Schlagwort-Archive: Marcus Wiebusch

Song des Tages: Kettcar – „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“


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Ist das jetzt ein Lied? Oder eine Kurzgeschichte? Vielleicht beides? Oder am Ende doch total egal?

Fakt ist: Kettcar melden sich fünf Jahre nach dem letzten Album „Zwischen den Runden“ und drei Jahre nach „Konfetti„, dem Solodebüt ihres Frontmanns Marcus Wiebusch, am 13. Oktober mit ihrem nunmehr fünften, elf Songs starken Studioalbum „Ich vs. Wir„, welches freilich wieder beim hauseigenen Label Grand Hotel Van Cleef erscheinen wird, sowie einer ausgedehnten Tour im kommenden Jahr zurück. Braucht es diese Rückkehr? Aber hallo!

Denn schon der erste Vorab-„Song“ beweist, dass es wohl kaum eine andere deutsche Band derart – und das ist an dieser Stelle auch alles andere als ein Widerspruch – so deutlich wie subtil versteht, in persönliche wie gesellschaftliche Wunden zu stechen (und wer’s nicht glauben mag, der höre sich durch Wiebuschs Diskografie – angefangen bei den Politpunkern von …But Alive über die Kettcar-Alben und bis hin zum noch immer großartigen „Konfetti“).

kettcar-ich-vs-wir-artwork-ghvcIn „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ erzählt Marcus Wiebusch die Geschichte eines jungen Hamburger Studenten mit Dead Kennedys-Shirt, der in seinem blauen Ford Granada von der Hansestadt bis an die österreichisch-ungarische Grenze reist und dort einigen Familien zur Flucht aus der DDR verhilft. Dabei gewinnt der Spoken-Word-Song, bei dem der Kettcar-Fronter lediglich im Refrain singt, vor allem durch Wiebuschs Auge fürs Detail, Textzeilen wie „In Mörbisch am See checkte er in die Pension Peterhof ein, kaufte sich einen Döner und wartete auf die Nacht“ sind nur ein Beispiel unter vielen.

Die Ungewissheit und Dringlichkeit der Aktion unterstreicht das angehobene Tempo, die Band ordnet die Begleitmusik ganz der Story unter. „Gesungene Geschichte, die deutlich macht, dass Fluchthelfer*innen damals wie heute gebraucht werden“, meint Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, der das Lied bereits gehört hat, und auch Schriftsteller Benedict Wells („Spinner“) konstatiert: „Gut, dass es immer schon Menschen gab, die anderen Menschen einfach halfen – und erst danach darüber diskutierten. Das galt für damals, das gilt für heute und das gilt für diesen schönen Song.“

Denn nach der geglückten Aktion ist der Song nicht vorbei. Zurück in seiner WG kritisieren die Mitbewohner des Protagonisten seine Aktion: „Deutschland dürfe nie wieder ein Machtblock mitten in Europa werden. Und eine solche Hilfe zur Flucht der DDR-Bürger würde nur zur weiteren Destabilisierung der Verhältnisse beitragen. Die Aktion war menschlich verständlich, aber trotzdem falsch.“ Gelebte deutsche Geschichte, mit all ihren Ecken, Enden und Neuanfängen – und das Finale des Songs kann wohl keine(n) kalt lassen…

 

 

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Rock and Roll.

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Song des Tages: Klez.e – „Mauern“


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Ja sicher, Tobias Siebert ist mir – vor allem durch sein jüngstes Solo-Projekt And The Golden Choir, dessen Debüt „Another Half Life“ 2015 erschien, aber auch als Produzent für so viele deutsche Bands und Künstler wie Slut, Marcus Wiebusch, Enno Bunger, Mikroboy, Herrenmagazin, Phillip Boa and the Voodooclub, Kettcar oder Sport – freilich ein Begriff. Auch, dass der Mann mal in einer Band namens Klez.e aktiv war, wusste ich natürlich. Mit deren drei Alben – das letzte, „Vom Feuer der Gaben„, erschien 2009 – habe ich mich allerdings nie beschäftigt.

