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Angst essen Hase auf – Scott Hutchison ist tot.


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Foto: REX/Shutterstock

Was macht man, wenn Worte fehlen? Wenn einen manche Tage – Sonnenschein hin, Regen her – einfach nur traurig machen? Ich für meinen Teil würde raten: Setzt Kopfhörer auf und lasst Musik eure Sprache sein! Und ebenjene „Sprache“ tönte in den letzten knapp zehn Jahren immer wieder von Songs aus der Feder von Scott Hutchison – ausgestattet mit massig herzwarm-bitterem Sarkasmus sowie breitestem schottischem Akzent.

 

 

Im Rückblick ist es kaum zu glauben, dass mich die Stücke von Frightened Rabbit (Scotts 2003 ins Leben gerufene Hauptband), Owl John (sein Solo-Pseudonym, unter dem er 2014 einen Alleingang wagte) sowie jüngst Mastersystem (der famos lärmende Versuch einer schottischen „Supergroup“ gemeinsam mit seinem Bruder Grant, der auch bei Frightened Rabbit am Schlagzeug sitzt, sowie Justin Lockey von den Editors und dessen Bruder James von Minor Victories) bereits seit einer Dekade treu begleiten und immer wieder aufs Neue begeistern… Und: Ja, das lag (und liegt) vor allem an Scott Hutchisons feinem Gespür für kleine wie große Melodien, über welche er Zeilen über das Leben legte, die vom Rinnsal der Gosse erzählen, jedoch nie den Hymnus vergessen, der einen beim Blick in den blauen Himmel befällt. Ich kann kaum die Male zählen, die mir Frightened Rabbit’sche Alben wie das just zehn Jahre jung gewordene „The Midnight Organ Fight„, „Pedestrian Verse“ (anno 2013 ANEWFRIENDs „Album des Jahres“ und auch nach gefühlt 12.456 Durchlaufen in der Heavy Rotation noch immer so großartig wie an Tag eins, und noch tiefer ins Hörerherz gegraben) oder zuletzt das im vergangenen Jahr erschienene „Painting Of A Panic Attack“ bereits den mentalen Allerwertesten gerettet haben. Wie sehr mich Songs wie „Holy„, „My Backwards Walk„, „I Wish I Was Sober„, „Swim Until You Can’t See Land„, „Keep Yourself Warm„, „State Hospital“  oder „Good Arms vs. Bad Arms“ noch heute begeistern, während ich bei anderen (ungleich leiseren) Vertretern wie „If You Were Me“ oder „Die Like A Rich Boy“ nie ohne Träne im Anschuss hindurch komme. Dass Scott Hutchison im Verbund auch durchaus mit hochgezogener Lautstärke zu überzeugen wusste, durfte ich anhand des erst vor wenigen Wochen erschienenen Mastersystem-Debütwerks „Dance Music“ feststellen, welches drauf und dran ist, (s)einen berechtigten Platz in der diesjährigen ANEWFRIEND’schen Jahresbestenliste zu finden…

Scott Hutchisons Texte haben eine Qualität, eine bittersüße Direktheit, welche den geneigten Hörer bis tief ins Mark treffen können. Wer gerade frisch getrennt ist, wird bei Zeilen wie „I am armed with the past, and the will, and a brick / I might not want you back, but I want to kill him“ (aus „Good Arms vs. Bad Arms“) unweigerlich und überschwänglich die Faust ballen, bevor einen eine trotzig-lakonische Frage wie „Are you a man or are you a bag of sand?“ (aus „Swim Until You Can’t See Land“) wieder in die Zukunft blicken lässt. Mit diesen Trademarks stechen Hutchisons Stücke selbst aus der nicht schwachen schottischen Indierock-„Konkurrenz“ (The Twilight Sad, There Will Be Fireworks, We Were Promsied Jetpacks, Aereogramme, Campfires In Winter etc. pp.) heraus. Zumindest für mich und mein Hörerherz.

RABBIT

Da Scott Hutchison – aller spröden Herzlichkeit und schottischen Bodenständigkeit zum Trotz – in der Vergangenheit nie als Ballermann’sche Frohnatur bekannt war, war die Nachricht, als ihn Familie und Bandmitglieder vor zwei Tagen als vermisst meldeten, keine gute, sondern eine durchaus besorgniserregende – gerade in Verbindung mit ebenjenen (nun letzten) Zeilen, die Hutchison wenig vorher via Twitter postete: „Be so good to everyone you love. It’s not a given. I’m so annoyed that it’s not. I didn’t live by that standard and it kills me. Please, hug your loved ones.“ („Seid gut zu allen, die ihr liebt. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, und das widert mich an. Nach diesem Standard habe ich selbst nie gelebt, und das bringt mich um. Bitte umarmt eure Liebsten.“). Kurz darauf schob er noch ein „I’m away now. Thanks“ nach, verließ nachts sein Hotel in Edinburgh – und verschwand…

