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Auf dem Radar: Aïcha Cherif


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„Wenn Lianne La Havas und Jeff Buckley ein Kind zeugen würden…“ – Dieser bildlich-akustische Vergleich, welcher den interessierten Neu-Hörer, der sich eben erst mit der Musik von Aïcha Cherif vertraut machen möchte, von überall her anspringt, hinkt – bei aller Liebe zu einer gut gewählten Assoziation – dezent. Zum einen ist die ins musikalische Spiel gebrachte englische Folk- und Soul-Sängerin Lianne La Havas – so einiger toller Alben in den letzten Jahren zum Trotz – selbst erst über den Status des Indie-Geheimtipps hinaus, zum anderen hat der unabdingbar ewig große Jeff Buckley bereits am 29. Mai 1997 sein letztes „Hallelujah“ (oder meinetwegen auch „Whole Lotta Love“) gesungen, als er sich fatalerweise entschloss, im Wolf River baden zu gehen. Ein „Kind“ dieser beiden Künstler ist also – den eh bereits jenseits von marginal befindlichen Altersunterschied von 23 Lenzen lassen wir da mal außen vor – höchstens einen rein theoretischen Sekundengedanken wert…

Aber natürlich ist die Assoziation hier König. Oder, von mir aus: Königin. Denn in der Tat klingt in den Songs von Aïcha Cherif – und das vor allem live und auf Bühnenbrettern, denn da scheint die talentierte Newcomerin aus dem südholländischen Limburg in den letzten Jahren, und nach der Veröffentlichung der „Change EP“ im Jahr 2016, die Bandchemie mit ihren zwei Männern (Daan Gooren am Bass, Yannick Bovens am Schlagzeug) noch verfeinert zu haben – viel von jener schelmisch-süffisanten, melancholischen Blues-Schere eines Jeff Buckley und auch eine gute Prise des Souls und der Funkyness an, mit denen Lianne La Havas für gewöhnlich ihre Stücke würzt.

All das hat der Anfangszwanzigerin aus Maastricht in den letzten Jahren bereits einige nationale Preise und Vorschusslorbeeren eingebracht, während sie in diesem Jahr beim Pinkpop Festival quasi ein Heimspiel geben und sicherlich noch einige Zuhörer mehr von sich überzeugen wird…

 

Ein guter erster Anhaltspunkt, um sich vom zweifellos vorhandenen Talent – sowohl an den Saiten als auch am Gesang – von Aïcha Cherif zu überzeugen, sind die zahlreichen Live Sessions, welche sich via YouTube finden lassen. Etwa diese…

 

…oder diese (welche auch ein Interview enthält, für welches man allerdings der holländischen Sprache mächtig sein sollte):

 

Wer lieber die Studiokonserve vorziehen mag, dem sei der Titelsong ihrer 2016 erschienen Debüt-EP ans Hörerherz gelegt:

 

Rock and Roll.

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Villagers live in der Muziekgieterij, Maastricht, 30. April 2013: von Ängsten, Ufern und Möglichkeiten