Nun, sollte ich wohl mal tun, denn der Song „Mauern“, mit dem sich Siebert und seine Mannen nach siebenjähriger Auszeit zurückmelden, verspricht Großes. Und rennt bei mir mit seinen Referenzen zum 1989 veröffentlichten The-Cure-Meilenstein „Disintegration“ offene Türen ein. Monolithische Rhythmen, Schwermut, Melancholie – all das klingt wohl nicht von ungefähr wie eine tiefe Verneigung vor Robert Smith und Co., denn auch das dazugehörige, im Januar 2017 erscheinende neue Klez.e-Album „Desintegration“ trägt seine Inspiration ebenso offen zur Schau wie Tobias Sieberts neuerdings zum Goth-Wuschel toupierte Haarpracht… Als wenn es auf ewig ein grauer Wintertag im letzten Jahr der seligen Achtziger wäre. Bonjour Tristesse.

 
„Früher, da im Osten
Wollte ich im Wedding sein
Und heute soll das enden
Ich ließ mich von euch blenden…“

 

 

 

Rock and Roll.

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„Verbindet mehr als nur A und B“ – der ebenso kalkulierte wie schöne neue Werbespot der Deutschen Bahn


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Fußball und Homosexualität sind ja bekanntlich nicht die besten Freunde, könnten sie aber vielleicht bald sein (das hoffe ich zumindest, denn in einer besseren Welt wären sie’s längst). Seinen Teil dazu beitragen will offensichtlich ein Unternehmen, von dem man das nicht eben erwartet hätte: Anlässlich des 25. Geburtstags des ICE und kurz vor dem Start der Fußball-Europameisterschaft am 10. Juni in Frankreich fährt die Deutsche Bahn mit einem neuen, „Der Fan“ betitelten Werbesport auf.

Darin ist zu sehen, wie ein Fussballfan seiner Mannschaft nachreist, ihr bei den Spielen zujubelt, mal im Stadion, mal zu Hause vor dem Laptop. Wie sich am Ende des 1:38 minütigen Videos herausstellt, reiste ebenjener Fan nicht vordergründig der Mannschaft, sondern einem der Spieler nach – genau genommen seinem Freund. Am Ende fällt sich das Pärchen an einem Berliner Bahnsteig in die Arme und spaziert Hand in Hand davon. Der Bahn-Slogan dazu heißt „Verbindet mehr als nur A und B“ und thematisiert das leider immer noch mit einem dicken Tabu hinterlegte Thema der Homosexualität im Profifußball.

Als erster und bislang einziger deutscher Profifußballer bekannte sich Thomas Hitzlsperger im Jahr 2014 in der Öffentlichkeit zu seiner Homosexualität – bezeichnenderweise jedoch erst, als ein Jahr zuvor die Fussballschuhe an den Nagel gehangen hatte – und erregte damit für einen Moment eine Menge Aufsehen. Ins gleiche Horn blies auch Kettcar-Frontmann Marcus Wiebusch, der im selben Jahr seinem großartigen Song „Der Tag wird kommen“ einen nicht minder großartigen Kurzfilm spendierte. Doch auch zwei Jahre danach hat es Hitzlsperger keiner seiner (aktiven) Kollegen gleichgetan. Dabei darf man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass bei 1.400 Profikickern in den drei höchsten Spielklassen auch der ein oder andere schwule Ledertreter dabei ist (statistisch gesehen genau 56 der Jungs, wenn man zugrunde legt, dass etwa vier Prozent der Männer in Deutschland homosexuell lieben und leben). Aus Angst, es sich mit den steinzeitlich-machoistischen Ultra-Fanggruppierungen, mit Werbepartnern oder zukünftigen Vereinen zu verscherzen? Wohl leider schon. Doch wie singt Wiebusch in seinem Stück: „Dieser Tag wird kommen, jeder Fortschritt wurde immer erkämpft / Ganz egal, wie lang‘ es dauert / Was der Bauer nicht kennt, nicht weiß, wird immer erstmal abgelehnt / Und auf den Barrikaden die Gedanken und Ideen, dass das Nötige möglich ist…“. Was im Frauenfussball, welcher ja – andere Geschichte, anderer Tag – zu unrecht noch immer belächelt wird, längst Alltag und ein offen gelebtes Geheimnis zu sein scheint (man nehme nur Nadine Angerer, deutsche Torhüterin und Weltfussballerin 2013, oder die schwedische Erfolgstrainerin Pia Sundhage), wird in der „Männerdomäne Fussball“ bis heute totgeschwiegen. Der Optimist denkt, dass Veränderungen Zeit brauchen. Die Hoffnung bleibt.

