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Song des Tages: Jan Plewka & die schwarz-rote Heilsarmee – „Jenseits von Eden“ (live)


Jan Plewka kann es nicht lassen. Bereits seit anderthalb Jahrzehnten gönnt sich der hauptberufliche Selig-Frontmann immer wieder den einen oder anderen Abstecher in das musikalische Œuvre eines seiner Lieblingskünstler und der Band, die gerade erst ihren 50. Geburtstag gefeiert hat: Ton Steine Scherben und dem leider viel zu früh gestorbenen Ralph Christian Möbius alias Rio Reiser. Die Shows mit der schwarz-roten Heilsarmee sind inzwischen legendär und begeisterten bereits abertausende Besucher bei über 200 vornehmlich ausverkauften Konzerten.

Und auch all jene, die bislang nicht in Genuss eines jener Tribute-Show-Live-Auftritte gekommen sind, dürfen nun aufhorchen: Nachdem sich der Selig-Vorsteher schon 2006 mit der DVD “Jan Plewka singt Rio Reiser – Eine Reminiszenz an den König von Deutschland” in den Herzen nicht weniger Scherben-Fans verewigt hatte, gibt es nun einen Nachschlag, welchen sich wohl auch in Würde ergraute Rio-Fans nicht entgehen lassen sollten. Das Live-Album “Jan Plewka singt Ton Steine Scherben und Rio Reiser II (Live)” wurde gemeinsam mit der schwarz-roten Heilsarmee 2019 beim Gig im Hamburger Kampnagel aufgenommen und nun auf Vinyl und CD sowie als DVD (welche fünf weitere Songs enthält) veröffentlicht.

„Mit 14 Jahren habe ich Ton Steine Scherben zum ersten Mal gehört. Seitdem bin ich ein glühender Verehrer von Rio Reiser, von seiner Musik, seiner Poesie, seinen Utopien. Seit über 15 Jahren bin ich mit diesem Programm nun schon auf Tour. Das ist die eine Konstante in meinem Leben.“ (Jan Plewka)

Eines steht natürlich bereits am Anfang fest: Jan Plewka ist nicht Rio Reiser (auch wenn kaum ein anderer bundesdeutscher Sänger ihn in diesem gehobenen Kopistentum das klingende Wasser reichen kann) – aber das will er auch nachweislich überhaupt nicht sein. Ihm geht es nicht darum, den „König von Deutschland“ eins zu eins zu kopieren, vielmehr möchte Plewka den Songs aus dem Schaffen der Scherben und Reiser schon seit Beginn dieses Exkurses seine ganz eigene Note einhauchen – was ihm in weiten Teilen auch gelingt. In diesem Sinne ist der 50-jährige Musiker eben der einzig legitime Künstler im deutschsprachigen Raum, der diese Stücke auch wirklich so ins neue Jahrtausend überträgt, dass sowohl Rio Reiser als auch die verbliebenen Scherben stolz auf ihn sein dürften.

Das neue Revue-Werk konzentriert sich – im Gegensatz zur ersten Ausgabe, bei der sich Plewka hauptsächlich um die Liebeslieder des Ausnahmekünstlers gekümmert hatte – in weiten Teilen auf die politische Seite der Musik gewordenen Linken-Ikonen, welche gerade in der heutigen Zeit inhaltlich – leider – aktueller denn je wirkt. Schon der druckvolle Opener “Menschenfresser” zeigt unmissverständlich auf, dass die Zeit des Abwartens und Aussitzens nun ja wohl endgültig vorbei sein sollte. “Wann, wenn nicht jetzt” gilt es, aufzustehen? “Menschenfressermenschen sind normal und meist sehr fleißig / Menschenfressermenschen gibt’s nicht erst seit ’33 / Menschenfressermenschen sind oft ganz, ganz liebe Väter / Menschenfressermenschen sind meist Überzeugungstäter…”

Nahtlos und ähnlich kraftvoll macht „Jenseits von Eden“ weiter. Durchschnaufen, bitte? Klar: Etwas leiser wird es bei „Ich werde dich lieben“ – Plewka und Gitarrist Marco Schmedtje spielen die Nummer komplett unverstärkt am Bühnenrand. Der Schlachtruf „Macht kaputt was euch kaputt macht“ erfährt ein textliches Update und wird durch Begriffe wie „AfD“ und „Tierversuche“ ergänzt – den Scherben hätte das wohl gefallen.  

