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Song des Tages: Niels Frevert – „Putzlicht“ (Candy Bomber Session)


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Ganze fünf Jahre hat sich Niels Frevert Zeit gelassen, um seinem letzten Album „Paradies der gefälschten Dinge“  ein neues Werk zur Seite zu stellen. Am vergangenen Freitag war es denn soweit – das „Putzlicht“ ging an. Was ist also zu erwarten von einem, der zeitwährends seiner nun fast dreißigjährigen Künstlerkarriere zwar (beinahe) stets vom Feuilleton hofiert und milde goutiert wurde, während auch 2019 auf Tournee noch immer die kleineren Indie-Schuppen bespielt werden (sprich: man getrost anderen beim schnöden Reibachmachen zusehen darf)?

niels-frevert-putzlicht-204272Zunächst einmal darf festgestellt werden: Nach zehn Studioalben, sieben nun davon als Solokünstler, hat sich Niels Frevert weiterentwickelt, und dabei sogar noch irgendwie elegant neu erfunden. Gerade im Vergleich zu den sieben und fünf Jahre zurückliegenden Vorgängern „Zettel auf dem Boden“ und „Paradies der gefälschten Dinge“ klingen die neuen Stücke deutlich offener, treibender, und auch textlich ist der Meister der herzerweiternden Wortgirlanden und heimlichen Hits konkreter und zugänglicher geworden. Man höre etwa die erste Vorab-Single „Leguane„: ein dunkel groovender Song, dem eine brummend verzerrte Elektrische sein melodiöses Hauptthema spendiert und so kraftvoll, groß und verheißungsvoll schimmern lässt. Oder „Immer noch die Musik„, dem ersten Titel nach dem Prelude, in welchem Frevert – zugegebenermaßen haarscharf an der Grenze zum Kitsch – die Halt gebende Wirkung von Musik in dunklen Zeiten besingt. Oder das Stück mit dem zweifelsfrei sperrigsten Titel der neuen Platte, „Ich suchte nach Worten für etwas, das nicht an der Straße der Worte lag“. Wie ebenjene 57 Buchstaben bereits erahnen lassen, handelt der Song (welcher in der Akustik-Variante sogar noch toller geraten ist) von seiner Schreibblockade und der damit verbundenen mühseligen Suche nach Worten für seine Texte. „Ich hatte das Gefühl, als hätte ich meine Sprache verloren„, blickt der mittlerweile 51-jährige Hamburger Liedermacher in einem dpa-Gespräch zurück. Fragt einer nach der schönsten Zeile des Albums, die gleichzeitig am besten verdeutlicht, wie verwundbar Frevert sich anno 2019 präsentiert? Der begegnet man in „Als könnte man die Sterne berühren„, bei dem der Liedermacher zu Trompeten-Klängen mit Nachdruck betont: „Man wird für seine Stärken bewundert, aber geliebt, geliebt wird man für seine Schwächen„. Diese Erkenntnis stamme von „einer Wahrsagerin„, die in seinen „Handinnenflächen“ gelesen habe. Manchmal kommt die Inspiration fürs Textliche also von ganz allein…

Das wohl größte Highlight des neuen Albums, bei dem mit Produzent Philipp Steinke (BOY, Revolverheld, Andreas Bourani, Bosse) jemand die Regler bediente, der eben auch haargenau weiß, wie man deutsche Popmusik perfekt in Szene setzt, ist jedoch „Putzlicht“, das titelgebende Stück. Während das Wort selbst jenen Augenblick umschreibt, wenn in jeder Disco, jeder noch so kleinen Spelunke früh morgens die gleißenden Lampen angehen und allem der letzte somnambule Restreiz geraubt wird, erzeugt der mit warmer Stimme vorgetragene Text melancholische Kopfkinoszenarien von den resttrunkenen ersten Stunden des Tages und aus Sicht des Heimgehenden, während Niels Freverts Begleitband – wie beim Großteil der neuen Songs – mit GitarreSchlagzeugBass und Bläsern gleichsam kraftvoll wie groß aufspielt. Feine Sache, das. Und irgendwie ja auch ein Heimspiel, schließlich gilt der frühere Nationalgalerie-Frontmann seit eh und ja als Spezialist für Party-Endszenarien.

