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Song des Tages: Enno Bunger – „Weiter so!“


“Weiter so!” heißt der satirische Song, mit dem Enno Bunger die aktuelle Politik kommentiert – und ganz unironisch zur am kommenden Wochenende anstehenden Bundestagswahl aufruft. Geschrieben hat der Hamburger Singer/Songwriter, dessen letztes Album „Was berührt, das bleibt.“ 2019 erschien, das Lied gemeinsam mit Sarah Muldoon und Roland Meyer de Voltaire. In der Nacht zum Dienstag wurde zudem das dazugehörige Musikvideo veröffentlicht.

“Weiter so! Für mehr Seil- statt Wissenschaft! Weiter so! Artenschutz nur für den DAX! Weiter so! Was kümmert das den Staat? Das mit dem Klima, das regelt schon der Markt!”, singt Enno Bunger in dem gerade einmal etwas mehr als zwei Minuten kurzen Stück unter anderem und parodiert dazu so einige Partei-Slogans. Allen augenzwinkernden Zeitgeist-Kommentaren zum Trotz folgt am Ende (s)ein völlig ernst gemeintes Statement mit Blick auf die Bundestagswahl am 26. September: “Geht wählen!”

Freilich macht der Sänger, Pianist, Komponist und Produzent – wie viele seiner Musikerkollegen auch – keinen Hehl aus seiner Zuneigung zu den Grünen. So trat er am Montag im Rahmen einer Wahlkampfveranstaltung von Robert Habeck in Hamburg auf. Zudem veröffentlichte er auf YouTube unter dem Musikvideo ein Zitat der Politökonomin und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin Maja Göpel:

Wenn die CEOs und wirtschaftlichen Entscheider dieser Republik und der Welt inzwischen sagen: von den Top 6 globalen Risiken sind 5 ökologisch und das sechste Massenvernichtungswaffen, dann ist doch einfach die Zeit vorbei, wo man darüber reden muss, ob jetzt Ökologie etwas kosten darf.“

Und ganz gleich, wie man sich selbst am Ende politisch positionieren – und zu einer Partei wie etwa den Grünen stehen – mag, so darf man sich gern den ein oder anderen Gedanken aus „Weiter so!“ zu Herzen nehmen (und noch lieber mal durchs Haupthirn wandern lassen). In einem Punkt dürften wir uns jedoch alle einig sein: “Geht wählen!”

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Gisbert zu Knyphausen & Kai Schumacher – Lass irre Hunde heulen (2021)

-erscheint bei Neue Meister/Edel-

Es sind zuweilen die puren Zufälle, die große Projekte möglich machen. Gisbert zu Knyphausen beispielsweise, einem der zweifellos besten deutschen Musiker unserer Zeit, wurde einst in einer alkoholreichen Silvesternacht ein Lied von Franz Schubert vorgesungen. Das Stück blieb in seinen Ohren und dürfte Jahre später dabei mitgeholfen haben, bei einer Idee des Musikerkollegen Kai Schumacher nicht gleich abzuwinken. Der nämlich hatte sich in das Werk Schuberts hineingehört und eine Neuinterpretation ins Auge gefasst. Schumachers Wunschsänger für die Stücke des Komponisten: ausgerechnet Gisbert zu Knyphausen. „Lass irre Hunde heulen“ ist nun das auf Konserve gebannte fulminante Ergebnis dieser Zusammenarbeit, welches immerhin zehn der insgesamt über 600 Lieder des Österreichers im modernen Gewand bereithält.

„Die Schubert-Lieder gehören für mich mit zum Schönsten, was das 19. Jahrhundert an Musik hervorgebracht hat. Allerdings geht für mich bei klassischen Liederabenden die Unmittelbarkeit der Lieder verloren. Das ist mir oft zu artifiziell. Der klassische Sänger verkörpert auf der Bühne eine Rolle – perfekte Intonation und Werktreue sind oft wichtiger als Gefühl und Intention. Ich war schon immer neugierig wie es klingt, wenn jemand da ganz ungekünstelt rangeht, ohne klassische Etikette und die Lieder unvoreingenommen zu seinen eigenen macht. Dieser Sänger musste dabei eigentlich von Anfang an Gisbert zu Knyphausen sein.“ (Kai Schumacher)

