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Song des Tages: Red Hot Chili Peppers – „Black Summer“


Foto: Promo / Clara Balzary

Nach einigen kleinen Andeutungen hat die Funk-Rock-Institution Red Hot Chili Peppers ihre neue Single „Black Summer“ enthüllt – endlich, möchte man meinen, schließlich ist der Opener nicht nur die erste Auskopplung aus dem ebenfalls heute angekündigten neuen Album „Unlimited Love„, sondern auch der erste gemeinsame Song mit Gitarrist und Co-Sänger John Frusciante seit immerhin 16 Jahren.

Wie die Band auf ihrem zwölften Studioalbum von Frusciante, der nach mehrjähriger Pause, während derer er von Josh Klinghoffer ersetzt wurde, 2019 wieder zurück zu den Chili Peppers gefunden hatte, profitiert, deutet der neue Song bereits an: ordentlich Drive, Rhythmik, Laut-Leise-Dynamik und das ein oder andere komplexe Solo – auf „Black Summer“ erinnert die Band mit ihrem alten Gitarristen wieder an Erfolgsalben wie „Californication“ (1999) oder „By The Way“ (2002) – wenn auch etwas gediegener. Auf „Unlimited Love“ kehrt übrigens auch Rick Rubin (Beastie Boys, Slayer, Johnny Cash) zurück, der – ausgenommen „The Getaway“ (2016) – alle Alben seit dem 1991er Durchbruchswerk „Blood Sugar Sex Magik“ produzierte. 

Mit dieser ersten – auch visuell – ausufernden Auskopplung unterstreicht die Band aus Los Angeles auch ihre eigenen Ambitionen für die dazugehörige kommende Platte: „Unser einziges Ziel ist es, uns in der Musik zu verlieren“, erklärten die Red Hot Chili Peppers in ihrem offiziellen Statement. „Wir (John, Anthony, Chad und Flea) haben gemeinsam und einzeln Tausende von Stunden damit verbracht, unser Handwerk zu verfeinern und füreinander da zu sein, um das beste Album zu machen, das wir machen konnten. Unsere Antennen waren auf den göttlichen Kosmos ausgerichtet, und wir waren einfach so verdammt dankbar für die Gelegenheit, zusammen in einem Raum zu sein und wieder einmal zu versuchen, besser zu werden. Tage, Wochen und Monate verbrachten wir damit, einander zuzuhören, zu komponieren, frei zu jammen und die Früchte dieser Jams mit großer Sorgfalt und Absicht zu arrangieren. Die Klänge, Rhythmen, Schwingungen, Worte und Melodien haben uns in ihren Bann gezogen.“ 

Weiterhin soll laut Rückkehrer Frusciante das Album von Leuten wie „Johnny ‚Guitar‘ Watson, The Kinks, The New York Dolls, Richard Barrett“ und weiteren inspiriert sein. „Das Gefühl des mühelosen Spaßes, den wir hatten, wenn wir Songs von anderen Leuten spielten, blieb uns die ganze Zeit über erhalten, als wir es schrieben. Für mich repräsentiert diese Platte unsere Liebe zueinander und unser Vertrauen ineinander“, führte der 51-jährige Saitenschwinger aus.

Der Nachfolger von „The Getaway“ wird ganze 17 Songs enthalten und am 1. April erscheinen. Im kommenden Sommer gehen die vier Kalifornier mit der neuen Platte dann – hoffentlich – auch auf Tour. Dafür kommen Anthony Kiedis, Flea, John Frusciante und Chad Smith für zwei Termine nach Deutschland.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Spanish Love Songs – „Optimism (As A Radical Life Choice)“ (Etc Version)


Wie so viele andere auch hatten die Emo-Punk-Indierocker von Spanish Love Songs im nahezu konzertfreien Musikjahr 2021 ein deutliches Plus an Freizeit zu verzeichnen. Also wurde das Beste aus der ungewollten Lage gemacht und man ging zurück ins Studio.

Doch anstatt neue Songs zu schreiben, nahm die fünfköpfige Band sich der Stücke ihres formidablen, im Februar 2020 erschienenen dritten Albums „Brave Faces Everyone“ (welches damals einen völlig verdienten Silberplatz von ANEWFRIENDs „Alben des Jahres“ errang) ein zweites Mal an. Das Ergebnis: „Brave Faces Etc.„, welches die bekannten Nummern in neuem musikalischen Gewand präsentiert und im April erscheinen wird. Frontmann Dylan Slocum weiß Folgendes zu berichten:

„Kurz vor dem einjährigen Jubiläum des Albums haben wir beschlossen, die Songs auf die gleiche Art und Weise neu zu interpretieren, wie wir es mit unseren früheren Alben für unsere Patreon-Community getan haben. Ich weiß nicht, ob irgendjemand von uns jemals mit einem fertigen Album zufrieden war, das wir veröffentlicht haben, also war dies unsere Chance, einige Dinge auszuprobieren, die wir auf dem Original nicht machen konnten, sei es wegen des Budgets, aus Zeitmangel, etc. Gleichzeitig sahen wir es als Chance, uns musikalisch ein wenig herauszufordern und den Sound der Band zu erweitern, um besser widerzuspiegeln, wo wir alle in Sachen Songwriting und Produktion stehen.“

Bereits jetzt lässt die Band aus Los Angeles, Kalifornien zwei Kostproben hören: „Generation Loss„, welche sich in der Neuaufnahme als herzzerreißende Akustikballade präsentiert, sowie „Optimism (As A Radical Life Choice)“, das lediglich eine Akustikgitarre, Synthesizer und Dylan Slocums Stimme benötigt, um auch ein zweites Mal als Elektro-Emo-Slow-Burner zu überzeugen. Zu zweiterem meint Slocum:

