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Song des Tages: Kettcar – „Weit draußen“


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Foto: Promo / Andreas Hornoff

Ich weiß sehr genau, dass ich mich mit solchen vollkommen wahren Thesen zum x-ten Mal wiederhole, aber: wenn es eine Band im deutschsprachigen Raum recht verlässlich beherrscht, teilweise schonungslos direkte Sozialkritik in tolle indierockende Musik und diese wiederum instant in einen Kloß im Hals zu verwandeln, dann sind es wohl Kettcar (und falls diese einmal verdient pausieren, wird’s wohl deren Frontmann Marcus Wiebusch gewesen sein).

50b774f7-KettcarEP2019Final.jpgDas war auf dem letzten, 2017 veröffentlichten Album „Ich vs. Wir“ (welches es unter ANEWFRIENDs „Alben des Jahres“ schaffte) so, und ist auch auf der im März (digital) beziehungsweise vor wenigen Tagen (physisch) nachgereichten EP „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)„, die an die gesellschaftskritischen Inhalte des Albums auf der Mikroebene anknüpft, kaum anders. Songs wie „Palo Alto“ oder „Scheine in den Graben“ (bei dem die illustre Gästeliste im Verlauf des Songs Schorsch Kamerun von Die Goldenen Zitronen, Jen Bender von den Electro-Trashern Großstadtgeflüster, Die Ärzte-Schlagzeuger Bela B., Jörkk Mechenbier von Love A, Rapperin Sookee, Kraftklub-Sänger Felix Brummer, Marie Curry von den Hamburger HipHoppern Neonschwarz, Gisbert zu Knyphausen, Safi und David Frings von Fjørt in Kurz-Features abarbeitet) mögen zwar (bewusst) mit dem ein oder anderen Klischee spielen, sind aber vor allem: wichtig. Ebenso wie die 2001 gegründete Hamburger Band, wenn man so mag das gute schlechte Gewissen des deutschen Indierocks (was wiederum auch schon für Wiebuschs etwas mehr Richtung Schrammel-Punk angesiedelte Vorgängertruppe …But Alive galt). Neustes – und wohl der EP bestes – Beispiel ist der Abschlusssong „Weit draußen“.

Musikalisch sowie von seiner Grundstimmung her bewegt sich das Stück  wohl irgendwo zwischen „Erinnert sich jemand an Kalle Del’Haye“ von …But Alive und „48 Stunden“ von Kettcar: Im Zentrum stehen eine Akustikgitarre und Marcus Wiebuschs eindringlicher (Sprech-)Gesang, drumherum strickt die fünfköpfige Band vorsichtig etwas reduziertes Beiwerk. Der Text ist dafür umso niederschmetternder: Der Erzähler besucht eine alte Freundin, die mit ihrem behinderten Sohn vor dem Mitleid ihrer Umgebung aufs Land geflohen ist und nun Sätze sagt wie „Ich schwör‘, ich liebe mein Kind / Aber ich hasse mein Leben“. Sätze, die einem die Kehle zuschnüren. Die nachwirken. All die Wut, die Scham, die Verzweiflung und Verlogenheit einer solchen Situation wird immanent spürbar. Kloß im Hals? Ad hoc.

Das nun an die Hand gegebene dazugehörige Musikvideo setzt seines Zeichens ganz auf Kontemplation: Der Clip zeigt einfach nur die Autofahrt der Hauptfigur (Marcus Wiebusch) zu besagter Freundin aufs Land – und automatisch macht sich der Zuschauer auch jene Gedanken des „Elendstouristen“, der daran verzweifelt, wie er mit der Situation umgehen soll – und als Außenstehender – glücklicherweise – nie so ganz dieses Leben eines Elternteils eines behinderten Kindes nachvollziehen können wird. Mit all seinen Entbehrungen, aber auch schönen Tagen voll kleiner Freuden. „Zeig‘ mir einen Helden / Und ich schreib dir ’ne Tragödie…“ Uff.

 

 

„Ich weiß, du meintest, es wäre sehr weit draußen
Aber so weit draußen? Ist doch völlig verrückt!
Hier zieht man hin, wenn man nie mehr gefunden werden will
Es ist so still…

Der Garten ein Urwald, das Haus eine Hütte
Fenster und Türen mit dem Mut zur Lücke
Du trittst raus, dezentes Makup, einfach schön
Eine lange Umarmung
Es tut so gut, dich zu seh’n!

