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Song des Tages: Jupiter Jones – „Oh, Philia!“


Foto: Promo / Vivien Hussa

Ziemlich genau ein ganzes Jahr ist es bereits her, seit sich Jupiter Jones aus der eigenen Auflösung zurückgemeldet haben – und das zur Überraschung Vieler nicht als Quartett, sondern als aus Gitarrist Sascha Eigner und Sänger Nicholas Müller (der ja seinerseits aus privaten Gründen bereits 2014 aus der Band ausstieg und daraufhin von Sven Lauer ersetzt wurde) bestehendes Duo. Seitdem ließ die zum Zweiergespann geschrumpfte Band, die sich zumindest live von befreundeten Musikern unterstützen lässt, dem unverhofften Comeback zwar – leider, leider – noch kein neues Album folgen (dies entsteht gerade in Startnext-Crowdfunding-Eigenregie, soll den Titel „Die Sonne ist ein Zwergstern“ tragen und noch in diesem Jahr erscheinen), dafür jedoch bereits ein paar Singles: das wunderbar ohrwurmige „Überall waren Schatten„, „Atmen„, „Der wichtigste Finger einer Faust“ und – da wohl aller guten Dinge vier sind – nun „Oh, Philia!„.

Selbiges richtet sich an die Menschen, die von sich glauben, selbst nie genug zu sein. Es ist ein aufbauendes Stück, welches zwar einmal mehr beweist, dass die Punkrock-Tage der Band (zumindest was das Musikalische betrifft) längst gut sortiert in Fotoalben ad acta gelegt wurden, sich jedoch ansonsten nahtlos in die bisherige Entwicklung des Jupiter Jones’schen Kosmos einfügt, denn klanglich schlägt das Duo weiterhin einen durchaus pop-lastigen Weg ein und ersetzt die Stromgitarren früherer Alben zunehmend mit elektronischen Elementen. Während das wohl nicht allen Fans der ersten Stunde schmecken wird, dürften die Songs der beiden in Zukunft wohlmöglich einem breiteren Publikum zugänglich werden – und der Erfolg sei den beiden zehn Jahre nach ihrer recht erfolgreichen Single „Still“ gegönnt. Abgesehen davon bleibt der textliche Stil eines Nicholas Müller – neben dessen toller, nahezu unverwechselbarer Stimme natürlich – jedoch weiterhin ein positives Trademark und macht Jupiter Jones – auch 2022 und im neuen Soundgewand – zu einer dieser ganz besonderen Bands auf dem deutschsprachigen Musikmarkt.

Via Facebook verrät das Duo, dass der Song ein „ganz schön harter Brocken“ war und einer der ersten, an dem Müller rund Eigner nach ihrer Wiedervereinigung im Studio gearbeitet haben. Fast ein Jahr habe es schließlich bis zur Fertigstellung gedauert – gut Ding will eben Weile haben. Daher warten wir auch weiterhin gespannt auf den kompletten Langspieler, welcher auf dem Bandeigenen Label „Mathildas & Titus Tonträger“ veröffentlicht wird. Hierzu meint die Band in einem Pressestatement: „Dazu haben wir uns – trotz einiger Label-Angebote – entschieden, weil’s sich einfach richtig und verantwortungsbewusst anfühlt.“ Selber machen – auch das erfordert nämlich eine gute Portion Punk-Ethos!

Rock and Roll.

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Eine gute Idee für den guten Zweck – Hi! Spencer veröffentlichen eine Akustik-EP


Schon lange eine gute Idee, nun kommt’s endlich: Hi! Spencer veröffentlichen mit „Bei den Hunden“ eine Akustik-EP und machen damit die intime(re) Interpretation ihres Sounds hörbar, die der gefühlvollen Musik der Osnabrücker Indiepunk-Band schon lange innewohnt. Fünf seiner Songs hat das Quintett um Frontmann Sven Bensmann neu aufgenommen und setzt sich damit gleichzeitig für einen wichtigen Zweck ein: Mit dem Erwerb der exklusiv im „Uncle M“-Shop als Pre-Order erhältlichen limitierten CD fordern Hi! Spencer ihre Fans gleichzeitig dazu auf, eine Spende an die zivile Seenotrettungsorganisation „Seebrücke“ zu entrichten – eine Aktion, die eigentlich ja immer und jederzeit, aber vielleicht, vielleicht ganz besonders jetzt nach den Bränden im Flüchtlingslager in Moria unheimlich wichtig ist.

