Schlagwort-Archive: Judith Holofernes

Der Jahresrückblick – Teil 1


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Was für Musik braucht man in einem Jahr wie diesem? Solche, bei der die Halsschlagader wild pocht und der ganze gerechte Zorn auf die Welt ein brodelndes Ventil bekommt. Solche, die einem sanft über den Kopf streicht und einem die Hoffnung einhaucht, dass alles schon besser werden wird – irgendwann, irgendwie. Und auch solche, die einen in ihrer Euphorie einfach gnadenlos mitreißt, und einen – im besten Fall – alles andere – das Gute wie Schlechte – für Momente vergessen lässt. Zwischen diesen drei Fixpunkten ist in meiner Bestenliste der persönlich tollsten Alben des Musikjahres 2017 wenig zu finden, an den Endpunkten dafür umso mehr. Bühne frei und Vorhang auf für ANEWFRIENDs Alben des Jahres!

 

 

faber1.  Faber – Sei ein Faber im Wind

Man kennt ja die Vorurteile gegenüber Schweizern: Reserviert seien sie, irgendwie meinungslos (oder mit selbiger stets hinterm Berg haltend), geheimniskrämerisch und außen vor. Nun, all das trifft auf Julian Pollina eben nicht zu.

Oder zumindest auf dessen alter ego Faber. Dessen Songs weisen den Mann als distinguierten Trinker, Raucher, Macker und Lebemann aus, der auch – wenn’s der Kontext denn erfordert – schon mal markige Worte wie „ficken“, „blasen“ oder „Nutte“ benutzt, sich die Häute seiner Landsleute überstreift und ihnen – ganz nonchalant, ganz un-schweizerisch – im Zerrspiegel ihre häßliche Fratze aus von Angst getriebenem Fremdenhass, oberflächlicher Geltungssucht oder gelangweilter Medien- und Konsumgeilheit vorhält. Dafür, dass das Ganze – in Form der Songs des Debütalbums „Sei ein Faber im Wind“ – nicht zur enervierend-hochgestochenen Gesellschaftsschelte gerät, sorgt die feine Liedermacher-Rock-Instrumentierung, die mal zu den Norddeutschen von Element Of Crime, mal zum Chanson á la Jaques Brel oder Leonard Cohen, mal auch gen Balkan schielt. Insgesamt stehen Fabers Stücke mit all ihrer unangenehmen Bissigkeit und Direktheit, mit ihrem Willen zur Kritik und dem unbedingten Wunsch, Salz in halb geschlossene Wunden zu streuen, in bester Tradition meines persönlichen Jahreshighlights von 2015, dem Debütwerk von Adam Angst. Dass all die unterhaltsame Zeitgeistigkeit aus der Feder eines Mittzwanzigers stammt, ist einerseits erstaunlich und lässt ebenso auf weitere Großtaten von Faber und Band hoffen…

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brand new2.  Brand New – Science Fiction

Brand New – absolute Herzensband, spätestens seit dem 2006 erschienenen und bis heute und wohl alle Ewigkeit nachwirkenden Album-Monolithen „The Devil And God Are Raging Inside Me“. Und hätten all das lange Warten auf ein neues Werk (das vormals letzte Album „Daisy“ stammt von 2009), all das Kokettieren mit der eigenen Bandauflösung (vor einigen Monaten boten Brand New T-Shirts mit dem Aufdruck „2000-2018“ zum Kauf an), all die mysteriös in weltweite Netz gestreuten (Falsch)Informationen und einzelnen Appetithappen in Form von neuen Songs wie „Mene“ oder „I Am A Nightmare“ die letzten Fan-Jahre nicht schon schwierig genug gestaltet, bekam die Euphorie um das am 17. August in einer erstaunlichen Nacht-und-Nebel-Aktion (digital) veröffentlichte neue Album „Science Fiction“ bereits kurz darauf einen erheblichen Dämpfer.

Es passt wohl zum Jahr 2017 und all den Enthüllungen rund um #meetoo (wozu ich ja bereits unlängst meinen „Senf“ abgelassen habe), dass ausgerechnet einer Band wie Brand New, die ja Zeit ihres Bestehens einerseits um die Wahrung ihrer Privatsphäre auf der einen Seite (was wiederum die mysteriöse Aura ihrer Songs noch verstärkte) und größtmöglicher Fannähe auf der anderen Seite bemüht war, nun die Verfehlungen ihres Frontmanns vorzeitig das Genick brechen (werden). Stand heute hat das Alternative-Rock-Quartett aus Long Island, New York seit Oktober alle für Ende 2017 und Anfang 2018 geplanten – und wohlmöglich letzten – Konzerttermine abgesagt. Und ob Jesse Lacey, Vinnie Accardi, Brian Lane und Garrett Tierney überhaupt je wieder gemeinsam auf einer Bühne stehen werden, darf angesichts der Begleitumstände bezweifelt werden…

Die zwölf Songs von „Science Fiction“, das der Band überraschenderweise ihr erstes Billboard-Nummer-eins-Album überhaupt bescherte, hätten diese unrühmliche Nebenschauplatz-Promo freilich nicht nötig gehabt, bilden sie doch in Gänze all das perfekt ab, was Fans der Band bislang so faszinierend und mitreißend fanden: Stücke, die sich mal Zeit bis zur nicht selten plötzlichen Eruption nehmen, während andere wiederum diese komplett verweigern. Eine enorme stilistische Bandbreite an Musikalität und Einflüssen, die kaum noch etwas mit jenen Pop-Punk-Anfangstagen des 2001 erschienenen Debütalbums „Your Favorite Weapon“ gemein hat, sondern sich – vor allem auf den letzten Alben – vielmehr auf Post-Hardcore- und Indie-Rock-Szene-Favoriten wie The Jesus Lizard oder Neutral Milk Hotel bezog. Und Jesse Laceys enigmatische Texte, welche den geneigten Genau-Hinhörer und Lyrik-Goldgräber geradezu dazu einladen, sich via Reddit und Co. tagelang in ihnen und ihren tausendfachen Deutungswegen zu verlieren. Dass die Songs zwar deutlich reduzierter als noch auf dem wütend und (ver)quer um sich beißenden Album-Brocken „Daisy“ daher kommen und all die düsteren, geradezu apokalyptischen Schauer und Vorahnungen auch mal zur Akustischen anbieten (während die Band anderswo, wie im grandiosen Song-Doppel aus „137“ und „Out Of Mana“, mit Gitarren-Soli-Ausbrüchen aufwartet), beweist, wie sehr Brand New über die Jahre als Band gewachsen sind. Dass Lacey im finalen „Batter Up“ noch wiederholt „It’s never going to stop“ verspricht, dürfte zwar für die nach wie vor ungebrochene Anziehungskraft der Brand New’schen Stücke gelten, nicht jedoch für die Zukunft der Band. „Science Fiction“ ist ein leider definitiver Schwanengesang. Und zum Glück einer, dessen Wirkung auch über Jahre nicht nachlassen wird…

