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Song des Tages: Frank Turner – „Eye Of The Day“ (live at Earth Hackney, London)


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Ich zitiere mich mal eben selbst:

Frank Turner – jedem Freund bierseligen Pub-Punksrocks mit akustischer Schlagseite (und nicht nur denen!) dürfte längst klar sein, wofür der mittlerweile 33-jährige Musiker seit Jahr und Tag steht: Authentizität, Bodenständigkeit, Herzlichkeit, britische Working-Class-Consciousness – und, ja, neben all diesen für Lau verschleuderten Schimpfwörtern (das Augenzwinkern denkt ihr euch bitte) auch ein wenig sympathische Naivität. Denn wie sonst kann man es sich erklären, dass ein Mensch diesseits der Vierzig all seine Energie in ein Leben von, mit und für die Musik steckt?“

Diese Zeilen – verfasst vor ziemlich genau vier Jahren anlässlich Turners sechstem Langspieler „Positive Songs For Negative People“ – mögen zwar bereits einige Monde zurück liegen, großartig anders könnte ich es allerdings auch heute nicht formulieren. Jedoch muss auch ich zugeben: Leicht hatte es einem „Be More Kind„, der „Positive Songs“-Nachfolger aus dem vergangenen Jahr, tatsächlich nicht gemacht. Zwar waren die heheren Absichten des mittlerweile 37-jährigen nimmermüden Kreativlings, der in letzter Zeit – nebst Platten, Tourneen sowie einer Quasi-Autobiografie auch die Familiengründung anging, angesichts der zusehends verrohenden, hasserfüllten politischen Debatte für mehr Respekt in der Kommunikation, für Menschlichkeit und Miteinander zu werben, aller Ehren wert – das Ergebnis, bei dem der englische Musiker ein ums andere Mal ungewohnt direkt mit dem Pop flirtete, wusste jedoch meist weniger zu überzeugen, sodass sich vor allem langjährige Fans des „Pub-Punk-Darlings“ die berechtigte Frage stellten: Quo vadis, Frank Turner?

nomansland.jpgNun, eine mögliche Antwort lässt sich in und zwischen den Zeilen des neuen, achten Albums „No Man’s Land“ finden – und doch auch wieder nicht. Denn Frank Turners frisch(st)e Stücke tanzen – wenn schon nicht vom Ton her, dann wenigstens aufgrund ihres Hintergrundes – ein klein wenig aus der Reihe. Warum? Weil „Englands sympathischste Antwortmöglichkeit auf Dave Grohl“ einmal nicht Wort gehalten hat und 2019 tatsächlich ein Konzeptwerk in die Plattenregale stellt…

Auf „No Man’s Land“ erzählt Turner, seines Zeichens bekennender Geschichts-Nerd, der  einen Bachelor in Europäischer Geschichte sein Eigen nennt, sowie (zwangsläufig) einer der Vertreter des vermeintlich „starken Geschlechts“ inmitten einer – zumindest in den wichtigsten Positionen – noch immer von Männern dominierten Musikszene und der (ebenfalls) von Männern dominierten Weltgeschichte mal ergreifende, mal skurrile, mal tragische, jedoch durchweg erstaunliche Geschichten über größtenteils weniger bekannte, jedoch umso faszinierendere Frauen. Dreizehn Stücke, dreizehn Damen – und die entstammen höchst unterschiedlichen sozialen, geografischen und historischen Kontexten.

Da wäre etwa die byzantinische Prinzessin Kassiani („The Hymn Of Kassiani“). Die aus Ägypten stammende feministische Aktivistin Hudā Schaʿrāwī, welche als erste Frau ihres Landes den Schleier ablegte („The Lioness“) Die Imperiumserbin Nica Rothschild, die in der Free-French-Bewegung während des Zweiten Weltkriegs kämpfte und in den 1950ern und 60ern als geradezu besessene Jazz-Mäzenin galt („Nica“). Dora Hand, Mitte des 20. Jahrhunderts eine singende Vaudeville-Sensation in den Bars der Wild-West-Stadt Dodge City. Sie war nicht nur eine außergewöhnliche Sängerin, sie war ebenso berühmt für ihre Großzügigkeit – bis eines Tages ein rüpelhafter Kleinstadt-Ganove den Bürgermeister der Stadt erschießen wollte, versehentlich aber Dora Hand traf und tötete („The Death Of Dora Hand„). Eine um 1900 in der Pariser Seine ertrunkene namenlose Jungfrau, deren heutzutage als „Resusci-Anne“ aus jedem Erste-Hilfe-Kurs bestens bekanntes Gesicht später als Modell für medizinische Reanimationsübungspuppen auf der ganzen Welt genutzt wurde („Rescue Annie“). Sister Rosetta Tharpe, eine 1915 geborene US-Amerikanerin, die auch als „Godmother Of Rock’n’Roll“ bekannt ist und als eine der ersten E-Gitarristinnen der Welt schon sehr früh großzügig Gebrauch von Verzerrer-Effekten machte – ihre 1944er Aufnahme des Spirituals „Strange Things Happening Every Day“ gilt als wichtiger Wegbereiter für die Rockmusik und beeinflusste eine ganze Heerschar heutiger Legenden von Elvis Presley bis Johnny Cash („Sister Rosetta„). Nannie Doss, eine Serienmörderin aus den tiefen Südstaaten der USA, die ihre Opfer über Kontaktanzeigen in der Zeitung suchte („A Perfect Wife“). Die sagenumwobene exotische Tänzerin Mata Hari, die im Ersten Weltkrieg als Spionin für den deutschen Geheimdienst aktiv war und 1917 wegen Doppelspionage und Hochverrats in Vincennes bei Paris hingerichtet wurde („Eye Of The Day„). Catherine Blake, eine Zeit ihres Lebens verkannte Ehefrau, die schlussendlich wohl die wahre Triebfeder hinter dem Erfolg des dichtenden Ehemanns war („Believed You, William Blake„). Die Wahrsagerin Jinny Bingham, welche einst in einem Verschlag auf dem Grund des heutigen Underworld-Clubs in Camden Town lebte und den Londoner Club angeblich immer noch heimsucht („Jinny Bingham’s Ghost„). Die Lehrerin Christa McAuliffe, welche 1986 an Bord des Space-Shuttles Challenger war, das kurz nach dem Start in Cape Canaveral, Florida zerbrach („Silent Key“). Und zum Schluss wird Frank Turner noch einmal persönlich, als er mit „Rosemary Jane“ einen Song der eigenen Mutter sowie deren Mut widmet, sich gegen den emotionalen Missbrauch durch ihren Mann und Turners Vater zu wehren.