Die Inspiration zu diesem Rahmen der EP kam Hi! Spencer, von denen auf ANEWFRIEND bereits im vergangenen Jahr, als ihr zweiter Langspieler „Nicht raus, aber weiter“ erschien, die Schreibe war, als sich Sven Bensmann (Gesang), Janis Petersmann (Gitarre), Malte Thiede (Gitarre, Gesang), Jan Niermann (Bass, Keyboard, Gesang) und Niklas Unnerstall (Schlagzeug) ihre eigenen Songs für das Projekt noch einmal unter die Lupe nahmen. „Durch die Akustikaufnahmen haben wir teilweise Jahre alte Songs neu aufgerollt,“ erzählt die Band. „Dabei sind wir über die Textzeile ‚Ich hab geschlafen bei den Hunden‘ aus dem Song ‚Trümmer‚ regelrecht gestolpert. Als der Song geschrieben wurde, war die Stelle eine Metapher für uns. Mit den Jahren als Band haben wir aber mit vielen wahnsinnig tollen Menschen zusammenarbeiten dürfen – darunter auch ‚Pfand gehört daneben‚, eine Organisation, die den Blick auf Obdachlosigkeit schärft. Hören wir die Zeile jetzt, sehen wir darin Menschen, für die der Satz keine Metapher, sondern vielmehr Realität ist. Mit unserer EP Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Sensibilität für diese Menschen herstellen zu können – das wäre großartig.“

Dass die Songs von Hi! Spencer so nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch immer wieder neue Facetten offenlegen können, belegt „Bei den Hunden“ so deutlich wie noch nie. Eine Handvoll Songs aus dem Backkatalog hat die Band hierfür komplett neu arrangiert. In der besonderen Studioatmosphäre und mit wohligen Pianoklängen entfalten alle Stücke eine ganz andere Wirkung, die Hi! Spencer – im besten Fall, in den tollsten Momenten – ganz neu erfindet, ohne je den Pop-Appeal außer Acht zu lassen und ohne so ganz die rauen Wurzeln der Band zu vergessen. Und ebenso viel Liebe wurde auch in Design und Aufmachung des Projekts gesteckt. So zeichnet sich Lucas Meyer für das Artwork verantwortlich, der schon für Bands wie Heisskalt und Fjørt gearbeitet hat. Die CD kommt außerdem in einer direkt bei Homesick Merch per Siebdruck gedruckten Naturpapier-Klapptasche daher, die nicht nur für eine besondere Optik sorgt, sondern obendrein ganz ohne Plastik auskommt. Heraus kommt: eine rundum gelungene Sache – in Bild, Ton und Zweck. 👍

via Facebook / PFAND GEHÖRT DANEBEN

Rock and Roll.

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Zitat des Tages


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Aus gegebenem Anlass möchte ich folgende Zeilen, deren Textmaß in der Tat über das sonstige – zumindest von der Kürze her – Kalenderspruchtaugliche hinaus gehen mag, nicht ungeteilt lassen, denn in der Tat bringt Ex-Jupiter Jones- und -Von Brücken-Frontmann Nicholas Müller (den ich seit Jahr und Tag schätze und der an anderer, recht persönlicher Stelle bereits Erwähnung fand) einmal mehr nahezu Unaussprechliches und in jedem Fall sehr, sehr Trauriges trefflich auf den Punkt, ohne gleich wieder in irgendeinem Sinne drüber hinaus zu schießen oder vollends und final den „Glauben an die Menschheit“ zu verlieren. Kann ich im Gros so unterschreiben. Wie immer: Lesen und drüber sinnieren lohnt sich! ❤️

 

„Einmal die Woche

Einmal die Woche verliere ich meinen Glauben an die Menschheit.

Das ist dann weder Absicht, noch Attitüde, es ist stets ein gewachsener, echter Gedanke, der mich heimsucht wie ein schlimmer Traum. Meist folgt auf Tage dieser Sorte dann eine Nacht, die eben voll von einem wiederkehrenden, schlimmen Traum ist: Ich bewege mich auf einer schmalen Brücke unaufhaltsam in eine Richtung, die mir nicht mehr verrät, als dass sie irgendwie ‚vorwärts‘ sein soll. Das Ziel aber bleibt unbekannt. Links und rechts von mir klafft eine Lücke an Realität, wächst eine große Schwärze und lädt zum Sturz ein. Am greifbarsten könnte man sie wohl einfach Nichts nennen und nichts ist bedrückender als Nichts, wünscht man sich Sicherheit und Geborgenheit und ein Ziel. Nun träume ich da also so vor mich hin, mit dem Unbekannten vor mir und dem Nichts an beiden Seiten und fühl mich grauselig. Mein Leben fühlt sich abschüssig an, mein Schwung wird mir selbst zu viel, ich werde zu einem plumpen Brocken aus Kinetik und Zweifeln und weiß nicht, was mich mehr bekümmert: Die Frage nach dem unbekannten Ende vor mir oder die nach den noch unbekannteren Alternativen zu meinen Seiten.