Und dann sitzen wir mit unseren wiederkehrenden Gefühlen
Auf so etwas wie Gartenstühlen, aus dem letzten Jahrhundert
Aus der Zeit gefallen, und für immer verändert
Und du fragst mich: ‚Welcher Tag ist eigentlich heute?‘
Das Babyphone zwischen uns macht so friedliche Geräusche
Der Kleine schläft, so leise und friedlich

‚Ich konnt‘ dein Mitleid nicht mehr ertragen.‘
Der Satz von dir aus dem Nichts
‚Wie ihr mein Kind angesehen habt, und dann mich
Nicht zu ertragen.‘

Du sagst: ‚Manchmal ist es hart, doch meistens OK.‘
Und ich weiß, dass du dir das nicht vorstellen kannst
Mit wie wenig man lernt, auszukommen
Wenn man nichts mehr verlangt
Wir erkennen die Lügner, wenn wir sie sehen
Nicht an der Stimme, nur an den Augen
Im Sturm auf schwankendem Boden
Und fehlendem Glauben
Du bist keiner von ihnen
Du bist niemand von denen
Wenn du Sätze sagst, wie:
‚Ich schwör‘, ich liebe mein Kind
Aber ich hasse mein Leben!‘

Auf der Rückfahrt mitten in der Nacht rechts ran
Auf einer Landstraße im Niemandsland
In der Dunkelheit jeden einzelnen Gott verflucht
Und trotzdem fast zu beten versucht
Die Fäuste aufs Lenkrad, der Kopf hinterher
Wo kommen jetzt bitte die Scheißtränen her?
Nur ein Elendstourist, der nur ahnt wie es ist
Und das Ganze ganz schnell vergisst

Aber deine Sätze noch im Ohr
Deine Sätze, wie Handgranaten
Die Chance war halt Eins zu zwei Millionen
Dass der Kleine genau damit geboren wird
Die Chance war da und wir waren halt dran
Und nun durchhalten
Und tun, was man kann

Ja, jeder kann glücklich werden, ja ja
Aber nicht alle
Ja, jeder kann glücklich werden
Aber nie, nie, nie alle

Und beim Abschied dann der übliche Scheiß:
‚Wir sehen uns bald wieder!‘
Und ich weiß, dass du weißt, dass das nicht passieren wird
Nicht so bald
Der Elendstourist weiß, wie das ist
Wir erkennen die Lügen nicht an der Stimme
Nur an den Augen

Du sagst: ‚Manchmal ist es hart, doch meistens OK.‘
Und ich weiß, dass du dir das nicht vorstellen kannst
Mit wie wenig man lernt, auszukommen
Wenn man nichts mehr verlangt
Wir erkennen die Lügner, wenn wir sie sehen
Nicht an der Stimme, nur an den Augen
Im Sturm auf schwankendem Boden
Und fehlendem Glauben
Du bist keiner von ihnen
Du bist niemand von denen
Wenn du Sätze sagst, wie:
‚Ich schwör‘, ich liebe mein Kind
Aber ich hasse mein Leben!‘

Zeig‘ mir einen Helden
Und ich schreib dir ’ne Tragödie…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Kettcar – „Palo Alto“


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Foto: Promo / Andreas Hornoff

Kettcar legen nach: Eineinhalb Jahre nach ihrem aktuellen, fünften Album „Ich vs. Wir“ veröffentlichen die fünf Hamburger Indierock-Veteranen um Marcus Wiebusch mit der EP „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)“ fünf neue Songs, die die Perspektive des Albums um den Blick für die Details ergänzen. Zur ersten Single „Palo Alto“ gibt es schon jetzt ein Musikvideo, in dem verschiedene Verlierer der Digitalisierung in einem Waschsalon aufeinander treffen…

