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Das Album der Woche


Pianos Become The Teeth – Drift (2022)

-erschienen bei Epitaph/Indigo-

Es mag inzwischen müßig sein, die steten Wandel bestimmte Vergangenheit dieser Band immer wieder in Erinnerung zu rufen, aber so viel Zeit sollte sein, denn – Post-Harcore-Connaisseure schnalzen wissend mit der Zunge – Pianos Become The Teeth verfolgten einst, auf ihren ersten beiden, das Genre gut durchwirbelnden Alben, einen gänzlich anderen Ansatz: Härte, Geschrei und Tempo dominierten die Szenerie. Dann kam die unerwartete Kehrtwende, welche anno 2013 mit „Hiding„, jenem auf einer gemeinsam mit Touché Amoré veröffentlichten Split-EP erschienenem Song, erstmals Gestalt annahm und schließlich in den beiden 2014 beziehungsweise 2018 veröffentlichten Alben „Keep You“ und „Wait For Love“ mündete – zwei Werke, die der gallegurgelnden Postcore-Raserei nahezu gänzlich abschworen und vielmehr weltbeste tieftraurig-emotionale Wolkenbrüche nach dem Motto „Quiet is the new loud“ aufboten. Auch im Rückblick stellt sich diese stilistische Totalumkehr als Segen heraus, denn Vokalist Kyle Durfey hatte entdeckt, dass er tatsächlich richtig gut singen kann, und die Herrschaften um ihn herum setzten in den erlesenen Songs seinen Vortrag mit gleichsam großer Kunst in Szene. „Es fühlte sich kindisch an, zu den Songs zu schreien“, sagt Sänger Durfey rückblickend über den einschneidenden Wechsel von Post Hardcore zu melancholischem Emo-Indie-Irgendwas. Auch 2022 mag die fünfköpfige Band aus dem US-amerikanischen Baltimore, Maryland noch immer nicht am Ziel angekommen sein, den Weg dahin begleitet man jedoch weiterhin überaus gern, denn auch „Drift„, der neueste Langspiel-Streich aus dem Hause Pianos Become The Teeth, ist ein durch und durch glanzvolles Stück Musik.

Ein Gesamtwerk ohne Hänger beginnt mit einem Kyle Durfey, der zunächst ganz bei sich scheint, bevor ein nervöses Zucken einsetzt und mehrschichtiger Gesang mit „Out Of Sight“ einen Song fortführt, der zunächst eine gigantische Klangwelt aus Keys, Flächen, Kalimbas und Naturgeräuschen aufbaut, die in der zweiten Hälfte durch einen verspielten Drumgroove von Schlagzeuger David Haik aufgebrochen wird und, wie nicht wenige Stellen des Albums, wie eine Zusammenarbeit von Radiohead und Anathema anmutet. Zudem eröffnet das Stück bereits mit durchaus vielsagenden Zeilen: „Turn the lights off / When I’m still in the room / I’m only bright next to you / Out of sight“ – auch Album Nummer fünf ist freilich keines fürs Degustieren in fröhlicher Gesellschaft oder in der prallen Freibadsonne, sondern erneut vielmehr eines, dem man sich in den ruhigen, intimen Momenten ganz und sonders hingeben sollte. Wenig verwunderlich also, dass der Band-Frontmann dies in seiner Einschätzung ganz ähnlich sieht: “Für mich fühlt sich die Platte wie eine einzige, lange Nacht an.” Dem starken Auftakt folgt „Genevieve“, ein klarer erster Höhepunkt des Ganzen. Eine feine Basslinie untermalt Durfeys tolle Stimme, eine kunstvolle Passage im Mittelteil weiß ebenso zu gefallen wie der Umstand, dass hier zunächst alles wie dezent neben der Taktspur wirkt. Doch keine Angst, Pianos Become The Teeth geben schließlich Vollgas und haben hier einen neuen, mit markerschütternder Intensität überzeugenden Favoriten für künftige Live-Auftritte im Repertoire. Dass „Drift“ wie aus einem Guss tönt, liegt nicht nur an der greifbaren Grundstimmung, sondern auch daran, dass die Stücke gern unmittelbar ineinander übergehen. So leitet „Genevieve“ ohne Abkürzung zu „The Tricks“ über, das sich zum Abschluss nahezu verstohlen davonschleicht.