 

 

gisbert zu knyphausen3.  Gisbert zu Knyphausen – Das Licht dieser Welt

Das am sehnlichsten erwartete Album des Jahres. Mein liebster deutschsprachiger Liedermacher. Die Erwartungshaltung an das neue, dritte Album von Gisbert zu Knyphausen hätte – auch durch das vorab veröffentlichte Titelstück – kaum höher sein können…

Vieles hat sich seit dem letzten, 2010 erschienenen Werk „Hurra! Hurra! So nicht.“ verändert. Und am meisten wohl Knyphausens Sichtweise auf das Leben selbst. Schuld daran dürften vor allem der plötzliche Tod seines Freundes Nils Koppruch im Jahr 2012 (kurz zuvor hatten beide noch als Kid Kopphausen noch ein gemeinsames Album in die Regale gestellt) sowie Knyphausens darauf folgendes, selbstgewähltes zeitweises Verschwinden in die musikalische Versenkung, welches er fürs Reisen und Gewinnen neuer Perspektiven und Eindrücke nutzte, gewesen sein.

Herausgekommen ist mit „Das Licht dieser Welt“ ein Album, das dem melancholischen Grau des Vorgängers nun vermehrt lichtdurchflutete Anstriche verpasst und mit „Teheran Smiles“ und „Cigarettes & Citylights“ sogar erstmals englischsprachige Songs aus der Feder des Liedermachers enthält. Für all jene wie mich, die sich über die Jahre so tief und fest in die Melancholie der Vorgängerwerke eingelebt haben, mag der 2017er Gisbert zwar Einiges an Gewöhnungsbreitschaft erfordern, wer jedoch, wie bei „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, dem großen Tribut an seinen Freund Nils Kopproch, nicht mindestens ein Tränenlächeln im Mundwinkel sitzen hat, dürfte aus Stein sein. Willkommen zurück, Gisbert!

 

 

brutus4.  BRUTUS – Burst

Besser, effektiver, überraschender und ungewöhnlicher durchgerockt als das Trio aus dem belgischen Leuven hat mich 2017 keine Band. Nuff said. Hörbefehl!

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father john misty5.  Father John Misty – Pure Comedy

Joshua Michael Tillman ist schon ein eigenartiger Kauz. Erst setzt sich der US-amerikanische Musiker jahrelang bei anderen hinters Schlagzeug (unter anderem in der Begleitband von Damien Jurado oder bei den Fleet Foxes), veröffentlicht nebenher etliche Alt.Country-Kleinode, die – trotz ihrer Großartigkeit – freilich unter dem Radar liefen, um dann ab 2012 als Father John Misty den groß angelegten Alleingang zu wagen. Das brachte ihm und den galant zwischen Seventies-California-Rock und Dandy-Chanson pendelnden Songs der ersten beiden Alben „Fear Fun“ (2012) und „I Love You, Honeybear“ (2015) zwar den Ruf des Kritikerlieblings ein, die breite Billboard-Masse fühlte sich von der Reichhaltigkeit seiner Werke jedoch – scheinbar – überfordert.

Ob sich das mit „Pure Comedy“ ändert? Darf bezweifelt werden. Besonders was die Texte betrifft – sind auch 2017 die ein- wie ausladenden Stücke des Fathers alles andere als leicht verdaulich. Denn Tillman geht es um nicht weniger als den Nukleus aus menschlich-philosophischer Existenz, apokalyptischen Vorahnungen und gesellschafts- wie konsumkritischer Revueschau, musikalisch versetzt mit Piano-Pop á la Billy Joel oder verschrobenem Songwriter-Folk wie einst bei Gram Parsons. Darf’s ab und zu noch eine Schippe Orchester-Pomp oder dicke Big Band-Soße sein? Aber gern doch! Und so tänzelt Josh „Father John Misty“ Tillman während der 75 Albumminuten scheinbar spielerisch zwischen tonnenschwer-kritisch und unterhaltsam-federleicht. Zum Entertainment-Gesamtpaket gehören auch die teils weirden Musikvideos zu „Total Entertainment Forever“ (in dem der einstige Kinderstar Macaulay Culkin als Kurt-Cobain-Verschnitt ans Kreuz genagelt wird, während Tillman seinerseits den Ronald McDonald gibt), zum Titelstück (eine Collage als bildhafte politische Gesellschaftskritik), zu „Things It Would Have Been Helpful To Know Before The Revolution“ (ein wunderbar geratenes Animationsvideo) oder „Leaving LA“ (ein passend intimer Clip zum mantraartigen 13-Minüter, welcher den Father im Studio zeigt). Und als wäre das noch nichts, hat der scheinbar um Dauerbeschäftigung bemühte Kreativling „Pure Comedy“ noch ein 25-minütigen Kurzfilm zur Seite gestellt, bevor im kommenden Jahr bereits das nächste Album erschienen soll… Der allumfassende Wahnsinn.

 

 

einar stray orchestra6.  Einar Stray Orchestra – Dear Bigotry

Wer ein Prise zuviel an reichhaltig instrumentiertem Indiepop, mehrstimmigen Chören und hippie’esk duftendem Pathos nicht scheut, für den war (und ist) „Dear Bigotry“, das dritte Werk der zur Band angewachsenen Norweger des Einar Stray Orchestra, ein gefundenes Fressen.

Und: Kaum ein Song bringt auch Ende 2017 die bedrohlich schiefe Weltlage besser zum Ausdruck als „As Far As I’m Concerned“. Isso.

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julien baker7.  Julien Baker – Turn Out The Lights

Mit den Songs ihres 2015 erschienenen Debütalbums „Sprained Ankle„, die die oft spröde aufleuchtende Intimität eines Jeff Buckley mit der teils bitteren Melancholie eines Elliott Smith vermengten, setzte eine aus Memphis, Tennessee stammende junge Newcomerin namens Julien Baker gleich mehrere Ausrufezeichen.

Mit dem zweiten Album „Turn Out The Lights“ setzt die 22-Jährige nun diesen Weg fort. Und während sich der Großteil der Stücke des Debüts noch musikalisch auf ihrer Fender Telecaster abspielte, entlädt die Musikerin all ihren juvenilen Herz- und Weltschmerz auf dem Nachfolger vornehmlich auf den weißen und schwarzen Tasten ihres Pianos. Anders, jedoch keineswegs schlechter. Und immer noch herzerweichend intim, herzzerreißend groß.