Ein Kulturjournalist, ein Plattenladenbesitzer, ein Bankangestellter und ein ehemaliger Pornostar – Kettcar lassen im Video zu „Palo Alto“ vier Beispiele dafür auftreten, wie die Digitalisierung manchen Berufsgruppen nicht nur die Lebensgrundlage unter den Füßen wegspült oder schon weggespült hat, sondern auch ein Stück Würde und Stolz. Vinyl und Geldbündel landen dabei symbolisch in den großen Waschtrommeln, bevor die ungleiche Gruppe ins kalifornische Mekka der Digitalbranche aufbricht, um sich gegen die Computermaschinen-Vorherrschaft aufzulehnen: „Und wenn die vom Jobcenter fragen / Kannst du ihnen sagen: Wir sind unterwegs mit allem was wir haben / Die Algorithmen zu zerschlagen / Und dass die Benzinkanister und Streichhölzer uns gehören / Burn, Palo Alto, burn!“

Während Kettcar im Kontrast zum Text dabei auf den aufgeweckten, poppigen, zum Refrain die Bläser auspackenden Indierock setzen, der auch schon ihr Album „Ich vs. Wir“ im Gros auszeichnete, gibt es am Ende noch einen kleinen Schlag in die Magengrube: Sänger Marcus Wiebusch findet sich in einer überwachten Psychiatrie-Zelle wieder, dabei wollte er laut seinem leicht düsteren Sprechgesang „nur wissen, was hinter diesem Spiegel ist, und wirklich nicht, dass er zerbricht / Wollt mich nicht schneiden mit der Scherbe, dass die Erde aufhört sich zu drehen, und dass sie mich dann mitnehmen“ – für die von der schönen neuen digitalen Arbeitswelt wieder Ausgespuckten ist der Grat zwischen dem Sturz in psychische Erkrankungen und verständlicher Wut auf die Digitalisierungsgewinner schmal.

6187@400Der Song erscheint zusammen mit vier weiteren Stücken auf der EP „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)“, die schon im Titel an das vorherige, die großen politischen Fragen unserer Zeit fokussierende Album anschließt und diesem die Mikro-Perspektive nah an den Menschen gegenüberstellen will. Die Mini-Platte erscheint digital am 15. März, außerdem kommt sie am 17. Mai dann auch noch als 10-Inch-Vinyl.

Besonders gespannt sein dürfen Fans unter anderem auf den ebenfalls auf der EP enthaltenen Song „Scheine in den Graben“, der kritische Fragen zur Moral und Notwendigkeit von (öffentlichkeitswirksamer) humanitärer Hilfe stellt – und das mit illustrem Personal: Als Gäste sind im Verlauf des Songs Schorsch Kamerun von Die Goldenen Zitronen, Jen Bender von den Electro-Trashern Großstadtgeflüster, Die Ärzte-Schlagzeuger Bela B., Jörkk Mechenbier von Love A, Rapperin Sookee, Kraftklub-Sänger Felix Brummer, Marie Curry von den Hamburger HipHoppern Neonschwarz, Gisbert zu Knyphausen, Safi und David Frings von Fjørt zu hören. Könnte was geben…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Kettcar – „Benzin und Kartoffelchips“


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Keine Frage – Kettcar dürften mit „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ eines der sowohl besten als auch ungewöhnlichsten und wichtigsten Stücke des vergangenen Musikjahres abgeliefert haben, während das dazugehörige Album „Ich vs. Wir“ die Band nach fünf Lenzen der Veröffentlichungsabstinenz genau da zurück verortete, wo Marcus Wiebusch, Reimer Bustorff, Erik Langer, Lars Wiebusch und Christian Hake für (Musik)Deutschland am wichtigsten sind: im kritischen Diskurspop. Denn Meinung und klare Kante  sind auch 2017/2018 rar gesät zwischen all den Gut-Findern, Ja-Sagern und Einweg-Pop-Hits-per-Formel-Schreibern. Umso schöner, dass Kettcar nun wieder Stellung beziehen…

Einer der wohl schönsten Songs auf „Ich vs. Wir“ dürfte „Benzin und Kartoffelchips“ sein,  dem mit seiner erzählten Roadtrip-Story von vier Freunden in der letzten Nacht vor dem vermeintlichen Gang hinter schwedische Gardinen auch ein sentimentales, an selige Neunziger-Jahre-Zeiten und Film-Großtaten wie „Absolute Giganten“ erinnerndes Gefühl anhängt (aber hey – von Sentimentalität konnte und wollte sich Marcus Wiebusch ja noch nie ganz freisprechen!).