Natürlich kann man der Deutschen Bahn vorwerfen, voll auf den PR-Effekt zu gehen oder auf den EM-Zug aufspringen zu wollen. Aber ist das nicht irgendwie auch Aufgabe der Werbung? Auf jeden Fall ist es schön zu sehen, dass das Unternehmen auch etwas anderes kann, als – Achtung, nur halb ernst gemeinte Vorurteile! – zu spät kommen und zu streiken: für Toleranz, Mitmenschlichkeit und Verständnis werben. An anderer Stelle werden Kritteleien wie „Ein Kuss wäre trotzdem noch drin gewesen, das tut ein schwules Pärchen nämlich auch.“ oder „ Wetten, wenn es ein lesbisches Paar gewesen wäre, wäre ein Kuss drin gewesen?“ laut, am Ende schlägt hier jedoch das Ziel den Weg, oder? Danke auf jeden Fall, Deutsche Bahn, und willkommen im Jahr 2016. Zeit wird’s.

 

(Wer sich übrigens fragt, welcher Song da im Werbespot läuft: Simon Glöde mit „Follow You“. Bitteschön.)

 

Rock and Roll.
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Der Jahresrückblick 2014 – Teil 3


Ein zwar nicht durch und durch hochkarätiges, jedoch ebenso wenig an tollen Veröffentlichungen armes Musikjahr 2014 neigt sich unausweichlich seinem Ende zu. Zeit also, ANEWFRIENDs “Alben des Jahres” zu küren und damit, nach der Rückschau aufs Film- und Serienjahr, auch die Königsdisziplin ad acta zu legen! Dem regelmäßigen Leser dieses Blogs werden sich wohl wenige Überraschungen offenbaren, schließlich wurde ein guter Teil der Alben meiner persönlichen Top 15 im Laufe des Jahres bereits besprochen. Bleibt nur zu hoffen, dass auch 2015 ein ähnlich gutes Niveau an neuen Platten und Neuentdeckungen bieten wird… Ich freue mich drauf.

 

 

LaDispute_ROTH1.  La Dispute – The Rooms Of The House

Wildlife„, La Disputes zweites, 2011 erschienenes Album, brauchte wahrlich keine Wiederholung, immerhin lieferte die Post Hardcore-Band aus Grand Rapids, Michigan bereits damals ihr Meisterwerk ab, in welchem sie die instrumental-brachialen Tour-de-Force-Rhythmen der Band mit der stellenweise brillanten und noch viel öfter erschütternden Alltagsbeobachtungslyrik von Sänger und Frontmann Jordan Dreyer zu einem wahnhaft faszinierenden einstündigen Albummonolithen verband. Der Nachfolger „Rooms Of The House“ gibt sich da – sowohl musikalisch als auch textlich – weitaus differenzierter, stellenweise gar zurückgenommener und introspektiver. Dreyers Musik gewordene Geschichten scheinen wie zufällig zu Boden gefallene alte Familienfotografien, die nach langer Zeit wieder in die Hand genommen werden, und dann die ein oder andere biografische Wunde aufreißen. Und doch ist alles auf „Rooms Of The House“ an seinem Platz. La Disputes drittes Album ist zwar anders als noch „Wildlife“, jedoch kaum weniger faszinierend.

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Pianos1-640x6402.  Pianos Become The Teeth – Keep You

Zumindest ich hatte die Band noch vor kürzerer Zeit zwar auf dem Zettel (beziehungsweise kannte ich deren Namen), jedoch so gar nicht in meiner rotierenden Playlist. Eine stilistische Beinahe-Einhundertachtzig-Grad-Wende und deren Ergebnis „Keep You“ haben das endgültig geändert. Kaum ein Album ging mir in den vergangenen Monaten mehr zu Herzen, bei keinem anderen finde ich weniger Worte, zu erklären, woran das nun tatsächlich liegt. Muss man ja aber auch nicht. Die Musik übernimmt für 44 Minuten all das, was nicht auszusprechen ist, bevor der krönende Albumabschluss „Say Nothing“ Note für Note davon getragen wird… Indierock, der von schweren Herzen erzählt, selbige damit nicht selten erst erweicht – und dann mit flinken Stichen flickt.

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noah-gundersen-ledges3.  Noah Gundersen – Ledges

Kein Album der Sparte „Singer/Songwriter“ lief öfter bei mir in diesem Jahr, in keines bin ich lieber und tiefer eingetaucht. Dem Debütalbum des 24-jährigen Noah Gundersen aus Seattle, Washington wohnt als Ganzes etwas Spirituelles, Heilsames und Reinigendes inne, dem der Hörer sich nur schwerlich entziehen kann. Große Vergleiche dürfen bereits jetzt angestellt werden, für die Zukunft sollte man den Herren und seine mitmusizierenden Geschwister auf dem Zettel haben. (M)Ein Geheimtipp? Noch.