Was also ist Frevert mit den elf neuen Stücken von „Putzlicht“ gelungen? Ein freundschaftlicher Verweis auf den ohnehin sehr oft – und genauso oft auch absolut zurecht – als Referenz herangezogenen großen Gisbert zu Knyphausen (die allgegenwärtige, Hoffnung schöpfende Melancholie im Text, der knackige Bandsound im Klang)? Mag man gern so sehen, obwohl man Frevert nach beinahe drei Karriere-Dekaden doch das ein oder andere Alleinstellungsmerkmal zugestehen darf. Ein großes Spätwerk, das an Wehmut ebenso wenig spart wie an Zuversicht und in manchem Moment Rückschlüsse auf das tolle 2008er Album „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ wagt? Dafür wäre der Norddeutsche mit seinen 51 Lenzen wohl noch etwas (zu) jung. Im Zweifel ist „Putzlicht“ einer der wohl besten und schönsten Deutsch-Pop-Platten des Jahres – mit dem Feuilleton als besten Kumpel und den Indie-Clubs als idealer Bühne.

 

 

—- Niels Frevert – „Putzlicht Tour“ 2019 —-

09.10.2019  Essen – Zeche Carl
10.10.2019  Köln – Clubbahnhof Ehrenfeld
11.10.2019  Frankfurt – Nachtleben
12.10.2019  Münster – Gleis 22
13.10.2019  Bremen – Radio Bremen
16.10.2019  München – Kranhalle
17.10.2019  Dresden – Scheune
18.10.2019  Berlin – Heimathafen
19.10.2019  Hamburg – Mojo Club

 

—- „Putzlicht akustisch Tour“ 2019 —-

02.12.2019  Freiburg – Jazzhaus
03.12.2010  Stuttgart – Im Wizemann Studio
04.12.2019  Augsburg – Soho Stage
05.12.2019  Ulm – Roxy
06.12.2019  Mannheim – Alte Feuerwache
07.12.2019  Hannover – Pavillon
08.12.2019  Oldenburg – Wilhelm13
09.12.2019  Leipzig – die naTo
12.12.2019  Rostock – Helgas Stadtpalast
13.12.2019  Magdeburg – Moritzhof

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Tex – „Ich will nicht mehr an dich denken“ (live auf der Schwarzfahrt)


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Christoph „Tex“ Drieschner geht eigentlich immer und ist bereits (fast) seit den Anfangstagen von ANEWFRIEND ein treuer Gast bei den „Songs des Tages“.

Heute mit „Ich will nicht mehr an dich denken“, einem Song aus der Feder des Kopfes hinter TV Noir, der erstmals vor zwei Jahren das Licht des Internets erblicken durfte – damals als Duett mit Ida Wenøe, in dieser (neuen) Version als Solo-Variante, welche im Sommer diesen Jahres während einiger Shows von Tex und dem befreundeten Liedermacher Matze Rossi in „der bayerischen Idylle“ aufgenommen wurde (die beiden tauften den von fritz-kola gesponserten „musikalischen Roadtrip“ folgerichtig „Schwarzfahrt“)…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Ezé Wendtoin – „Sage Nein!“


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Over twenty years gone, still the same ol‘ song… – Im Jahr 1993 rief der Liedermacher Konstantin Wecker in seinem Lied „Sage Nein!“ dazu auf, sich gegen Diskriminierung zu wehren (übrigens im selben Jahr, als auch der ähnlich gelagerte Ärzte-Evergreen „Schrei nach Liebe“ erschien). Der aus dem westafrikanischen Burkina Faso stammende Musiker Ezé Wendtoin, der auch mit Wecker befreundet ist, hat das Stück neu interpretiert – und bekam dafür bereits vor einigen Wochen viel Beachtung in den sozialen Netzwerken. „Das Lied hat eine kräftige Botschaft und passt zu diesen Zeiten“, sagte der 27-jährige Wahl-Dresdner, welcher schon 2018 mit Reinhard Meys „Sei wachsam“ ein ähnlich tolles wie wichtiges Stück bundesdeutscher Liedermacherkunst gecovert hat, der Deutschen Presse-Agentur in München.

