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Sunday Listen: Les Jupes – „Some Kind Of Family“


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Bereits mit den ersten Tönen von „Some Kind Of Family“ wird klar: Diese Band ist verdammt cool. Oder, genauer: war – leider. Galten Les Jupes anno 2015, zu Zeiten der Veröffentlichung ihres zweiten Albums, noch als „Canada’s next great band“, war das Quartett auch schon wieder Geschichte. Das mag ihrem Schwanengesang freilich auch fünf Jahre danach noch einen etwas bittersüßen Beigeschmack verleihen, dennoch hat die Band aus dem kanadischen Winnipeg, Manitoba (woher freilich auch eine andere große kanadische Band stammt) mit „Some Kind Of Family“ ein kleines, wenig beachtetes atmosphärisches Indierock-Meisterwerk geschaffen, das die Qualität besitzt, einen zu packen und auf längere Zeit nicht wieder loszulassen…

skof_cover_high_res_printUnd tatsächlich blitzt im ein oder anderen Moment des Nachfolgers zum 2011 erschienenen „Modern Myths„, das eine ebenso breit aufgebaute Genre-Spannweite zwischen Wave und Pop, Indie Rock, Folk sowie Americana aufwies, etwas Magisches hervor. Außerdem: viel Grüblerisches, Dunkles und dennoch irgendwie Optimistisches. Trotzdem kann man sich, sobald Frontmann Michael Petkau Falk seine tieffrequente Stimme erhebt, kaum dagegen wehren, Vergleiche anzustrengen. An Nick Cave etwa. An Tom Waits vielleicht. An Madrugada-Tieftöner Sivert Høyem sicherlich. Und natürlich, unweigerlich an Matt Berninger. Da ist’s auch kaum verwunderlich, dass Marcus Paquin, der wenig zuvor „Trouble Will Find Me“, das sechste Studiowerk von The National, produziert hat (zu einer Zeit also, in der die Dessner-Zwillinge noch nicht alles selbst übernahmen), hinter den Reglern saß. Daher kann man schon mal behaupten: Wer die indierockige, dezent schwelgerische Seite von The National liebt (man denke etwa an frühere Großtaten von „Alligator“ über „Boxer“ bis hin zu „High Violet“), der wird auch an den Songs von Les Jupes Gefallen finden. Versprochen.

Und die vierköpfige Band um Michael Petkau Falk legt schon zu Beginn von „Some Kind Of Family“ die Messlatte recht hoch: „When They Dig Us Up“ überzeugt mit satten Gitarren-Licks, während Schlagzeuger Jordon Ottenson schon zur Eröffnung daran zu arbeiten scheint, sein Instrumentarium während des flotten Refrains des Songs, der dem Ganzen etwas Punkrock-Feeling verleiht, zu erlegen. Runter schalten? Fehlanzeige. „Everything Will Change“ legt ein ebenso zügiges Tempo vor, wobei sich Ottenson diesmal für schlurfende Beats entscheidet und Falk einen klagenden Refrain abliefert, der verletzlich und roh genug erscheint, um seinen Stimmbänder ordentlich zuzusetzen. In „The Brothers“ lässt Falk seinen Gesang in weitaus melodiösere Gefilde wandern und fügt sich so organisch in die minimalistische Instrumentierung ein, die langsam und bis zum letzten Moment Spannung aufbaut, während Adam Fuhrs Keyboard stromlinienförmig den Takt vorgibt. Selbiges – das Keyboard – ist auch der heimliche Star von „Bro.Sis“, das mit umwerfend poppigen, geradezu Killers’esken Synthie-Lines beginnt, die perfekt zu Falks hallendem Gesang und den undurchsichtigen, verträumten Texten über das Halten „der Zügel von 100 Pferden“ passt. Natürlich mögen Les Jupes in diesen Songs weder außerordentlich originell noch originär tönen, dennoch hält die Band zu jeder Minute den Spannungsbogen aufrecht – und zollt ein klein wenig ihren Einflüssen Tribut. So wäre „On Miracles“ mit seinen melancholischen Klavierpassagen auch auf The National-Alben wie „Boxer“ oder „High Violet“ nicht fehl am Platz gewesen, und das zitternde Synthesizer-Riff in der Songmitte hätte wohl einer B-Seite der Antlers ebenso gut zu Gesicht gestanden, während Michael Petkau Falk einmal mehr gesanglich brillieren darf. Noch theatralischer gerät da eigentlich nur „One Is Enough“, wo er mit seiner dröhnenden Stimme gar ganz nah an den großen Nick Cave heran reicht.