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1196f14f-MW_Konfetti_Final4.  Marcus Wiebusch – Konfetti

„Der Tag wird kommen“ ist für Kettcar-Frontmann Marcus Wiebusch wohl Segen und Fluch zugleich. Zum einen ist das monumentale Stück, in welchem Wiebusch Homophobie im Profifussball offen und ganz Frank und frei thematisiert, samt dem dazugehörigen, via Crowdfunding finanzierten Kurzfilm, eine der besten, richtigsten und wichtigsten Sachen, die der deutscher Musik und Kulturgesellschaft in diesem Jahr passieren konnten. Andererseits überschattet der Song jedoch völlig zu unrecht seine zehn Kollegen auf Wiebuschs Solodebüt „Konfetti“, denn vor allem „Nur einmal rächen“, „Haters Gonna Hate“ oder der Abschluss „Schwarzes Konfetti“, bei welchen der gebürtige Heidelberger und Wahlhamburger Musiker mit Sozialisierung im DIY-Punk – stilistisch wie textlich – viele neue Wege geht und dabei so einiges richtig macht. Besser war 2014 wohl kaum ein deutschsprachiger Musiker, wichtiger und relevanter definitiv nicht.

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strand of oaks - heal5.  Strand Of Oaks – Heal

Timothy Showalter ist schon ein komischer Kauz. Freilich, das ist der 32-jährige Träger von amtlichem Vollbartes und Headbangermähne nicht eben erst seit „Heal“, dem vierten Album seines Band gewordenen Projektes Strand Of Oaks. Doch ausgerechnet auf Showalters rein textlich bisher persönlichstem und bitterstem Werk stellen sich all der schmerzhaften Lyrik ausgerechnet poppig anmutende Melodien und nicht wenige Fuzz- und Bratz-Gitarren (für ein, zwei Solos konnte er gar Dinosaur Jr.-Legende J. Mascis gewinnen) in den Weg, die dieses Album zu einer wahren Freude mit allerhand Repeat-Garantien machen. Man ist fast versucht, hier von „Hörspaß“ zu sprechen, wären die zehn Songs nicht eine derart tiefe Schlüssellochschau in die Wunden einer auf Kipp stehenden Beziehung.

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against-me-transgener-dsphoria-blues6.  Against Me! – Transgender Dysphoria Blues

Ein Album, dessen Ursprünge wohl – der Biografie von Against Me!-Frontfrau Laura Jane Grace wegen – lange in der Vergangenheit fußen, das – aller Eingängigkeit, allen Hooklines zum Trotz – einen durch- und überaus ernsten Themenanspruch besitzt, und wohl vor allem deshalb so aufrichtig zu Herzen gehen geraten ist. All das ist das so eigenartig wie passend betitelte „Transgender Dysphoria Blues“, da erste seit dem Outing von Ex-Frontmann Tom Gabel als Transgender-Frau, durch welches sie – also Laura Jane Grace, wie sich Gabel jetzt nennt – leider auch einen guten Teil der eigenen Band zum Abgang bewegte. Doch trotz so einiger dunkler Anklänge ist das sechste Studioalbum der Punkrock-Band aus Gainesville, Florida durch und durch kämpferisch, denn weder Gabel, die nach Erscheinen des Albums im Januar in der Webserie „True Trans“ Gleichgesinnte (im Sinne einer Geschlechtsidentitätsstörung) traf und mit ihnen über ihr neues und altes Leben sprach, noch seine Songs geben sich in einer trist-dunklen Ecke zufrieden, sondern kämpfen sich zurück ins Leben.