Als mich Kai fragte, ob ich Lust auf dieses Projekt hätte, das zunächst nur als reines Konzert in Duisburg und beim Reeperbahn Festival Hamburg angelegt war, dachte ich gleich: ‚Toll, das will ich unbedingt ausprobieren!‘ Auf dem Flohmarkt hatte ich mir früher mal eine Platte mit Schubert-Liedern gekauft, aber so richtig war der Funke damals nicht übergesprungen. Eine erste Ahnung von der Schönheit des Kunstliedes bekam ich, als mir eine Freundin am Ende eines sehr betrunkenen Silvesterfestes den ‚Leiermann‘, gesungen von Dietrich Fischer Dieskau, vorgespielt hat und wir beide sehr ergriffen davon waren. In den Katertagen danach habe ich mir dann die gesamte ‚Winterreise‘ reingezogen. Nach Kais Anfrage habe ich mich natürlich intensiver mit den Liedern beschäftigt, aber es dauerte zugegeben noch eine ganze Weile, bis mir die Lieder so richtig ans Herz gingen. Irgendwann hat es dann aber ‚Klick‘ gemacht und ich fing an, all die besonderen Momente zu entdecken: die großen Melodien, die kunstfertigen Harmoniewechsel.“ (Gisbert zu Knyphausen)

Franz Schubert, der im Alter von nur 31 Jahren starb, ist ein Vertreter der Romantik und war, wenn man so mag, der große Singer/Songwriter des 19. Jahrhunderts. Zu Lebzeiten stand er ein wenig im Schatten einiger namhafter Zeitgenossen wie Beethoven, Schumann, Mendelssohn-Bartholdy oder Brahms, was wohl auch daran gelegen haben dürfte, dass er nicht für die vornehmen Konzertsäle schrieb, sondern für kleine, private Kreise bei Wein und Zigarren. Gar nicht immer die ganz große Kunst, dafür vielmehr: ewige Melodien. Zudem sind viele Themen, die Schubert in seinen späten Liederzyklen anstimmt, alles andere als piefig-gestrig, sondern ganz und gar von heute, wohlmöglich sogar recht zeitlos: die Angst vor dem Unbehausten, die Sehnsucht nach Wärme und Menschlichkeit, der Widerstand gegen die starren Normen des Establishments. Wenn Gisbert zu Knyphausen also Schuberts Stücke neben seine eigenen stellt, dann werden die Parallelen sofort hörbar: Da ist eine tiefe Melancholie des Momentums, die beide Klangwelten verbindet, eine Schönheit, die unmittelbar aus dem Schmerz kommt. Da ist aber auch ein Hunger nach Leben, nach Freundschaft und Liebe, nach Rausch und Party. Wenn Gisbert vom „Taumel der Nacht“ singt, dann nimmt er einen mit – und schon ist man mittendrin in der Erlebniswelt der Romantik.

Nichtsdestotrotz ist es bemerkenswert, dass den Herren zu Knyphausen und Schumacher hier ein derart eindrucksvoller Spagat gelingt. Einer zwischen der Historie und der Gegenwart, denn die beiden geben sich nicht als bloße Kopisten der teilweise bestens aus Schulunterricht und Allgemeinbildungsmusestunden bekannten Vorlagen, sondern als selbstbewusste Interpreten mit Mut zu Neuerungen und vielen eigenen Ideen. Deutlich wird das gleich zum Auftakt mit den beiden Stücken „Gute Nacht“ und „Der Wegweiser“, welche beim Hören einen tiefen Eindruck, gelegentlich gar Gänsehaut hinterlassen und hineinführen in eine besondere Klangwelt. „Suche mir versteckte Stege“, singt zu Knyphausen und bringt damit auf den Punkt, was die Besonderheit ausmacht: nicht auf bekannten Pfaden zu wandern, sondern offen zu bleiben für Außergewöhnliches. Und je länger man an der Seite des Duos beseelt durch die zehn Songs gleitet und beschwingte Momente („Aufenthalt“) ebenso erlebt wie ganz und gar ruhige Passagen („Die Krähe“), desto mehr lässt sich trotz der klar in der Vergangenheit liegenden Wurzeln dieser Musik behaupten: Das ist Gisbert zu Knyphausen pur! Und in noch einer Erkenntnis scheinen sich Schubert und zu Knyphausen einig: Dass zu viel Selbstmitleid, zu viel Melancholie ja kein Mensch verträgt – so wird eine mögliche Wesensverwandtschaft in ihrer Art, Liebe und Trauer in der Musik zu verbinden, deutlich. In Liedern in Moll scheint plötzlich in völlig irrealem Dur Unwirkliches auf; in Dur-Liedern bricht im Gegensatz dazu ein trockenes, im Satz oft reduziertes Moll hinein. Im Glück die Trauer und in der Traurigkeit die krass schöne Utopie von Liebe und Geborgensein.