Wer also zwischen die Zeilen von „Some Kind Of Family“ lauscht, der wird die herzzerreißenden Zwischentöne hören, wird hören, dass dieses Album das schweißnasse Ergebnis vieler Meinungsverschiedenheiten sowie Aufs und Abs ist. Und irgendwie verleiht dem Werk die Tatsache, dass Les Jupes es aufgenommen haben und dann aufgehört haben, als Band zu existieren, ein wenig mehr Legendenstatus. So ist es ein kleines, gut 45-minütiges Artefakt aus der Vergangenheit. Diese Platte war bereits in der Sekunde, in der sie fertiggestellt wurde, ein Stück Indierock-Geschichte, und sie wird für immer ein Versprechen von vier durchaus talentierten Musikern sein, die einmal als „Canada’s next great band“ angepriesen wurden, nur um dann ohne viel Getöse zu implodieren.

Und uns? Uns bleiben die Songs von „Some Kind Of Family“ (welches es übrigens hier als Free Download gibt). Und das Kopfkino unter den Kopfhörern, welches wie gemacht scheint für Spaziergänge durch das wuselige Großstadttreiben. Für Roadtrips. Fürs Sinnieren und alles und nichts und jeden. Fürs Innehalten auf Parkbänken, während man dem Leben um einen herum zusieht. Mit diesem Album auf Repeat. Einem mal zupackenden, mal melancholischen Indierock-Kleinod, einem wenig beachteten Versprechen aus dem kanadischen Winnipeg.

 

 

„Hey friends

I’m very sad to announce that Les Jupes are done.   

We’ve been a pretty dysfunctional band.  We’ve been 3 completely different lineups in 4 years. We’ve battled entitlement, laziness, egos, self-righteousness and willful ignorance. There are some stories that would make you just shake your head, others that would break your heart. We would get 4 people onto the same page for a couple of months before someone else would leave and the whole thing would have to be re-jigged again. It became exhausting. Even ridiculous. A parody of what this was supposed to become. And definitely a pretty impossible way to build momentum or capitalize on what few opportunities we did have come our way.

Many friends and industry people have told me I should just hire a backing band and tour the songs. But it just doesn’t feel right. That’s not what this was ever supposed to be about, and I’m not interested in touring a show that doesn’t feel interesting. This was supposed to be four people on a mission, doing something special together. And after too many failed attempts at that, perhaps its just time to lay it to bed.  

A whole lot of care and thought and passion and time and money went into this record. It was supposed to be the album that got us through the glass ceiling we kept hitting. But it unfortunately turned out to be the record that sadly fulfilled its own name.  

Not sure we were ever a great band, but I think we had gotten pretty good – to a place where I felt confident we finally had the balance of skills and tools to make a go of it and maybe even become great. I think the best compliment we ever got was: „Wow, you guys are like a real band.“ I never wanted to be the coolest band. Never wanted to be a part of a fad. I just want to make art that connects with something inside those making it and anyone who might listen to it. To write songs that might have an outside shot at still meaning something to someone a few years down the line.