Wie heute bekannt wurde, handelt es sich bei der Leiche, die die schottische Polizei bei der Suche nach Scott Hutchison am gestrigen Donnerstagabend an einem Küstenabschnitt in der Umgebung von South Queensferry fand, um den schottischen Musiker. Die Todesumstände sind (zumindest noch) genauso unklar wie die Antwort auf die Frage, welche Rolle Hutchisons Depressionen, mit denen er zeitlebens zu kämpfen hatte, dabei spielten. Dass ebenjene Zeilen, die er vor zehn Jahren in „Floating In The Forth„, dem Quasi-Abschluss von „The Midnight Organ Fight“, sang, jetzt auf geradezu gruselige Art und Weise Realität wurden, wird einen das Album nie mehr ohne Gänsehaut hören lassen… Und am Ende steht nur eines fest: Scott Hutchison ist tot. Und hat im Alter von 36 Jahren viel, viel zu früh die gesellige Bierseligkeit des kleinen Pubs um die Ecke verlassen. Mit ihm verliert die schottische Musikszene einen ihrer besten Songschreiber.

 

„And fully clothed, I float away
(I’ll float away)
Down the Forth, into the sea
I think I’ll save suicide for another day…“

(aus „Floating In The Forth“)

 

Wenn mir – auch in Zukunft – die Worte fehlen, dann werde ich meine Kopfhörer aufsetzen – und deine Songs haben. Danke dafür, von Herzen. Mach’s gut, Scott! Fuck it. Aye… cheers, mate!

 

 

„If I leave this world in a loaded daze
I can finally have and eat my cake…“

 

(Durchaus treffend formulierte Nachrufe haben auch der britische „The Guardian“ oder „The New Yorker“ zu bieten, während der „Mirror“ – natürlich – das Augenmerk auf die Ereignisse als solches legt…)

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Menschen, die unter Depressionen leiden und Suizidgedanken haben, finden bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 Telefonseelsorge rund um die Uhr Hilfe. Die Beratungsgespräche finden selbstredend anonym und vertraulich statt.

Angehörige, die eine nahestehende Person durch Suizid verloren haben, können sich an den AGUS-Verein wenden. Der Verein bietet Beratung und Informationen an und organisiert bundesweite Selbsthilfegruppen.

Leute, passt bitte auf euch und eure Mitmenschen auf! Gebt Liebe, wannimmer ihr Liebe geben könnt. Alles, was uns bleibt, ist das Jetzt…

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Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen… – Teil 7


Eigentlich ist es ja Sommer. Und doch entlädt der Himmel an diesem Sonntag scheinbar alle verfügbaren Wasserreserven auf diesen Flecken Erde an der holländischen Grenze… Was gibt es da Besseres, als euch eins meiner liebsten Alben der letzten Jahre ans Hörerherz zu legen, dessen Songs zwar bereits Einsätze in US-Serien wie „Grey’s Anatomy“ oder „Chuck“ auf der Habenseite verbuchen konnten, das jedoch in Gänze meines Erachtens nach immer noch – und völlig zu Unrecht! – „zu kurz gekommen“ ist…
 

Frightened Rabbit – The Midnight Organ Fight (2008)

-erschienen bei Fat Cat/Rough Trade-

„A cripple walks amongst you / All you tired human beings / He’s got all the things a cripple has / Not working arms and legs / And vital parts fall from his system / And dissolve in Scottish rain / Vitally he doesn’t miss them / He’s too fucked up to care / Well, is that you in front of me? / Coming back for even more of exactly the same / You must be a masochist to love a modern leper / On his last leg.“ Mit diesen Zeilen beginnt „The Modern Leper“, der erste Song von „The Midnight Organ Fight„, dem 2008 veröffentlichten zweiten Album der schottischen Band Frightened Rabbit. Und wer genau hinhört, der wird schnell merken, dass es sich bei diesem Album um vertonte Trennungsbewältigung handelt. Doch bei aller oberflächen Jammerigkeit bekommt man zu keiner Zeit den Eindruck, es hier mit fünf vom Liebesschicksal gebeutelten Trauerklößen zu tun zu haben. Denn hinter dem Akustikgitarrengerüst mit Bandsoundaufbau steckt so viel mehr: Trotz, Wut, Unverständnis, Eifersucht, verletzter Stolz – und die Gewissheit, dass man(n) letztendlich auch ohne die ehemals Angebetete weitermachen wird. Doch vorher gilt es, einen Abschluss zu finden. „I decided this decision some six months ago / So I’ll stick to my guns, but from now on it’s war / I am armed with the past, and the will, and a brick / I might not want you back, but I want to kill him“ singt Sänger Scott Hutchison etwa in „Good Arms vs. Bad Arms“ und gibt schlussendlich zu: „I’m not ready to see you this happy / … / I’m still in love with you (can’t admit it yet)“. Die 14 Songs des Albums sind dabei keinesfalls in chronologischer Abfolge zu betrachten, vielmehr sind sie spontan aufglimmende Erinnerungsirrlichter von einem, der betrunken durch die regnerischen Straßen Glasgows stolpert, in der Hoffnung, nun endlich auch noch die letzten Kopfkinobilder der gemeinsamen Zeit und der Ex mit ihrem verhassten Neuen in Flammen aufgehen zu sehen. Und so ziehen die Abende, die beide schweigend vor dem Fernseher verbrachten, jeder für sich in der Hoffnung, dass der andere die Routine durchbräche, das Radio anschalte und mit einem innig eng umschlugen ganz altmodisch durch die Wohnung tanze („Old Old Fashioned“), vor dem nicht mehr klaren inneren Auge vorbei. An den immerwährenden Wunsch nach menschlicher Nähe und Geborgenheit, selbst wenn die Motive des Gegenübers ganz trivialer Natur sind („The Twist“). Es wird an der Liebe gezweifelt, an der eigenen Liebenswürdigkeit, an Gott („Head Rolls Off“), gar am Leben und dessen Sinnhaftigkeit selbst („Floating In The Forth“).