Was ’ne Liste, oder? Wobei: So ganz neu ist das Thema der „unbekannten Frauen mit spannenden Geschichten“ im Werk des emsigen Musikers, der 1981 in Bahrain geboren wurde, nicht, denn immerhin erschien etwa „Silent Key“ – wenn auch als alternative Version – bereits 2015 auf seinem Album „Positive Songs For Negative People“. Und auch Frank Turners Hang dazu, sich für soziale Belange einzusetzen und gegen Ungerechtigkeiten jedweder Art stark zu machen, dürfe Fans hinlänglich bekannt sein. Trotzdem wagt der britische Barde auf „No Man’s Land“ konsequent Neues, denn schließlich wirkten – bis auf ihn – sonst nur Frauen an dem Werk mit: Produzentin Catherine Marks (Manchester Orchestra, Foals, The Killers, The Wombats) an den Reglern, eine ausschließlich aus Damen bestehende Backing Band an den Instrumenten. Zusätzlich bringt der Turner-Frank auch noch einen eigenen Podcast an den Start, bei welcher er sich vertiefest und ausführlichst zu jedem der Songs äußert. Herausgekommen ist – im Windschatten von #metoo, „Mansplaining“ und all den Gender-Diskussionen – eine geballte Faust in Richtung Feminismus. Dass diese ausgerechnet von Sympath Frank Turner kommt, der mit dem stilistisch an das tolle „Postcards From Ursa Minor“ seines Buddies Will Varley erinnernden „No Man’s Land“ eine zumeist auf mit Akustikgitarre vorgetragenem Folk sowie mit Streicher-Arrangements und Jazz-Elementen angereicherte Rückbesinnung an ältere Großtaten wagt (einzig beim tollen „The Lioness“ darf hymnisch gerockt werden) und das gelungenste Album seit – mindestens – „Tape Deck Heart“ abliefert, ist umso erfreulicher. So machen Geschichtsstunden Spaß.

 

 

Rock and Roll.

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Songs des Tages: The Lumineers – „Donna“, „Life In The City“ & „Gloria“


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Sieben Lenze nach ihrem (doch auch heute noch recht angenehm ohrwurmigen) Überraschungs-Hit „Ho Hey“ und drei Jahre nach dem Album „Cleopatra“ melden sich The Lumineers mit den ersten Vorboten ihres sehr persönlichen kommenden Werkes „III“, welches im Herbst erscheinen wird, zurück.

Für die Arbeit am neuen Album holten die beiden Co-Songwriter Wesley Schultz und Jeremiah Fraites, die bereits seit 2005 gemeinsam Musik machen, einmal mehr ihren Kollegen Simone Felice (The Felice Brothers) an ihre Seite. Außerdem war auch Geigerin Lauren Jacobson wieder mit dabei, die mittlerweile ebenso festes Mitglied der Live-Band ist wie Stelth Ulvang (Klavier), Byron Isaacs (Bass, Hintergrundgesang) und Multiinstrumentalist Brandon Miller. Cellistin und Sängerin Neyla Pekarek verließ die Band im vergangenen Jahr und widmet sich seither ihrer Solokarriere.

0602577576331Der schlichte Titel „III“ verweist nicht nur darauf, dass es sich um das – ja klar – dritte Album der fünfköpfigen US-Folk-Rock-Band aus Denver, Colorado handelt. Die Wahl ist auch deshalb auf diesen simplen Titel gefallen, weil es insgesamt zehn Songs enthalten wird (nebst drei weiteren als Bonus Tracks, die ebenfalls während der Aufnahmen entstanden), die The Lumineers – Konzeptalbum, Konzeptalbum! – in drei Kapitel unterteilt haben, wobei jedes Drittel einem der drei Protagonisten Gloria, Junior und Jimmy Sparks gewidmet ist (und daher so etwas wie eine kleine, vertonte Familiensaga über Generationen hinweg darstellen dürfte).

Und um das neue Album auch optisch abzurunden, bilden die drei Kapitel außerdem den Rahmen für eine ineinandergreifende Serie von Musikvideos zu den neuen Stücken, die allesamt unter der Regie von Kevin Phillips („Super Dark Times“) entstanden sind.

Teil 1 bis 3 – also „Donna“, „Life In The City“ und Gloria“, die Songs des ersten Teils – kann man sich bereits jetzt als Vorgeschmack aufs neue Lumineers-Werk in Bild und Ton zu Gemüte führen.

„Gloria ist eine Süchtige. Ihre Figur wurde von einem Familienmitglied von mir inspiriert. Und weder viel Liebe oder Engagement konnte sie retten“, so Leadsänger Wesley Schultz.

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Typhoon – „Prosthetic Love“


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Typhoon als Band im herkömmlichen Sinne zu beschreiben, käme ebenso einer dezenten Untertreibung gleich wie die Behauptung, dass deren Alben reine Ansammlungen neuer Songs seien.

