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Song des Tages: Nicole Atkins feat. Mark Lanegan – „November Rain“


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Die Schöne und das Biest, reloaded: Nicole Atkins und Mark Lanegan haben „November Rain“ von Guns N‘ Roses gecovert. Mehr sogar: Die US-Singer/Songwriterin und der ehemalige Screaming Trees-Frontmann mit der unverwechselbar tiefen Crooner-Stimme machen aus dem pompösen Rock-Evergreen, welcher anno 1991 auf dem (bis heute weltweit 18 Millionen Mal verkauften) G’N’R-Erfolgsalbum „Use Your Illusion I“ erschien, ein zurückhaltendes, stilecht von Lap Steel und Akustikgitarren angetriebenes Country-Duett.

Die Idee dazu kam Atkins im Traum: „Einmal träumte ich, dass ich den Guns-N‘-Roses-Song ‚November Rain‘ in einem alten Turm als 60er-Jahre-Country-Duett singe, und es klang großartig. Nachdem ich aufwachte, sang ich es direkt in mein Telefon.“ Nach kurzer Überlegung habe ihr Duett-Partner festgestanden: „Ich wusste erst nicht, wer es mit mir singen sollte und dann fragte ich mich: ‚Wer ist der beste Liebessänger?‘ Für mich ist das Mark Lanegan.“ Auch Lanegan für seinen Teil zeigte sich von der Zusammenarbeit begeistert: „Diesen Song aufzunehmen war toll. Er kombiniert zwei meiner liebsten Dinge: Nicoles wunderschöne Stimme und Guns N‘ Roses.“

Scheint fast so, als habe Mark Lanegan, der zwischen 2006 und 2010 drei stilistisch nicht ganz unähnliche Alben mit der schottischen Indiepop-Sirene Isobel Campbell aufnahm, nun eine neue potentielle Langzeit-Duett-Partnerin gefunden…

 

(Gibt’s wahlweise auch via YouTube im Stream…)

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Queens Of The Stone Age – …Like Clockwork (2013)