Völlig sturztrunken wird schließlich der finale Schlussstrich versucht („I’m working on erasing you / Just don’t have the proper tools / I get hammered, forget that you exist / There’s no way i’m forgetting this“), nur um am Ende wieder im eigenen Erbrochenen vor der Tür der Ex aufzuwachen. Und selbst, wenn man(n) doch noch für stumpfen Erinnerungssex hereingelassen wurde, steht doch die Gewissheit im Raum, dass bei aller Körperlichkeit und Vertrautheit zwei in den beschmutzten Laken liegen, deren Ende längst in allen Büchern steht, denn „It takes more than fucking someone to keep yourself warm“ („Keep Yourself Warm“). Am nächsten Morgen grüßt ihn dann ein übermächtiger Kater, und das kalte, von den regennassen Straßen reflektierte Licht bringt die Einsicht, dass irgendwann die Gefühle absterben und somit alles einfacher wird, obwohl stets eine letzte Restnaivität bleibt, dass das, was der Neue ihr nun gibt, nie und nimmer mit dem vergleichbar sein wird, was er selbst ihr hätte geben können („Poke“). Und trotz der Tatsache, dass Hutchison im letzten Song „Who’s You Kill Now?“ singt „Who’d you push down the stairs last night? / I would have liked to have been a part of that…“, kann man die letzten Zeilen aus „Poke“ als finales Statement sehen: „And now we’re unrelated and rid of all the shit we hated / But I hate when I feel like this and I never hated you“. Der Protagonist ist auf „The Midnight Organ Fight“ sicherlich weit entfernt davon, seinen Frieden mit der Ex-Freundin und der eigenen Abservierung zu machen, er erkennt jedoch, dass sich irgendwo am Ende dieses Gefühlschaos‘ ein kleines Licht versteckt und auch sein Herz irgendwann die Fähigkeit entwickeln wird, zu heilen.

Doch es sind nicht allein Scott Hutchisons schockierend offenen Texte, die dieses 48-minütige Album zu etwas Besonderem machen, und von denen man so einige gut als Mahnung an eine Verflossene, besonders hässlich an die Wand gegenüber ihrer Wohnung geschmiert, verwenden könnte. Die übrigen Bandmitglieder Grant Hutchison, Billy Kennedy, Andy Monaghan und Gordon Skene spielen dazu aufrüttelnden Indierock, der an den richtigen Stellen zupackt, den Sänger und dessen Intentionen wirkungsvoll unterstützt und auch mal mit dezenter Elektronik (etwa in „The Modern Leper“), Chorgesängen oder Trompeten (zum Beispiel in“I Feel Better“) überrascht – mehr als einmal muss man an Snow Patrol zu ihren besten Zeiten (sprich: bevor sie versuchten, wie ein müder Coldplay-Abklatsch zu klingen) denken.

Dass die großen kleinen Hymnen von „The Midnight Organ Fight“ kein Eintagsfliegen-Zufallsprodukt waren, bewiesen Frightened Rabbit 2010 mit ihrem dritten Album „The Winter Of Mixed Drinks„, das zwar ein wenig von der Bitterkeit des Vorgängers verloren hatte, jedoch immer noch unter den Spätfolgen einer/(der?) Trennung litt und somit (rein textlich) immer noch genug Gift und Galle spucken konnte, um jede Partystimmung im Keim zu ersticken.

Im August 2012 wird die Band aus dem schottischen Glasgow ihr viertes, noch unbetiteltes Album veröffentlichen. Und eins steht – zumindest für mich – fest: auch das werde ich lieben.
 

Hier „I Feel Better“ in Bild und Ton…

 
…und eine live aufgenommene Version von „Keep Yourself Warm“:

 
Wer mehr Eindrücke hinsichtlich der Live-Qualitäten der Band gewinnen möchte, der kann sich das Album „Quietly Now! Midnight Organ Fight Live..“ zulegen, bei welchem Hutchison & Co. das Album in Gänze auf der Bühne darbieten, oder bei peenko.blogspot.com vorbeisurfen, welcher einen kompletten Konzertmitschnitt der Band, aufgenommen 2010 in Portland, bereithält.

 
Rock and Roll.

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