Dem zum einen bringen bei der Indiefolkrock-Band aus Portland, Oregon meist mehr als zehn Musiker die Aufnahmestudios und Konzertbühnen zum Platzen, zum anderen passt bei wohl keiner anderen Band im Indiefolk-Genre der „Kopfkino“-Sticker auf dem Plattencover besser zum darauf zu hörenden Inhalt. So vertonte Frontmann Kyle Morton mithilfe seiner zahlreichen Mitmusiker etwa auf dem dritten, 2015 veröffentlichten Album „White Lighter“ die eigene, lebensbedrohliche Krankenakte nebst folglich verpasster Kindheit, oder auf dem neusten, im Januar veröffentlichten Werk „Offerings“ die Geschichte eines Mannes, welcher nach und nach droht, sein Gedächtnis, und damit all seine Erinnerungen und Geschichten, zu verlieren. Prädikate: tiefmenschlich, poetisch, fordernd, vereinnahmend. Typhoon-Alben mögen zwar – aller vordergründigen Indiefolk-Leichtigkeit zum Trotz – das Gegenteil von Easy Listening sein, bieten dem gewillten Zuhörer jedoch stundenlange Beschäftigung in Klang- und Storywelten, deren Kloß-im-Hals’sche Faszination sich erst nach und nach gänzlich entfaltet…

 

Einer der besten Songs im Typhoon’schen Backkatalog dürfte „Prosthetic Love“ (vom bereits erwähnten Werk „White Lighter“) sein, in welchem Kyle Morton vom Hoffen und Bangen der Liebe erzählt…

 

…und das Morton kurz darauf noch in einer kaum weniger herzerweichenden Piano-Version neu aufnahm:

 

„My folks, they left the TV on
I was falling in love years before I ever met someone
Like a prayer you don’t expect an answer
Though you ask for one

And sure my love would come along
Like some little bird and only I would recognize it’s home
Like the actors I see on the television
With the stage lights on

What I found was a gamble
You threw yourself in with me
Made a cross and you lit a candle

But we were only strangers calling in a dark room
Rejecting stars or cozy lives on the wall
In the dark I thought I saw you
Or was it nothing at all

Everyone I ever knew
I’m giving it all to you
I’m asking everything in return
And I have nothing left to lose
I’ll get it back through you
And take your offer

This time I wake I’m still alive
Now in my expiration date imagine my surprise
Some backwards take on the book of Job
His life was a wager and mine’s a joke
Give him what he wants, he will never know
He’s tired of trying to let himself go

With everyone I ever knew
I’ve gotten used to use
I’ve grown attached to you being here
With everyone I ever knew
I’ve learned to count on you
As not on my fingers

With everyone I ever knew
I’ve gotten used to use
I’ve grown attached to you being here
With everyone I ever knew
I’ve learned to count on you
As not on my fingers“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Antlers – „Kettering“


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Es gibt Konzeptalben, in die ich mich bereits nach dem ersten Hördurchgang schwerst verliebt habe. Spontan fallen mir da „De-Loused In The Comatorium“ von The Mars Volta, „The Devil And God Are Raging Inside Me“ von Brand New oder „Album Of The Year“ von The Good Life ein – von der ersten Sekunde bis zum Schlussakkord perfekt und tief in meine musikalische DNA gewachsen, bis heute. Andere Alben mit konzeptuellem Überbau musste ich mir jedoch hart erarbeiten, einfach weil in ihnen zu viel Geschichte in – vergleichsweise – sehr kurzer Zeit drin steckt. Oder gibt es unter den 7,442 Milliarden Erdbewohnern auch noch irgendjemanden, der Pink Floyds „The Wall“ oder „In The Aeroplane Over The Sea“ von Neutral Milk Hotel beim ersten Mal verstanden hat? Eben. Trotzdem sind auch das großartige Werke, die mich auch noch in Jahren, ja vielleicht Jahrzehnten bewegen werden wie kaum ein zweites…

HospicecoverGanz anders sieht es mit „Hospice„, dem dritten Werk des New Yorker Indierock-Trios The Antlers aus. Und dabei ist es keineswegs so, dass wir zwei – das Album und ich – es nicht oft genug miteinander probiert hätten. Seit der Veröffentlichung im Jahr 2009 (oder meinetwegen irgendwann kurz danach) haben wir uns immer wieder die ein oder andere Chance, den ein oder anderen angesetzten Hördurchgang gegeben. Und auch die vermeintliche Hintergrundgeschichte birgt ordentlich potentiell fesselnde Dramatik: „‚Hospice‘ erzählt die Geschichte einer emotional ausfälligen Beziehung, welche durch die Analogie eines Hospizmitarbeiters (oder Ehemanns – nicht genau geklärt) und einer Patientin namens Sylvia erklärt wird. Sylvia ist an unheilbarem Knochenkrebs erkrankt und wird im real existierenden Memorial Sloan-Kettering Cancer Center behandelt. Durch die weiteren Songs klärt sich, dass sich die beiden schon länger kannten und Sylvia bereits eine Abtreibung hinter sich hat. Am Ende des Albums stirbt Sylvia und der Hospizmitarbeiter bleibt einsam zurück.“ wie Wikipedia weiß. Langeweile sieht wohl anders aus…

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Trotzdem mögen die 52 Albumminuten als Ganzes nie wirklich bei mir zünden, nie – und das trotz der emotionalen Schwere der Storyline – so ganz mein Hörerherz erreichen. Ob es an der Machart der Songs liegt, welche Antlers-Frontmann Peter Silberman zunächst allein und abgeschottet von der quirligen Außenwelt des Big Apple in seiner Brooklyner Wohnung erarbeitete, um sie dann mit seinen Bandkumpanen Darby Cicci und Michael Lerner mit Leben zu füllen? Klar passiert von Song eins bis zehn, vom „Prologue“ bis zum „Epilogue“, eine ganze Menge, während die Band ihre Lo-Fi-Instrumentierung mit Post-Rock-Strukturen und shoegazenden Indiepop-Folk-Momenten anreichert. Nur irgendwie wirkt „Hospice“ als überaus durchdachtes Gesamtkunstwerk auch wie einer dieser Krankenhausflure, in denen sich ein guter Teil der zugrundeliegenden Story abspielt: von all den hell erleuchteten Neonröhren anonym gehalten, steril, kalt und in analoger Qualität lediglich von irgendwo fern her flirrend. Vielleicht mag’s auch an Peter Silbermans durchaus gewöhnungsbedürftigem Gesang und der bewusst auf Lo-Fi getrimmten Indie-Produktion (für die sich die Band selbst verantwortlich zeichnete) liegen – beides nicht my cup o‘ tea.