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we-were-promised-jetpacks-unravelling-album-cover-300-3007.  We Were Promised Jetpacks – Unravelling

Unter all den fantastischen schottischen Gitarrenrockbands waren die fünf Bleichgesichter von We Were Promised Jetpacks bislang auf die Abteilung „Indiediscohit“ abonniert, immerhin boten die beiden Vorgängeralben „These Four Walls“ (2009) und „In The Pit Of The Stomach“ (2011) so einige davon – man nehme nur  „It’s Thunder And It’s Lightning“, „Quiet Little Voices“ oder „Roll Up Your Sleeves“, zu denen sich wohl so einige Indiekids die Röhrenjeans und Chucks schweißnass getanzt haben dürften.  Nur die aus Edinburgh stammende Band selbst hat scheinbar die Lust an Mitgröhlrefrains und allzu repetitiv-zackigen Gitarrenakkorden verloren, denn auf Albumlänge ist – zumindest im Fall von „Unravelling“ – Schluss damit. Eventuell liegt es ja auch an Band-Neuzugang Stuart McGachan, der gleich sein Keyboard mitbringt und den neuen Songs ein vertrackteres, tieferes und ernsthafteres Outfit verpasst. Natürlich verzichten die Schotten weder auf prägnante Melodien (wie im Opener „Safety In Numbers“ oder „Peace Sign“) noch auf den signifikant-sympathischen Schotten-Slang von Sänger Adam Thompson, allerdings sind es 2014 die ungewöhnlichen Stücke, die besonders überzeugen, wie das Abschlussdoppel aus dem instrumentalen Sechseinhalbminüter „Peace Of Mind“ und dem getrommelt ausfadenden „Riccochet“. Dann nämlich steht die Band bereits mit einem Bein wahlweise im Post Punk oder Post Rock – und ist am Ende doch ganz bei sich selbst.

 

 

damon-albarn-everyday-robots8.  Damon Albarn – Everyday Robots

Kaum zu glauben, dass Damon Albarn, der in seinen 46 Lebensjahren schon so einige relevante Fußabdrücke im popmusikalischen Universum hinterlassen hat (vom Britpop von Blur über den megalomanischen Bastardpop der Gorillaz bis hin zu „Superband“-Geheimtipps wie The Good, The Bad & The Queen oder Ausflügen in die Opernwelt und Weltmusik Peter Gabriel’scher Couleur), erst 2014 sein offizielles Solodebüt „Everyday Robots“ vorlegte. Umso besser, dass Albarn das lange Warten nun auch mit Qualität belohnt. Wer die Karriere des Londoner Weltbürgers aufmerksam verfolgt hat, dem dürfte eh klar gewesen sein, dass Albarn kaum etwas mehr zu wurmen scheint als Wiederholungen. Folglich haben die zwölf neuen Stücke kaum etwas bis gar nichts mit seinen früheren Bands und Projekten gemein. Stattdessen jubelt Damon Albarn dem Hörer 2014 allerhand kleine verträumt-melancholische Kleinode unter, in welchen, wie in „Lonely Press Play“, Klaviernoten einsame Schleifen zieht, während Elektrobeats verschlafen pluckern. Anderswo hoppelt zu Kindergitarrenakkorden und Gospelchor in „Mr. Tembo“ ein kleiner Elefant durchs Steppengras, während sich der Musiker kurz darauf – in „Hollow Ponds“ – zurück zu den Plätzen seiner Kindheit begibt. All das gipfelt im hymnischen, gemeinsam mit Brian Eno und Chören entstandenen „Heavy Seas Of Love“. In „Everyday Robots“ lässt Damon Albarn tief in seine eigene Seele blicken – und die reicht ebenso ins nachdenkliche Gestern wie weit ins futuristisch-befremdliche Morgen.

 

 

damien rice MFFF9.  Damien Rice – My Favourite Faded Fantasy

Fast hatte man ihn vergessen, und längst noch weniger Hoffnungen auf eine Rückkehr von Damien Rice gehegt. Nach zwei ganz und gar bezaubernden Alben („O“ und „9“), die auch heute noch jeden in ihren Bann ziehen, der die Stücke zum ersten oder tausendsten Mal hört, nach der privaten wie künstlerischen Trennung von seiner kongenialen (Duett)Partnerin Lisa Hannigan verschwand Rice acht lange Jahre lang ganz und sonders von der Bildfläche. Die Ankündigung seines dritten Albums im September diesen Jahres muss sich daraufhin angefühlt haben, als würden die USA von heute auf morgen ihre Armee abschaffen und fortan einen Staat nach kommunistischen Maximen führen. Doch am Ende der acht Songs von „My Favourite Faded Fantasy“ ist doch wieder vieles beim Alten. Der irische Singer/Songwriter weidet in den gemeinsam mit Produzentenass Rick Rubin (!) in Studios zwischen Los Angeles und Island (!!) entstandenen Songs in der eigenen Seelenpein, dass auch diesmal nicht wenige männliche wie weibliche Herzen schwer werden, während ihm die Akustische, das Piano und ganze Heerscharen von Streichern aufopferungsvoll zu Hilfe eilen. Vermeintliche „Hits“, wie es sie früher noch mit „Volcano“, „The Blower’s Daughter“, „Cannonball“ oder „9 Crimes“ gab, sucht man indessen auf „My Favourite Faded Fantasy“ vergebens – dafür sind die neuen Stücke, von denen nur einer unterhalb der Fünf-Minuten-Marke liegt, zu elegisch, zu introvertiert. Unverhofft schön ist Damien Rices Rückkehr jedoch allemal.