Immer dann, wenn ich einmal die Woche meinen Glauben an die Menschheit verliere, passiert das so.

George Floyd war 46 Jahre alt, als er aus einer Dummheit heraus oder aus Unwissen mit gefälschtem Geld zahlen wollte. Ich kann euch nicht sagen, ob ich einen gefälschten Geldschein erkennen würde, hätte ich einen in den Händen. George Floyd war vielleicht ein wenig auf Sendung, als er das tat. Berichten zufolge war er intoxikiert, hatte Drogen intus, war nicht kooperationsbereit, als er von vier bulligen Typen im Polizistenornat wegen seines Falschgeldfehlers festgenommen wurde. Als George Floyd die restlichen Plus/Minus 46 Jahre seines längst noch nicht fertigen Lebens genommen wurden, lag er hilflos mit dem Gesicht auf einem Bordstein und wurde von drei Polizisten fixiert, von dem einer so lange auf seinem Hals kniete, bis kein Atem mehr in die Lungen wollte. Er rief nach seiner Mutter, wie man das beim Sterben wohl so macht, bat um Gnade, Luft und Wasser. Und wenn’s ein paar Sachen gibt, die wir Menschen mit unseren opponierbaren Daumen und unseren weltraumberechnenden Hirnen, mit unseren sehenden und sehnenden Herzen, mit unserem Menschsein und dem ganzen Geschenk der Evolution geben können, dann sind das Wasser, Luft und Gnade. Vor allem Gnade. Dafür sind wir hier. Dafür sind wir, was wir sind.

Und wenn das nicht geht, dann verliere ich einmal die Woche meinen Glauben an die Menschheit.

Der Mensch soll kein gescheitertes Konzept sein. Kein Versuch aufs Wunderbare, mit dem Auskommen einer lebenden Katastrophe. Es schmerzt mich, da zusehen zu müssen. Es schmerzt in einem Maße, das mir nicht mal erlaubt, euch jetzt zu erzählen, dass der Gegenbeweis mich Papa nennt. Dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass meine Tochter jemals so wird. So, dass sie aus Hass und Missgunst und Gier ihr Privileg Mensch verwirken will, um abgründig und schlecht zu sein. Das käme mir verklärt und in Anbetracht einer derartigen Tragödie weltfremd vor. Und die Welt, so klapprig und unrund sie auch sein mag und das nicht erst seit dieser Woche, die soll mir nicht fremd werden. Ich lebe doch hier, auch außerhalb der vier Wände, in denen Zukunft herrscht. Ich will mich so gerne auskennen. Aber dass es Beweise gibt, dass eben kein Mensch so geboren wird, wie es dann in diesen acht grausamen Minuten um den Tod von George Floyd gelebt wurde, das wird mir dann klar. Eigentlich. Ich würde gerne immer Lösungen präsentieren, kluge Ratschläge und Wege aufzeigen, aber gerade ist es mir unmöglich. Gerade lähmt mich der Gedanke, dass die wunderbarsten Menschen so leise wirken, wenn die Schlimmen so laut Schlimmes tun. Hass gebiert Hass, Gewalt erzeugt Gegengewalt, es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Deswegen verliere ich einmal die Woche den Glauben an die Menschheit.