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Alledem zum Trotz ist „Kettering“, die Quasi-Eröffnungsnummer von „Hospice“, auch heute noch ein feines Stück Musik, welches auch losgelöst vom Album großartig funktioniert und als Einzelnes berührt. Dieser behutsame Pianoeinstieg, zum dem Peter Silberman Zeilen wie „And walking in that room / When you had tubes in your arms / Those singing morphine alarms / Out of tune“ beisteuert, bei denen es einem fast die Kehle zuschnürt (oder sich zumindest ein dicker, dicker Kloß im Hals bildet), während die androgyne Stimme des Sängers fast an Tearjerker-Größen wie Antony Hegarty (der sich nun Anohni nennt), Maximilian Hecker oder Keaton Henson erinnert! Diese dramatische musikalische Steigerung jenseits der Zweieinhalb-Minuten-Marke, auf welche selbst Bands wie Sigur Rós für ein, zwei Tage mit stolzgeschwellter Brust durchs isländische Gebirge laufen würden! Kein Wunder, dass sich der Song über die Jahre zu einem der bekanntesten der Band entwickelt hat und auch immer mal wieder von findigen Serien-Machern aufgegriffen wird. So war „Kettering“ mittlerweile in emotionalen Momenten von Serien wie „Chuck“, „The 100“, „Fear The Walking Dead“ oder in einer der Folgen der ersten Staffel von „Sense8„, der 2015 von den Wachowski-Geschwistern (Sie wissen schon, die beiden, denen „Matrix“ durchs Haupthirn gespukt ist) für Netflix produzierten Sci-Fi-Drama-Serie (in welcher ich auch kürzlich wieder auf das Stück gestoßen bin), zu hören. Und bevor man sich versieht, steht für mindestens viereinhalb Minuten die Welt still…

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„I wish that I had known in
That first minute we met
The unpayable debt
That I owed you‚Cause you’d been abused
By the bone that refused
You and you hired me
To make up for that

And walking in that room
When you had tubes in your arms
Those singing morphine alarms
Out of tune

They had you sleeping and eating and
And I didn’t believe them
When they called you a hurricane thunderclap

When I was checking vitals
I suggested a smile
You didn’t talk for a while
You were freezing

You said you hated my tone
It made you feel so alone
So you told me I had to be leaving

But something kept me standing
By that hospital bed
I should have quit but instead
I took care of you

You made me sleep and uneven
And I didn’t believe them
When they told me that there
Was no saving you…“

 

Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen… – Teil 11


Dredg – El Cielo (2002)

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Salvador fuckin‘ Dalí. Allein durch die bloße Nennung des Namens des spanischen – Halt: explizit katalanischen! – Kunst-Universalgenies tun sich bei dem ein oder anderen kundigen Kunstkenner bereits Tore zu wilden Gedankenwelten auf… Solche, in denen stelzbeinige Elefanten endlos scheinende Wüstenlandschaften durchschreiten, während traumwandelnde Gesichtsschemen gen Horizont blicken, Ziffernblätter im Sande zerfließen und Farben sich mächtige Rauschduelle liefern. Zeitlebens ließen sich die Werke des Surrealisten mit dem dünnen Zwirbelbart kaum (be)greifen, und auch heute noch – 25 Jahre nach seinem Tod – wirken Dalís Malereien, Grafiken, Texte, Bildnisse und Bühnenbilder wie die kreativen Auswüchse eines rauschhaft agierenden Getriebenen, ja: Wahnsinnigen. Oder, wie der streitbare Künstler selbst einst zu Protokoll gab: „I don’t do drugs, I am drugs“. Wie also sollte man sich Salvador Dalí am besten, am einfachsten nähern? Durch Seite um Seite füllende Analysen, welche biografische Eckdaten dann ebenso einbeziehen wie Zeitgeschichte, Politik und – klar! – psychologische Bezüge (immerhin pflegten Dalí und der österreichische Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, eine auf Gegenseitigkeit beruhende Bewunderung)? Wäre freilich möglich. Oder man pickt sich eines von Dalís bekanntesten Bildern heraus und setzt dieses dann in musikalische Klangbilder um… Klingt verrückt? Ist es wohl auch. Doch genau das ist „El Cielo„, das 2002 nach vierjähriger Arbeit erschienene zweite Album des kalifornischen Rock-Quartetts Dredg.

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Dabei ging die 1993 in Los Gatos, einer 30.000-Einwohner-Stadt in der San Francisco Bay Area, gegründete Band um Gavin Hayes (Gesang, Slidegitarre), Mark Engles (Leadgitarre), Drew Roulette (Bass) und Dino Campanella (Schlagzeug, Piano) einerseits ein nicht unbeträchtliches Wagnis ein, immerhin kannte die Gruppe damals noch kaum jemand (also: kreative Herausforderung vs. kleine Fanbase). Andererseits schien dieser Schritt nur der allzu logischste nächste in der Bandbiografie zu sein, lag doch dem 1999 erschienenen Debütalbum „Leitmotif“ bereits eine von Bassist und Teilzeit-Maler verfasste Geschichte über die ebenso essenzielle wie spirituelle Sinnsuche eines todgeweihten Mannes zugrunde, auf welche die Band während der nicht eben anspruchslosen 54 Albumminuten immer wieder Bezug nimmt, während das offensichtliche musikalische Klangbild irgendwo zwischen Alternative und Progressive Rock, zwischen asiatischen Anklängen wie Angejazztem und mäandernden Jams seine berauschenden Spannungsbögen zieht. Ehrgeizig, freilich – nur damals eben kaum mehr als ein erstes Ausrufezeichen unterhalb des Radars der Musiköffentlichkeit. Diese Band also nahm sich ganze vier Jahre Zeit, um mit insgesamt drei Produzenten – und das dann gar in den Aufnahmestudios von George „Star Wars“ Lucas‘ Skywalker Ranch – an einem Album zu arbeiten, welchem Salvador Dalís 1994 veröffentlichtes Gemälde „Dream Caused by the Flight of a Bee around a Pomegranate One Second Before Awakening“ (deutsch: „Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen„) als oberste und innerste Inspirationsquelle zugrunde liegt? Jawollja! Aber „El Cielo“ ist so viel mehr als das…