 

 

kettcar8.  Kettcar – Ich vs. Wir

Mittlerweile sieht auch die Band selbst es so ehrlich: Mit dem 2012 erschienenen Album „Zwischen den Runden“ war – zumindest vorerst – die Luft raus.

Also legten die fünf Hamburger eine Bandpause ein, während derer sich ihr Chef Marcus Wiebusch auf seine Solo-Karriere konzentrierte und als Ergebnis das formidable Album „Konfetti“ (Platz 4 in ANEWFRIENDs Bestenliste 2014) veröffentlichte, auf dem der ehemalige …But Alive-Punker einmal mehr verstärkt die Finger in gesellschaftliche Fleischwunden legte.

Selbiges tun nun auch Kettcar wieder. Und spätestens mit dem ebenso großartigen wie ungewöhnlichen und wichtigen Song „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ weiß man, wie sehr diese Band und ihr Pathos, ihr mahnender Zeigefinger, ihr Nicht-damit-anfinden der bundesdeutschen Indie-Szene gefehlt hat…

 

 

burkini beach9.  Burkini Beach – Supersadness Intl.

Verschrobener Singer/Songwriter-Pop made in Germany. Was bereits 2015 als vielversprechender Geheimtipp begann, findet in diesem Jahr – und mit den zehn Stücken des Debütalbums „Supersadness Intl.“ – seinen vorläufigen Höhepunkt.

Hinter dem eigenartigen Bandnamen steckt – ganz frei von Glamour – Rudi Maier, einst Teil des bayrischen Indie-Rock-Duos The Dope (welches ja seinerzeit selbst nie über den Status eines Geheimtipps hinaus kam). Und zaubert mal eben Songs wie das längst bekannte „Luxembourg“ oder die faszinierende Bonnie-und-Clyde-Lovesory „Bodyguards“ hervor…

Einen Extrapunkt heimsen Burkini Beach für die schönste Albumverpackung ein: Zwar wurde das Debüt (bislang) nur digital veröffentlicht. Wer jedoch via Bandcamp für verhältnismäßig schlanke 15 Euro zuschlägt, bekommt zum Download-Code noch ein fein aufgemachtes, 48-seitiges Hardcover-Buch mit dazu. Toppy!

 

 

love a10. Love A – Nichts ist neu

Die wütenden Punkpopper um Frontmann Jörkk Mechenbier lassen auch 2017 mit ihrem mittlerweile vierten Album „Nichts ist neu“ nicht nach und machen ebenso unnachgiebig wie unnachahmlich beinahe genau da weiter, wo Love A mit dem formidablen Vorgänger „Jagd & Hund“ anno 2015 aufgehört hatten.

Die zwölf neuen Stücke schlagen sich durchs Feld des „Wir schaffen das!“-Palavers von Mutti Merkel oder der selbstgerechten Wutbürgerei von Petry, Gauland, von Storch, Höcke und Konsorten und bieten all jenen eine Stimme, die viel zu oft durchs gesellschaftliche Raster fallen. Da poltert das linke Punkerherz freudig-fies gegen den Takt, während Mechenbier schon wieder Gift und Galle spuckt! Wichtig.

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…und auf den weiteren Plätzen:

Gang Of Youths – Go Farther In Lightness

Roger Waters – Is This The Life We Really Want?

Noah Gundersen – WHITE NOISE

Lorde – Melodrama

Judith Holofernes – Ich bin das Chaos

 

 

Persönliche Enttäuschungen 2017:

the nationalThe National – Sleep Well Beast

Es bleibt zwar dabei: Auch im 18. Bandjahr können Matt Berninger und Co. kein wirklich schlechtes Album veröffentlichen. Allerdings muss ich ebenso feststellen, dass ich auch nach mehreren Hördurchgängen – und trotz dem ein oder anderen tollen Einzelsong wie „Day I Die“ oder „Carin At The Liquor Store“ – nie so ganz warm mit dem im September erschienenen siebenten The National-Werk „Sleep Well Beast“ werde. Dafür verfranzt sich die fünfköpfige Band aus dem US-amerikanischen Cincinnati, Ohio auf ihrem neusten Album einfach zu oft im halbgaren Experiment, welches jedoch – und da liegt wohl der musikalische Hund begraben – viel zu oft ins Nirgendwo führt. Da kann auch eine Weltstimme wie die von Matt Berninger nix mehr rausreißen…

 

 

casperCasper – Lang lebe der Tod

Ähnliches gilt auf für Casper, dessen letzten beiden Alben „XOXO“ und „Hinterland“ ja 2001 beziehungsweise 2013 noch in meinen persönlichen Top 5 landeten.

Doch mit „Lang lebe der Tod“, welches bereits 2016 erscheinen sollte, bevor der Wahl-Berliner „Emo-Rapper“ die Veröffentlichung schlussendlich um ein komplettes Jahr verschob, werde ich nicht so richtig warm. Klar, die Trademarks des gebürtigen Bielefelders sind noch immer da: Benjamin „Casper“ Griffeys raue Stimme, die mal dicke Instrumentierung aus der Studiokonserve, mal via rockigem Bandsound nach vorn gepeitschten Songs. Und, wenn man so möchte, sind auch die Stücke selbst, in denen sich Casper auf Missstände im Jetzt, draußen in der Welt, aber auch im eigenen seelischen Milieu konzentriert, gut. Aber eben nur: gut. Das Gesamtbild von „Lang lebe der Tod“ wankt irgendwie unrund daher. Hat sich die verlängerte Wartezeit hierfür gelohnt. Leider nein. Leider gar nicht.

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Teitur – „Home“


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Foto: Martin Dam Kristen

Wo ist zuhause, Mama? – Eine ebenso gute wie berechtigte Frage, die ein gewisser Johnny Cash bereits 1959, als dieser eine deutschsprachige Version seines Songs „Five Feet High And Rising“ aufnahm, stellte.

Where Is Home? – Diese Frage stellte sich Bloc-Party-Frontmann Kele Okereke 2007 anklagend und gar nicht mal so sicher, ob dieses latent nationalistisch, latent homophob geprägte England farbigen, obendrein homosexuellen Menschen wie ihm überhaupt ein sicheres Zuhause bieten könne: „We all read what they did to the black boy / In every headline we are reminded that this is not home for us“.