„Uns war bei der Songauswahl und den Arrangements die Balance wichtig: ein Schubert-Album zu machen mit ausschließlich traurigen Liedern und viel zu viel Pathos wäre vielleicht in dieser Neubesetzung das gewesen, was man hätte erwarten können. Und hätte auch stur das viel zu einfache Klischee des armen unglücklichen Franz Schubert erfüllt. Deshalb war es notwendig, manchmal fast ironisch mit den Vorlagen zu brechen, wie zum Beispiel beim ‚Ständchen‘ oder ‚Nähe des Geliebten‘. Außerdem wollte ich diesen schmalen Grad halten zwischen klassischem Anspruch und Respekt vor dem Original einerseits, und sehr persönlicher und zeitgeistiger Interpretation auf der anderen Seite. Also weder neo-romantischer Kitsch, noch glattgebügelter Crossover-Pop.“ (Kai Schumacher)

Der Liedermacher mit familieneigenem Weingut, auf welchem er in schöner Regelmäßigkeit sein mit erlesener Hand kuriertes „Heimspiel Knyphausen“ veranstaltet, taucht ganz tief ein in die Welt des Franz Schubert, wird eins mit den Stücken des Komponisten; er lebt, liebt und leidet mit, als wären es seine eigenen. Diese unbedingte Hingabe ergibt im Zusammenspiel mit der fantastischen Instrumentierung unter Regie seines Kompagnons und versierten Pianisten Schumacher ein Spektakel außergewöhnlichen Zuschnitts. Das Duo ist auf eine musikalische Entdeckungsreise gegangen und wieder aufgetaucht mit einem Experiment, das durchzuführen sich durch und durch gelohnt hat. Glücklicherweise nicht nur, wie ursprünglich einmal angedacht, als zweimalige Aufführung, sondern inzwischen immer und immer wieder auf die Bühne gebracht und nun auch auf Tonträger gebannt. Romantik und Moderne gehen hier eine zauberhafte, ebenso sensible wie authentische und herrlich unverkopfte Verbindung ein. Wenig verwunderlich also, dass das Interpretieren der Schubertlieder offenkundig Einfluss auf von Knyphausens sonstige Projekte hatte: Mit Husten, seinem Band-Projekt mit Musikproduzent Moses Schneider und Der Dünne Mann, veröffentlichte er unlängst zwei neue Songs, von denen der erste, „Weit leuchten die Felder„, eindeutig musikalisch vom klassischen Lied beeinflusst ist. Obwohl ich als jahrelanger Fanboy des durchaus vielseitigen Schaffens (zu dem man unbedingt und sowieso auch Kid Kopphausen zählen sollte) des wohlmöglich besten deutschen Liedermachers der Gegenwart natürlich nie gänzlich objektiv sein mag, darf weiterhin bezweifelt werden, ob Gisbert zu Knyphausen etwas wirklich Ungelungenes zustande bringen kann.