Villagers

Schön blöd, wer den 30. April zuhause verbracht hat, immerhin wurden dem potentiell Unternehmungswilligen ausreichend Alternativen geboten: in Amsterdam (oder in jeder anderen holländischen Stadt) hätte man sich unters ausgelassen feiernde Oranje-Fußvolk mischen können, um den alljährlichen „Koninginnendag“ und die Amtsübergabe von Königin Beatrix an ihren Sohn Willem-Alexander feucht-fröhlich zu begießen. In Madrid (oder einer von tausenden Public Viewing-Lokalitäten) durfte man – je nach Sympathie – wahlweise den verdienten (!) Einzug meines BVB ins Finale der diesjährigen Champions League bejubeln oder den schleichenden Niedergang der spanischen Fussballdominanz betrauern – wobei das gestrige Halbfinalrückspiel wohl für Schwarz-gelb in den letzten Minuten noch einmal an unnötiger Dramatik zugelegt haben mag (und sich damit nahtlos in die Riege memorabler Bewegnungen mit Dortmunder Beteiligung in dieser Saison einreiht). Verglichen mit diesen Ereignissen von internationaler Tragweite mag der Auftritt der Villagers in der Maastrichter Muziekgieterij nahezu unscheinbar anmuten. Dabei war dieser höchst formidabel…
Anfangs fällt natürlich die stete Diskrepanz zwischen dem unscheinbaren, schüchtern-nüchternen Bubi-Äußeren von Sänger Conor O’Brien und dessen charismatisch ausstrahlender Bühnenpräsenz in Aug‘ und Ohr. Der aus Irland stammende Singer/Songwriter betritt zunächst allein und nur mit seiner Akustikgitarre bewaffnet die Bühne, und bereits nach den ersten sachten Akkorden von „Cecelia & Her Selfhood“ schweigt das komplette Publikum, lauscht gebannt jeder Zeile, die die Lippen des 29-Jährigen verlässt, und lässt das spärliche Klirren von Gläsern an der angrenzenden Bar beinahe wie Detonationen erscheinen. Nach diesem Stück begibt auch der Rest der mittlerweile – neben Bandleader O’Brien – aus Cormac Curran (Keyboard), James Byrne (Schlagzeug), Tommy McLaughlin (Gitarre) und Danny Snow (Bass) bestehenden Villagers zur ihren Instrumenten, um sich mit einer reduzierten Version von „Nothing Arrived“, zweifellos eines der Highlights des aktuellen, zweiten Villagers-Albums „{Awayland}„, Schritt für Schritt warm zu spielen. Denn, abgesehen einmal vom fragilen Kleinod „My Lighthouse“, nimmt sich die Band bei den folgenden Stücken weitaus weniger zurück und lässt unter anderem das beschwingte „The Pact (I’ll Be Your Fever)“, den Endzeitenabgesang „Judgement Call“, „The Waves“, welches in einer Reduktion weg von der Elektro-Calypso-Albumversion daherkommt (gen Ende jedoch auch live in einer Art musikalischer Kakophonie ausartet), oder die Wiedergeburtsmär „Earthly Pleasure“, bei der O’Brien in Manie zwischen Gesang und wirrer Sprech-Stotterei hin und herspringt, aufs begeistert applaudierende Publikum los. Seine Mitmusiker halten sich dabei effektiv im Hintergrund, während Conor O’Brien an Mikrofon und Akustischer in seinem Element scheint und ohne große Ansagen Song für Song, welche insgesamt das Hauptaugenmerk aufs aktuelle Album „{Awayland}“ legen, jedoch auch die Favoriten des noch von O’Brien größtenteils allein eingespielten Debüts „Becoming A Jackal“ nicht außer Acht lassen, für sich durchlebt, durchleidet, durchbarmt & -fleht – und diese Emotionen beinahe Eins zu Eins ans noch immer bedächtig lauschende Publikum weitergibt. Und diese Stimme, diese Stimme – wen’s kalt lässt, der darf sich gern die Grundeigenschaft „aus Stein“ in den Lebenslauf schreiben! Mit einer erneut manischen Variation von „Ship Of Promises“ beenden die Villagers ihr reguläres Set, bevor O’Brien – zunächt erneut solo und akustisch – für „That Day“ zurückkehrt, die restlichen Musiker bei „In A Newfound Land You Are Free“ wieder dazustossen und das etwa 80-minütige Konzert mit einer famosen Darbietung von „Becoming A Jackal“ zum Abschluss bringen. „So before you take this song as truth / You should wonder what I’m taking from you / How I benefit from you being here / Lending me your ears / While I’m selling you my fears“ – Sollte Herrn O’Brien die Vertonung seiner Ängste auch auf der Bühne immer so fulminant gelingen, so kann man darf nur erwidern: könnte schlimmer sein, gern und jederzeit wieder!
Klar, die Erwartungen, die vor drei Jahren bei Erscheinen des Debüts auf Conor O’Briens schmächtige Schultern gelegt wurden, waren keinesfalls die kleinsten – als die britische Songwriter-Hoffnung wurde er gefeiert, als „neuer Conor Oberst“ ausgerufen (was aufgrund des gleichen Vornamens wie der Bright Eyes-Frontmann und der geteilten Nähe zu tiefen Emotionen naheliegend erscheinen mag, insgesamt jedoch plakativ und lächerlich anmutet)! Doch der Musiker aus Dublin baute sich einen fünfköpfigen Band-Schutzwall um sein Baby namens „Villagers“, legte mit „{Awayland}“ auf Albumlänge die qualitative Messlatte noch eine Stufe höher, und bestätigt auch auf der Konzertbühne jegliche Vorschusslorbeeren. Die Villagers liefern ab, unterhalten mit ihren ausufernden – ja: nicht selten uferlosen! – Kleinoden zwischen Verlangen, Verlust, Vergehen, Neubeginn, Sehnsüchten und Aufbegehren, die zu Hoffnungsschimmern am Horizont in einem Meer aus melacholischen Weltbetrachtungen baden, bei unglaublich gut abgemischter Akustik (was in den ehemaligen Fabrikhallen der Muziekgieterij freilich keine Selbstverständlichkeit darstellt und hier somit einfach erwähnt werden muss!) vortrefflich. Ein feiner Abend, ein feines Konzert – und trotz aller anderen historischen Ereignisse außerhalb war wohl jeder einfach froh, dabei gewesen zu sein…