I’m not sure what I’m going to do next. I’ve been mulling on all kinds of things – some of which are radical life changes, some of which are gentle left turns. Some days I want nothing to do with music, others I can’t imagine myself without it. It’s hard not to be terribly angry at a couple people. My increasing self-isolation and introversion combined with exhaustion from the past few years makes this a difficult process.  I’ve never grieved a dream before. So I’m gonna just take the time I need to figure it out.  In the meantime, I’ve got my studio and will continue writing songs and working with other artists.  

I’d like to thank three people who have gone above and beyond to support this band.  Frank Ehrmann has championed us in Germany and deserves so much more from this record that he was so excited about. Darcy Penner came in swinging as the most trustworthy, hard-working bandmate I ever had. And my wife, Robin. Even though I often put the band before her, she has been so unbelievably supportive. She put up with a lot of late night fretting sessions, even incurred debt on behalf the band, and is a treasure of a human being.

I really hope you enjoy this album. I was so hopeful for these songs.

Much love,

Michael Petkau Falk“

 

Mittlerweile hat Ex-Les Jupes-Frontmann Michael Petkau Falk, der in diesem „Vice“-Artikel und -Interview den Bandsplit noch einmal erläutert, mit Touching übrigens ein neues Studio-Projekt am Start, dessen Debütalbum „Isolation Blues“ (gibt’s hier wahlweise als Free Download) unlängst das Licht der Musikwelt erblicken durfte, jedoch wesentlich synthie-lastiger und introspektiver klingt als die Songs seiner ehemaligen Band.

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: The Boy With The Lion Head – „A Half Remembered Dream“


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Manchmal liegt die Antwort im gleichzeitig Naheliegendsten wie Abwegigsten. Etwa im Fall von The Boy With The Lion Head. Deren Bandname entstand eher zufällig, wie Frontmann David Reid erzählt: „Zu der Zeit, als ich als Solo-Singer-/Songwriter in der Open-Mic-Szene von Edinburgh unterwegs war, spielte ich mit Namensideen auf einem Stück Papier herum. Mein Sohn war damals etwa fünf Jahre alt und kritzelte auf das Blatt ‚lion head dad‘. Da er außerdem immer sagte, ich sehe aus wie Nala aus ‚Der König der Löwen‘, wurde so der Name geboren.“

Ansonsten mag das 2014 im südschottischen Hawick gegründete Indierock-Quintett, zu dem neben David Reid noch John Findlay (Gitarre), Alistair Clarkson (Bass), Rob Wood (Keyboard) und Amy Hamilton (Schlagzeug) gehören, eher wenig mit lieblichen Disney-Melodien zu tun haben. Vielmehr hat sich die Band mit ihren Songs, die oftmals mit ruhigen, komplexen Einleitungen aufwarten und mit ihren eng ineinander verschlungenen, atmosphärischen-post-rockigen Gitarren- und Piano-Crescendi emotionale Walls of Sound erzeugen, bereits Vergleiche mit allen möglichen Indie-Schottenrock-Größen von Frightened Rabbit („Ein offensichtlicher Vergleich – wir sind in einem ähnlichen Alter, aus einer Stadt, die nur zehn Meilen von jener entfernt ist, in der sie aufgewachsen sind, und sie haben definitiv einen Einfluss auf uns“, so Reid) über The Twilight Sad und Arab Strap bis hin zu Mogwai verdient. Sie alle eint, dass es jede von ihnen zwar verstehen mag, beeindruckend gestaltete Popsongs abseits gängiger Zeitgeist-Trends zustande zu bringen, damit jedoch nie im Tagesprogramm von Formatradios stattfinden würde…

