Schlagwort-Archive: Jupiter Jones

Song des Tages: Hi! Spencer – „Nicht raus, aber weiter“


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Im vergangenen Herbst haben Jupiter Jones – nach immerhin 16 gemeinsamen Jahren dies- wie jenseits von Club- und Festivalbühnen sowie einem Sängerwechsel – einen vorläufigen Schlussstrich unter das Kapitel Bandhistorie gezogen. Werden sie vermisst? Schon ein klein wenig. Muss also Ersatz her? Nicht unbedingt. Und falls doch: Hi! Spencer bewerben sich hiermit um den Job.

Denn immerhin bringt die fünfköpfige Band aus Osnabrück – zumindest dem ersten Höreindruck nach – alles mit, was schon Jupiter Jones eine recht treue Fanbase beschert hat: Rockmusik der Marke „Indie meets Punk“, eine Prise Pop, ein bisschen Rebellion und hier und da eine verzerrte Gitarre. Dazu deutschsprachige, mit massig Emotion – und den richtigen persönlich-befindlichen Schlagworten – aufgeladene Texte. Des Öfteren konnte man gar Verweise auf Bands wie Turbostaat, Muff Potter oder Kettcar lesen. Well… Machen wir’s kurz und direkt: In meinen Augen hinkt dieser Vergleich. Denn erstens kommt – zumindest im im deutschsprachigen Raum – kaum jemand an das Storytelling von Marcus Wiebusch heran und zweitens waren Muff Potter in schöner Vorzeit wirklich mal rotzig produzierter, herrlich dreckiger Punkrock – mit Widerhaken und Attitüde. Und Turbostaats nordische Räudigkeit scheint ohnehin meilenweit entfernt.

hi-spencer-nicht-raus-aber-weiter-198488Hi! Spencer suchen vielmehr ihr Heil in der Eingängigkeit. Nicht immer gelingt das Sven Bensmann (Gesang), Janis Petersmann (Gitarre), Malte Thiede (Gitarre, Gesang), Jan Niermann (Bass, Keyboard, Gesang) und Niklas Unnerstall (Schlagzeug) auf ihrem zweiten, im Februar erschienenen Album „Nicht raus, aber weiter“ so gut wie im Titelstück, in welchem die Band Themen Angst, Panikattacken und innere Konflikte (ohnehin alles Sujets, die sich durchs Album ziehen) aufgreift, oder im ruhigem „Hinter dem Mond„, in dem Bensmann und Co. das heikle Thema Rechtsruck auf ihre Art anpacken – anstatt eines wütenden „In-die-Fresse-Punk-Songs” als nachdenkliche Ballade mit Tiefgang. In anderen Songs jedoch (etwa „Angst ist ein Magnet“ oder „Wo immer du bist„) schlingern Hi! Spencer mit allzu vielen recht hohlen Phrasen und pathetisch-dickem Schmalz bedenklich nahe an das Nullsummen-Spiel-Niveau von Max Giesinger und Konsorten heran.

Alles in allem ist „Nicht raus, aber weiter“ ein zweischneidiges musikalisches Schwert mit recht vielen Tief- wie Höhepunkten. Ein kleines Ausrufezeichen, welches all jenen, die Jupiter Jones ebenso sehr vermissen und deutschsprachigen Indierock mit erhöhtem Pop-Faktor nicht scheuen, durchaus zu empfehlen ist. Nicht mehr, aber keinesfalls weniger.

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Trixsi – „Ab Morgen (Demo)“


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Foto: Promo / Lucja Romanowska Photography

„‚Typen von Herrenmagazin, Jupiter Jones, Love A, Findus – und all das zusammen in einem Raum mit Gitarren und Bass und Schlagzeug und all dem. Tja. Supergroup! Metaband! Hör mir auf. Was am Ende dabei rauskommt, das hat man sich jetzt aber gefälligst anzuhören, so viel Vorschuss sei von mir gewährt. Denn es darf angenommen werden, dass es nicht halb so schlimm ist, wie der ganze andere Mist.‘ (Carsten Köhner/Mathildas Musikbüro)