Was bitteschön ist eigentlich diese „Heimat“, die so viele von Geltungssucht und Hass getriebene, populistische Politikerpatrioten von Le Pen über Wilders und Höcke, die so viele dumpf-nationale Musikspacken (Frei.wild, Onkelz etc. pp.) für sich reklamieren? Ist es ein Stück Land, das von Zäunen oder einer imaginären Grenze umgeben ist? Sind es die Menschen, die in diesem Land wohnen? Die Bevölkerungsgruppe, deren Sprache man spricht, deren Werte und Gewohnheiten man teilt, zu der man sich selbst zählt? Sind es die eigenen vier Wände, in denen man sich „heimisch“ fühlt? Kann man diese „Heimat“ anfassen, gar sehen, schmecken, fühlen? Beginnt diese „Heimat“ im Außen oder erst tief im Inneren? So viele Fragen, so viele mögliche Antworten… Gibt es viele schlaue Sätze, gibt es viele Studien drüber. Und am Ende muss doch jeder für sich selbst wissen, wo genau dieses „Zuhause“, diese „Heimat“ denn ist.

0YsrzDP1Seine ganz eigenen Definitionen vom Gefühl der Heimat und des Sich-zu-Hause-Fühlens hat auch Teitur Lassen, seines Zeichens einer der berühmtesten Söhne der Färöer, dieser autonomen, zur dänischen Krone gehörende Inselgruppe im Nordatlantik zwischen den Britischen Inseln, Norwegen und Island. Dass den 40-jährigen Singer/Songwriter hierzulande trotz mehrerer toller Indiefolk-Alben (etwa „Poetry & Aeroplanes“ von 2003 oder „The Singer“ von 2008) und mehrerer Auszeichnungen (so erhielt Teitur bereits zwei Mal – jeweils 2007 und 2009 – den „Danish Music Award“, welcher in etwa als der „dänische Grammy“ gilt) nur Eingeweihte zu kennen scheinen, könnte auch daran liegen, dass Teitur aus einem kleinen, beschaulichen Land, dessen Schafzahl ohne Zweifel über der seiner Einwohner (knapp 50.000) liegt, stammt. Am ehesten dürfte sich der multiinstrumentale musikalische Tausendsassa jüngst als Kooperationspartner von Ex-Wir-sind-Helden-Frontdame Judith Holofernes in Erinnerung gerufen haben, denn immerhin war er es, der vielen Stücken ihres neuen Albums „Ich bin das Chaos“ auf die Beine half.

Wenn Teitur nicht gerade deutschen Musikerinnen beim Schreiben und Musizieren hilft (nebst Engagements für internationale Größen wie Seal, Corinne Bailey Rae, Emile Simon oder Ane Brun), mit Kumpels wie Nico Muhly groß angelegte Orchesterwerke ins Leben ruft oder mit seinem Hund durch die idyllische Einsamkeit der heimischen Färöischen Landschaft wandert, schreibt er selbst ganz wunderbare, einfach gehaltene Songs wie „Home“, die es einem gar nicht schwer machen, sich dreieinhalb Minuten zuhause zu fühlen.

 

 

Das Stück war auch Teil von Teitur Lassens Auftritt beim „TED Talk“ im März 2015, welcher im kanadischen Vancouver, BC stattfand:

 

„Home is the sound of birds early in the morning
Home is the song I always remembered
Home is the memory of my first day in school
Home is the books that I carry around
Home is a alley in a faraway town
Home is the places I’ve been and where I’d like to go

Home
Always gonna feel at home
No matter where I may roam
Always gonna find my way home
No matter how far I’m gone
I’m always gonna feel this longing
No matter where I might stay

Home is a feather curling in the air
Home is flowers in the window sill
Home is all the things she said to me
Home is the photo I never threw away
Home is the smile on my face when I died
Home is the taste of the apple pie

I’ve met a woman, she’s always lived in the same place
She said home is where you’re born and raised
I’ve met a man, he said looking out to the sea
He said home is where you wanna be
I’ve met a girl in some downtown bar
She said I’ll have whatever you’re having
And I asked her how come we never met before?
She said all my life I’ve been trying to get a place of my own

I’m always gonna feel at home
No matter where I may roam
Always gonna find my way back home
No matter how far I’m gone
Always gonna feel this longing
No matter where I might stay“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Judith Holofernes – „Der Krieg ist vorbei“


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Aber sicher, an Judith Holofernes streiten sich die Geister wie bei kaum einer anderen deutschen Künstlerin!

Und das war schon immer so. Als die heute 40-Jährige gemeinsam mit ihrer seit nunmehr fünf Jahren auf Eis liegenden Band Wir sind Helden anno 2003 mit dem Debüt „Die Reklamation“ und Songs wie „Guten Tag“, „Aurélie“ oder „Denkmal“ die deutsche Poplandschaft durcheinander wirbelte, wurde sie von vielen gefeiert, jedoch von kaum weniger Nörglern als neunmalkluge Nervensäge abgestempelt. Die notorisch kritischen Kritiker hatten bei Holofernes und ihren drei männlichen „Helden“ Jean-Michel Tourette (sic!), Mark Tavassol und Pola Roy (mit dem sie mittlerweile verheiratet ist) auch leichtes Spiel, schließlich boten die vier-Helden-Alben genügend Angriffsfläche um Judith Holofernes wahlweise als hippie’eske Öko-Triene, lyrische Blümchensex-Spießbürgerin oder als verkrampfter weiblich-bundesdeutscher Pendant-Versuch zu Bob Dylan abzustempeln. (Wem mehr Bezeichnungen einfallen – gern her damit!) Fakt ist jedoch auch, dass die mal aufrüttelnden, mal melancholischen Stücke der Helden bis 2012 ein breitgefächertes Publikum zusammen brachte, das auch heute noch seinesgleichen suchen dürfte: Teenager kurz vorm oder kurz nach ihrem Abitur, unbelehrbare Antifa-Altpunks, ewige Studenten (und deren Dozenten!), gestandene Familienväter und -mütter, piefig-spießige Jack-Wolfskin-Jacken-Träger, die das Logo ihrer ach-so-indie-Lieblingsband stets über der Schulter gehaltenen Leinenbeutel in die Welt hinaus schreien, Metal-Kutten-Träger – alle kamen sie, alle sprangen sie, alle lagen sie sich selig schluchzend in den Armen… (Okay, leicht idealisiert vielleicht – aber Bilder wie diese konnte man schon auf Konzerten der Helden beobachten.)

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Dass Judith Holofernes es ab 2014, als ihr Debüt „Ein leichtes Schwert“ erschien, auch solo versuchen würde, war nach dem potentiellen Ende der Helden zwei Jahre zuvor abzusehen.  Die Stücke selbst jedoch enttäuschten, war der Mix aus Pop gewordenem Blues, Weird-Folk und Schlock-Rock, um den Holofernes ihre zu oft zu gewollt auf Wortwitz und Klamauk getrimmte Lyrik sponn, doch vor allem eines: anstrengend. (Und das sage ich als großer Freund der meisten Helden-Songs!) Klar hatte die gebürtige Berliner Göre viel zu verarbeiten: das vorläufige Ende ihrer Band, das erste Kind, der damit verbundene nicht allzu stressfreie Alltag. Nur hatten die bratzig-rotzigen Stücke, die daraus resultierten, zu viel Überhöhung in Verbindung mit der durchaus kieksigen Stimme Holofernes (noch so ein Streitpunkt), ohne dass irgendetwas groß hängen blieb. Gerade im Vergleich mit dem tollen, 2010 veröffentlichten letzten Helden-Album „Bring mich nach Hause“ konnte die passionierte Tiergedichteschreiberin damit fast nur baden gehen… Shit happens.