a0130949091_16Schon das 2015 erschienene Debütwerk der Band, „The Ebb And Flow“ (gibt’s wie den Großteil des Backkatalogs via Bandcamp als „name your price“), brachte The Boy With The Lion Head einiges an Aufmerksamkeit von Shows im Glasgower King Tut’s bis hin zu Radio-Airplay bei der altehrwürdigen BBC ein. Dass das Fünfergespann nach der 2017 veröffentlichten „Everything Is Temporary EP“ mehr als drei Jahre brauchte, um mit dem im Januar erschienenen zweiten Album „A Half Remembered Dream“ einen Nachfolger fertig zu stellen, hat laut Reid – neben der ein oder anderen kreativen Findungsphase im Studio – eigentlich ganz profane Gründe: „Wir machen das tatsächlich nur als Hobby, also setzen wir uns wirklich spontan Ziele. Wir versuchen, jede Gelegenheit zu nutzen, die sich uns bietet, und sind dankbar dafür. Unsere Philosophie lautet: ‚Wenn alles zusammenbricht, dann haben wir bereits einige erstaunliche Erfahrungen gemacht.‘ Und ich denke, dass die Tatsache, dass wir alle neben der Band noch Vollzeitjobs, Familienleben und andere Hobbys haben, an sich schon ziemlich unglaublich ist.“

Umso mehr hört man den 13 Songs von „A Half Remembered Dream“ nun die Arbeit, das Herzblut und die Liebe zum Detail an, die The Boy With The Lion Head in ihr neustes kreatives Baby gesteckt haben. So erinnert etwa der fast schon majestätische Opener „Implodes“ an die Songwriting-Qualitäten von Frightened Rabbit und das emotionale Wechselspiel von Mogwai, während anderswo, in der unheilvoll ruhigen Single „Blind“, in Text und Ton Referenzen zu The Twilight Sad offensichtlich werden. So ähnlich sieht es denn auch die Band: „‚Blind‘ fühlt sich eher wie eine natürliche Weiterentwicklung von ‚The Ebb And Flow‘ an als die Songs, die danach kamen. Es setzt unsere Art von melancholischem Indie-Pop fort, jedoch haben wir Loops und Drumcomputer eingesetzt, um dem Ganzen einen etwas mehr elektronischen Touch zu verleihen, bevor wir, wie oft, den Song wie ein postrockiges Instrumentalstück entwickeln, so als ob Duran Duran den Backkatalog von Explosions In The Sky gehört hätten und dann losgezogen wären, um eine Platte zu machen.“

So oder so sollte man The Boy With The Lion Head als Freund des gepflegten Indie-Schottenrocks sowie der oben genannten Bands – so man denn kein grundsätzliches Problem mit David Reids breitem schottischen Akzent hat – auf dem Schirm haben. Und sich die Songs von „A Half Remembered Dream“ und Co. bereits jetzt als Soundtrack für den kalten Jahresrest zurecht legen…

(Wer mag, der findet hier und hier noch ein paar kurze Interviews mit der Band…)

 

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: SAULT – „UNTITLED (Black Is)“


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Nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd durch weiße Polizisten gehen die Proteste gegen Rassismus – mal mehr, mal weniger öffentlichkeitswirksam – weltweit weiter. Auch am 19.06., am sogenannten „Juneteenth„, dem Tag, an dem an das Ende der Sklaverei der afroamerikanischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten erinnert wird, zog es in den US of A landesweit Menschen auf die Straßen. Und: Genau an diesem Tag veröffentlichte die britische Band SAULT völlig überraschend ihr nächstes Album mit dem Titel „UNTITLED (Black Is)“. Zeitlos und doch so verdammt relevant. Ein Protestalbum, welches leider perfekt in diese Zeit passt…

We present our first ‘UNTITLED’ album to mark a moment in time where we as Black People, and of Black Origin are fighting for our lives. RIP George Floyd and all those who have suffered from police brutality and systemic racism. Change is happening… We are focused. SAULT x

Um die noch recht frische Band aus London ranken sich seit jeher ein paar Banksy-würdige Mysterien. Ihre Veröffentlichungen erscheinen aus dem Nichts (wie etwa im vergangenen Jahr gleich zwei Werke titels „5“ und „7„), Hintergrundinformationen existieren kaum und öffentliche Auftritte gibt es –  zumindest bisher – nicht. Aus den Credits der Songs ist jedoch zu erfahren, dass sowohl Dean „Inflo“ Josiah (unter anderem Produzent für Little Simz, Jungle oder The Kooks) als auch Sängerin Cleopatra „Cleo Sol“ Nikolic ihre Finger im Spiel haben.  So veröffentlichten SAULT ihr neuestes Werk einmal mehr ohne Vorankündigung als Free Download auf ihrer Website sowie via Bandcamp. Auf dem Album sind auch die aus Chicago stammende Rapperin Melisa „Kid Sister“ Young, Soul-Musiker Michael Kiwanuka oder die Poetry-Künstlerin Laurette Josiah vertreten.