„‚Optimism (As Radical Life Choice)‘ stach auf dem Originalalbum schon immer als ein Song mit einem etwas anderen Vibe hervor, und wir haben versucht, diese Energie auch in der überarbeiteten Version beizubehalten. Wir haben den schrillen Neunzigerjahre-Rock-Beat genommen und ihn in einen echten Downer von einem Dance-Song verwandelt, was bedeutete, dass wir mit all den Drum-Machines und Synthesizern spielen konnten, die wir schon immer benutzen wollen. Ich finde es toll, dass die Bridge hier irgendwie chaotischer ist als im Original und wirklich die Angst des Songs transportiert, während wir es irgendwie geschafft haben, den Dance-Vibe beizubehalten.“

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick – Teil 1


Was für Musik braucht man in einem so eigenartigen Jahr wie diesem? Solche, bei der die Halsschlagader wild pocht und der ganze gerechte Zorn auf diese ganze verdammt verrückte und aus den Angeln geratene Welt ein brodelndes Ventil bekommt. Solche, die einem sanft über den Kopf streicht und einem die Hoffnung einhaucht, dass alles schon besser, „normaler“, gewohnter werden wird – irgendwann, irgendwie. Und auch solche, die einen in ihrer Euphorie einfach gnadenlos mitreißt, und einen – im besten Fall – alles andere – das Gute wie das Schlechte – für Momente vergessen lässt. Eine Zuflucht. Eine Ton und Wort gewordene zweite Heimat. Zwischen diesen drei Fixpunkten ist in meiner Bestenliste der persönlich tollsten Alben des Musikjahres 2021 einmal mehr recht wenig zu finden, an den Endpunkten dafür umso mehr. Bühne frei und Vorhang auf für ANEWFRIENDs Alben des Jahres!

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Cleopatrick – BUMMER

2021, ein Jahr, welches rückblickend im Schatten dieser vermaledeiten Pandemie an einem vorbeizog. Januar… Corona… Dezember. War irgendwas? Habe ich irgendetwas verpasst? Nope? Okay, gut – ich leg’ mich mal wieder hin. 

Trotzdem musste es auch in den zurückliegenden zwölf Monaten – und fern aller Kontakbeschränkungen, Li-La-Lockdown-Hin-und-hers, Impfdiskussionen und Wutbürgereien (alles so Begriffe, die kaum einer noch hören oder lesen mag, jedoch längst in unseren sprachlichen Alltag übergegangen sind) – ja irgendwie weitergehen. Während der große Musikfestival- und Konzerttross auch 2021 – allen Lösungs- und Anschubversuchen der Beteiligten zum Trotz – im Gros zum Stillstand verdonnert war, durfte der musikalische Veröffentlichungskalender das ein oder andere Highlight für sich verbuchen, welches es eventuell ohne Fledermaus, menschliche Dummheit und eben Corona nie gegeben hätte. Wäre, wäre, Fahrradkette – klar.

Ebenso auffällig ist, dass sich die ANEWFRIEND’sche Alben-Jahresbestenliste in 2021 wieder auffällig vom Konsens anderer Musikmagazine und -portale unterscheidet, nachdem ich 2020 noch – völlig berechtigt – in die Jubelfeier von Phoebe Bridgers’ großartigem Werk „Punisher“ einstimmen durfte. Denn während andernwebs gefühlte Konsens-Platten von Turnstile oder Little Simz abgefeiert, hochjubiliert und über den grünen Kritikerklee gelobt werden, finden diese hier so gar nicht statt. Hab’s versucht, habe reingehört – just not my cup o’tea. (Dass jedoch weder die neue Platte von The War On Drugs, noch die von etwa The Notwist oder Mogwai – um nur eben die paar Beispiele zu nennen, welche mir gerade einfallen – Erwähnung finden, ist wohl vielmehr dem simplen Fakt geschuldet, dass ich bei all den tollen neuen Tönen des Musikjahres noch nicht zum Hören dieser Alben gekommen bin.) Andererseits findet mein persönliches Album des Jahres andernwebs (beinahe schon erschreckend) wenig Erwähnung. Verehrte Kritiker-Kolleg*innen – was’n da los?

An Luke Gruntz und Ian Fraser alias Cleopatrick kann’s keinesfalls liegen, denn die beiden Kanadier zerlegen mit ihrem Langspiel-Debüt „BUMMER“ in weniger als einer halben Stunde in bester Duo-Manier mal eben alles, was gerade noch unbehelligt im eigenen verranzten Proberaum in Coburg, Ontario im Weg stand. The Black Keys sind euch zu bluesmuckig? Royal Blood sind mittlerweile – und spätestens mit ihrem diesjährigen dritten Album „Typhoons“ – zu sehr in Richtung Indiedisco gehüpft? Bei den White Stripes hat die so schrecklich eintönig neben dem Beat trommelnde Meg White eh schon immer genervt? Dann sind diese zehn Stücke euer persönlicher Hauptgewinn! Im Grunde gibt’s über diese Platte im tiefen Dezember auch gar nicht mehr zu berichten als das, was ich knapp sechs Monate zuvor in meiner Review zum Ausdruck gebracht habe (oder zum Ausdruck bringen wollte). Das Ding rockt wie die im Lockdown ganz fuchsteufelswild gewordene Sau! Mehr juvenile, am Zeitgeist zwischen Blues’n’Indierock- und Hippe-di-Hopp-Gestus gewachsene Pommesgabel brauchte es 2021 nicht. Hat leider kaum ein grunzendes Nutztier mitbekommen, macht’s für mich selbst aber keineswegs schlechter. Geil, geiler, Cleopatrick on fuckin’ repeat.