QOTSA - _Like Clockwork (Cover)-erschienen bei Matador/Beggars/Indigo-

Eines steht fest: Josh Homme ist ein schlaues Kerlchen. Da streut diese 40-jährige, seit jeher arschcoole Rocksau, die bereits vor der Gründung ihrer jetzigen Hauptband, den Queens Of The Stone Age (kurz: QOTSA), auf eine legendenumwobene Quasi-Karriere mit den dröhnenden Wüstenrockern von Kyuss zurückblicken konnte, und obendrein noch das ehemals Blut und Galle spuckende Punkrock-Pin-Up Brody Dalle geehelicht, – scheinbar – gezähmt und mit ihr zwei Kinder gezeugt hat (Tochter Camille Harley Joan kam 2006 zur Welt, Sohn Orrin Ryder 2011), von Zeit zu Zeit spärliche Detail zum ersten QOTSA-Album seit sechs Jahren unter die medial vernetzte Fanschar. Und allein schon die Nachricht, dass kein Geringerer als Dave Grohl, eben jener Typ, der – neben Homme – den Beinamen „Mr. Rock“ im aktuellen Alternative Rock-Zirkus am ehsten verdient hätte und beim noch immer legendär guten Queens-Konsensalbum „Songs For The Deaf“ bereits vor elf Jahren schon einmal als Gastdrummer mit von der Partie war, nun – erneut erstklassig aushilfsmäßig – mit an Bord sei und die Trommelstöcke des kürzlich ausgestiegenen Joey Castillo in die Hand nehmen würde, löste wahre Begeisterungsstürme aus. Und dabei war Grohl nur die erste Personalie in einer langen, langen Liste… Dass Workaholic und Band-Intimus Mark Lanegan wieder seine Grabesstimme erklingen lassen würde? Obligatorisch, natürlich. Dass ausgerechnet Nick Oliveri, jener 2005 im Streit gefeuerte Bass-Weirdo, wieder ins bandeigene Wüstenstudio unweit von Joshua Tree gelassen wurde? Überraschend. Dass Nine Inch Nails-Vorsteher Trent Reznor den ein oder anderen Gastauftritt haben würde? Folgerichtig, immerhin treffen er und Homme sich bereits seit Jahren zu gemeinsamen Jam Sessions. Dass UNKLE-Mastermind James Lavelle fürs neue Album an den Reglern drehen würde? Nicht weniger folgerichtig, denn ähnlich wie bei Reznor verbindet auch ihn und Homme eine langjährige kreative Freundschaft. Dass Arctic Monkeys-Sänger Alex Turner eingeladen wurde? Nun, immerhin produzierte Josh Homme das 2009 erschiene dritte Monkeys-Album „Humbug“. Brody Dalle, Alain Johannes (Eleven)? Klar, Familie und Freunde. Verwunderter durfte man da schon zur Kenntnis genommen haben, dass auch der queere Jake Shears (Scissor Sisters) und – jawoll! – Sir Elton John mit von der Partie sein würden – letzterer soll sich sogar mit den Worten „Was deiner Band fehlt, ist eine echte Queen.“ selbst per sonntäglichem Spontananruf eingeladen haben… Was sollte also die Summe dieser namenhaften Einzelkönner, zu denen die festen Bandgrößen Troy Van Leeuwen (ehemals A Perfect Circle – Gitarre), Dean Fertita (The Dead Weather – Keyboard, Gitarre), Michael Schuman (Wires On Fire – Bass), und irgendwann gegen Ende des Aufnahmeprozesses auch der neue Band-Schlagzeuger Jon Theodore (ehemals The Mars Volta) als großes Ganzes ergeben? Ein in Rock gegossenes All-Star-Album, das selbst das bisherige Opus MagnumSongs For The Deaf“ in den Schatten stellen sollte? Eine zwar stargespickte, jedoch unausgegorene Masse an Namen und Potential, die alles, was bisher den staubig riffenden Charme der Queens ausmachte, platt zu walzen drohte? Homme, dem seine Gigantomanien endgültig Brian Wilson-like zu Kopf gestiegen schienen? In jeder Hinsicht: weit gefehlt! Denn „…Like Clockwork“ scheint als Ganzes anders als alles, was man wohl von Josh Homme und seinen Queens Of The Stone Age erwartet hätte…