Das Cover der Platte ziert eine schwarze, in die Luft gereckte Faust auf pechschwarzem Grund – das Artwork ist bewusst minimalistisch gehalten und sagt doch eigentlich alles. Musikalisch bekommt man eine gleichsam vielfältige wie reduzierte Mischung afroamerikanischer Musikstile zu hören: Soul, Afrofunk, Motown, Gospel, R&B, DooWop, Hip Hop und Spoken Word-Interludes, an mancher Stelle klingen gar New Wave, Post Punk, Dub oder Trip Hop an. Außerdem ungewöhnlich: Mitte Juni spielte DJ Gilles Peterson „UNTITLED (Black Is)“ in seiner BBC-Radiosendung, noch bevor es irgendwo sonst zu hören war. Und zwar – allein das spricht bereits Bände und geschah vorher nur ein einziges Mal – komplett. Als den „ersten Klassiker der Ära der ,Neuen Realität“ bezeichnete die DJ-Koryphäe für schwarze Musik das Album vorab auf seinem Twitter-Account.

Noch viel spannender sind jedoch die Themen, mit denen sich SAULT auf dem Album beschäftigen. Sie bieten dem Hörer einen Einblick in ein Leben voll von systematischem Rassismus und Polizeigewalt. Schließlich dürften beide Band-Köpfe wissen, wovon sie reden: Sängerin Cleo Sol hat jamaikanische, serbische und spanische Wurzeln, Produzent Inflo ist schwarz. In den Songs thematisieren sie die permanente Angst, den immanenten Stress, unter denen Farbige (also nur nicht Schwarze, sondern etwa auch Hispanics) in den US of A – und freilich nicht nur da – stehen. Weil sie bei jeder Polizeikontrolle immer mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Weil zunächst einmal ihre Hautfarbe gesehen wird, selten der Mensch dahinter. Man spürt die Wut, die Angst, Trauer, all diese Ungerechtigkeit – und doch bleibt am Ende die Hoffnung auf eine bessere, eine friedvollere Welt bestehen.

Wildfires“ positioniert sich dabei als das Herzstück des Albums und dürfte mit Zeilen wie „We all know it was murder“ schon jetzt einer der eindringlichsten Songs des Jahres sein. Ein berührendes, beat-getriebenes Soul-Statement, dem jede(r) sein (oder ihr)  Gehör schenken sollte. Anderswo, in „Hard Life„, einem schwermütigem Track mit schleppenden TripHop-Beats und wummerndem Bass, heißt es „Everyday feels like a battle“. In „Bow“ gibt Michael Kiwanuka mal nicht den zugänglichen Soul-Folkie, sondern chantet über einen Afro-Beat. Er, dessen Eltern einst aus Uganda nach London flohen, zählt so einige afrikanische Länder und Städte auf und fordert am Ende: „We got rights!“„Wir haben Rechte!“„Don’t Shoot Guns Down“, ein Aufschrei im gleichnamigen Song, ist unterlegt von Polizeisirenen sowie Sprechchören bei einer Demonstration. Und dazwischen immer wieder poetische Momente wie in „Black Is„: Spoken Word meets Gospel, und in den Lyrics heißt es „Black is beautiful / Black is excellent, too / In me, in you“. Der Band gelingt dabei das Kunststück, niemals bitter zu klingen, sondern ein stolzes Statement schwarzer Selbstbestimmung zu formulieren. This generation cares. 