300x300Natürlich sind es mit diesem Wissen zuerst die Bezüge auf Dalís kunstvolles, im US-amerikanischen Exil entstandenes Werk, die man an allen Ecken und Enden des knapp einstündigen zweiten Albums von Dredg heraushört. So wird das Konzeptalbum immer wieder von fünf nicht eben zufällig mit „Brushstroke“ (deutsch: „Pinselstrich“) betitelten Intermezzo-Zwischenteilen durchbrochen, von denen der erste, „Brushstroke: dcbtfoabaaposba“ (nichts anderes als die Abkürzung des Titels des Dalí-Gemäldes), das Streichen eines Pinsels über eine Leinwand intoniert, welches alsbald in ein bedrohlich mechanisches Summen und Zurren hinüber gleitet. Doch anstatt sich immer „nur“ einzelne Bildbestandteile des wohl herausragendsten Werkes aus Dalís paranoisch-kritischer Schaffensperiode herauszupicken und diese mit Musik zu beleben, dient Dredg das Gemälde nur als Nährboden, als Versinnbildlichung von etwas noch Größerem, etwas Gewichtigerem und – ja – Höherem. Während der Reiz der Farben vielleicht lediglich das wache Auge anzusprechen vermag, ist „El Cielo“, auf Spanisch wohl nicht zufällig ebenso „Firmament“ wie „Himmel“, das Ton gewordene Konzept der Band von Phänomenen wie der Schlafparalyse, dem Luzidtraum oder – aufgepasst, großes Wort! – der Veränderung (letzteres lag, grob umfasst, bereits „Leitmotif“ in Sinnhaftigkeit wie Optik zugrunde). Angefangen beim Booklet zum Album, welches handschriftliche Schlaf- und Traumerlebnisse zu den einzelnen Songs umfasst, ziehen sich diese Begriffe wie rote Fäden durch alle 16 Stücke von „El Cielo“ – schon, wenn Sänger Gavin Hayes im ersten „echten“ Song „Same Ol‘ Road“ (und der ist auch gleich einer der besten des Albums!) mit seiner so charakteristisch sanften wie gleichsam eindringlichen Stimme „Here we go / Down that same old road again / Sympathy unfolds the shell that holds / All the beauty within / Here we go /Down that same old road again / A memory or a regtet… a hope“ intoniert. Die Band spielt dazu mal groß zu manierlichen Alternativerock’ismen auf („Convalescent“), mal lässt sie die Zügel locker und die Gitarren weitläufig mäandern („Triangle“), holt zu (Free) Jazz-Anleihen (die einsame Posaune in „Whoa Is Me“!) Anlauf, nur um daraufhin vorwärts, rückwärts, seitwärts, himmelwärts zu preschen. Obwohl „El Cielo“ alles in allem wie ein (Konzept)Album aus einem bruchfreien Guss wirkt, gibt es darauf doch Highlights en masse: Man höre sich nur den überbordenden Refrain von „Of The Room“ („Night falls beneath candle light / White squalls beneath winter skies“) mit Kopfhörern über den Lauschmuscheln und geschlossenen Augen an! Man lausche einfach dem seltsam bedrohlich – samt Sprachfetzen – schleichenden Mantra „Scissor Lock“! Undsoweiter, undsofort… Auf „El Cielo“ geht – allein schon rein musikalisch – so Einiges, wenn die Band das Rock-Grundgerüst aus GitarreSchlagzeugGesangBass nimmt, um um dieses einen Turm aus Jazz-Versätzen, Pianopassagen (der sowieso schon rhythmisch beschlagene Schlagzeuger Campanella bedient die Tasteninstrumente sogar nicht selten parallel zum Trommelwerk!), Elektronikspielereien, asiatischen Klanganleihen oder Chorälen zu wuchten. Wenn dieser schlafwandelnde Elfenbeinturm im letzten Stück „The Canyon Behind Her“ (benannt nach dem Berg im Hintergrund von Dalís Gemälde, während sich „her“ auf die im Bild zu sehende Dame, Dalís Ehefrau Gala, bezieht) knapp unter der Sechs-Minuten-Marke in sich zusammenfällt und der Hörer für die letzte übrige Minuten allein mit der im Chor singenden Band gelassen wird, dann ist ist wohl längst passiert. Dann ist man längst zutiefst eingenommen von diesem nicht immer einfachen, aber jederzeit fordernden Werk aus Außerweltlichkeit, Faszination und Schemenhaftigkeit, das all jenen seine wahre abgründige  Schönheit offenbart, die sich komplett darin fallen lassen: „Sympathy unfolds the shell / That holds all the beauty within“  (aus „Same Ol‘ Road“).

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In der bis heute fünf Studioalben umfassenden Dredg’schen Diskografie ist „El Cielo“ weder das musikalisch am härtesten – man mag’s auch „progressiv“ nennen –  zu Werke gehende Album (da ist man mit dem Erstling „Leitmotif“ besser bedient) noch das poppigste (diese Tendenzen hin zum eingängigeren Alternative Rock trieb die Band 2005 mit dem ebenfalls – wenn auch auf komplett andere Weise – höchst gelungeneren Nachfolger „Catch Without Arms“ auf die Spitze). Und während das vierte Album „The Pariah, The Parrot, The Delusion„, 2009 in die Plattenläden gestellt, mit seinem vollzogenen Spagat zwischen grob umrissenem Konzept (á la „El Cielo“) und pathetisch empfundener Rock-Poppigkeit (á la „Catch Without Arms“) in Gänze noch einmal die Kurve hin zum positiven Gesamteindruck erwischte, sollte das so seltsam zwischen Alternative Rock und Schlagerrhythmus (!) hin und her taumelnde letzte Album „Chuckles And Mr. Squeezy“ (2011) leider (!) so rein gar nichts mehr mit jenen Dredg zu tun haben, die es einem noch vor Jahren so einfach machten, sie und ihre Kunst so aufrichtig und (annähernd) bedingungslos zu lieben. Was bleibt, ist mit „El Cielo“ das frühe wahrhaftige Meisterwerk des kalifornischen Quartetts, das seine Bahnen zwischen Freuds Psychoanalyse, Dalís surrenden Fantasiewelten, traumhaften bis albtraumhaften Mären, spiritueller Jenseitigkeit und entrückter Diesseitigkeit hin und her zieht (wer tiefer gehen mag, dem liefert die Fanseite „Traversing“ vielerlei Ansatzpunkte). Für mich selbst stellt das Album nach all den Jahren – und auch nach gefühlten 5.000 Durchläufen – eines jener Gesamtkunstwerke dar, das es wie nur wenige andere versteht, zu fesseln, zu bannen, zu emotionalisieren. Wer mag, darf’s in seiner Tiefe gern als den „kürzesten Weg zwischen spiritueller Erfahrung und musikalisch wahrhafter Größe“ nennen. Dabei wird deutlich, dass es Dredg zu keiner Sekunde um etwas wie den Versuch von Perfektion geht, sondern vielmehr um Wahrhaftigkeit. (Ein großes Wort, ich weiß… wer sich jedoch einmal, wie ich so Hals über Kopf in dieses Album gestürzt hat, der wird hoffentlich Ähnliches empfinden.) Und bei aller Zerrissenheit, welche zwischen den Zeilen immer und immer wieder hindurch scheint, spürt man während der 58 Minuten von „El Cielo“ vor allem eines: Liebe. Zur Musik. Zur Rastlosigkeit. Zu Neuem, Unbekanntem. Zum Leben.