Wenn all das passiert, dann will ich nicht an Blumen denken. Dann will ich niemandem mit den Worten ‚Aber schau doch mal, wie schön es hier ist!‘ begegnen und so tun, als wär’s in Ordnung, nur eben an ganz anderen Stellen und Orten. Dann fühlt sich jeder Blick auf die allgegenwärtigen Wunder hier unten an, als wär’s ein Blick auf vertane Chancen. Dann verliere ich den Glauben an mich. Dann gebe ich Verantwortung ab, an einen Fatalismus, der mir verbietet zu wachsen und besser zu sein. Dann verleugne ich die Hoffnung, dann tu ich so, als gäbe es sie nicht. Und wenn wir alle das tun, dann wird irgendwann Wahrheit daraus. Dann bauen wir uns eine Realität, die nicht nur an Träume von ziellosen Brückenfahrten und Dunkelheit gemahnt, dann sind wir unsere eigene Dunkelheit. Wenn wir jetzt müde werden, dann schlafen wir am Steuer ein und fallen allesamt links und rechts vom Rand. Das wäre viel zu einfach. Niemals darf das sein. Es macht keinen Sinn sich einzureden, dass die Welt ein rundum guter Ort ist, denn das stimmt nicht, es stimmte nie und es wird aller Voraussicht nach auch niemals stimmen. Aber noch viel weniger Sinn macht es, sich in diese Tatsache zu fügen. Wir sollten uns bei jeder Gelegenheit dagegen stemmen. Wir haben die Geschicke der Welt und ihrer Menschen sicher nicht vollumfänglich in der Hand, meist können wir ja noch nicht mal unsere eigenen Wege absehen, aber wir können verdammt noch mal morgens aufstehen und eben nicht schlecht sein. Kein milliardengroßes Konvolut von kleinen Katastrophen. Wir können das. Wir haben opponierbare Daumen, weltraumberechnende Hirne und sehende und sehnende Herzen. Wir haben ein Menschsein. Und so sehr ich mir weiter die Antwort wünsche, so sehr ich auch gern ganz vorne stünde, mit grenzenlosem, immerdarem Optimismus; so sehr mich auch schmerzt, dass all das nicht sein kann, weiß ich doch: Jede Woche, seit Anbeginn des Kalenders und voraussichtlich bis zum letzten abgerissenen Blatt hat sieben Tage.

Und:
Gerade mal einmal die Woche verliere ich den Glauben an die Menschheit.“

(gefunden bei Facebook)

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Hi! Spencer – „Nicht raus, aber weiter“


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Im vergangenen Herbst haben Jupiter Jones – nach immerhin 16 gemeinsamen Jahren dies- wie jenseits von Club- und Festivalbühnen sowie einem Sängerwechsel – einen vorläufigen Schlussstrich unter das Kapitel Bandhistorie gezogen. Werden sie vermisst? Schon ein klein wenig. Muss also Ersatz her? Nicht unbedingt. Und falls doch: Hi! Spencer bewerben sich hiermit um den Job.

Denn immerhin bringt die fünfköpfige Band aus Osnabrück – zumindest dem ersten Höreindruck nach – alles mit, was schon Jupiter Jones eine recht treue Fanbase beschert hat: Rockmusik der Marke „Indie meets Punk“, eine Prise Pop, ein bisschen Rebellion und hier und da eine verzerrte Gitarre. Dazu deutschsprachige, mit massig Emotion – und den richtigen persönlich-befindlichen Schlagworten – aufgeladene Texte. Des Öfteren konnte man gar Verweise auf Bands wie Turbostaat, Muff Potter oder Kettcar lesen. Well… Machen wir’s kurz und direkt: In meinen Augen hinkt dieser Vergleich. Denn erstens kommt – zumindest im im deutschsprachigen Raum – kaum jemand an das Storytelling von Marcus Wiebusch heran und zweitens waren Muff Potter in schöner Vorzeit wirklich mal rotzig produzierter, herrlich dreckiger Punkrock – mit Widerhaken und Attitüde. Und Turbostaats nordische Räudigkeit scheint ohnehin meilenweit entfernt.

hi-spencer-nicht-raus-aber-weiter-198488Hi! Spencer suchen vielmehr ihr Heil in der Eingängigkeit. Nicht immer gelingt das Sven Bensmann (Gesang), Janis Petersmann (Gitarre), Malte Thiede (Gitarre, Gesang), Jan Niermann (Bass, Keyboard, Gesang) und Niklas Unnerstall (Schlagzeug) auf ihrem zweiten, im Februar erschienenen Album „Nicht raus, aber weiter“ so gut wie im Titelstück, in welchem die Band Themen Angst, Panikattacken und innere Konflikte (ohnehin alles Sujets, die sich durchs Album ziehen) aufgreift, oder im ruhigem „Hinter dem Mond„, in dem Bensmann und Co. das heikle Thema Rechtsruck auf ihre Art anpacken – anstatt eines wütenden „In-die-Fresse-Punk-Songs” als nachdenkliche Ballade mit Tiefgang. In anderen Songs jedoch (etwa „Angst ist ein Magnet“ oder „Wo immer du bist„) schlingern Hi! Spencer mit allzu vielen recht hohlen Phrasen und pathetisch-dickem Schmalz bedenklich nahe an das Nullsummen-Spiel-Niveau von Max Giesinger und Konsorten heran.

Alles in allem ist „Nicht raus, aber weiter“ ein zweischneidiges musikalisches Schwert mit recht vielen Tief- wie Höhepunkten. Ein kleines Ausrufezeichen, welches all jenen, die Jupiter Jones ebenso sehr vermissen und deutschsprachigen Indierock mit erhöhtem Pop-Faktor nicht scheuen, durchaus zu empfehlen ist. Nicht mehr, aber keinesfalls weniger.