Lasst uns Namen droppen: Schlagzeug: Paul Konopacka (ex Herrenmagazin) / Bass: Klaus Hoffmann (Barner 16, ex Jupiter Jones) / Gitarre: Kristian Kühl (ex Findus) / Gitarre: König Wilhelmsburg (ex Herrenmagazin) / Gesang: Jörkk Mechenbier (Love A, Schreng Schreng & La La).
Dem Alter und der Milde geschuldet, geht es in dieser Zusammenrottung Hamburger Gewohnheitstrinker hier und da eher im Pixies- und Weezer-Midtempo zu Werke. Ein bisschen Schrägness, die dem Wunsch aller nach Abhebung vom gesamtdeutschen Einheitsgitarrenpopbrei die Hand reicht, blitzt manchmal auf – und doch kracht es hier und da, wenn sich ein flotter Punkklopper dazwischen schmuggelt. Über all diesen Wohlklang kräht dann stets Mechenbiers Stimme seine kritisch/humoristische Alltagsbewältigung in einem Deutschland voller Igel – sonst kann er ja auch nichts. Gottseidank. Ehrlicher Arbeiter-Rock, gespielt von kriminellen Faulenzern.“

Und siehe da: Trixsi, ebenjene frische „Supergroup“ und „Metaband“ aus „Hamburger Gewohnheitstrinkern“ mit Love A-Frontschwein Jörkk Mechenbier am Mikro, hat, „da der Trend ja in Richtung Zweit-, Dritt- oder auch Viert-Band geht“, nun mit der Demo-Version von „Ab Morgen“ eine erste, sehr feine Song-Hörprobe am Start. Lässt sich hören!

 

 

Rock and Roll.

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Die Angst, das alte depressive Arschloch


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…entnommen von Torsten Sträter:

 

Obwohl diese Zeilen „nur“ in irgendeinem gottverdammten Blog (der zufällig meiner ist, und in den seit 2012 viel Zeit, Gedankenarbeit, Schweiß, Herzblut, Liebe und Mühe geflossen ist), irgendwo versteckt im digitalen Dickicht, erscheinen, sind es wohl die, über die ich mir im Vorfeld die meisten und härtesten Gedanken gemacht habe. Denn all das hat wohl nur am Rande mit Musik zu tun. Dafür jedoch: verdammt nochmal mit mir! (Okay, fair enough – hat, speziell bei mir, nicht schlußendlich ALLES mit Musik zu tun?)

Monatelang habe ich gehadert, habe ich gezweifelt, ob ich darüber schreiben sollte. Wenn nein: Warum nicht? Wen belüge ich in diesem Fall? Die Welt da draußen? Alle, die mir nahe stehen? Gar mich selbst? Falls ja: Welche Worte sollte ich wählen? Was passt, trifft den Nagel auf den Kopf? Was wird dem gerecht, was ich fühle, wie ich mich fühle? Gehe ich damit zu weit? Verdammt, wie weit geht zu weit?

Ach, wisst ihr was? Scheiß der Hund drauf, einfach raus damit! Here. We. Go!

Depressive Angststörung.

Wer sich jetzt fragt, wieso der Esel, der sonst doch um keinen noch so langen Schachtelsatz, der Hitlers „Mein Kampf“ zumindest semantisch alle Ehre machen würde, verlegen ist, nun keinen einfachen Satz zustande bekommt, dem sei Folgendes gesagt: So lange ich mir hierüber auch das Haupthirn zermartert habe (und das waren so einige Monate) – ein passendes Satzkonstrukt habe ich nicht gefunden. Denn es standen nur folgende Kandidaten zur Auswahl:

„Ich leide unter einer depressiven Angststörung.“

Leide ich denn wirklich? Nein, denn an gefühlten 200 von 365 Tagen geht es mir wie dir, oder dem Typen, den du in der Straßenbahn gerade den Sitzplatz weggeschnappt hast (ich hab’s gesehen, also tu nicht so scheinheilig perfekt). Und doch stimmt etwas mit mir nicht – zumindest zu einem gewissen Maße. Klar, wer mir auf der Straße oder im Supermarkt entgegen kommen würde, würde all das kaum bemerken. Auch ich selbst habe bis weit in meine Dreißiger gebraucht, um dieser „alten Pottsau Angst“ auf die Schliche gekommen. Geholfen hat mir dabei das mutige Verhalten von Nicholas Müller, also dem Typen, der bis 2014 Sänger der deutschen Alternative-Punk-Band Jupiter Jones war, die Gruppe jedoch nach zwölf Jahren verließ, und mit seinem Ausstieg auch seiner Angststörung, „die ich nun beinahe ein Jahrzehnt mit mir herumschleppte, endlich am Kragen zu packen und ihr mal ordentlich den Marsch zu blasen“. „Oh, ein depressiver Musiker – so sensibel, so normal… Der soll sich mal nicht so anstellen! Andere haben schließlich echte, richtige Probleme!“, mag jetzt sicher mach eine(r) denken… Erwischt? Macht euch nichts draus, IHR SEID VIELE.