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Hier kann man sich „El Cielo“ in Gänze anhören:

 

…und sich hier, da die offiziellen Musikvideos zu „Same Ol‘ Road“ und „Of The Room“ selbst heute digital rar gestreut sind, ein wunderbar geratenes Fanvideo zu nicht weniger tollen Albumabschluss „The Canyon Behind Her“ ansehen:

 

Und zur Feier des Faktes, dass Dredg nach Jahren abseits des Musik- und Veröffentlichungsgeschäfts mal mehr als ein zufällig neues Stück (ANEWFRIEND berichtete) durchschauen lassen und tatsächlich wieder europäische Konzertbühnen betreten, um ihre Alben „El Cielo“ und „Catch Without Arms“ in Gänze live zu präsentieren (die deutschen Konzertdaten gibt’s unten), hat ANEWFRIEND noch eine besonderes Empfehlung für euch: Auf archive.org findet ihr den komplette und ganze 28 Songs starke (beziehungsweise 105 Minuten lange) Show, welche Dredg am 11. Januar 2009 im Konzerthaus Dortmund zum Besten gaben. Das Konzert wurde damals vom „WDR Rockpalast“ mitgeschnitten und ist auf archive.org zum freien Download – und selbstredend in bester Soundboard-Qualität – verfügbar…

 

Dredg – „El Cielo“ live:
30.04 Frankfurt – St. Peter
01.05. Köln – Gloria (18 Uhr)
02.05. Berlin – Kesselhaus (19.30 Uhr)
03.05. Hamburg – Gruenspan (19.30 Uhr)

Dredg – „Catch Without Arms“ live:
29.04. München – Theaterfabrik
01.05. Köln – Gloria (21.30 Uhr)
02.05. Berlin – Kesselhaus (22.30 Uhr)
03.05. Hamburg – Gruenspan (22 Uhr)

(Tickets gibt’s via Eventim…)

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Slut – Alienation (2013)

Alienation (Cover)-erscheint bei Cargo Records-

So langsam verblassen die Ränder. Und doch ist die ein oder andere Erinnerung an jenen Sommer des Jahres 2001 noch präsent…

Klar, zuerst drängen sich bei den meisten von uns jene Bilder in den Vordergrund, als an einem Septemberdienstag zwei Türme in New York City zu Boden stürzten. Nichts sollte darauf mehr wie vorher sein. Radiohead wurden mit ihrem famosen Albumdoppel aus „Kid A“ und „Amnesiac“ während diesen Tagen zu einem musikgewordenen Anker für mich, in einer Welt, die schwer zu fassen, schwer zu durchschauen schien. Aufruhr, Rebellion, Veränderung – ich war damals ein lebenshungriger, zwar altkluger, jedoch auch ebenso dummdreister Kindskopf, der kurz vorm schlechtrechten Abitur stand. Ich war mittendrin im Strudel der Adoleszenz. Musik, Mädchen, Freundschaft – ich wollte alles, und sei es nur für einen einzigen, endlos langen Sommer…

Und auch heute noch werde ich bei jedem Mal, wenn die Stücke eben jener erwähnten Radiohead-Alben meinen Weg kreuzen, wieder in diesen Sommer zurück versetzt. Zu diesem Mädchen mit dem kurzen Haar, den Sommerprossen, den vollen Lippen und den leuchtenden Augen, die ihr Lächeln für einen Sekundenbruchteil zum zweifellos schönsten auf den ganzen Welt machten. Zu den endlos langen Beinen, die sich um meinen schweißnassen, hageren Körper schlungen, als wir uns küssten. Für einen winzigen Moment gab es nur uns allein auf dieser Welt, die so offen und neu und am Ende schien. Und andererseits so voller unbetretener Wege ohne Ziel offenbarte…

Doch noch mehr als alles auf „Kid A“ oder „Amnesiac“ versetzt mich wohl ein anderer Song zurück in eben diese Tage der Jugend: „Welcome 2“ von Slut. Das dazugehörige Video lief damals rauf und runter auf Viva 2, in einer Zeit, als tatsächlich noch Musikvideos im Fernsehen liefen. Darin zu sehen: fünf bleiche Milchbubi-Gesichter, die kaum älter als ich waren. Das Stück war ebenso Teil des Soundtracks des filmischen Robert Stadlober-Durchbruchs „Crazy“ als auch zentraler Punkt von Sluts bereits drittem Album „Lookbook„. Und obwohl diese fünf Typen aus dem bayrischen Ingolstadt kaum die Zwanzig erreicht hatten, war jenes „Lookbook“ bereits reichlich ambitioniert ausgelegt: Ein Konzeptwerk über die Schattenseiten der Adoleszenz, über Außenseitertum, Verunsicherung und das Alleinsein. Natürlich konnte sich ein Teenager wie ich, der in seiner Kleinstadt-Clique zwar ein gern gesehener Freund war, jedoch nie zum großen Draufgängertum neigte, damit identifizieren! Those were the days…