Umso schöner ist, dass Judith Holofernes‘ im März erschienenes zweites Solo-Werk „Ich bin das Chaos“ eine Rückkehr zu alter (Helden-)Form darstellt und all das, was man schon zu Bandzeiten so toll, so anders, so mitreißend fand, wieder an Bord hat: die nach vorn polternden Poprocksongs, die wehmütig-schlauen Balladen. So ist das Titelstück ein ungezwungener Mitwipper, rennt „Charlotte Atlas“ dem flotten „Aurélie“ hinterher, pochen bei „Das Ende“ die Anfangstage á la „Die Reklamation“ an die WG-Tür, während der Saloon-Pop von „Unverschämtes Glück“ auch auf dem zweiten Helden-Album „Von hier an blind“ gut aufgehoben gewesen wäre.

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Alles nett bis prima, in den Schatten gestellt werden die anderen neuen Stücke, bei deren Entstehung Holofernes Hilfe vom färöischen Singer/Songwriter Teitur Lassen bekam, jedoch von zwei klassischen Balladen, über deren Güteklasse man – mal wieder – nur staunen mag. So ist „Der letzte Optimist“ ein unterschwellig depressives Lied aus einer bemerkenswert desolaten Perspektive: Jemand, der immer an das Gute glaubt, liegt am Boden, die Lage ist dermaßen aussichtslos, dass die Polizei nicht einmal einen Grund zur Verhaftung sieht. Judith Holofernes singt erst so tief wie nie, dann kiekst sie – und es klingt wie das letzte Stückchen Würde, das sich schließlich in genau den Satellitenschrott auflöst, der im Himmel die Idee des Lieben Gottes (oder vonwemauchimmer) verdrängt. Wunderschön traurig? Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – bei Holofernes‘ lyrischem Gespür oft innerhalb von ein, zwei Minuten möglich.

Und es geht noch besser: „Der Krieg ist vorbei“ taucht ohne Vorwarnung in einer Reihe mit Elvis Costellos „Shipbuilding“ und „Peace In Our Time“ oder Billy Braggs „Rumours Of War“ auf. Songs über den Krieg sind auch im Jahr 2017 schwierig – zu offensichtlich ist der Schrecken, zu feige die Perspektive, wenn man sie aus einem Land heraus schreibt, das zwar weder die Schrecken noch die „Altlasten“ ganz vergessen hat, in dem andererseits aber die letzte Bombe vor 72 Jahren vom Himmel fiel. Judith Holofernes wählt als Ausgangspunkt jedoch den Moment, an dem der Krieg vorbei ist. Aus dem Radio tönt ein „Hallelujah“, der Frieden ist da, aber natürlich hat der Krieg etwas angerichtet: „Vor jedem Mauseloch sitzt ein fetter Kater / In jedem Haus hier wird ein toter Mann Vater / Ein Einkaufszentrum in jedem Krater / Sagt in leuchtenden Neonlettern: ‚Schau, alles blüht!‘ / Auch wenn die Asche noch glüht.“ Am Ende, nachdem sich das Stück vom stillen Mahnmahl, welches auch sinnbildlich für das Ende einer Beziehung stehen könnte, höher und höher in klangliche Sphären geschraubt hat, bleibt Judith Holofernes ein letztes Seufzen: „Der Krieg ist vorbei – zwei, drei, vier, was machst du noch hier?“ Gänsehaut. Weltklasse. Judith Holofernes mag die kritischen Geister zum Streiten bewegen, bleibt jedoch unbestritten eine der besten deutschen Songschreiberinnen.

 

In Ermangelung eines Direkt-Links zur Album-Version des großen „Der Krieg ist vorbei“ gibt es den Song in der reduzierten „mdr KULTUR Studiosession„-Variante (was an diesem Tag mit Holofernes‘ Stimme los gewesen sein mag, weiß die Dame wohl nur selbst)…

 

…sowie als YouTube-Live-Mitschnitt vom diesjährigen Konzert im Kölner Gloria Theater:

 

„Sie setzen Geranien vor vernagelte Scheiben
Das mit den Fenstern wird wohl erstmal so bleiben
Man muss ja nicht seh’n, was die Ander’n so treiben
Ein paar von den Leuten, die hier wohnen seit Jahr’n
Sind nicht so, wie sie mal war’n

Sie trinken Tee aus zerbrochenen Tassen
Man muss manchmal einfach laufen lassen
Und nur wie für die, die an den Wänden verblassen
Sagen sie: ‚Schaut, vor dem Haus wird wieder gefegt!‘
Bevor der Staub sich noch legt

Sie bau’n neue Türen in ihre wandlosen Zimmer
‚Immer nur jammern würde alles verschlimmern‘
Sagt die Frau aus dem Dritten, und sucht in den Trümmern
Nach einem Radio für ihren Balkon
Sie sagt, sie mag diesen Song

Und jedes Radio spielt ein Hallelujah
Der Krieg ist vorbei

Und ich weiß nicht, wie man aufhört
Nur wie man anfängt
Nicht wie man aufhört
Nur wie man anfängt

Jedes Radio sagt ‚Hey, was machst du da?
Der Krieg ist vorbei
Zwei, drei, vier…
Was machst du noch hier?‘

Vor jedem Mauseloch sitzt ein fetter Kater
In jedem Haus hier wird ein toter Mann Vater
Ein Einkaufszentrum in jedem Krater
Sagt in leuchtenden Neonlettern: ‚Schau, alles blüht!‘
Auch wenn die Asche noch glüht

Ein räudiger Bär tanzt in rasselnden Ketten
Er führt die Parade derer, die noch zu retten sind
Sie tragen die ander’n in ihren Betten
Und der mit dem Megafon sagt: Alles muss raus
Und malt ein Kreuz an mein Haus

Und der im Radio sagt ‚Hey, was machst du da?
Der Krieg ist vorbei.‘

Er sagt: ‚Komm, lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!

Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!