 

Bebilderte Impressionen gefällig? Die gibt es hier:

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(alle Konzertfotos: ANEWFRIEND)

 

Wer sich vor einem ausdrücklich zu empfehlenden Besuch eines Villagers-Konzerts selbst noch fix ein Bild von den Qualitäten der Band machen möchte, der kann sich hier die 17-minütige „Live at Attica“-Session von Conor O’Brien & Co. zu Gemüte führen:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Tall Ships – Everything Touching (2012)

Tall Ships - Everything Touching (Cover)-erschienen bei Big Scary Monsters/Alive-

Die zufälligen Bekanntschaften sind mitunter keinesfalls die schlechtesten. Jene, an die man vollkommen frei und frisch und vorurteilsfrei unbelastet herangeht und dafür umso mehr belohnt wird…

So geschehen vor wenigen Tagen: ein Freund wollte uns Karten für das in etwa zwei Wochen hier im niederländischen Maastricht stattfindende Konzert der Iren Villagers (ANEWFRIEND wird berichten!) sichern und wurde vom Betreiber der Lokalität (genauer: der Maastrichter Muziekgieterij) gefragt, ob er denn nicht obendrauf noch Freikarten für die kommende Zwei-Tages-Konzertreihe haben möchte? Schleppender Vorverkauf als absolut kostengünstige Unterhaltungsoption? Na, aber gern doch! Und während sich der erste Abend noch folkloristisch selig gestaltete, spielte als zweite Gruppe des zweiten Abends eine englische Band groß auf, von der ich zwar vor nicht allzu langer Zeit einmal gelesen, die jedoch – man wird ja heutzutage im weltweiten Netz unweigerlich der Zerstreuung preisgegeben – mein Kurzzeitgedächtnis wieder verlassen hatte. Umso stärker drängten sich Tall Ships, dieses Brighton-Cronwall’sche Dreiergespann aus Richard Phethean (Gitarre, Gesang), Matt Parker (Bass, Sampler) und Jamie Bush (Schlagzeug), das auf der Bühne noch im einen Keyboarder erweitert wurde, auf. Diese Energie! Diese juvenile Atmosphäre, diese Sounddichte, dieses Gefühl! Fürwahr – die Band, die auf der „Insel“ bereits 2010 mit ihren beiden EPs (die selbstbetitelte Debüt-EP und die „There Is Nothing But Chemistry Here EP“) sowie der 2011er Vorab-Single „Hit The Floor“ für Furore in Indierock-Kreisen gesorgt hatte, hatte ich – bisher – zu unrecht überhört. Dabei weiß ihr nach dem Konzert erstandenes und mittlerweile signiert mein Plattenregal zierendes Debütalbum „Everything Touching“ – dem schlichten Cover zum Trotz – durchaus zu überzeugen…