Slut #1

Und obwohl nach diesem Sommer der Herbst kam und die meisten aus meinem damaligen Freundes- und Bekanntenkreis in ihre eigenen Zukünfte verschwanden, blieb ich Slut, deren Namenwahl wohl eher dem schwedischen „Ende“ als der profanen englischen „Schlampe“ zugrunde liegen mag, über all die Jahre treu. Natürlich machte es die Band ihren Hörern auch einfach, sie für ihre Musik und ihren steten Willen zu Wachstum und gleichzeitiger Neuerung zu lieben. „Nothing Will Go Wrong„, „All We Need Is Silence“ und „StillNo1„, jeweils im Zwei- beziehungsweise Dreijahresrhythmus zwischen 2003 und 2008 erschienen, waren ebenso breitbeiniger, bissiger Indierock wie gewagt melancholischer Veitstanz auf der Höhe der Zeit. Nie schienen Christian Neuburger (Gesang, Gitarre), Rainer Schaller (Gitarre), Gerd Rosenacker (Bass), Matthias Neuburger (Schlagzeug) und René Arbeithuber (Keyboard) wirklich musikalisch still zu stehen. Und wenn ihnen selbst der ganze bundesdeutsche Indierock-Zirkus zuviel wurde, dann suchten sie sich auf eigene Faust neue gemeinsame Betätigungsfelder – etwa als Begleitband im Theatergraben zu Brechts „Dreigroschenoper“ oder als musikalische Erfüllungsgehilfen bei der Hörbuchfassung des Romans „Corpus Delicti“ der Autorin Juli Zeh.

Auf ein „richtiges“ neues Album von Slut mussten alle Fans, Freunde und Wegbegleiter jedoch lange fünf Jahre warten. Fünf Jahre, in denen sich die Lebensmittelpunkte von drei Fünftel der Band in die bayrische Landeshauptstadt verlagerten, in denen Familien gegründet wurden, Freundschaften entstanden, während andere friedlich einschliefen oder zerbrachen. Fünf Jahre, in denen Lieben aufkeimten und achtlos beiseite geschoben wurden, Ideale bitter enttäuscht oder gar zu Grabe getragen wurden; die ausreichend Zeit ließen, Jobs anzunehmen und wieder zu schmeißen, mal hier, mal da auf der Welt sein Glück zu versuchen… Keine Frage: Auch – und vor allem – man selbst hatte sich verändert. Und obwohl die Ankündigung, dass Slut nach eben fünf langen Jahren im August 2013 wieder ein vollwertiges Album veröffentlichen würden, ein wenig für einen gefühlten inneren Kindergeburtstag sorgte, so blieb doch – bei so viel gemeinsamer Vergangenheit – eine undefinierbare gewisse Restskepsis: Würden es Neuburger & Co. noch einmal schaffen, das Feuer vergangener Tage zu entfachen? Am Ende von „Alienation“ bleiben gar mehr Fragen als Antworten… Das Gute: Man spürt, dass es die Band genau so wollte.

Slut #2

Dabei birgt bereits die erste – und zweifellos wichtigste – Vorabinformation zu „Alienation“ gleichsam Wagnis und Spannungsgarant in Personalunion: Slut kontaktierten nach den ersten erfolgreichen Entwürfen im heimischen münchner Proberaum fünf der Produzenten, mit denen sie bereits an vergangenen Alben gearbeitet hatten, und begaben sich für Album Nummer sieben ebenso auf Deutschlandreise wie auf einen Trip in die eigene Bandhistorie: zwei der zwölf Stücke wurden gemeinsam mit Tobias Levin (u.a. Kante, Tocotronic) in Hamburg aufgenommen, zwei weitere mit Olaf O.P.A.L. (u.a. The Notwist, Naked Lunch) in Bochum und Berlin, fünf mit Tobias Siebert (u.a. Me And My Drummer, Phillip Boa) in Berlin, zwei mit Mario Thaler (u.a. The Notwist, Polarkreis 18) in München und Stuttgart und wieder zwei Songs entstanden mit Oliver Zülch (u.a. Die Ärzte, Sportfreunde Stiller) im beschaulichen Weilheim.

Nun könnte man durchaus mutmaßen, dass „Alienation“ ob dieses Fakts besonders zerfahren wirken würde – dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Denn erstmals seit dem zwölf Jahre zurück liegenden „Lookbook“ wagten sich Slut wieder an ein Albumkonzept, das – bei aller räumlichen Distanz – die Stücke wie ein roter Faden durchziehen sollte: „Alienation“, also „Entfremdung“ – keine schlechte Idee fürwahr, in einer Zeit, in der jedes menschliche Glied in den gesellschaftlichen Ketten der Wirtschaftsnationen einer nie endenden 24/7-Flut an Unterhaltung und Zerstreuung ausgesetzt scheint. Eine Zeit, der die Übersättigung und die hohle Hand des Zuviel in unschön uniformer Blockschrift auf die metaphorische Stirn gebrandmarkt scheint. Individuen werden untergebuttert und mundtot gemacht, Liebe ist prozesskonform und käuflich, Meinungen lassen sich im Vierjahrestakt mieten und Burnout ist die Volkskrankheit, mit der Manager ebenso wie einfache Angestellte für ein Leben auf der Überholspur bezahlen müssen. Echte Gefühle? Erstickend fremd. All das versuchen Slut in 50 Minuten zu packen…