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2. The Killers – Pressure Machine

Hätte ich nie erwartet, ist aber tatsächlich passiert – Teil 1: Brandon Flowers und seine Killers durfte man eigentlich – nach immerhin vier im Großen und Ganzen (n)irgendwohin musizierenden Alben zwischen 2008 und 2020 (also alle nach „Sam’s Town“) – schon ad acta legen. Umso überraschender, dass dem Bandkopf der Las-Vegas-Alternative-Poprocker ein solches qualitativ dichtes, tatsächlich zu Herzen rührendes Werk wie „Pressure Machine“ in den kreativen Schoß fiel, während Flowers – wie viele seiner Kolleg*innen auch – dazu verdonnert war, konzertfrei zu Hause herumzusitzen. Er machte das Beste daraus und zog sich gedanklich nach Nephi zurück, einem 5.000-Seelen-Örtchen im Nirgendwo von Utah, Vereinigte Staaten, wo er als zehn- bis 17-Jähriger lebte, bevor es ihn wieder in seine Geburtsstadt Las Vegas verschlug. Die daraus resultierenden Tagträumereien sind jedoch keineswegs biografisch verklärter Hurra-US-Patriotismus, sondern ein ehrlicher, scheuklappenfreier Tribut an die oft von der Gesellschaft vergessenen „einfachen Leute“, an ihre Leben, Lieben und persönlichen Geschichten. Dass diese irgendwo zwischen auf Balladeskes im Heartland Rock und – ja klar, gänzlich können es Flowers und seine drei Bandkumpane auch hier nicht lassen – schillernde Festivalhauptbühnendiscokugel pendelnden elf Songs ebenjene „einfachen Leute“ zwischendrin auch selbst zu Wort kommen lassen, macht das Gesamtergebnis eben nur noch dichter, tiefer und zu einem Konzeptwerk-Erlebnis, welches selbst die größten, wohlwollendsten Killers-Freunde anno 2021 kaum mehr erwartet haben dürften. Großes Breitwandformatkino für die Ohren.

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3.  Torres – Thirstier

Man einem Künstler, manch einer Künstlerin verleiht das Glück der Liebe ja keine kreativen Hemmschuhe, sondern vielmehr tönende Flügel – das beste aktuelle Beispiel dürfte Mackenzie Ruth „Torres“ Scott sein. Deren fünfte Platte bestätigt zudem, dass die im wuseligen Big Apple beheimatete US-Musikerin längst aus der Indie-Singer/Songwriterinnen-Sadcore-Nummer früherer Tage heraus gewachsen ist. Für die zehn Stücke von „Thirstier“ setzt sie auf raumgreifende Rock-Hymnen, welche selbst kleine Alltäglichkeiten immer etwas glänzender darstellen, als man sich das zunächst denken würde. „Before my wild happiness, who was I if not yours?“ konstatiert Torres beispielsweise in „Hug From A Dinosaur“. Oft genug stellt man sich beim Hören der Songs selbst die Frage: Wie schön – zum Himmel, zur Hölle – kann man bitte über die Liebe singen?!? Exemplarisch etwa das sanft startende und in einem fulminanten Feuerwerk endende fantastische Titelstück: „The more of you I drink / The thirstier I get“ – Zeilen fürs von Herzen umrahmte Poesiealbum, ebenso das Zitat aus dem manischen Finale des Albumabschlusses „Keep The Devil Out“, welches passenderweise die Auslaufenrillen der A- und B-Seiten der Vinylversion ziert: „Everybody wants to go to heaven / But Nobody wants to die to get there“. Bei Torres sind diese gefühligen Momente anno 2021 meist mit donner-dröhnenden Gitarrenteppichen unterlegt, die sich so mit ihrer mahnend bis sehnsüchtig-zerrenden Stimme verbinden, dass man nur jubilieren möchte: Endlich mehr Liebe, endlich mehr Epos! Ihr bisher gelungendstes Werk, ohne Zweifel.

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4.  Moritz Krämer – Die traurigen Hummer

Moritz Krämer macht mit „Die traurigen Hummer“ ein nahezu lupenreines „Moritz-Krämer-Album“ und beweist, dass er noch immer der besten bundesdeutschen Liedermacher ist. Dass dieses irgendwie ja vor dem zweiten Album „Ich hab’ einen Vertrag unterschrieben“ entstand? Dass der Berliner Musiker, den man sonst als ein Viertel von Die höchste Eisenbahn kenn kann, hier einmal mehr den Blick auf die abseitigen kleinen Alltagsmomente legt und für jene Sätze findet, auf die man selbst in abertausend Leben nicht gekommen wäre, die aber nun plötzlich ebenso richtig wie wichtig scheinen? Dass Krämer sich in den zehn Songs einmal mehr als wohlmöglich größter Kauz des deutschen Indie Pops erweist? Alles erfreulich, alles ebenso unterhaltsam wie kurzweilig, genau wie dieses Album.

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5.  Gisbert zu Knyphausen & Kai Schumacher – Lass irre Hunde heulen

Hätte ich nie erwartet, ist aber tatsächlich passiert – Teil 2: Gisbert zu Knyphausen, seines Zeichens – neben dem gerade erwähnten Moritz Krämer – ein anderer großer deutscher Liedermacher, und Kai Schumacher, mit Talent gesegneter Pianist und hier der andere kongeniale Part, kommen mit Neuvertonungen von Franz Schubert-Stücken ums Eck. Was im ersten Moment – und ohne einen der Töne von „Lass irre Hunde heulen“ im Gehörgang zu haben – anmuten könnte wie die nervtötende siebente Stunde im Deutsch- oder Musik-Leistungskurs, gerät überraschenderweise derart faszinierend, dass es eine wahre Schau ist. Gisbert zu Knyphausen und Kai Schumacher transportieren etwa 200 Jahre alte Stücke ins 21. Jahrhundert als wäre dieses Kunststück das kleinste der Welt. Romantik meets Moderne, und man selbst hört fasziniert träumend zu.