Tall Ships #1

Der Opener „T=0“ legt schonmal dynamisch vor. Zu einem Fahrt aufnehmendem Schlagzeugbeat gesellt sich erst ein repetitives Gitarrenriff, dann Keyboardgeklimper und schließlich eine komplette Tasten-‚Wall Of Sound‘, bevor Phetheans Gesang einsetzt und vom wundersam süßen Gefühl der zweisamen Unverwundbarkeit kündet: „When I’m with you we are invincible / Together as one our worries come undone“. Bereits das folgende, quasi instrumentale „Best Ever“ zieht darauf besagte ‚Wall Of Sound‘ noch ein Stück weit nach oben, lässt eine kurze Verschnaufpause trügerisch aufglimmen und setzt noch ein paar mehr derbe Klangsteine. Die maritime Realitätsfluchtfantasie „Phosphorescence“ könnte in ihrer hymnischen Verspielheit auch dem Proberaum der Foals schallen, während einen Stücke wie der sich bestätig steigende, melancholische Winterrocker „Oscar“ oder die feinfühlige, mit naturwissenschaftlichen Motiven („Within you every particle is perfect /…/ You are a triumph of natural selection / Every mutation leading to your perfection“) changierende Liebesode „Ode To Ancestors“ einen wohl unweigerlich an die Kanadier von Wintersleep denken lassen. Das zu großen Teilen forsch drauf los polternde „Gallop“ hätte keinen anderen – und besseren! – Titel verdient gehabt, während Frontmann Richard Phethean in einer dezent an Depeche Mode-Fronter Dave Gahan erinnernden gewaltigen Stimmlage von der jähen Vergänglichkeit der Jugend singt: „And before you know, you’re getting old / And losing touch / But life keeps marching on and on, and you’re hung up on things you haven’t done / And all now you have are regrets, and you’re heavy with emotional debts / To the ones you love“ – ein düsterer Funke in einem Meer aus Träumereinen. Apropos „Träumereien“: in eben jenen darf der Hörer im sechsminütigen, Sigur Rós in den Indierock verschleppenden „Idolatry“ ausgiebigst baden, bevor Phetheans Gesangszeile „I can’t build these statues anymore“ gen Himmel entschwindet. Das Doppel aus dem einmütigen, atmosphärischen Instrumentalstück „Send News“ und „Books“, bei welchem erneut – textlich – naturwissenschaftliche mit philosophischen Motiven („I’ve wandered this library for years now / Killing time whilst time slowly killed me / But I know / Time, time is precious / And time will forget us“) und – musikalisch – die isländischen Post Rock-Heroen mit modernem britischem Indierock hervorragend unter einen Hut gebracht werden. Der abschliessende Neunminüter „Murmurations“ setzt zuerst mit einem befremdlich wie stoisch im Hintergrund pumpendem Beat und einsamen, sanften Gitarren ein, steigert sich im Verlauf jedoch  in einen beinahe rauschhaften Full-Band-Zustand, an dessen Spitze ein aus etwa vierzig Freunden, Familienangehörigen und Fans bestehender und in der örtlichen Grundschule aufgenommener Chor die (fast) letzten Zeilen von „Everything Touching“ singt: „Stay with me, for just a while / Hold me close, confirm my denial / You’re all I have, you’re all I need / Settle now, you’re something to believe“. Das Album läuft sanft aus, bis nur noch von fern eine friedvolle Kinderstimme trällert…