Neben den bisherigen drei Musikvideo-Auskopplungen findet man hier den Arte-Mitschnitt des Auftritts von Schumacher, Knyphausen und Band beim Reeperbahn Festival im vergangenen Herbst. Der war, wie auch das nun vorliegende Album: ganz großes Tennis. 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Lucas Uecker – „Der König tanzt nicht mehr“


Foto: Promo / Christine Lipski

Man kennt ihn vor allem als Gitarre spielenden Teil der Hamburger Akustik-Indiepop-Band Liedfett, eventuell ist dem einen oder der anderen von euch sogar schon sein feines, 2019 erschienenes Solo-Debüt „Unterm Teppich“ zwischen die Lauschmuscheln gekommen (welches seinerzeit auch auf ANEWFRIEND Erwähnung fand). Nun hat Lucas Uecker mit „Der König tanzt nicht mehr” (s)eine neue Single veröffentlicht und mit „Schöne Dinge“ sein zweites Soloalbum in Aussicht gestellt (wenn auch noch ohne fixen Release-Termin).

Der erste Höreindruck gerät dabei ebenso energetisch wie düster: Der König tanzt nicht mehr“ ist eine Geschichte vom Fall und Sturz eines Monarchen. Ein kleines, Rocksong gewordenes Drama über eine Sucht und ihre Kinder. Über einen Protagonisten, den die Welt vergessen hat. Einen Schwindler, der an sich selbst zu Grunde geht. Verpackt in einem rauen, orchestralen Sound sowie in ein Schwarz-weiß-Video, in welchem Schauspieler Wolf-Dietrich Sprenger eindrucksvoll den gealterten Protagonisten verkörpert, entführt Lucas Uecker den Zuhörer in die Welt, die hinter den Kulissen liegt. Vorhang auf für „Der König tanzt nicht mehr“! 

Rock and Roll.

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Song des Tages: komparse – „Ey Tim“


Müsste man die Musik von komparse in ein, zwei Worten beschreiben, dann würde es „himmelhohes Schluchzen“ wohlmöglich am besten treffen. Das liegt vornehmlich am Gesang von Bodo von Zitzewitz, der fast immer so klingt, als sei er gerade erst verlassen worden. Jemand, der versucht, all seinen Frust, all seine Wut in galgenhumorige Worte zu packen und dabei irgendwann mit leicht brüchiger Stimme in Tiraden verfällt, den Tränen nahe und irgendwie aus dem letzten Liedermacherloch pfeifend. Kombiniert mit verzerrten Gitarren und scheppernden Drums würde hier gewiss astreiner Emopunk herauskommen, doch der Kölner Musiker wählt eine ganz andere, deutlich dezentere musikalische Verpackung: Das rhythmische Fundament besteht aus reduzierten elektronischen Beats und knarzigen Bässen, den warmen Kontrast dazu bilden repetitive Akustikgitarrenpickings, aufgelöste E-Gitarrenakkorde, Harmonium-, Bläser- oder Synthieflächen sowie Glockenspielklänge, welche im Gros allesamt für eine wohlig-melancholische Atmosphäre sorgen. Das Ergebnis ist ein Singer/Songwriter-Indietronic-Sound par excellence.

„Minimalistische Hymnen. Dem Alltag entrissen und gewidmet. Sie kommen und gehen, diese Songs, aus dem Nichts, wie die Momente, die sie vertonen.“ (Christoph Schrag – Radio Fritz)

Und obwohl nur die wenigsten bereits Wind von diesen gar nicht mal so üblen Songs bekommen haben dürften, existiert komparse schon seit geraumer Zeit: seit 2010 zunächst als Solo-Projekt, dann als Trio in der Besetzung Bodo von Zitzewitz (Gitarre, Gesang), Christoph Ohrem (Harmonium, Synthie) und Andy Hafner (Beats, Glockenspiel), und nun, nachdem von Zitzewitz nach einer Reihe von EPs seine beiden Mitstreiter abtrünnig wurden, irgendwie wieder als notgedrungene One-Man-Show. Freilich gibt es vor allem in puncto Gesang gleich ein paar Namen, die sich als Referenzen geradezu aufdrängen: ClickClickDecker, Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert oder Moritz Krämer (und seine Höchste Eisenbahn) etwa. Ein Umstand, den Bodo von Zitzewitz auch gar nicht von der Hand weisen möchte: „Mich freut der Vergleich, aber in der deutschsprachigen Musik gibt es oft einen gewissen Sprachduktus. Die Wörter sind lang und ab einer bestimmten Anzahl entsteht etwas Sprechgesanghaftes. In der englischen Sprache ist es hingegen viel getragener.“