Ein echter Hingucker – so man dem Ganzen denn in der DVD-Variante den Vorzug gibt – ist „Mein Name ist Mensch“. Die Herren, die eingangs noch als Ausgrabungsforscher (Plewka) und Waldschrate (der Rest der Band) verkleidet auftraten, kommen nun in hautengen Latex-Glitzer-Anzügen und mit riesigen Zyklopen-Augen auf die Bühne und singen die Nummer a cappella – eine bedruckende Variation des Scherben-Klassikers. Und mal ehrlich, wer kennt es nicht: „Sieben Uhr aufstehen, Kaffee trinken, zur Arbeit fahren, freundlich sein, den Chef grüßen“ – nur um sich dann am Ende des Tages zu (hinter)fragen: „Warum geht es mir so dreckig?“. Ja, Rio Reiser beherrschte neben wunderschöner Lyrik eben auch den tönenden Krawall und brachte die einfache Sprache ein ums andere Mal musikalisch zum Klingen. Gut also, dass Plewka und Band dem Zuschauer/Zuhörer Ruhepausen gönnen – nur auf Klavier und Gesang reduziert wird danach „Ich bin müde“ gespielt. Apropos „Pause“: Selbige macht Jan Plewka bei „Shit Hit“ und die Heilsarmee kommt mit Altersmasken, die sie mit achtzig Jahren darstellen, an den Bühnenrand. So gibt es im Chorgesang ein amüsantes Loblied auf die Droge Haschisch („das nasch isch“) – die Siebziger lassen lieb grüßen. Kurz danach ist mit „Wir müssen hier raus“ und einer „Mensch“-Version – nun in voller Besetzung – Schluss und die Truppe verlässt – zunächst – die Bühne. Mit einer wilden Fassung von „Wann, wenn nicht jetzt?“ als Zugabe endet diese sehr unterhaltsame musikalische Darbietung und die Band wird mit Standing Ovations entlassen.

Insgesamt gerät „Jan Plewka singt Ton Steine Scherben und Rio Reiser II (Live)” deutlich rockiger als Plewkas erstes Rio-Programm – was wohl vor allem der politischeren Ausrichtung geschuldet sein dürfte. So gelingt der Truppe eine völlig neue und eigenständige Verneigung vor dem Schaffen der Scherben und Reiser, die kaum weiter davon entfernt sein dürfte, als plumper Fanboy-Abklatsch abgetan zu werden. Klares Ding: Wer bislang nur einen der beiden Sänger (Rio Reiser oder Jan Plewka) kannte, darf den anderen auf diesem Weg gern kennen (und eventuell ja lieben) lernen…

Rock and Roll.

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Song des Tages #2: Zinoba – „Life’s What You Make It“


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Vor wenigen Tagen ist Talk Talk-Frontmann Mark Hollis im Alter von 64 Jahren gestorben – so weit, so betrüblich. Da ich allerdings nie der weltgrößte Fachmann für das musikalische Œuvre der vor allem in den Achtzigern aktiven und populären britischen Synthie-Pop-Band war (noch sein werde), verweise ich für weitere Worte lieber an anderen Stellen (und etwa auf die Nachrufe von „Rolling Stone“-Autor Sebastian Zabel oder von „Musikexpress“-Schreiberling Oliver Götz).