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6.  Biffy Clyro – The Myth Of The Happily Ever After

Mal Butter bei die Fische: Jene Band, die einst mit „Infinity Land“ und „Puzzle“ auch meinen eigenen musikalischen Kosmos im Sturm eroberte, gibt es längst nicht mehr. Sie wird wohl auch kaum mehr wiederkommen, da brauchen sich selbst innigst Hoffende wenig vormachen. Zu breit ist die Fanbasis geworden, die sich Biffy Clyro mit den darauffolgenden Alben in den vergangenen zehn Jahren erschlossen haben, zu mainstreamig fällt das Festival-Publikum aus, das die Headlines-Auftritte der drei Schotten mittlerweile besucht. Und doch gibt „The Myth Of The Happily Ever After“ endlich wieder berechtigten Grund zur Hoffnung – und all jenen die Hand, die einst Songs wie „Wave Upon Wave Upon Wave“ erlagen. Wenngleich Biffy Clyro recht wenig Interesse daran haben, die Uhren so weit zurückzudrehen. In Ansätzen gab bereits der letztjährige Vorgänger „A Celebration Of Endings“ den neuen Glauben an die Band zurück, allen voran durch den ruppigen Schlusstrack „Cop Syrup“. Aber erst sein in Lockdown-Eigenregie entstandenes Geschwister-Album, mit Fleisch gewordenem Alternative Rock in „A Hunger In Your Haunt“, einer Gänsehaut erzeugenden Verneigung vor einem zu früh verstobenem Freund in „Unknown Human 01“, der aufbäumenden Ehrerbietung für ein unterentwickeltes japanisches Rennpferd namens „Haru Urara“ und einem erneut aggressiv schäumendem Finale, lässt das 2016er Werk „Ellipsis“ endgültig als elektropoppigen Solitär in der Vita einer der größten und sympathischsten Stadionbands der Gegenwart erscheinen. Mon the Biff!

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7.  Sam Fender – Seventeen Going Under

Seventeen Going Under“, das Nachfolgewerk zu Sam Fenders bockstarkem Debütalbum „Hypersonic Missiles“ (welches seinerzeit, 2019, den Spitzenplatz der ANEWFRIEND’schen Jahrescharts erobern konnte), ist eine klassische Coming-Of-Age-LP. Der Musiker aus North Shields, einer kleinen Stadt im Nordosten Englands, berichtet von seinen eigenen Erfahrungen als Teenager, die oft genug von Angst, Wut und Problemen handeln – „See, I spent my teens enraged / Spiralling in silence“ wie es im eröffnenden Titelstück heißt. Trotz der sehr persönlichen Geschichten schafft es Fender, die Themen – schwierige Beziehungen mit Familie und Freunden, Umgang mit Erwartungshaltungen, Erfahrungen mit Alkohol und Gewalt, Gefahren toxischer Männlichkeit – universell zugänglich und nachfühlbar für alle Hörer*innen zu machen. So handelt „Get You Down“ davon, wie eigene Unsicherheiten Partnerschaften beeinflussen, oder „Spit Of You“ von der schwierigen Beziehung von Vätern und Söhnen. Aber auch seine politische Seite zeigt der Engländer wieder, wenn er etwa in „Aye“ seinem Ärger über die gegenwärtigen Zustände Luft macht und zu dem Schluss kommt: „I’m not a fucking patriot anymore, […] I’m not a fucking liberal anymore“. In eine ähnliche Richtung geht „Long Way Off“, in dem es heißt: „The hungry and divided play into the hands of the men who put them there“. Beim Sound wird Fender seinem Ruf als „Geordie Springsteen“ oder als einer Art „britischer Antwort auf The War On Drugs“ weitgehend gerecht. Klassischer, hymnisch orientierter Rock-Sound trifft in den elf Songs (in der Deluxe Edition sind’s sogar fünf mehr) auf treibende Gitarrenriffs und Saxofon-Einlagen, der jedoch wegen seiner kraftvollen Produktion und dem pumpenden Schlagzeug dennoch alles andere als gestrig tönt. Und: Der 27-Jährige und seine Band variieren und spielen auch – etwa, wie bei „Spit Of You“, mit Country-Einflüssen oder Piano-Balladen-Interpretationen („Last To Make It Home“ und „The Dying Light“). Fast ein bisschen experimentell klingt „The Leveller“ an, wenn sich hämmernde Drums mit Streichern auf Speed verbinden. Alles in allem mag „Seventeen Going Under“ zwar im ersten Hördurchgang nicht dieselbe Sogwirkung entwickeln wie der Erstling, geht jedoch dennoch als würdiger Nachfolger von „Hypersonic Missiles“ durch, der einen trotz der ernsten, gesellschaftskritischen Themen mit einem zwar melancholischen, jedoch durchaus guten Gefühl entlässt. Oder, wie Sam Fender es selbst recht passend zusammenfasst: „It’s a celebration of life after hardship, and it’s a celebration of surviving.“

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8.  Manchester Orchestra – The Million Masks Of God