Tall Ships-Press shots 29-05-11

Tall Ships schaffen auf ihrem Langspiel-Erstling „Everything Touching“ eine 44 Minuten andauernde dichte Indierock-Atmosphäre, die in Momenten mit (An)Zug an die Landsmänner Foals, die Schotten von We Were Promised Jetpacks oder die US-Mathrocker Battles erinnert, während der Hörer bei den gelegentlichen melancholischen Ruhepolen hingegen nicht selten an Wintersleep oder Sigur Rós denken muss. Dabei bauen Richard Phethean & Co. jedoch keineswegs auf dumpfen Ripoff-Sand, sondern verzieren diese musikalischen Eckpfeiler mit klugen, tiefgründigen Texten und ausreichend Eigenständigkeit und Abwechslungsreichtum, um sich eine gute Zukunftsperspektive zum soeben angesetzten „großen Sprung“ zu erabeiten, denn die Band spielte etwa kürzlich beim renommierten US-Festival „South By Southwest“ und befindet sich gerade auf ausgedehnter Tournee. Und auch wenn Tall Ships die auf den Bühnenbrettern der Maastrichter Muziekgieterij dargebotene Live-Energie (noch) nicht ins Studio und das – nichtsdestotrotz ausgesprochen formidable – Debüt „Everything Touching“ transportieren konnten, so steht eines doch fest: mit diesen Briten ist in Zukunft zu rechnen! Und: ich liebe Zufallsbekanntschaften!

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Wie (fast) immer lässt euch ANEWFRIEND nicht ohne Hörproben im Regen (den man beim gerade zart aufkeimenden warmen Wetter nun wirklich nicht nötig hat!) nicht ohne Hörproben stehen und bietet euch hier das komplette Album im Stream…

…sowie die 2011 veröffentlichte Vorab-Single „Hit The Floor“…

 

…und die Videos zum Albumopener „T=0″…

 

…dem energetischen „Gallop“…

 

…sowie dem selben Song in einer reduzierten ‚Outdoor Acoustic Session‘-Variante…

 

…und als Teil der letztjährigen Session von Tall Ships in den ehrwürdigen „Maida Vale“-Studios der BBC:

 

Rock and Roll.

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Maastricht rockt (wenn auch selten)! – so war das „Bruis at the Docks“…


Bruis At The Docks

Da kandidiert Maastricht doch tatsächlich gemeinsam mit den umliegenden holländischen, belgischen und deutschen Regionen (zusammengefasst unter dem Terminus „Euregio Maas-Rhein“) als Europäische Kulturhauptstadt 2018! Sowas… Denn seien wir einmal ehrlich: was hat das limburgische Städtchen, das sich da so beschaulich im Dreiländereck räkelt, denn kulturell zu bieten? Okay, die etwa eintausendjährige Stadtgeschichte, der von zwei Weltkriegen nahezu verschont gebliebene historische Stadtkern, die vielen Kirchen – all das mag für Touristen recht interessant sein. Okay, die jährlich stattfindenden André Rieu-Festspiele mögen zu ziemlich jedes Rentnerherz höher schlagen lassen, denn immerhin ist der bräsig dauergrinsende Violinist, neben dem Weltklasseschwimmer Pieter van den Hoogenband, der wohl bekannteste Sohn der Stadt. Aber was hat Maastricht denn aus rein musikalischen Gesichtspunkten derzeitig für jemanden unterhalb der Rentenschwelle zu bieten? Genauer: jemandem, der eben nicht dem ansässigen internationalen Studentenmob in die zwei, drei 08/15-Diskotheken der Stadt und Region folgen mag? Gut, da gäbe es sicherlich eine handvoll Jazz-Kneipen, die ab und an zum stilvoll abgehangenen Easy Listening einladen. Aber sonst? Meist tote Hose!

