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Auf dem Radar: Aïcha Cherif


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„Wenn Lianne La Havas und Jeff Buckley ein Kind zeugen würden…“ – Dieser bildlich-akustische Vergleich, welcher den interessierten Neu-Hörer, der sich eben erst mit der Musik von Aïcha Cherif vertraut machen möchte, von überall her anspringt, hinkt – bei aller Liebe zu einer gut gewählten Assoziation – dezent. Zum einen ist die ins musikalische Spiel gebrachte englische Folk- und Soul-Sängerin Lianne La Havas – so einiger toller Alben in den letzten Jahren zum Trotz – selbst erst über den Status des Indie-Geheimtipps hinaus, zum anderen hat der unabdingbar ewig große Jeff Buckley bereits am 29. Mai 1997 sein letztes „Hallelujah“ (oder meinetwegen auch „Whole Lotta Love“) gesungen, als er sich fatalerweise entschloss, im Wolf River baden zu gehen. Ein „Kind“ dieser beiden Künstler ist also – den eh bereits jenseits von marginal befindlichen Altersunterschied von 23 Lenzen lassen wir da mal außen vor – höchstens einen rein theoretischen Sekundengedanken wert…

Aber natürlich ist die Assoziation hier König. Oder, von mir aus: Königin. Denn in der Tat klingt in den Songs von Aïcha Cherif – und das vor allem live und auf Bühnenbrettern, denn da scheint die talentierte Newcomerin aus dem südholländischen Limburg in den letzten Jahren, und nach der Veröffentlichung der „Change EP“ im Jahr 2016, die Bandchemie mit ihren zwei Männern (Daan Gooren am Bass, Yannick Bovens am Schlagzeug) noch verfeinert zu haben – viel von jener schelmisch-süffisanten, melancholischen Blues-Schere eines Jeff Buckley und auch eine gute Prise des Souls und der Funkyness an, mit denen Lianne La Havas für gewöhnlich ihre Stücke würzt.

All das hat der Anfangszwanzigerin aus Maastricht in den letzten Jahren bereits einige nationale Preise und Vorschusslorbeeren eingebracht, während sie in diesem Jahr beim Pinkpop Festival quasi ein Heimspiel geben und sicherlich noch einige Zuhörer mehr von sich überzeugen wird…

 

Ein guter erster Anhaltspunkt, um sich vom zweifellos vorhandenen Talent – sowohl an den Saiten als auch am Gesang – von Aïcha Cherif zu überzeugen, sind die zahlreichen Live Sessions, welche sich via YouTube finden lassen. Etwa diese…

 

…oder diese (welche auch ein Interview enthält, für welches man allerdings der holländischen Sprache mächtig sein sollte):

 

Wer lieber die Studiokonserve vorziehen mag, dem sei der Titelsong ihrer 2016 erschienen Debüt-EP ans Hörerherz gelegt:

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: The Lion and the Wolf – „Symptoms“


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„Es ist nicht leicht, heutzutage für irgendetwas Aufmerksamkeit zu bekommen. Alles ist voller Müll. Zweifelhafte Jugendliche mit zweifelhaften Inhalten erreichen über YouTube & Co. in wenigen Sekunden hunderttausende Menschen und drehen ihnen Schwachsinn an. Deine Timelines sind täglich voll mit dem nächstem Hype-Act, von dem man zwei Monate nach der Album-Veröffentlichung nie wieder etwas hört. Deine Freunde nehmen ironisch an Quatsch-Veranstaltungen teil, dein Streaming-Account schlägt dir immer nur die Bands vor, die dir eh seit Wochen per targeted-sponsored-Post um die Ohren gehauen werden.“

Weise einleitende Worte, die sein deutsches Label Grand Hotel van Cleef da im Vorstellungstext für Tom George wählt. Worte, die man so – oder zumindest so ähnlich – auch hier auf diesem bescheidenen Blog bereits dutzende Male gelesen haben dürfte. Weil sie nur allzu wahr sind…

Andererseits: Wenn sich selbst da kaum ein Alleinstellungsmerkmal ergibt – wo dann, bitte? Immerhin kann einer wie der bärtige Brite, der einst seinen Job schmiss und die heimatliche Abgeschiedenheit der Isle Of Wight verließ, um sein Glück im quirligen London zu suchen, sich nicht eben blank auf seine Abrissbirne schwingen, um seiner Musik zu mehr Publicity zu verhelfen. Und auch (Voll)Bart tragende Akustikgitarren-Troubadoure gibt es im Zweifel wie Sand am Bon-Iver-Strand… Was also macht The Lion and the Wolf aus?