 

 

SKM21021410. Sun Kil Moon – Benji

Viele Dinge mögen außer Frage stehen. Dass der öffentlich ausgetragene Musikerstreit zwischen Mark Kozelek und The War On Drugs-Frontmann Adam Granduciel (über die Hintergründe weiß Google freilich Antworten zu liefern) einerseits verdammt albern war, andererseits aber auch den – wenigstens für kurze Zeit – amüsanten Kozelek-Songkommentar „War On Drugs: Suck My Cock“ hervor brachte. Dass Mark Kozelek – ob nun mit Jimmy LaValle oder den Kollegen von Desertshore im vergangenen Jahr, unter dem eigenen Namen und solo oder mit seiner aktuellen Hauptband Sun Kill Moon – einer der bewegendsten, produktivsten und brillantesten musikalischen Geschichtenerzähler unserer Zeit ist. Denn genau das macht der grantige US-Amerikaner nun mal: er erzählt, während die jeweilige Instrumentierung stets nur Mittel zum Zweck bleibt. Das Bewegende daran ist, dass all diese Geschichten seinem Leben und Erlebten entspringen, und somit auch 2014 eine erstaunliche thematische Bandbreite aufweisen, die vom tragischen Tod einer Cousine zweiten Grades (der Opener „Carissa“) über Attentate in den eben nicht so glorreichen US of A („Pray For Newtown“) bis hin zu Episoden aus Kozeleks Sexualleben („Dogs“) und die Freundschaft zu Death Cab For Cutie-Frontmann Ben Gibbard (der Abschluss „Ben’s My Friend“) reichen. Klar mögen viele Dinge außer Frage stehen: Dass Mark Kozelek wohl privat ein vom Leben zynisch geformtes Arschloch ist. Dass seine Songs eine immer schönere karge Klarheit ausstrahlen, derer man sich so schnell nicht entziehen kann. Dass man das Arschloch für Stücke wie die auf „Benji“ auch gern weiterhin in Kauf nimmt.

 

 

…und auf den weiteren Plätzen:

Foxing – The Albatross

The Afghan Whigs – Do To The Beast

Foo Fighters – Sonic Highways

Ryan Adams – Ryan Adams

Warpaint – Warpaint

 

 

Rock and Roll.

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Mein Senf: „Musik sollte immer ein schönes Hobby bleiben“ – oder man ist Coldplay