Im dazugehörigen Musikvideo sind neben zahlreichen unbekannten Männern und Frauen unterschiedlicher Hautfarbe auch mehrere bekannte Gesichter zu sehen, die die Zeilen des Protestsongs mitsingen, während Wendtoins Stimme zu hören ist. Zu ebenjenen Gesichtern zählen etwa der Komiker Atze Schröder, die Schauspieler Frederick Lau und Kida Ramadan („4 Blocks“), Aktivist Raul Krauthausen, Viva-Legende Nilz Bokelberg oder Moderator Micky Beisenherz. Inzwischen wurde das Video auf Youtube schon mehr als 60.000 Mal aufgerufen und bei Facebook vielfach geteilt.

4015698843569.jpgDas Lied habe er in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, aufgenommen, erzählte Wendtoin. Sein Freund Christian Suhr habe die Idee zu dem Video gehabt und „die meiste Arbeit geleistet“ – zum Beispiel die Prominenten kontaktiert. Das Stück ist Teil von Wendtoins im Juli erschienenen Albums „Inzwischen dazwischen„, auf dem sich der vielseitige Liedermacher, Musiker, Schauspieler, Moderator und Märchenerzähler, der aus einer Trommler-, Pfarrer- und Schmiedefamilie in Burkina Faso stammt, sich in seiner afrikanischen Heimat in „die Sprache von Goethe“ verliebte und daher begann, Germanistik zu studieren, nicht nur stilistisch zwischen Chanson, Afro-Folk, Latino und westafrikanischen Rhythmen bewegt und sich Themen wie Fremdenhass, Nächstenliebe oder Umweltschutz widmet, sondern seiner sächsischen Wahl-Heimat mit „Dresden Daheeme“ sogar eine kleine, gleichsam trotzig-direkte wie positiv gestimmte Hommage spendiert (und in diesem Porträt etwas mehr über seine Liebe zur „Elbmetropole“ gesprochen).

Und Konstantin Wecker? Der in München aufgewachsene, seit eh und je unbeugsame deutsche Liedermacher, der – beinahe logisch – auch selbst im Video auftritt, zeigte sich begeistert von Wendtoins Cover. Sein Song sei „nun schon über 20 Jahre alt, und Sie können mir glauben, ich würde das Lied gerne in die Mülltonne schmeißen, wenn wir in einer Gesellschaft leben würden, in der es nicht mehr notwendig ist, gegen Diskriminierung, Rassismus und Faschismus anzusingen“, teilte der 72-Jährige der dpa mit. „In diesen gefährlichen Zeiten“ müssten Künstler aber „zusammenhalten und Farbe bekennen“.

 

91VWRuNdrtL._SS500_.jpg„Einigkeit und Recht und Freiheit für das kunterbunte Mutterland! Fürchtet Euch nicht! Traut Euch, ‚Nein‘ zu sagen! Ich hoffe durch dieses Video und die Beteiligung von vielen Menschen ein bisschen Mut und Funken Hoffnung an alle zu geben, die es zu diesen Zeiten brauchen. Ich denke an alle, die sich unermüdlich für die Freiheit, die Vielfalt, die Gerechtigkeit, die Demokratie in diesem Lande engagieren. Schweigen ist gerade nicht die Lösung. Jede/r muss etwas für eine bessere Zukunft tun. In ihrer/seiner engeren Umgebung, bei der Arbeit, auf der Straße, in der Familie, im Bus, im Freundeskreis. Überall! Jede/r muss mitentscheiden. Rassismus, Sexismus, Ungerechtigkeit, Chancenungleichheit und jede Art von Diskriminierung dürfen nicht mehr blind in unserer Gesellschaft zugelassen werden. Mischt Euch ein! Die Zukunft liegt an Dir, an uns allen! Danke an meinen Freund Konstantin Wecker für die Bereitschaft und die ständige Verfügbarkeit. Danke an alle Mitwirkenden. Danke an meinen Energizer Christian Suhr und an alle Musiker.

