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Wenn harte Männer weinen – Sigur Rós & das Los Angeles Philharmonic: der Konzertstream


sigur-ros

Wenn Jón Þór „Jónsi“ Birgisson, Georg Hólm und Orri Páll Dýrason schon nicht mit wirklich neuen Songs ums Eck kommen (das letzte Album „Kveikur„, ihr erstes als Trio, nachdem Keyboarder Kjartan Sveinsson die Band 2012 verließ, erschien vor vier Jahren), dann sollte man sich Sigur Rós eben auf mitgefilmter Bühnenkonserve geben – da sind die Isländer ja ohnehin noch viel beeindruckender als im recht cleanen Studioambiente…

Neustes untermauerndes Beispiel hierfür wäre etwa die Show, welche Frontmann Jónsi und Co. am 14. April in der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles auf die Bühnenbretter nagelten – im ersten Teil gar unterstützt vom Los Angeles Philharmonic Orchester. Zur Wirkung, die Sigur Rós, welche ohnehin seit Jahr und Tag konkurrenzlos auf weiter Flur dastehen (Ist das Klassik? Oder Post Rock? Shoegaze? Ambient Pop? Fuck it, das sind Sigur Rós!), nicht nur auf mich haben, hier mal ein Auszug aus den YouTube-Kommentaren:

SR comment

 

 

Sigur Rós live from the Walt Disney Concert Hall, courtesy of the Los Angeles Philharmonic Association…

–With the Los Angeles Philharmonic–

Ekki Múkk 19:50
Takk… 27:35
Glósóli 29:58
Hrafntinna 36:09
Niður 42:40
Fljótavík 47:58
Starálfur 52:10
Festival 57:45

–Sigur Rós solo–

Sæglópur 1:18:50
Ný Batterí 1:26:12
Vaka 1:34:20
E-Bow 1:41:00
Kveikur 1:50:05
Popplagið 1:56:00

 

An folgenden Terminen könnt ihr Sigur Rós live erleben:
09.10.2017… Berlin – Tempodrom
12.10.2017… Hamburg – Sporthalle
13.10.2017… Köln – Palladium
14.10.2017… Frankfurt – Jahrhunderthalle

 

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick 2013 – Teil 3


Ein nicht eben an großartigen Veröffentlichungen armes Musikjahr 2013 neigt sich unausweichlich seinem Ende zu. Zeit also, ANEWFRIENDs „Alben des Jahres“ zu küren und damit, nach der Rückschau aufs Film- und Serienjahr, auch die Königsdisziplin ad acta zu legen! Dem regelmäßigen Leser dieses Blogs werden sich wohl wenige Überraschungen offenbaren, schließlich wurden alle Alben meiner persönlichen Top 20 im Laufe des Jahres bereits besprochen… Bleibt nur zu hoffen, dass auch 2014 ein ähnlich hohes Niveau an neuen Platten und Neuentdeckungen bieten wird… Ich freue mich drauf.

 

 

Frightened-Rabbit-Pedestrian-Verse1.  Frightened Rabbit – Pedestrian Verse

Ich nehme hiermit mein noch im Februar gefälltes Urteil höchstoffiziell (zum Teil) zurück – „Pedestrian Verse“ ist im Rückspiegel zwar in der Tat kompakter als noch der Vorgänger „The Winter Of Mixed Drinks“, jedoch keineswegs weniger hymnisch. Frightened Rabbit bewegen sich mit Album Nummer vier noch einige Schritte weiter weg von der eigenen schottischen Haustür, um große Geschichten von den Bordsteinen des tristen Alltags aufzulesen. Liebe und Leid, Verzücken und Enttäuschung, Vertrauen und Verfall – wer den fünf „Angsthasen“ um Frontmann und Sänger Scott Hutchison die Zeit gibt, sich bis zum Hörerherzen vorzuarbeiten, der bekommt mit „Pedestrian Verse“ einen treuen Begleiter durch Sonnen- wie Regentage. Vielleicht lief das eine oder andere Album ein paar Mal öfter durch meine Gehörgänge. Näher und tiefer ging jedoch in diesem Jahr keines. „Pedestrian Verse“ ist ein Monolith in der sowieso bereits tollen Frightened Rabbit’schen Diskographie. Und ein absolut würdiges „Album des Jahres“.