R-9268908-1477685364-7524Nun, der Großteil der Songs der bisherigen beiden Alben „Symptoms“ (2014 noch im Alleingang fertiggestellt und vertrieben) und „The Cardiac Hotel“ (zwei Jahre darauf beim Grand Hotel van Cleef erschienen) überzeugt mit (s)einer fast schon sakralen Schlichtheit, die auf dem Debütalbum kaum mehr benötigt als die bereits erwähnte Akustikgitarre, während sich ab und an mal ein Klavier, eine zweite, weibliche Stimme oder Streicher ins Klangbild schieben – man ist bei so viel fragiler Folk-Melancholie nahe dran, dem Briten einen Gig in der nächsttollsten Kirche zu organisieren…

Und auch die Tatsache, dass sich Tom George beim zweiten Album „The Cardiac Hotel“ etwas Bandunterstützung (bis hin zu Bläsern) gesucht hat, um seinen Stücken ein klein wenig mehr Zug und Indiepop-Appeal zu verleihen, wird an den Vergleichen, welche von allseits beliebten wie unvermeidlichen Singer/Songwriter-Paten wie Bon Iver, William Fitzsimmons oder Elliott Smith bis hin zu Jeff Buckley (hallende E-Gitarren!), Bright Eyes, Get Well Soon (die opulenteren Momente) oder Death Cab For Cutie (das charmant-ungenierte „I Will Follow You Into The Dark“-Ripoff im Song „The Pinching Point“ – es entbehrt kaum einer gewissen Selbstironie, dass George ebenjenes DCfC-Stück bei derselben Live Session auch gleich noch gecovert hat) reichen, wenig ändern. Warum auch? Tom George schreibt Songs, deren Geschichten (etwa die über die Krankheit seines Vaters in „My Father’s Eyes„) sich ebenso wenig aufdrängen wie die Melodien. Man muss schon genau(er) hinhören, sich Zeit nehmen und sich auf Georges Stücke einlassen. Wer genau das jedoch tut, wird belohnt. Dafür stehen wohl auch die Indie-Damen und Herren vom Grand Hotel van Cleef mit ihrem guten Label-Namen…

 

Das Debütalbum von The Lion and the Wolf findet man via Bandcamp im Stream sowie – auf Wunsch – als „Name your price“-Download fürs heimische Abspielgerät:

 

Und das neuste, vor wenigen Tagen veröffentlichte Stück von The Lion and the Wolf hat sich die weiter oben geäußerte Kopfkino-Idee vom Kirchen-Gastspiel wohl zu Herzen genommen und – mit etwas sakralem Hall und viel Gospel-Feeling in der Hinterhand – festgestellt: „The Church Never Sleeps“…

 

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


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Und auch das soll keineswegs in Vergessenheit geraten: Am 29. Mai 1997 ging Jeffrey Scott Buckley im Wolf River unweit von Memphis, Tennessee schwimmen, wurde vom Wasser und der Dunkelheit verschluckt, und tauchte nie mehr lebend auf. Im Radio lief „Whole Lotta Love“ von Led Zeppelin, und die (Musik)Welt hatte eine weitere große Stimme verloren (viel zu früh, wie so oft), war jedoch um eine ihrer nicht wenigen Legenden reicher… Tragischere Geschichten als die von Jeff und Tim Buckley kann sich selbst Hollywood kaum ausdenken.

 

 

(Hier schrieb ANEWFRIEND bereits über den 20. Jahrestag von Jeff Buckleys erstem und einzigem zu Lebzeiten veröffentlichten Album „Grace„, und hier ein paar Zeilen zum 16. Todestag im Jahr 2013. Auch gut: dieser Artikel auf spiegel.de über Jeff Buckley. Für alles Weitere sei auf David Brownes Biografie „Dream Brother: The Lives and Music of Jeff and Tim Buckley“ verwiesen…)

 

Rock and Roll.