Und es ist ja auch wirklich so. „Depressionen sind der zweithäufigste Grund, warum jemand auf der Arbeit fehlt. Seit dem Jahr 2000 sind die Fehltage wegen Depressionen um fast 70 Prozent gestiegen.“ („Depressionsatlas“ der Techniker Krankenkasse, Januar 2015) Mehr als drei Millionen Menschen „leiden“ (da haben wir’s wieder) in Deutschland unter Depressionen. Und damit ist eben nicht das „Scheiße-drauf-sein“, was man mal an einen *hust* „schlechten Tag“ haben kann, wenn der favorisierte Fussballverein mal wieder in der Nachspielzeit das entscheidende Gegentor zur Niederlage kassiert hat, die Freundin ihre sprichwörtlichen „Tage“ und miese Laune schiebt oder der Chef mal wieder viel zu viel Arbeit auf den Schreibtisch gepackt hat, um sich selbst dann ins verlängerte Wochenende zu verabschieden, gemeint. Auch muss eine Depression nicht automatisch bedeuten, sich mit Pillen voll zu stopfen, um „irgendwie funktionieren“ zu können und am Abend Sicht gleich vom Hochhaus oder vor den nächsten Zug zu springen. Nein, die „Volkskrankheit Nummer eins“ kann so viele Gesichter, so viele Nuancen haben, wie es in diesem Land Nasen gibt.

„Ich habe eine depressive Angststörung.“

Habe ich das? Oder hat sie vielmehr mich? Nun, solange ich zurückdenken kann, ist sie ein Teil von mir. Denn so war ich schon immer: zurückhaltend, meist introvertiert, abwartend. Ich war schon als Kind nicht der Dreikäsehoch, der zuerst aufs Klettergerüst gestürmt ist, um als Erster die Spitze zu besetzen. Ich war nie derjenige in der Schule, der die meisten Freunde hatte und immer im Mittelpunkt stehen wollte. Ich war irgendwo dazwischen – kein Einzelgänger wie die, denen man am nächsten Tag einen Amoklauf mit gezückter Schrotflinte hätte andichten können. Aber auch nicht der, der am Ende des Schuljahres seinen Namen unter jedes Jahrbuch kritzeln musste. Ich hatte ein paar Freunde, blieb jedoch auch gern für mich. Am Ende meiner Schulzeit konnte ich den panzernden Schutzschild, den ich mir über die Jahre zugelegt hatte, zu meinem Vorteil nutzen, denn die Unsicherheit, die mir nach außen mal als „Coolness“, mal als „Arroganz“ ausgelegt wurde, kam bei den Mädchen freilich gut an…

Das hat sich auch bis heute kaum geändert. Auf Arbeit bin ich der Kollege, der selten um einen Spaß verlegen ist – meist gut gelaunt, meist selbstsicher. Auf der anderen Seite bleibe ich Veranstaltungen wie Firmenweihnachtsfeiern meist fern, oder gelte als erster Kandidat für einen „polnischen Abgang“. Warum? Nun, es gibt wenige Dinge, die ich mehr hasse als Smalltalk. Da kommt wohl wieder meine Unsicherheit ins Spiel. Ich stehe jemandem gegenüber, den ich nur oberflächlich kenne, und weiß einfach nicht, worüber es sich zu reden lohnt: Das Wetter? Die werte Familie? Den Job? Sport? Politik? Also lasse ich’s. Und schweige. Kennt wohl jede(r)… Unangenehme Situation, oder? Eben.