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2013TheNational_TroubleWillFindMe2.  The National – Trouble Will Find Me

Zu lange tingelten The National im Indierock-Schatten herum. Dabei besaß bisher jedes ihrer Album die Qualität und Größe, um einen Spitzenplatz in den Jahresabschlussbestenlisten zu belegen. Umso schöner ist es, wenn der US-Band mit „Trouble Will Find Me“, seines Zeichens Albumwurf Nummer sechs, nun endlich die vollends verdiente Aufmerksamkeit zuteil wird. Vielleicht besaß der drei Jahre junge Vorgänger „High Violet“ die dringenderen Gitarrenrocker. Vielleicht zieht bei den Familienvätern um den wohlig grantelnden Frontmann Matt Berninger von Mal zu Mal mehr Altersmilde ein. In jedem Fall stellt „Trouble Will Find Me“, The Nationals Musik gewordenes „Weinalbum“, Klasse vor Masse – nur eben nun auf größeren Bühnen. Wer noch immer glaubt, dass Arcade Fire die „größte Indieband der Welt“ seien, der sollte sich dieses Album zu Güte führen. Und den dreizehn Stücken beim stetigen Größerwerden zuhören…

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Mark-Kozelek-Jimmy-Lavalle-Perils-from-the-Sea-205x2053.  Mark Kozelek & Jimmy LaValle – Perils From The Sea

Mark Kozelek scheint seit geraumer Zeit einen sprichwörtlichen Lauf zu haben. Der ehemalige Red House Painters-Frontmann tourt als nimmermüder Troubadour nicht nur unablässig um die Welt, er veröffentlicht auch in immer geringeren Abständen eine großartige Platte nach der nächsten. Ob nun mit seiner elegischen Stammband Sun Kil Moon, mit den Ex-Kollegen von den Red House Painters, die nun als Desertshore musizieren, ob nun solo oder, wie hier, mit The Album Leaf-Cheftüfftler Jimmy LaValle – dem zurückhaltenden Geschichtenerzähler mit der so besonderen wie unverwechselbaren Stimme gelingt es immer wieder aufs Neue, seinen Zuhörer zu fesseln. Dass er sich für „Perils From The Sea“ dabei in absolutes Neuland vorwagt und sein Gesangsorgan inmitten reduzierter Ambietklänge bettet, macht die Sache eigentlich nur interessanter. Easy Listening mit Tiefgang und Relevanz? Keinesfalls eine einfache Sache… Und obendrein bietet „Perils From The Sea“ noch Erzählungen, die einen so schnell nicht mehr los lassen.

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there-will-be-fireworks-the-dark-dark-bright4.  There Will Be Fireworks – The Dark, Dark Bright

Das selbstbetitelte Erstwerk meiner schottischen Herzensband (klar mag es da so einige geben, aber keine liegt näher!) fand bei dessen Eigenvertriebsveröffentlichung vor vier Jahren noch quasi unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit statt. Beim nunmehr zweiten Album „The Dark, Dark Bright“ hören nun wohl schein ein paar mehr Ohren hin… Und das hat sich die Band um Frontmann Nicky McManus auch redlich verdient. Der schottische Fünfer arbeitet innerhalb von knapp 50 Minuten die komplette Indie-Postrock-Klaviatur von Mogwai bis Sigur Rós ab und setzt dabei nicht wenige wohltuende Nadelstiche mitten ins Herz. Mag sein, dass der Vorgänger die größeren, die höhere Wellen schlagenderen Songs hatte. „The Dark, Dark Bright“ ist dafür kohärenter und macht den ein oder anderen produktionstechnischen Mangel des Debüts wett. In einer gerechten (Musik)Welt werden There Will Be Fireworks zu einer großen kleinen Band. Wetten, dass?

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Casper_Hinterland5.  Casper – Hinterland

„XOXO“ wurde vor zwei Jahren als nichts weniger als die „Revolution des bundesdeutschen Hip Hop“ gefeiert. Das machte es für Benjamin „Casper“ Griffey natürlich keineswegs einfacher. Doch die Rechnung des „Emorappers“, sich für den Nachfolger so unwahrscheinliche Produktionspartner wie Get Well Soon-Mastermind Konstantin Gropper und das Elektro-affine Studioass Markus Ganter ins Boot zu holen, geht beim vierten Casper-Album „Hinterland“ in vollsten Maße auf. Egal ob der Indie-Rapper gerade vom Fern- oder Heimweh erzählt, sein Bewerbungsschreiben als deutscher Tom Waits abgibt oder sich Editors-Frontstimme Tom Smith zum Duett ins Studio einlädt – Deutschland hört hin. Und der Rest darf sich für die Ignoranz der germanischen Hip Hop-Antwort auf Springsteens „Born To Run“ gern den augenzwinkernden Mittelfinger abholen… Spätestens 2013 dürfte klar sein: Casper stehen alle Türen offen.