Dass Manchester Orchestra, bei genauerem Hinhören seit einiger Zeit eine der faszinierendsten Bands im Alternative-Rock-Kosmos, kein Album zweimal schreiben, macht den Sound des US-Quartetts aus Atlanta, Georgia irgendwie aus und lässt ihre Werke bestenfalls zu von Hördurchgang zu Hördurchgang stetig wachsenden Klang-Kaleidoskopen werden wie das 2017er Album „A Black Mile To The Surface“. Auf „The Million Masks Of God“, seines Zeichens Langspieler Nummer sieben, entfernt sich die Band um Frontmann Andy Hull noch weiter von ihren frühen Emo-Rock-Einflüssen zugunsten eines poppigen, noch weiter aufgefächerten Indie-Sounds, der hier vor allem um Einflüsse aus Americana, Alt. Country und sogar Gospel erweitert wird. Wer’s böse meint, der könnte behaupten, dass es wohlmöglich das „amerikanischste Album“ sei, dass Manchester Orchestra je (oder zumindest bisher) geschrieben haben. So versetzt etwa „Keel Timing“ alle Hörer*innen direkt in eine Midwest-Szenerie, die einem einen Güterzug vors innere Auge pinselt. Wer noch mehr zu kriteln haben mag, der darf gern behaupten, dass dem Album in Gänze – zumindest im ersten Moment – jener „Pop-Approach“ fehlen mag, welchen einzig „Bed Head“, ein nahezu perfekt geschriebener Popsong mit hohem Suchtfaktor, liefert. Stattdessen verlagern Andy Hull und Co. das Faszinosum hier weiter ins Detail und hinein in die stilleren Töne, wenngleich es mit „The Internet“ auch einen kleinen Rückblick auf den Vorgänger „A Black Mile To The Surface“ gibt. Mit dem hat „The Million Masks Of God“ dann noch etwas anderes gemein: Einmal mehr benötigt ein Manchester Orchestra-Langspieler mehr Zeit, mehr Hördurchgänge, um zu wachsen, um in Tiefe wirklich erfasst werden zu können. Freunde der Band aus Zeiten vor dem ähnlich einnehmenden „Simple Math“ wird es jedoch wohl nur schwerlich begeistern können. 

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9.  Thrice – Horizons / East

Spätestens seit ihrer Rückkehr nehmen Thrice verlässlich Platten von großmeisterlicher Souveränität auf – „Horizons / East“ bildet da erfreulicherweise keine Ausnahme. Dass Frontmann Dustin Kensrue dieses Mal eindringlich von bröckelnden Gewissheiten singt, darf dennoch als Hinweis an alle durchgehen, die sich vor der Altersmilde einer ehemaligen Sturm-und-Drang-Band fürchten. Klar, behagliche Gitarren-Ströme beherrscht das US-Quartett genauso mühelos wie aufbrandende Refrains, das macht Songs wie das erst anmutig torkelnde und schließlich explodierende „Dandelion Wine“ oder die knackige Deftones-Hommage „Scavengers“ jedoch nicht weniger beeindruckend. Schuld daran sind Details in den Texturen – die verdrehten Riffs in „Scavengers“ etwa – oder rhythmische Haken, die den umliegenden Wohlklang bestenfalls schaumig schlagen. Andere Songs experimentieren stilistisch, „Northern Lights“ mischt zum Gefrickel unruhigen Bar-Jazz, „Robot Soft Exorcism“ wiederum integriert thematisch passend synthetische Sounds. Im Finale „Unitive / East“ lösen sich Thrice gar spektakulär in einer fluoreszierenden Soundpfütze auf, in welche ein klimperndes Piano tröpfelt – mit dem Versprechen, bald mit den Nachfolger „Horizons / West“ zurückzukehren.

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10. Julien Baker – Little Oblivions

„Everything I get, I deserve / You whisper to me ‚Don’t you like when it hurts?’…“ Niemand leidet so schön wie Julien Baker. Die Musik der Singer/Songwriterin aus Tennessee ist ein offenes Buch, das in wunderschönen Worten von Depressionen, Alkoholismus, Zweifeln an der eigenen Spiritualität und zerbrochenen Beziehungen erzählt. Schon auf ihrem 2015er Debüt kümmerte sich Baker herzlich wenig darum, geneigten Hörer*innen Oden von der Freude vorzuträllern – ist schließlich ihr Album, sind ihre Probleme, also ist all das ihre Therapie. Und all jene, die den Werdegang der mittlerweile 26-jährigen US-Musikerin genauer verfolgen, wissen: daran hat sich über die Jahre nichts – und wenn, dann lediglich in Detailfragen – geändert. Auch „Little Oblivions“, ihr nunmehr drittes Album, erzählt von recht ähnlichen Problemen in ebenso schönen Worten – und trifft einen damit erneut mitten ins Herz. Was sich allerdings geändert hat, ist die Art, wie Baker das Lecken ihrer Wunden musikalisch aufbereitet. Wo „Sprained Ankle“ und „Turn Out The Lights“ in ihrer Spärlichkeit und desolaten Klanglandschaften fast schon nihilistisch wirkten (was umso ironischer gerät, wenn man weiß, wie offen Julien Baker ihren Glauben zur Schau stellt), erklingen in „Little Oblivions“ erstmals detaillierte, organische Orchestrationen, die den tröstenden Silberstreifen verbildlichen, der sich im Laufe der Platte immer wieder flüchtig manifestiert. „Little Oblivions“ beschreibt diesen Moment, sucht danach – und macht darin am Ende doch vieles wieder kaputt. Man lausche nur dem fulminanten Finale von „Hardline“! Baker findet immer wieder kurz Halt, nur um erneut vom destruktiven Strudel aus Selbstzweifeln und der schlichten Unfähigkeit, glücklich zu sein, hinabgerissen zu werden. „It doesn’t feel too bad / But it doesn’t feel too good either“ – Ihre Songs sind bittersüße Umarmungen, ein wohltuendes Bad in den eigenen Tränen, das auf „Little Oblivions“ mehr denn je dazu einlädt, kopfüber einzutauchen, während Julien Baker einem klammheimlich das Herz aus der Brust reißt. Katharsis und Destruktion, Erlösung und Zweifel lagen 2021 selten näher beieinander. 