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Der erleuchtete Ladies Man – Leonard Cohen ist tot.


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Wie bei so vielen anderen großen Musikern und Bands auch – ich denke da an die Beatles und Stones, an Queen, Procol Harum oder Pink Floyd –  machte mich mein Vater mit der Musik von Leonard Cohen vertraut. Als ich etwa 15 Jahre alt war, zeigte mir mein Vater – nicht ohne sichtlichen Stolz – seine LP-Ausgabe der ersten, 1975 erschienenen „The Best Of Leonard Cohen„-Zusammenstellung (welche 2009 – um einige wichtige Songs erweitert – als „Greatest Hits“ noch einmal neu veröffentlicht wurde). Nichts Besonderes eigentlich? Nun, mit dem Wissen, dass mein Vater seine komplette Jugend in der DDR verbrachte, in der es bekanntlich mindestens schwierig und meistens ein ebenso kostspieliges wie dezent riskantes Vabanquespiel war, an Platten von Künstlern jenseits der Deutschland in Ost und West, in Sozialismus und Kapitalismus teilenden Mauer zu kommen, war sein Stolz nicht ganz unangebracht. Er spielte mir also Cohens Stücke wie „Suzanne„, „So Long, Marianne„, „Bird On A Wire“ oder „Chelsea Hotel #2“ vor. Und ich? Verstand nichts von seiner Faszination für diese Songs, diese Stimme und Texte. Man muss bedenken, dass der Rezipient ein Teenager war, der zu dieser Zeit eher auf Lautstarkes wie Metallica, KoRn oder Marilyn Manson geeicht war. Einer, der gerade erst begann, die Größe und Ewigkeit der Alben von Pearl Jam für sich zu erschließen. Einer, dem bereits vorher schon die Wirkung von Pink Floyds Meilenstein „The Wall“ unerschlossen geblieben war (was sich freilich bis heute längst geändert hat). Einer, der auch das große Drama all der gar nicht oft genug zu lobenden Springsteen-Stücke noch nicht ganz verstanden hatte, haben konnte (auch das heute ganz anders). Einzig meine Selbsteinschätzung war damals bereits zu einhundert Prozent korrekt: „Dafür bin ich wohl noch zu jung. Ich denke, dass ich das in einigen Jahren besser begreifen und einschätzen kann.“ Was sollte ein Adoleszent auch wissen über jene mit viel Feingefühl und Poesie niedergeschriebene Dramatik, welche beinahe allen Songs von Leonard Cohen innewohnte? Von all der Dunkelheit und all dem Schmerz, all der Sehnsucht, Liebe, Verzweiflung und gerade deshalb so großen Lebensfreude, von der der große kanadische Musiker da sang? Eben: sehr, sehr wenig.

Geboren wurde Leonard Norman Cohen am 21. September 1934 als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie in der ostkanadischen Stadt Montreal. Schon als Kind lernte er Gitarre spielen und hatte bald erste Auftritte in Cafés und Klubs, aber die Musik sollte für ihn lange Zeit Nebensache bleiben. Cohen wollte schreiben, Gedichte und später auch Romane. In den frühen Sechzigerjahren zog er sich dafür zeitweise völlig auf die griechische Insel Hydra zurück. Viele seiner zwischen 1956 und 2006 erschienenen Buchveröffentlichungen wurden von Kritikern gefeiert. 2011 bekam er etwa den spanischen Prinz-von-Asturien-Preis für Literatur.

Im Zuge des – auch und gerade durch Künstler wie Bob Dylan – aufblühenden Singer/Songwriter-Genres rieten ihm Freude dazu, seine oft düsteren Texte zu vertonen. Im Dezember 1967 veröffentlichte Cohen sein erstes Album, „Songs Of Leonard Cohen„. Auf seinen ersten Hit in den Billboard Charts musste er allerdings bis 1988 – da war Cohen bereits stolze 54 Jahre alt – warten: ausgerechnet seines achtes, stark vom Synthpop der Achtziger durchzogenes Studioalbum „I’m Your Man„, das Songs wie „First We Take Manhattan“, „Everybody Knows“ oder „Take This Waltz“ enthielt, brachte ihm endlich die verdiente Aufmerksamkeit ein (sowie eine Nummer-1-Platzierung in den norwegischen Albumcharts – ausgerechnet in dem skandinavischen Land war er stets am besten platziert).