Da ist es doch umso schöner, wenn der nach gehobener gitarrenlastiger Unterhaltung dürstende Musikfreund im Rahmen des derzeitig etwa halbjährlich stattfindenden „Bruis“-Festivals die Gelegenheit bekommt, wenigstens für ein paar Stunden innerhalb Maastrichts seinem „Rausch“ zu frönen, auf mehreren Bühnen Konzert um Konzert mitzunehmen und einige neue Eindrücke zu gewinnen. Und während die letzte Festivalausgabe noch an einem Sommerwochenende draußen unter freiem Himmel stattfand, gab es nun das „Bruis at the Docks“ unterm Fabrikdach sowie im Zelt. Verteilt auf zwei Tage bekamen die Besucher der örtlichen Muziekgieterij in der Timmerfabriek 18 Musikformationen geboten, welche im stündlichen Wechsel das bewusst recht schmucklose Ambiente beschallten. Und da das „Bruis“ nun eben weder das traditions- und namenhafte „Glastonbury“ noch das „Roskilde“ ist, wurden vor allem holländische und belgische Bands eingeladen, sich in diesem Rahmen vorzustellen, und das Line-up um international bekannte Bands wie I Am Kloot, Fidlar oder The Van Jets ergänzt. Dass für mich am Ende eine Band aus dem niederländischen Utrecht das wahre Samstagshighlight war (und somit gar die von mir heiß geliebten I Am Kloot ausstach), dürfte nur für die Gesamtqualität des „Bruis at the Docks“ sprechen…

Doch von Anfang an: mit einem 40-Stunden-Job im Rücken war es mir leider nicht möglich, mit dem Freitag auch den ersten Tag des „Bruis at the Docks“ mitzunehmen. Und da I Am Kloot (ich erwähnte es bereits: seit Jahren heiß geliebt) erst am darauf folgenden Samstag auf den Bühnenbrettern stehen sollten, entschied ich mich für ein relativ entspanntes Eintagesticket. Als wir um etwa 15.30 Uhr an der lediglich einen kurzen Fußmarsch von Maastrichts Stadtzentrum entfernten Timmerfabriek ankamen, war der zweite Festivaltag bereits in vollem Gange. Das erste Konzert-Bier in der Hand, sahen wir dem aus Utrecht stammenden Quartett Mister And Mississippi beim Soundcheck zu. Klingen interessant, die drei jungen Herren und eine Dame? Klingen vielversprechend! Ein Intro mit zwei Mini-Schlagzeugen, vom Geigenbogen gespielter E-Gitarre (Jimmy Page! Sigur Rós!) sowie heftig angeschlagener Akustischer! Mehrstimmiger Harmoniegesang, der mal an die Fleet Foxes gemahnte, oft an die jungen Geschwister von Mumford & Sons, und noch häufiger an die Isländer von Of Monsters And Men! Weiblich-männlicher Wechselgesang, der mich gar an Zeiten erinnerte, als Damien Rice und Lisa Hannigan noch gemeinsam Balsam um Hörerohren strichen (und das ist – aus meiner Tastatur – als großes Kompliment zu verstehen)! Mister And Mississippi – das selbstbetitelte Debütalbum ist seit wenigen Wochen auf dem Markt, den Namen sollte man sich verdammt noch eins merken!