Nimm meine Hand, meine Hand, meine Hand…‘

Weiß nicht, wie man aufhört
Nur wie man anfängt
Nicht wie man aufhört
Nur wie man anfängt

Und jedes Radio spielt ein Hallelujah
Der Krieg ist vorbei
Zwei, drei, vier…
Was machst du noch hier?“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Dorit Jakobs – „Erwarte nicht zu viel“


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„Ihr wart nie wirklich glücklich / Und ich traf nie wen, der es ist / Die Welt ist nicht richtig offen / Die Türen erstmal verschlossen / Die meisten Menschen sind nicht freundlich und nicht klug / Warum habt ihr mir nicht gleich gesagt / Warum habt ihr mir nicht gleich gesagt / Erwarte nicht zu viel“

Wer Zeilen wie diese vom Stapel lässt, dem wird schonmal gern gepflegter Lebenspessimismus unterstellt. Allerdings greift das vor allem bei „Erwarte nicht zu viel“, einem der ersten akustischen Lebenszeichen von Dorit Jakobs im weltweiten Netz, viel zu kurz. Dorit who? Nun, obwohl die gebürtig aus Bremerhaven stammende Anfangsdreißigerin in Vorprogrammsplätzen von Künstlern wie Kristofer Åström, Bernd Begemann, Maike Rosa Vogel, Patrick Richardt oder – jüngst – Kettcar-Fronter Marcus Wiebusch bereits das ein oder andere Hörerherz erobern konnte und dann und wann auch mal allein kleinere Hamburger Bühnen bespielt, dürfte ihr Name selbst im deutschsprachigen *hust* „Liedermacherkosmos“ bislang bei den Wenigsten ein Glöckchen zum Klingen bringen. Gut, dass sich ihr Label DevilDuck Records da schonmal in einer knappen Einordnung versucht: „Ihre Heldinnen waren die großen Frauen der 90er und 80er (Morissette, Vega, DiFranco), den Kick, auf Deutsch zu singen bekam sie von so verschiedenen Künstlern wie Wir sind Helden, Kettcar, Bernd Begemann, Die Höchste Eisenbahn.“ Denn in der Tat klingt Jakobs wie eine junge, weniger aufgedrehte Version von Helden-Frontfrau Judith Holofernes, hat ebenso deren Melodiegespür auf dem Kasten wie das persönlich-mildweise Sendungsbewusstsein der Hamburger Jungs von Kettcar. Und wenn Dorit Jakobs am Ende Zeilen wie „Was würd‘ ich heute anders machen / Hätte ich ein Kind / Wie ich es war / Wie ich es bin? / Ich würd‘ ihm sagen: / ‚Da gibt es so viel Reichtum / Da gibt es soviel Freude / Und etwas davon ist ganz bestimmt für dich / Doch um Himmelswillen, erwarte nicht zu viel'“ nachschiebt, verleiht sie „Erwarte nicht zu viel“ eine rationale Milde, die Song und Hörer – aller Fluffigkeit zum Trotz (Popaffinität war ja noch nie wirklich schädlich) – mit einem geerdeten Grundgefühl zurücklässt…

 

 

Wer übrigens mehr über Dorit Jakobs erfahren möchte, findet in dieser Künstlervorstellung auf pop-polit.com vom vergangenen Jahr einiges an Infos…

 

Rock and Roll.

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Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Video- und Songneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

Haim – If I Could Change Your Mind

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Neues von der Front der drei Haim-Schwestern Alana, Danielle und Este gibt es in Form des Musikvideos zur neuen Single „If I Could Change Your Mind“, in welchem das Trio dem Song in bester Seventies-Studioatmosphäre und mit fein einstudierten Tanzschritten den – falls noch benötigten – Beweis nachreicht, dass Haim eben genauso sehr vom Westcoast-Rock á la Fleetwood Mac beeinflusst wurden wie von Girlgroup-R’n’B der Güteklasse TLC oder Destiny’s Child – oder wie’s die Vogue ausdrückt: „stripped-back nu-folk–meets–nineties-R&B-pop“. Als individuelle Single lässt sich das freilich super durch die Gehörgänge spülen, auf Albumlänge (man höre das im vergangenen Jahr erschienene Debüt „Days Are Gone„) wirkt die Indiepop-Melange jedoch leider etwas weniger homogen. Wenn ihr mich fragt: Dann doch lieber die Rockismen der Haim’schen Liveshows…

 

 

 

Judith Holofernes – Ein leichtes Schwert

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Ganz ähnlich verhält es sich auch bei „Ein leichtes Schwert„, dem Solo-Debüt von Wir sind Helden-Frontfrau Judith Holofernes. Denn obwohl ich als Fan des letzten Albums ihrer Stammband („Bring mich nach Hause„, von 2010), auf welchem die heute 37-jährige „Heldin“ besonders mit großen Melancholieanklängen glänzte, Holofernes‘ – freilich längst überfälligem – Alleingangserstling mehr als wohlwollend gegenüber stand, so tat sich doch beim ersten, beim zweiten, bei dritten Durchgang: herzlich wenig. Zwar hat das Album auch seine Glanzlichter – etwa „Brennende Brücken“ oder das große „Havarie“ -, im Gros überwiegt jedoch das lyrische Einerlei aus geschildertem Windelchaos, Dada-Textlego und großstädtischer Latte-Machiatto-Poesie, zu welchem Frau Holofernes – man mag’s Selbstironie nennen – die Argumente für’s sympathische Scheitern auf hohem Niveau gleich selbst liefert: „Als du keine Brüste hattest / Warst Du eine coole Sau / Seit du dir der Brust bewusst bist / Bist du lieber eine Frau“ (aus „Platz da“).

Nichtsdestotrotz ist das Musikvideo zum Titelstück des Album äußerst niedlich geraten: Holofernes kämpft sich im Ritterkostüm und mit Stoffpferdchen durch den Berliner Großstadtdschungel – „Where The Wild Things Are“ meets „Der Himmel über Berlin“. Und die Holofernes’sche Melancholie fährt in der S-Bahn nebenher.