Gerne könnt Ihr für das Schulprojekt @Fondation Warc-en-ciel spenden, um Fluchtursachen zu bekämpfen und Kindern sowie jungen Frauen Perspektiven vor Ort zu schaffen: http://atticus-dresden.de/schulprojek… Ostsächsische Sparkasse Dresden IBAN: DE21 8505 0300 0221 1149 12 BIC: OSDDDE81XXX Verwendungszweck: Schulprojekt Burkina Faso Natürlich können Sie auf Wunsch von uns eine Spendenquittung erhalten. Aufgenommen im Dezember 2017 in Ouagadougou, Schlagzeug: , Gitarre: Erick Yelkouni, Keyboard: Aristide Nikiema, Bass-Gitarre: Juan Carlos de Zabs, Gesang und Arr.: Ezé Wendtoin, Abmischung, Samples, Zusatzaufnahmen: Arne Müller, Zusatzaufnahmen: Jean Marc Jeano Guiebré, Mastering: Andreas Lammel, GaBo: Andreas O. Loff, Text und Musik: Konstantin Wecker, Kamera/ Schnitt und Videoidee: Ze Suhr“

(Ezé Wendtoi)

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Enno Bunger – „Konfetti“


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Selbst wenn sich Enno Bunger in den letzten Wochen anlässlich seines am vergangenen Freitag erschienenen neuen Albums „Was berührt, das bleibt.“ öfter auf diesen bescheidenen Blog-Seiten wiederfand – ein vielleicht letztes Mal sei dem 32-jährigen Hamburger Indie-Pop-Pianisten definitiv noch gegönnt, denn: diese Platte ist, wie ich anhand der immerhin fünf vorab veröffentlichten Stücke „Bucketlist“, „Stark sein“, „Ponyhof“, „Konfetti“ und „Kalifornien“ (gibt’s weiter unten) bereits vermutet und gehofft hatte, in der Tat schon jetzt eine der besten, da bewegendsten deutschsprachigen Veröffentlichungen des Musikjahres. Und auch Bunger selbst meint: „Ich kann, will und werde wohl nie wieder ein solches Album schreiben.“

60346108_10157507537598783_1118283628451725312_oDass „Was berührt, das bleibt.“ dabei ebenso wohlwollende Rezensionen wie Schnellschuss-Verrisse einheimst, liegt wohl in der Natur der Sache, schließlich war es bei „großer Kunst“ (dieses Siegel verleihe ich der Platte an dieser Stelle mal eben) schon immer so, dass ebendiese polarisiert. Und am Ende darf sich jede(r) nur allzu gern selbst durch die elf Stücke, in denen sich der vielseitige Liedermacher so persönlich wie nie präsentiert, hören. So oder so: es lohnt sich, denn auch ich hatte lange nicht mehr so viele Tränen im Knopfloch, so viele Wellen Gänsehaut innerhalb eines dreiviertelstündigen musikalischen Platten-Erstkontakts…

Und wer schon nicht mir Glauben schenken mag, dem sei an dieser Stelle gern die nicht minder euphorische Review des ebenfalls nicht selten großartigen Bunger’schen Liedermacher-Kollegen Wolfgang Müller ans Herz gelegt, die dieser unlängst via Facebook ins weltweite Netz entließ, denn bessere, passendere Worte habe auch ich nicht für das tolle „Was berührt, das bleibt.“, dessen Titel gleich doppelt zu bejahen ist. Gänsehaut. Nachhall. Der Rest ist hören. Danke dafür, Enno. ❤️

 

„HERZRASEN UND GÄNSEHAUT
Mit seinem neuen Album ‚Was berührt, das bleibt‘ rettet Enno Bunger die Seele des Indie-Pop. Und vermutlich sich selbst dazu.