Foto: Promo / Micah E. Wood

Fürchtet irgendjemand vertonte Langeweile? Nun, etwaiger Eintönigkeit entgeht die Band einmal mehr konsequent – man lausche etwa den ebenfalls miteinander verbundenen Songs „Easy“ und „The Day“. Regiert im ersten eine reduzierte Instrumentierung, setzen die US-Amerikaner im zweiten zum Handkantenschlag an und winken entschlossen in Richtung eigener Vergangenheit. Summa summarum eine erste Albumhälfte, die es in sich hat. Gibt’s Zweifel daran, dass dieses Niveau zu halten ist? Mitnichten. „Mouth“ leitet die zweite Hälfte ein, und es erweist sich Stück für Stück, dass „Drift“ eben vor allem ein organisches Ganzes ist – und damit weit mehr als die Summe seiner einzelnen Teile. „Skiv“ liefert – gar samt einem im Hintergrund platzierten Saxophon-Solo! – das nächste Kleinod, für welches sich nicht nur das Quintett als Kollektiv, sondern vor allem Kyle Durfey gern anhaltend selbst auf die Schulter klopfen darf. Eben dafür, den Mut gehabt zu haben, das alte Schrei-Schema zu durchbrechen und seiner Stimme diesen wohlverdienten Raum zu geben.

Mit einem runden Song-Trio verabschieden sich Pianos Become The Teeth schlussendlich nach lediglich 37 Minuten aus dem Album. „Hate Chase“ greift mit energischen Gitarren noch einmal überzeugend in die krachige, sorgsam dosiert zum Einsatz kommende Werkzeugkiste, „Buckley“, benannt nach dem 1997 ebenso tragisch wie jung verstorbenen legendären Musiker, ist vertonte Schwermut mit cleverem Spannungsaufbau und zwingendem Ende, „Pair“ setzt schließlich den tollen Schlusspunkt hinter ein Album, das einerseits die Richtung seiner Vorgänger aufgreift, andererseits jedoch auch Experimente wagt. Hier zeigt die Band selbstbewusst, wo sie im Jahr 2022 steht, warum sie von exakt diesem eingeschlagenen Weg voll und ganz überzeugt ist und sich in diesem, irgendwo zwischen Emo, Indie Rock, Shoegaze und Post Rock angesiedelten Soundgewand mittlerweile so überaus wohl fühlt. Natürlich mag auch „Drift“ kein seichtes Easy-Listening-Album sein, dafür jedoch definitiv eines, das einen durch den Herbst und die (nächsten) Klima-Corona-Kriegs-Monate bringen kann. VISIONS-Redakteur Jan Schwarzkamp mag in seiner Review weniger begeistert gewesen sein und das alles unter „melancholischer Runterziehmusik für Menschen, die sich psychisch zusätzlich belasten wollen“ verortet haben (was sich übrigens durch den Fakt, dass Kyle Durfey textlich mittlerweile in durchaus positiveren Gefilden unterwegs ist, zumindest teilweise entkräften lässt), für mich bleiben Pianos Become The Teeth seit nunmehr drei Langspielern eine absolut verlässliche Herzensband, in deren Stücke man hineingleitet wie in ein warmes Bad – wunderbar und schonungslos emotional.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Pianos Become The Teeth – „Genevieve“


Obwohl Teile von Pianos Become the Teeth in jüngster Zeit noch mit dem ein oder anderen Nebenprojekt beschäftigt waren (bei Interesse einfach mal „The Shenandoah Electric Company“ googeln), haben die US-Post-Hardcore-Indierocker dennoch Zeit gefunden, um am Nachfolger des 2018 erschienenen Albums „Wait For Love“ zu arbeiten. Selbiger wird „DRIFT“ heißen und am 26. August über Epitaph Records erscheinen.

Dafür ging das Quintett aus Baltimore, Maryland gleich in mehrfachem Sinne auf Wurzelsuche, denn nicht nur nahmen Kyle Durfey, David Haik, Chad McDonald, Zac Sewell und Mike York ihren fünften Langspieler zu einhundert Prozent auf analogem Band auf, sie taten sich dafür auch mit Produzent Kevin Bernsten zusammen, mit dem sie an ihren ersten beiden Alben gearbeitet hatten. „Kevin weiß, woher wir kommen, er wusste genau, was wir mit dieser Platte erreichen wollten – und er war bereit, mit uns verrückte Dinge zu versuchen“, so Frontmann Kyle Durfey, der auch erklärt, dass dies das erste Album sei, das die Band im Studio und nicht in ihrem Proberaum geschrieben habe. „Kevin weiß, wer wir früher waren und er weiß, wer wir jetzt sind. Er war wirklich bereit, zu experimentieren und alles im Studio auszuprobieren, um zu sehen, wie es funktionieren würde.“

„Für mich ist alles auf dieser Platte so persönlich und so spezifisch, auch wenn die Leute keine Ahnung haben, wovon ich rede“, fügt Kyle hinzu über die neun neuen Songs des Albums. „Ich weiß, dass das viel verlangt ist, aber ich hoffe einfach, dass die Leute sich hinsetzen und die Platte als Ganzes anhören, denn für mich ist diese Platte wie ein einziges Stück. Es sind keine einzelnen Songs, es ist eine Reise und dann kommt man aus ihr heraus…“