All diesen formidabel-löblichen Aktionismus mal außen vor, bleibt natürlich zu hoffen, dass das Thema nicht wieder in den Hintergrund tritt, bis der nächste sinnlose, rassistisch motivierte Todesfall die Medien erreicht, da die öffentliche Aufmerksamkeitsspanne bei so vielen wichtigen Themen leider immer recht kurz ist (und Dank unserer digitalen Reizüberflutung immer kürzer gerät). Jeder Mensch sollte versuchen sich daran zu beteiligen, die Missstände weiter auszuräumen und Rassismus weiter zu bekämpfen. Sich selbst hinterfragen, weiterbilden, andere sensibilisieren. Change is happening? Let’s hope so.

SAULT haben dazu mit „UNTITLED (Black Is)“, das in digitaler Form gratis angeboten wird und  auch als Vinyl vorbestellt werden kann (die Einnahmen sollen an Charity-Organisationen gehen), auf jeden Fall einen bedeutsamen Teil beigetragen – weniger als Musik schaffende Band, sondern vielmehr als Dokumentaristen und Chronisten. Ein wichtiges Album für diese wegweisende Zeit…

 

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Crooked Heart – „Perpetual Twilight“


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Mächtig gewaltig klingen die Songs von Crooked Heart, einem Trio aus dem US-amerikanischen Grand Rapids, Michigan – mal nach handfestem Alternative Rock, mal mit etwas Post-Hardcore-Tinte à la Underoath zwischen den Saiten, mal nach ebenjenem Progressive-Sludge-Metal, der auch Bands wie etwa Mastodon seit einigen Jahren größere Bühnen beschert. Umso verwunderlicher, dass Elijah Wyman (Gitarre, Gesang), Anthony Robert (Bass) und Aaron Mace (Schlagzeug) mit ihren knapp 600 Facebook-Likes und nicht eben allzu vielen Google-Treffern bislang kaum jemand zu kennen scheint…

An ihrem vor wenigen Tagen veröffentlichten zweiten Langspieler „Perpetual Twilight„, welchen die Band via Bandcamp als „name your price“ anbietet, dürfte es wohl kaum liegen, schließlich macht ein Großteil der acht neuen Stücke kurzen Prozess und saugt den geneigten Hörer mal eben so mir nichts, dir nichts in den durchaus faszinierenden Band-Kosmos hinein, in welchem das Sinnieren über die eigene Sterblichkeit ebenso seinen thematischen Platz findet wie klare politische Haltungen, während GitarreSchlagzeugBass mal furios und dicht aufbrausen, um im nächsten Moment bedrohlich luftig inne zu halten – ein Spiel mit tönenden Gezeiten, welches vor einigen Jahren von den Post-Metallern ISIS perfektioniert wurde. Freunde der härteren Gangart (sowie freilich der eben genannten Bands) dürften an den von Rick Johnson (Mustard Plug, Bomb The Music Industry!, Sharkanoid) aufgenommenen und gemischten Songs schnell Gefallen finden, alle anderen sollten Crooked Heart durchaus im Auge behalten (und bei Interesse dieses Interview lesen).

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Norbert Buchmacher – „Die Ballade von Willi und Walther“


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Foto: Robin Disselkamp

Aus gegebenem Anlass – wer sich die aktuellen Bilder der Unruhen in den Staaten von Amerika (das „Vereinigte“ scheinen sie derzeitig gut und günstig via eBay Kleinanzeigen verramschen zu wollen) anschaut, der weiß wohl recht schnell Bescheid – soll einmal mehr Norbert Buchmacher zu Wort kommen.