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Im Grunde sind das ja alles altbekannte Hüte. Als mehr oder minder professioneller Musiker hat man es heutzutage immer schwerer, auch „von der Musik leben zu können“. Heißt im Klartext: Bezahlt einem das „schöne Hobby“ (Zitat Kettcar, deren Frontmann Marcus Wiebusch im Jahr 2005 eine B-Seite zum Album „Von Spatzen und Tauben…“ nur halb im Spaß mit „Musik sollte immer ein schönes Hobby bleiben“ betitelte) am Monatsende (zumindest) auch Miete, Nebenkosten und das täglich‘ Brot? Insofern man nicht Madonna, Justin Timberlake, Taylor Swift, U2 oder Coldplay ist und im Nu ganze Stadien ausverkaufen kann, ist diese Rechnung noch längst nicht gesichert. Und auch ein guter Ruf innerhalb der Landesgrenzen oder darüber hinaus macht das nicht besser. Vor und nach Konzerten hatte ich selbst über die Jahre so einige Gelegenheiten, mit Musikern über deren Leben dies- wie jenseits der Bühnenbretter zu sprechen. Tenor, sehr oft: Die Musik als solche – sprich: der „reine Tonträger“ als CD, LP oder bezahlter Download – deckt meist (bestenfalls) die Kosten für Aufnahme, Herstellung und Vertrieb ab (siehe auch die Grafiken weiter unten), während der Künstler/die Band touren muss (unabhängig davon, dass sie im Grunde ja auch „Bock“ auf die Livepräsentation haben), um „das Ding“ zu promoten und sich bei der Hörerschaft wieder ins Gedächtnis zu rufen. Des weiteren sind alle „kleineren Namen“, die eben kein zahlungskräftiges (Major)Label im Rücken haben, gezwungen, die Kosten zur Aufnahme, Herstellung etc. fürs nächste Album selbst vorzustrecken, bevor die gleiche Ochstentour aufs Neue beginnen kann. Ein Teufelskreis par excellence? Aber holla! Und auch wenn ihnen auf Tour allabendlich (bestenfalls) einige hundert bis tausend Besucher zujubeln und lautstark nach Zugaben rufen, haben diese Musiker „im wahren Leben“ nicht selten stinknormale Broterwerbsjobs, hinter denen sich nur mit massig Fantasie ein derart kreatives Leben „on the road“ beziehungsweise auf Bühnenbrettern und im Glanze von Scheinwerferspotlights vermuten lässt. Freilich ließe sich nun wieder die altbekannte und oft angeführte Debatte über die „schöne neue digitale Welt“, über das Internet mit all seinen Vor- und Nachteilen ins Feld treten. Fakt ist, dass die „fetten Jahre“, in denen große Labels mit sinnbildlichen Dollarscheinen und finanziellen Vorschüssen nur um sich schmissen, den Künstler namenhafte Produzenten, teure Studios und noch teurere Hotelsuiten im Voraus und in der guten Hoffnung auf den nächsten Superhit finanzierten, dank des moralisch verwerflichen Denkfehlers, dass Musik im „digitalen Zeitalter“ immer und überall verfügbar sein sollte (tatsächlich oft auch: ist) und daher auch nichts kosten muss, längst vorbei sind (Namen wie die weiter oben genannten mal außen vor). Sobald man als Künstler oder Band unter dem – natürlich ebenso weit gefassten wie nichts sagenden – Label „Indie“ läuft, gehört schon eine große Schippe Enthusiasmus, Idealismus und Erfindungsreichtum dazu, um im Jahr 2014 noch das große „Hamsterrad Musikbusiness“ zu betreten. Wohl dem, der all dies aufbringen kann…

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(beide grafischen Statistiken stammen von 2008 und sind diesem Artikel entnommen…)

 

Diese „Rechnung“ – im wahrsten Wortsinne – machen nun auch Pomplamoose auf. Den Ausschlag hierfür hat wohl gegeben, dass dem aus dem Pärchen Jack Conte und Nataly Dawn bestehenden kalifornischen Indiepopduo, welches seit 2008 – vornehmlich über den eigenen YouTube-Kanal – gemeinsam musiziert und es so zu ansehnlicher (Internet-)Bekanntheit gebracht hat, auf deren Tour immer wieder in den Mund gelegt wurde, dass „man es nun geschafft“ habe. „Nichts da!“ entgegnen Pomplamoose. Und stellen nun selbst eine detaillierte Rechnung ihrer kürzlich absolvierten 2014er Tournee online, die belegt, dass auch ein Name allein noch längst keine Tour zur gewinnbringenden – oder schwarze Zahlen schreibenden – Sache macht.

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Freilich hagelt es da auch (nicht ganz unberechtigte) Kritik aus dem eigenen „Indie-Lager“. So habe das Duo und deren Crew (Mitmusiker, Techniker, Tourmanager) die Preisgrenze für Equipment, Unterkunft, Verpflegung etc. deutlich zu hoch angesetzt, um am Ende der Tournee mit einem schwarzen Plus dastehen zu können und den – gerade in „Indie-Kreisen“ – hoch gepriesenen und immens wichtigen Erfindungsreichtum vermissen lassen. Oder sind die beiden am Ende gar nur weinerliche, wenig realistische „Indie-Weicheier“? Sei’s drum! Ganz unabhängig vom Gefallen oder Nicht-Gefallen der Musik von Pomplamoose sowie der Nachvollziehbarkeit der bitteren Schlussbilanz ihrer Tourneeabrechnung bleibt unterm Strich jedoch der Anstoss des Duos zur erneuten Debatte um den Broterwerb vom „schönen Hobby“ und den tagtäglichen, enthusiastisch geführten Kampf ums das „Leben mit und von der eigenen Musik“. Glaubt mir: Heutzutage ist für die Musiker selbst, denen man bei Konzerten vor wenigen Augenblicken noch frenetischen Applaus gezollt hat, kaum etwas wichtiger, als dass man sich als zufriedener Besucher – insofern nicht gerade selbst klamm bei Kasse – mit einem kleinen „Souvenir“ vom Merchandise-Stand – sei es nun ein T-Shirt, eine CD, LP oder ein Poster – bei ihnen bedankt und revanchiert. „Musik sollte immer ein schönes Hobby bleiben.“ Die Frage ist: Muss es das?