Es passiert nicht oft, dass ich ein Album höre und nach spätestens drei Stücken ausmachen muss – nicht, weil es so furchtbar wäre, sondern weil ich die Dichte und Intensität nicht ertrage. Bei ‚Du kannst mich an der Ecke rauslassen‘ von Niels Frevert war es so, bei ‚0‘ von Damien Rice. ‚Boxer‘ von The National. Musik, die man in Zeit auflösen muss, damit man sie verdauen kann. Und jetzt also Enno Bunger. ‚Was berührt, das bleibt‘ heißt seine neue Platte, und ganz offensichtlich ist dieses Gesetz keine Einbahnstraße – das, was da geblieben ist, geschnitten in orangenes Vinyl, 44 Minuten in 11 Songs, berührt nicht nur, es trifft einen als Hörer bis ins Mark. Selten, sehr selten, bereitet mir Musik Herzrasen. Diese hier tut es.

Dabei fängt alles so harmlos an. ‚Kalifornien‘, der Opener des Albums, kommt als fröhlicher, unschuldiger Aussteiger-Song daher. Doch bereits hier, in den ersten Zeilen, zeigt sich, woraus die Texte geschnitzt sind – aus einfachen Bildern, die gekonnt zu eindringlichen Geschichten geflochten werden. Enno Bunger schafft es, Allgemeinplätze so übereinander zu legen, dass sie aussehen wie exotische Orte. Das Ergebnis erscheint dabei manchmal so naheliegend, dass man sich fragt, wieso niemand vorher darauf gekommen ist. ‚Zeit ist Geld, wir werden so reich geboren‘ wäre so ein Satz. ‚Du wünschst dir für die Zukunft die Vergangenheit zurück‘ ein anderer. ‚Mit dir in meinen Armen hab‘ ich mein Leben im Griff.‘ noch einer. Ich könnte zwei Seiten mit Zitaten aus den Songs vollschreiben, und jedes Einzelne wäre es wert, doch all das erklärt nicht die Magie des Albums. Andere Künstler, deren Namen hier gnädig hinter dem Vorhang gehalten werden sollen, schaffen ebenfalls schöne Bilder mit teils witzigen Wortspielen und eingängigen Melodien. Und trotzdem gähnen diese Songs vor Leere und Belanglosigkeit, während sich bei Enno Bunger, der Teile des Albums in Zusammenarbeit mit seiner Freundin und Musikerin Sarah Muldoon geschrieben hat, ein Garten voller Gefühle öffnet. Spätestens bei ‚Konfetti‘, einem Lied über die verstorbene Freundin seines Schlagzeugers und besten Freundes Nils Dietrich (dem mit ‚Ponyhof‘ ein eigenes Denkmal gesetzt wurde), offenbart sich ein offenes Geheimnis aufs Neue: Schöne Sätze reichen nicht. Nur wer wirklich etwas zu sagen hat, und dann noch die richtigen Worte findet, kann etwas schreiben, was die Seele berührt. Und berühren tut es. Wem nach ‚Konfetti‘ keine Tränen in den Augen oder auf den Wangen glitzern, hat keine Ohren oder kein Herz. Vergleiche verbieten sich in der Musik, aber im Olymp der Totenklagen sitzt ‚Konfetti‘ direkt neben ‚Seltsames Licht‘ von Gisbert zu Knyphausen und ‚Der Weg‘ von Herbert Grönemeyer.