norbert-buchmacher-habitat-einer-freiheit-201828Regelmäßige Leser von ANEWFRIEND werden sich vielleicht vage in den Juni des vergangenen Jahres zurück erinnern, als der Berliner Musiker und sein aktuelles Album „Habitat einer Freiheit“ (das gibt’s derzeit als „name your price“ via Bandcamp, also hat wohl niemand von euch auch nur noch irgendeine Ausrede, da nicht reinzuhören!) hier vorgestellt wurden. Auf ebenjenem Werk findet sich auch der Song „Die Ballade von Willi und Walther“, in welchem Buchmacher im Stil von Brechts Dreigroschen-Oper auf rassistische Tendenzen innerhalb der deutschen Polizei aufmerksam macht – ein Stück, welches in diesen Tagen aktueller, wichtiger und zeitgeistiger denn je erscheint, und allen, die noch immer keinen Wind von all den Missständen da draußen bekommen haben, zu denken geben sollte…

 

Via Facebook teilte Norbert Buchmacher heute ein Kunst-Grafik des vor ein paar Tagen durch Polizeigewalt getöteten Afroamerikaners George Floyd (welche ihr auch weiter unten seht) sowie folgende Zeilen:

„In der Buchmacher-Welt seht ihr hier einen weiteren Willi. Manche Menschen mögen sich fragen, was damit gemeint ist. Wer sich jedoch intensiv mit uns befasst und auch nur ansatzweise Wert auf lyrische Inhalte legt, der wird ‚Die Ballade von Willi und Walther‘ verstanden haben. Denn in diesem Song geht es genau um das aktuelle Thema. Das ungerechte Behandeln und grundlose Morden von unschuldigen Menschen, welche einen anderen Hautton haben als die Herren in der Uniform. Die Menschheit kämpft nicht erst seit gestern mit diesem Problem und es scheint kein Ende in Sicht zu sein. Freund und Helfer sagt man. Das mag in vielen Fällen zutreffen, jedoch verliert diese Bezeichnung immer mehr an Bedeutung. Der Missbrauch von Macht und potentieller Überlegenheit rückt in den Vordergrund und sorgt immer wieder für Zündstoff. Solange Menschen diskriminiert und misshandelt werden, sollten wir als Künstler jede Möglichkeit nutzen die Faust zu heben und auch ein Mikrofon eignet sich doch bestens dafür 😉 Wir machen vielleicht Pop-artige Musik, aber wir sind im Herzen immer noch Punks und das wird sich auch nie ändern. Wem wir immer noch ein Rätsel sind, der darf sich gerne mit belangloser deutscher Pop Musik befassen, da muss man nicht so viel denken, right? Wir machen diese Musik, weil es Dinge gibt, die einfach gesagt werden müssen. Wir sehen es als unsere Pflicht, das Mikrofon für mehr als schöne Melodien zu nutzen. ‚Die Ballade von Willi und Walther‘ ist unser Soundtrack zu den aktuellen Geschehnissen und so schnell wird sie nicht aus unserem Set verschwinden.“

 

 

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Rock and Roll.

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Song des Tages: Kalle Mattson – „Avalanche“


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Den aus dem kanadischen Sault Ste. Marie, Ontario stammenden Singer/Songwriter Kalle Mattson dürfte hierzulande kaum jemand kennen. In seiner Heimat ist der 29-jährige Indie-Musiker, den es mittlerweile ins etwas urbanere Ottawa verschlagen hat, da schon ein paar Schrittchen weiter, war 2014 etwa, für sein Album „Someday, The Moon Will Be Gold„, für den renommierten Polaris Music Prize nominiert. Wen wundert’s, schließlich hat das Milchgesicht mit der Vor-fünf-Minuten-aus-dem-Bett-gefallen-Frisur und der markant quietschig-nasalen Stimme musikalisch eine feine Bandbreite zu bieten: vom oft orchestral ausstaffierten Folk der Anfangstage, der ab und an schonmal ernstere Töne anschlägt (so verhandelt oben genanntes Werk etwa den Tod der Mutter, als Mattson selbst erst 16 Jahre jung war), über ein reduziertes Cover des Drake-Hits „Hotline Bling“ bis hin zum ebenso ungeniert wie selbstbewusst gen Eingängigkeit schielenden Indie-Pop der jüngsten Releases wie „Youth“ (2018) oder der „Avalanche EP„.

