Schlagwort-Archive: Larissa Pesch

Das Album der Woche


Moritz Krämer – Die traurigen Hummer (2021)

erschienen bei Tapete/Indigo-

Als Bob Dylan 2016 den Nobelpreis für Literatur gewann, setzte eine muntere Diskussion über den Sinn oder Unsinn dieser Entscheidung ein. Ein Musiker erhält die höchstmögliche Auszeichnung in der Welt des geschriebenen Wortes? Freilich mag diese Ehrung im Fall von His Bobness – je nachdem, wie tief man bisher ins reichhaltige Schaffen der Singer/Songwriter-Legende eingetaucht ist, je nachdem, wie fest die Fanbrille sitzen mag – durchaus verdient sein, mindestens ungewöhnlich war sie dennoch. Spinnt man die Idee ein wenig weiter und denkt über deutschsprachige Interpretinnen und Interpreten nach, die für einen Literaturpreis infrage kommen, dann dürften rasch Namen wie etwa Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert, Tom Liwa oder Sven Regener fallen. Wobei: Regener? Der hauptberufliche Frontmann von Element Of Crime stellt ohnehin einen Sonderfall dar, denn abseits seines anerkannt fulminanten musikalischen Outputs hat er sich über die Jahre auch einen Ruf als exzellenter Schriftsteller erworben und (s)einen eigenen popkulturellen Kosmos erschlossen – man denke nur an „Herr Lehmann“. Neben einigen anderen mehr sollte einer jedoch keineswegs vergessen werden: Moritz Krämer. Der legt mit „Die traurigen Hummer“ nun sein drittes Soloalbum vor und begeistert darauf nicht nur mit wunderbaren Songs, sondern eben auch einmal mehr mit herausragenden Texten.

Foto: Promo / Max Zerrahn

Krämer, normalerweise als ein Viertel der Indiepopper von Die Höchste Eisenbahn künstlerisch ordentlich ausgelastet, hatte 2011 mit „Wir können nix dafür“ ein durch und durch entzückendes Debüt veröffentlicht und 2018 sowie 2019 sein Doppelalbum „Ich hab einen Vertrag unterschrieben 1 & 2“ folgen lassen. Während beim Erstling der Funke dank einer Platte voll wundersamer Stadt-Land-Fluss-Beobachtungen am Abgrund sofort übersprang, benötigte sein zweites Werk einige Durchläufe, um zu zünden – was wohl auch daran liegen mochte, dass dieser Konzeptalbum gewordene musikalische Aufruf zum Widerstand gegen die Selbstausbeutung mit all seinen Liebe-und-Business-Reflexionen und Meta-Ebenen tatsächlich nach den Aufnahmen zu „Die traurigen Hummer“ entstand, einfach weil noch Zeit im Studio übrig war. Liest sich eigenartig? Ist aber so. Von daher: Herzlich willkommen in der herrlich verqueren Gedankenwelt von Moritz Krämer!

2021 macht der 41-jährige gebürtige Schweizer, der im Hochschwarzwald aufwuchs und einst ins wuselige Berlin kam, um Regisseur zu werden (und dieses Vorhaben in der Vergangenheit, abseits vom Musikalischen, auch bereits mit einigen Kurz- und Indie-Filmchen umgesetzt hat), es der geneigten Hörerschaft wieder deutlich einfacher. Die zehn neuen alten Songs gehen sofort ins Ohr, machen es sich dort gemütlich und gehen auch so schnell nicht mehr fort – ist ja Herbst, wer will bei dem Schmuddelwetter noch vor die Tür? Über die Spieldauer von rund vierzig Minuten ist es dabei insbesondere dieser charakteristische Tonfall, der den Sänger so einzigartig macht und einen Zeile für Zeile, Strophe für Strophe tiefer hineinzieht in diese ursympathische Form der musikalischen Darbietung. In der Wörter sich immer mal wieder soaneinanderschmiegendasssieganzohneleerzeichen gesungen, nein: weggenuschelt werden. Denn eben das beherrscht Moritz Krämer wie fast kein Zweiter: Nuschelliteratur. Auch wenn es in dieser nur am Rande um melancholische Schalentiere gehen mag…

„Viele sind immer im Urlaub / Viele schreiben ihren Roman / Viele kriegen gerade Kinder, kommen endlich an / Viele laufen jeden Tag / Viele in Paris, für Prada / Viele kaufen Bitcoins / Ich lieg‘ im Bett mit Kater…“ (aus „Rhythmus“)