Das nun veröffentlichte Musikvideo zur nunmehr vierten Album-Auskoppelung (nach „Sommer ’89“, „Wagenburg“ und „Ankunftshalle„) erzählt nicht die Geschichte aus Gerichtssaal und Auto, sondern die von einer eingeschworenen Gruppe von Teenagern auf einem Schulball, von denen einer aus Liebe zu einem Mädchen mit seinem Konkurrenten in einen handgreiflichen Konflikt gerät, welcher wiederum die Schulfeier aus dem Ruder laufen lässt, während die Band selbst auf der Veranstaltungsbühne steht und somit zu stillen Zeugen der Ereignisse wird. Und obwohl das Musikvideo quasi die Niedlich-Variante des Textes zu „Benzin und Kartoffelchips“ auf der Bildebene abgibt, so ist es jedoch noch immer: sentimental und schön. Kettcar eben.

 

 

500x500„Mama sagte: ‚Achte auf deine Gedanken
Denn sie, sie werden deine Worte‘
Und mit ein paar Worten fing das Ganze an…

Als der Richter sagte: ‚Erheben Sie sich!‘
Standen wir zu viert auf
Obwohl wir nicht alle angeklagt waren
Sondern nur einer, nur Ude

Zwölf Monate, nach sieben dann raus
Wegen einem einzigen Schlag mit der Faust
Der Anwalt meinte: ‚Mildes Urteil, Glück gehabt!‘

Der Haftantritt dann in zwei Tagen
Wir saßen abends zu viert in Friedrichs Wagen
Kein Wort fiel bis einer schrie: ‚Fahr los, verdammt, fahr los!‘

Und nicht eher schlafen bevor wir hier
Heute Nacht das Meer sehen
Spüren wie kalt es wirklich ist
Benzin und Kartoffelchips
Jede Scheiße mitsingen können
Irgendwann ist irgendwie
Ein anderes Wort für nie

Mama sagte: ‚Achte auf deine Worte
Denn sie, sie werden deine Taten‘
Wir waren nicht betrunken, nicht in der Unterzahl

Keiner wusste mehr, wie der Streit begann
Das Schicksal meinte nur: ‚Hey, ihr seid dran!‘
Es hätte jeden von uns, wirklich jeden treffen können

Und hier und jetzt, in Friedrichs Wagen
Das Wissen, ohne es gesagt zu haben
Obwohl wir Brüder, nichts wird mehr wie früher

Heute Nacht kein Film, keine geile Zeit
Kein Erinnerungskitsch, kein Facebook-Like
Wir waren einfach nur beschissen verzweifelt
Und wussten nicht mehr weiter

Und nicht eher schlafen bevor wir hier
Heute Nacht das Meer sehen
Spüren wie kalt es wirklich ist
Benzin und Kartoffelchips
Jede Scheiße mitsingen können
Irgendwann ist irgendwie
Ein anderes Wort für nie
(Ein anderes Wort für nie)

Nicht schlafen bevor wir hier
Heute Nacht das Meer sehen
Spüren wie kalt es wirklich ist
Dosenbier und Chio-Chips
Rauchen bis die Augen brennen
Die ganze Scheiße mitsingen können
Irgendwann ist Wohlfühlmist und graue Theorie
Irgendwann ist immer nur ein anderes Wort für nie“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Kettcar – „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“


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Ist das jetzt ein Lied? Oder eine Kurzgeschichte? Vielleicht beides? Oder am Ende doch total egal?

Fakt ist: Kettcar melden sich fünf Jahre nach dem letzten Album „Zwischen den Runden“ und drei Jahre nach „Konfetti„, dem Solodebüt ihres Frontmanns Marcus Wiebusch, am 13. Oktober mit ihrem nunmehr fünften, elf Songs starken Studioalbum „Ich vs. Wir„, welches freilich wieder beim hauseigenen Label Grand Hotel Van Cleef erscheinen wird, sowie einer ausgedehnten Tour im kommenden Jahr zurück. Braucht es diese Rückkehr? Aber hallo!