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BiffyClyro_Opposites6.  Biffy Clyro – Opposites

Wieviele (Rock)Bands sind bereits an ihren Ambitionen gescheitert? Wieviele Künstler haben bereits vollmundig epische Doppel- – oder gar Dreifach-! -Alben angekündigt, nur um dann auf höchsten Niveau zu versagen? Natürlich: diese Liste ist lang… „Opposites“ dürfte sich als sechstes Album des Schotten-Trios von Biffy Clyro auf der gelungenen Seite der Ambitioniertheit einordnen, bietet des doch die wohl gleichzeitig größten wie auch variationsreichsten Songs aus den Federn von Frontmann Simon Neil und den beiden Johnston-Zwillingen James und Ben. Eine Mariachi-Band inmitten fetter Hooks, Streicher und elegischer Passagen? In den über achtzig Minuten des so opulenten wie tiefgründigen Doppelalbums geht so einiges. Biffy Clyro bringen mit „Opposites“ das Pathos zurück auf die große Bühne. Operation gelungen, Patient gesünder denn je.

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listener-300x3007.  Listener – Time Is A Machine

Talk Music? Was zur Hölle soll das sein?!? Gut, wer sich als Neuling dem neusten Listener-Werk „Time Is A Machine“ gegenüber gestellt sieht, der dürfte wohl anfangs ähnlich überfordert sein… Zu rast- und ruhelos, zu drängend und dringend spielt sich das aus Fayetteville, Arkansas stammende US-Trio durch die acht neuen Stücke. Dass man dabei kaum mit dem lyrisch versierten Textespucker Dan Smith, der die Band einst als Soloprojekt begann, Schritt halten kann, ist ebenso faszinierend wie die Tatsache, dass sich Hip Hop und Postrock eben doch vereinbaren lassen. „Time Is A Machine“ ist mit seinen lediglich etwa 30 Minuten, wie auch der nicht minder tolle, vor drei Jahren erschienene Vorgänger „Wooden Heart“ schon, erneut kein Album zum Nebenbeihören. Nein, „Time Is A Machine“ ist ein wahrer kleiner Wirbelwind von Album, vorangetrieben von drei Wirbelwinden, die kaum näher bei sich sein könnten. Raprock in Höchstform. Diese Band verdient sich ihre eigene Nische…

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SIGUR-ROS-KVEIKUR-275x2758.  Sigur Rós – Kveikur

Als die Vorzeigeisländer von Sigur Rós im vergangenen Jahr das sechste Album „Valtari“ auf den Musikmarkt losließen, durfte man berechtigtermaßen befürchten, die Band um Frontmann Jónsi nun vollends an elegische Ambientweiten verloren zu haben, immerhin ließ das Werk nahezu vollständig jene großartigen Momentausbrüche vermissen, mit denen sich Sigur Rós auf Meilensteinen wie  „Ágætis Byrjun“ oder „Takk…“ noch in so viele Hörerherzen in aller Welt gespielt hatten… Umso heftiger drischt nun die nach dem Ausstieg des Keyboarders zum Trio geschrumpfte Band mit dem ein oder anderen Stück von „Kveikur“ in manche unvorbereitete Magengrube. Heftiger, kompakter und rauer waren Sigur Rós wohl noch nie, auf Albumlänge mitreißender in keinem Fall. Sollte Musik tatsächlich da anfangen, wo einem die Worte fehlen, so bleibt hierfür wohl nur noch ein letztes: geil.

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daughter-cover9.  Daughter – If You Leave

Vorschusslorbeeren durften Elena Tonra und ihre beiden männlichen Mitmusiker bereits seit den ersten Daughter-Lebenszeichen in Form von vereinzelten Konzerten und vielversprechenden EP-Vorboten sammeln. Umso höher war darauf natürlich der Sockel, vom dem das englische Trio mit dem Debütalbum fallen konnte. Doch „If You Leave“ enttäuscht keineswegs und ist, seiner Veröffentlichung um Frühling zum Trotz, eines der besten Herbstalben des Jahres, das sich zwar im selben Fahrwasser wie die Landsleute von The xx bewegt, dabei jedoch mehr Gewicht auf die Gitarren legt. Klar, man muss schon eine gewisse Affinität fürs Melancholische besitzen, um sich in diesen kleinen Dramen zurecht zu finden. Das Wohlgefühl kommt danach von ganz allein…

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Like-Clockwork-Cover10. Queens Of The Stone Age – …Like Clockwork

Josh Homme, dieser Schelm! „Wie ein Uhrwerk“ lief die Arbeit an „…Like Clockwork“ nämlich keineswegs. Stattdessen durfte sich der umtriebige Ex-Kyuss-Gittarero und jetzige Queens Of The Stone Age-Vorsteher mit so einigen Verletzungen und Schreibblockaden herumplagen. Dass er und seine Mitmusiker am Ende mit dem wohl besten Album seit dem in Rock gefassten, bereits elf Jahre zurückliegenden Meilenstein „Songs For The Deaf“ um die Ecke kamen, der ebenso knackige Wüstenrocker aufbietet wie irrwitzige Miniepen, dürfte dabei für sich sprechen. Dass bei Album Nummer sechs die prominente Gästeliste aus Mark Lanegan, Nick Oliveri, Trent Reznor (Nine Inch Nails), James Lavalle (UNKLE), Alex Turner (Arctic Monkeys), Brody Dalle (Ex-Distillers), Alain Johannes (Eleven), Jake Shears (Scissor Sisters) oder Sir Elton John zur reinen Marginalität gerät, ebenso… Nach sechs Jahren Veröffentlichungsschweigen präsentieren sich die Queens Of The Stone Age mit „…Like Clockwork“ frischer den je. Und Josh Homme, diese arschcoole Rocksau, stellt mit einem karrieretechnischen Top-Drei-Album mal eben die komplette Konkurrenz in den Schatten. Willkommen zurück, Jungs!

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Auf den weiteren Plätzen:

Various Artists – Sound City – Reel to Reel mehr…

Pearl Jam – Lightning Bolt mehr…

Haim – Days Are Gone mehr…

Keaton Henson – Birthdays mehr…

Vampire Weekend – Modern Vampires Of The City mehr…

Die Höchste Eisenbahn – Schau in den Lauf Hase mehr…

Foals – Holy Fire mehr…

Nick Cave & The Bad Seeds – Push The Sky Away mehr…

Woodkid – The Golden Age mehr…

Thees Uhlmann – #2 mehr…

 

 

Rock and Roll.

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Sigur Rós live in der Jungen Garde, 19. Juni 2013: Vom Unbekannten, von ungeahnten Möglichkeiten


sigur rós banner

An was liegt es bloß? Obwohl dieser Blog unlängst versuchte, der Band und ihrer fortwährenden Faszination Herr zu werden, geben Sigur Rós immer aufs Neue kleine Rätsel auf…

Denn wie bitte ist es zu erklären, dass sich gut 4.600 Besucher an einem lauen – oder eher: schwülheißen? – Mittwochabend in der Dresdner „Jungen Garde“ zusammenfanden, um Musik zu lauschen, deren Texte wohl für mindestens 99,9 Prozent der Anwesenden auch vertonte Ikea-Aufbauanleitungen oder Kochrezepte darstellen könnten – denn schließlich war kaum einer des Isländischen oder – abstruser noch – der bandinternen Fantasiesprache „Hopeländisch“ mächtig. Ist es also dieser unbedingte Wille zur Emotionalität, zur Neuerung, den das Trio aus Sänger und Gitarrist Jónsi Birgisson, Bassist Georg Hólm und Schlagzeuger Orri Páll Dýrason seit ihrer Gründung vor beinahe zwanzig Jahren ausstrahlt? Gar die Faszination des so Fremden – denn immerhin liegen zwischen der sächsischen Landeshauptstadt und Reykjavík, seit jeher Sigur Rós‘ Homebase, gut 2.500 Kilometer Luftlinie? Oder vielleicht die Naturverbundenheit, welche sich anhand von übersetzten Songtiteln wie „Sturm“ („Stomur“), „Schwefel“ („Brennisteinn“), „Saphir“ („Andvari“), „Heuhaufen“ („Heysátan“) oder „Samen“ („Illgresi“) leidlich erahnen lässt? Am Ende muss sich jeder seine eigenen, meist tief empfundenen Gründe suchen, um sich – bestenfalls – hoffnungslos in eines oder mehrere der bislang acht Studioalben der Band zu verlieben. Am gestrigen 19. Juni kamen zumindest über 4.000 (frisch) Verliebte zusammen…

Obwohl: genauer betrachtet dürften es sogar noch Unzählige mehr gewesen sein, denn die Isländer boten zur Feier der Veröffentlichung ihres neuen Albums „Kveikur“ das Konzert, welches den Restart ihrer Welttournee darstellte, als besonderes „Geschenk“ zum Livestream über ihre Homepage an. Und selbst dieser war nicht von schlechten Eltern: Wer es schaffte, dass Browser und Kapazität einmal mitspielten, konnte zwischen vier an verschiedenen Stellen der Bühne angebrachten Kameras und einem jeweiligen 360-Grad-Winkel (!) wählen – ein wahrer Rausch und optischen und akustischen Eindrücken! Und so durfte auch ich, obwohl ich seit einiger Zeit etwa 700 Kilometer entfernt von Dresden und meiner sächsischen Heimat lebe, im weltweiten Netz – und übertragen auf (m)eine Beamer-Leinwand und Surround-Anlage-, bei einem eiskalten Bier und ebenfalls schwülen Abendtemperaturen, dem Open Air-Konzert beiwohnen.

Sigur Ros -  360 Flyer

Die Voraussetzungen – toller Veranstaltungsort, beinahe ideales Wetter, ausverkaufte Ränge, erwartungsfrohes Publikum – hätten also kaum besser sein können. Und Birgisson, Hólm und Dýrason trugen, unterstützt von ihrem aktuellen kleinen Begleitorchester „The Okkr Ensemble“, ihren Teil dazu bei. Ganz ehrlich: eine Umschreibung – gar: eine Beurteilung – fällt hier schwer. Denn wo bereits bei den Studioalben der Isländer gefühlte 90 Prozent aller gewählten Worte der zu hörenden Musik kaum gerecht werden, schlägt dies bei den Konzerten von Jónsi & Co. meist komplett fehl. Deshalb nur soviel: Die 14 Songs starke Setlist enthielt – natürlich – das ein oder andere All Time Favorite von Form von „Olsen Olsen“, „Svefn-g-englar“ (vom zweiten Album „Ágætis Byrjun“), „Vaka“ (von „( )“), „Sæglópur“, „Hoppípolla“, „Með Blóðnasir“ (vom Erfolgsalbum „Takk…“) oder „Festival“ (vom verhältnismäßig poppigen „Með suð í eyrum við spilum endalaust“). Doch ebenso natürlich feierten – mit dem Eröffnungssongquartett aus „Hrafntinna“, „Ísjaki“, „Kveikur“ und dem Brecher „Brennisteinn“ – vier Stücke aus dem neuen Album „Kveikur“ ihre deutsche Live-Premiere unter dem Dresdner Abendhimmel. Trotz des ein oder anderen kleinen Soundproblems zeigten sich alle auf der Bühne Anwesenden von ihrer spielfreudigsten Seite, und während Frontmann Jónsi wie immer mit in alle Höhenlagen durchbrechender Falsettstimme und dem seine Gitarre bearbeitenden Geigenbogen (Jimmy Page lässt schön grüßen!) zwangsläufig im Mittelpunkt stand, hielt sich der Rest der Musiker auch dieses Mal effektiv zurück. Ansagen, Erzählungen, lange Reden? Braucht diese Musik nicht, hat sie noch nie gebraucht! Ein wenig Beleuchtung der Bühne für den Kontrast zur am Horizont entschwindenden Sonne, ein paar wunderschöne Visualisierungen im Hintergrund – der Rest gehörte den Songs, die sich wie die Ebbe zu stillen Ruhepolen zusammenzogen, nur um darauf wie gewaltige Sturmfluten aufs Publikum zuzurasen und dieses ohne Vorwarnung in den Bann zu ziehen – die alte Mär von Klimax und Antiklimax…

Und (beinahe) ganz gleich, ob man sich nun im Halbrund der über 4.000 vor Ort Anwesenden in der Dresdner „Jungen Garde“ oder – per Webcast – an irgendeinem anderen Ort auf diesem Planeten befand – am Ende des knapp 1,5-stündigen Konzertabends – und nach dem grandios kakophonischen Abschluss von „Popplagið“ (seit jeher eines meiner persönlichen Lieblingsstücke von Sigur Rós) – gab es wohl keinen, der nicht mit warmem Herzen und erwärmter Haut Tag und Band, die zum ersten Mal seit ihrem Auftritt im „Alten Schlachthof“ vor fünf Jahren wieder eine Dresdner Bühne betrat, verabschiedete…

 

Die Setlist vom Dresdner Konzert in der Jungen Garde (19. Juni 2013):

  1. Sigur Rós 2013Hrafntinna
  2. Ísjaki
  3. Kveikur
  4. Brennisteinn
  5. Vaka
  6. Sæglópur
  7. Svefn-g-englar
  8. Varúð
  9. Hoppípolla
  10. Með Blóðnasir
  11. Olsen Olsen
  12. Festival
  13. Glósóli (Zugabe)
  14. Popplagið (Zugabe)

 

Für alle, die aus welchem Grund auch immer, dem Konzert in Dresden nicht (digital) beiwohnen konnten, hat ein findiger Fan übrigens die knapp 85-minütige Show mitgeschnitten und – Kamerawechsel und Bildausfälle inklusive – via Youtube ins weltweite Netz gestellt. Also: anschauen und genießen, solange es online steht!

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Sigur Rós – Kveikur (2013)

Sigur Rós - Kveikur (Cover)-erschienen bei XL/Beggars/Indigo-

Mal ehrlich: Was kommt einem zuerst in den Sinn, sobald das schöne Stichwort „Island“ fällt? Wunderschöne Natur inmitten von Vulkanen, Geysiren und Arschkälte? Check. Reykjavik, Fischfang und Bankenpleite? Check. Trolle, Elfen und Feen? Check. Björk, Emiliana „Jungle Drum“ Torrini? Ja, sicher – check! Immerhin halten sich nur eben jene Klischees länger, denen auch eine Bestätigung gegenübersteht – und auch die Isländer scheren sich freilich einen feuchten Wal darum, etwas davon zu widerlegen. Immerhin profitiert der Tourismus von all diesen plakativen Bildern und Mythen. Und der Festigung einer eigenen Identität mag’s auch zuträglich sein… Halldór Laxness, der isländische Literaturnobelpreisträger, brachte die Faszination  Islands einst gekonnt auf den Punkt: „Island zwingt Sie, sich auf sich selbst zu besinnen. Und Sie müssen mit sich allein sein können.“ Doch die Insel unweit des nördlichen Polarkreises hat in der Tat in puncto Kultur einiges mehr zu bieten. Zum Beispiel eine seit vielen Jahren florierende und höchst eigene Musikszene – abseits der gedankenlos an die Wand der Kreativität geklatschte – man bitte meine Wortwahl zu entschuldigen – „Kunstscheiße“ einer Björk Guðmundsdóttir. Zum Beispiel das „Iceland Airwaves“ Festival, welches seit 1999 jährlich im Oktober in einem Hangar am Flughafen Reykjavík stattfindet und in der Vergangenheit, neben nationalen Künstlern, auch internationalen Größen wie Roger Waters, Bloc Party, den Kaiser Chiefs, den Flaming Lips, Fatboy Slim oder TV On The Radio eine Bühne bot. Und, last but not least, dürfte die wohl erfolgreichste und bekannteste Formation dieses Eilands mit der lachhaften Bevölkerungs“dichte“ von gerade einmal 3 Einwohnern pro km² jedem Musikfreund ein Begriff sein: Sigur Rós.

Sigur Rós #1

Dass die Band ebenso typisch isländisch ist wie Walfang, heiße Quellen und Holzhäuschen inmitten weiter Flächen, dürfte wohl kaum einer bestreiten. Immerhin kultivieren Frontmann und Stimme Jónsi Birgisson (auch Gitarrist) und seine Mitmusiker Georg Hólm (Bass) und Orri Páll Dýrason (Schlagzeug) bereits seit Gründung der Band vor beinahe zwanzig Jahren einen höchst eigen- wie einzigartigen Stil, den zu umschreiben wohl der Zappa’schen Vergleich vom „Schreiben über Musik“ und dem „Tanzen zu Architektur“ verdammt nahe käme. Die Musiker selbst geben sich gleichsam normal, bodenständig und unnahbar, die Musikvideos und songbegleitenden Visualisierungen sind kleine große Kunstwerke innerhalb von klanglichen Kunstwerken, die textliche Bedeutung der Stücke selbst lässt sich für jeden der isländischen Sprache unkundigen Ausländer seit jeher nur erahnen (wobei die Anekdote, welche sich 1998 im Zuge der Veröffentlichung des zweiten Albums „Ágætis Byrjun“ zugetragen haben soll, als ein englischsprachiger Journalist, zur Vorbereitung auf ein nahendes Interview mit der Band, die neuen Texte zur Übersetzung an einen befreundeten Isländer übergab – unwissend, dass Jónsi zu diesem Zeitpunkt in der von ihm erdachte Fantasiesprache „Hopeländisch“ sang – noch immer nicht in Gold aufzuwiegen scheint…). Um zu verstehen, was genau die Faszination der im vergangenen Jahr zum Dreiergespann geschrumpften Band (der multiinstrumentale Keyboarder Kjartan Sveinsson verließ nach 14 gemeinsamen Jahren Sigur Rós, um sich neuen Projekten zuzuwenden) ausmacht, muss man also zwangsläufig eines tun: zuhören. Denn bei allen umschreibenden Worten, die ich hier über die Isländer verlieren könnte, bleibt am Ende doch jenes Kopfkino, das wohl nur bei wenigen weiteren Bands weltweit derart automatisiert die Synapsen und Windungen der Gefühlsregionen des Hörers anwirft, außen vor.

Und doch ist „Kveikur„, das dieser Tage erschienene siebente Studioalbum von Jónsi & Co. ANEWFRIENDs „Album der Woche“. Wie also über eine Platte schreiben, die sich scheinbar erneut jeglicher passender Wortwahl entzieht? Nun, beginnen wir am besten ein Jahr zuvor. Als Sigur Rós „Valtari„, Album Nummer sechs, auf den Markt schmissen, durfte man als langjähriger Fanboy der Formation berechtigtermaßen enttäuscht aus der Musikwäsche schauen. Natürlich waren auch diese 55 Minuten mit allerhand Trademarks und Feingeist unterlegt – aber so viel Schönklang, so viel Ambiente, dass die acht Songs nicht einmal bei Großmutters sonntäglicher Kaffeetafel unangenehm aufgefallen wären? Immerhin lernte man Sigur Rós als eine Band kennen und lieben, die zwar Anmut in kursiver Blockschrift an jede Wand zu schreiben wusste, diese jedoch inmitten des Schaffensprozesses auch zu gern mit einem hämisch wissenden Grinsen und Vorschlaghämmern bewaffnet bearbeitete – die Zuckerbrot-und-Peitschen-Band des groß angelegten Post Rock, quasi. Dafür hatten sie sich mit den fraglos meisterlichen Alben „Ágætis Byrjun„, „( )“ und „Takk…“ zwischen 1998 und 2005 in eine eigene Liga gespielt, die es ihnen erlaubte, große Kunst in ihrer eigenen Nische zu schaffen, und ihnen fortan auch zaghafte popmusikalische Vorstöße wie das in den Londoner Abbey Road Studios aufgenommene, 2008 erschienene Werk „Með suð í eyrum við spilum endalaust“ ermöglichte. Mit der abendfüllenden Dokumentation „Heima“ setzen Sigur Rós – unter Zuhilfenahme des Regisseurs Dean DeBlois – sich selbst, ihrer Musik und ihrer Heimat ein ebenso klischeebeladenes wie monumental rauschhaftes filmisches Denkmal. Frontmann Jónsi tobte sich für anderweitige musikalische Interessen derweil zusätzlich beim gemeinsamen Kunstprojekt Jónsi & Alex, welchem noch sein Lebensgefährte Alex Somers angehört, auf seinem 2010 veröffentlichten Solodebüt „Go“ sowie dem Soundtrack zu Cameron Crowes letzten Kinofilm „Wir kaufen einen Zoo“ aus. Alles gut also – Friede, Freude, Walfischfleisch? Nun, einzig „Valtari“ ließ vermuten, dass Sigur Rós in all den Jahren der Biss – sprich: die Eier – abhanden gekommen waren…

Sigur Rós #2

Umso erstaunter – im ausdrücklich positivsten Wortsinn – dürfte man reagiert haben, als vor einigen Wochen „Brennisteinn“, der erste Albumvorbote, welcher nun auch „Kveikur“ eröffnet, mitsamt dem dazugehörigen Musikvideo das Licht des weltweiten Netzes erblickte. Knarzende Bassschläge und mannigfaltige Gitarren brechen sich durch dröhnende Warnsirenen ihre Bahn, während Jónsi dem Song in der ihm schönsten entrückten Art seine Stimme leiht. Eine wahre Katharsis, eine knapp achtminütige Explosion im Kleinen! Hoppladihopp, sie sind zurück! Doch glücklicherweise belässt es das Trio nicht dabei und schafft es, innerhalb der 48 Minuten eine dermaßen dichte Atmosphäre aufzubauen, in der die neuen neun Stücke – vielleicht sogar erstmals seit dem bereits 15 Jahre zurückliegenden Meisterwerk „Ágætis byrjun“ – vor allem als eines funktionieren: als großes Ganzes, im Gesamtverbund. Denn egal, ob die Band Industrial- (das Titelstück „Kveikur“) oder Elektronik-Bezüge („Yfirborð“) in ihren Klangkosmos einwebt, mit melancholischer Euphorie gen Firmament zu entschwinden versucht („Ísjaki“) oder zu triballastigem Schlagzeugrhythmen einfach alle Zweifler im Marsch überrennt (das Doppel aus „Rafstraumur“ und „Bláþráður“) – schon lange fiel es nicht mehr so leicht, der isländischen Band hoffnungslos zu verfallen. Freilich dürfte ein Album wie „Takk…“ die im Zweifel eingängigeren Einzelsongs besitzen, dürfte „( )“ mystischer erscheinen, dürfte „Með suð í eyrum við spilum endalaust“ höher und hoffnungsvoller gen Himmel weisen. Jedoch bindet „Kveikur“ alles festgezurrt zusammen, was Sigur Rós im besten Sinne ausmachen mag: das Opulente, das Mystische, das Umarmende, das Zupackende – im direkten Infight mit kleinen, beherzten Nackenschlägen und fiesen dampfwalzengleichen Tritten in die Magengegend. Und zwar immer dann, wenn man drauf und dran sein möchte, der Band ihre eigene postrock’sche Spährigkeit zur Last zu legen. Und wem all das noch nicht reichen sollte, darf im sanften Piano-und-Streicher-Abschluss „Var“ gern noch ein paar Herzen beim Zerbrechen zuhören…