Und obwohl die Musik wie gemacht scheint für missmutige Hände-in-den-Taschen-Spaziergänge durchs nasskalte Dezemberwetter, möchte der Indie-Liedermacher seine Texte gar nicht allzu negativ verstanden wissen: „Vieles ist einfach ein Ventil für Sachen, die einen schlicht nerven, oder Sachen im Kopf, die ein bisschen Ordnung brauchen – ein menschliches Grundbedürfnis.“ Wobei es ihm wichtig ist, weg von den Befindlichkeiten, hin zu den Geschichten zu kommen: „Am Ende ist das Spannende, was jemand anderes aus dem Text macht und wie er ihn versteht.“ Das kann man nun auch auf dem unlängst erschienenen neuen Album „Der Letzte seiner Art„, dessen Titel eine Hommage an den Science-Fiction-Roman des deutschen Autors Andreas Eschbach in sich trägt, nachhören. Und Bodo von Zitzewitz wünschen, dass aus komparse und all diesen feinen Hadern-mit-der-grauen-Welt-Songs nun endlich und baldigst mehr wird als einer der jahrelang bestgehütetsten deutschsprachigen Geheimtipps…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Maxim – „Alter Freund“


Wohl nur wenige Songschreiber, die sich da in der bundesdeutschen Indie-Pop-Hemisphäre herumtreiben, verbinden Tiefgang und Komplexität mit einem derart feinen Gespür für Eingängigkeit wie Maxim Richarz. In seinen Songs behandelt der 38-jährige Musiker aus Nordrhein-Westfalen, der der Einfachheit halber seinen schnöden Nachnamen gleich weglässt, zwar oft große Themen wie Schmerz, Druck und Verlust, bleibt dabei jedoch stets zugänglich – man höre nur das auch heute noch tolle „Meine Soldaten“ vom 2013er Album „Staub“ oder meinetwegen gleich das komplette bislang jüngste, im reduzierten Session-Rahmen entstandene Werk „Reprise„.

4260031580568Nun, seit ebenjenem sind nun auch schon wieder drei Jahre vergangen. Und deshalb kündigte der Sänger kürzlich sein neues Studioalbum „Grüne Papageien“ an, welches am 14. August erscheinen wird. Mehr sogar: Der Musiker mit der wundervollen, stets melancholisch verhangenen Stimme, der seine ersten musikalischen Gehversuche vor etwa 15 Jahren tatsächlich im Roots-Reggae unternahm, hat bereits drei Songs aus dem neuen Werk hören lassen – „Wie man loslässt„, „Marseille“ und „Alter Freund“.

Und vor allem bei letzterem Stück überrascht der Sohn einer Französin nun mit einem ähnlich reduzierteren Sound wie schon bei den mit einer Live-Band aufgenommenen Songs von „Reprise“. Seine sonst so großen Pop-Produktionen, welche man zuletzt auf dem 2016 veröffentlichten Studioalbum „Das Bisschen was wir sind“ hören konnte, weichen nun teils akustischen Arrangements. So benötigt das Stück kaum mehr als eine akustische Gitarre, um vollends zu wirken, was den einen oder die andere vielleicht an andere große deutsche Befindlichkeitslyriker wie etwa Gisbert zu Knyphausen denken lässt (wäre es ein Piano, so läge wohl auch Enno Bunger recht nahe). Maxim erinnert sich in „Alter Freund“ an eine Zeit in seinem Leben, die von Krankheit und innerer Unruhe durchzogen war, was ja leider nur allzu gut ins aktuelle Zeitgeschehen passt.

„Was auch immer ich gesagt hab‘ als ich im Fieber lag – es tut mir leid“, singt er. Und weiter: „Ich hab gedacht, ich wär‘ allein, mein alter Freund. Ich hab‘ gedacht, ich wär‘ allein und wenn ich blind um mich geschlagen habe, wollte ich doch nicht, dass es dich trifft“. Jedoch schwingt in diesen Zeilen eben auch eine Menge Hoffnung mit – und die Einsicht, dass man vielleicht doch nicht so allein ist, wie man sich manchmal fühlt. „Ich habe versucht, auch mal wegzukommen von dieser Tiefe, diesem Schweren, das mich immer begleitet. Auch meiner kleinen Tochter zuliebe“, so Maxim.