Seinen bekanntesten und vielleicht wirkungsvollsten Song hatte Cohen jedoch bereits 1985 abgeliefert: „Hallelujah“ vom Album „Various Positions“ wurde zur inoffiziellen Cohen-Hymne weltweit. Ein rekordverdächtig oft – und deshalb leider nicht immer mit der nötigen Würde und Anstand – gecovertes Meisterwerk, welches auch Künstler wie Jeff Buckley oder Rufus Wainwright unsterblich machte, und betörend in seiner schlichten Würde. Außerdem darf das Stück als programmatisch für den kanadischen Troubadour gelten, denn genau wie „Hallelujah“ erzählen auch Cohens andere spirituell-melancholische Stücke von verlorener Liebe und Leid, von Todessehnsucht und Gottessuche.

Mitte der Neunzigerjahre zog sich Cohen in ein buddhistisches Kloster bei Los Angeles, seiner neuen Wahlheimat, zurück. Von den Mönchen erhielt er den Namen Jikan, was übersetzt etwa „der Ruhige“ bedeutet. Dort blieb Cohen bis 1999, danach widmete sich der scheinbar ganz bei sich Angekommene wieder der Musik. 2008 wurde er in die „Rock And Roll Hall Of Fame“ aufgenommen, in den folgenden Jahren tourte er um die Welt, gab auch im hohen Alter noch dreistündige Konzerte.

Cohen hatte – auch das nicht unüblich für einen Kreativen – eigenen Angaben zufolge zeitlebens mit Depressionen zu kämpfen. „Wenn ich von Depressionen spreche, spreche ich von klinischen Depressionen, die der Hintergrund meines ganzen Lebens sind, ein Hintergrund voller Angst und Beklemmung, einem Gefühl, dass nichts richtig läuft, dass Zufriedenheit nicht möglich ist und alle Strategien in sich zusammenfallen“, sagte er einmal dem „Guardian“.

Das letzte große Interview gab Cohen, der im Juli diesen Jahres den Verlust seiner großen Muse Marianne Ihlen zu betrauern hatte, im vergangenen Monat dem Magazin „The New Yorker„. „Ich bin bereit zu sterben. Ich hoffe nur, es wird nicht zu ungemütlich. Das ist es dann auch schon für mich“, hatte er dabei unter anderem gesagt. Doch ganz so lebensmüde wollte Cohen dann doch nicht verstanden werden. „Das war übertrieben“, sagte er wenig später in Los Angeles bei einer Listening-Session seines neuen, vierzehnten Albums „You Want It Darker„, welches erst vor wenigen Tagen, am 21. Oktober, erschien. Er beabsichtige, ewig zu leben, sagte Cohen. 120 wolle er werden, mindestens. Und auch das war wohl nur eine seiner Überhöhungen, denn freilich ahnte er, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleiben würde. Zum Glück hat uns Mr. Cohen mit „You Want It Darker“ noch einmal ein großes Album von dunkler Schönheit geschenkt.

Wie vor wenigen Stunden bekannt wurde, starb Leonard Cohen, der zeitlebens als wandelndes Mysterium aus spirituell Erleuchtetem und Frauenheld galt, bereits am 7. November im Alter von 82 Jahren in seinem Zuhause in Los Angeles. Und obwohl sowohl er als auch viele seiner Fans und Zuhörer sein Ende kommen sahen, macht der Tod „eines der bedeutendsten Songschreiber unserer Zeit“ (New York Times) dieses – zumindest was die Verlustrate großer Künstler und Stimmen betrifft – beschissene Musikjahr 2016 noch ein großes Stück beschissener.