…auf den weiteren Plätzen:

Kevin Devine – Matter Of Time II mehr…

Jim Ward – Daggers mehr…

Slut – Talks Of Paradise

Danger Dan – Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt mehr…

Wolfgang Müller – Die Nacht ist vorbei mehr…

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Bots – „Girl Problems“


Foto: Promo / Camille Bagnani

„Girl Problems“ zeigt, was für eine musikalische wie persönliche Entwicklung The Bots aus Los Angeles (nicht zu verwechseln mit einer niederländischen Agit-Prop-Band selben Namens) in den letzten sieben Jahren durchlebt haben. Waren die bisher veröffentlichten Alben stark vom schepperndem Garage Rock mit Punk-Schlagseite geprägt, zeigen Mikaiah Lei und Alex Vincent hier vor allem ihre neu gewonnene Pop- und Melodie-Sensibilität – Talking Heads, Cocteau Twins und Best Coast statt Minor Threat, Black Flag und Bad Brains, quasi.

Da wirkt es umso erstaunlicher, dass die Songs des im September erschienenen Albums „2 Seater“ allesamt schon etwas älter sind. Sie stammen aus den Jahren 2012 bis 2015, als The Bots der Szene im heimischen Orange County entwuchsen und schnell bei großen Festivals wie Coachella und Bonnaroo spielten. Von Blur über Refused bis hin zu Tenacious D waren selbst gestandene Profimusiker hellauf begeistert und prophezeiten dem Brüderpaar Mikaiah und Anaiah Lei, die The Bots schon als kaum zehnjährige Dreikäsehochs gründeten, eine strahlende Rockmusik-Zukunft. Doch das Leben hatte – zunächst zumindest – andere Pläne. Schlagzeuger Anaiah zog es in Richtung Hardcore, Mikaiah nahm als Eskimo Kisses unzählige Solo-Songs auf, die er bewaffnet mit Music-Pad und Effekt-Boards auch gerne mal vom heimischen Badezimmer aus über Soundcloud oder Instagram jagte. Bis ihn schlussendlich die alte Liebe wieder überkam: Aus dem Nachfolger des 2014 erschienenen The Bots-Zweitlings „Pink Palms“ war nie etwas geworden, aber die Ideen von damals konnten nicht länger ungenutzt herumliegen. Mit neuen Erfahrungen ausgestattet, überarbeitete Mikaiah Lei nun, als Endzwanziger, jene nie zu Ende gebrachten/gedachten Songs, um auszudrücken, was ihm damals noch schwer fiel. Etwa die Höhen und Tiefen junger Liebe, die Notwendigkeit, Freundschaften zu pflegen, oder die eigene Gefühlsarbeit.

Einer der besten Songs von „2 Seater„, welches von Adrian Quesada, einer Hälfte der Grammy-prämierten Psych-Soul-Senkrechtstarter Black Pumas, produziert wurde, ist zweifellos das eingangs erwähnte „Girl Problems“, eine powerpoppige Ewiger-Sommer-Fuzz-Hymne gegen Rollenerwartungen und für Selbstbestimmung, welche auch beim hundertsten Durchgang nicht schlechter wird. „‚Girl Problems‘ wurde durch Geschichten inspiriert, die mir Freundinnen erzählt haben“, so Lei. „Es ist im Wesentlichen die Geschichte von ‚gemeinen Mädchen‘ und den Problemen, durch die junge Frauen durch müssen: gehässiges Verhalten, hinter dem Rücken reden und so weiter. Es bleibt alles an der Oberfläche, aber es ist etwas, das alle erleben oder auf sich beziehen können.“

Den rundum gelungenen Teenie-Sommer-Vibe von „Girl Problems“ um warme Nullerjahre-Indie-Gitarren und harmonischen Gesang fängt auch das dazugehörige Musikvideo ein. Zwischen Teenager-Zimmer, Swimming Pool, magischem 8-Ball, Tagebuch und Katzen folgen das Video und das Duo aus Lei und Vincent als Backing-Band den amüsanten Versuchen der Protagonistin, einfach nur sie selbst zu sein. Mit solchen Tönen im Gehörgang meldet sich der Sommer selbst im tiefsten Dezember für etwa vier Minuten zurück…

Rock and Roll.

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Song des Tages: FINNEAS – „A Concert Six Months From Now“


Doch doch, als Musiker und Schauspieler kann man den Kalifornier Finneas Baird O’Connell schon auch kennen (oder eben durch einen früheren Beitrag auf ANEWFRIEND). Vor allem aber halt: als Bruder. Als Produzent. Als Begleiter. Als Sidekick seiner fünf Jahre jüngeren – und deutlich bekannteren – Schwester. Genau: Billie Eilish. Man mag es ja irgendwie kaum glauben, dass die beiden ihre weltweiten Super-Duper-Riesen-Über-Hits wirklich und tatsächlich im heimischen Kinderzimmer zusammengeschraubt haben sollen. Aber es gibt inzwischen eine ganze Reihe von sehr faszinierenden Youtube-Videos, in denen FINNEAS vorführt, wie er Songs am Computer baut. Und ja, der Mann weiß mit recht zarten 24 Jahren bereits sehr genau, was er tut. Und das übrigens nicht nur für sein Schwesterherz, sondern mittlerweile auch für andere große Namen wie Selena Gomez, Camilla Cabello oder die Newcomerin Girl In Red.