„Ich bin an einer depressiven Angststörung erkrankt.“

Ist ja auch Quatsch, denn obwohl Depressionen mittlerweile auch offiziell als Krankheit anerkannt sind, sind sie andererseits nicht wie ein Schnupfen oder eine Platzwunde. Beides mag zwar lästig und unangenehm sein, aber am Ende des Tages hat man doch die Gewissheit, dass sich die Rotznase oder die blutende Wunde bald wieder erledigt haben dürfte. Mit Depressionen und Angststörungen ist das eine ganz andere Geschichte…

Obwohl ich erst durch Nicholas Müllers „Coming Out“ mit der „alten Pottsau Angst“ das sprichwörtlich „Klick!“ machende Licht gesehen habe (später, 2015, hat der Mann, den ich für seinen Mut und seine Offenheit noch immer sehr bewundere, mit seiner neuen, aktuellen Band Von Brücken und dem ersten Album „Weit weg von fertig“ viele tolle Songs über die Thematik geschrieben und wird im Oktober, mit „Ich bin mal eben wieder tot: Wie ich lernte, mit Angst zu leben“, sein erstes Buch über den Kampf mit der Angst veröffentlichen, auf das ich mich sehr freue), waren all diese Gefühle immer da: die Zurückhaltung. Das Nachdenkliche, Introspektive. Die zermarternden Gedanken. Die Angst vor Schritten. Angst vor Veränderungen. Ich brauche Routinen. (Wer mag, darf’s, der Einfachheit halber, gern als eine „milde Form des ‚Rain Man‘-Autismus“ auffassen… passt für mich.) Alles andere macht mir Angst, bringt mich zum Schwitzen und mein Herz manchmal gar zum Rasen: Große Menschenmengen. (Ich fühle mich in der Anonymität von Großstädten wohl, bin jedoch lieber für mich.) Große Veränderungen (Umzüge, Jobwechsel etc. pp.). Unsicherheiten, sowohl was die Zukunft als auch was etwa Finanzielles betrifft. Anders als etwa Nicholas Müller, der sich zeitweise von einer subtilen Todesangst verfolgt fühlt(e), habe ich jedoch keine Angst vor dem Tod. Wie war das noch? So viele Nasen, so viele Formen der Depression…

Und da euch allen wohl gerade dieses Vorurteil unter den Nägeln brennt: Ja, auch ich denke oft genug an Selbstmord, kenne diesen „Auswegsgedanken“, seit ich 12 oder 13 Jahre alt bin, bedenke Möglichkeiten, Mittel und Wege. Einfach, damit all diese Mühsal ein Ende hat. Einfach, weil der Kopf und alles andere auch, nicht mehr will und gleich zu platzen droht. Damit dieser Druck in meiner Brust, in meinem Herz (beides ist kein bloßes Pathos, sondern tatsächlich vorhanden) leichter zu ertragen ist. Press replay. Erase and rewind. Da bin ich einfach nur ehrlich. Andererseits: Ich liebe dieses janusköpfige Leben mit all seinen Herausforderungen und Verheißungen. Und: Ich liebe die Musik. Die Vorfreude auf Neues hat mich, seit ich denken, hören und fühlen kann, im Hier und Jetzt gehalten. Jawollja: Ich habe nun bereits fast 34 Jahresrunden mit den Arschlöchern Depression und Angst geschafft – wer sagt denn, dass es nicht noch 34 weitere werden? Klar, Gewissheit kann mir keiner geben, und auch ich kann das nicht. Bleibt also nur, dieses Leben anzunehmen und das Beste draus zu machen – das Ende kommt noch früh genug. Oder?

Und auch den Spöttern, die jetzt kommen und meinen: „Der hat’s doch gut! Hat ein Haus, (s)eine kleine Familie, einen Job, ein Einkommen (auch wenn das gerade ausreicht, um ‚über die Runden zu kommen‘)… Der lebt in einem der sichersten Ländern der Welt und beschwert sich noch immer? First World Arschloch.“ Ich kann’s euch nicht verdenken, denn selbst ich habe ab und an diese Gedanken: Was berechtigt mich, mich gerade so elend zu fühlen, während anderswo auf der Welt Menschen hungern, im Krieg sterben und um ihre nackte Existenz und/oder ihre Familie bangen müssen? Andererseits habe ich mir all das auch nie ausgesucht. Ich bin, wie ich bin. Ich bin der, der ich bin. Lauft an einem dieser miesen Tage, an denen ich morgens kaum aus dem Bett komme und abends heulend zusammen gekauert wieder darin liege, ohne dass ich einschlafen kann, ein Mal für ein paar Kilometer in meinen Schuhen! Es ist doch so: All jene, die weder Depressionen noch Angstzustände kennen (ich möchte hier explizit nicht von „kranken“ und „gesunden Menschen“ schreiben, denn „krank“ fühle ich mich selbst nicht), werden es kaum verstehen (können). Nicht einmal meine eigene Freundin, der ich immerhin zuerst von all dem erzählt habe, versteht mich (oder will es nicht)! Keine Angst, ich nehme es keinem krumm…