QOTSA #1

Dabei geht schon nach wenigen Sekunden etwas hörbar zu Bruch. Ist es der Stein, der dem Frontmann im Studio – nach sechs Jahren des Neuveröffentlichungsschweigens (der höchst unausgegorene Vorgänger „Era Vulgaris“ erschien 2007) – vom Herzen fiel? Wer weiß. „Don’t look / Just keep your eyes peeled“ – bereits „Keep Your Eyes Peeled“ entpuppt sich als albtraumhaft stoisch dröhnender Opener, der erst gegen Ende ein wenig aufbricht – als Hommes eigene kleine Schmerzensagonie. „I Sat By The Ocean“ ist darauf einer dieser typischen riffrockenden QOTSA-„Fuck Off“-Ohrwürmer (siehe auch: „The Lost Art Of Keeping A Secret“ vom 2000 erschienen zweiten Album „Rated R„), den Homme mit nicht eben untypischen Textzeilen kontrastiert: „I sat by the ocean / And drank a potion, baby, to erase you / Face down in the boulevard / Yet I couldn’t face you“ – der böse Teufel Alkohol, der die zerbrochene Liebe hinfort spülen soll, und schlussendlich doch nur zum bösen, schwerschädeligen Erwachen im Rinnstein führt. Josh Homme jedoch frohlockt auch – und gerade! – in Schattensituationen wie diesen, und fügt dem Ganzen noch eine derbe Portion Glam Rock á la David Bowie hinzu. Weitaus weniger typisch ist da schon „The Vampyre Of Time And Memory“. „I want God to come and take me home / ‚Cause I’m all alone in this crowd / Who are you to me? Who am I supposed to be? / Not exactly sure anymore“ – zu Synthesizerschleifen und Pianotastenanschlägen schält sich der Frontmann nur langsam aus der sonnengegerbten Trägheit, die diesen Song umgibt, und lässt seine Gitarre lediglich sporadisch effektvoll zum Solo aufheulen. Nur gut, dass das Doppel aus „If I Had A Tail“ und „My God Is In The Sun“ dann wieder Melodien bietet, mit denen die Queens bereits auf „Songs For The Deaf“ völlig zu recht zu begeistern wussten, wobei Ersterer mit dadaistischem Text und brachial eingängigem Stampfbeats eiskalt lächelnd mit dem American Dream abrechnet und Zweiterer als kompromissloser Brecher mit durchgetretenem Gaspedal durch den Wüstensand rast: „Godless heathens always waltz on the sky“. „Kalopsia“ lässt den Motor des rostigen, mit Einschusslöchern übersäten Queens-Tourbusses darauf ein wenig stottern, nur um am gefühlten Klippenrand ein letztes Mal alles zu geben und das Stück in einen manisch zwischen innerer Gelassenheit und perversen Schrei-und-Gewalt-Fantasien wankenden Saufkumpan zu verwandeln. Als wahre Überraschung des sechsten QOTSA-Albums darf jedoch „Fairweather Friends“ gelten, das alles aufbietet, um als epische Wüstenrock-Pophymne gar zu den selten erreichten Queen oder Beatles aufzuschließen: treibende, verschachtelte Schlagzeugbeats, Gitarren, die zum einen den Ton klar vorgeben und sich im Hintergrund auch noch selbst duellieren, Josh Homme, der hier stimmlich wohl eine seiner bisherigen Glanzleistungen abliefert – inklusive Backgroundchören und abseitigen Begleitstimmen -, und keinem Geringeren als Sir Elton John, der sich für die Band nicht zu schade war, im Hintergrund (!) die astrein antreibende Pianobegleitung einzuspielen. „Smooth Sailing“ kann direkt im Anschluss an ein solches Überstück natürlich nur verlieren, überzeugt dennoch als überdrehter Kopfstimmen-Wah-Wah-Boogie straight out of hell: „If reason is priceless / There’s no reason to pay for it“. „I Appear Missing“, welches die Queens als ersten Vorgeschmack aufs Album bereits vorab präsentierten, setzt danach sprichwörtlich noch einmal alles auf eine Karte, taucht in seinen sechs Minuten in psychedelische Sphären ein, steigert sich in immer neue dramatische Höhen, riffrockt mit Stakkatorhythmen, hallenden Soli, weiter hallenden Gesangsharmonien mitten in der Wüste das letzte aus sich heraus: „Deeper I sleep / Further down / A rabbit hole never to be found / It’s only falling in love / Because you hit the ground“. Und wer dachte, dass Homme dieser Epik nichts mehr entgegenzusetzen habe, sieht sich mit dem Rausschmeißertitelsong, der dezent an die „Abbey Road“-Spätphase der Beatles erinnern mag, eines besseren belehrt: Ein sanftes Piano und die noch sanftere Singstimme des Frontmanns leiten das wehmütige „…Like Clockwork“ ein, ehe eine ganze Armada verschiedenster Gitarren und Streicher das Album zu unheilvoll vielsagenden Textzeilen gen staubigem Sonnenuntergang geleiten: „Not everything that goes around comes back around you know / One thing that is clear / It’s all down hill from here“ – Alles nur Jammern auf hohem Niveau, oder gar der Schwanengesang der Queens Of The Stone Age? Man mag es nicht hoffen. Und wenn doch: großartiger hätte er kaum ausfallen können…