Mach’s gut, Mr. Cohen, du griechisches Fabelwesen, du die Frauenherzen im stillen Sturm erobernder von Buddha Erleuchteter. Auch wenn ich auch mit Mitte Dreißig nur einen Bruchteil von jener Tiefe deiner Stücke (welche ich mittlerweile sehr zu schätzen weiß) verstehe, werden mich Songs wie „Famous Blue Raincoat“ (mein liebstes, wenn auch vor allem in der Covervariante von Tori Amos) auf ewig zu Tränen rühren und in kalten Tagen begleiten. Danke dafür.

  

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Billie Holiday – „Strange Fruit“


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Die Ursprünge des Liedes „Strange Fruit“ reichen mehr als 70 Jahre in die Vergangenheit, aufgrund der aktuellen Vorkommnisse in den USA – den anhaltenden Protesten in mehreren Teilen des Landes nach dem Freispruch des (weißen) Polizisten, der im August diesen Jahres in Ferguson, Missouri den unbewaffneten Teenager Michael Brown niedergeschossen hatte – gewinnt das Stück jedoch eine nahezu gespenstisch zeitlose Brisanz. Und die Tatsache, dass es sich bei dem tragischen Fall von Michael Brown eben um keinen Einzelfall, bei dem ein schießwütiger, (wohlmöglich) rassistisch motivierter weißer Polizist einen vermeintlich kriminell-gefährlichen Schwarzen niederschießt, handelt, zeigen Fälle wie der von Eric Garner vom Juli 2014 oder das jüngste traurige Beispiel aus Phoenix, Arizona. Auch 50 Jahre nach dem offiziellen Ende der Rassentrennung in den USA (durch den „Civil Rights Act“ von 1964) ist die Gleichstellung zwar schwarz auf weiß in den Gesetzespapieren verbrieft, jedoch noch längst nicht in den Köpfen so einiger Bürger des „land of the free and home of the brave“ angekommen. The times they aren’t a-changin’…

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Dass erwähntes Lied – „Strange Fruit“ – auch ohne seine traurige Zeitlosigkeit so einiges an Geschichtsträchtigkeit per se in sich trägt, zeigt dessen Entstehungsgeschichte. Geschrieben von Abel Meeropol, einem russisch-jüdischen, linksintellektuellen Lehrer aus der Bronx, der kurz zuvor ein Foto der Lynchmorde an den beiden Schwarzen Thomas Shipp und Abram Smith in den Südstaaten der USA, das ihn nach eigenen Aussagen für Tage verfolgte und nicht schlafen ließ, als Gedicht zu Musik, erlangte es nach seiner Veröffentlichung in mehreren kleineren Magazinen und Zeitungen (jedoch nicht unter Meeropols Namen, sondern unter dem Pseudonym „Lewis Allen“) bereits einiges an Aufmerksamkeit. Doch erst als Barney Josephson, der Betreiber des New Yorker „Café Society“, davon hörte und Meeropol mit der schwarzen Jazz-Sängerin Billie Holiday zusammen brachte, sollte das Stück seine eigentliche Bestimmung finden. In Josephsons Café, in dem sich damals das Who-is-Who der linken und liberalen Intellektuellen sowie der New Yorker Bohème im Greenwich Village die Klinke in die Hand gab, wurde „Strange Fruit“ im Jahr 1939 als Lied uraufgeführt und sorgte mit seinem gespenstischen Text, der ebenso bezeichnend wie anklagend von der Schwarzen Billie Holiday vorgetragen wurde, für Gänsehaut. Und tut dies noch heute…

 

„Southern trees bear strange fruit
Blood on the leaves and blood at the root
Black bodies swinging in the southern breeze
Strange fruit hanging from the poplar trees

Pastoral scene of the gallant south
The bulging eyes and the twisted mouth
Scent of magnolias, sweet and fresh
Then the sudden smell of burning flesh

Here is fruit for the crows to pluck
For the rain to gather, for the wind to suck
For the sun to rot, for the trees to drop
Here is a strange and bitter crop“

 

Dass Meeropols Biografie auch mit der des 1953 wegen Spionage verurteilten und hingerichteten US-amerikanisches Ehepaares Ethel und Julius Rosenberg verknüpft ist und ausgerechnet Holiday selbst später in ihrer Autobiografie behauptete, dass ihr das Stück nicht von Meerepol, sondern von ihrem damaligen Klavierlehrer Sonny White geschrieben worden sei, sind hierbei nur zwei von unzähligen Anekdoten rund um den Legendenstatus des Songs. Interessant auch: Ausgerechnet das „Time Magazine“, das das Lied 1939 noch als „musikalische Propaganda“ verunglimpft hatte, ernannte „Strange Fruit“ 60 Jahre darauf zum „Song des 20. Jahrhunderts“.