Vielmehr liegt das Problem in unserer Gesellschaft verankert: Jede(r), der/die, und sei es auch nur ein klitzekleines Stückweit, von all den „Normen“, all den ausgesprochenen und unausgesprochenen „Regeln“ abweicht und – im Übrigen absolut menschliche –  Schwäche zulässt, wird für „krank“ und „unnormal“ erklärt und wie ein Aussätziger ausgegrenzt. (Was uns leider nur zu arroganten, uns selbst überschätzenden, destruktiven Tieren macht, denn im Tierreich sieht’s kaum anders aus.) In unserer ach so „modernen Leistungsgesellschaft“ gibt es nur eine goldene Devise: Funktionieren! Besser! Schneller! Weiter! Wer – aus welchem Grund auch immer – bei diesem perfiden Spiel nicht mehr mitmacht, der ist raus. Meist final, jedoch zumindest zeitweise. „Hier, nimm deine Pillen – morgen wird’s schon wieder gehen!“ Du darfst dir keine Schwäche erlauben, sollst brav deine Runden drehen und gefälligst die Regeln befolgen. Dass „Mensch zu sein“ auch heißt, nicht 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr immer aufs Eiserndste „funktionieren“ zu können, bleibt da als ungelesene Fußnote viel zu oft auf der Strecke.

Was will ich also mit all diesen Worten bezwecken? Zunächst einmal das, was ich nicht möchte: Mitleid, den ich bin kein Opfer. Häme, aus einem völlig unangebrachten Gefühl der „Stärke“ oder „Überlegenheit“ heraus. Unverständnis, um dieses heikle Thema ja nicht zu nah an sich selbst heran zu lassen. Oberflächlichkeit, um ja weiterhin (s)einem tagtäglichen Trott hinterher gehen zu können. Ich möchte, dass man mich versteht, und eventuell darüber nachdenkt, warum ich bin, wie ich bin. Warum ich so reagiere, wie ich eben reagiere. Die meisten hier werden mich zwar nicht (persönlich) kennen – und doch: AUCH ICH BIN VIELE. Und selbst, wenn ihr mich nicht kennt, dann habt ihr sicherlich den einen oder die andere in eurem Familien- oder Freundeskreis, dem es wohl genauso oder zumindest ähnlich geht wie mir. Und auch diese Person ist, übrigens ebenso wenig wie ihr selbst, eine Machine, die immer, gut geölt und geschmiert, „funktionieren“ muss. Erlaubt euch selbst und diesen Menschen Schwächen. Denkt darüber nach, was es heißt, „Mensch zu sein“. Zeigt Verständnis, zeigt Mitgefühl. Ob ihr am Ende des Tages jeden Gedanken, jedes Wort und jede Entscheidung des anderen zu einhundert Prozent nachvollziehen könnt, ist gar nicht die Frage. Aber man sollte es zumindest versuchen

Und auch wenn ich mit diesen Zeilen nicht das gleiche öffentliche Podium wie Nicholas Müller habe, so wäre das größte Kompliment für mich, den einen oder die andere unter euch zum Nachdenken gebracht zu haben. Zur Ehrlichkeit zu sich selbst gehört immer auch, dies nach Außen hin zu zeigen – koste es, was es wolle.

Ein kleiner Nachtrag an all jene, die mich persönlich kennen: Mit meiner Entscheidung, zu all dem hier in digitaler Form Stellung zu beziehen (die ich ganz bewusst und nach monatelanger Überlegung getroffen habe), will ich euch keineswegs vor den Kopf stoßen. Es ist nur einfach der Weg, den ich für mich gehen möchte, um all die Gedanken, welche mir – mal mehr, mal weniger bewusst – bereits mein gesamtes Leben auf der Brust lagen, auch ein Stückweit vom Herzen zu bekommen.