QOTSA #2

Was also ist „…Like Clockwork„? Nun, zunächst ist es zum einen das QOTSA-Album mit dem – im Vorfeld – höchsten Staraufgebot, dessen größte Überraschung wohl zum anderen ist, dass sich Album Nummer sechs wohl ausschließlich und vor allem nach einer Person anhört: Josh Homme selbst. Denn der charismatische Gitarrenvirtuose hat sich in den 16 Jahren, denen er den Queens nun schon als Frontmann vorsteht, zum wahren Bandleader gemausert, entlässt Bandmitglieder nach eigenem Messen und Ermessen, stellt neue ein, bittet Freunde und Kollegen zu gemeinsamen Jam Sessions ins Studio (die bekannten „Desert Sessions“ sind wohl nur eines der Ergebnisse dieser kreativ fruchtbaren Zusammenkünfte) – und hat dabei stets die Zügel fest in der Hand und die Zukunft seiner Band im Blick. Ihn also spürt man in jeder Sekunde der insgesamt 44 Minuten Spieldauer. Ob nun gerade Grohl, Castillo oder Theodore – ja ohnehin und zweifelsohne alles Könner ihres Fachs – hinterm Drum Kit sitzt? Worin nun die jeweiligen Verdienste von Mark Lanegan, Nick Oliveri, Trent Reznor, James Lavelle, Alex Turner, Brody Dalle, Alain Johannes, Jake Shears oder Sir Elton John liegen? All diese Gastbeiträge lassen sich wohl nur als marginale Feinschliff-Nuancen und/oder nach tausendfachem Hören ausmachen (ein weiteres Indiz für die beabsichtigte Teaser-Wirkung der Vorabnennung all dieser Namen dürfte wohl in dem Fakt zu sehen sein, dass dem Album kein Booklet beiliegt, und auch keiner der Namen in der offiziellen Erscheinung genannt wird). Alles in allem zeigt „…Like Clockwork“ einen im Bandverbund gewachsenen Josh Homme, der mit dem aktuellen Album das wohl beste und persönlichste seit dem 2005 veröffentlichten „Lullabies to Paralyze„, und das als Gesamtwerk überzeugendste seit „Songs For The Deaf“, jenem elf Jahre zurückliegenden großen Wurf, abliefert. Auch anno 2013 klingen die Queens Of The Stone Age noch frisch, energetisch, höllisch hookline-groovend, spannend und – bei aller Eingespieltheit: relevant. Josh Homme, dieses schlaue, glückliche Kerlchen, darf sich derweil süffisant grinsend zurücklehnen – in dem Wissen, mit „…Like Clockwork“ eines der potentiellen Top Drei-Alben seiner Karriere aufgenommen zu haben. Understatement in Rock? Mission accomplished.

Josh Homme 2013

 

 

Hier gibt’s die visualisierte 15-minütige Albumvorschau, die zu wunderbaren Animationen akustische Einblicke in die Songs „I Appear Missing“, „Kalopsia“, „Keep Your Eyes Peeled“, „If I Had A Tail“ und „My God Is In The Sun“ liefert…

 

…und das komplette zweistündige (!) Konzert, das die Queens Of The Stone Age zur Einstimmung auf „…Like Clockwork“ am 23. Mai diesen Jahres im The Wiltern in Los Angeles gegeben haben:

 

Dass sich Josh Homme allerdings auch ganz gut selbst – und den im Rockgeschäft (zu) oft vorherrschenden „heiligen Ernst“ – ein wenig auf die Schippe zu nehmen versteht, bewies er unlängst in dieser Fake-Studiodokumentation mit dem feinen Titel „Secrets Of The Sound“:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Mad Season – Above (2013 Deluxe Edition)

Mad Season - Above (Deluxe Edition)-erschienen bei Col/Sony Music-

Manche Schicksale stimmen einen ob den düstren Zusammentreffens von Zufall und Bestimmung schon nachdenklich…

Am 8. April 1994 verbreitet sich eine Nachricht, einem Blitzfeuer gleich, per Fernseh- und Radiostationen (Richtig, Kiddos – ein gab tatsächlich eine Zeit vor Google, Facebook und Twitter!) um den Globus: im US-amerikanischen Seattle, jener regnerischen Stadt im Nordwesten der Vereinigten Staaten, in der die Space Needle auch heute noch gen Himmel ragt und das Kaffeeröster-Imperium Starbucks seine ersten Filialen eröffnete, wurde ein junger Mann tot aufgefunden. So weit, so unwürdig, als dass die ganze Welt an dessen Schicksal Anteil nehmen sollte? Nun, der Name des jungen Mannes war Kurt Cobain