Dass es die darauf folgenden Formationen angesichts dieser Vorlage schwer haben würden, mich noch mehr zu beeindrucken, ist durchaus verständlich. Doch nichtsdestotrotz wurde man als Zuschauer weiterhin glänzend unterhalten. Egal, ob nun von den belgischen Sir Yes Sir, die mit einer höchst affektiert agierenden Rampensau von Frontmann und Melodien à la dEUS zu glänzen wussten, oder dem an die Fleet Foxes oder Grizzly Bear erinnernden, seit 2010 bestehendem Folker-Sextett Dan San (ebenfalls aus Belgien), welches zwar musikalisch in eine ähnlich wohlige Kerbe schlug wie Mister And Mississippi, dabei jedoch etwas weniger Eindruck hinterließ. Dass Headphone (auch aus Belgien!) große Radiohead-Fans sind, dürfte außer Frage stehen. Dass ihre Songs genau dann, wenn sie Thom Yorke & Co. mit dezenten elektronischen Einschüben klanglich nacheifern (stylistisch etwa zwischen „The Bends“ und „Hail To The Thief“), dürfte ebenso klar sein. Denn bei Versuchen, sich mit Songs der zwei bereits erschienen Alben etwa in Richtung der Lederjackenrocker vom Black Rebel Motorcycle Club zu bewegen, wurde es dann doch etwas arg beliebig. A propos beliebig: BRNS aus – ja, ratet mal! – Belgien richteten sich mit zwei kompletten Schlagzeugen, einem massiven Keyboard und einer Gitarre im Halleninneren ein, begannen eindrucksvoll druckvoll, legten funky Beats über in Höhen schwingenden Gesang über Gitarrenfiguren über Elektronikloops, ließen Schlagzeugrhythmen einander doppeln – an den besten Stellen erinnerte all das an eine Fugazi-Ausgabe der Foals, meisten rauschte all das in seiner Hektik einfach nur am Ohr vorbei. Und wurde erst im letzten Song wieder großartig, als die vierköpfige Band noch einmal alles aus sich herausholte. Mein Wunsch: BRNS sollten versuchen, die live zur Schau gestellte Wucht auch auf ihre Alben zu transportieren, denn das aktuelle „Wounded“ klingt dann doch arg enttäuschend austauschbar. A propos beliebig, Teil zwei: The Van Jets sind: gitarrenorientierte Partyunterhaltung mit extrem hohem Fremdschämfaktor, einem albernen Frontmann, einem noch alberneren Bassisten. Langweilig, ereignisarm – zumindest für mich. A propos beliebig, Teil drei: Sungrazer machen mit ihrem Psycheldelic-Stoner Rock bereits seit 2009 die heimischen Niederlande unsicher. Ihr Problem, bei aller technischer Perfektion: sie kommen damit mindestens 15 Jahre zu spät… Und, zu meinem leichten Entsetzen: beliebig, Teil vier: John Bramwell und Band hätten zwar aus I Am Kloots ausgezeichnetem Sechs-Alben-Backkatalog, und damit aus den Vollen schöpfen können, doch irgendwie spielte die aus dem englischen Manchester stammende Gruppe, trotz – zumindest nach Außen – ausgezeichneter Stimmung mit ihren Pubrock-Weltumarmungshymnen tendenziell am beständig quatschenden Publikum vorbei und erreichte nur in wenigen Momenten – wie etwa bei „Hold Back The Night“ oder der Zugabe „Proof“ – wirklich die Hörerherzen. Und, welch‘ Sakrileg: mein persönliches Lieblingsstück „From Your Favourite Sky“ stand zwar auf der Setlist, klang jedoch nur bei Soundcheck kurz an! Da wäre für und von I Am Kloot deutlich mehr drin gewesen… Leider.

Da uns nach über acht Stunden Musik nicht mehr der Sinn nach dem Skateboard-Punkrock von Fidlar stand, traten wir um kurz nach Mitternacht den Heimweg an. Fazit: „Bruis at the Docks“ war eine rundum feine Sache. Und gerade in einer nicht eben als Konzerthochburg verschrieenen Stadt wie Maastricht eine gelungene Abwechslung… Gern wieder!

 

Zum Schluss noch ein Konzerttipp, denn am 30. April legen die zu recht hochgelobten Villagers, die auf ANEWFRIEND mit ihrem zweiten Album „Awayland“ unlängst das „Album der Woche“ ablieferten, einen Tourstop in den Hallen der Maastrichter Timmerfabriek ein. Unbedingt ansehen! Ich bin definitiv dabei.

 

Hier kann man sich den Song „Running“ vom kürzlich erschienenen Mister And Mississippi-Debütalbum anhören und bei Gefallen auch kostenfrei herunterladen…

 

…oder sich einen Sessions-Mitschnitt des Stückes „Northern Sky“ zu Gemüte führen…

 

…und das Video zum I Am Kloot-Song „Hold Back The Night“, welcher ein der wenigen Highlights des leider recht mittelmäßigen Festivalauftritts war, ansehen:

 

 

Natürlich hat ANEWFRIEND auch wieder die ein oder andere optische Festivalimpression für euch parat:

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(alle Fotos: ANEWFRIEND)

 

Rock and Roll.

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