„Gib‘ mir ein leichtes Schwert für meine schwere Hand / Eins das führt, wenn ich folge und folgt, wenn ich führe…“

 

 

 

Damon Albarn – Lonely Press Play

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Auch Damon Albarn ist als dauerbeschäftigter On/Off-Frontmann der Britpop-Institution Blur, als audiovisueller Kopf der Gorillaz, als singender Vorstand der Allstar-Band The Good, The Bad & The Queen, Opernkomponist oder Weltmusik-Weltenbummler quasi auf Jahre hin gut und ausfüllend beschäftigt. Eventuell mag das der Grund sein, wieso der 45-Jährige – nach immerhin mehr als zwanzig Jahren im Musikgeschäft – erst jetzt auch unter eigenem Namen den Solo-Auftritt startet. Bevor das Debütalbum „Everyday Robots“ im April erscheint, schickt Albarn mit „Lonely Press Play“ einen weiteren Song voraus (den Titelsong und „Photographs (You Are Taking Now)“ gab’s bereits zu hören). Und der erinnert mit seinen stimmungsvollen Bildern einer Japan-Tour und der sanften Instrumentierung – im besten Sinne – frappierend an die große Entschleunigungshymne „Out Of Time“ vom bislang letzten, auch schon wieder elf Jahre zurückliegenden Blur-Album „Think Tank„…

 

(Alternativ kann man sich das Musikvideo zu „Press Lonely Play“ auch via Vimeo anschauen…)

 

 

Band Of Horses – Heartbreak On The 101 (live on the Hollywood Sign)

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Dass Seattle in der Vergangenheit nicht nur kulturell wertvolle Grunge-Heroen wie Nirvana oder Pearl Jam, sondern auch tollen Southern Indierock hervor brachte, dürfte spätestens seit 2004 durch das Quintett Band Of Horses bekannt sein. Dass sich die Vorliebe für deutsche Basketballspieler und das Tragen von Stetson-Hüten und waschechten Cowboy-Boots keineswegs ausschließen, ebenso. Und überhaupt hat sich die Band um Sänger und Frontmann Ben Bridwell mit Evergreens wie „The Funeral“ und „No One’s Gonna Love You“ längst unsterblich gemacht… Nach vier Alben kann man sich durch das kürzlich erschienene „Acoustic at the Ryman“ nun auch einen akustischen Eindruck von den Live-Qualitäten der Band verschaffen.

Und auch das Musikvideo zu „Heartbreak On The 101“, welches im Original vom letzten, 2012 veröffentlichten Studioalbum „Mirage Rock“ stammt, passt irgendwie wunderbar ins Klangbild der Band Of Horses, dienten doch ausgerechnet die weltbekannten Hollywood-Buchstaben von Los Angeles als Kulisse…

 

 

 

Manchester Orchestra – Top Notch + Every Stone

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Groß, mächtig, pathetisch – all diese Begriffe konnte man in der Vergangenheit auch auf die Songs und Alben von Manchester Orchestra anwenden. Dass die Band aus Atlanta, Georgia mit dem vierten, im April erscheinenden Album „COPE“ nicht eben eine 180-Grad-Wende begehen würde, dürfte als gesichert gelten. Nachdem es den ersten Vorgeschmack „Top Notch“ bereits als Song zu hören gab, reicht die Band nun ein Musikvideo nach, zu dem Frontmann Andy Hull folgende Worte fand: „The song is about two brothers trying to escape a fire. We tried to create something that told less of an immediate story and caused more of a gut reaction. Something to be interpreted without laying it all out in front of you. It’s also quite terrifying. Like somebody was digging and found this VHS artifact in the ground.“ 

 

 

Zur Überbrückung der Wartezeit bis zum Erscheinen des Albums geben Manchester Orchestra allen Freunden und Fans mit einem kurzen Making Of noch einen Einblick in den Schaffensprozess von „COPE“ und lassen mit dem Dreieinhalbminüter „Every Stone“ sogar noch einen weiteren Song des Albums aufs weltweite Netz los…

 

 

Sophia –  It’s Easy To Be Lonely

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Auch Robin Proper-Sheppard und seine One-Man-Show Sophia zeigen sich in Geberlaune. Dabei war es – zumindest veröffentlichungstechnisch – sehr lange ruhig um die Band, immerhin liegt das letzte Album „There Are No Goodbyes“ bereits satte fünf Jahre zurück. Nun meldet sich Proper-Sheppard mit dem Song „It’s Easy To Be Lonely“, der, wie vergangene Großtaten auch, mit sehr viel Gefühl und Melancholie auf sanften Pfötchen daher schlurft, zurück. Im März stehen für Sophia erst einmal drei Shows in Belgien an, die die Band gemeinsam mit den Schweden New Found Land spielen wird. Wann genau der Nachfolger zu „There Are No Goodbyes“ erscheinen wird, ist im Moment noch nicht klar. Auch über Artwork und Titel hält sich Proper-Sheppard bisher bedeckt. Eines ist jedoch sicher: das sechste Sophia-Album ist auf dem Weg. Und bis dahin kann man sich „It’s Easy To Be Lonely“ auf der reichhaltigen Bandcamp-Seite zu Gemüte führen und bei Gefallen sogar kostenlos aufs heimische Abspielgerät laden…

 

 

Rock and Roll.

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Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Video- und Songneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

Bruce Springsteen – High Hopes (2013 Version)

high hopes 2013

Der Mann macht zum Herbst seiner Karriere noch mal so richtig Dampf… Zumindest gefühlt liegt die Veröffentlichung des letzten Springsteen-Albums – „Wrecking Ball“ erschien im März vergangenen Jahres – noch nicht all zu lange zurück, da kündigt der „Boss“ bereits das nächste an. Wobei man bei „High Hopes„, dem am 10. Januar erscheinenden 18. Studioalbum Springsteens, wohl kaum von einem komplett „neuen“ Album sprechen kann. Vielmehr versammelt das nimmermüde US-amerikanische Heiligtum darauf zwölf Stücke, die er in kleinen Tourneepausen irgendwo zwischen New Jersey, Los Angeles, Atlanta, Australien und New York City aufnahm, und welche in Gänze einen Mix aus neuem Material, Covern und Neufassungen eigener Songs ergeben. So dürfte etwa das titelgebende Stück eingefleischten Fans bekannt vorkommen, immerhin gab es „High Hopes“, ein Cover der LA-Band Havalinas, in einer früheren Version bereits 1996 auf der „Blood Brothers EP“ zu hören. Auch „Dream Baby Dream“, Springsteen gelungene Variante eines Suicide-Stückes, wurde in anderer Form bereits vor zehn Jahren veröffentlicht. Und „High Hopes“ dürfte auch für Freunde der Polit-Rocker von Rage Against The Machine interessant werden, immerhin ist Gitarrist Tom Morello auf einem Großteil der Songs als Gastsaitenschwinger mit von der Partie – natürlich ebenso wie Springsteens E Street Band…

Wer wissen möchte, was Springsteen selbst zur anstehenden Veröffentlichung von „High Hopes“ zu sagen hat, findet hier mehr Informationen.