Jetzt erscheint „Optimist„, tatsächlich sein erstes Solo-Album. Man möchte es trotzdem nicht Debüt nennen, weil Billie Eilish, siehe oben. Und weil der kreativ Umtriebige auch solo seit 2014 schon zahllose Songs unter eigenem Namen veröffentlicht hat. Der Unterschied: Wenn seine Schwester nicht dabei ist, mag er selbst es eine ganze Ecke konventioneller. Weniger verquer-hypermodernes Elektronik-Experiment, weniger Geflüster, viel mehr klassischer Pop mit warmen Akkordfolgen und großen Melodiebögen, mal ganz zart, mal mit Mut zur Grandezza. Wer will, kann da schon den zeitgeistigen Billie-Sound raushören, aber mindestens genauso Ähnlichkeiten zu Rufus Wainwright oder Sufjan Stevens. Selbstgewählte zweite Reihe also? Nun, mit diesem Second-Hand-Fame dürfte er dank all der Erfolge abseits des eigenen Schaffens recht gut leben können… Das Beeindruckende ist zudem, dass FINNEAS beides so perfekt beherrscht: spröde/modern und retro/geschmackvoll. Noch dazu schreibt er formidable Texte, welche bestenfalls einen kurzen Schlüssellochblick ins Twen’sche Post-Corona-Gemüt gewähren, schlechtestensfalls sehr in Platitüden und Klischees verhaftet bleiben. Bei der hintersinnigen Autotune-Pop-Nostalgiehymne „The 90s“ etwa möchte man ihn loben für Zeilen wie „You could sign me up / For a world without the internet“. Ebenfalls ein exzellentes Schmuckstück: die sich nach Live-Shows sehnende, herzschmerzende Power-Ballade „A Concert Six Months From Now“. Großes Kino, das durchaus seine Momente besitzt.

Keine Frage, der Kerl kann – zumindest was das Pop-Musikalische betrifft – wirklich alles, und einen James-Bond-Titelsong hat er ebenfalls schon hinter sich. Und auch wenn die Songs auf „Optimist“ in vielen Momenten erwartbarer tönen als das Gros des Billie Eilish’schen Outputs und im Grunde nichts bieten, was Storyteller wie Ben Folds, Ben Lee oder Brendan Benson nicht schon ohne Grammy und Weltruhm (besser) zustande gebracht hätten, so darf dennoch auch solo gelten: He’s not the bad guy, duh.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Thrice – Horizons/East (2021)

-erschienen bei Epitaph/Indigo-

Wie viel Entwicklung verkraftet eine Fanbase? Wo anderorts wütend über die Abkehr von den meist härteren Gangarten geschimpft wird, zählen Thrice zu den wahrlich gesegneten Bands, die es nicht nur schaffen, konstant – im Gesamteindruck – recht gelungene Platten fernab fester Genrekonventionen zu veröffentlichen, sondern sich dadurch auch den Respekt von Kritikern wie Fans erarbeitet haben, welcher ihnen eine gewisse Freiheit ermöglicht, einfach das zu tun, was ihnen am meisten Freude bereitet: anspruchsvolle und unkonventionelle Songs zu schreiben. Kaum verwunderlich also, dass die vier Kalifornier ihren beinahe unantastbaren Status mit ihrem neusten Album “Horizons/East” erneut unterstreichen.

Foto: Promo / Matty Vogel

“Die einhundertprozentige Thrice-Erfahrung” nennt Schlagzeuger Riley Breckenridge es, als er unlängst in einem Interview erklärte, warum es eben doch hilfreich sein kann, wenn man die kreativen Zügel selbst in der Hand behält. Kein Produzent, der eigene Ideen einstreut und somit die Vorstellungen der Band verwässern könnte. Kein gemietetes Studio, das unnötig Budgets frisst und somit Zeitdruck hin zur überstürzten Hauruck-Ferigstellung entstehen lässt. Und vor allem: die absolute Freiheit, gewisse Dinge einfach umzusetzen, wie man es sich selbst vorstellt. Dass Dustin Kensrue (Gitarre, Gesang), Teppei Teranishi (Gitarre), Eddie Breckenridge (Bass) und Riley Breckenridge (Schlagzeug) damit gut fahren können, bewiesen etwa bereits “Beggars” (2009) oder die längst legendäre, verdammt groß gedachte “Alchemy Index”-Albumreihe (von 2007 bzw. 2008). Alle drei Platten wurden ebenfalls im eigenen Studio aufgenommen und gehören mittlerweile zu den Highlights der nunmehr elf Alben umfassenden Thrice’schen Diskografie.

Wer das kreative Schaffen des US-Alternative-Rock-Quartetts mit etwas mehr Tiefgang betrachtet, der weiß zudem, dass Kensrue und Co. jedem Werk ein grundlegendes Konzept widmen – beim neuen Album thematisieren sie dabei übergreifend die Akzeptanz des Ungewissen. Und schon in der Eröffnung brennt direkt die musikalische Luft: Der Opener “Color Of The Sky” glänzt durch (s)eine intensive Atmosphäre, die durch ein düsteres Synthie-Intro eingeleitet wird, nur um darauf von Dustin Kensrues dunkler Stimme gebrochen zu werden. Weit im Hintergrund kündigt sich das Schlagzeug an, bevor die Band gemeinsam in den Song einsteigt. Während die wuchtige Instrumental-Fraktion förmlich gegen die Synthie-Wand ankämpft, schwebt Kensrue über dem Ganzen, was eine unheimliche Stimmung erzeugt. Die tolle Produktion tut hier ihr übrigens, sodass die verschiedenen Sound-Ebenen wunderbar zur Geltung kommen. Klares Fazit: Bereits die erste Nummer kann mithalten im Konzert der ganz großen Nummern im Thrice’schen Backkatalog.