Denn schon der erste Vorab-„Song“ beweist, dass es wohl kaum eine andere deutsche Band derart – und das ist an dieser Stelle auch alles andere als ein Widerspruch – so deutlich wie subtil versteht, in persönliche wie gesellschaftliche Wunden zu stechen (und wer’s nicht glauben mag, der höre sich durch Wiebuschs Diskografie – angefangen bei den Politpunkern von …But Alive über die Kettcar-Alben und bis hin zum noch immer großartigen „Konfetti“).

kettcar-ich-vs-wir-artwork-ghvcIn „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ erzählt Marcus Wiebusch die Geschichte eines jungen Hamburger Studenten mit Dead Kennedys-Shirt, der in seinem blauen Ford Granada von der Hansestadt bis an die österreichisch-ungarische Grenze reist und dort einigen Familien zur Flucht aus der DDR verhilft. Dabei gewinnt der Spoken-Word-Song, bei dem der Kettcar-Fronter lediglich im Refrain singt, vor allem durch Wiebuschs Auge fürs Detail, Textzeilen wie „In Mörbisch am See checkte er in die Pension Peterhof ein, kaufte sich einen Döner und wartete auf die Nacht“ sind nur ein Beispiel unter vielen.

Die Ungewissheit und Dringlichkeit der Aktion unterstreicht das angehobene Tempo, die Band ordnet die Begleitmusik ganz der Story unter. „Gesungene Geschichte, die deutlich macht, dass Fluchthelfer*innen damals wie heute gebraucht werden“, meint Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, der das Lied bereits gehört hat, und auch Schriftsteller Benedict Wells („Spinner“) konstatiert: „Gut, dass es immer schon Menschen gab, die anderen Menschen einfach halfen – und erst danach darüber diskutierten. Das galt für damals, das gilt für heute und das gilt für diesen schönen Song.“

Denn nach der geglückten Aktion ist der Song nicht vorbei. Zurück in seiner WG kritisieren die Mitbewohner des Protagonisten seine Aktion: „Deutschland dürfe nie wieder ein Machtblock mitten in Europa werden. Und eine solche Hilfe zur Flucht der DDR-Bürger würde nur zur weiteren Destabilisierung der Verhältnisse beitragen. Die Aktion war menschlich verständlich, aber trotzdem falsch.“ Gelebte deutsche Geschichte, mit all ihren Ecken, Enden und Neuanfängen – und das Finale des Songs kann wohl keine(n) kalt lassen…

 

 

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Rock and Roll.

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Song des Tages: Klez.e – „Mauern“


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Ja sicher, Tobias Siebert ist mir – vor allem durch sein jüngstes Solo-Projekt And The Golden Choir, dessen Debüt „Another Half Life“ 2015 erschien, aber auch als Produzent für so viele deutsche Bands und Künstler wie Slut, Marcus Wiebusch, Enno Bunger, Mikroboy, Herrenmagazin, Phillip Boa and the Voodooclub, Kettcar oder Sport – freilich ein Begriff. Auch, dass der Mann mal in einer Band namens Klez.e aktiv war, wusste ich natürlich. Mit deren drei Alben – das letzte, „Vom Feuer der Gaben„, erschien 2009 – habe ich mich allerdings nie beschäftigt.

Nun, sollte ich wohl mal tun, denn der Song „Mauern“, mit dem sich Siebert und seine Mannen nach siebenjähriger Auszeit zurückmelden, verspricht Großes. Und rennt bei mir mit seinen Referenzen zum 1989 veröffentlichten The-Cure-Meilenstein „Disintegration“ offene Türen ein. Monolithische Rhythmen, Schwermut, Melancholie – all das klingt wohl nicht von ungefähr wie eine tiefe Verneigung vor Robert Smith und Co., denn auch das dazugehörige, im Januar 2017 erscheinende neue Klez.e-Album „Desintegration“ trägt seine Inspiration ebenso offen zur Schau wie Tobias Sieberts neuerdings zum Goth-Wuschel toupierte Haarpracht… Als wenn es auf ewig ein grauer Wintertag im letzten Jahr der seligen Achtziger wäre. Bonjour Tristesse.

 
„Früher, da im Osten
Wollte ich im Wedding sein
Und heute soll das enden
Ich ließ mich von euch blenden…“

 

 

 

Rock and Roll.

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„Verbindet mehr als nur A und B“ – der ebenso kalkulierte wie schöne neue Werbespot der Deutschen Bahn


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Fußball und Homosexualität sind ja bekanntlich nicht die besten Freunde, könnten sie aber vielleicht bald sein (das hoffe ich zumindest, denn in einer besseren Welt wären sie’s längst). Seinen Teil dazu beitragen will offensichtlich ein Unternehmen, von dem man das nicht eben erwartet hätte: Anlässlich des 25. Geburtstags des ICE und kurz vor dem Start der Fußball-Europameisterschaft am 10. Juni in Frankreich fährt die Deutsche Bahn mit einem neuen, „Der Fan“ betitelten Werbesport auf.