Das kam von Herzen, in Liebe und mit jeder Menge:

Rock and Roll.

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Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Videoneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

 

Thees Uhlmann – Die Bomben meiner Stadt

Thees

Ob’s mit Tomte irgendwann noch weitergeht? Die einen verkünden die Trennung (um Namen zu nennen: der letzte Schlagzeuger Max Schröder), die anderen (Frontmann Thees Uhlmann) lassen die Dinge gern offen… Nichts Genaues weiß keiner. Fakt ist: Jeder macht derzeit sein eigenes Ding. Und im Fall von Thees Uhlmann könnte dieses mit der dicken Aufschrift „Solokarriere“ auch kaum besser laufen. Am 30. August erscheint endlich der Nachfolger zum 2011 veröffentlichten, selbstbetitelten Solodebüt des norddeutschen Wahlberliners. Und auch 2013 hält es Uhlmann beim Titel recht simpel und knapp – Album Nummer zwei wird „#2“ heißen, Punkt, aus, fertig. (Wer Zugaben mag, der sollte sich die Digipack-Version sichern, welche neben der 2-CD-Variante inkl. Livemitschnitt auch noch eine Bonus-DVD sowie ein eventuell gewinnbringendes Rubbelllos enthält… Der Uhl hat Ideen…)

Hier kann man sich mit „Die Bomben meiner Stadt“ bereits einen ersten Song aus „#2“ anhören, der im dazugehörigen Video die ein oder andere Impression von den Albumaufnahmen und den letzten Konzerten bietet… Ein feines Stück, das wohl auch live – Thees Uhlmann und Band gehen im November auf ausgedehnte Tournee zur neuen Platte – für reichlich Stimmung sorgen wird. „Die Bomben meiner Stadt machen boom, boom boom…“

 

 

 

Mumford & Sons – Hopeless Wanderer

Szene aus "Hopeless Wanderer"

Vier Typen in Cordhose und Jeanshemd, die zu idyllischer Landromantikkulisse herzerwärmende, von Banjo, Piano und Standbass angetriebene Melodien für Millionen spielen? Na klar, Mumford & Sons!

Doch halt, irgendwas an diesen vier Typen im Video zu „Hopeless Wanderer“, der neuen Single aus dem Erfolgsalbum „Babel„, ist anders… Richtig! Denn dieses Mal lassen sich Marcus Mumford und seine Bandkollegen optisch von den US-Komikern Ed Helms, Jason Sudeikis, Will Forte und Jason Bateman, welche der ein oder andere eventuell aus Filmen wie „Hangover“ oder „Kill The Boss“ kennen mag, vertreten. Und die machen ihre Sache recht gut… Pathetische Posen? Check! Mimische Beteuerung der eingeschworenen Gemeinschaft? Check! Ausdruckstanz? Check! Rockstar-Attitüden? Check! Wohl dem, der Selbstironie besitzt…

 

 

 

Portugal. The Man – Modern Jesus

Modern Jesus

A propos „Selbstironie“: Die scheinen auch Portugal. The Man zu besitzen. Denn im neusten Video der Band, welche mit „Evil Friends“ im Juni noch ANEWFRIENDs „Album der Woche“ abgeliefert hat, sieht man all jene Dinge, die man bislang eher nicht mit der ursprünglich aus dem kalten Alaska stammenden Band in Verbindung brachte: Beten, Ballern und Bootyshaken. Hat da etwa auch Produzent Danger Mouse seine Finger im Spiel gehabt?

 

 

 

Editors – Formaldehyde

Editors

Wer hätte das gedacht? Da machen die Editors mit ihrem neusten Studioalbum mehr als zehn Schritte zurück in Richtung Rocksound und Bandgefühl, und schon werfen eben jene Kritiker, die beim letzten, vor vier Jahren veröffentlichten Album „In This Light And On This Evening“ noch die Kälte und Sperrigkeit bemängelten, Sänger Tom Smith und seiner zum Quintett angewachsenen Band Anbiederung und Belanglosigkeit vor. Natürlich ist an „The Weight Of Your Love“ nicht alles rund und großartig, aber als Ganzes funktioniert das Album in der Tat. Und mal ganz ehrlich: Was bitteschön ist langweiliger als eine Band, auf die sich alle einigen können? Die Editors polarisierten 2005, als das Debütalbum „The Back Room“ für Furore sorgte. Die Editors polarisieren auch 2013. Lediglich die Bühnen sind groß und lichtdurchfluteter – und Ian Curtis‘ Schatten deutlich kleiner…