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Trixsi – „Ab Morgen (Demo)“


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Foto: Promo / Lucja Romanowska Photography

„‚Typen von Herrenmagazin, Jupiter Jones, Love A, Findus – und all das zusammen in einem Raum mit Gitarren und Bass und Schlagzeug und all dem. Tja. Supergroup! Metaband! Hör mir auf. Was am Ende dabei rauskommt, das hat man sich jetzt aber gefälligst anzuhören, so viel Vorschuss sei von mir gewährt. Denn es darf angenommen werden, dass es nicht halb so schlimm ist, wie der ganze andere Mist.‘ (Carsten Köhner/Mathildas Musikbüro)

Lasst uns Namen droppen: Schlagzeug: Paul Konopacka (ex Herrenmagazin) / Bass: Klaus Hoffmann (Barner 16, ex Jupiter Jones) / Gitarre: Kristian Kühl (ex Findus) / Gitarre: König Wilhelmsburg (ex Herrenmagazin) / Gesang: Jörkk Mechenbier (Love A, Schreng Schreng & La La).
Dem Alter und der Milde geschuldet, geht es in dieser Zusammenrottung Hamburger Gewohnheitstrinker hier und da eher im Pixies- und Weezer-Midtempo zu Werke. Ein bisschen Schrägness, die dem Wunsch aller nach Abhebung vom gesamtdeutschen Einheitsgitarrenpopbrei die Hand reicht, blitzt manchmal auf – und doch kracht es hier und da, wenn sich ein flotter Punkklopper dazwischen schmuggelt. Über all diesen Wohlklang kräht dann stets Mechenbiers Stimme seine kritisch/humoristische Alltagsbewältigung in einem Deutschland voller Igel – sonst kann er ja auch nichts. Gottseidank. Ehrlicher Arbeiter-Rock, gespielt von kriminellen Faulenzern.“

Und siehe da: Trixsi, ebenjene frische „Supergroup“ und „Metaband“ aus „Hamburger Gewohnheitstrinkern“ mit Love A-Frontschwein Jörkk Mechenbier am Mikro, hat, „da der Trend ja in Richtung Zweit-, Dritt- oder auch Viert-Band geht“, nun mit der Demo-Version von „Ab Morgen“ eine erste, sehr feine Song-Hörprobe am Start. Lässt sich hören!

 

 

Rock and Roll.

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Die Angst, das alte depressive Arschloch


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…entnommen von Torsten Sträter:

 

Obwohl diese Zeilen „nur“ in irgendeinem gottverdammten Blog (der zufällig meiner ist, und in den seit 2012 viel Zeit, Gedankenarbeit, Schweiß, Herzblut, Liebe und Mühe geflossen ist), irgendwo versteckt im digitalen Dickicht, erscheinen, sind es wohl die, über die ich mir im Vorfeld die meisten und härtesten Gedanken gemacht habe. Denn all das hat wohl nur am Rande mit Musik zu tun. Dafür jedoch: verdammt nochmal mit mir! (Okay, fair enough – hat, speziell bei mir, nicht schlußendlich ALLES mit Musik zu tun?)

Monatelang habe ich gehadert, habe ich gezweifelt, ob ich darüber schreiben sollte. Wenn nein: Warum nicht? Wen belüge ich in diesem Fall? Die Welt da draußen? Alle, die mir nahe stehen? Gar mich selbst? Falls ja: Welche Worte sollte ich wählen? Was passt, trifft den Nagel auf den Kopf? Was wird dem gerecht, was ich fühle, wie ich mich fühle? Gehe ich damit zu weit? Verdammt, wie weit geht zu weit?

Ach, wisst ihr was? Scheiß der Hund drauf, einfach raus damit! Here. We. Go!

Depressive Angststörung.

