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Kristofer Åströms „Hard Times“ – eine Hommage an den Alltag, eine Hommage an den Herzschmerz


Schwedens seit Jahr und Tag bestem, tollstem und (zumindest in meinem Hörerherzen) größtem Singer/Songwriter Kristofer Åström kann man nach beinahe drei Jahrzehnten als Musiker freilich nichts mehr vormachen, schließlich hat der ehemalige Fireside-Frontmann mit Album-Großtaten wie „Northern Blues„, „Leaving Songs„, „Loupita“ oder „So Much For Staying Alive“ den melancholischen Lonesome-Scandinavian-Cowboy-Folk mit all seinen herrlichen Schlenkern in Richtung Americana und Alt.Country längst und bis ins blutende Herzensmark für sich durchdekliniert. Und wenn der 46-jährige nordische Troubadour aus dem nordschwedischen Luleå seinen zehnten Solo-Langspieler „Hard Times“ nennt, geht es natürlich nicht um die verrückte Welt da draußen (schließlich entstanden die acht Stücke vor Corona), sondern einmal mehr um das Hadern mit der ollen Liebe.

Denn egal ob im Pop oder Folk – mit dem Liebeskummer ist es so eine Sache. Unzählige Male schon wurde in emotional-melancholischen Songs gelitten, getrauert, geschimpft. Aber genauso wie es weiterhin Liebeskummer geben wird, werden auch weiterhin Lieder darüber geschrieben – selten allerdings so überzeugend wie vom schwedischen Musiker mit dem markant zartdunklen Schmelz in der Stimme. Er wolle nicht der Notnagel sein, der einfach nur bis zur nächsten richtigen Beziehung gut genug ist, singt Åström schon im herausragenden Opener „Inbetweener„. Vor allem das Schlagzeug verleiht dem Stück dabei den nötigen Nachdruck. Und in „In The Daylight“ erinnert er sich an den 16-jährigen Kristofer, der am verabredeten Ort vergeblich auf sein Date wartet: „I hope that you can live with the scar that you gave me“. Ja, in unseren derzeitigen „Hard Times“ ist es natürlich ein willkommener Luxus, die Realitätsflucht in den Liebeskummer anzutreten zu können…

Nachdem Åström zuletzt – das jüngste Werk „The Story Of A Heart’s Decay“ erschien vor fünf Jahren – meist allein mit seiner Akustischen zu hören war, holte er sich für einige Songs von „Hard Times“ wieder seine vertraute Band ins Studio irgendwo im schwedischen Niemandsland, in den Wäldern von Värmland. So wechseln sich hier rein akustische und bandbegleitete Songs ab. Das Ergebnis ist auch ein klein wenig eine Reise zurück zu Åströms musikalischen (Solo-)Anfängen, weiß jedoch trotz der unterschiedlichen Dynamik immer zu berühren.

„Though the music on ‚Hard Time’s is not Country, it certainly has the feeling of it…“ (Kristofer Åström)


Er fand, die Songs bräuchten eine Band, wie der Singer/Songwriter in einem Interview erzählt. Diese Band habe er mit ein paar Freunden zusammengestellt, seitdem tourten und spielten sie zusammen. „Wir haben auch das vorherige Album ‚The Story Of A Heart’s Decay‘ zusammen aufgenommen. Deshalb wollte ich unbedingt, dass die ganze Band auch diesmal dabei ist. Aber es gibt ein paar Songs auf dem Album nur mit mir und einer Akustikgitarre.“

Unterstützung holte sich Kristofer Åström für dieses Album jedoch nicht nur von seinen Band-Buddies, sondern einmal mehr auch von Britta Persson, ihres Zeichens eine der besten und bekanntesten Indie-Folk-Musikerinnen Schwedens, die bereits vor etwa 15 Jahren im famosen „The Wild“ (vom Album „Loupita“) stimmlich aushalf. Dieses Mal singen die beiden im feinen „Another Love“ von der Hilflosigkeit, in die man verfällt, wenn sich der Partner in jemand anderen verliebt. “The sun don’t shine on me and the night won’t leave me be…” – Den Schmerz in ihren Stimmen kann man dabei fast spüren. (Sorgen muss man sich um den Musiker trotzdem nicht machen, wie etwa „Michelle“, welches zunächst lediglich auf einer dem Album beiliegenden limitierten Bonus-Vinyl erscheint, beweist. Dieser Song trägt den Namen seiner Frau, Åström spielte ihn bei ihrer Trauung.)

Während in den gut vierzig Minuten, wie im knapp achtminütigen, dezent an Neil Young gemahnenden Psychedelic-Abschluss „Night Owl„, ein ums andere Mal Verweise auf frühe Solo-Großtaten anklingen (da kann der Singer/Songwriter noch so oft dementieren, mit dem Album nicht wie früher klingen zu wollen), scheint der Albumtitel „Hard Times“ wie gemacht für eine Kurzzusammenfassung der vergangenen neun Monate. Doch Kristofer Åström versichert, dass der Titel bereits weit vor Corona feststand. Vielmehr habe er sich von dem amerikanischen Folksong-Klassiker „Hard Times Come Again No More“ inspirieren lassen: „Zuerst wollte ich das Album ‚Hard Times Come Again No More‘ nennen – als eine Art Anspielung auf den tagtäglichen Kampf, den jeder von uns durchmacht“, so Åström. „Und wenn ich mich umsehe und mit Freunden und auch anderen Menschen spreche, die ich treffe, merke ich: Jeder kämpft jeden Tag. Dieses Album ist also eine Art Hommage an den Alltag.“

Fakt ist: die Zeit gerade – und vor allem im nasskalt-trüben Herbst und Winter – ist an vielen Tagen für nicht wenige von uns verdammt beschissen, und für die meisten echt hart. Und deshalb sind Alben wie „Hard Times“ wie eine unverhoffte Begegnung mit einem lieb gewonnen Freund, den man zu lange aus den Augen verloren hat: eine nur allzu willkommene Fluchtmöglichkeit.