 

 

Rock and Roll.

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„Der Tag wird kommen“ – Marcus Wiebuschs ebenso berührender wie wichtiger Musikvideo-Kurzfilm im Stream


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Der Rolling Stone fasst’s schonmal gekonnt wie folgt zusammen:

„Keine Ausreden! Sie finden Videoclips langweilig? Okay, denn dies ist kein Videoclip, sondern ein Kurzfilm. Sie mögen deutsche Rockmusik nicht so gern? Nicht schlimm, denn dies ist nicht einfach nur ein Rocksong, der sich viel Sprachwucht vom HipHop borgt, es ist eine Kampfansage: für die Freiheit, gegen die Bornierten, für Toleranz, gegen Homophobie (nicht nur im Fußball). Kurzum: ‚Der Tag wird kommen‘ von Marcus Wiebusch muss man sehen.

Mehr als 1.000 Leute fanden das schon, bevor der Film überhaupt gedreht war: Er wurde über Crowdfunding finanziert, statt der angestrebten 30.000 kamen mehr als 54.000 Euro zusammen. Die hat Regisseur Dennis Dirksen perfekt genutzt: Was die Zeilen erzählen, zeigen die Bilder direkt und doch nicht banal, mit Nachdruck, aber auch mit sehr viel Feingefühl.

Brillante Schauspieler, berührende Szenen. ‚Geschichte ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit‘, singt Wiebusch – und zeigt durchaus auch Verständnis dafür, dass sich bisher noch kein aktiver Fußballer geoutet hat: ‚Du bist dann der Erste, der Homo, der Freak / Es gibt dann keinen, der in dir nur noch den Fußballer sieht/ Aber ja, es wird besser, und der Tag ist in Sicht … / Es wird der Tag sein, an dem wir die Liebe, die Freiheit und das Leben feiern / Jeder liebt den, den er will und der Rest bleibt still / Ein Tag, als hätte man gewonnen/ Dieser Tag wird kommen.‘ Es gibt viele Gründe dagegen, und nur einen entscheidenden dafür: Es wird sich nie etwas ändern, wenn keiner damit anfängt.“

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Fürwahr ist auch der lang vorbereitete und mit viel Liebe und Herzblut umgesetzte Kurzfilm zum alles beherrschenden und überstrahlenden Siebenminüter auf Marcus Wiebuschs Solodebüt „Konfetti“ ein Machwerk mit Ansage (das freilich auch die – finanzielle – Unterstützung des Autors dieser Zeilen fand). Wie bereits der Song erzählen die neun Filmminuten von einem Fußballprofi, der seiner Karriere zuliebe seine sexuelle Orientierung leugnet – und immer wieder mit sich ringt, ob er zu seiner Homosexualität stehen soll oder nicht – nicht erst seit dem Outing von Ex-Nationspieler Thomas Hitzelsperger vor einigen Monaten ein noch immer mit einiger Brisanz aufgeladenes Thema, über dessen Pro und Contra freilich längst ebenso bei Talknasen wie Markus Lanz wie an Fussball-Stammtischen von Hamburg über Gelsenkirchen bis München debattiert wurde (an letzteren leider noch immer zu oft hinter vorgehaltener Hand). Dass ausgerechnet Wiebusch, der nimmermüde idealistische (Ex-)Punk und treue St. Paulianer Fussball-Fan, sich mit solch einer Masse an Sendungsbewusstsein und Nachdruck des Tabus annimmt, verwundert freilich kaum. „‚Der Tag wird kommen‘ ist ein wütendes und emotionales Lied, teils gesellschaftliche Anklage, teils aber ebenso eine Liebeserklärung an den Sport“, wie es ZEIT ONLINE auf den Punkt bringt. Und wenn zuerst ein freundliches Nicken durchs Feuilleton- und Stadionrund geht, um irgendwann in den Köpfen anzukommen, dann ist das wohl genau das, was Marcus Wiebusch und sein Team erreichen woll(t)en. Die Wende findet immer im Kopf des Einzelnen an…

 

 

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