Wer sich jetzt fragt, wieso der Esel, der sonst doch um keinen noch so langen Schachtelsatz, der Hitlers „Mein Kampf“ zumindest semantisch alle Ehre machen würde, verlegen ist, nun keinen einfachen Satz zustande bekommt, dem sei Folgendes gesagt: So lange ich mir hierüber auch das Haupthirn zermartert habe (und das waren so einige Monate) – ein passendes Satzkonstrukt habe ich nicht gefunden. Denn es standen nur folgende Kandidaten zur Auswahl:

„Ich leide unter einer depressiven Angststörung.“

Leide ich denn wirklich? Nein, denn an gefühlten 200 von 365 Tagen geht es mir wie dir, oder dem Typen, den du in der Straßenbahn gerade den Sitzplatz weggeschnappt hast (ich hab’s gesehen, also tu nicht so scheinheilig perfekt). Und doch stimmt etwas mit mir nicht – zumindest zu einem gewissen Maße. Klar, wer mir auf der Straße oder im Supermarkt entgegen kommen würde, würde all das kaum bemerken. Auch ich selbst habe bis weit in meine Dreißiger gebraucht, um dieser „alten Pottsau Angst“ auf die Schliche gekommen. Geholfen hat mir dabei das mutige Verhalten von Nicholas Müller, also dem Typen, der bis 2014 Sänger der deutschen Alternative-Punk-Band Jupiter Jones war, die Gruppe jedoch nach zwölf Jahren verließ, und mit seinem Ausstieg auch seiner Angststörung, „die ich nun beinahe ein Jahrzehnt mit mir herumschleppte, endlich am Kragen zu packen und ihr mal ordentlich den Marsch zu blasen“. „Oh, ein depressiver Musiker – so sensibel, so normal… Der soll sich mal nicht so anstellen! Andere haben schließlich echte, richtige Probleme!“, mag jetzt sicher mach eine(r) denken… Erwischt? Macht euch nichts draus, IHR SEID VIELE.

Und es ist ja auch wirklich so. „Depressionen sind der zweithäufigste Grund, warum jemand auf der Arbeit fehlt. Seit dem Jahr 2000 sind die Fehltage wegen Depressionen um fast 70 Prozent gestiegen.“ („Depressionsatlas“ der Techniker Krankenkasse, Januar 2015) Mehr als drei Millionen Menschen „leiden“ (da haben wir’s wieder) in Deutschland unter Depressionen. Und damit ist eben nicht das „Scheiße-drauf-sein“, was man mal an einen *hust* „schlechten Tag“ haben kann, wenn der favorisierte Fussballverein mal wieder in der Nachspielzeit das entscheidende Gegentor zur Niederlage kassiert hat, die Freundin ihre sprichwörtlichen „Tage“ und miese Laune schiebt oder der Chef mal wieder viel zu viel Arbeit auf den Schreibtisch gepackt hat, um sich selbst dann ins verlängerte Wochenende zu verabschieden, gemeint. Auch muss eine Depression nicht automatisch bedeuten, sich mit Pillen voll zu stopfen, um „irgendwie funktionieren“ zu können und am Abend Sicht gleich vom Hochhaus oder vor den nächsten Zug zu springen. Nein, die „Volkskrankheit Nummer eins“ kann so viele Gesichter, so viele Nuancen haben, wie es in diesem Land Nasen gibt.

„Ich habe eine depressive Angststörung.“

Habe ich das? Oder hat sie vielmehr mich? Nun, solange ich zurückdenken kann, ist sie ein Teil von mir. Denn so war ich schon immer: zurückhaltend, meist introvertiert, abwartend. Ich war schon als Kind nicht der Dreikäsehoch, der zuerst aufs Klettergerüst gestürmt ist, um als Erster die Spitze zu besetzen. Ich war nie derjenige in der Schule, der die meisten Freunde hatte und immer im Mittelpunkt stehen wollte. Ich war irgendwo dazwischen – kein Einzelgänger wie die, denen man am nächsten Tag einen Amoklauf mit gezückter Schrotflinte hätte andichten können. Aber auch nicht der, der am Ende des Schuljahres seinen Namen unter jedes Jahrbuch kritzeln musste. Ich hatte ein paar Freunde, blieb jedoch auch gern für mich. Am Ende meiner Schulzeit konnte ich den panzernden Schutzschild, den ich mir über die Jahre zugelegt hatte, zu meinem Vorteil nutzen, denn die Unsicherheit, die mir nach außen mal als „Coolness“, mal als „Arroganz“ ausgelegt wurde, kam bei den Mädchen freilich gut an…

Das hat sich auch bis heute kaum geändert. Auf Arbeit bin ich der Kollege, der selten um einen Spaß verlegen ist – meist gut gelaunt, meist selbstsicher. Auf der anderen Seite bleibe ich Veranstaltungen wie Firmenweihnachtsfeiern meist fern, oder gelte als erster Kandidat für einen „polnischen Abgang“. Warum? Nun, es gibt wenige Dinge, die ich mehr hasse als Smalltalk. Da kommt wohl wieder meine Unsicherheit ins Spiel. Ich stehe jemandem gegenüber, den ich nur oberflächlich kenne, und weiß einfach nicht, worüber es sich zu reden lohnt: Das Wetter? Die werte Familie? Den Job? Sport? Politik? Also lasse ich’s. Und schweige. Kennt wohl jede(r)… Unangenehme Situation, oder? Eben.