Inhaltlich unternimmt der kreative Tausendsassa lakonische Ausflüge in allzu alltägliche, allzu menschliche Bereiche des Daseins, parliert über Versagensängste („Auffliegen“), den lieben Nachwuchs („Finster“), Gegenentwürfe zur heutigen Wegwerfgesellschaft (Verlieren“), über Depressionen und Eleganz („Schwarzes Licht“), über Verlust, Tod und Austauschbarkeit („Austauschbar“), über den Optimierungs- und Leistungsdruck der Freizeitgesellschaft („Rhythmus“), über Schuld und Unschuld, Pech und Glück sowie alle Graustufen dazwischen („Jeder muss gucken wo er bleibt“) oder die Flucht aus der Stadt („Jetzt“). Und immer wieder sind da feine und feinsinnige Texte wie im Auftaktstück „Nackt und einsam“, in dem er singt: „Deine Synapsen sind träge / Und du lachst ohne Grund / Wenn das deine Krankheit sein soll / Werd‘ bitte nie mehr gesund, nie wieder“. Klare Gedanken, diffuse Ängste, immanente Zweifel und sanfte Hoffnungen: Mitten aus dem Leben, das selten nur direkte Verbindungen kennt, kommen Krämers zeitlose Geschichten auf der Höhe des Zeitgeists, eben weil er konkrete und persönliche Geschichten abstrakt zu verpacken weiß. Manchmal, wie in „Beweisen“, besitzen sie gar die erzählerische Dichte eines Romans, immer wohnt ihnen eine sanfte, gen Optimismus gerichtete Melancholie inne. Diese Bilder, diese Sätze und Gedanken: „Ich war da, ich hab’ mich für irgendwas zurechtgemacht, was dann gar nicht kam“ – kaum vorstellbar, aber Krämer macht daraus eine der besten Popzeilen des Jahres. Ein Glücksfall für den zurückhaltend auftretenden, abseits der Bühne meist recht scheuen Sänger ist übrigens die Band, die er für das Album um sich herum gruppiert hat, denn Hanno Stick am Schlagzeug, Alex Binder am Bass und Andi Fins an den Tasten setzen die Ideen Krämers ebenso pointiert wie pfiffig um. Weitere Gastmusiker fügen sich souverän ein, auch das Duett mit Larissa Pesch in „Schwarzes Licht“ reiht sich nahtlos ein in diesen starken Songreigen, der häufig weitaus fröhlicher ausfällt, als es die Inhalte hergegeben hätten.

Jenseits seiner Solo-Aktivitäten hat Moritz Krämer mit Die Höchste Eisenbahn seit nunmehr drei Alben eine zusätzliche musikalische Heimat gefunden, die zu ihm und seinen Stärken uneingeschränkt passt, schließlich stimmt auch dort oft genug die Mischung aus Ideen, Texten und künstlerischer Freiheit. Dennoch beweist der kauzige Indiepop-Troudabour mit „Die traurigen Hummer“ einmal mehr deutlich, dass man sein Solo-Schaffen keinesfalls außer Acht lassen sollte. Denn dieser Mann, der so offenkundig ungerne im Mittelpunkt steht, hat sich mit seiner Klasse, die völlig frei von Prätentiösität, Muskeln, Lack und Fassade im Raum steht, das Rampenlicht überaus verdient. Auch, wenn er wohl ohne Literaturpreis leben müssen wird…

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: FINS – „What Are We Gonna Do?“ (feat. Larissa Pesch)


26221109_1165913386873490_5015049058021813077_o

Moritz Krämer, Philipp Dittberner, Boy, Max Prosa, Martin Gallop, Anna F., Mark Forster, Tim Neuhaus, Marcus Wiebusch, Clueso – schaut man sich allein diesen Auszug aus der Liste der Künstler an, denen Andi Fins in den letzten Jahren als Sessions- und Live-Musiker sowie Co-Komponist unter die kreativen Arme gegriffen hat, so könnte man – und das kaum unberechtigterweise – zu dem Schluss kommen, dass der gebürtige Bajuware und Wahl-Hauptstädter kein Mann für die erste Reihe ist. Und trotzdem einer eigenen Band seinen (Nach)Namen leiht.

A1Drw6nVJsL._SS500_Ebenjenes Bandprojekt, FINS, sendete unlängst mit der Ankündigung der Arbeiten an Album Nummer vier sowie den beiden Songs „Wasting My Time“ und „Stan’s Copycat“ frische musikalische Lebenszeichen. Dabei liegt das letzte gar nicht mal allzu weit zurück, schließlich erschien erst im Juni 2018 der dritte Langspieler „How Will Our Hero Get Out Of This One?„.

Im Vergleich zum 2016er Vorgänger „Dreamer„, auf dem sich Andi Fins (s)einem Faible für die cheesy-poppige Seite von Synthpop und Achtziger-Softrock widmete (und dies 2014 sogar in Jan Böhmermanns „NEO Magazin“ ausleben dürfte), geht der viel beschäftigte Soundtüftler darauf ein, zwei Jahrzehnte zurück – „How Will Our Hero Get Out Of This One?“ holt sich seine Pop-Feelings diesmal aus den goldenen Sixties und Seventies. Die Synthies und Tasteninstrumente klingen organischer und analoger, der Bass und die Drums sind in ein trockenes, reduziertes Soundgewand gehüllt. Das erinnert über Strecken an ähnlich auf Revivals abonnierte Bands wie Vetiver, Dr. Dog und Fruit Bats, ab und zu grüßt sogar das kompositorische Talent von Beach Boy Brian Wilson vom Westcoast-Strand. Über diesen Hintergrund breitet Andi Fins mit bajuwarischem Bob-Dylan-Gestus seine Geschichten aus, von ihr und ihm, vom „Boy Of Summer“, vom „Checkout Girl“, von Hoffnungen, Träumen und Zerrissenheit. Musik, deren Indiepop zu keiner Minute wehtut, die Melancholie und Optimismus fein balanciert gegenüberstellt. Und bestenfalls so wunderschön gerät wie die verträumte Ballade „What Are We Gonna Do?“, bei dem Fins stimmliche Unterstützung von Larissa Pesch (Ex-Laing) erhält…

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: