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Der Jahresrückblick – Teil 1


(Illustration: Rae Pozdro)

Was für Musik braucht man in einem so eigenartigen Jahr wie diesem? Solche, bei der die Halsschlagader wild pocht und der ganze gerechte Zorn auf diese ganze verdammt verrückte und aus den Angeln geratene Welt ein brodelndes Ventil bekommt. Solche, die einem sanft über den Kopf streicht und einem die Hoffnung einhaucht, dass alles schon besser werden wird – irgendwann, irgendwie. Und auch solche, die einen in ihrer Euphorie einfach gnadenlos mitreißt, und einen – im besten Fall – alles andere – das Gute wie das Schlechte – für Momente vergessen lässt. Eine Zuflucht. Eine Ton und Wort gewordene zweite Heimat. Zwischen diesen drei Fixpunkten ist in meiner Bestenliste der persönlich tollsten Alben des Musikjahres 2020 einmal mehr recht wenig zu finden, an den Endpunkten dafür umso mehr. Bühne frei und Vorhang auf für ANEWFRIENDs Alben des Jahres!

Phoebe Bridrs – PunisherPhoebe Bridgers – Punisher

Phoebe Bridgers – Punisher

Im ersten Moment doch sehr, bei genauerer Betrachtung jedoch etwas weniger überraschend: Für ein Jahr, das die meiste Zeit am Rande des totalen gesellschaftlichen wie ökonomischen und kulturellen Stillstands wankte, gab es 2020 eine ganze Menge (sehr) guter neuer Musik zu hören. Fiona Apple etwa brachte mit „Fetch The Bolt Cutters“ zum ersten Mal seit acht Jahren ein neues, von Fans wie Kritikern vielbeachtetes Album heraus. Bob Dylan zeigte, dass er im Alter von 79 Lenzen immer noch eine Menge zu sagen hat. Und Taylor Swift bewies, dass sie nicht nur eine der erfolgreichsten und versiertesten Songwriterinnen der Pop-Gegenwart ist, sondern auch eine der produktivsten: gemeinsam mit Teilen des The National-Lagers und Gästen wie dem unter Indie-Folk-Freunden höchst geschätzten Justin „Bon Iver“ Vernon veröffentlichte „TayTay“ im Juli und Dezember ohne größeres Werbe-Tamtam mehr als dreißig Songs, die sie seit Beginn der Pandemie geschrieben und aufgenommen hatte.

All diese und viele andere Veröffentlichungen sind es freilich wert, gehört und nachhaltig beachtet zu werden. Aber ein Album steht – und das zeigt auch diese Auswertung der Jahresbestenlisten – über ihnen allen: Phoebe Bridgers‚ „Punisher“. Zu großen Teilen aufgenommen während der letzten zwei Jahre, kann das Werk zwar nicht von sich behaupten, eine Echtzeit-Reflexion der Stimmung während der Pandemie zu sein, wie im Fall von Taylor Swifts „folklore“ und „evermore„. Dennoch passt Bridgers‘ musikalische und lyrische Sensibilität besser als alles andere, was in diesem Jahr veröffentlicht wurde, zum unverwechselbarem Geist des gefühlten „Rien ne va plus“-Scheintods der vergangenen Monate. Das Album ist ein zerbrochener, trüber Spiegel, der unseren von Melancholie, Isolation und immerneuen Hiobsbotschaften geschundenen Körpern und Seelen vorgehalten wird.

Nicht, dass „Punisher“ eine Art einmalige Novalität wäre. Weit gefehlt. Schon Bridgers‘ kaum weniger gelungenes Debüt von 2017, „Stranger In The Alps„, sowie die gemeinsame letztjährige Platte mit Conor Oberst als Better Oblivion Community Center etablierten die 26-jährige Singer/Songwriterin als versierte Emo-Folk-Musikerin im Stile des früh verstorbenen großen Elliott Smith. Wie Smith ist Bridgers, die selbigen nicht eben zufällig verehrt, eine Künstlerin mit einem ausgeprägten Sinn für feine Mark-und-Bein-Melodien und der Gabe, Texte zu verfassen, die persönliche Traumata und alltägliche Kämpfe in kunstvoll einnehmende Porträts menschlicher Zerbrechlichkeit und der Sehnsucht nach inniglicher Verbundenheit verwandeln.

Die sehnend fatalistischen Songs auf „Punisher“ entwickelt diese Themen weiter und führen sie in expansive neue Richtungen, während Bridgers‘ teilweise skurrile Beobachtungen und emotionale Einsichten in eine irrgärtene, zumeist stille Klanglandschaft eingebettet werden, die sowohl intensiv schön als auch auf vereinnahmende Weise klaustrophobisch ist – wie ein Spaziergang auf dem Grund des Ozeans oder der Oberfläche eines anderen Planeten (oder eben durchs nächtliche Pandemie-L.A.). Das konnte selbst die US-Musikindustrie nicht überhören und würdigte die musikalische Kraft des Albums, indem sie Bridgers und ihre Platte jüngst für ganze vier Grammys nominierte, darunter als „beste neue Künstlerin“ und als „bestes alternatives Musikalbum“.

Bridgers und ihre Mitstreiter – die Co-Produzenten Tony Berg und Ethan Gruska, die Songwriting-Partner Christian Lee Hutson, Conor Oberst und Marshall Vore, ihre boygenius-Girl-Buddies Julien Baker und Lucy Dacus sowie etliche andere Musiker aus der heimischen Indie-Szene von L.A. – haben ein Album geschaffen, das all die Hilfsmittel in Los Angeles‘ legendärem Aufnahmestudio Sound City – all die Fader, Sampler, Autotune-Gadgets und andere Vocal-Effektgeräte – mit einer breiten Palette von akustischen Instrumenten kombiniert, um eine über alle Maßen intensive Erfahrung zu schaffen, die auf die beste Art und Weise verwirrend ist – wie ein seltsamer, beunruhigender Traum, der es schafft, etwas Schmerzhaftes, Wahres und irgendwie Notwendiges zu vermitteln, während man am nächsten Morgen nicht einmal mehr Worte für das nokturn Geträumte findet.

Der gequälte Existenzialismus des Albums wird vielleicht am stärksten in „Chinese Satellite“ vermittelt, einem herzzerreißenden Song über Bridgers‘ Tendenz, „in Kreisen umher zu laufen und vorzugeben, dass ich ich selbst sei“. Er gipfelt in einem Refrain, der mit einem herzzerreißend schönen, gen Firmament hauchenden Streicher-Arrangement unterlegt ist und als eine Art Gebet um Erlösung von Einsamkeit und Zweifeln fungiert:

„I want to believe
Instead I look at the sky and I feel nothing
You know I hate to be alone
I want to be wrong“

Eine alltägliche Klage – „I hate to be alone“ – in einen Ausdruck metaphysischer Sehnsucht zu verwandeln, der sowohl düster-komisch als auch tieftraurig ist, ist das, was Bridgers wie kaum eine andere aktuell beherrscht – und sie tut genau das auf „Punisher“ immer wieder.

Die Songs des Albums sind voll von lebendigen, einprägsamen – und oft nur im ersten Licht trivialen – Beschreibungen des alltäglichen Lebens, die beim Lauschen zwischen den Zeilen mit einer größeren Bedeutung einhergehen: Sie ändert ihren Plan, einen Garten anzulegen, als Reaktion auf die Aktivitäten eines Skinheads in der Nachbarschaft („Garden Song“). Sie „wollte die Welt sehen“, bis sie nach Übersee flog und daraufhin ihre Meinung änderte („Kyoto“). Sie macht einen morbiden Witz über den fortwährenden Klang von Sirenen aus Richtung des Krankenhauses in der Nähe ihres Hauses (interessanterweise nur eine von vielen unheimlichen lyrischen Vorahnungen der Pandemie, die über das ganze Album verstreut sind – Entstehungszeitraum hin oder her). Sie und ein Freund verbringen einen Abend damit, den „Rest unseres Serotonins“ zu verbrauchen, während sie auf dem Boden sitzen und eine Packung Cracker futtern („Graceland Too“). Sie gesteht ihrem verheirateten Ex-Liebhaber, dass er sie „wie Wasser in deinen Händen“ hält („Moon Song“). etc. pp.

Solche Momente flüchtiger Schönheit häufen sich, türmen sich auf, ziehen manches Mal auch wieder vorbei, während sich das Album auf (s)einen unheilvollen Schluss zubewegt: „I Know The End“, in dem Bilder vom Ende einer Beziehung zu Visionen der Apokalypse verschwimmen, während sich die hübsche Folk-Melodie langsam in eine Kakophonie aus klirrenden Akkorden, wirbelndem Lärm und menschlichen Schreien verwandelt. Es ist ein überraschendes, beängstigendes und doch irgendwie perfekt passendes Ende für eine Platte, die so todgeweiht ist wie das Leben am Ende selbst. Das mag sich zwar schwer oder deprimierend lesen, ist es jedoch ganz und gar nicht. „Punisher“ ist ehrlich, heftig, extrem melodiös – und der perfekte Soundtrack für dieses oder jedes andere Jahr. Kurzum: ein verdammtes Meisterwerk.

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2. Spanish Love Songs – Brave Faces Everyone

Liebe? Doof. Job? Doof. Finanzielle Lage? Doof. Soziale Kontakte? Doof. Und sonst so? Alles recht beschissen, danke der Nachfrage… Man wünscht Dylan Slocum – wie ja eigentlich jedem anderen Menschen – wirklich, dass er irgendwann seine mentale Gesundheit erlangt, auch wenn das wohl bedeuten würde, dass der Spanish Love Songs-Frontmann dann nicht mehr diese verdammt intensiven, dem eigenen Schicksal trotzenden Loserhymnen zur Selbsttherapie schreibt. Bis dahin macht die fünfköpfige Band aus Los Angeles auf „Brave Faces Everyone“ jedoch exakt dort weiter, wo „Schmaltz“ vor zwei Jahren endete: Sie vertonen seelische Abgründe und verpacken diese in maximal mitreißendem Punkrock, mit dessen gefühlter Intensität sie aktuell allein auf weiter Flur stehen. Zehn Fäuste für ein herzhaftes „Fick dich!“.

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3. Bright Eyes – Down in the Weeds, Where the World Once Was

So wirklich still war es um Conor Oberst nicht in den letzten Jahren – siehe die tolle Platte mit Phoebe Bridgers als Better Oblivion Community Center, siehe das Comeback-Album mit den Radaubrüdern der Desaparecidos, siehe die jüngsten Alt.Country-meets-Indiefolk-Solo-Alben „Ruminations“ und „Salutations“ (ersteres war anno 2016 gar ANEWFRIENDs „Album des Jahres“). Trotzdem durfte man bei all der Umtriebigkeit seine Haupt- und Herzensband Bright Eyes schon ein kleinwenig vermissen… Nun, nach neun langen Jahren, hat sich Oberst endlich wieder mit Mike Mogis und Nate Walcott zusammengetan, und in der Trio-Formation strahlen seine Songs noch heller durch all die Dunkelheit hindurch, die sich seit jeher im Großteil seiner Texte offenbart. Dabei zieht das Dreiergespann alle zur Verfügung stehenden Register, dies ist längst mehr als folkender Indie Rock, es besitzt und besetzt (s)eine eigene Kategorie: Conor-Oberst-Songs eben. Also faszinierende Textkaskaden, betörende Melodien und spirituelle Suche in einem. Dance on through and sing!

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4. Biffy Clyro – A Celebration Of Endings

„Baby, I’m scorched earth / You’re hearts and minds / Fuck everybody! / Woo!“ – ein Album, das mit solchen Worten endet, kann wahrlich kein schlechtes sein… Der dazugehörige Song fasst in gut sechs Minuten zusammen, warum Biffy Clyro seit eh und je eine der spannendsten Rock-Bands sind, die das an spannenden Bands wirklich nicht arme Schottland hervorgebracht hat. All ihre Klangelemente – von hektischen, an frühe Großtaten gemahnenden Rhythmen über mit sanften Strichen gemalte balladeske Klangbilder bis hin zu allumfassendem Pathos – finden sich aber nicht nur in besagtem Rausschmeißer „Cop Syrup“ wieder, sondern clever ausgespielt auf dem gesamten achten Album des Trios um Frontmann Simon Neil verteilt. Präsentiert sich „North Of No South“ zu Beginn als prototypischer Biffy-Clyro-Knüller, hadert „The Champ“ funky und elegant mit der Gegenwart: „A virtual dream and a virtual life / Well, I’m in love with the older kind / A Biblical truth and a cynical lie“. Derlei Beobachtungen ziehen sich zwar durch „A Celebration Of Endings“ und das Album wird außerdem vor dem Hintergrund des Brexit veröffentlicht, explizit politisch ist es jedoch nicht. Dafür aber sehr, sehr gut. Und das nicht nur, weil es wesentlich besser als sein mauer Vorgänger ist, dessen Pop-Exzesse hier lediglich dosiert stattfinden (etwa beim erstaunlich gelungenen Kitsch-Balladen-Ohrwurm „Space“). Mon the Biff!

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5. Kristofer Åström – Hard Times

Alben wie “Northern Blues”, „Loupita“ oder “So Much For Staying Alive” sind tatsächlich schon über eineinhalb Dekaden alt. Doch Singer/Songwriter Kristofer Åström lässt den Sound von damals mit seinem neuen Werk “Hard Times” wieder aufleben, als wären zwischen all diesen Langspielern gerade einmal wenige Wochen vergangen, denn in der Tat wären die acht neuen Songs auch damals schon gut auf diesen ausnahmslos tollen Kleinoden voll skandinavischer Herzschmerz-Melancholie aufgehoben gewesen. 2020 entfalten sie aber noch mal ihre ganz eigene Schönheit, auch wenn der Schwede betont, dass der fürs aktuelle Jahr überaus passende Albumname bereits vor der Corona-Pandemie feststand. Schon im Opener “Inbetweener” leidet der 46-jährige „Scandinavian Cowboy“ hörbar wie eh und je. “In The Daylight” erzählt eine lange vergangene, aber bis heute traumatische Liebesgeschichte. Und auch “Another Love”, das er gemeinsam mit Britta Persson in ein wunderschönes Duett packt, ist berührend und voller Liebeskummer: “The sun don’t shine on me and the night won’t leave me be”. Es sind einmal mehr die kleinen, jedoch schmerzenden Sätze, die so viel ausdrücken: “She kissed me and then she moved on” aus “Then She Moved On” ist nur ein weiteres Beispiel. “Nowhere In Sight” hat ebenfalls diese allumfassende Traurigkeit, mit der sich Åström vor inzwischen sehr vielen Jahren in der Singer/Songwriter-Szene etabliert hat. Glaubt mir: Wer’s liebt, der liebt’s auf Lebenszeit.

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6. Matt Berninger – Serpentine Prison

Jetzt ohne Band. Um sich endlich selbst zu verwirklichen? Eher nicht. Denn auch The National sind ganz Matt Berninger. Und hier wie dort leidet der heute 49-Jährige melodischer und melancholischer als jeder andere. Gewiss ist aber: „Serpentine Prison“, das späte Solodebüt nach acht Alben mit seiner Hauptband, ist viel mehr eine Songwriter-Platte als die letzten National-Alben. Uptempo-Indie-Rock, elektrische Gitarren, elektronisches Klackern, vertrackte Beats: nichts davon findet sich hier wieder. Und dass Berninger sein Mikro aus der Hand gibt, wie zuletzt reihenweise auf „I Am Easy To Find“ etwa an Mina Tindle und Sharon Van Etten, kommt auch nur einmal vor, wenn Gail Ann Dorsey (aus Bowies Band) im Song „Silver Springs“ eine Strophe singt. Stattdessen hört sich „Serpentine Prison“ fast schon überraschend traditionell und, ja, auch klassisch amerikanisch an. Akustische Gitarre, Bläser, irgendwo zwischen Americana und Indie Folk. Feine Klaviermelodien und Streicher bringen Kammerpop mit hinein. Und die bluesig-groovende Orgel im Song „Loved So Little“ geht ganz klar auf das Konto von US-Legende Booker T. Jones, der hier produziert und mitgespielt hat, und so hörbar seinen Sinn für erdig-ehrlichen Soul-Rock und einen klugen räumlichen Blick auf die eher spärlichen Arrangements einbringen kann. „I don’t see no brightness and I’m kind of startin’ to like this“, singt Berninger, ganz Schmerzensmann, in „Oh Dearie“. Das ist nah an der Selbstparodie, und wie er es sich so bequem macht in seinen kontemplativen, traurig-schönen Stücken, glaubt man’s ihm fast. Nach dem verloren flehenden „Take Me Out Of Town“ nicht mehr so. „Where are you, you said you’d be here by now“, fragt jemand. Und garantiert nicht im Titelsong. Leben inmitten von Frustration, Nationalismus, Zynismus – wie geht das? „Serpentine Prison“ schließt – ziemlich großartig – individuelle und kollektive Angst kurz, erzählt von Depression und einer Welt am Rand der Zerstörung. Resignation, Fatalismus? Hilft alles nicht: „I walk into walls and I lay awake / I don‘t want to give it to my daughter“. Dazu spielen Trompete und Mundharmonika. Und spätestens wenn man so samtig-schlichte Songs wie „One More Second“ hört ist klar, warum Berninger ein Soloalbum gemacht hat. Feinster Herbstblues mit Sonnenstrahlen.

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7. Gerry Cinnamon – The Bonny

Überlastete Live-Streams, volle Hallen, ratzfatz ausverkaufte Tourneen (selbstredend in der Vor-Corona-Zeit): Ist Gerard Crosbie, der hinter dem Künstlernamen Gerry Cinnamon steckt, der größte Star, den – hierzulande – (fast) niemand kennt? So ähnlich zumindest wird der Singer/Songwriter gern schonmal vorgestellt. Oder besser der „Sangster-Sangwriter“, wie man es in seiner schottischen Heimat zu sagen pflegt. Cinnamon nämlich singt, wie viele seiner Landsleute auch, keineswegs in feinstem Oxford-Englisch, sondern auf „Glaswegian“, einem Dialekt, der nach der größten Stadt des Landes benannt ist: „Glesga“ (Glasgow). Es ist denn auch dieser Dialekt in Verbindung mit seiner prägnanten Stimme, die den Charme seiner Songs und von „The Bonny“, seinem zweiten Album, ausmachen. Mit rauchigem Gesangsorgan, das mutmaßlich schon in einigen Pubs und vernebelten Clubs erklang, singt der 36-Jährige seine persönlichen Geschichten über Liebe, Hoffnung und Erinnerungen. „Sun Queen“ etwa kommt als lockere Pop-Leichtigkeit daher, die einer verflossenen Liebe gedenkt, deren Namen er, bildlich, in einen Regenbogen schnitzte. „Dark Days“ erzählt vom Entkommen aus dunklen Zeiten. Wenn das Leben ein Spiel und das Glück für Verlierer ist, „dann gewinne ich wieder“ ist da zu hören. Musikalisch ist Cinnamon vornehmlich ganz der spartanischen Instrumentierung verpflichtet: seine Akustikgitarre, Mundharmonika und Stimme bilden den Rahmen der zwölf Songs. Schlagzeug und Bass zimmern ein rhythmisches, teils höchst eingängiges Gerüst für die Songs. „Where We‘re Going“ etwa klingt wie das Beste aus der munteren Pop-Phase von The Cure, „Mayhem“ wie ein sehr starker Non-Album-Song von Travis und das Titelstück nach einer feucht-fröhlichen Nacht an einem schottischen Highland-Lagerfeuer. Trotz aller hörbaren Einflüsse und Querverweise behält der hagere Schotte mit der Oasis-Britpop-Gedächtnis-Topfschnitt-Frisur seine Eigenständigkeit und liefert ein unterhaltsames Album ab, bei dem sich selbst Liam Gallagher zu einem seiner zugegebenermaßen recht seltenen, da diss-freien Komplimente hinreißen lässt: „Ein Top-Mann macht völlig natürliche Sachen.“ Will was heißen, heißt auch was.

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8. Pearl Jam – Gigaton

2020 hätte ein weiteres großes Konzertjahr für die Grunge-Rock-Band aus Seattle werden können, ja: sollen. Dieses neue Album (das erste seit immerhin sieben Jahren), das der Tour den Rahmen und den Anlass gegeben hätte, ist keineswegs unwichtig, aber auch nicht der zentrale Kern der Unternehmung – Pearl Jam würden auch ohne eine neue Veröffentlichung im Rücken die Stadien und die Gelände rund um den Globus füllen. Nun jedoch gab es keine Konzerte, was zur Folge hat, dass „Gigaton“ unerwartet und ungewohnt erhöht auf einem Podest im Raum steht, als exklusiver Beitrag von Eddie Vedder und Co. in diesem (Musik)Jahr. Es ist daher davon auszugehen, dass so manch treuer Fan diese Platte häufiger gehört haben als die soliden Vorgänger. Und die meisten der Hörer werden beglückt festgestellt haben, dass das Gros der zwölf neuen Stücke diesem Anspruch genügt. Die Band erzählt auf „Gigaton“ – vom unerhört funky Vorboten „Dance Of The Clairvoyants“ einmal abgesehen – freilich wenig Neues, aber das ist nun wirklich keine allzu große Überraschung. Was Pearl Jam leisten, ist eine absolut solide Ausdifferenzierung ihrer hinlänglich bewiesenen Könnerschaft. Ein Song wie „Who Ever Said“ zum Beispiel läuft mehr als fünf Minuten lang und verbindet in dieser Zeit Virtuosität und Kraftmeierei, Melancholie und Melodien, Achtsamkeit und Sehnsucht. Viel mehr kann man von massentauglicher, aber nicht stromlinienförmiger Rockmusik nicht erwarten, weder im Jahr 2020 noch vor genau drei Jahrzehnten, als sich die Band gründete. Die „elder statesmen des Grunge“ liefern. 

9. Brian Fallon – Local Honey

Es ist das dritte Soloalbum von Brian Fallon, und mit jedem scheinen The Gaslight Anthem weiter weg. Wenn man sich seine heutigen Sachen und diese lediglich acht um Akustik-Klampfe, Klavier, Bass und Schlagzeug gezimmerten Stücke anhört, kann man sich auch nicht so recht vorstellen, was er bei seiner alten Band noch finden sollte. Die großen Kämpfe der Jugend, der Punk Rock, das unbedingte Drama scheinen vorbei zu sein. „Ich bin 40, habe zwei Mädchen, eine Frau, ein Haus – das ist, was ich heute bin“, sagt er selbst. Die federnde Folkrock-Ballade „When You’re Ready“ hat Fallon denn auch für seine Töchter geschrieben. „In this life there will be trouble, but you shall overcome“, singt er da. Das modern-radiopoppig produzierte „21 Days“ überblendet Sucht- und Beziehungsende, in „I Don’t Mind If I’m With You“ blitzen die alten Dämonen, die gefochtenen Kämpfe noch einmal für Momente auf, im Angesicht der Liebe aber werden sie klein und kleiner. „Horses“ erzählt ebenso von Vergänglichkeit wie von Erlösung ohne Theatralik: „In this life change comes slowly, but there is time to be redeemed“. „Hard Feelings“ ist einer jener Songs, die Fallon noch immer wie kaum ein Zweiter aus dem Ärmel schüttelt: eine Mischung aus hemdsärmeliger Americana und von Nostalgie durchwehter New-Jersey-Romantik, in der immer ein „slow song“ aus einem „baby blue Mercedes“ spielt. Und „You Have Stolen My Heart“ könnte am Ende schon fast wieder eine der Balladen auf „American Slang“ sein. „Local Honey“, das sind Songs über die Zeit, wenn die Jugend vorbei ist und das Alter noch weit weg scheint. Es gehe zu „einhundert Prozent ums Alltagsleben“, so Fallon, „und wenn das mein Leben ist, dann ist es wahrscheinlich auch das vieler anderer Leute.“ Wirklich spektakulär ist hier nichts, langweilig jedoch auch nicht. Ergo: kein „Nebraska“, aber definitiv auch kein Reinfall. 

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10. Beans On Toast – Knee Deep In Nostalgia / The Unforeseeable Future

Jay McAllister aus Braintree ist ohne Zweifel einer der sympathischsten Klampfenbediener der britischen Inseln. Und einer der talentiertesten. Und einer der umtriebigsten. Seit zig Jahren haut der 40-jährige englische Indie-Musiker pünktlichst zu seinem Geburtstag im Dezember ein neues Album unters Hörervolk, auf dem er jeweils aus seinen zurückliegenden Monaten erzählt und in den Songs vom trubeligen Leben um ihn herum berichtet. In selbigen kommt seit einiger Zeit nicht nur seine kleine Tochter vor, sondern auch der wachsende Unmut über soziale Ungerechtigkeiten oder den Brexit. Umso tiefer sollte man seine Kopfkappe ziehen, dass Mr. Beans On Toast all das nicht mit kaltschnäuziger Pumpe tut, sondern mit jeder Menge Witz, Hirn und Herz. Und dass bei einem Teil der doppelten Veröffentlichung dieses Jahres (denn immerhin feierte der Mann ein rundes Wiegenfest) ein gewisser Buddy namens Frank Turner unter die Indie-Arme gegriffen hat, macht das Ganze nun auch nicht weniger sympathisch… Spitzentyp, der Beans!

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…auf den weiteren Plätzen:

BRUTUS – Live in Ghent mehr…

A Burial At Sea – A Burial At Sea mehr…

Deep Sea Diver – Impossible Weight mehr…

Bruce Springsteen – Letter To You

Dogleg – Melee mehr…

Rock and Roll.

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Kristofer Åströms „Hard Times“ – eine Hommage an den Alltag, eine Hommage an den Herzschmerz


Schwedens seit Jahr und Tag bestem, tollstem und (zumindest in meinem Hörerherzen) größtem Singer/Songwriter Kristofer Åström kann man nach beinahe drei Jahrzehnten als Musiker freilich nichts mehr vormachen, schließlich hat der ehemalige Fireside-Frontmann mit Album-Großtaten wie „Northern Blues„, „Leaving Songs„, „Loupita“ oder „So Much For Staying Alive“ den melancholischen Lonesome-Scandinavian-Cowboy-Folk mit all seinen herrlichen Schlenkern in Richtung Americana und Alt.Country längst und bis ins blutende Herzensmark für sich durchdekliniert. Und wenn der 46-jährige nordische Troubadour aus dem nordschwedischen Luleå seinen zehnten Solo-Langspieler „Hard Times“ nennt, geht es natürlich nicht um die verrückte Welt da draußen (schließlich entstanden die acht Stücke vor Corona), sondern einmal mehr um das Hadern mit der ollen Liebe.

Denn egal ob im Pop oder Folk – mit dem Liebeskummer ist es so eine Sache. Unzählige Male schon wurde in emotional-melancholischen Songs gelitten, getrauert, geschimpft. Aber genauso wie es weiterhin Liebeskummer geben wird, werden auch weiterhin Lieder darüber geschrieben – selten allerdings so überzeugend wie vom schwedischen Musiker mit dem markant zartdunklen Schmelz in der Stimme. Er wolle nicht der Notnagel sein, der einfach nur bis zur nächsten richtigen Beziehung gut genug ist, singt Åström schon im herausragenden Opener „Inbetweener„. Vor allem das Schlagzeug verleiht dem Stück dabei den nötigen Nachdruck. Und in „In The Daylight“ erinnert er sich an den 16-jährigen Kristofer, der am verabredeten Ort vergeblich auf sein Date wartet: „I hope that you can live with the scar that you gave me“. Ja, in unseren derzeitigen „Hard Times“ ist es natürlich ein willkommener Luxus, die Realitätsflucht in den Liebeskummer anzutreten zu können…

Nachdem Åström zuletzt – das jüngste Werk „The Story Of A Heart’s Decay“ erschien vor fünf Jahren – meist allein mit seiner Akustischen zu hören war, holte er sich für einige Songs von „Hard Times“ wieder seine vertraute Band ins Studio irgendwo im schwedischen Niemandsland, in den Wäldern von Värmland. So wechseln sich hier rein akustische und bandbegleitete Songs ab. Das Ergebnis ist auch ein klein wenig eine Reise zurück zu Åströms musikalischen (Solo-)Anfängen, weiß jedoch trotz der unterschiedlichen Dynamik immer zu berühren.

„Though the music on ‚Hard Time’s is not Country, it certainly has the feeling of it…“ (Kristofer Åström)


Er fand, die Songs bräuchten eine Band, wie der Singer/Songwriter in einem Interview erzählt. Diese Band habe er mit ein paar Freunden zusammengestellt, seitdem tourten und spielten sie zusammen. „Wir haben auch das vorherige Album ‚The Story Of A Heart’s Decay‘ zusammen aufgenommen. Deshalb wollte ich unbedingt, dass die ganze Band auch diesmal dabei ist. Aber es gibt ein paar Songs auf dem Album nur mit mir und einer Akustikgitarre.“

Unterstützung holte sich Kristofer Åström für dieses Album jedoch nicht nur von seinen Band-Buddies, sondern einmal mehr auch von Britta Persson, ihres Zeichens eine der besten und bekanntesten Indie-Folk-Musikerinnen Schwedens, die bereits vor etwa 15 Jahren im famosen „The Wild“ (vom Album „Loupita“) stimmlich aushalf. Dieses Mal singen die beiden im feinen „Another Love“ von der Hilflosigkeit, in die man verfällt, wenn sich der Partner in jemand anderen verliebt. “The sun don’t shine on me and the night won’t leave me be…” – Den Schmerz in ihren Stimmen kann man dabei fast spüren. (Sorgen muss man sich um den Musiker trotzdem nicht machen, wie etwa „Michelle“, welches zunächst lediglich auf einer dem Album beiliegenden limitierten Bonus-Vinyl erscheint, beweist. Dieser Song trägt den Namen seiner Frau, Åström spielte ihn bei ihrer Trauung.)

Während in den gut vierzig Minuten, wie im knapp achtminütigen, dezent an Neil Young gemahnenden Psychedelic-Abschluss „Night Owl„, ein ums andere Mal Verweise auf frühe Solo-Großtaten anklingen (da kann der Singer/Songwriter noch so oft dementieren, mit dem Album nicht wie früher klingen zu wollen), scheint der Albumtitel „Hard Times“ wie gemacht für eine Kurzzusammenfassung der vergangenen neun Monate. Doch Kristofer Åström versichert, dass der Titel bereits weit vor Corona feststand. Vielmehr habe er sich von dem amerikanischen Folksong-Klassiker „Hard Times Come Again No More“ inspirieren lassen: „Zuerst wollte ich das Album ‚Hard Times Come Again No More‘ nennen – als eine Art Anspielung auf den tagtäglichen Kampf, den jeder von uns durchmacht“, so Åström. „Und wenn ich mich umsehe und mit Freunden und auch anderen Menschen spreche, die ich treffe, merke ich: Jeder kämpft jeden Tag. Dieses Album ist also eine Art Hommage an den Alltag.“

Fakt ist: die Zeit gerade – und vor allem im nasskalt-trüben Herbst und Winter – ist an vielen Tagen für nicht wenige von uns verdammt beschissen, und für die meisten echt hart. Und deshalb sind Alben wie „Hard Times“ wie eine unverhoffte Begegnung mit einem lieb gewonnen Freund, den man zu lange aus den Augen verloren hat: eine nur allzu willkommene Fluchtmöglichkeit.

Hier kann man das Album in Gänze streamen:

…und eine Demo-Version des Openers „Inbetweener“ hören:

Rock and Roll.

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Song des Tages: Die Sonne – „Für alle“


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Foto: Sibylle Mall

Dass Die Sonne vor dem im vergangenen August veröffentlichten selbstbetitelten Albumdebüt noch Wolke hießen – geschenkt. Dass die heute erscheinende neue Single „Für alle“ mal keine tiefgreifenden Botschaften vermittelt – ebenso: geschenkt. Manchmal muss man eben über selten dämliche Bandnamen hinweg sehen und im Kleinen suchen, um etwas Universelles zu finden…

Und überhaupt könnte man zuerst denken, dass man es bei Oliver Minck und Benedikt Filleböck mit zwei Hobbymeteorologen zu tun hat. Denn das Duo, das zwischen 2005 und noch nicht all zu langer Zeit als Wolke deutsche Clubbühnen bespielte, macht nun, mit Boris Rogowski (E-Gitarre), Roland Münchow (Bass) und Claus Schulte (Schlagzeug) zur vollwertigen Band vergrößert, als Die Sonne das, was man beim Heimatlabel der Band, Tapete Records, seit Jahr und Tag bereits zuhauf findet: gute deutschsprachige Indiepopmusik. Wer beim Hören an Labelmates wie Erdmöbel oder Die Höchste Eisenbahn denken muss, liegt schon irgendwie richtig. Die fragile Tragik, mit der Sänger Oliver Minck noch in vielen Songs des Debütalbums ins Innenleben der bundesdeutschen Seelenheils geleuchtet hat, geht „Für alle“ jedoch – zumindest vordergründig – ab. Stattdessen zeigt sich die neuste Dreieinhalb-Minuten-Single der Kölner Formation – um mal beim Meteorologischen zu bleiben – komplett wolkenfrei. Schön auch, dass die Band fürs Musikvideo so einige Kollegen gewinnen konnte, die man etwa bei gemeinsamen Touren kennen gelernt hat (etwa Maria Taylor, ihres Zeichens 50 Prozent des US-Indiepop-Duos Azure Ray) oder mit denen man sich gar einen Platz bei Tapete Records teilt (der schwedische Singer/Songwriter Kristofer Åström). Möge Die Sonne „Für alle“ scheinen…

 

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Kristian Harting – Float (2014)

Kristian-Harting-Float-Artwork-erschienen bei Exile On Mainstream Records-

Im Jahr 2001 kämpfte sich ein Mann namens John Frusciante mit der Veröffentlichung seines gefühlten Solodebüts „To Record Only Water For Ten Days“ seinen höchst privaten Weg zurück ins Leben. Zwei Jahre zuvor hatte der saitenvirtuose On/Off-Gitarrist mit seiner damaligen Stammband, den Red Hot Chili Peppers, und dem gemeinsamen – und bis heute wohl qualitativ unerreichten – Album „Californication“ bereits die Rückkehr auf die großen Rockbühnen der Musikwelt gefeiert. Und doch war es die fünfzehn Stücke jenes „To Record Only Water For Ten Days“, dessen Titel mit Meditationsbildern tief stapelt, mit denen der damals 31-Jährige aus den rockstar-liken Drogensümpfen der todgeweihten Neunziger endlich wieder bei sich selbst ankam. Als Mittel zur Findung des inneren Gleichgewichts wählte der scheue Freigeist die Einsamkeit und nahm lediglich seine geliebten Gitarren, ein paar Effektgeräte und Sampler mit. Heraus kam eine 43-minütige klangliche Tour de Force, der man zu jeder Zeit ihre windschiefe Dringlichkeit anhörte, während Frusciante um sein Leben spielte. Freilich: nahezu perfekt sollte erst der in den kommenden Jahren (bis 2005) veranstaltete Veröffentlichungsmarathon aus Alben, EPs und allerlei Kollaborationen geraten. Doch derart zu Herzen ging bei vielen Hörern nur „To Record Only Water For Ten Days“.

Warum ich über eine Spanne von mehr als zehn Jahren derart aushole? Nun, der aus Kopenhagen stammende Däne Kristian Harting scheint in seiner jüngeren Biografie eine nicht unähnliche seelische Tour de Force durchlebt zu haben. Eine schwere Zeit, um die der zurückhaltende Musiker auch heute noch lieber weniger Worte machen möchte. Da er das Gefühl hatte, damit allein und für sich selbst klarkommen zu müssen, ließ er seine damalige Stammband, DreamJockey, kurzerhand links liegen, packte seine Siebensachen, nur das Nötigste, seine Gitarre, einen Moog-Synthesizer und ein paar Effektgeräte zusammen und verzog sich in die Einsamkeit. Erst als Harting das aufkeimende Gefühl der innerlichen Gesundung beschlich und er ausreichend Songs für sein Solodebüt beisammen hatte, trat er zurück ins Leben. Mit „Float“ gewährt er dem Hörer nun Einblick über die Klippen physischer wie psychischer Abgründe hinaus. Doch was sich für den Moment ließt wie die klangliche Anleitung zur gepflegten Depression, ist am Ende wohl kaum so wild. Dabei strahlt bereits das in Schwarz-weiß gehaltene Cover, welches das Gesicht des Musikers in frontaler Direktheit zeigt, eines aus: Es wird ernst. Ein Widerspruch? Natürlich, denn „Float“ erzählt vom Leben…

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„Soul Collector“ eröffnet mit spärischen Gesängen, die mehr und mehr durchs Feedbackraunen brechen, bevor sich die Akustikgitarre und Hartings glockenhelle Stimme ihren Platz erkämpfen: „Anything that comes to mind / Anything that comes from the heart / Anything that comes from the mind / Anything that goes to the heart / Have faith / Faith is blind / See nothing tear us apart“ – ohne Umschweife nimmt einen bereits das erste Stück mit ins Herz der Nacht. Im darauf folgenden „Feathered Ghosts“ bildet denn auch Frusciantes „To Record Only Water…“ einen sicheren Referenzhafen, wird doch auch hier mit minimalen LoFi-Mitteln (eindringliche Stimme, Hall und Akustische) sowie allerlei Effektgeräten gespenstisch Großes erzeugt: „I wanna make friends with my ghosts / I wanna know all that they know“. In ähnliches Fahrwasser schlagen auch der Momentstampfer „Queen Of The Highway“, das zu The Shins-Folk schippernde und beinahe unerhört poppige „Sole Dancer“, die mit massig Endzeitlichkeit á la Thom Yorke (der Solo-Yorke, nicht der Radiohead-Yorke!) und einprägsamen Textteilen („You breathe / But do you live?“) ausgestattete „Kamikaze“ – Kristian Hartings Stücke fußen ganz traditionell auf Gitarre und Stimme, denen mal hier mit leichten Hallhöhen Weite verliehen wird, bevor Moog-Sythesizer und ein kleines Arsenal an Effektgeräten den Songs experimentelle Noten und – im besten Fall – individuellen Glanz verleihen. Dem stehen auch das knapp zweiminütige Zwischenspiel „Walk With Thor“, wenn man so will die dänische Auslegung des Tim Buckley-Evergreens „Song To The Siren“, die von Loop-Schleifen getragene Abarbeitung an den Wirren der Zweisamkeit, „First Applause“, und das beinahe Beatle’eske „Balance“ in nichts nach. Wenn Harting im Quasi-Abschluss des Titelstücks mit nahezu meditativer Gleichmütigkeit und der Grabestimmlage eines Mark Lanegan „All I want is to float like this / All I want is to float like oil from sinking ships… onto the sea“ singt, Effekte immer wieder Schiffshörner ins Gedächtnis rufen und die Akustikgitarrennoten gegen Ende der knapp fünf Songminuten an raunende Riffe schlagen, dann wird wohl so manches Herz schwer vor Melancholie. Und im Grunde könnte nun Schluss sein. Harting schickt jedoch noch das puristische „Precious Freedom“ nach: „Don’t really want your precious freedom / It’s a mental vacuum / It’s a lie / All it ever made me was slay / I drift on a dark tide away / Don’t really need your recognition / Your sad little fiction / Your dreams / As golden and rich they may seem / As loud you may, as loud you may scream / All I wanna do is give love, give love to you / All I need to do is give love to you / And save them all“ – innerlich zerrissen ist dieses Werk bis zum Ende hin. Und trotzdem wird schon alles. Und trotzdem, trotzdem wird alles gut.

Kristian Harting

Float„, das Solodebüt des singenden Bassisten (in den Bands DreamJockey, Siku und The Yes Wave) Kristian Harting, führt den Hörer auf eine 33-minütige spirituelle Reise ins Herz der Nacht. Dass man den Dänen der im Grunde recht traditionellen Arrangements, der Vorliebe für melancholische Gefilde und – klar! – seiner Herkunft wegen schnell in der Nähe von „Scandinavian Cowboys“ wie Kristoffer Åström oder Christian Kjellvander verorten mag, ist dabei ebenso Plattitüde wie Ehrung. Doch auf den zehn Stücken des Albums klingen ebenso Folk-Meister wie Bonnie ‚Prince‘ Billy, Cat Stevens oder Glen Hansard an, während in experimentelleren Passagen gar Avantgardisten wie Sonic Youth oder die Tindersticks ums Eck lugen. Dabei ist „Float“ zwar das wahrhaft existenzialistische Werk eines Drüblers, Einzelgängers und Zweiflers, jedoch keinesfalls eine pessimistische Einbahnstraße ohne Ausweg. Im Grunde musste hier einfach etwas raus: „In diesem ganzen privaten Chaos gab es letztlich nur einen Ausweg: ich musste wie Wasser sein – einfach fließen. Nicht nachdenken, nicht versuchen, irgendwas zu organisieren oder zu kontrollieren. Einfach fließen, nichts brechen, mich nicht gegen etwas stemmen, das Feuer langsam verlöschen lassen, statt zu versuchen, es auszublasen. Es war eine spirituelle Reise. Ein Test.“ An dessen Ende steht auch für Kristian Harting noch immer eine Gewissheit: „Wo Schatten ist, ist auch Licht.“ Und wie könnte man all diese Review besser beschließen als mit Worten wie diesen: „Mein Wunsch ist, dass jeder, der dieses Album hört, die Hoffnung spürt, die ich damit ausdrücken will – so hart die Zeiten auch waren, in denen es entstanden ist.“ Der Rest ist Lauschen, Rauschen, Fließen…

 

 

Hier kann man sich das Album in voller Länge zu Gemüte führen…

 

…während man sich anhand dieses Mitschnitts einen kurzen Eindruck von Hartings Live-Qualitäten holen kann:

 

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick 2012 – Teil 4


Nachdem auf ANEWFRIEND bereits mein persönliches Jahr 2012 in Punkto Serien (ich entschuldige mich an dieser Stelle noch einmal bei all jenen, denen aufgefallen sein sollte, dass ich lohnenswerten Formaten wie „Breaking Bad“ oder „Californication“ nicht die verdiente Erwähnung entgegen gebracht habe!), Filme und dem „Song des Jahres“ unter die digitale Lupe genommen wurde, kommen wir nun zur gefühlten Königsdisziplin: den „Alben des Jahres“.

Und: findigen regelmäßigen Besuchern dieses kleinen Blogs wird nicht entgehen, dass 13 der Alben meiner persönlichen Top 15 im Laufe des Jahres bereits als „Album der Woche“ auf ANEWFRIEND Erwähnung fanden…

(Dass Platz 1 fehlt, ist übrigens kein Versehen – das Album wird mit einer etwas größeren Review in Kürze nachgereicht!)

 

 

Led Zeppelin - Celebration Day (Cover)02.  Led Zeppelin – Celebration Day

London im Dezember 2007: die „elder statesmen des Rock“ in Persona von Robert Plant, Jimmy Page, John Paul Jones und „Bonzo“-Sprößling Jason Bonham betreten noch einmal gemeinsam eine Konzertbühne, um Led Zeppelin in höchsten Ehren zu Grabe zu tragen. Ein Schwanengesang, und was für einer!

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Kid Kopphausen - I (Cover)03.  Kid Kopphausen – I

Die beiden deutschen Liedermacher Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch verbindet eine jahrelange Freundschaft. Nur logisch also, sich auch „beruflich“ zusammen zu tun und unter dem sinnstiftenden Namen „Kid Kopphausen“ ein Album im Bandformat zu veröffentlichen. Der Titel „I“ lässt vermuten, dass beide gern noch viele dieser stetig zwischen Frühlingsoptimismus und Herbstmelancholie pendelnden Kleinode geschrieben hätten… Leider verstarb Koppruch plötzlich und unerwartet im Oktober, noch bevor Kid Kopphausen zur geplanten großen Tournee aufbrechen konnten. Und auch wenn es nur ein kleiner Trost ist: Lieder wie das tolle „Das Leichteste der Welt“ strahlen nun, ob der dämmernden Gewissheit, noch heller… Danke, Nils.