‚Glaube an die Welt‘ (das ironischerweise an den letztgenannten Song erinnert) trägt die Fackel weiter in ein leeres Zimmer voller Fragen an den Sinn und Unsinn dieser Welt. ‚Wolken aus Beton‘ wiederum reißt das Fenster zur Zukunft auf. So wie das ganze Album schwankt das Lied wie ein kleines Boot zwischen Wut, Trotz und Zuversicht auf einem tosenden Meer aus Traurigkeit. Ab und zu bricht die Sonne durch die Wolken, der Wind flaut ab, und für einen kurzen Moment herrscht Frieden. Doch schon gleich darauf erlischt das Licht, und die nächste, haushohe Welle stürzt hinab und zerreißt das Segel. Man ahnt, man schmeckt wie Salzwasser, wie die letzten Jahre für Enno Bunger und die, die er liebt, gewesen sein müssen. Es spricht eine Dringlichkeit, eine Präsenz und eine Klarheit aus den Liedern, die nur jemand haben kann, der weiß, was es bedeutet, jemanden für immer zu verlieren. Und daher auch weiß, worum es am Ende des Tages wirklich geht.
Jedes Lied auf diesem Album hat eine Botschaft, eine Geschichte, einen festen Platz, ein Geburtsrecht auf Zuhörerschaft. Selbst ‚Niemand wird dich retten‘, das jedes Klischee von Superhelden-Geschichten zitiert und Computerspiel-Bilder bemüht, und es zudem noch wagt, nach Ingo Pohlmann ein Yoda-Zitat in einem Song zu verwenden, erzeugt Gänsehaut, weil man spürt, dass hier jemand jedes Wort genauso meint, wie er es sagt, und die Bedeutung des Satzes ‚Niemand hier kann dich retten, niemand außer dir selbst‘ wirklich begriffen hat.

Musikalisch wandert Enno Bunger zwischen Balladen und Indie-Pop – und darüber hinaus: ‚One-Life-Stand‘ könnte auch ein Casper-Song sein, Kalifornien treibt einen Tomte-artigen Beat vor sich her, bei ‚Stark sein‘ zwitschert beim Hören des Refrains ‚Angel‘ von Robbie Williams dazwischen, die Farbe der Stimme erinnert bisweilen an Gisbert zu Knyphausen, aber all das tut der Originalität keinen Abbruch. Auch hier schafft es Enno, aus Bekanntem etwas Neues, Eigenes und Kraftvolles zu formen, so, wie das Kunst in seiner besten Form tut.

Während viele bekanntere Indie-Musiker sich mit immer seichteren und gefälligeren Songs langsam aber sicher dem Indie-Schlager nähern, um ein Stück vom Kuchen des Mainstream-Musikmarktes zu ergattern, hat Enno Bunger den Mut gefunden, ein zutiefst persönliches und authentisches Album zu schreiben, ein wahrhaftiges Stück Musik zu erschaffen, und darin nach eigenen Angaben fast seine gesamten Ersparnisse zu versenken. In Zeiten, in denen man mit physischen Tonträgern kaum noch Geld verdienen kann, und auf große Klickzahlen bei Spotify und Co angewiesen ist, um zu überleben, ein großes Risiko. Dass die Lieder trotz der Ernsthaftigkeit fast allesamt Ohrwürmer sind, macht da viel Hoffnung und tut ihrer Tiefe keinen Abbruch, im Gegenteil. ‚Was berührt, das bleibt‘ gehört dem Streaming zum Trotz fraglos in jede Vinyl- oder CD-Sammlung. Damit das, was berührt, auch dann noch bleibt, wenn es längst keine Playlisten mehr gibt. Mit diesem Album hat Enno Bunger die Seele des Indie-Pop gerettet, und vermutlich sich selbst dazu. Dafür kann man sich nur verneigen, Konfetti werfen und Applaus klatschen. Hiermit geschehen.“

(Wolfgang Müller)

 

Hier kann man sich den Kurzfilm aus allen fünf Musikvideos zu „Was berührt, das bleibt.“ in der von Enno Bunger bestimmten Reihenfolge zu Gemüte führen:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Faber – „Das Boot ist voll“