 

 

 

 

Judith Holofernes – Liebe Teil 2 (Jetzt erst recht)

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Das alte Spiel: An einer Band wie Wir sind Helden scheiden sich bereits seit deren unvermitteltem Einschlag in die bundesdeutsche Poplandschaft – man erinnere sich an das rotzfreche Liedchen „Guten Tag“ aus dem Jahre 2003 – die musikalischen Gemüter. Mir selbst war die selige Melancholie, die sich vor allem durch die letzten Alben der Band zog, stets lieber als die irgendwie aufgesetzt protestige Gute Laune der Anfangszeit. Und doch braucht jede Gruppe auch mal eine Auszeit… Klar kann man die dann etwa zur Familiengründung nutzen. Doch selbst der schönste Berliner Kinderspielplatz wird wohl irgendwann zu langweilig… Also beschloss Wir sind Helden-Frontfrau Judith Holofernes, dass es nach der ein oder anderen Kollaboration (zum Bespiel mit der Höchsten Eisenbahn) Zeit für’s erste Soloalbum sei: „Ein leichtes Schwert“ wird ab dem 7. Februar 2014 in den Läden stehen, schon jetzt kann man sich mit „Liebe Teil 2 (Jetzt erst recht)“ einen ersten Vorgeschmack darauf holen, wie Judith denn ohne ihre drei männlichen „Stammhelden“ so klingt. Und auch für alle Helden-Hasser dürfte das dazugehörige Musikvideo ein wahrer augenzwinkernder Augenschmaus sein, immerhin lässt sich die 37-jährige Musikerin darin von zwei kleinen Engeln (!) aufs Übelste zurichten…

 

Hier gibt’s das Video zu „Liebe Teil 2 (Jetzt erst recht)“…

 

…und das Making Of:

 

 

Metric – Mother

metric

Dass die Kanadier von Metric nicht nur die großen Indiediskostampfer, sondern auch die ganz ruhigen Töne aus dem Effeff beherrschen, hat die Band in ihrer langjährigen Karriere bereits in unzähligen Sessions, in denen sie sich selbst einfach mal den elektrifizierten Stecker zog und ihre Songs in abgesteckten Akustik-Versionen darbot, bewiesen. Kürzlich machten Metric in den New Yorker Magic Shop Recording Studios Halt, um ihre Variante des bewegenden John Lennon-Songs „Mother“ aufzunehmen und sich selbst als versierte Beatles-Fans zu outen. Für die Coverversion setzte sich Gitarrist James Shaw an Piano und Mikrofon, während die eigentliche Frontfrau Emily Haines lediglich die Backing Vocals beisteuerte…

 

Hier gibt die Metric-Variante von „Mother“ in Bild…

 

…und Ton:

 

 

Kanye West – Bound 2

bound 2

Wer heutzutage im HipHop-Geschäft noch etwas reißen mag, der sollte gefälligst auch wirklich etwas zu bieten haben. Denn längst ist der mit Beats und Rhymes beladene Rap-Express in Richtung der Reime-Kolchose Odd Future Wolf Gang Kill Them All, welcher unter anderem so kontroverse Künstler wie Tyler, The Creator, Earl Sweatshirt oder Frank Ocean angehören, nach Los Angeles weiter gezogen – da kann sich jemand wie „Hova“ Jay Z (Mann besteht neuerdings auf die Entfernung des Bindestrichs!) noch so fest an seinen sicher geglaubten Klassenbestenthron ketten, da kann das Milchbrot Eminem mit dem unlängst erschienenen „The Marshall Mathers LP 2“ noch so verzweifelt versuchen, an die – künstlerisch wie kommerziell – erfolgreichen Anfangstage anzuknüpfen…

Nur einer lebt noch immer in seiner Welt des überhöhten Selbstverständnisses: Kanye West. Klar, wer mit einem Society-Sternchen wie Kim Kardashian anbandelt, dem gemeinsamen Kind ernsthaft den Namen North (also: North West!) gibt und sich in künstlerischem Sinne auf Augenhöhe mit Visionären wie Picasso, Walt Disney und Steve Jobs sieht, der darf – in welchem Sinne auch immer – schon als höchst besondere Persönlichkeit gelten. Natürlich beweist das der 36-jährige Rap-Star immer wieder aufs Neue, ob nun mit besonders weinerlichen Autotune-Veröffentlichungen (das beinahe gänzlich aus der Spur geratene vierte Album „808s & Heartbreak“ von 2008), indem er Megalomanie auf bedeutsame Megalomanie schichtet (das noch immer auf bescheuerte Weise großartige „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ zwei Jahre darauf), indem er sich mit Buddy Jay Z zum Aufsehen erregenden Gipfeltreffen begibt (das gemeinsame Album „Watch The Throne“ von 2011) oder dem verdutzten Zuschauer seiner Musikvideos mal eben alles an optischen Reizen vor den Latz knallt, was man in der Kürze der Zeit für Abertausende von Dollar gerade so kaufen konnte (man schaue sich zum Beweis den „lediglich“ 35-minütigen Protz-Overkill „Runaway„, einen kaum als Kurzfilm – eher: Kunstfilm – zu titulierenden Geniestreich zu „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“, an). Dass Wests aktuelles Album „Yeezus“ (!) einerseits zwar mit für seine Verhältnisse recht konventionellem HipHop aufwartet, andererseits zwischen den Zeilen erneut abseitige Größe beweist, dürfte klar sein. Der Mann ist schließlich um keinen Superlativ verlegen…

Und: Auch West versteht es wie kaum ein Zweiter, immer und immer wieder für mediale Schlagzeilen zu sorgen. Ob nun durch seine Beziehung mit Kardashian, die ein oder andere kontroverse und/oder schwulenfeindliche Äußerung oder den allseits bekannten Größenwahn. Neuerlich mag es Kanye West aber wohl besonders plakativ. Wie anders ließe sich das Musikvideo zur neusten „Yeezus„-Auskopplung „Bound 2“ deuten, in welchem zuerst Pferde durch eine uramerikanische Kulisse stapfen, bevor West erscheint, um seine (Beinahe-)Angetraute während einer Motorradfahrt (!) und unter freiem Himmel (!) mit dem (wohl ebenso megalomanischen) „Mini-West“ zu beglücken? Klischees aus der Ramschkiste, die direkt auf die Frontseite der Klatschmagazine abzielen… Erfreulicherweise ist ein Video wie dieses natürlich auch ein gefundenes Fressen für Parodien. Und wenn sich dann sogar Schauspielgrößen wie Seth Rogen und sein Kollegenkumpel James Franco dazu hinreißen lassen, höchst ironisch und überzeugend die Parts von West und Kardashian zu übernehmen, dann ist das Ergebnis ebenso lustig wie Aufsehen erregend… Kanye West dürfte das nur recht sein. Und wie man unlängst hörte, mochte er die Parodie seiner parodistischen Selbstdarstellung durchaus…

Hier gibt’s das Original…

 

…und die Parodie:

 

Und da beliebte Internetscherze im virtuellen Zeitalter selten unter sich bleiben, musste man logischerweise selbst auf die Parodie der Parodie nicht lange warten:

 

 

Rock and Roll.

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