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Song des Tages: oh sleep – „Magazine“


oh sleep

Einer der wohl größten Unterschiede zwischen der US-amerikanischen und der hiesigen Musikszene ist die zeitweise Nähe zum Glauben. Während bei uns ach so liberalen und aufgeklärten Festland-Europäern vermeintlich bibeltreue Aluhut-Prediger wie Xavier Naidoo und seine Söhne-Mannheims-Clique zumindest Stirnrunzeln hervorrufen, sind Musiker und Bands, die das eigene, persönliche Glaubensbekenntnis auch in ihren Texten offen zur Schau stellen, in den US of A gar nicht mal so selten. Man denke nur an Creed, Flyleaf, Lifehouse oder Paramore. Klar, nicht jeder hängt so abstrusen Theorien an wie Gaslight-Anthem-Frontmann Brian Fallon, dessen Glaube an den Kreationismus auf dieser Seite des Atlantiks freilich für Kopfschütteln sorgt. Und nicht jede Band versucht, aus den eigenen religiösen Ansichten heraus gleich eine U2’sche Pathos-Messe mit zigtausenden willigen Teilnehmern zu veranstalten. Dennoch sind die Grenzen zwischen Persönlichem und Öffentlichem in den USA – und das auch weit über Genregrenzen hinaus (in meiner knappen Aufzählung weiter oben habe ich mal lieber das gottesfürchtige Star-Spangeled-Banner-Genre Country außen vor gelassen) – deutlich schwimmender gezeichnet als in Europa…

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Wohl den wenigsten dürfte bekannt sein, dass auch Pedro The Lion einst als offensiv christliche Indierock-Band an den Start gingen. Gegründet von Frontmann David Bazan in Seattle Mitte der Neunziger, waren die Songs der zwischen 1998 und 2004 veröffentlichten vier Alben, welche sich stilistisch irgendwo zwischen Lo-Fi-Singer/Songwritertum und knarzigem Emo-Rock beweg(t)en, auch ein Vehikel zur –  teils kritischen – Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben. Dass Bazan, der nach der zwischenzeitlichen Auflösung der Band im Jahr 2006 gut eine Handvoll Solo-Alben in die Regale stellte (und vor ein paar Tagen bekannt gab, wieder Shows unter dem Pedro-The-Lion-Banner zu spielen), seinen Glauben eher subtil denn mit dem textlichen Vorschlaghammer zum Ausdruck brachte, passt dabei zum sonst eher liberalen, oftmals politisch links orientierten und straight edge gehaltenen Emo-Genre. Trotz alledem finden sich für all jene, die einen genaueren Blick auf die Texte der Pedro The Lion-Songs werfen, allerlei religiöse Hinweise.

control-2012Man nehme etwa das Stück „Magazine„, erschienen 2002 auf dem dritten Studiowerk „Control“ (welches wiederum gemeinhin als bestes der Band gilt). Vordergründig mag man Zeilen wie „Wouldn’t you love to be / On the cover of a magazine? / Healthy skin, perfect teeth / Designed to hide what lies beneath“ als Zeitgeist-Kritik an der Mediengeilheit mancher (semi-)prominenter Personen lesen, David Bazan hatte mit seinem Text jedoch wohl eher all jene im kritischen Blick, die meinen, ihren Glauben allen Mitmenschen überstülpen zu müssen („Oh, look you earned your wings / Are you an angel, now / Or a vulture / Constantly hovering over / Waiting for the big mistake“).

Dass man den Song auch anders – und relativ frei von jenem religionskritischen Kontext – betrachten kann, beweist Florian Sczesny alias oh sleep. Der Bonner Indie-Musiker, welchen ANEWFRIEND in diesem Jahr bereits „Auf dem Radar“ hatte, nahm sich „Magazine“ für seine aktuelle „trio ep“ vor und unterzog das Stück aus der Feder seines Lieblings-Singer/Songwriters David Bazan einer Neuinterpretation, die nun weitaus weniger rockig ausfällt als noch das Pedro The Lion’sche Original. Anhand des nun veröffentlichten – und, wie ich finde, richtig guten – Musikvideos wird deutlich, dass sich Sczesny weitaus weniger aufs Religiöse konzentriert als Bazan und vielmehr die Mediengeilheit der heutigen Gesellschaft ins Auge fasst. Das hätten wir sie wieder, die unterschiedlichen Herangehensweisen in Europa und den USA…

 

 

 

Hier zum Vergleich „Magazine“ in einer Bazan’schen Live-Session-Variante von 2013:

 

„This line is metaphysical
And on the one side, on the one side
The bad half live in wickedness
And on the other side, on the other side
The good half live in arrogance
And there’s a steep slope
With a short rope
This line is metaphysical
And there’s a steady flow
Moving to and fro

Oh, look you earned your wings
Are you an angel, now
Or a vulture
Constantly hovering over
Waiting for the big mistake

Oh, my God, what have I done?
Oh, my God, what have I done?

Wouldn’t you love to be
On the cover of a magazine?
Healthy skin, perfect teeth
Designed to hide what lies beneath

I feel the darkness growing stronger
As you cram light down my throat
How does that work out for you
In your holy quest to be above reproach?“

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: oh sleep


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Foto: Facebook

„hello. my name is florian sczesny. i’ve been writing and recording songs for quite some time now. somehow i always have the urge to create. since 2017 i release the more quiet and acoustic driven songs under the name oh sleep. sometimes my friends help me to make the records. sometimes i create them all alone.“

So viel, so nichtssagend, denn Sätze wie diese könnte wohl jeder Bon-Iver-Gedächtnisbartträger mit Kassengestell auf dem Riechkolben heutzutage in die stylisch zurechtgezimmerte Webseite, die – freilich, freilich – bestens mit Facebook, Twitter, Instagram und Co. vernetzt ist, hämmern. Deshalb hat ANEWFRIEND Florian Sczesny, der dieser Tage mit der „trio ep“ (gibt’s weiter unten zu hören) das erste Veröffentlichungslebenszeichen seines Schlafzimmerprojektes-mit-Freunden, oh sleep, veröffentlicht hat, einfach einmal gebeten, spontan eine Top 10 seiner „Platten für die einsame Insel“ zusammen zu tragen:

 

1.  Yes – Close To The Edge
2.  Wilco – Sky Blue Sky
3.  Songs:Ohia – The Lioness
4.  Fiona Apple – Extraordinary Machine
5.  Luk&Fil – Nepuman
6.  Oceansize – Frames
7.  Pedro The Lion – Control
8.  Stephen Steinbrink – I Drew A Picture
9.  Vulfpeck – Thrill Of The Arts
10. Radiohead – Kid A

 

Anhand dieser Album-Favoriten lassen sich auch die ersten Songs von oh sleep, unter deren Banner Florian Sczesny in den kommenden Tagen mit Emma6 (passenderweise war er bereits als deren Live-Gitarrist mit der Band on the road) unterwegs sein wird, besser einordnen: (noch) klein produzierter Indiefolkpop mit elektronischen Nuancen, jedoch mit merklichem Hang zu Pomp und Prog. Aber hört am Besten selbst:

 

 

 

 

Rock and Roll.

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