Mit „Kveikur“ melden sich Birgisson, Hólm und Dýrason zurück zu alten Stärken, kehren dem Dream-Pop-Ambiente des Vorgängers den Rücken und wenden sich den Shoegazing- und Post Rock-Stärken früherer Alben zu, kultivieren ihre Ausnahmestellung aus Islands liebste Sonderlinge und machen sich so wohl selbst das größte Geschenk. Und obwohl man erneut – anhand der Übersetzungen der Songtitel „Kveikur“ („Docht“), „Brennisteinn“ („Schwefel“), „Yfirborð“ („Oberfläche“), „Stomur“ (Sturm“) oder  „Bláþráður“ („dünner Faden“) – allenfalls erahnen kann, wovon dieses Männchen aus dem hohen Norden da tatsächlich singt, kann genau das einem genau das doch herzlich egal sein. „Kveikur“ ist wie eine Wanderung durch ebenso eisige wie majestätische Berglandschaften, nur um bei Nacht und Sternenhimmel im wohlig warmen Geysir zu baden. „Kveikur“ reißt Elfen heimtückisch die kleinen Flügelchen aus, schlägt Harpunenpfeile durch Trollherzen und hängt die Kadarver zum Ausbluten in die Sonne direkt vor der einsamen Blockhütte. „Kveikur“ ist wie ein Spaziergang durchs arschkalte Reykjavík, immer mit dem Wissen, dass der schönste Sonnentag des Jahres in den nächsten Minuten beginnt. „Kveikur“ ist Freude, Euphorie, Empathie, Pathos, Zartheit, Intensität und Melancholie – ein in sich verankertes Höllenspektakel, ein manisch schöner Tanz mit den Engeln. „Kveikur“ ist der Tanz zur Architektur vor den heiligen Hallen des Kopfkinos. Und ich? Habe versucht, Klischee Klischee bleiben zu lassen und über Musik zu schreiben… Dabei gilt bei „Kveikur“ mehr denn je: einfach zuhören!

tracklist

 

 

Für all jene, die’s auf ANEWFRIEND verpasst haben sollten, gibt’s hier noch einmal „Brennisteinn“ in Bild und Ton:

 

Und da Sigur Rós zwar eine durchaus virtuose Studioband sind, in jedem Fall jedoch auch ein hervorragendes Liveerlebnis, sei jedem hier der feine, 2011 erschienene Konzertfilm „Inni“ ans Herz gelegt, der im Paket einen 75-minütigen Auftritt im Londoner Alexandra Palace in Bild (der in Schwarz-weiß gehaltene Konzertfilm auf Blue-ray/DVD ) und Ton (eine CD liegt bei) enthält:

 

Rock and Roll.

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Aus klein mach laut? – Neues Sigur Rós-Video zu „Brennisteinn“ + Albumankündigung…


Sigur Ros 2013

Nach The National kündigt mit Sigur Rós die nächste meiner langjährigen Lieblingsbands ein neues Album an: „Kveikur“ wird am 17. Juni erscheinen.

Und nimmt man den ersten Vorabsong „Brennisteinn“ als richtungsweisendes Element, dann dürfen wir von den zum Trio geschrumpften Isländern (kürzlich wurde der Ausstieg von Keyboarder Kjartan Sveinsson bestätigt) wieder mehr Dynamik – und Lautstärke? – erwarten als noch auf dem doch sehr gemächlich dahingespielten Vorgänger „Valtari„, welcher vor nicht einmal einem Jahr erschien. Mich würde es freuen! Beweisen müssen sich Sigur Rós als stilbildende Institution – respektive: nach beinahe 20 gemeinsamen Jahren – im Musikgeschäft eh nur noch selbst etwas…

Bis das Album erscheint, kann sich der geneigte Fan der Band um Frontmann Jón Þór „Jónsi“ Birgisson die Zeit mit der großartigen Live-Werkschau „Inni“ oder der kürzlich veröffentlichten, sehenswerten Video-Variante (als DVD oder Blu-Ray) des letzten Albums die Zeit vertrieben…

 

…oder eben das neue – wie immer höchst kunstvolle – Video zum Song „Brennisteinn“, bei welchem Andrew Huang Regie führte, anschauen:

 

Rock and Roll.

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