Hier gibt’s das Video zur neuen Single „Formaldehyde“, bei welchem der Brite Ben Wheatley (u.a. Sightseers, Kill List) auf dem Regiestuhl saß, und das die aus dem englischen Birmingham stammende Band mal eben in eine Wildwestszenerie versetzt:

 

 

 

Jupiter Jones – Denn sie wissen, was sie tun

Jupiter Jones

A propos „Polarisieren“, a propos „Wildwest“: Beide Fakten könnte man derzeit auch beinahe eins zu eins auf die vier Jungs von Jupiter Jones übertragen. Dabei sind all die Vorwürfe von Pathos und Pop längste alte Hüte für Nicholas Müller, Andreas Becker, Sascha Eigner und Marco Hontheim, denn bereits das 2004 erschienene – und im Übrigen noch immer ganz großartige – Debütalbum „Raum um Raum“ war dem Punklager zu sehr Pop, für’s Poplager war’s jedoch zu viel Punk. Und auch wenn das letzte, selbstbetitelte Album den Kenner und Fan der Band vor zwei Jahren doch mehr als ein Mal müde gähnen ließ, darf sich, wer will, gern auf’s neue Album „Das Gegenteil von Allem„, welches ab dem 11. Oktober in den Regalen stehen wird, freuen… Ich zumindest tue das, und sei es nur, weil ich die Band vor langer Zeit ins Herz geschlossen habe.

Und da war doch noch das Stichwort „Wildwest“… Richtig! Denn ebenso wie das neuste Musikvideo der Editors spielen auch Jupiter Jones im ersten Albumvorboten „Denn sie wissen, was sie tun„, welchen man sich aktuell kostenlos (!) bei Amazon herunterladen kann, groß im Saloon auf. Mit dabei: Ex-Rapper und Deichkind-Chaot Ferris MC sowie Jennifer Rostock-Frontfrau Jennifer Weist. Am Ende lässt diese Konstellation alle wohlmöglich genauso fragend dastehen wie der Fakt, dass Jupiter Jones zum ersten Mal seit fast zehn Jahren wieder richtig aufs musikalische Gaspedal treten… Mutig ist der Zug, all jene, die Songs wie „Still“ (dessen niederländische Coverversion ich hier in Maastricht übrigens vor ein paar Tagen in einem örtlichen Elektronikdiscounter unvermittelt kennen lernen „durfte“) vor ein paar Jahren ins Boot geholt hatten, nun so vor den Kopf zu stoßen, allemal. Steht also auf Album Nummer fünf eine Rückbesinnung auf den Bandsound der Anfangstage an? Oder gar ein noch größerer Spagat zwischen Punk, Rock und Pop? Es bleibt spannend im Hause Jupiter Jones…

 

 

 

Oh Land – Renaissance Girls

Oh Land

Verdammte Popmusik, verdammte Ohrwürmer! Eigentlich will man „Renaissance Girls“, den neusten Vorboten des kommenden Oh Land-Albums „Wish Bone“, gar nicht toll finden… Zu billig produziert und poplastig platt scheint der Song im ersten Moment, zu trashig und Eighties-like sind die Kostüme im dazugehörigen Video. Doch dann: Diese Stimme! Diese Melodie! Dieser um die Ecke gedachte, selbstironische Text! Und Nanna Øland Fabricius, die aus der dänischen Hauptstadt Kopenhagen stammende Dame, welche seit 2008 unter dem Pseudonym Oh Land (eine Anspielung auf ihren Zeitnamen) feine Elektropopsongs veröffentlicht, ist ja auch ganz nett anzuschauen…

Bevor am 24. September das dritte, von TV On The Radio-Kopf Dave Sitek produzierte Album „Wish Bone“ erscheint, bekommt man hier schon einmal einen Vorgeschmack, welcher sich bei mir bereits als hartnäckiger Ohrwurm erwiesen hat. Pop as Pop goes, mit Herz, feministischem Augenzwinkern und Hirn:

„I can be an engine buzzing like a bee, I’m a real independent / Doing the laundry and planning for the future / It’s the nature of a renaissance girl / I can be your darling cooking you dinner and soothing your heartache / Having three kinds and still remain a virgin / It’s my version of a renaissance girl…“

 

 

 

Queens Of The Stone Age – live beim Lollapalooza 2013

Foto: Ian Witlen

Foto: Ian Witlen

Ganz kurz: Alle jene, welche den Auftritt von Josh Homme und seinen Queens Of The Stone Age am 2. August beim diesjährigen Lollapalooza Festival in Chicago verpasst haben, können sich hier die 70-minütige Show im Stream anschauen. Und danach dem aktuellen Album „...Like Clockwork„, welches wohl auch Ende 2013 zu den diesjährigen Veröffentlichungshighlights zählen dürfte, einen neuen Anlauf in der persönlichen Heavy Rotation gönnen…

 

 

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Alles wegen Lilly


Sind Herbst und Winter nicht die idealen Jahreszeiten für feinen deutschen Befindlichkeitspunkrock? Ist es nicht ein gutes Gefühl, zu Adolars Debüt „Schwörende Seen, ihr Schicksalsjahre!“ den kalten Matsch da vor der Tür, in den man vor wenigen Minuten beinahe wieder gefallen wäre, zu verteufeln? Zu Turbostaat die eiskalten Fäuste in den Manteltaschen zu ballen? Zu Muff Potter an die selig-fernen Sommermomente zurück zu denken? Und dann zu „Raum um Raum“ von Jupiter Jones mal mehr, mal weniger sanft die eigenen Melancholieschienen entlang zu fahren…

In diese Kerbe schlagen auch vier bleichgesichtige Herren aus dem westfälischen Münster, welche den vermeintlichen Bandgründungsanlass im Herbst 2008 gleich zum Namen der selbigen machten: Alles wegen Lilly. Und wenn man(n) schon aus Münster kommt, dann darf auch ein Auftritt im legendären „Gleis 22“ nicht fehlen – den haben Steffen, Jan, Fredi und Moritz (klar, im Punk Rock ist’s noch immer wie in der brasilianischen Nationalmannschaft: Vorname reicht!) ebenso in ihrer Vita stehen wie eine erste Veröffentlichung: die „Ich hasse die Welt und ich sag‘ dir nicht warum“ EP, veröffentlicht 2010 im Selbstvertrieb. Wer bei diesem Titel jedoch an weichgespülte Emo-Trauerschwüre denkt, dessen Eindruck greift zu kurz, denn in den fünf Songs steckt einiges an Mut, Wut, Unbehagen und Trotz, von jener Art, der auch den vor nicht all zu langer Zeit dahingeschiedenen Muff Potter, welche übrigens ebenfalls aus Münster bzw. Rheine stamm(t)en, gut zu Gesicht stand:  „Schmeckt das Feuer noch? / Und die Asche noch im Haar / Wartest auf das Wunder / Und wenn’s kommt ist keiner da“ heißt es etwa in „Tigerfutter“. Drängende Passagen wechseln sich ab mit verhältnismäßig ruhigen, melodiösen Zwischenteilen und lassen die 17 Minuten Gesamtspielzeit unterhaltsam kurzweilig erscheinen. Die bereits zwei Jahre alten Songs mögen zwar hier und da noch etwas grün hinter den Ohren erscheinen, haben sich aber bereits merklich Dreck unter den Fingernägeln erspielt.

„Punkrock mit deutschen Texten, abseits grölenden Asselpunks aber immer mit Wut im Bauch. Irgendwo im Fahrwasser von Hot Water Music, Captain Planet, den frühen Jupiter Jones und nah an der bereits gesunkenen H.M.S. Muff Potter.“ sagt der – wohl selbstverfasste – Pressetext. Wer also mit den bereits genannten Bands etwas anfangen kann, und wem es zu dieser Jahreszeit ebenso (respektive: ähnlich) geht wie mir, der kann bei Alles wegen Lilly getrost zugreifen, denn: die EP gibt’s solidarisch punkrockig für lau und ein paar warme Worte des Danks auf der Bandcamp-Seite der Band zum Download auf’s heimische digitale Abspielgerät (oder als physischen Tonträger über die Myspace-Seite der Band)! Feine Sache, das.

Hier kann die EP schon einmal probegehört werden…

Rock and Roll.

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