Hier kann man das Album in Gänze streamen:

…und eine Demo-Version des Openers „Inbetweener“ hören:

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Kristofer Åström – From Eagle To Sparrow (2012)

„Blonde On Blonde“ von Bob Dylan, „Sea Change“ von Beck,  „Album Of The Year“ von The Good Life, „Love Is Hell“ von Ryan Adams, „O“ von Damien Rice – die Liste großer, tränenschwerer  Trennungsalben ist lang. Kristofer Åström fügt nun mit seinem nunmehr neunten Soloalbum (plus vier EPs) namens „From Eagle To Sparrow“ ein weiteres hinzu.

Dabei ist die Welt im Album-Opener „For You“, welches durch Rhythmik und Mundharmonika-Begleitung an Bob Dylan erinnert, zwar von (Selbst)Zweifeln geprägt, aber scheinbar noch halbwegs in Ordnung: „How come you are staying with me? / How come you’re still here? / Am I the one that you can stand? / The only one you need?“. Doch schon im darauf folgenden „Queen Of Sorrow“ ist die Dame weg und es Åström selbst, der die Scherben der gescheiterten Beziehung und seines gebrochenen Herzens aufkehren muss: „Dear father, sweet sister / Mother, I still miss her / … / Is it worth to keep dreaming? / If the world will soon fall to pieces“. Nachdem der 38-jährige Schwede bei den Vorgängern „Sinkadus“ (2009) und „RainawayTown“ (2007) noch (s)eine Begleitband im Rücken hatte, nahm er nun „From Eagle To Sparrow“, bis auf kleinere Ausnahmen wie „Full Moon“, ein Fernduett mit Sandle Creek-Darling Maria Taylor, oder das sacht vorwärts stampfende „Taser Gun“, komplett allein auf – die sprichwörtliche Gesundschrumpfung „vom Adler zum Spatzen“ war wohl nötig. Insgesamt sucht Åström in den zwölf Songs weniger nach dem Warum – schließlich hat er bereits auf dem 2001 erschienen „Northern Blues“ eine ganz ähnliche Lebenssituation vertont – sondern mehr nach Wegen, um aus dem Seelentief mit möglichst wenigen Schrammen wieder heraus zu kommen. Klar hätte er es von Vornherein besser wissen sollen („I’m always looking for the heartbreaker to call my own / I’ve been waiting for the homewrecker to throw her stones“ – aus „Strong & Tall“), doch der hoffnungslose Romantiker („I’m a lover, I’m a fighter / I’m keeping my head above water“ – aus „Queen Of Sorrow“) kann halt nicht anders und befürchtet, dass er, allen Ablenkungsversuchen und Widrigkeiten zum Trotz, doch wieder vor der Tür der ehemals Angebeteten enden wird („Come summer, come standing outside your door“). Und klar weiß gerade Åström aus eigener Erfahrung, dass die eben geleckten Wunden irgendwann wieder heilen… Bleibt nur zu klären, wann („Your heart is torn / When will you come back?“).

„From Eagle To Sparrow“ ist beileibe kein weinerliches Album. In allen Songs steckt, neben all der Sentimentalität und Melancholie, auch ein großer Brocken Hoffnung auf einen Lichtstrahl am Ende des Herzeleidtunnels. „From Eagle To Sparrow“ ist ein tolles Singer/Songwriter-Album, Åströms wohl bestes Werk seit „Loupita“ (2004) und in seiner Gesamtheit auch eine Verneigung vor einem der großartigen Herzschmerz-Musiker aller Zeiten: Elliott Smith. Denn genau wie dieser schafft es Kristofer Åström, den Hörer mit einfachen Mitteln (sprich: meist nur mit Hilfe einer Akustikgitarre) zu fesseln und zu emotionalisieren. Beim Song „Can You Imagine?“ wagt der Schwede dann sogar wieder einen gesellschaftskritischen Blick vor die eigene Haustür, um im abschließenden „Forget About It“ den Seelenunrat zum Müll zu bringen. „Kopf hoch und Arsch in den Sattel“ sangen Jupiter Jones einst, was die schlussendliche Botschaft von Åströms neustem Werk treffend umreißt. Weiter geht es immer, den Weg muss jeder für sich selbst wählen. Bis dahin: Fick dich, Herzschmerz!
 
Hier könnt ihr euch den Song „Strong & Tall“ anhören:

 

Im März ist Kristofer Åström auf Deutschland-Tournee. Hier die Daten:
 
11.03.2012 Hamburg / Kunst
12.03.2012 Hannover / Mephisto
13.03.2012 Göttingen / Apex
14.03.2012 Bielefeld / Fallendem
15.03.2012 Bremen / Tower
16.03.2012 Lingen / Alter Schlachthof
17.03.2012 Köln / Gebäude 9
18.03.2012 Dortmund / FZW
19.03.2012 Saarbrücken / Garage
20.03.2012 Wiesbaden / Schlachthof
21.03.2012 Karlsruhe / Jupes
22.03.2012 Luzern (CH) / Schuur
23.03.2012 Freiburg / White Rabbit
24.03.2012 Konstanz / Kulturladen
25.03.2012 München / Ampere
26.03.2012 Nürnberg / Hirsch
27.03.2012 Halle / Objekt 5
28.03.2012 Dresden / Beatpol
29.03.2012 Berlin / Comet
30.03.2012 Greifswald / Cafe Koeppen
31.03.2012 Flensburg / Volksbad

 
Rock and Roll.

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