Schon bald sickerten erste Einzelheiten scheibchenweise durch die Medien: es war von Selbstmord die Rede, von Drogen, einem Abschiedsbrief und einer Schrotflinte, mit der der 27-jährige Frontmann von Nirvana, der damals wohl populärsten Rockband des Planeten, seinem Leben drei Tage zuvor ein jähes Ende gesetzt haben soll. Schon bald versammelten sich tausende Fans vor Cobains unscheinbarem Häuschen am Lake Washington Boulevard, um zu trauern und dem Sänger eine letzte Ehre zu erweisen. Andere fragten sich, ob es nicht nur eine Frage der Zeit gewesen war, immerhin hatte Cobain bereits im März 1994 in Rom versucht, sich das Leben zu nehmen (all das sollte freilich erst später ans Licht kommen). Immerhin war es in der vergangenen Zeit weder um die physische noch um die psychische Gesundheit des Mittzwanzigers gut bestellt, und auch in den Songtexten der Nirvana-Stücke, welche samt und sonders von ihm stammten, machte er nie einen Hehl um sein fragiles Seelenheil. Klar, schlaue Sprüche und wichtige Sätze hatten sie alle auf Lager. Viel wichtiger jedoch: Cobains Tod versetzte nicht nur die gesamte Musikszene Seattles, welche damals urknallartig über die Welt hereinbrach und, neben Nirvana, noch Bands wie Pearl Jam, Soundgarden oder Alice In Chains (und nur ein paar zu nennen) auf die vordersten Chartränge katapultierte, nein, er versetzte jener – so hohl wie vielsagend – „Grunge“ betitelten Bewegung praktisch den Todesstoß. Wer heute noch ein jene Zeit zurückdenkt, als Holzfällerhemden, zerschlissene Jeans und braune Boots die Laufstege in London, Mailand oder Paris eroberten, als lange Haarmatten noch zu ehrlich hedonistischen Ewigkeitshymnen wie Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“, Pearl Jams „Alive“ oder Soundgardens „Black Hole Sun“ wild im Takt geschüttelt wurden und ein Album namens „Nevermind“ mit einem nackten, im Pool einer Ein-Dollar-Note hinterher tauchendem Baby auf dem Cover Michael Jacksons „Dangerous“ mir nichts, dir nichts vom US-Albumcharts-Spitzplatz kickte, der wird wohl kaum ohne ein seliges Seufzen auskommen…

Mad Season #1

Und da das Schicksal bekanntlich nicht selten ein kleines, fieses Arschloch ist, das Musiker ebenso humorfrei behandelt wie den Handwerker, der dir eben noch die Heizung repariert hat und nun, bei Dunkelheit und Eisesglätte sein Auto gegen den Baum setzt, oder Tante Hilde, die beim Treppenwischen auf den nassen Stufen ausrutscht und sich auf dem letzten Absatz das Genick bricht, sollte die Musikwelt auf den Tag genau acht Jahre (geht man vom offiziellen Todeszeitpunkt aus) nach Cobains (Frei)Tod um einen weiteren „Helden“ eben jener „Grunge-Szene“ trauern: am 19. April wurde der leblose Körper des ehemaligen Alice In Chains-Sängers Layne Staley in dessen Apartment gefunden, Wochen nach dessen Ableben. Todesursache: eine injezierte Überdosis aus Heroin und Kokain, ein sogenannter „Speedball“. Auch hier stand für findige Schnellschuss-kommentatoren schnell fest: der Tod des zum bemitleidenswerten Junkie verkommenden Rockstars war überfällig, war abzusehen, war klar. Denn auch Staley war, wie Kurt Cobain, zeitlebens mit einer ähnlich explosiven wie düstren und fragilen Aura gesegnet und trug in den Tönen, die seinen Mund verließen, stets ein offen trauriges Herz auf der Zunge…