„Ich bin an einer depressiven Angststörung erkrankt.“

Ist ja auch Quatsch, denn obwohl Depressionen mittlerweile auch offiziell als Krankheit anerkannt sind, sind sie andererseits nicht wie ein Schnupfen oder eine Platzwunde. Beides mag zwar lästig und unangenehm sein, aber am Ende des Tages hat man doch die Gewissheit, dass sich die Rotznase oder die blutende Wunde bald wieder erledigt haben dürfte. Mit Depressionen und Angststörungen ist das eine ganz andere Geschichte…

Obwohl ich erst durch Nicholas Müllers „Coming Out“ mit der „alten Pottsau Angst“ das sprichwörtlich „Klick!“ machende Licht gesehen habe (später, 2015, hat der Mann, den ich für seinen Mut und seine Offenheit noch immer sehr bewundere, mit seiner neuen, aktuellen Band Von Brücken und dem ersten Album „Weit weg von fertig“ viele tolle Songs über die Thematik geschrieben und wird im Oktober, mit „Ich bin mal eben wieder tot: Wie ich lernte, mit Angst zu leben“, sein erstes Buch über den Kampf mit der Angst veröffentlichen, auf das ich mich sehr freue), waren all diese Gefühle immer da: die Zurückhaltung. Das Nachdenkliche, Introspektive. Die zermarternden Gedanken. Die Angst vor Schritten. Angst vor Veränderungen. Ich brauche Routinen. (Wer mag, darf’s, der Einfachheit halber, gern als eine „milde Form des ‚Rain Man‘-Autismus“ auffassen… passt für mich.) Alles andere macht mir Angst, bringt mich zum Schwitzen und mein Herz manchmal gar zum Rasen: Große Menschenmengen. (Ich fühle mich in der Anonymität von Großstädten wohl, bin jedoch lieber für mich.) Große Veränderungen (Umzüge, Jobwechsel etc. pp.). Unsicherheiten, sowohl was die Zukunft als auch was etwa Finanzielles betrifft. Anders als etwa Nicholas Müller, der sich zeitweise von einer subtilen Todesangst verfolgt fühlt(e), habe ich jedoch keine Angst vor dem Tod. Wie war das noch? So viele Nasen, so viele Formen der Depression…

Und da euch allen wohl gerade dieses Vorurteil unter den Nägeln brennt: Ja, auch ich denke oft genug an Selbstmord, kenne diesen „Auswegsgedanken“, seit ich 12 oder 13 Jahre alt bin, bedenke Möglichkeiten, Mittel und Wege. Einfach, damit all diese Mühsal ein Ende hat. Einfach, weil der Kopf und alles andere auch, nicht mehr will und gleich zu platzen droht. Damit dieser Druck in meiner Brust, in meinem Herz (beides ist kein bloßes Pathos, sondern tatsächlich vorhanden) leichter zu ertragen ist. Press replay. Erase and rewind. Da bin ich einfach nur ehrlich. Andererseits: Ich liebe dieses janusköpfige Leben mit all seinen Herausforderungen und Verheißungen. Und: Ich liebe die Musik. Die Vorfreude auf Neues hat mich, seit ich denken, hören und fühlen kann, im Hier und Jetzt gehalten. Jawollja: Ich habe nun bereits fast 34 Jahresrunden mit den Arschlöchern Depression und Angst geschafft – wer sagt denn, dass es nicht noch 34 weitere werden? Klar, Gewissheit kann mir keiner geben, und auch ich kann das nicht. Bleibt also nur, dieses Leben anzunehmen und das Beste draus zu machen – das Ende kommt noch früh genug. Oder?

Und auch den Spöttern, die jetzt kommen und meinen: „Der hat’s doch gut! Hat ein Haus, (s)eine kleine Familie, einen Job, ein Einkommen (auch wenn das gerade ausreicht, um ‚über die Runden zu kommen‘)… Der lebt in einem der sichersten Ländern der Welt und beschwert sich noch immer? First World Arschloch.“ Ich kann’s euch nicht verdenken, denn selbst ich habe ab und an diese Gedanken: Was berechtigt mich, mich gerade so elend zu fühlen, während anderswo auf der Welt Menschen hungern, im Krieg sterben und um ihre nackte Existenz und/oder ihre Familie bangen müssen? Andererseits habe ich mir all das auch nie ausgesucht. Ich bin, wie ich bin. Ich bin der, der ich bin. Lauft an einem dieser miesen Tage, an denen ich morgens kaum aus dem Bett komme und abends heulend zusammen gekauert wieder darin liege, ohne dass ich einschlafen kann, ein Mal für ein paar Kilometer in meinen Schuhen! Es ist doch so: All jene, die weder Depressionen noch Angstzustände kennen (ich möchte hier explizit nicht von „kranken“ und „gesunden Menschen“ schreiben, denn „krank“ fühle ich mich selbst nicht), werden es kaum verstehen (können). Nicht einmal meine eigene Freundin, der ich immerhin zuerst von all dem erzählt habe, versteht mich (oder will es nicht)! Keine Angst, ich nehme es keinem krumm…