Geholfen hat ihm dabei die Arbeit als Produzent: „Nach der letzten Platte ‚Das Bisschen was wir sind‘ war ich richtig durch und hatte kaum noch Bock zu schreiben. Das war alles so krampfig, weil vieles nicht so geklappt hatte, wie ich mir das wünschte. Das hat mir die Freude an der Musik eine Weile zerstört. Durch das Produzieren habe ich sie wiedergefunden.“ Das hört man „Alter Freund“ in jedem Ton an. Eine so schöne, persönliche und auf den Punkt getextete Seelentröster-Ballade kann man in dieser seltsamen Zeit auch wirklich nur zu gut gebrauchen…

 

 

"Keine Rettungsversuche mehr
Ich nehm' es einfach hin
Das ist kein Baywatch-Moment
Nur ein paar Blätter, die in einer Pfütze schwimmen
Nur ein paar Blätter, die in einer Pfütze schwimmen

Und fort sind die Wolken
Die so schwer über dem Stadtwald hingen
Als du mir sagtest, dass...
Ich nicht mehr derselbe für dich bin
Ich nicht mehr derselbe fur dich bin

Was auch immer ich gesagt hab' als ich im Fieber lag
Es tut mir leid
Ich hab' gedacht, ich wär' allein, mein alter Freund
Ich hab' gedacht, ich wär' allein
Und wenn ich blind um mich geschlagen habe
Wollte ich doch nicht, dass es dich trifft
Ich hab' gedacht, ich wär' allein, mein alter Freund
Jetzt ist mir klar, das war ich nicht

Und irgendwann wurdest du still
Und ich hab's nicht einmal bemerkt, als du gingst
Die Pfütze tief genug
Dass ich dachte, dass ich darin ertrink'
Tief genug, dass ich dachte ich ertrink'

Was auch immer ich gesagt hab' als ich im Fieber lag
Es tut mir leid
Ich hab' gedacht, ich wär' allein, mein alter Freund
Ich hab' gedacht, ich wär' allein
Und wenn ich blind um mich geschlagen habe
Wollte ich doch nicht, dass es dich trifft
Ich hab' gedacht, ich wär' allein, mein alter Freund
Jetzt ist mir klar, das war ich nicht

Keine Rettungsversuche mehr
Ich nehm' es einfach hin
Das ist kein Baywatch-Moment
Du kannst eh viel besser als ich schwimmen
Du kannst eh viel besser als ich schwimmen"

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Staring Girl – „In einem Bild“


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Fotos: Victor Kataev

„Männlicher Deutschpop“ gilt – ganz egal, wie man selbst es nun finden mag – seit einigen Jahren als absoluter Erfolgsgarant. Andreas Bourani, Mark Forster, Wincent Weiss, Max Giesinger, Philipp Poisel, Johannes Oerding und wie diese ganz Formatradio-Einheitsbrei-Ton gewordenen – pardon my French – Luftpumpen, hinter denen nicht selten das gleiche Team aus findigen Managern, Produzenten und Liedschreibern steckt (der Böhmermann brachte da vor einiger Zeit etwas Licht ins Kalkül-Dunkel), nicht alle heißen – die in qualitativem Sinne reichlich egale Liste verlängert sich gefühlt monatlich. Dabei leidet die Kreativität und Einzigartigkeit immer häufiger, sodass nahezu jeder Song der genannten Formatradio-Künstler auch von einem der jeweils anderen präsentiert werden könnte (welch‘ Wunder, wenn man die Hintergründe kennt).