Einen ersten Vorgeschmack aus „DRIFT“ bekommt man anhand von „Genevieve“, welches den atmosphärischen, post-rockigen Weg ihrer letzten beiden Platten fortsetzt. Und obwohl man – zum Glück – keineswegs befürchten muss, dass Pianos Become The Teeth zurück in alte Post-Hardcore-Raudau-Zeiten zurückverfallen (dafür gibt’s andere und bessere Kapellen), ist schon diese Kostprobe ein durchaus spannender, gen Ende dynamisch kulminierender Song, welcher von David Haiks charismatisch-markantem Schlagzeugspiel angetrieben und von Kyle Durfeys Gesangsdarbietung gekrönt wird, die ebenso abwechslungsreich und leidenschaftlich gerät wie das, was bereits „Wait For Love“ sowie – vor allem! – „Keep You“ so faszinierend machte. Dem steht auch das Musikvideo, bei welchem sich PBTT-Gitarrist Michael York, zusammen mit Amanda Adams, für Regie und Schnitt verantwortlich zeichnet, in nichts nach.

(Und so freut sich der Autor dieser Zeilen mit einem tiefen, melancholisch unterfütterten Seufzen auf jenes angekündigte Album…)

Rock and Roll.

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Song des Tages: Pianos Become The Teeth – „Charisma“


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Foto: Katrina Barber / Promo

Drei Jahre ist es nun her, dass Pianos Become The Teeth mit ihrem dritten Album „Keep You“ und einem der wohl größten musikalischen Richtungswechsel der Alternative-Rock-Szene in der jüngeren Vergangenheit für Aufsehen gesorgt haben. Waren die ersten beiden Platten der Band aus dem US-amerikanischen Baltimore, Maryland („Old Pride“ und „The Lack Long After„) noch wütende Post-Hardcore-Klopper, deren Songs schon mal in lauten zwei bis drei Minuten alles gesagt und jeden gegen die nächstbeste Wand geschrien zu haben schienen, bot das Nachfolgewerk nahezu elegisch (er)scheinende Post-Rock-Referenzen an, zu denen Frontmann Kyle Durfey den inneren Screamo-Schreihals fast komplett aufs stille Treppchen verbannte und tatsächlich anfing zu singen. Und wie! Da stellte man sich als Hörer glatt die Frage, wieso die Band nicht schon früher auf diese Idee gekommen war. Wie hieß es doch im 2013 erschienenen Song „Hiding“ (welcher an sich bereits die Richtungskorrektur vorweg nahm): „You can’t stay angry forever, or so I’m told…“

Freilich mögen Pianos Become The Teeth durch diesen Stilwechsel – und das nicht nur unter Fans der „The Wave“-Szene – Einiges an Hörerschaft verloren, jedoch mindestens genauso viele neue Freunde dazu gewonnen haben. Mich selbst hat die Band vor diesem Album nie groß interessiert (aus dem Alter, mich in meiner Freizeit von jemandem zur Schnecke schreien zu lassen, bin ich – Ausnahmen wie La Dispute oder Touché Amoré bestätigen die Regel – wohl raus). Im Laufe der letzten Jahre jedoch ist „Keep You“, welches seinerzeit aufs Treppchen von ANEWFRIENDs „Platten des Jahres“ kam, zu einem ständigen, verlässlichen Begleiter in meiner Heavy Rotation gewachsen und auf bestem Wege in meine „ewigen Top Ten“… Großes Trauerweiden-Werk, immer noch!

pbtt-wait-for-love1Dass die fünfköpfige Band nun endlich mit „Wait For Love„, welches am 16. Februar 2018 erschienen wird, einen zehn Songs starken Nachfolger zum Aufsehen erregenden „Keep You“ angekündigt hat, ist mehr als überfällig. Und: Der erste Albumvorbote „Charisma“ bestätigt noch einmal den eingeschlagenen Weg. Wo jedoch die zehn Tearjerker-Songs von „Keep You“ (beziehungsweise drei mehr in der Deluxe Edition) gemächlich und beinahe traurig-träge daher schlurften, geht das neue Stück sofort nach vorn und klingt zu Beginn – zumindest im Bandkontext – ungewöhnlich optimistisch, bevor es später jedoch an Dramatik zunimmt und immer mehr verhallte Gitarren übereinander schichtet. Im dazugehörigen Musikvideo, für welches sich Michael Parks Randa verantwortlich zeichnet, klauen die beiden Protagonistinnen ein Auto und stürzen sich kopfüber – und inklusive intensiver Tanz-Performance – in das Halloween-Nachtleben von New York City.

Hält nun tatsächlich die Liebe (oder das Warten auf selbige) Einzug ins Hause Pianos Become The Teeth? Gibt’s mehr satt-matten Alternative-Rock der Marke „Keep You“, oder zieht die Band, wie in „Charisma“, die musikalischen Zügel an, während Kyle Durfey wieder den Schreihals auspackt? In etwa drei Monaten sind wir schlauer…

 

 

Rock and Rol

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