Vielmehr liegt das Problem in unserer Gesellschaft verankert: Jede(r), der/die, und sei es auch nur ein klitzekleines Stückweit, von all den „Normen“, all den ausgesprochenen und unausgesprochenen „Regeln“ abweicht und – im Übrigen absolut menschliche –  Schwäche zulässt, wird für „krank“ und „unnormal“ erklärt und wie ein Aussätziger ausgegrenzt. (Was uns leider nur zu arroganten, uns selbst überschätzenden, destruktiven Tieren macht, denn im Tierreich sieht’s kaum anders aus.) In unserer ach so „modernen Leistungsgesellschaft“ gibt es nur eine goldene Devise: Funktionieren! Besser! Schneller! Weiter! Wer – aus welchem Grund auch immer – bei diesem perfiden Spiel nicht mehr mitmacht, der ist raus. Meist final, jedoch zumindest zeitweise. „Hier, nimm deine Pillen – morgen wird’s schon wieder gehen!“ Du darfst dir keine Schwäche erlauben, sollst brav deine Runden drehen und gefälligst die Regeln befolgen. Dass „Mensch zu sein“ auch heißt, nicht 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr immer aufs Eiserndste „funktionieren“ zu können, bleibt da als ungelesene Fußnote viel zu oft auf der Strecke.

Was will ich also mit all diesen Worten bezwecken? Zunächst einmal das, was ich nicht möchte: Mitleid, den ich bin kein Opfer. Häme, aus einem völlig unangebrachten Gefühl der „Stärke“ oder „Überlegenheit“ heraus. Unverständnis, um dieses heikle Thema ja nicht zu nah an sich selbst heran zu lassen. Oberflächlichkeit, um ja weiterhin (s)einem tagtäglichen Trott hinterher gehen zu können. Ich möchte, dass man mich versteht, und eventuell darüber nachdenkt, warum ich bin, wie ich bin. Warum ich so reagiere, wie ich eben reagiere. Die meisten hier werden mich zwar nicht (persönlich) kennen – und doch: AUCH ICH BIN VIELE. Und selbst, wenn ihr mich nicht kennt, dann habt ihr sicherlich den einen oder die andere in eurem Familien- oder Freundeskreis, dem es wohl genauso oder zumindest ähnlich geht wie mir. Und auch diese Person ist, übrigens ebenso wenig wie ihr selbst, eine Machine, die immer, gut geölt und geschmiert, „funktionieren“ muss. Erlaubt euch selbst und diesen Menschen Schwächen. Denkt darüber nach, was es heißt, „Mensch zu sein“. Zeigt Verständnis, zeigt Mitgefühl. Ob ihr am Ende des Tages jeden Gedanken, jedes Wort und jede Entscheidung des anderen zu einhundert Prozent nachvollziehen könnt, ist gar nicht die Frage. Aber man sollte es zumindest versuchen

Und auch wenn ich mit diesen Zeilen nicht das gleiche öffentliche Podium wie Nicholas Müller habe, so wäre das größte Kompliment für mich, den einen oder die andere unter euch zum Nachdenken gebracht zu haben. Zur Ehrlichkeit zu sich selbst gehört immer auch, dies nach Außen hin zu zeigen – koste es, was es wolle.

Ein kleiner Nachtrag an all jene, die mich persönlich kennen: Mit meiner Entscheidung, zu all dem hier in digitaler Form Stellung zu beziehen (die ich ganz bewusst und nach monatelanger Überlegung getroffen habe), will ich euch keineswegs vor den Kopf stoßen. Es ist nur einfach der Weg, den ich für mich gehen möchte, um all die Gedanken, welche mir – mal mehr, mal weniger bewusst – bereits mein gesamtes Leben auf der Brust lagen, auch ein Stückweit vom Herzen zu bekommen.

Das kam von Herzen, in Liebe und mit jeder Menge:

Rock and Roll.

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