Und auch wenn Alben wie Alice In Chains‚ monumental abgründiges, 1992 veröffentlichtes Zweitwerk „Dirt“ oder das auch heute noch überragende „MTV Unplugged„-Konzert (Nirvana oder Pearl Jam haben für die offizielle Konzertreihe ja ähnlich große Teile eingespielt) noch so wichtig für den heutigen Alternative Rock waren, so lieferte Layne Staley erst 1995 sein persönliches Opus Magnum ab. Da er bei Alice In Chains stets das Gefühl hatte, sich an der Seite des Gitarristen, zweiten Sängers und Hauptsongwriters Jerry Cantrell nicht ausreichend selbst verwirklichen zu können, scharrte er Ende 1994 befreundete Musiker der Seattle’schen Szene um sich – unter anderem Mike McCready von Pearl Jam oder Barrett Martin von den Screaming Trees -, um eine Art „Grunge-Supergroup“ zu gründen. (Ja klar, da gab es natürlich noch Temple Of The Dog – aber das ist eine andere Geschichte…) Nach dem Herantasten und musikalischen Zusammenwachsen bei ersten Shows verzogen sich The Gacy Bunch, welche sich jedoch schon bald in Mad Season umbenannten, ins Studio und veröffentlichten im März 1995 mit „Above“ ein Debüt, dessen Covermotiv ein überarbeiteter Holzschnitt des Frontmanns ziert und welches mit seiner lyrischen wie musikalischen Bandbreite und Tiefe die meisten, die von Staley wohl „nur“ einen dumpfen Alice In Chains-Klangklon erwarteten, vor den kritischen Kopf stieß – anders sind, aus heutiger Sicht, die damals bestenfalls wohlwollend ausgefallen Reviews kaum zu erklären…

Mad Season #2

Und da Staleys Geschichte wohl eine voller tragischer Jubiläen ist, erschien am 12. März 2013 – beinahe 18 Jahre nach der Erstveröffentlichung – nun die „Deluxe Edition“ von „Above“, welche allen Fans wie Neulingen eine remasterte und im großen Stil erweiterte Fassung des einzigen Mad Season-Albums bietet. Und auch fast zwei Jahrzehnte nach Erscheinen haben all diese dunklen Rockperlen nichts von ihrer herrlichen Abgründigkeit eingebüßt. Man höre sich nur den bedrohlichen entspannten Einstieg „Wake Up“ an, zu dem Staley mit seiner prägnanten Stimme und Zeilen wie „Wake up young man, it’s time to wake up / Your love affair has got to go / For 10 long years, for 10 long years / The leaves to rake up / Slow suicide’s no way to go“ ohne Umschweife und voller schonungsloser Selbstreflexion die Karten auf den Tisch legt: natürlich kreisen viele der Texte auf „Above“ über die Abgründe jener Drogenhöllen, denen sich nicht wenige der Seattle’schen Musikszene fatal tragisch zuneigten. Doch trotz aller lyrischen Enigmen wirken die zehn Stücke des Debüts wahnsinnig scharfzüngig, fokussiert – und doch auch ungeahnt virtuos tief schöpfend. Seien es nun die verschleppten Rocker „X-Ray Mind“, „Lifeless Dead“ oder „I Don’t Know Anything“, die fragile Balladensingle „River Of Deceit“, in welcher Staley offen „My pain is self-chosen“ bekennt, „I’m Above“, bei welchem sich der lange Jahre ebenfalls im Drogensumpf stecken gebliebene damalige Screaming Trees-Frontmann Mark Lanegan ein Gesangsduell mit Lanye Staley liefert, der alles überthronende, fragile Vergangenheitsabgesang „Long Gone Day“, ein Stück, das den Barjazz (Standbass! Saxofonsolo!) mit dem sonst oft so harten Alternative Rock versöhnt und ebenfalls von Lanegans Stimme mitgetragen wird, oder das finale Doppel aus dem virtuosen Instrumentalstück „November Hotel“, das die offensichtlichen Trademarks von Mike McCreadys genialem Gitarrenspiel offen zur Schau stellt, und dem tristen „All Alone“. All diese Stücke atmen ebenso Zeitgeist wie Zeitlosigkeit, erzählen von gestern und heute, werden von Musikern gespielt, die die Chartsspitze, den Ruhm und die eigenen Titelseitenfotos ebenso kennen wie die Leere von Hotelzimmern, die Vergänglichkeit von Verehrung und der harten Rand der Gosse. Die zehn Songs auf „Above“ wurden von vier gleichsam empfindlichen wie für jede Form der Musik empfänglichen virtuosen Individuen eingespielt: Layne Staleys prägnante Stimme, Mike McCreadys charakteristisch großes Gitarrenspiel, John Baker Saunders‘ Bass- und Barrett Martins Schlagzeugspiel – jede Minute atmet auch heute noch die zeit- wie grenzenlos abgründige Energie und Melancholie aus monolithischem Alternative Rock, scheinbar entspanntem Jazz und tiefem Blues. Leider kam es durch die stetige Verschlechterung von Staleys Gesundheitszustand und Bassist John Baker Saunders‘ plötzlichem Drogentod (eine Heroinüberdosis im Januar 1999) nie zu einem Nachfolger…