Mit “Scavengers”, das als erste Single vorab veröffentlicht wurde, folgt darauf einer der heimlichen Hits der Platte. “I will find you in the black light / Of that cold, dry land / Nevermind who held you last night / Come and take my, come and take my hand” – Nicht nur lyrisch, sondern auch musikalisch geben sich Thrice hier einmal mehr recht düster und nehmen damit in gewisser Weise Bezug auf ihr 2016er Album „To Be Everywhere Is To Be Nowhere„. Gleiches gilt für “Buried In The Sun”, einen der härteren Songs der neuen Platte, der in bester Fugazi-Manier den Bass in den Vordergrund setzt, während Dustin Kensrue bissig ins Mikro keift: “2, 4, 6, 8, USA! (all right!)”.

Ebenso ein Highlight: “Northern Lights”, einer dieser Songs, der stellvertretend dafür steht, dass Thrice gern “andere Wege” gehen wollen. Denn anstatt es auf ein typisches Rockfundament zu stellen, baut die Band das Stück auf einer jazzigen Pianoline auf. Hier zeigen Thrice auch, wie raffiniert und detailverliebt sie oft genug zu Werke gehen, ohne jedoch an Durchschlagskraft und Fokus einzubüßen. In nicht einmal vier Minuten durchlaufen sie so gleich mehrere Gefühls- und Tempowechsel. Schlagzeuger Riley Breckenridge prägt die Strophen mit einem rastlosen, synkopierten Beat, während Gitarrist Teppei Teranishi einen von der Fibonacci-Folge inspirierten Lick daddelt. Im Refrain wiederum wechselt der Vierer zu maximaler Harmonieseligkeit, leicht angekitscht mit Shaker und getragen von Dustin Kensrues sehnsüchtig vorgetragener Balladenhook – nur wenige Bands wissen Klangräume so effektiv zu gestalten wie Thrice. Zudem gerät der Sound hier – ähnlich wie beim zweiten “Alchemy Index”-Teil (“Air/Earth”) – sehr organisch und natürlich, da eben auch vermeintlich unwichtige Nebengeräusche beim Ein- und Anspielen zu hören sind und das Ergebnis sich beinahe wie eine live im Studio entstandene Aufnahme anfühlt. “Wir wollten erreichen, dass es so klingt, als ob wir gemeinsam in einem Raum sitzen. Möglicherweise hätten wir das mit einem Produzenten anders gemacht”, erklärt Riley Breckenridge dazu. Auch “Still Life” hätte stimmungstechnisch wohl (s)einen Platz auf “Air“ oder “Earth” finden können, strahlt der Song doch eine gewisse Schwere und Melancholie aus, während Kensrue eine schaurige Geschichte erzählt, die in ihrer Bedeutung frei erscheint und doch Bilder von einem verlassenen Schlachtfeld aufkommen lassen (wenngleich dem Crescendo doch ein wenig der „Saft“ fehlt).

Während “The Dreamer” – mit dezenter Referenz an John Lennons „Imagine“ – dramatisch in den Strophen, dafür aber mit angezogener Handbremse in den Refrain geht, sucht der Kopfnicker “Summer Set Fire To The Rain” eher die Weite. Hier spielen Thrice einmal mehr ihre Stärken aus und bewegen sich zwischen treibendem Post Rock-Riffs und einem Finale, das seinen Shouts wegen auch dem einen oder anderen Fan der härteren (Früh)Phasen der Band gefallen dürfte. Und sagte man Thrice zuletzt gewisse Einflüsse von Radiohead nach, so werden diese wohl bei “Robot Soft Exorcism” am deutlichsten. Angetrieben von einem beinahe hypnotisierendem Beat (im 7/8-Takt), der zunächst synthetisch klingt, dann aber instrumental aufgenommen wird, gibt sich die 1998 in Irvine, Kalifornien gegründete Band hier zunächst geheimnisvoll, bis der Refrain die Anspannung auflöst und sich im Verlauf immer weiter öffnet. „Dandelion Wine“ pendelt zwischen Ruhe und Extase, kann seine Dringlichkeit jedoch nicht auf Dauer aufrecht halten. Ungewöhnlich auch der Abschluss „Unitive/East“: kein „typischer“ Rausschmeißer, sondern vielmehr einer klassischer Atmosphäre-Aufmacher, der Lust darauf schürt, sich in eine neue Welt hineinziehen zu lassen. 

Foto: Promo / Dan Monick

Wie so oft bei Thrice ist auch “Horizons/East” ein Album, das vor allem von den Bildern lebt, welche es schon von der ersten Sekunde an vor dem inneren Auge zu malen beginnt und – natürlich – auch von den letzten beiden Jahren inspiriert ist. Doch anders als viele andere Quarantäne-Ergebnis-Platten, die sich eben mit der Pandemie und den Folgen für uns und unser Miteinander direkt auseinandersetz(t)en, gehen Thrice eher subtil vor. Das mag vor allem an Kensrues gewohnt offenen Texten liegen, die viel Raum für eigene Interpretation lassen. Und auch wenn der Horizont an sich ein Bild der Weite (oder eben sichtbaren Begrenzung) symbolisiert, so klingt “Horizons/East” doch im Gros alles andere als leicht und einfach – es ist schlichtweg kein musikalischer Luftikus fürs Nebenbeihören. Das Album fordert die volle Aufmerksamkeit und wohl auch einige Wiederholungen, um es wirklich (be)greifen zu können. Und aller komplexen Dynamik, allen Experimenten zum Trotz erfinden sich Thrice keineswegs neu, sondern besinnen sich auf ihre mittlerweile im Alternative Rock angesiedelten Stärken, holen dabei jedoch auch Grunge-, Post Rock-, Post Hardcore- und sogar Jazz-Fans mit ins tönende Boot, während sich Dustin Kensrue und seine Bandmates vor legendären Bands wie Fugazi oder Frodus verneigen, aber auch Post Rock der Marke God Is An Astronaut durchklingen lassen. So darf’s nach dem recht durchwachsenen Vorgänger „Palms“ gern weitergehen, meine Herren.

Rock and Roll.

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