer als Neuregisseur und Tausendsassa Dave Grohl, der auf ANEWFRIEND ja kürzlich Erwähnung fand, verantwortlich zeichnete, weitaus weniger lustig und versuchte kurz nach der Veröffentlichung bereits, die bewegten Bilder zu „By Crooked Steps“ wieder vom digitalen Äther zu bekommen… Meine Damen und Herren, herzlich willkommen im 21. Jahrhundert! Das Internet vergisst nichts.

 

Hier kann man sich das Video zu „By Crooked Steps“…

 

…und eine „Live On Letterman“ dargebotene Liveversion des Songs anschauen:

 

Für alle Kiddies zum Nachholen, für alle langsam ergrauenden ehemaligen „Mattenträger“ zum Schwelgen in Jugendnostalgie: das Video zu „Black Hole Sun“…

 

Rock and Roll.

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