a4051000374_10Und wenn man so mag, dann konnte Kalle Mattson, der nebenbei noch mit summersets, einem Zwei-Mann-Duo mit Musiker-Buddie Andrew Sowka, eine weitere tönende Spielwiese am Start hat, erst mit dem letztgenannten, 2015 erschienenen Mini-Album (welches man via Bandcamp – neben einem Großteil des weiteren Backkatalogs – als Stream und „name your price“-Download findet) sein wirkliches musikalisches Coming Out feiern, denn die Songs baden mit Synthesizern und Drum-Machines nicht mehr in reduzierter Folk-Tümelei, sondern bis zum Haaransatz im Eighties-Sound-Outfit großer Vorbilder wie etwa Bruce Springsteen (von dem Mattson selbst nicht von ungefähr Alben wie „Tunnel Of Love“ oder „Born In The U.S.A.“ am meisten schätzt – wer mehr über die stellenweise Detailversessenheit des Indie-Musikers wissen mag, der kann hier weiterlesen). Das zwar recht simple, aber irgendwie auch augenzwinkernde Motto von nun an lautete also: „Folk is dead!“.

Was also lag näher, als seinen Vorbildern gleich unverhohlen Tribut zu zollen und fürs Musikvideo des Titelstücks, bei dem Philip Sportel Regie führte, eine ganze Latte an ikonischen Albumcovern humorig nachzustellen? Eben: wenig.

„Ich hatte das Videokonzept eigentlich schon lange Zeit im Kopf“, so Mattson. „Ich erinnere mich, dass ich 10 oder 11 Jahre alt war, als ich die ‚Rolling Stone‘-Ausgabe mit den ‚500 Greatest Albums of All Time‘ durchblätterte und allein aufgrund der Cover entschied, welche Platten ich mir aus der Sammlung meines Vaters anhören wollte. Alle Alben, die wir nachgestellt haben, sind super wichtig für mich, und das Video dient sozusagen als Fenster zu dem, was mich beeinflusst hat, als ich aufwuchs, als ich zum ersten Mal Musik entdeckte und dann schließlich selbst Songs schrieb.“

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Hinsichtlich des gelungenen Endergebnisses, für welches er etwa eine durchaus gerechtfertigte Nominierung als „Video of the Year“ bei den 2016er Juno Awards einheimsen konnte, gibt sich Mattson bescheiden: „Eine meiner Hauptsorgen war, dass es wie ein kleiner Egotrip wirken könnte, wenn ich mein Gesicht in ein berühmtes Dylan-Cover oder so stecke, aber ich glaube wirklich, dass es am Ende als ein Werk der Ehrerbietung zu den Künstlern, ihren Platten und den Covern, die diese Alben so besonders machen, herüberkommt.“

Das flimmernde Endprodukt enthält gleich 34 recht kreative Knickse vor Künstlern und Bands wie Elliott Smith, Jay Z, Wilco, Radiohead, The Velvet Underground, den Ramones, David Bowie, Pink Floyd, Beck oder sogar den Backstreet Boys, bis man schließlich das Cover von Mattsons „Avalanche EP“ auf dem Plattenspieler liegen sieht. So gerät das Musikvideo schnell zum popkulturellen Ratespiel mit massig „Hallo!“- und „Aha!“-Momenten, bei dem wohl nur die am besten popkulturell geschulten Musik-Freaks wirklich alle Albumcover erkennen werden (der Rest findet hier eine Auflistung)…

 

Hier gibt’s das Musikvideo zu „Avalanche“…

 

…und einen Blick hinter die Entstehungskulissen:

 

Wer dennoch den Folk nicht traurig vor der Tür stehen lassen möchte, der findet hier eine Akustik-Variante des Songs:

 

Rock and Roll.

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