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Keaton Henson - Dear (Cover)04.  Keaton Henson – Dear

Der englische mediale Alleskönner bot mit seinem Debüt „Dear“ und den dazugehörigen wundervollen Videos liebeskranken Singer/Songwriter-affinen Hörern 2012 den wohl schönsten Soundtrack. Klar scheint nach dem Genuss des Albums keinem eine kleine Sonne aus dem Allerwertesten, jedoch kann man sich in diese intimen Trauergeständnisse zärtlich behütet einkuscheln… *hach*

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Bloc Party - Four (Cover)05.  Bloc Party – Four

Nach „Intimacy“ schienen Bloc Party als Bandverbund quasi obsolet, Sänger Kele Okereke suchte sein Solo-Heil in Elektronikexperimenten, der Rest der Band widmete sich ebenfalls eigenen Projekten. Dann die scherzhafte mediale Verlautbarung, dass man gerade einen neuen Mikrovorsteher caste – ein Witz, der maximale Aufregung hervorrief. Dass das so simpel wie vielsagend betitelte neue Album „Four“ jedoch eine so gelungene Rückkehr zu alten Stärken werden würde, hatte wohl kaum jemand zu hoffen gewagt. Hier spielt eine verdammte Band! Und sie spielt frisch, laut, gewagt, ungewohnt, spannend. Unerwartet, und daher umso überraschender.

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Die Natur grift an (Cover)06.  Vierkanttretlager – Die Natur greift an

Dass vier Milchbubis aus dem norddeutschen Husum eines der besten deutschsprachigen Debütalben des Jahres abliefern würden, wird wohl nur den wenigsten Eingeweihten – und Kennern der Debüt-EP „Pension Kanonier“ – klar gewesen sein. Spätestens jetzt – und nach einem langen Tourneejahr mit u.a. Casper oder Kraftklub – dürften die Jungs von Vierkanttretlager auch einem breiteren Publikum bekannt sein. Und hört man das stürmische und bereits seltsam altersweise „Die Natur greift an“, so fragt man sich, wie zur Hölle die Instrumentalfraktion von Tomte Sven Regener Element Of Crime als Sänger abwerben konnte…

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cover07.  Kristofer Åström – From Eagle To Sparrow

I won’t back down: auch 2012 stellte der bärtige Schweden-Singer/Songwriter erneut unter Beweis, dass noch immer niemand Herzschmerz so wunderschön aufrichtig vertonen kann, nur um sich im nächsten Moment selbst in den Arm zunehmen, auf die Schulter zu klopfen und beherzt in den Allerwertesten zu treten. Kleine Hymnen in bewährt hoher Qualität. Åström ist und bleibt ’ne sichere Bank!

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Two Gallants - The Bloom and the Blight (2012)08.  Two Gallants – The Bloom And The Blight

Hoppla! Da scheint ja beim wuchtigen Duo aus San Francisco so einiges vorgefallen zu sein. Weg sind die Bluesrock-Mini-Dramen mit annähernd zehn Minuten Spieldauer. Stattdessen wird alles mit ausreichend Sturm und Druck ins beinahe „klassisch“ knappe Songformate gepresst. Und trotzdem sind die neuen Songs des Zweiergespanns Adam Stephens und Tyson Vogel relevante und spannend anzuhörende, kaum zu zähmende Biester!

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Patrick Wolf - Sundark and Riverlight (Cover)09.  Patrick Wolf – Sundark and Riverlight

Zehnjähriges Veröffentlichungsjubiläum? Da lässt sich ein so wandlungsfähiges Musikchamäleon wie Patrick Wolf natürlich nicht lumpen und bringt statt einer schnöden „Greatest Hits“-Zusammenstellung mal eben seine Auswahl der persönlichen Highlights in komplett neuen, mal akustisch, mal mit kleinem Orchester aufgenommenen Arrangements an den treuen Hörer. Lohnt sich, auch für diejenigen, die den talentierten Briten erst jetzt für sich entdecken möchten.

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Amanda Palmer & The Grand Theft Orchestra - Theatre Is Evil (Cover)10. Amanda Palmer & The Grand Theft Orchestra – Theatre Is Evil

Mehr Aufsehen als die Songs selbst des – mehr oder minder – zweiten Soloalbums der on/off-Dresden Dolls-Frontfrau erregte wohl deren Geldbeschaffungsaktion im Vorfeld: via Kickstarter sammelte Amanda Palmer etwa 1,2 Millionen US-Dollar ein und gab diesen Vorschuss an Geld und Vertrauen anhand eines vielseitigen, mit ihrer Begleitband The Grand Theft Orchestra eingespielten Albums sowie durch individuelle Fan-Gimmicks zurück. „Theatre Is Evil“ mag an einigen Stellen ambitionierter und unkonventioneller als noch das Solo-Debüt „Who Killed Amanda Palmer“ von 2008 tönen, steht diesem jedoch in nichts nach.

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…und auf den weiteren Plätzen:

The Unwinding Hours – Afterlivesmehr…

Regina Spektor – What We Saw From The Cheap Seatsmehr…

…And You Will Know Us By The Trail Of Dead – Lost Songsmehr…

The Gaslight Anthem – Handwrittenmehr…

The Smashing Pumpkins – Oceania

 

Rock and Roll.

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Kristofer Åström live im Beatpol, Dresden, 28. März 2012: vom Gefühl, Abschied zu nehmen…


Mit dem Gastspiel des für mich derzeitig besten Songwriters Schwedens fand am 28. März 2012 auch mein vorerst letztes Konzert im geschätzten Beatpol zu Dresden statt. Und ein besseren Abschied (auf Zeit?) hätte man mir kaum bereiten können. Kristofer Åström und seine Band waren, all der wehmütigen Songs aus der Feder des 38-Jährigen zum Trotz, in bester Spiellaune und präsentierten einen melancholisch-wilden Ritt durch die Solo-Karriere des ehemaligen Frontmanns von Fireside, mit logischer Schlagseite zum aktuellen Album „From Eagle To Sparrow“ (welches vor nicht all zu langer Zeit das „Album der Woche“ auf ANEWFRIEND war).

Hier einige Bilder vom Konzert:

(alle Fotos: ANEWFRIEND)

 

Danke noch einmal an Johnny und Mr. Hed für die hervorragende Begleitung. Es war mir eine Ehre.

Rock and Roll.

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