a1131702326_16Weit weg von tagtäglichem Radio-Gedudel und Airplay-Charts spielt seit etwa 15 Jahren die fünfköpfige Hamburger Band Staring Girl, die auch mit ihrem vor zwei Jahren erschienenem Langspieler „In einem Bild“, dessen Veröffentlichung selbst mir bislang durch die musikalischen Lappen ging, eher bei den etwas alternativeren Singer/Songwritern wie Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert und Nils Koppruch (oder meinetwegen auch dem etwas poppiger agierenden Clueso) anzusiedeln sind, gepaart mit – if you may like – ein wenig Tomte und Kettcar sowie den ruhigen Lyrik-Momenten von Wir sind Helden. Treibender, melancholischer, schwermütiger Indie-Pop mit vielen Americana-Gitarren, dezenten (und seltenen) elektronischen Effekten, trifft auf poetische Alltagserzählungen mit einem Auge fürs kleinste Detail. Ein Teil der ehemaligen Band von Gisbert zu Knyphausen ist mittlerweile (auch) hier am Start, was vor allem in den musikalisch ausladenderen Momenten kaum zu überhören ist.

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Wunderbare Tongue-Twist-Komposita wie „Matratzenladenneonröhrenlicht“ berichten von dem Beobachten eines alltäglichen Großstadttreibens und beschreiben etwa eine Fahrt aus Hamburg hinaus so bildhaft und verträumt, dass man meinen könnte, vor dem geistigen Auge neben dem gebürtigen Kieler Frontmann Steffen Nibbe im Bus zu sitzen. Tatsächlich lohnt es sich übrigens, das Album – parallel – in physischer Form zu erwerben, da das Booklet neben ästhetischer Schwarzweiß-Fotografien alle Texte beinhaltet, die beim Zuhören eventuell nicht immer direkt entschlüsselt werden können – quasi Poetry Slam mit musikalischer Untermalung. Der Gesang von Steffen Nibbe, der wie beim 2012er Vorgänger „Sieben Stunden und 40 Minuten“ die Texte im Alleingang verfasst hat, drängt sich dabei nicht auf, sondern stellt neben den Instrumenten nur eine zusätzliche Komponente dar. In „Lächeln und reden“ etwa kommt denn auch gut die Hälfte des Stückes gesanglos daher und schafft stattdessen mit viel Moll und jazzigem Akustikset eine Art hanseatischen Film Noir-Sound. Im Titelsong oder dem tollen achtminütigen (!) Albumabschluss „Schwarz zu weiß“ gipfeln sich Klangwaben in kleinen Epen, lassen sich dabei jedoch zu jeder Sekunde die nötige Zeit zum Reifen und Ankommen beim Hörer –  selbst, wenn es beim Titelstück auch mal kurzzeitig etwas theatralisch und übermetaphorisch wird.

Staring Girl bieten mit den zwölf Songs von „In einem Bild“ unaufdringlichen, tief in sich selbst ruhenden, erwachsenen Liedermacher-Indiepop, dem zwar jegliche Radiohits fehlen mögen, dafür aber einen schönen Folk-Soundtrack für leichte Frühlingsabende unter Freunden bei ein paar Gläsern Rotwein liefert (selbst, wenn man sich aktuell eher via Skype und Co. zuprosten mag). Mal scheinen deutsche Singer/Songwriter-Größen wie Gisbert zu Knyphausen und Niels Frevert nur ein, zwei Studiotüren weit entfernt, mal klingen selbst auf internationalen Bühnenbrettern seit Jahrzehnten Großes bietende Künstler wie Neil Young oder Wilco an (denn was für Neil Young „Down By The River“ ist und für Wilco „Impossible Germany“, das scheint für Staring Girl „Schwarz zu weiß“). Wahlweise aufregend-unaufgeregt und irdisch-echt, wahlweise richtig, richtig toll – genauso übrigens wie die im vergangenen Jahr veröffentlichte „EP„, auf der Staring Girl, nebst dem neuen Song „Autos fahren auf Straßen mit Namen“ auch einige Stücke vom Debütwerk in neuen, nicht selten detailverliebten (Band)Arrangements präsentiert.

 

Vom Piano getragen erzeugt vor allem „In einem Bild“, der Titelsong des jüngsten Langspielers, eine vom ersten Ton an einnehmende, deutlich beklemmende Atmosphäre, die sich auch auf den Text überträgt und von einem Musikvideo unterstrichen wird, das Verlorenheit, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit gekonnt zu vermitteln weiß.

 

Rock and Roll.

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