Darin ist zu sehen, wie ein Fussballfan seiner Mannschaft nachreist, ihr bei den Spielen zujubelt, mal im Stadion, mal zu Hause vor dem Laptop. Wie sich am Ende des 1:38 minütigen Videos herausstellt, reiste ebenjener Fan nicht vordergründig der Mannschaft, sondern einem der Spieler nach – genau genommen seinem Freund. Am Ende fällt sich das Pärchen an einem Berliner Bahnsteig in die Arme und spaziert Hand in Hand davon. Der Bahn-Slogan dazu heißt „Verbindet mehr als nur A und B“ und thematisiert das leider immer noch mit einem dicken Tabu hinterlegte Thema der Homosexualität im Profifußball.

Als erster und bislang einziger deutscher Profifußballer bekannte sich Thomas Hitzlsperger im Jahr 2014 in der Öffentlichkeit zu seiner Homosexualität – bezeichnenderweise jedoch erst, als ein Jahr zuvor die Fussballschuhe an den Nagel gehangen hatte – und erregte damit für einen Moment eine Menge Aufsehen. Ins gleiche Horn blies auch Kettcar-Frontmann Marcus Wiebusch, der im selben Jahr seinem großartigen Song „Der Tag wird kommen“ einen nicht minder großartigen Kurzfilm spendierte. Doch auch zwei Jahre danach hat es Hitzlsperger keiner seiner (aktiven) Kollegen gleichgetan. Dabei darf man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass bei 1.400 Profikickern in den drei höchsten Spielklassen auch der ein oder andere schwule Ledertreter dabei ist (statistisch gesehen genau 56 der Jungs, wenn man zugrunde legt, dass etwa vier Prozent der Männer in Deutschland homosexuell lieben und leben). Aus Angst, es sich mit den steinzeitlich-machoistischen Ultra-Fanggruppierungen, mit Werbepartnern oder zukünftigen Vereinen zu verscherzen? Wohl leider schon. Doch wie singt Wiebusch in seinem Stück: „Dieser Tag wird kommen, jeder Fortschritt wurde immer erkämpft / Ganz egal, wie lang‘ es dauert / Was der Bauer nicht kennt, nicht weiß, wird immer erstmal abgelehnt / Und auf den Barrikaden die Gedanken und Ideen, dass das Nötige möglich ist…“. Was im Frauenfussball, welcher ja – andere Geschichte, anderer Tag – zu unrecht noch immer belächelt wird, längst Alltag und ein offen gelebtes Geheimnis zu sein scheint (man nehme nur Nadine Angerer, deutsche Torhüterin und Weltfussballerin 2013, oder die schwedische Erfolgstrainerin Pia Sundhage), wird in der „Männerdomäne Fussball“ bis heute totgeschwiegen. Der Optimist denkt, dass Veränderungen Zeit brauchen. Die Hoffnung bleibt.

Natürlich kann man der Deutschen Bahn vorwerfen, voll auf den PR-Effekt zu gehen oder auf den EM-Zug aufspringen zu wollen. Aber ist das nicht irgendwie auch Aufgabe der Werbung? Auf jeden Fall ist es schön zu sehen, dass das Unternehmen auch etwas anderes kann, als – Achtung, nur halb ernst gemeinte Vorurteile! – zu spät kommen und zu streiken: für Toleranz, Mitmenschlichkeit und Verständnis werben. An anderer Stelle werden Kritteleien wie „Ein Kuss wäre trotzdem noch drin gewesen, das tut ein schwules Pärchen nämlich auch.“ oder „ Wetten, wenn es ein lesbisches Paar gewesen wäre, wäre ein Kuss drin gewesen?“ laut, am Ende schlägt hier jedoch das Ziel den Weg, oder? Danke auf jeden Fall, Deutsche Bahn, und willkommen im Jahr 2016. Zeit wird’s.

 

(Wer sich übrigens fragt, welcher Song da im Werbespot läuft: Simon Glöde mit „Follow You“. Bitteschön.)

 

Rock and Roll.
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