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Bild: Facebook

Eine gefühlte Ewigkeit hat’s gedauert, nun jedoch meldet sich Faber endlich zurück: Nachdem er bei Konzerten in diesem sowie dem vergangenen Jahr schon einige neue Stücke gespielt hat, zieht der 26-jährige Schweizer Liedermacher jetzt mit der überfälligen Album-Ankündigung nach. So wird “I Fucking Love My Life”, der Nachfolger des 2017er Langspiel-Debüts “Sei ein Faber im Wind” (seinerzeit völlig zurecht ANEWFRIENDs „Album des Jahres„) am 1. November erscheinen.

das-boot-ist-vollUnd bereits bei der ersten Single aus dem neuen Werk – dieses Stück dürfte Konzertbesuchern nicht gänzlich unbekannt sein – hält sich Julian „Faber“ Pollina, Sohn des italienischen Liedermachers Pippo Pollina, einmal mehr kaum mit klugen Anspielungen und provokant-politischen Aussagen zurück und verdient sich das Explicit-Label ebenso bewusst wie eindeutig: Bühne frei für “Das Boot ist voll” und das dazugehörige Musikvideo!

Und: Der talentierte Schweizer hat sich für die Vorbesteller seines neuen Albums etwas Besonderes ausgedacht: Wer hier ordert, bekommt das Album auf Vinyl und CD, ein eigens erstelltes Faber-Gossip-Magazin sowie ein Ticket für die Release-Tour in intimer Atmosphäre. Für die Konzerte, die zwischen dem 3. November und 9. Dezember stattfinden werden, kann man auf keinem anderen Weg Tickets kaufen (was bedauerlicherweise die berechtige Frage aufwirft, wieso alle, die mit einer weiteren Person teilnehmen wöllten, dann gegebenenfalls das Gesamtpaket doppelt und dreifach bestellen müssten).

Nichtsdestotrotz: Willkommen zurück, Faber! Deine musikalischen fiesen Spitzen werden auch 2019 kaum weniger wichtig sein als noch vor zwei Jahren…

 

 

„Früher war auch nicht alles schlecht
Das sieht man an der Autobahn
Ihr wärt auch traurig, gäbe es keinen Volkswagen
Wolfsburg – Geniestreich
Logisch denkt man da manchmal zurück ans Dritte
Das mit den Juden
Das muss man erst beweisen
Den Scheiß aus den Geschichtsbüchern muss man dir nicht zeigen
Du lässt dich nicht für dumm verkaufen
Wie schlau von dir

‚Das Boot ist voll!‘ schreien sie auf dem Meer
‚Ja, das Boot ist voll!‘ schreist du vor dem Fernseher

Wer schneller glaubt, wird schwerer klug
Das weißt du schon lang
Drum traust du keinen Medien in diesem Scheißland
Asylzentrum
Oops, das Haus brennt
Mal sehen wer hier am schnellsten
Am schnellsten rausrennt
Die wollten dich für dumm verkaufen
Aber nicht mit dir

Besorgter Bürger‚ ja
Ich besorg’s dir auch gleich
Geh auf die Knie, wenn ich dir meinen Schwanz zeig‘
Nimm ihn in den Volksmund
Blond‚ blöd‚ blau und rein

Besorgter Bürger, ja, ich besorg’s dir auch gleich

‚Jedem das Seine‘
Ja, das seien weise Worte
Haben die kein Brot zu essen?
Warum essen die nicht Torte?
Niemand ist mehr ehrlich
Nur der Horst hat dich nicht angelogen
Zu seinem Geburtstag werden sie alle
Alle abgeschoben

Du fühlst dich nicht mehr wohl in deiner Haut
Und manchmal auch allein
Ja‚ fremd im eig’nen Land
Ich fühl mich nicht mehr wohl in meiner Haut
Und manchmal auch alleine
So fremd wie du war mir noch keiner

Besorgter Bürger, ja
Ich besorg’s dir auch gleich
Geh auf die Knie wenn ich dir meinen Schwanz zeig‘
Nimm ihn in den Volksmund
Blond, blöd‚ blau und rein

Besorgter Bürger, ja, ich besorg’s dir auch gleich…“

 

Rock and Roll.

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