51d+Sj6SI9L._SY355_.jpgUnd wie sollte es – gerade bei mir, der seit jeher (s)einen Reiz in interessanten Neuinterpretationen findet – anders sein, kommt mir beim Stichwort „Talk Talk“ zuerst eine bestimmte Coverversionen in den Sinn: Zinobas Variante von „Life’s What You Make It„. Ebenjenes Cover des 1986 auf dem dritten Talk Talk-Album „The Colour Of Spring“ erschienenen Songs wurde von (jetzt wieder) Selig-Frontmann Jan Plewka und seinem recht kurzlebigen Bandprojekt Zinoba (es reichte gerade einmal für ein einziges – jedoch auch heute noch tolles – Album aus dem Jahr 2004) für den Soundtrack zu Fatih Akins im selben Jahr erschienenen Film-Meisterwerk „Gegen die Wand“ eingespielt (und veredelte am Ende den Abspann). Ganz großes deutsches Kino, ganz große Coverkunst…

Mach’s gut, Mark Hollis.

 

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Jan Plewka & Marco Schmedtje – „Between The Bars“


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„Jan Plewka ist einer der facettenreichsten deutschen Musiker und Sänger. Mit seiner Band Selig gehört er seit Mitte der 90er Jahre zum Besten und Erfolgreichsten, was die deutsch-sprachige Musikszene zu bieten hat.

Mit BETWEEN the BARS hält er nun Rückschau, gemeinsam mit Marco Schmedtje, seinem Freund und langjährigen musikalischen Weggefährten, der ihn kongenial an der Gitarre begleitet. So lassen sich Plewka und Schmedtje musikalisch quer durch die Jahrzehnte treiben. Sie spielen Lieder von Ton Steine Scherben und Rio Reiser, eigene Stücke aus ihrer gemeinsamen Zeit bei Zinoba und Simon & Garfunkel-Songs aus ihrer Sound of Silence-Produktion, Lieder von Jan Plewkas Solo-Album und von ‚Schöne Geister‘, dem ersten Album von Marco Schmedtje.

Zwei Stimmen und eine Gitarre – und das Publikum bestimmt, was gespielt wird. Das sind die Zutaten für diesen rein akustischen, sehr feinen und intimen Abend. Plewka und Schmedtje spielen voller Seele und Leidenschaft. Es wird gesungen und getrunken werden an diesem Abend – gelacht, geweint, geflirtet und vielleicht auch geküsst.“

…heißt es da auf Jan Plewkas Homepage.

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Und in der Tat hört man dem, was der Selig-Frontmann und sein langjähriger musikalischer Partner Marco Schmedtje im November 2016 (das gemeinsame Akustik-Album „Between The Bars„) beziehungsweise Dezember 2017 (die nachgeschobene „C Side EP„) beinahe klammheimlich und ohne großes Getöse via Bandcamp in die Musikwelt entlassen haben, durchaus einiges von dem entspannten Spaß, der intimen Seele und der nimmermüden Leidenschaft an, die beide wohl bei der Ausarbeitung der Akustikversionen von Stücken, die vornehmlich aus Plewkas Solo-Schaffen, dem bis heute einzigen, 2004 erschienenen Zinoba-Album sowie aus der Feder Schmedtjes stammen, hatten.

Oder wie es der passionierte Dreitagebartträger mit der markant-unverwechselbaren Stimme selbst ausdrückt:

 

Hier – via Bandcamp – kann man sich das gemeinsame Akustik-Album „Between The Bars“ (die Anspielung auf einen Song von Elliott Smith dürfte wohl kaum ein Zufall sein, immerhin überzeugen auch viele der Stücke des legendären, 2003 verstorbenen Singer/Songwriter mit ihrer zurückhaltenden Intimität)…

 

…sowie die etwas mehr als ein Jahr später hinterher geschobene „C Side EP“ (da ja die veröffentlichte Kassette zu „Between The Bars“ bereits eine A- und B-Seite besaß) zu Gemüte führen:

 

Wie das Ganze dann auf der Bühne klingen und ausschauen mag? Davon kann man sich anhand dieser Songs, mitgeschnitten bei einer „TV Noir“-Show der beiden musikalischen Nordlichter im vergangenen Jahr, ein Ohr und Bild machen:

 

Rock and Roll.

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