Slut #3

Dabei legt „Anybody Have A Roadmap?“ bereits ganz gut los. Perkussion und das von Produzent Olaf O.P.A.L. gespielte Reverse Piano geben den Takt vor, während sich Gitarren und ein wummernder Bass durch ein Dickicht aus elektronischen Spielereien wuseln, in denen sich Chris Neuburgers Stimme erstmals als einzig fester Anker erweist. „Broke My Backbone“ weist mit generierten Beats und repetitiven Stimmsamples, die keinerlei comfort zone zulassen, nur allzu offensichtlich auf die zwei größten aktuellen Referenzpunkte hin: Radiohead und Atoms For Peace – kaum verwunderlich, steht doch der nimmermüd‘ kreative Derwisch Thom Yorke beiden Bands vor, befassen sich beide Kollektive doch seit Jahren mit ähnlichen Sujets. „All Show“ ist eine gitarrengetragene, traurige Mär von gebückt schleichenden Taugenichtsen, Gelegenheitstrinkern, Herumtreibern und schlechten Schauspielern, die sich alle selbst Tag für Tag etwas vormachen, und in ihren portionierten Leben doch eines gemeinsam haben: sie alle sind „fucked up inside“. „Home is where you’re brought up /…/ You stay or you may roam / They say it’s like the heart without a home /…/ And the young ones getting out of here / The rest stays where they are / And most of them turn petit bourgeois /…/ We wrote a hundred love songs / And poems / All those years / Where we sang about our hopes and doubts and fears / Someone push the brake /…/ Someone get along with us“ – das Titelstück ist gleichsam melancholische Feier der gemeinsamen Vergangenheit und desillusionierte Hymne an die Ingolstädter Heimat. „Silk Road Blues“ besteht beinahe gänzlich aus einem Jam zwischen der Band und Sitar-Spieler Ashraf Sharif Khan, bevor „Remote Controlled“ zu treibendem Schlagzeug Zerstreuung und Genusssucht der einheitlich modernen Großstadtmasse auf den Punkt bring („We suffer from action / Caused by a lack of satisfaction / Though we have ageingly arrived / We’re in search for the time of our lives /…/ We’re puppets in an everlasting play /…/ We’re all remote controlled“) und „Idiot Dancers“ den Tanzboden für den Aufmarsch der Konformisten bereitet. „Deadlock“ bereitet dem kündigen Hörer ein zweites offensichtliches Radiohead’sches Aha-Erlebnis, denn die Gitarren könnten so auch von Johny Greenwood, dem Leadgitarristen der englischen Erfolgsband, kommen. In „Nervous Kind“ droht der Barpianist zu unruhigen Rhythmen gen Ende kurz in einem Streichermeer zu versinken, „Never Say Nothing“ deutet mal eben wuchtige New Wave-Tendenzen an und lässt den seligen Joy Division-Frontmann Ian Curtis als Textreferenz durchscheinen („She’s lost control again“). Bevor einem selbst alles an „Alienation“ zu viel wird, ist dieser seltsam fremde Hirnfick nach 50 Minuten vorbei, denn Chris Neuburger bricht mit der zweieinhalbminütigen, simplen Pianoballade „Holy End“ ein Loch in die Abwärtsspirale des menschlichen Verfalls und bringt zum Abschluss noch einmal die kleinsten großen Wünsche auf den Punkt: „When all the money is spent and all the goods are used up / Would you carry me back to my mother’s hands? / When the fighting is over and the races run out / Please carry me back to my father’s land / Holy end“. Amen.

Natürlich hätten es sich Slut nach fünfjähriger Abstinenz in den Plattenregalen um einiges einfacher machen können, hätten allen Freunden des tollen, 2008 erschienenen Vorgängers „StillNo1“ erneut 10+x breitbeinig und selbstbewusst auftretende und mit kleinen elektronischen Ingredienzien versetzte Stücke liefern können. Doch wer Slut kennt und schätzt, der weiß natürlich: Dieser Weg war bislang nie der der bayrischen Band. Und so stellen sich Chris Neuburger, Rainer Schaller, Gerd Rosenacker, Matthias Neuburger und René Arbeithuber ebenso vor eine Aufgabe wie den Hörer und schaffen mit „Alienation“ ein Album, das bewusst keinerlei Wohlfühloasen und wenig Ruheplätze bietet. Dabei nehmen Slut wohl bewusst in Kauf, anzuecken und auf wenig Gegenliebe zu stoßen. Dass sich Berichte, Artikel und Rezensionen über die Band und ihr Schaffen mittlerweile eher im Feuilleton als in den einschlägigen Rockmusikmagazinen finden lassen? Ein beinahe haltloser Vorwurf, den man so jedoch auch auf Radiohead ummünzen könnte. Freilich steckt „Alienation“ bewusst voller kühler Kanten und Brüche. Und auch wenn mit „Next Big Thing“ und „Remote Controlled“ lediglich zwei Stücke an den halbwegs straighten Indierock vergangener Großtaten erinnern, so merkt man Album Nummer sieben an vielen Stellen das investierte Herzblut, die überbordende Kreativität und die ehrlichen Mühen an. Und auch wenn Band-Freundin Juli Zeh im begleitenden Pressetext etwas verschwenderisch mit Superlativen um sich wirft, so hat sie doch mit einem Satz verdammt recht: „Slut haben noch nie in der zwanzigjährigen Bandgeschichte Mist produziert.“ Ob Slut sich mit „Alienation“ einen Gefallen getan oder Bärendienst erwiesen haben? Die Zeit wird’s zeigen… Doch bei aller Rat- und Rastlosigkeit bleibt mir die Freude, dass diese Band zurück ist – und bei allen Fragezeichen nie relevanter und nie näher am Nerv der Zeit war. Und es bleiben mir die Erinnerungen an jenen endlos warmen Sommer im Jahr 2001, als die Ränder noch voller Farbe und die Herzen nur zum Brechen da waren… Willkommen in zurück, im kalten Hier und Jetzt – der nostalgische, gefühlt alte Sack in mir legt zwei Sympathiepunkte obendrauf. Passt schon.

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Das erwähnte Musikvideo zu zwölf Jahre jungen Nostalgie-Evergreen „Welcome 2“ gibt’s hier…

 

…ebenso wie die bewegten Bilder zu „If I Had A Heart“…

 

…und „Tomorrow Will Be Mine“ (beide von „StillNo1“)…

 

…sowie – solange das offizielle Video zur aktuellen Single „Next Big Thing“ auf sich warten lässt – den Albumteaser zu „Alienation“:

 

Rock and Roll.

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