Über die Jahre wurde „Strange Fruit“ von allerhand namenhaften wie unbekannten und selbstberufenen Künstlern gecovert und neu interpretiert (darunter etwa Jeff Buckley, Nina Simone, Annie Lennox, Tori Amos oder Tricky, während zum Beispiel der nicht eben für Tiefstapelei bekannte Kanye West ein Sample des Songs auf seinem bislang letzten Album „Yeezus“ verwendete). Billie Holidays Interpretation bleibt jedoch auf ewig unerreicht.

 

 

Wer mehr über die Hintergründe von „Strange Fruit“ erfahren möchte, dem bietet das Internet freilich massig Quellen – etwa Wikipedia oder diese audiovisuelle Reportage auf npr.org von 2012…

 

Rock and Roll.

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Aus gegebenem Anlass…


L. Cohen

Alles Gute zum 80. Geburtstag, Leonard Cohen! Viele Worte über den am 21. September 1934 im kanadischen Montreal als Sohn eines jüdischen Textilkaufhausbesitzers und einer russischen Emigrantin geborenen Troubadour, Dichter und Schriftsteller zu verlieren, hieße wohl beinahe, lyrisch versierte Eulen nach Athen zu tragen (was wohl nicht unpassend erschiene, lebte Cohen doch einige Zeit zurückgezogen auf der griechischen Insel Hydra). Eine „Legende“ ist Leonard Norman Cohen bereits zu Lebzeiten, wurde von Kollegen wie Autoren mit Tributewerken gewürdigt und als Inspirationsquelle gelistet – völlig zu recht, denn schöner und distinguierter als er hat in populären Gefilden wohl kaum einer über Liebe und Verlust, Glück und Enttäuschung geschrieben. Allein die Tatsache, dass sein „Hallelujah“ mittlerweile zum Standardrepertoire standesamtlicher wie kirchlicher Trauungen gehört (was aufgrund der Tatsache, dass dessen Text eher auf die dunklen Seiten der Liebe blickt und viele Vermählte lediglich Jeff Buckleys Coverversion, nicht jedoch Cohens Original kennen, einer gewissen Ironie nicht entbehrt), spricht Bände… Und um allem Ungewünschtem zu entgehen, hat sich der überzeugte Buddhist und Zen-Schüler das größte Geburtstagsgeschenk gleich selbst gemacht: Pünktlich zum Achtzigsten erscheint dieser Tage sein 13. Studioalbum. Bereits der lakonische Titel bietet einen kleinen Türspalt in die Denkweisen des Dichters an: „Popular Problems„.

Cohen, Leonard - Greatest HitsAn meinen Erstkontakt mit Leonard Cohen erinnere ich mich übrigens noch heute: Mein Vater spielte mir – noch immer voller Begeisterung für das lyrische Geschick Cohens – vor etlichen Jahren seine LP der 1975 erschienenen „Greatest Hits“ vor. Ich, der ich mich damals, in meiner Teenagerzeit, wohl eher von Kapellen wie KoRn oder Metallica beschallen ließ, konnte mit den gewählten Worten, mit der ruhig und beinahe bedächtig vorgetragenen Lyrik Cohens natürlich wenig anfangen und entgegnete meinem Vater, dass ich all das wohl erst verstehen und wertschätzen könnte, wenn ich älter sei. Ich sollte Recht behalten.

 

Fragt man mich nach meinem Lieblingsstück aus dem Repertoire Cohens, so würde ich nach kurzer Bedenkzeit wohl „Famous Blue Raincoat“ (dessen Covervariante von Tori Amos übrigens ähnlich superb gelungen ist) wählen:

 

Und freilich soll am 80. Ehrentag des „Dichterfürsten“ auch „Hallelujah“ nicht fehlen (hier in einer Liveversion aus dem Jahr 2009):

 

Rock and Roll.

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