Mark LaneganUm – wohl auch für sich selbst – das Kapitel „Mad Season“ endgültig ad acta legen zu können, beschlossen die verblieben ehemaligen Bandmitglieder Barrett Martin und Mike McCready im vergangenen Jahr, die Archive zu durchforsten und förderten unbeendete Songideen zu Tage, zu denen sie – wie logisch! – Mark Lanegan baten, die offenen Gastvocals zu übernehmen. Herausgekommen sind drei Stücke – das straight rockende „Locomotive“, das verschleppt wabernde „Black Book Of Fear“ und das als Ballade startende „Slip Away“, dem McCready gen Ende einen gloriosen Gitarrensolo-Abgang à la „Yellow Ledbetter“ (für alle Unkundigen: einer der Live-Klassiker des Pearl Jam-Songkatalogs!) beschert -, die ein Album wie dieses kaum würdiger vervollkommnen könnten und denen Mark Lanegan – für mich ohnehin eine der allzeit besten Rockstimmen – nur noch mehr lebensweise Tiefe verleiht. Außerdem auf der „Deluxe Edition“ von „Above“ finden sich schließlich das kurze Akustikgitarren-Zwischenstück „Interlude“ (sic!), ein Mix des John Lennon-Covers „I Don’t Wanna Be A Soldier“ (erstmals 1995 auf der Compilation „Working Class Hero: A Tribute to John Lennon“ erschienen) und der vollständige (!) Konzertmitschnitt der finalen Show, welche Mad Season am 29. April 1995 im Seattler Moore Theatre spielte und das die Band in Bestform zeigt, sei es nun bei der fast zehnminütigen Freejazz-Zerlege-Version von „I Don’t Wanna Be A Soldier“, dem auch hier fulminant brodelnden Ruhepol „Long Gone Day“ (erneut mit einem Gastauftritt von Lanegan) oder dem überbordenden Gitarrenabschluss „November Hotel“. Wer da nur noch die optische Variante vermisst, kommt ebenfalls nicht zu kurz, denn das Konzert liegt dem Box Set auch noch auf DVD bei…

Ob nun in der regulären oder der definitiven „Deluxe Edition“-Doppel-CD+DVD-Variante – „Above“ ist eines der besten, weil virtuosesten, Gitarrenrock-Alben der Neunziger, auf dem Layne Staley zu einem letzten großen kreativen Sprung ansetzt. War Jim Morrison der wohl unwiderstehlichste Todesengel des Bluesrock, so trägt Staley hier den „Grunge“ zu Grabe – und steckt dabei für einen Moment sogar charismatische Genregrößen wie Kurt Cobain, Chris Cornell oder Eddie Vedder in die Tasche.

Bestimmung, Zufall, Schicksal – traurig aber wahr: manchmal mag alles eins sein…

 

Hier kann man sich das Musikvideo zur einzigen Single „River Of Deceit“…

 

…die 1995 auf Video erschienene Variante des erwähnten Moore-Auftritts…

 

…und ein Feature zur nun erschienenen „Deluxe Edition“ von „Above“ anschauen…

 

…sowie sich hier das komplette Album…

 

…und den „neuen“, mit Hilfe von Mark Lanegan fertig gestellten Song „Locomotive“ anhören:

 

Rock and Roll.

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